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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Siebentes Kapitel.

Eine altmodische Spielpartie. – Die Verse des Geistlichen. – Erzählung von der Rückkehr des Sträflings.

Mehrere der in dem alten Wohnzimmer versammelten Gäste standen auf, um Herrn Pickwick und seine Freunde bei ihrem Eintreten zu begrüßen, und während der Zeremonie des mit allen nötigen Formalitäten behandelten Vorstellens fand Herr Pickwick Muße, das Äußere der Anwesenden zu prüfen und Vermutungen über ihren Stand und Charakter anzustellen – eine Gewohnheit, der er, gleich manchen andern großen Männern, gern nachzuhängen pflegte.

Eine sehr alte Dame mit einer hohen Haube und in einem verblichenen seidenen Kleide – keine geringere Person als Herrn Wardles Mutter – hatte den Ehrenplatz im rechten Kaminwinkel: dort prangten verschiedene Zeugnisse, daß sie ihrem Jugendgeschmack auch im Alter treu geblieben, in der Form alter Muster, gewirkter Landschaften von gleichem Alter und rotseidener Teekesselhalter von einer neueren Periode, an den Wänden.

Die Tante, die zwei jungen Damen und Herr Wardle umdrängten den Lehnstuhl der alten Frau und wetteiferten miteinander, ihr unablässig ihre Aufmerksamkeiten zu bezeigen. Die eine hielt ihr das Hörrohr, die andere eine Pomeranze, die dritte ein Riechfläschchen, während der vierte eifrig damit beschäftigt war, die Kissen zu ordnen, in die sie sich lehnte. Gegenüber saß ein alter Herr mit kahlem Kopf und einem Gesicht, in dem sich Wohlwollen und guter Humor ausdrückten – der Geistliche von Dingley Dell – und neben ihm seine Ehehälfte, eine rüstige, blühende alte Dame, die ganz so aussah, als ob sie nicht allein die Kunst, Herzstärkungen zu anderer Leute Zufriedenheit zu bereiten, gründlich verstünde, sondern dieselben auch gelegentlich zu ihrer eigenen kostete. In einem Winkel des Zimmers sprachen ein kleiner Mann mit einem Gesicht wie ein Borstorfer Apfel und ein dicker alter Herr miteinander: und noch zwei oder drei alte Herren und noch zwei oder drei alte Damen saßen kerzengerade und regungslos auf ihren Stühlen und glotzten Herrn Pickwick und seine Reisegefährten an.

»Herr Pickwick, Mutter!« schrie Herr Wardle der alten Dame ins Ohr.

»Ah,« sagte sie, den Kopf schüttelnd, »ich kann es nicht verstehen.«

»Herr Pickwick, Großmutter!« schrien die beiden jungen Damen zugleich.

»Ah«, rief die alte Dame. »Doch es kommt auf eins heraus: er wird sich wohl um eine alte Frau, wie ich bin, wenig kümmern.«

»Ich versichere Sie, Madame,« versetzte Herr Pickwick, ihre Hand erfassend und so laut redend, daß sein menschenfreundliches Antlitz von der Anstrengung krebsrot wurde, »ich versichere Sie, Madame, daß mich nichts mehr erfreut, als der Anblick einer Dame in Ihren Jahren im Kreise einer so edlen Familie, deren Haupt sie ist, zumal wenn sie dabei noch so jugendlich und wohl aussieht.«

»Ach,« erwiderte die alte Dame nach einer kleinen Pause, »das ist gewiß alles sehr schön gesagt, aber ich kann nichts davon hören.«

»Großmutter ist gerade nicht in bester Laune«, sagte Fräulein Isabella Wardle mit leiser Stimme; »sie wird aber bald mit Ihnen sprechen.«

Herr Pickwick gab durch Nicken seine Bereitwilligkeit zu erkennen, gegen die Schwächen des Alters nachsichtig zu sein, und knüpfte mit der übrigen Gesellschaft ein allgemeines Gespräch an.

»Herrn Wardles Wohnung hat eine herrliche Lage«, sagte Herr Pickwick.

»Herrliche Lage!« wiederholten die Herren Snodgrass, Winkle und Tupman.

»Der Meinung bin ich auch«, sagte Herr Wardle.

»Es gibt kein besseres Ackerland in ganz Kent, Sir«, bemerkte der kleine Mann mit dem Borstorferapfel-Gesicht; »nein, Sir, ich kann es ganz bestimmt behaupten, Sir.«

Und darauf blickte er triumphierend umher, als ob ihm von jemand hartnäckig widersprochen worden wäre und er diesen doch zuletzt aus dem Felde geschlagen hätte.

»Es gibt kein besseres Ackerland in ganz Kent«, wiederholte er nach einer Pause.

»Ausgenommen Mullins' Meadows«, bemerkte der dicke Mann in feierlichem Tone.

»Mullins' Meadows?« rief der andere mit tiefer Verachtung.

»Allerdings, Mullins' Meadows!« wiederholte der dicke Mann,

»Sehr gutes Land das«, fiel ein zweiter dicker Mann ein.

»Ja, in der Tat sehr gutes Land«, fügte ein dritter dicker Mann hinzu.

»Wie jedermann weiß«, sagte der umfangreiche Hauswirt.

Der kleine Mann mit dem Borstorferapfel-Gesicht blickte zweifelnd umher; doch als er sah, daß er die Minderheit bildete, nahm er eine mitleidige Miene an und sagte nichts weiter.

»Wovon spricht man?« fragte die alte Dame eine ihrer Enkelinnen mit sehr lauter Stimme; denn, wie die meisten schwerhörigen Leute, war sie der Meinung, nur in dieser Weise sich vernehmlich machen zu können.

»Vom Lande, Großmutter.«

»Vom Lande? Was denn? – es ist doch nicht etwa ein Unglück vorgefallen?«

»Nein, nein: Herr Miller sagte, daß unser Land besser wäre als Mullins' Meadows.«

»Wie kann er etwas davon wissen?« erwiderte die alte Dame etwas ärgerlich. »Herr Miller ist ein eingebildeter Geck, das kannst du ihm sagen.«

Und ohne zu ahnen, daß ihr lautes Sprechen kein Flüstern gewesen, richtete sie sich in ihrem Lehnstuhl empor und warf dem Verbrecher mit dem Borstorferapfel-Gesicht giftige Blicke zu.

»O, lassen wir das!« sagte der besorgte Wirt, und versuchte, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. »Was meinen Sie zu einer Partie Whist, Herr Pickwick?«

»Ich ziehe dieses Spiel allen andern vor«, versetzte Herr Pickwick: »aber ich muß bitten, nur nicht gerade um meinetwillen.«

»O, ich versichere Sie, meine Mutter spielt es gleichfalls sehr gern«, sagte Herr Wardle; »nicht wahr, Mutter?«

Die alte Dame, die bei diesem Gegenstand weit weniger taub zu sein schien, als bei einem andern, bejahte.

»Joe, Joe!« rief der alte Herr – »Joe – der verwünschte – ach, da ist er ja! – Joe, die Spieltische!«

Der phlegmatische Jüngling stellte zwei Spieltische auf, den einen zum Pope Joan»Papst Johann«-Spiel, ein Gesellschaftsspiel. und den andern zum WhistWhist heißt eigentlich »Still!« – »Ruhig!«. Die Whistspieler waren Herr Pickwick und die alte Dame, Herr Miller und einer der dicken Herren: die übrigen setzten sich zum Gesellschaftsspiel.

Am Whisttische herrschte jene Würde und Stille, die den Namen des Spiels rechtfertigen soll. Ist es doch eigentlich ein feierliches Beginnen, dem nach unserer Meinung der unehrwürdige und herabwürdigende Name »Spiel« gar nicht beigelegt werden sollte. Bei dem Rundspiel dagegen an dem andern Tische ging es so laut und lustig her, daß Herr Miller in seiner Aufmerksamkeit gestört wurde und mehrere Fehler machte, die in so hohem Grade den Zorn des dicken Herrn erregten und in gleichem Maße die gute Laune der alten Dame weckten.

»Da!« sagte Herr Miller mit einem triumphierenden Blick, als er eben einen Trick machte, »das hätte, wie ich mir schmeichle, gar nicht besser gespielt werden können – es war nicht möglich, noch einen Trick mehr zu machen.«

»Miller hätte den Buben stechen sollen, nicht wahr, Sir?« sagte die alte Dame.

Herr Pickwick nickte bejahend.

»Hätte ich sollen?« fragte der Unglückliche mit einem triumphierenden Blick auf seinen Mitspieler.

»Allerdings hätten Sie sollen, Sir!« sagte der dicke Herr in zurechtweisendem Tone.

»Ich bedaure sehr«, erwiderte der gedemütigte Miller.

»Bin es bei Ihnen schon gewohnt«, brummte der dicke Herr.

»Zwei Honneurs – machen uns acht –«, sagte Herr Pickwick.

»Können Sie den Trick machen?« fragte die alte Dame.

»Jawohl«, versetzte Herr Pickwick. »Double, simple – und den Rubber!«

»Solches Glück ist mir noch nicht vorgekommen!« rief Herr Miller.

»Und mir sind nie so schlechte Karten in die Hände gekommen«, meinte der dicke Herr.

Es folgte feierliches Schweigen: Herr Pickwick zeigte gute Laune, die alte Dame Ernst, der dicke Mann Verdruß, und Herr Miller Verlegenheit.

»Ein zweiter Double«, rief die Dame aus, und bezeichnete diese Tatsache triumphierend damit, daß sie einen Sixpence und einen abgenutzten halben Penny unter den Leuchter legte.

»Ein Double, Sir«, sagte Herr Pickwick.

»Habe es schon gesehen«, erwiderte der dicke Herr in scharfem Tone.

Ein zweites Spiel hatte denselben Mißerfolg durch ein Versehen Millers, worüber der dicke Herr ganz außer sich geriet. Er konnte seine Wut über das ganze Spiel nicht mehr unterdrücken. Nach Schluß der Partie zog er sich für eine ganze Stunde und siebenundzwanzig Minuten nach einem Winkel zurück, wo er seinen Ärger stumm austoben ließ. Endlich kam er wieder aus seinem Schmollwinkel hervor und bot Herrn Pickwick eine Prise an mit der Miene eines Mannes, der es über sich gewonnen hatte, das erlittene Unrecht mit dem Mantel der christlichen Liebe zu bedecken. Das Gehör der alten Dame hatte sich indessen merklich gebessert, und der unglückliche Miller fühlte sich so ganz außer seinem Element, wie ein Delphin in einem Schilderhaus.

Mittlerweile nahm das Gesellschaftsspiel am andern Tische desto munterer seinen Fortgang. Miß Isabelle Wardle und Herr Trundle wurden Kompagnons: desgleichen Emilie und Herr Snodgrass, und selbst Herr Tupman und die alte Tante fanden sich zusammen. Der alte Wardle war in seiner besten Laune und handhabte die Tafel so spaßhaft, und die Damen strichen ihren Gewinn so eilig ein, daß an dem Tisch fortwährend ein schallendes Gelächter herrschte. Eine alte Dame hatte stets ein halbes Dutzend Karten zu bezahlen, worüber jedesmal alles lachte, und sah sie dabei verdrießlich aus, so wurde nur noch lauter gelacht. Wenn sie es merkte, so heiterte sich ihre Miene allmählich auf, und sie lachte noch lauter als alle übrigen. Bekam die Tante »Ehestand«, so kicherten die jungen Damen von neuem, und die Tante schien dann empfindlich werden zu wollen, bis sie Herrn Tupmans Händedruck unter dem Tische fühlte und eine heitere Miene annahm, als ob sie sagen wollte, daß sie wohl nicht so gar ferne vom Ehestand wäre, als vielleicht manche Leute meinen möchten. Dann lachten alle, und besonders Herr Wardle, der, wo es einen Spaß galt, so heiter wie der jüngste war, abermals. Herr Snodgrass flüsterte Emilien fortwährend poetische Phrasen ins Ohr, und das veranlaßte einen alten Herrn zu vielen Bemerkungen und Anspielungen auf Kompagniegeschäfte im Spiel und Leben, worüber die Gesellschaft aufs neue in ein herzliches Gelächter ausbrach, namentlich die Ehehälfte des alten Herrn. Auch Herr Winkle tat sich in Witzen hervor, die in der Stadt abgedroschen, aber auf dem Lande noch unbekannt waren, und da alle darüber lachten und sie ganz köstlich fanden, so tat er sich viel darauf zugute. Der wohlwollende Geistliche sah heiter zu, denn die vielen glücklichen Gesichter, die er an dem Tische sah, erwärmten das Herz des guten alten Mannes. Wenn auch die Lust etwas lärmend war, so kam sie doch aus dem Herzen, nicht bloß von den Lippen, und darin besteht doch eigentlich die wahre Heiterkeit.

Bei dieser fröhlichen Unterhaltung verstrich der Abend sehr schnell, und als die Gesellschaft nach dem zwar ländlichen, aber schmackhaften Abendessen einen Halbkreis am Kamin bildete, war es Herrn Pickwick, als hätte er sich in seinem ganzen Leben nicht so glücklich und so geneigt gefühlt, den Zauber des Augenblicks in so vollen Zügen zu genießen.

»Gerade so,« sagte der gastliche Wirt, der neben dem Lehnstuhl der alten Dame saß und ihre Hand in der seinigen hielt – »gerade so habe ich es gern. Die glücklichen Augenblicke meines Lebens entschwanden mir an diesem Kamine, und ich liebe ihn darum so sehr, daß ich jeden Abend Feuer machen lasse, bis man es vor Hitze fast nicht mehr aushalten kann. Meine gute alte Mutter freute sich schon auf jenem kleinen Stuhl dieses Kamins, als sie noch ein Kind war – nicht wahr, Mutter?«

Die Träne, die unwillkürlich bei der Erinnerung an vergangene Zeiten und das Glück früherer Jahre das Auge schimmern machte, glitt über die Wange der alten Dame, als sie mit melancholischem Lächeln den Kopf schüttelte.

»Sie müssen mir mein Schwatzen über diesen alten Ort zugute halten, Herr Pickwick«, hob der Wirt nach einer kleinen Pause wieder an: »aber ich liebe dergleichen und kenne fast keine andere. Die alten Gebäude und Felder sind mir wie lebende Freunde, und so auch unsere kleine Kirche mit dem Efeu, den, beiläufig bemerkt, unser vortrefflicher Freund hier bei dem Antritt seiner Stelle durch ein Gedicht verherrlichte. – Herr Snodgrass, haben Sie etwas in Ihrem Glas?«

»Es ist noch voll, ich danke«, erwiderte der Gentleman, dessen poetische Neugier durch die letzte Bemerkung des Sprechers im höchsten Grade rege gemacht worden war. »Ich bitte um Verzeihung, Sie erwähnten da ein Gedicht über den Efeu?«

»Sie müssen sich deshalb an unsern, Ihnen gegenübersitzenden Freund wenden«, sagte der Wirt, indem er mit einer leichten Verbeugung auf den Geistlichen deutete.

»Dürfte ich Sie wohl um die Mitteilung desselben bitten?« sagte Herr Snodgrass.

»Ach, es ist nicht viel daran,« versetzte der Geistliche, »und ich kann die Abfassung nur damit entschuldigen, daß ich, als ich es dichtete, noch Jüngling war. Doch wenn Sie es wünschen, so sollen Sie es hören: ich muß aber um Nachsicht bitten.«

Auf diese Worte folgte ein neugieriges Gemurmel, und nun begann der alte Herr mit einiger Hilfe seiner Frau die betreffenden Verse zu rezitieren. »Ich habe sie betitelt«, sagte er:

                   »Der Efeu.«

»Ein köstlich Gewächs ist der Efeu grün,
Der das alte Gemäuer umspannt.
Ein leckeres Mahl ist bereitet für ihn
An der kalten, einsamen Wand.
Er höhlt die Mauer, durchwühlt den Stein,
Der verzehrenden Gier nur bedacht.
Welch herrliches Mahl der Staub muß sein,
Den Jahrhunderte ihm vermacht!
      Wo kein Leben mehr will erblühn,
      Blüht noch der alte Efeu grün.

Fest klammert er sich auch ohne Arm,
Hat ein kräftiges altes Herz;
Er ranket sich und schmiegt sich warm
An die Freundin, die Eiche, himmelwärts;
Und er, der leise am Boden kriecht,
Ihn überwölbend still mit Laub,
Wo er sich um die Gräber schmiegt,
Sich nährend von moderndem Staub,
      Wo der grimmige Tod erschien,
      Blüht noch der alte Efeu grün.

Wenn Menschenalter der Tod entführt,
Wenn Völker mit ihren Werken verblühn,
Der alte Efeu nimmer verliert
Sein saftig lebendiges Grün.
In seinen einsamen Tagen lebt
Unsterblich er von der Vergangenheit;
Der stolzeste Bau, den der Mensch erhebt,
Ist ihm endlich zur Speise geweiht.
      Wo die Zeit schon gekommen hin,
      Blüht noch der alte Efeu grün.«

Während der alte Herr diese Verse nochmals wiederholte, um es Herrn Snodgrass zu ermöglichen, sie zu notieren, betrachtete Herr Pickwick die Gesichtszüge des Geistlichen mit großem Interesse, und als der alte Herr mit Diktieren fertig war und Herr Snodgrass sein Notizbuch in die Tasche gesteckt hatte, begann das würdige Pickwickier-Haupt:

»Sie entschuldigen, Sir, daß ich mir nach einer so kurzen Bekanntschaft eine Bemerkung erlaube. Ich sollte meinen, ein Mann wie Sie müßte während seiner Amtsführung als Diener des Evangeliums so manche der Mitteilung werte Szenen und Ereignisse erlebt haben.«

»Allerdings erlebte ich schon vieles«, erwiderte der Geistliche; »aber die meisten Ereignisse und Charaktere, die mir vorkamen, waren bei meinem beschränkten Wirkungskreise nur gewöhnlicher Art.«

»Ich nehme indessen an, Sie haben sich einiges über John Edmunds aufgezeichnet, nicht wahr?« fragte Herr Wardle, der ihn im Interesse seiner neuen Gäste zum Erzählen anzuregen suchte.

Der alte Herr nickte bejahend, wollte jedoch dem Gespräch eine andere Wendung geben, als Herr Pickwick sagte:

»Um Vergebung, Sir, wenn ich fragen darf, wer war denn dieser John Edmunds?«

»Ja, das wollte ich eben auch fragen«, fiel Herr Snodgrass rasch ein.

»Sie verstehen sich ja auf solche Dinge«, sagte der aufgeräumte Wirt. »Und es hilft Ihnen nichts, Sie müssen die Neugier dieser Herren früher oder später doch einmal befriedigen. Das Beste wäre, wenn Sie der jetzigen Aufforderung Gehör gäben und es gleich täten.«

Der alte Herr lächelte gutmütig und rückte seinen Stuhl weiter vor. Die übrige Gesellschaft setzte sich enger zusammen, besonders Herr Tupman und die Jungfertante, die etwas schwerhörig sein mochte, und nachdem der alten Dame das Hörrohr an das Ohr gesetzt, und Herr Miller, der während der Rezitation der Verse in Schlaf gefallen, durch ein anregendes Kneipen unter dem Tische von seiten seines Ausspielgefährten, des feierlichen dicken Mannes, aufgeweckt worden war, begann der Geistliche ohne weitere Vorrede folgende Erzählung, die wir uns zu betiteln erlauben:

»Die Rückkehr des Sträflings.«

»Als ich mich – es sind jetzt bereits fünfundzwanzig Jahre – hier in diesem Dorfe niederließ, war ein Pächter, Namens Edmunds, das verrufenste Individuum in meinem Kirchspiel. Er war ein mürrischer, bösartiger Mann, träge und Ausschweifungen ergeben, dabei wild und grausam von Gemüt. Mit Ausnahme weniger liederlicher Gesellen, mit denen er herumzustreichen und sich in den Bier- und Branntweinschenken zu betrinken pflegte, hatte er keinen einzigen Freund oder Bekannten. Niemand mochte gern mit dem Manne verkehren, den viele fürchteten. Alle aber verabscheuten ihn, und so ward er denn von jedermann gemieden.

Dieser Mann hatte ein Weib und einen Sohn, der zur Zeit, wo ich hierher kam, etwa zwölf Jahre alt sein mochte. Von den Leiden jener Frau, von der Sanftmut und Geduld, mit der sie diese ertrug, von den Kämpfen und Sorgen, unter denen sie den Knaben erzog, kann man sich schwer einen Begriff machen. Der Himmel mag es mir verzeihen, wenn ich dem Manne unrecht tue, aber ich bin fest davon überzeugt, daß er es viele Jahre hindurch geflissentlich darauf anlegte, sein Weib durch Kummer unter die Erde zu bringen. Sie ertrug jedoch alles geduldig um ihres Kindes, und wie unglaublich das auch vielen vorkommen mag, um seines Vaters willen. So roh er nämlich auch war, und so grausam er mit ihr umging, sie hatte ihn doch einst geliebt, und die Erinnerung an das, was er ihr gewesen, erweckte Gefühle der Nachsicht und Sanftmut in ihrem Herzen, wie man sie unter allen Geschöpfen Gottes bloß beim Weibe findet.

Sie waren arm – wie hätte es auch anders sein können, wo der Mann auf solchen Pfaden wandelte? Doch der unablässige und angestrengte Fleiß der Frau wendete gänzlichen Mangel ab. Freilich wurden ihr diese Anstrengungen schlecht vergolten. Leute, die noch spät in der Nacht an ihrer Wohnung vorbeigingen, erzählten, sie hätten das Wehklagen und Jammern einer Frau und den Schall von Schlägen gehört; und mehr als einmal hatte der Knabe lange nach Mitternacht noch an einem Nachbarhause geklopft, um sich vor der Wut seines betrunkenen, unnatürlichen Vaters zu retten.

Während dieser ganzen Zeit besuchte die arme Frau, die die Spuren der üblen Behandlung nicht immer ganz verbergen konnte, regelmäßig unsere kleine Kirche. Jeden Sonntag, im Früh- und Nachmittagsgottesdienst, saß sie mit ihrem Knaben an derselben Stelle: und obgleich beide nur ärmlich – und zwar noch ärmlicher, als viele ihrer noch bedürftigeren Nachbarn – gekleidet waren, so war ihr Anzug doch immer sauber. Jedermann hatte einen freundlichen Gruß und ein tröstendes Wort für die arme Frau. Wenn sie bisweilen nach dem Gottesdienste unter den Ulmenbäumen vor der Kirche stehen blieb, um ein paar Worte mit einer Nachbarin zu wechseln, oder mit all dem Stolz und all der Liebe einer Mutter ihrem blühenden Knaben zuzuschauen, wie er sich mit seinen kleinen Gespielen herumtummelte, dann röteten freudige Empfindungen ihr von Sorgen gebleichtes Gesicht, und sie sah, wenn auch nicht froh und glücklich, doch ruhig und zufrieden aus.

So verstrichen fünf bis sechs Jahre, und der Knabe war zu einem starken, wohlgebauten Jünglinge herangewachsen. Die Zeit, die den zarten Gliederbau des Kindes zu männlicher Kraft reifte, hatte die Gestalt der Mutter gebeugt und ihre Schritte wankend gemacht: aber der Arm, der sie hatte stützen sollen, ergriff nicht mehr den ihrigen: das Antlitz, das sie hätte erheitern sollen, war ihrem Anblick entzogen. Sie behauptete ihren Platz in der Kirche, aber die Stelle neben ihr war leer. Sie hielt die Bibel so andächtig wie immer in der Hand, aber es war niemand da, sie mit ihr zu lesen, und schwere Tränentropfen fielen auf das Buch, so daß ihr die heiligen Worte vor den Augen verschwammen. Die Nachbarn waren gegen sie noch ebenso freundlich wie vorher, aber sie vermied ihre Grüße mit abgewandtem Gesicht. Sie weilte nicht mehr zögernd unter den Ulmenbäumen – kein süßer Vorgenuß künftigen Glücks war übriggeblieben. Die verlassene Frau zog den Strohhut tiefer ins Gesicht und ging eilenden Schrittes von dannen.

Muß ich erst sagen, daß der junge Mensch bei dem Rückblick auf die Tage seiner frühesten Kindheit sich an nichts erinnern konnte, was nicht auf irgendeine Weise mit einer langen Reihe von freiwilligen Entbehrungen, die sich seine Mutter um seinetwillen auferlegte, von Kränkungen und Leiden, die sie für ihn ertragen hatte, zusammenhing? Muß ich sagen, daß er sich mit gefühlloser Gleichgültigkeit gegen ihren grenzenlosen Kummer und ihre zärtliche Mutterliebe in verstockter Vergessenheit all dessen, was sie für ihn erduldet, einer Rotte von nichtswürdigen, verworfenen Menschen anschloß, daß er in tollem Übermut eine verderbliche Bahn betrat, die ihm den Tod und der Mutter Schande bereiten mußte? Ach, was ist es um die Natur des Menschen! Ihr habt es wohl schon lange erraten.

Das Maß des Elends der unglücklichen Frau sollte sich bald erfüllen. Zahlreiche Untaten waren in der Umgegend begangen worden. Da jedoch die Verbrecher unentdeckt blieben, so trieben sie ihr Unwesen nur um so dreister. Endlich veranlaßte eine mit beispielloser Frechheit verübte Räuberei eine ungewöhnlich strenge Nachforschung, die man nicht vermutet hatte. Es fiel Verdacht auf den jungen Edmunds und seine drei Spießgesellen. Er wurde verhaftet – vor Gericht gestellt – für schuldig erkannt – und zum Tode verurteilt.

Der wilde, durchdringende Schrei einer weiblichen Stimme, der durch den Gerichtssaal tönte, als der feierliche Spruch gefällt wurde, klingt noch in meinen Ohren. Er füllte das Herz des Verbrechers, auf den das Verhör, die Verurteilung, das Nahen des Todes keinen Eindruck machte, mit Schrecken. Die Lippen, die bisher starrköpfiger Trotz verschlossen hatte, bebten und öffneten sich unwillkürlich; das Gesicht nahm eine erdfahle Farbe an, als der kalte Schweiß aus allen Poren drang. Die derben Glieder des Verbrechers zitterten, und er wankte in den Kerker zurück.

In den ersten Ausbrüchen ihrer Seelenangst warf sich die leidende Mutter zu meinen Füßen auf die Knie und flehte inbrünstig zum Allmächtigen, der ihr bisher in all ihrem Trübsal beigestanden, sie von einer Welt voll Elend und Jammer zu erlösen und das Leben ihres einzigen Kindes zu schonen. Darauf folgte ein Ausbruch des Schmerzes und ein Kampf, wie ich ihn in meinem Leben nicht mehr zu erleben hoffe. Ich sah, daß ihr Herz in dieser Stunde für immer brach, aber niemals trat wieder eine Klage oder ein Murren über ihre Lippen.

Es war ein trauriger Anblick, das Weib Tag für Tag in den Gefängnishof gehen zu sehen, um das harte Herz des verstockten Sohnes mit den heißen Bitten der Mutterliebe zu erweichen. Sie mühte sich umsonst. Er blieb verschlossen, starrköpfig und ungerührt. Nicht einmal die unvorhergesehene Verwandlung seiner Todesstrafe in vierzehnjährige Strafverschickung konnte seinen Starrsinn auch nur auf einige Augenblicke beugen.

Aber der Geist der Ergebung und Standhaftigkeit, der sie so lange aufrechterhalten hatte, vermochte der körperlichen Schwäche und Entkräftung nicht mehr zu widerstehen. Sie fiel krank darnieder. Noch einmal wollte sie ihren Sohn besuchen und wankte mit ihren zitternden Gliedern aus dem Zimmer, aber die Kräfte verließen sie und sie sank ohnmächtig zu Boden.

Jetzt wurde der Gleichmut des jungen Mannes, womit er geprahlt hatte, wirklich auf die Probe gestellt, und die Vergeltung, die über ihn kam, war von der Art, daß sie ihn beinahe wahnsinnig machte. Ein Tag verfloß, und seine Mutter war nicht da; ein anderer ging vorüber, und sie kam nicht zu ihm. Der dritte Abend verging, und noch hatte er sie nicht gesehen, und in vierundzwanzig Stunden sollte er von ihr getrennt werden – vielleicht auf immer.

Wie tauchten die langvergessenen Erinnerungen an die früheren Tage in seinem Geiste auf, wenn er im schmalen Hofe seines Gefängnisses auf und ab schritt, als müßte seine Eile die ersehnten Nachrichten um so schneller herbeilocken – und wie bitter war das Gefühl seiner hilflosen Lage und Verlassenheit, das in ihm aufstieg, als er die Wahrheit vernahm! Seine Mutter, die einzige Verwandte, die er je gekannt hatte, lag krank darnieder – vielleicht in den letzten Zügen –, kaum eine Viertelstunde von ihm entfernt. Wäre er frei und fessellos, in wenigen Minuten stünde er an ihrer Seite. Er ging ans Gitter und rüttelte an den Eisenstäben mit der Kraft der Verzweiflung, bis sie erklirrten, und stemmte sich gegen die dicke Mauer, als müßte er durch das Gestein dringen; aber das Gebäude spottete seiner schwachen Anstrengungen. Er schlug die Hände zusammen und weinte wie ein Kind.

Ich brachte dem Sohne die Verzeihung und den Segen der Mutter in das Gefängnis, und der Kranken seine feierliche Versicherung der Reue und seine flehentliche Bitte um Vergebung vor das Sterbebett. Ich hörte mit innigem Mitleiden den Reuigen tausend Pläne entwerfen, wie er seine Mutter unterstützen wollte, wenn er zurückgekehrt wäre; aber ich wußte, daß seine Mutter schon lange aus der Welt geschieden sein würde, wenn er den Ort seiner Bestimmung erreicht hätte.

Er wurde bei Nacht weggebracht. Wenige Wochen nachher schwang sich die Seele des Weibes, wie ich zuversichtlich hoffe und glaube, zu den Stätten der ewigen Seligkeit und Ruhe empor. Ich hielt den Totengottesdienst. Sie liegt auf unserm kleinen Kirchhof. Kein Stein erhebt sich über ihrem Grabe. Ihre Leiden waren den Menschen, ihre Tugenden Gott bekannt.

Es war vor der Strafverschickung des Unglücklichen ausgemacht worden, daß er unter meiner Adresse an seine Mutter schreiben sollte, sobald er die Erlaubnis dazu erhalten würde. Der Vater hatte sich von dem Augenblicke der Verhaftung an bestimmt geweigert, seinen Sohn zu sehen; und es war ihm gänzlich gleichgültig, ob er hingerichtet oder begnadigt würde. Eine Reihe von Jahren ging vorüber, ohne daß man Nachricht von ihm erhielt, und als mehr als die Hälfte seiner Strafzeit verflossen war und ich noch immer keinen Brief erhielt, vermutete ich, er wäre gestorben, was ich beinahe auch hoffte.

Edmunds war bei seiner Ankunft auf der Insel weit in das Innere des Landes geführt worden, und diesem Umstände mochte es vielleicht zuzuschreiben sein, daß, obgleich viele Briefe an mich abgeschickt wurden, doch keiner in meine Hände kam. Die ganze Zeit seiner Verbannung blieb er an dem gleichen Platze. Nach deren Ablauf kehrte er, seinem Entschlusse und dem Versprechen, das er seiner Mutter gegeben hatte, getreu, unter unzähligen Schwierigkeiten nach England zurück und langte zu Fuß in seinem Geburtsort an.

An einem schönen Sonntagabend im Monat August kam John Edmunds zu Fuß in das Dorf, das er vor siebzehn Jahren in Schmach und Schande verlassen hatte. Sein Weg führte ihn über den Kirchhof. Die schlanken alten Ulmen, durch deren Zweige die scheidende Sonne hier und da einen Strom von Licht auf die schattigen Pfade goß, erweckten in ihm die Erinnerung an seine frühesten Tage. Er stellte sich vor, wie, er damals an seiner Mutter Hand friedlich zur Kirche wallte. Er erinnerte sich, wie er zu ihr emporzuschauen pflegte in ihr blasses Gesicht; und wie ihre Augen sich bisweilen mit Tränen füllten, wenn sie in seine Züge blickte – Tränen, die auf seiner Stirne brannten, wenn sie stehen blieb, um ihn zu küssen, und ihn gleichfalls weinen machten, ob er schon nicht ahnte, warum ihre Tränen so bitter waren. Er dachte daran, wie oft er mit einigen Spielkameraden lustig den Pfad durchlaufen hatte, wie er sich dabei alle Augenblicke rückwärts wandte, um das Lächeln seiner Mutter zu sehen oder den Ton ihrer süßen Stimme zu hören. Ein Schleier schien von seinem Gedächtnisse weggezogen zu sein, und Worte unerwiderter Liebe, verachtete Warnungen und gebrochene Versprechen drangen sich seiner Erinnerung auf, bis sein Herz zu brechen drohte, und er es nicht länger ertragen konnte.

Er trat in die Kirche. Der Nachmittagsgottesdienst war vorüber, und die Gemeinde hatte sich verlaufen, aber es war noch nicht geschlossen. Seine Tritte hallten in der niederen Wölbung wieder. Ein Schauer überfiel ihn, wenn er daran dachte, daß er allein sei, so still und ruhig war es. Er sah sich um. Nichts war verändert. Der Raum kam ihm kleiner vor als früher. Aber es waren noch die alten Grabmäler, auf denen sein Auge tausendmal mit kindischer Scheu verweilt hatte. Die kleine Kanzel mit ihren verblichenen Kissen, der Altar, vor dem er so oft die Gebete hergesagt, die er als Knabe verehrt und als Mann vergessen hatte. Er trat an den alten Kirchenstuhl; er hatte ein kaltes und düsteres Aussehen. Das Kissen war fort, und die Bibel lag nicht mehr da. Vielleicht nahm seine Mutter jetzt einen geringeren Stuhl ein, oder war sie zu schwach geworden, um die Kirche allein besuchen zu können. Er wagte es nicht, an das zu denken, was er fürchtete. Ein kalter Schauer überlief ihn, und er zitterte heftig, als er sich wegwandte.

Ein alter Mann trat eben zur Kirchtüre herein, als er hinauswollte. Edmunds bebte zurück, denn er kannte ihn wohl: manchmal hatte er ihm zugesehen, wie er ein Grab im Kirchhof grub. Was mag wohl der Greis zu dem Unglücklichen gesagt haben? Er starrte dem Fremden ins Gesicht, bot ihm guten Abend und ging langsam an ihm vorbei. Er hatte ihn vergessen.

Er schritt die Anhöhe hinab durch das Dorf. Das Wetter war warm, und die Einwohner saßen vor ihren Haustüren oder ergingen sich in ihren Gärten, um sich von der Arbeit zu erholen und den heiteren Abend zu genießen. Manche Blicke sahen ihm nach, und oft schielte er verstohlen auf die Seite, um zu sehen, ob ihn jemand erkenne und ihm absichtlich aus dem Wege gehe. Es waren beinahe lauter fremde Gesichter; bisweilen erkannte er die stattliche Gestalt eines alten Schulkameraden, der noch Knabe gewesen, als er ihn zum letzten Male gesehen hatte, von einer Schar lustiger Kinder umgeben. Dann sah er einen schwachen, entkräfteten Greis, dessen er sich noch als eines gesunden, rüstigen Arbeiters erinnerte, in einem behaglichen Lehnstuhl vor seiner Haustür sitzen. Aber sie hatten ihn alle vergessen, und er ging unerkannt vorüber.

Die letzten milden Strahlen der scheidenden Sonne fielen auf die Erde, warfen ihren feurigen Glanz auf das wogende Kornfeld und verlängerten die Schatten der Fruchtbäume des Gartens, als er vor dem alten Hause stand: der Heimat seiner Kindheit, nach der er sich während der ganzen langen Jahre seiner Gefangenschaft und seines Elends so unbeschreiblich gesehnt hatte. Die Umzäunung war niedrig, wiewohl er sich der Zeit noch erinnerte, wo sie ihm wie eine hohe Wand vorgekommen war, und er sah über sie in den alten Garten. Er erblickte mehr Pflanzen und schönere Blumen, als sonst hier zu finden waren. Aber die Bäume waren noch die alten – derselbe Baum, unter dem er tausendmal im Schatten gelegen, wenn er des Spielens in der Sonne überdrüssig war, unter dem ihn so oft der sanfte Schlaf der glücklichen Kindheit befallen hatte. Er hörte Stimmen im Hause. Er lauschte, aber sie schlugen fremdartig an sein Ohr: er kannte sie nicht. Sie waren zu fröhlich, und er wußte wohl, daß seine arme Mutter nicht heiter sein konnte, solange sie ihn fern wußte. Die Tür öffnete sich, und eine Schar kleiner Kinder hüpfte schreiend und schäkernd heraus. Der Vater erschien auf der Schwelle mit einem Knäbchen auf dem Arme. Sie drängten sich um ihn und zogen ihn mit ihren zarten Händchen heraus, damit er an ihren fröhlichen Spielen teilnehme. Der Arme dachte daran, wie oft er an dieser Stelle vor dem strengen Gesicht seines Vaters geflohen. Er erinnerte sich, wie oft er seinen zitternden Kopf unter der Bettdecke versteckt, und die rauhen Worte, die harten Schläge und das Jammern seiner Mutter gehört. Wenn er nun auch in tiefem Seelenschmerz laut aufschluchzte, als er den Ort verließ, so hatte doch eine grimme, tödliche Leidenschaft seine Fäuste geballt und seine Zähne übereinander gebissen.

Das also war die Rückkehr, nach der er so viele Jahre lang geschmachtet, und für die er so manche Leiden erduldet hatte? Keine Miene des Willkomms, kein Blick der Verzeihung, kein gastfreundliches Haus, keine hilfreiche Hand – und alles das in seinem väterlichen Dorfe! Was war seine Einsamkeit in den dichten Wäldern, in die noch keines Menschen Fuß gedrungen, gegen diese Gefühle!

Er sah, da er sich seinen Geburtsort im fernen Lande seiner Verbannung und Schmach gedacht hatte, wie er ihn verlassen, nicht wie er ihn bei seiner Rückkehr finden würde. Die traurige Wirklichkeit verwundete sein Herz tief und schlug seinen Mut völlig nieder. Er getraute sich nicht, die einzige Person, von der er eine mitleidige und liebevolle Aufnahme erwarten konnte, zu erfragen und aufzusuchen. Langsam ging er weiter und vermied wie ein schuldbewußter Verbrecher den gewöhnlichen Pfad. Er schlug den Weg nach einer wohlbekannten Wiese ein, warf sich ins Gras und barg das Gesicht in die Hände.

Er hatte nicht bemerkt, daß ein Mann neben ihm auf dem Boden lag. Seine Kleider knitterten, als er sich umwandte, um einen verstohlenen Blick auf den neuen Ankömmling zu werfen, und Edmunds hob den Kopf in die Höhe.

Der Mann hatte eine sitzende Stellung angenommen. Sein Leib war gekrümmt, sein Gesicht durchfurcht und blaßgelb. Sein Anzug kennzeichnete ihn als einen Bewohner des Armenhauses. Er sah sehr alt aus: aber das schien mehr die Wirkung von Ausschweifungen und Krankheit, als von einem langen Leben zu sein. Lange starrte er den Fremden an. Seine Augen, die anfangs matt und glanzlos waren, nahmen allmählich den Ausdruck einer außerordentlichen Unruhe an und glühten immer unheimlicher und unheimlicher, bis sie aus ihren Höhlen zu springen drohten. Edmunds richtete sich langsam auf seine Knie empor und sah dem alten Mann immer aufmerksamer ins Gesicht. Sie starrten einander schweigend an.

Der Greis war geisterblaß. Er schauderte und trat zitternd auf seine wankenden Füße. Edmunds näherte sich ihm. Er bebte einen oder zwei Schritte zurück. Edmunds trat auf ihn zu.

›Laßt mich Eure Stimme hören‹, sagte der Verbannte mit dumpfer, bebender Stimme.

›Weg von mir‹, rief der Greis mit einem schrecklichen Fluche. Der Verbannte trat näher.

›Weg von mir‹, schrie der Greis. Wütend erhob er seinen Stock und versetzte Edmunds einen derben Schlag über die Nase.

›Vater! – Teufel!‹ murmelte der Verbannte zwischen den Zähnen. Er sprang wild auf und packte den Alten bei der Kehle – aber es war sein Vater, und sein Arm fiel kraftlos nieder.

Der Greis stieß einen gellenden Schrei aus, der über die einsamen Felder hintönte, wie das Geheul eines bösen Geistes. Sein Gesicht wurde schwarzblau. Das Blut strömte ihm aus Mund und Nase und färbte das Gras dunkelrot. Er wankte und fiel zu Boden. Ein Blutgefäß war ihm gesprungen, und er lag da – eine Leiche, ehe noch sein Sohn ihn aus der Blutlache aufrichten konnte.«

* * *

»In dem Winkel des Kirchhofs,« fuhr der alte Herr nach minutenlangem Schweigen fort, »in der Ecke des Kirchhof«, von dem wir gesprochen haben, ruht ein Mann, der nach diesem Ereignis drei Jahre lang mein Arbeiter gewesen, und der die demütigste Reue und Zerknirschung zeigte, die nur jemals auf einem Sterblichen gelastet hat. Niemand außer mir wußte zu seinen Lebzeiten, wer er war oder woher er kam – es war John Edmunds, der zurückgekehrte Verbannte.«

 

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