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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Sechstes Kapitel.

Ein kurzes Kapitel, in dem unter anderm berichtet wird, wie Herr Pickwick es auf sich nahm, den Wagen zu lenken, und Herr Winkle zu reiten, und wie sie beide damit zurechtkamen.

Hell und heiter war der Himmel, balsamisch die Luft und alles umher köstlich anzuschauen, als Herr Pickwick an der Balustrade der Brücke von Rochester lehnte, die herrliche Natur betrachtete und das Frühstück erwartete. Die sich vor seinen Blicken ausbreitende Landschaft bot in der Tat eine so reizende Aussicht, daß sie auch wohl auf ein weniger beschauliches Gemüt ihren entzückenden Eindruck nicht verfehlt haben würde.

Dem Beschauer zur Linken lag die verfallene Mauer, an manchen Stellen zurücktretend und an andern in rohen und schweren Massen über das schmale Ufer vorhängend. Die ausgezackten und scharfgezeichneten Uferfelsen bedeckten dichte Bündel von Seegewächsen, die bei jedem Lufthauch erzitterten, und der grüne Efeu rankte sich melancholisch um das düstere, verfallene Gemäuer. – Hinter demselben erhob sich das alte Schloß mit seinen dachlosen Türmen, deren massive Mauern zerbröckelten, aber ebenso stolz von ihrer früheren Macht und Festigkeit erzählten, wie damals, als sie vor siebenhundert Jahren von Waffenklang oder festlichem Geräusch ertönten. Auf jeder Seite dehnten sich die Ufer des Medway, mit Saatfeldern und Wiesen bedeckt, hier und dort mit einer Windmühle oder einer fernen Kirche, so weit wie das Auge sehen konnte, eine reiche und bunte Landschaft zeigend, deren Reiz die wechselnden Schatten noch erhöhten, die ebenso schnell darüber hineilten, wie die leichten Wolken in dem Licht der Morgensonne fortzogen. – Der geräuschlos dahingleitende Fluß spiegelte das klare Himmelsblau, und die Ruder der Fischer tauchten mit hellem, plätscherndem Ton in das Wasser, wie ihre schweren, aber malerischen Boote langsam den Strom abwärts glitten.

Herr Pickwick wurde aus seinen angenehmen Träumen, in die ihn diese Szenerie eingewiegt hatte, durch einen tiefen Seufzer und einen leichten Schlag auf seine Schulter geweckt, und als er sich umwandte, stand der trübsinnige Jemmy vor ihm.

»Betrachten Sie die Aussicht?« fragte der Trübsinnige.

»Jawohl«, versetzte Herr Pickwick.

»Und gratulieren sich selbst zu Ihrem frühen Aufstehen?«

Herr Pickwick nickte mit dem Kopfe.

»Ach, man sollte immer früh aufstehen, um die Sonne in ihrem vollen Glanze zu sehen; denn sie strahlt selten so hell während des übrigen Tages. Der Morgen des Tags und der Morgen des Lebens gleichen sich nur zu sehr.«

»Sie haben recht, Sir«, sagte Herr Pickwick.

»Wie oft pflegt man zu sagen«, fuhr der Trübsinnige fort, »›der Tag fängt zu schön an, um so zu bleiben‹, und wie gut läßt sich dies auf unser tägliches Leben anwenden! O Gott, was wollte ich darum geben, wenn ich die Tage meiner Kindheit zurückrufen oder sie für immer vergessen könnte!«

»Sie haben viel Trauriges erlebt?« sagte Pickwick teilnehmend.

»Allerdings,« versetzte der Trübsinnige hastig, »mehr als einer, der mich jetzt sieht, für möglich halten sollte.« Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort: »Ist Ihnen wohl je an einem Morgen schon der Gedanke gekommen, daß im Ertrinken Friede und Seligkeit liegen könnten?«

»Gott steh mir bei, nein«, erwiderte Herr Pickwick, etwas von der Balustrade zurücktretend, weil ihn der Gedanke an die Möglichkeit erschreckte, daß der Trübsinnige ihn hinunterschleudern könnte, um ihn den Versuch machen zu lassen.

»Ich bin schon oft mit dem Gedanken umgegangen«, fuhr der Trübsinnige fort, ohne Herrn Pickwicks Bewegung zu beobachten. »Das stille kühle Wasser scheint mir eine Einladung zur Ruhe und zum Frieden zu murmeln. – Ein Sprung – ein Plätschern – ein kurzer Kampf – es gibt einen augenblicklichen Wasserwirbel – er nimmt allmählich ab, und wirft immer kleinere Wellen – die Gewässer schließen sich über dem Kopf, und alle Erdenleiden sind vorüber.«

Die eingesunkenen Augen des trübsinnigen Mannes leuchteten hell, während er so sprach; doch seine momentane Erregung wich sogleich wieder seiner gewohnten Ruhe, und er fuhr gelassen fort:

»Genug davon! Ich möchte wegen einer andern Angelegenheit mit Ihnen sprechen. Sie baten mich vorgestern abend, Ihnen vorzulesen, und hörten aufmerksam zu, während ich das tat.«

»Allerdings,« versetzte Herr Pickwick, »und ich meinte wirklich –«

»Ich bat nicht um Ihre Meinung, und ich bedarf derselben nicht«, unterbrach ihn der Trübsinnige. »Sie reisen zum Vergnügen und zur Belehrung. Was meinen Sie, wenn ich Ihnen ein interessantes Manuskript mitteilte? – doch merken Sie wohl, interessant, nicht etwa wegen seines widernatürlichen und unwahrscheinlichen Inhalts, sondern als ein Blatt aus der Romantik des wirklichen Lebens. Würden Sie es wohl dem Klub mitteilen, den Sie so häufig erwähnten?«

»Unfehlbar«, erwiderte Herr Pickwick, »wenn Sie es wünschen; es würde sodann den Klubakten einverleibt werden.«

»Sie sollen es haben«, fuhr der Trübsinnige fort, und fragte nach Herrn Pickwicks Adresse.

Nachdem ihm Herr Pickwick seine und seiner Freunde wahrscheinlichen Reiseweg bezeichnet hatte, notierte sie der Trübsinnige sorgfältig in einer schmutzigen Brieftasche, lehnte Herrn Pickwicks dringende Einladung zum Frühstück ab, begleitete ihn bis nach seinem Gasthaus, und ging darauf langsam vondannen.

Herr Pickwick wurde von seinen drei Reisegefährten beim Frühstück erwartet, das bereits in lockendem Arrangement aufgetragen war. Sie nahmen Platz, und gekochter Schinken, Eier, Tee und Kaffee begannen mit einer Schnelligkeit zu verschwinden, die von der Trefflichkeit der Tafel, wie von dem gutem Appetit der Reisenden zeugte.

»Aber jetzt müssen wir an Manor Farm denken«, sagte Herr Pickwick. »Wie wollen wir die Reise dahin machen?«

»Es wäre vielleicht das Beste, wenn wir den Kellner darüber fragten«, versetzte Herr Tupman, und infolge dieses Vorschlags wurde der Kellner gerufen.

»Dingley Dell – fünfzehn Meilen, meine Herren – Feldwege – Postpferde, meine Herren?«

»In einer Postkutsche würden nur zwei von uns Platz haben«, bemerkte Herr Pickwick.

»Das ist wahr, Sir – bitte um Entschuldigung, Sir – sehr hübscher vierräderiger Wagen, Sir – ein Sitz für zwei Herren – einer für den, der fährt – o, ich bitte um Vergebung, Sir – hat nur für drei Platz.«

»Was ist da zu tun?« fragte Herr Snodgrass.

»Vielleicht beliebt es einem von den Herren zu reiten?« versetzte der Kellner, nach Herrn Winkle blickend. »Sehr gute Reitpferde, Sir. – Wenn einer von Herrn Wardles Leuten nach Rochester kommt, kann er es zurückbringen, Sir.«

»Das läßt sich hören«, sagte Herr Pickwick. »Winkle, wollen Sie reiten?«

In den verborgensten Tiefen von Herrn Winkles Herzen stiegen schlimme Ahnungen bei dem Gedanken an eine Probe auf, die er von seiner Reitkunst ablegen sollte: weil er aber seine Leistungsfähigkeit um keinen Preis beargwöhnt wissen wollte, so erwiderte er sogleich mit der größten Zuversicht:

»Mit Vergnügen. Ich gebe dieser Art zu reisen vor jeder andern den Vorzug.«

Herr Winkle hatte das Schicksal herausgefordert: jetzt konnte er nicht anders.

»Um elf Uhr muß der Wagen und das Reitpferd bereitstehen«, sagte Herr Pickwick.

»Sehr wohl, Sir«, versetzte der Kellner und entfernte sich.

Nach dem Frühstück verfügten sich die Reisenden auf ihre Zimmer, um die Kleider zu wechseln und ihre Sachen einzupacken. Herr Pickwick hatte seine Vorbereitungen beendigt, und betrachtete eben vom Fenster des Gastzimmers aus die Vorübergehenden auf der Straße, als der Kellner eintrat und ankündigte, daß der Wagen bereit sei – eine Meldung, die durch das Erscheinen des Kabriolets vor dem Hotel sogleich bestätigt wurde.

Es war ein seltsamer, kleiner grüner Wagenkasten auf vier Rädern mit einem niedrigen schmalen Sitz für zwei Personen und einem hohen Bock für eine dritte, von einem mächtigen Braunen gezogen, der in seinem Knochenbau eine kräftige Symmetrie entwickelte. Daneben stand ein Stallknecht, ein anderes ungeheuer großes Pferd am Zügel haltend, anscheinend ein naher Blutsverwandter des Tieres vor dem Wagen, und das war für Herrn Winkle gesattelt.

»Allmächtiger Himmel,« rief Herr Pickwick aus, als er mit seinen Freunden vor die Tür trat. »Allmächtiger Himmel, wer soll denn das dirigieren? Das hätte ich mir nicht vorgestellt!«

»Das müssen natürlich Sie tun«, sagte Herr Tupman.

»Natürlich«, pflichtete Herr Snodgrass bei.

»Ich?« entgegnete Herr Pickwick.

»Seien Sie nur außer aller Sorge, Sir«, fiel der Stallknecht ein. »Ich versichere Sie, der Braune ist geduldig wie ein Lamm: ein Kind kann ihn lenken.«

»Er ist also nicht scheu?« fragte Herr Pickwick.

»Scheu, Sir? – Er würde nicht scheuen, und wenn er an einem ganzen Wagen voll Affen mit verbrannten Schwänzen vorbei müßte.«

Solche Empfehlung war unwiderleglich. Herr Tupman und Herr Snodgrass stiegen ein, und Herr Pickwick setzte sich auf den Bock.

»Nun, heller William,« sagte der Stallknecht zu seinem Gehilfen, »gib dem Herrn die Zügel.«

Der helle William, wahrscheinlich wegen seines glatten Haares und seines pausbäckigen Gesichts so genannt, legte die Zügel in Herrn Pickwicks linke Hand, und der Stallknecht reichte ihm die Peitsche in seine Rechte.

»Brrrr!« rief Herr Pickwick, als das große Tier eine entschiedene Neigung an den Tag legte, den Wagen rückwärts nach dem Fenster des Gastzimmers zu drängen.

»Brrrr!« wiederholten Herr Snodgrass und Herr Tupman aus dem Wagen.

»Es ist nur seine Munterkeit, Sir«, sagte der Stallknecht ermutigend. »Halt ihn fest, William!«

Der Gehilfe bändigte die Lebhaftigkeit des Tieres, und der Stallknecht trat zu Herrn Winkle, um ihm beim Aufsteigen behilflich zu sein.

»Auf der andern Seite, Sir, wenn's gefällig ist«, sagte der Stallknecht.

»Hol's der Teufel, der Herr will auf der unrechten Seite aufsteigen«, murmelte ein grinsender Postknecht gegen den außerordentlich vergnügten Kellner.

Herr Winkle klomm nach dieser Weisung in den Sattel, beinahe mit derselben Leichtigkeit, als wenn er die Wand eines Linienschiffes hätte ersteigen müssen.

»Alles in Ordnung?« fragte Herr Pickwick mit einem inneren Vorgefühl, daß die Verwirrung nun erst recht einsetzen würde.

»Alles in Ordnung!« versetzte Herr Winkle mit beklommener Stimme.

»Nun denn, in Gottes Namen!« sagte der Stallknecht, indem er das Pferd losließ.

Und fort rollte der Wagen, und fort sprengte Herr Winkle zur großen Belustigung des ganzen dienenden Gasthofpersonals.

»Warum geht denn der Gaul so zur Seite?« rief Herr Snodgrass im Wagen Herrn Winkle im Sattel zu.

»Es ist mir unerklärlich«, erwiderte Herr Winkle, dessen Pferd in der seltsamsten Weise – den Kopf nach der einen, und den Schweif nach der andern Seite der Straße gekehrt – dahinstelzte.

Herr Pickwick hatte keine Zeit, dies oder sonst irgend etwas zu beachten: denn alle seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten waren auf die Lenkung seines eigenen Pferdes konzentriert. Und dieses entwickelte allerlei Eigentümlichkeiten, die zwar von hohem Interesse für den Zuschauer, aber keineswegs für die im Wagen Sitzenden gleich unterhaltend waren. Abgesehen davon, daß es auf eine höchst unangenehme und für Herrn Pickwick sehr unbequeme Weise den Kopf beständig in die Höhe warf und so stark an den Zügeln riß, daß der Lenker diese kaum festzuhalten vermochte, zeigte es auch eine sonderbare Neigung, bald plötzlich einen Seitensprung zu machen, bald ebenso plötzlich wieder stillzustehen und dann wieder etliche Minuten so rasch davonzujagen, daß es Pickwick fast unmöglich fand, die Zügel festzuhalten.

»Ich bitte Sie, was in aller Welt hat das Tier im Sinn?« sagte Herr Snodgrass, als das Pferd dieses Manöver zum zwanzigsten Male wiederholte.

»Das weiß der Himmel!« versetzte Herr Tupman; »es hat ganz den Anschein, als ob es scheute – meinen Sie nicht auch?«

Herr Snodgrass war im Begriff zu antworten, als er durch den Ausruf des Herrn Pickwick unterbrochen wurde: »Oha, ich habe die Peitsche verloren!«

»Winkle,« rief Herr Snodgrass, als der Reiter auf seinem hohen Roß herantrabte, den Hut über die Ohren gezogen und von der heftigen Bewegung am ganzen Leibe zitternd, als wenn er zusammenbrechen wollte, »o lieber Winkle, bitte, heben Sie die Peitsche auf!«

Herr Winkle zog an den Zügeln des kapitalen Tieres, bis er ganz blau im Gesicht war, und als es ihm endlich glückte, das Pferd zum Stehen zu bringen, stieg er ab, gab Herrn Pickwick die Peitsche und schickte sich an, wieder aufzusteigen.

Ob nun das große Pferd bei seinem munteren Temperament ein Verlangen fühlte, sich mit Herrn Winkle einen kleinen unschuldigen Spaß zu machen, oder ob es ihm einfiel, daß es die Reise zu seinem Vergnügen ebensogut ohne Reiter, als mit einem solchen, vollenden könne – das sind Fragen, die wir natürlich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten vermögen. Jedenfalls ist aber soviel gewiß, daß, welchen Beweggründen das Tier auch folgen mochte, Herr Winkle kaum den Fuß in den Steigbügel gesetzt hatte, als es durch eine rasche Bewegung die Zügel über den Kopf schnellte und um eine volle Länge zurückwich.

»Ruhig, ruhig, mein gutes Tier«, rief Herr Winkle besänftigend: »komm, gutes, altes Pferd!«

Allein »das gute Tier« war taub gegen alle Schmeicheleien. Je mehr sich Herr Winkle bemühte, ihm an die Seite zu kommen, um desto mehr wich es zurück, und trotz aller möglichen guten Worte drehten sich Herr Winkle und das Pferd wohl zehn Minuten im Kreise herum und waren nach dieser Zeit doch noch ebensoweit von einander entfernt, als beim Beginne ihres Tanzes – eine fatale Geschichte unter allen Umständen, besonders aber auf einem einsamen Feldwege, wo kein Beistand zu erwarten war.

»Was soll ich nur machen?« rief Herr Winkle, nachdem er seine Experimente noch eine geraume Zeit vergeblich fortgesetzt hatte; »ich kann dem Bieste gar nicht beikommen.«

»Sie werden wohl am besten tun, es zu führen, bis wir an einen Schlagbaum gelangen«, rief ihm Herr Pickwick zu.

»Aber es geht nicht mit mir«, rief Herr Winkle zurück. »Kommen Sie doch und halten Sie es.«

Herr Pickwick war die Güte und Gefälligkeit selbst; er warf also seinem Pferde die Zügel auf den Rücken, stieg vom Bocke und eilte, Herrn Snodgrass und Herrn Tupman im Wagen zurücklassend, seinem armen Gefährten zu Hilfe.

Kaum sah das Pferd Herrn Pickwick mit der Peitsche in der Hand herankommen, da wandelte es seine vorher im Kreis sich drehende Bewegung in eine so entschieden rückläufige, daß es Herrn Winkle, der immer noch das Ende der Zügel festhielt, fast im Trabe mit sich fortriß. – Herr Pickwick eilte, ihm beizustehen: doch je schneller dieser vorwärts lief, desto schneller ging das Pferd rückwärts. Es scharrte dabei mit den Füßen, wühlte den Staub auf, und endlich mußte Herr Winkle, dem die Arme fast ausgerissen wurden, die Zügel fahren lassen. Das Pferd stutzte, schüttelte den Kopf, machte rechtsum, trabte ruhig nach Rochester zurück und überließ es Herrn Winkle und Herrn Pickwick, sich gegenseitig in stummer Bestürzung anzustarren. Ein rasselndes Geräusch in einer kleinen Entfernung erregte jetzt ihre Aufmerksamkeit. Sie blickten auf.

»Gott steh mir bei!« rief der mit allen Ängsten ringende Herr Pickwick aus; »da geht auch das andere Pferd durch.«

Es war nur zu wahr. Das sich selbst überlassene Tier war durch das Geräusch erschreckt worden. Was darauf geschah, läßt sich leicht vermuten. Es jagte mit dem Wagen davon. Herr Tupman sprang in die Hecke und Herr Snodgrass folgte seinem Beispiel, worauf das Pferd den Wagen an einem Brückengeländer zerschmetterte, so daß die Räder aus den Achsen fielen und der Kutschkasten von dem Bock getrennt wurden. Endlich blieb es stehen und betrachtete gelassen die Verheerung, die es angerichtet hatte.

Es war jetzt die erste Sorge Herrn Pickwicks und Herrn Winkles, ihren unglücklichen Freunden beizuspringen, wobei sie sich zu ihrer großen Beruhigung überzeugten, daß sie außer einigen Rissen an ihren Kleidern und Ritzungen der Haut von den Dorngesträuchen keinen weiteren Schaden gelitten hatten. Das nächste, was nun zu tun blieb, war, das Pferd aus seinem Geschirr zu entwirren. – Endlich war diese komplizierte Aufgabe erledigt, und nun gingen sie langsam weiter, das Pferd mit sich führend, und überließen den Wagen seinem Schicksal.

Nach Verlauf von einer Stunde erreichten sie ein kleines Wirtshaus, vor dem zwei Ulmen, eine Krippe und ein Pfahl mit einem Schilde standen; hinter demselben befand sich ein kleines, von wilden Hecken umgebenes Feld und zur Seite ein Küchengarten; baufällige Scheunen und Außenbauten lagen in seltsamer Verwirrung umher. In dem Garten arbeitete ein rotköpfiger Mann, dem Herr Pickwick zurief:

»Heda! holla!«

Der Rotkopf richtete sich empor, hielt die Hand über die Augen und starrte Herrn Pickwick und seine Gefährten eine geraume Weile gleichgültig an.

»Holla!« wiederholte Herr Pickwick.

»Holla!« war die Antwort des Rotkopfs.

»Wie weit ist es wohl bis nach Dingley Dell?«

»Gute sieben Meilen.«

»Ist der Weg gut?«

»Nein, schlecht.«

Nach dieser kurzen Antwort fing der rotköpfige Mann, der nun seine Neugier hinlänglich befriedigt zu haben schien, wieder an zu arbeiten.

»Wir möchten gerne dieses Pferd hier einstellen – ich denke, das wird wohl angehen?« sagte Herr Pickwick.

»Möchtet das Pferd hier einstellen – so?« wiederholte der Rotkopf, sich auf seinen Spaten stützend.

»Freilich«, erwiderte Herr Pickwick, der sich unterdessen, das Tier an der Hand, der Gartenhecke genähert hatte.

»Frau!« rief der Rotkopf, aus dem Garten tretend, und das Pferd scharf in das Auge fassend: »Frau!«

Eine große, knöcherne Frau in einer groben blauen Jacke, deren Taille einen oder zwei Zoll unter den Achselgruben saß, trat zu ihm hinaus.

»Können wir wohl dieses Pferd hier unterbringen, gute Frau?« fragte Herr Tupman, indem er sich ihr näherte und seinen schmeichelndsten Ton annahm.

Die Frau betrachtete die Reisenden mißtrauisch, und der Rotkopf flüsterte ihr etwas in das Ohr.

»Nä,« antwortete sie nach einiger Überlegung, »ich getraue mich nicht, es zu tun.«

»Nicht getrauen?« rief Herr Pickwick aus. »Vor was fürchtet sich denn die gute Frau?«

»Es hat uns erst das vorige Mal Ungelegenheit gemacht«, sagte die Frau, wieder in das Haus gehend; »ich mag mich nicht damit befassen.«

»Nun, so etwas ist mir doch in meinem Leben noch nicht vorgekommen!« sagte Herr Pickwick höchst verwundert.

»Ich – ich glaube wirklich,« flüsterte Herr Winkle seinen um ihn stehenden Freunden zu, »daß die Leute am Ende gar denken, wir wären auf eine unehrliche Weise zu dem Pferde gekommen.«

»Wie?« rief Herr Pickwick höchlich entrüstet aus.

Herr Winkle wiederholte bescheiden seine Vermutung.

»Heda, Bursche,« sagte Herr Pickwick zornig, »glaubt Ihr, daß wir dieses Pferd gestohlen haben?«

»Das glaub' ich ganz gewiß«, erwiderte der Rotkopf mit einem Grinsen, das seinen Mund von einem Ohr bis zu dem andern verzerrte. Dann begab er sich gleichfalls ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

»Es ist wie ein Traum – wie ein abscheulicher Traum!« rief Herr Pickwick aus. »Sich den ganzen Tag mit einem schrecklichen Pferde herumschleppen zu müssen, das man nicht loswerden kann!«

Die deprimierten Pickwickier gingen jetzt weiter, die pompöse Rosinante, die ihnen im höchsten Grade verekelt war, hinter sich herziehend.

Es war bereits spät am Nachmittage, als die vier Freunde mit ihrem vierfüßigen Gefährten in den nach Manor Farm führenden Seitenweg einbogen, und obgleich sie nun dem Orte ihrer Bestimmung nahe waren, so wurde doch das Vergnügen, das sie sonst empfunden hätten, durch den Gedanken an ihre sonderbare Erscheinung und lächerliche Lage wesentlich verringert. Zerfetzte Kleider, zerkratzte Gesichter, bestaubte Schuhe, erschöpftes Aussehen und dazu noch das Pferd – das unglückliche Pferd! O, wie Herr Pickwick das Vieh zu allen Henkern wünschte! Er hatte schon zuvor das edle Roß von Zeit zu Zeit mit Blicken des Hasses und der Rache angesehen, und mehr als einmal überlegt, wieviel es ihn kosten würde, wenn er ihm den Hals abschnitte, und jetzt fühlte er sich um so stärker versucht, es entweder umzubringen oder in die weite Welt laufen zu lassen. Indessen wurde er bei einer Wendung des Weges aus seinem unheilschwangeren Brüten durch die plötzliche Erscheinung zweier Gestalten geweckt. Es waren Herr Wardle und dessen treuer Gefährte, der fette Junge.

»Mein Gott, wo haben Sie solange gesteckt?« begann der gastliche alte Herr. »Ich habe den ganzen Tag auf Sie gewartet. Und wie strapaziert Sie aussehen! – Was? zerkratzte Gesichter? Doch keinen wesentlichen Schaden genommen, hoffe ich – wie? Nun, Gott sei Dank! Umgeworfen? – Nun, das kommt oft in unserer Gegend vor. Joe! – der verwünschte Bursche schläft schon wieder – Joe, nimm dem Herrn das Pferd ab und bring' es in den Stall!«

Der fette Junge schleifte das Pferd langsam nach, während Herr Wardle den Besuchern sein Bedauern über ihr Abenteuer ausdrückte, soweit sie die Mitteilung desselben für schicklich gefunden hatten, und sie sodann in die Küche führte.

»Hier wollen wir Sie vor allen Dingen ein wenig zurechtstutzen«, sagte der alte Herr, »und Sie dann zu der Gesellschaft in das Wohnzimmer führen. Emma, den Kirschengeist! Hannchen, eine Nähnadel und Zwirn! Marie, Waschwasser und Handtücher! Rasch, Mädel, eilt euch!«

Drei oder vier handfeste Mägde eilten sogleich, um die verschiedenen Dinge herbeizuschaffen. Zwei männliche Dienstboten aber mit großen Köpfen und runden Gesichtern standen von ihren Sitzen in der Kaminecke – wo sie, ob es gleich Mai war, am Feuer hockten, als wenn es um Weihnachten gewesen wäre – auf und verschwanden in dunklen Winkeln, aus denen sie bald nachher mit einem halben Dutzend Bürsten und mit Schuhwichse wieder auftauchten.

»Rasch!« sagte der alte Herr nochmals.

Es bedurfte aber dieser Mahnung nicht, denn die eine Magd schenkte bereits Kirschengeist ein, eine andere brachte Waschwasser, und einer von den Männern faßte Herrn Pickwick am Bein, auf die Gefahr hin, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, und fing an, dessen Stiefel dermaßen zu bürsten, daß sie brennend heiß wurden. Der andere bearbeitete Herrn Winkle mit einer mächtigen Kleiderbürste, und gab bei dieser Operation den zischenden Ton von sich, den Stallknechte gewöhnlich hören lassen, wenn sie ein Pferd striegeln.

Nachdem Herr Snodgrass sich gewaschen hatte, stellte er sich mit dem Rücken an das Feuer und überschaute, behaglich seinen Kirschengeist schlürfend, die Küche. Er beschreibt sie als einen großen, mit Backsteinen gepflasterten und mit einem geräumigen Kamin versehenen Raum, die Decke verziert mit Schinken, Speckseiten und Zwiebelreihen, die Wände mit Hetzpeitschen, Sätteln, Zäumen und einem alten, verrosteten Gewehr, unter welchem stand »Geladen!«, was es auch, laut derselben Quellenangabe, vor wenigstens einem halben Jahrhundert gewesen ist. In der einen Ecke tickte eine ehrwürdige alte Wanduhr, und eine silberne von gleichem Alter hing an einem der vielen Haken über dem Anrichttisch.

»Fertig?« fragte der alte Herr, als seine Gäste gewaschen, geflickt, gebürstet und mit Branntwein erquickt waren.

»Stehen zu Diensten«, versetzte Herr Pickwick.

»So bitte ich Sie, mit mir zu kommen«, fuhr Herr Wardle fort und führte sie durch mehrere dunkle Gänge in das Wohnzimmer, gefolgt von Herrn Tupman, der einige Augenblicke gezögert hatte, um von Emma einen Kuß zu erhaschen, wofür er gebührend durch einige Püffe gezüchtigt wurde.

»Willkommen«, sagte der gastliche Wirt, öffnete die Tür und trat ein, um sie anzumelden. »Willkommen, meine Herren, in Manor Farm!«

 

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