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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Ein heiteres Weihnachtskapitel, das die Erzählung von einer Hochzeit und einigen andern Lustbarkeiten enthält, die zwar in ihrer Weise ebenso löbliche Gebräuche sind wie eine Heirat, aber in diesen entarteten Zeiten nicht mehr so gewissenhaft gefeiert werden.

So rührig wie Bienen, wenn auch nicht so leicht wie Feen, versammelten sich die vier Pickwickier am Morgen des 22. Dezember in dem Jahre des Heils, in dem diese mit der strengsten Gewissenhaftigkeit erzählten Abenteuer unternommen und ausgeführt wurden. Weihnachten stand vor der Tür mit all seiner schlichten Herzlichkeit. Es war die Zeit der Gastfreundschaft, der Erheiterung und der Offenherzigkeit. Das alte Jahr schickte sich gleich einem alten Philosophen an, mitten unter dem Geräusche der Festlichkeiten und Schmausereien freundlich und ruhig zu scheiden. Fröhlich und heiter war die Zeit, und recht fröhlich und heiter waren wenigstens vier von den zahlreichen Herzen, die durch das nahende Fest erfreut wurden.

Und zahlreich sind doch die Herzen, denen die Weihnachtstage eine kurze Zeit des Glücks und der Freude bringen. Wie viele Familien, deren Glieder in dem rastlosen Treiben der Welt weit und breit zerstreut und auseinander gesprengt worden sind, werden jetzt wieder vereint und finden sich in jenem glücklichen Zustande der gegenseitigen Freundschaft und Liebe zusammen: einer Quelle reiner und ungetrübter Freuden. Sie verträgt sich so wenig mit den Sorgen und Mühen der Welt, daß sie der religiöse Glaube der meisten zivilisierten Völker und die einfachen Traditionen der rohesten Wilden unter die höchsten Genüsse eines zukünftigen Lebens rechnen, zu dem die Seligen berufen sind!

Wie manche alte Erinnerungen, wie manche schlummernde Empfindungen des Herzens erweckt die Zeit der Weihnachten!

Wir schreiben diese Worte viele Meilen von dem Ort entfernt, wo wir Jahr für Jahr diesen Tag in einem heitern und fröhlichen Kreise verlebten. Manche von den Herzen, die damals so freudig pochten, haben aufgehört zu schlagen. Manche von den Blicken, die damals so hell strahlten, haben aufgehört zu leuchten. Die Hände, die wir drückten, sind kalt geworden. Die Augen, die wir suchten, haben ihr Licht im Grabe verborgen: und doch taucht das alte Haus, das Zimmer, die munteren Stimmen und die fröhlichen Gesichter, die Scherze, das Gelächter, die geringfügigsten und alltäglichsten Umstände, die sich an jene glücklichen Zusammenkünfte knüpfen, bei jeder Wiederkehr dieser Zeit in unserm Gedächtnisse auf, als hätte die letzte Versammlung erst gestern stattgefunden. Glückliche, glückliche Weihnachten, die uns die Träume unserer Kindheit wiederzubringen, die dem Greise die Freuden seiner Jugend zurückzurufen und den Seefahrer und Wanderer Tausende von Meilen an seinen Herd und seine stille Heimat zu versetzen imstande sind!

Doch wir haben uns in die Vorzüge des Christtags, der auf diese Art einem Landedelmann aus der alten Zeit gleicht, so sehr vertieft, daß wir Herrn Pickwick und seine Freunde an der Kutsche von Muggleton, die sie soeben, in schwere Mäntel, Halstücher und Schals eingehüllt, erreicht hatten, in der Kälte warten lassen.

Die Koffer und Reisetaschen sind untergebracht. Herr Weller und der Kutscher suchen einen riesigen Weihnachtskarpfen in den vorderen Packraum hineinzuzwängen, der für das Ungeheuer viel, viel zu klein ist. Das Tier lag friedlich in einem langen, braunen, mit Stroh bedeckten Korb, der bis zuletzt aufgespart worden war, um auf einem Halbdutzend Fäßchen voll echter und gerechter Austern ungestört ruhen zu können. Diese Austern waren wie der Weihnachtsfisch Eigentum des Herrn Pickwick, und auf dem Boden des Kutschenkorbes in regelrechter Ordnung aufgestellt. Mit außerordentlicher Aufmerksamkeit verfolgte Herr Pickwick, wie Herr Weller und der Kutscher den Weihnachtskarpfen zuerst mit dem Kopf, dann mit dem Schwanz, dann auf dem Rücken, dann auf dem Bauch, dann von der Seite, und endlich der Länge nach hinabzudrücken suchen – lauter Kunstgriffe, denen das unerbittliche Tier einen hartnäckigen Widerstand entgegensetzt. Schließlich trifft der Kutscher zufälligerweise gerade in die Mitte des Korbes, worauf der Fisch augenblicklich im Packraum verschwindet. Zugleich aber werden Kopf und Schultern des Kutschers selbst unsichtbar. Obendrein empfängt dieser, als der passive Widerstand des Weihnachtsfisches unerwartet aufhört, dabei einen gehörigen Schubs zum außerordentlichen Vergnügen aller Gepäckträger und der andern Zuschauer. Herr Pickwick lächelt in der besten Laune, zieht einen Schilling aus seiner Westentasche, bittet den Kutscher, der sich wieder aus dem Packraum herausarbeitet, ein Glas Grog auf seine Gesundheit zu trinken, worauf der Kutscher auch lächelt, und die Herren Snodgrass, Tupman und Winkle alle zusammen lächeln. Der Kutscher und Herr Weller verschwinden auf fünf Minuten, um Grog zu sich zu nehmen; als sie zurückkehren, riechen sie sehr stark danach. Der Kutscher besteigt den Bock, Herr Weller schwingt sich hinten hinauf; die Pickwickier schlagen ihre Mäntel um die Beine und ihre Halstücher über die Nasen: die Handlanger nehmen den Pferden die Decken ab: der Kutscher ruft ein lustiges »All right!« und sie fahren ab.

Der Wagen ist über das Steinpflaster weggerasselt, und die Insassen sind gehörig durchgerüttelt. Endlich erreicht er das freie Feld: die Räder gleiten über den hartgefrorenen Boden hin. Die Pferde, durch einen kräftigen Peitschenknall in kurzen Galopp gesetzt, sprengen die Straße entlang, als wäre die Last hinter ihnen, die Kutsche, die Passagiere, der Weihnachtsfisch, die Austernfäßchen und der übrige Inhalt des Wagens nur eine Feder für ihre beschwingten Beine. Sie sind eine unbedeutende Anhöhe hinabgefahren und gelangen jetzt auf eine zwei Meilen lange Ebene, die so fest und trocken ist wie ein Marmorblock. Ein zweiter Peitschenknall, und sie fliegen in vollem Galopp dahin. Sie schütteln die Köpfe und rasseln mit dem Geschirr, als freuten sie sich selbst über die Schnelligkeit, während der Kutscher, Peitsche und Zügel in einer Hand haltend, mit der andern seinen Hut abnimmt. Dann legt er diesen auf die Knie, zieht sein Taschentuch hervor und wischt sich das Gesicht ab, teils, weil es in seiner Gewohnheit liegt, teils, weil er den Passagieren zeigen will, wie furchtlos er ist und wie wenig Mühe es kostet, ein Viergespann zu regieren, wenn man so viel Übung hat wie er. Nachdem er das mit aller Gemächlichkeit ausgeführt hat – denn sonst würde die Wirkung bedeutend abgeschwächt worden sein –, steckt er sein Taschentuch wieder ein, setzt seinen Hut auf, zieht seine Handschuhe an, bringt seine Ellbogen in eine rechtwinklige Lage, knallt wieder mit der Peitsche, und die Pferde laufen noch munterer als vorher.

Einige auf beiden Seiten der Straße zerstreute Häuschen verraten die Nähe irgendeiner Stadt oder eines Dorfes. Die fröhlichen Töne des Posthorns zittern durch die reine kalte Luft und wecken den alten Herrn im Innern des Wagens. Er läßt sorgfältig das Fenster halb nieder, sieht ein wenig hinaus, um das Wetter zu beobachten, zieht das Fenster sorgfältig wieder zu und benachrichtigt seinen Nebenmann, daß man im Augenblick umspannen werde, worauf sich dieser ermuntert und den Entschluß faßt, die Fortsetzung seines Schläfchens so lange zu verschieben, bis man wieder abfahren werde. Wieder ertönt das Posthorn in lustigen Weisen und ruft die Familie des Hausbewohners vor die Tür. Weib und Kinder blicken der Kutsche nach, bis sie um die Ecke biegt, und scharen sich dann wieder um das hellauflodernde Feuer und legen für den Vater, der bald nach Hause kommt, neuen Brennstoff auf. Der Vater aber, noch eine volle Meile vom Hause fern, wechselt eben einen freundlichen Blick mit dem Kutscher und wendet sich zurück, um dem dahinrollenden Wagen noch lange nachzusehen.

Nun bläst das Posthorn eine lustige Weise, als der Wagen über das schlechte Pflaster eines Landstädtchens rasselt. Der Kutscher löst die Schnalle, die seine Leine zusammenhält. Denn er will sie im Augenblick, wo er anfährt, über die Pferde werfen. Herr Pickwick taucht aus seinem Mantelkragen empor und sieht sich mit großer Neugierde um, worauf der Kutscher, der das merkt, Herrn Pickwick den Namen des Städtchens mitteilt und ihm sagt, es sei gestern Markt hier gewesen, beides Mitteilungen, die wiederum Herr Pickwick seinen Reisegefährten weitergibt, worauf auch diese aus ihren Mantelkragen auftauchen und sich umsehen. Herr Winkle, der auf dem äußersten Ende des Bockes sitzt, sodaß das eine Bein in der Luft schwebt, wird beinahe auf die Straße hinabgeworfen, als der Wagen um die scharfe Ecke an dem Käseladen biegt und in den Marktplatz einlenkt. Aber ehe noch Herr Snodgrass, der ihm zunächst sitzt, sich von seinem Schrecken erholen kann, fahren sie beim Wirtshause vor, wo die frischen Pferde, mit Decken bedeckt, bereits harren. Der Kutscher wirft die Leine ab und schwingt sich dann herunter. Die Passagiere auf dem Bock steigen ebenfalls ab, nur die, die kein großes Zutrauen in ihre Geschicklichkeit, wieder hinaufzusteigen, setzen, bleiben wo sie sind und stoßen ihre Füße gegen die Kutsche, um sie zu wärmen, wobei sie das helle Feuer im Schenkstübchen und die Stechpalmenzweige mit den roten Beeren, die das Fenster verzieren, mit sehnsüchtigen Blicken und roten Nasen betrachten.

Der Kutscher hat im Magazin des Kornhändlers das braune Paket abgegeben, das er aus der kleinen, an Lederriemen ihm über die Schulter hängenden Tasche hervorgezogen hatte. Dann hat er nach den Pferden gesehen, daß sie gut versorgt würden. Den Sattel, der auf dem Kutschdache von London mitgebracht worden, hat er auf das Pflaster geworfen und an der Unterhaltung zwischen dem zweiten Kutscher und dem Hausknecht über den Grauschimmel teilgenommen, der sich am letzten Dienstag den Vorderfuß verstauchte. Er und Herr Weller sitzen bereits hinten und der zweite Kutscher auf seinem Bock.

Der alte Herr im Wagen, der die ganze Zeit über das Fenster zwei volle Zoll offen gehalten, hat es wieder zugezogen. Den Pferden sind die Decken abgenommen und alles ist zur Abfahrt bereit, mit Ausnahme der »zwei dicken Herren«, nach denen der Kutscher ungeduldig fragt. Hierauf rufen Kutscher, zweiter Kutscher, Sam Weller, Herr Winkle, Herr Snodgrass, sämtliche Hausknechte und Müßiggänger, die hier der Zahl nach stärker sind als alle übrigen zusammengenommen, nach den vermißten Herren, so laut sie nur können. Aus dem Hofe läßt sich von fern eine Antwort vernehmen, und Herr Pickwick und Herr Tupman laufen atemlos herbei; denn sie haben jeder ein Glas Ale getrunken, und Herrn Pickwicks Finger sind so steif vor Kälte, daß es volle fünf Minuten dauert, bis er die sechs Pence findet, die er dafür zu bezahlen hat. Der zweite Kutscher ruft ein ermahnendes »Rasch, rasch, meine Herren«, der erste wiederholt es – der alte Herr im Wagen findet es gar nicht in Ordnung, daß man absteigt, wenn man doch weiß, daß man keine Zeit dazu hat – Herr Pickwick klimmt auf der einen, Herr Tupman auf der andern Seite hinauf, Herr Winkle ruft »alles in Ordnung!«, und der Wagen rollt von dannen. Die Halstücher werden hinaufgezogen, die Mäntel hochgeschlagen. Das Pflaster nimmt ein Ende, die Häuser verschwinden. Wieder gleiten sie über die offene Straße hin, und die frische reine Luft bläst ihnen ins Gesicht und erquickt sie bis tief in die Brust.

Also fuhren Herr Pickwick und seine Freunde auf der Eilpost von Muggleton ihres Weges nach Dingley Dell dahin, und um drei Uhr nachmittags standen sie alle frisch und gesund, fröhlich und wohlgemut auf der Schwelle des Blauen Löwen. Sie hatten unterwegs eine ziemliche Menge Ale und Branntwein zu sich genommen, um dem Froste Trotz bieten zu können, der den Erdboden in ziemliche eiserne Fesseln schlägt und Bäume und Hecken mit seinem schönen Netzwerk umspannt. Herr Pickwick ist eifrig mit der Musterung der Austernfäßchen und der Aufsicht über die Ausladung des Weihnachtsfisches beschäftigt, als er sich sachte beim Rockzipfel gezupft fühlt. Als er sich umsieht, entdeckt er, daß das Individuum, das sich ihm auf diese Art bemerkbar machen will, kein anderes ist, als Herrn Wardles Lieblingspage, der den Lesern dieser schlichten Erzählung besser unter der bezeichnenden Benennung »der fette Junge« bekannt ist.

»Aha«, rief Herr Pickwick.

»Aha«, rief der fette Junge.

Und als der Junge das sagte, beäugelte er zuerst den Weihneichtsfisch, dann die Austernfäßchen und lachte voller Vergnügen. Er war fetter als je.

»Nun, du siehst ja recht blühend aus, junger Freund«, sagte Herr Pickwick.

»Ich habe eben vor dem Feuer im Schenkstübchen geschlafen«, antwortete der fette Junge, der sich durch ein Stündchen Schlaf bis zur Farbe eines neuen Kochtopfes erhitzt hatte. »Mein Herr hat mich mit dem Karren herübergeschickt, um Ihr Gepäck abzuholen. Er hätte einige Reitpferde geschickt, aber er dachte, Sie würden bei dem kalten Wetter lieber gehen.«

»Ja, ja«, sagte Herr Pickwick hastig, denn er erinnerte sich, wie er bei einer früheren Gelegenheit beinahe über dasselbe Feld gegangen war. »Ja, wir wollen lieber gehen. – Sam!«

»Sir«, rief Herr Weller.

»Hilf Herrn Wardles Diener das Gepäck in den Karren schaffen und fahre dann mit ihm. Wir wollen gleich vorangehen.«

Nachdem er diese Befehle erteilt und mit dem Kutscher ins reine gekommen, schlugen Herr Pickwick und seine drei Freunde den Fußpfad über die Felder ein und gingen munter ihres Weges, Herrn Weller und den fetten Jungen vorderhand beieinander lassend. Sam sah den fetten Jungen recht verdutzt an, sagte jedoch nichts. Er begann die Sachen eiligst in den Karren zu schaffen, während der fette Junge ruhig dabeistand und es sehr unterhaltend zu finden schien, daß Herr Weller so fleißig war.

»So«, sagte Sam, den letzten Koffer aufladend: »das wäre geschafft.«

»Ja«, versetzte der fette Junge im Tone großer Zufriedenheit, »das wäre geschafft.«

»Na, Sie junger Herkules«, sagte Sam, »Sie könnten sich für Geld sehen lassen, wahrhaftig.«

»Danke Ihnen für das Kompliment«, erwiderte der fette Junge.

»Sie haben wohl nichts im Kopfe, was Ihnen viel Kummer verursachte, nicht wahr?« fragte Sam.

»Nicht daß ich wüßte«, erwiderte der Junge.

»Wie ich Sie so ansah, hätte ich beinahe vermutet, Sie seufzen unter der Last einer unerwiderten Liebe zu einer jungen Dame«, sagte Sam.

Der fette Junge schüttelte den Kopf.

»Freut mich sehr, das zu hören«, versetzte Sam. »Trinken Sie gern?«

»Ich esse lieber«, erwiderte der Junge.

»Nun, das hätte ich voraussehen können«, sagte Sam. »Aber ich meine jetzt, ob Sie einen Tropfen zu sich nehmen würden, um sich zu erwärmen? Aber ich glaube, Sie haben unter Ihrem Speck noch nie gefroren – oder?«

»Mitunter doch«, versetzte der Knabe, »und ich trinke auch ein Schlückchen, wenn es gut ist.«

»Wirklich, tun Sie das?« sagte Sam. »Na, dann kommen Sie.«

Die Wirtsstube des Blauen Löwen war bald erreicht, und der fette Junge goß ein Glas Branntwein hinunter, ohne eine Miene zu verziehen – eine Heldentat, die ihn in Herrn Wellers Meinung außerordentlich hob. Als Herr Weller seinerseits ein ähnliches Geschäft vollbracht hatte, stiegen sie in den Karren.

»Können Sie fahren?« fragte der fette Junge.

»Ich sollt' es fast meinen«, erwiderte Sam.

»Dort hinein also«, sagte der fette Junge, ihm die Leine überlassend, indem er auf einen Feldweg deutete. »Immer geradeaus: Sie können nicht fehlen.«

Mit diesen Worten legte sich der fette Junge zärtlich neben den Weihnachtsfisch, und zum Kopfkissen ein Austernfäßchen benützend, fiel er augenblicklich in Schlaf.

»Nun«, sagte Sam, »von allen kaltblütigen Jungen, die meine Augen je gesehen haben, ist dieser junge Herr hier der kaltblütigste. Holla, aufgewacht, du Wassersuchtskandidat.«

Aber da der junge Wassersuchtskandidat kein Zeichen des wiederkehrenden Lebens von sich gab, so setzte sich Herr Weller vorn auf den Karren, schwang die Leine und brachte so die alte Mähre in Gang. Langsam humpelte der Karren Manor-Farm zu.

Mittlerweile hatten Herr Pickwick und seine Freunde ihr Blut in raschere Bewegung gesetzt und schritten munter voran. Der Pfad war hart, das Gras vom Frost gekräuselt, die Luft rein, trocken und kalt, und das rasche Nahen der grauen Dämmerung ließ sie sich im voraus auf die Bequemlichkeiten freuen, die sie bei ihrem gastfreundlichen Wirte erwarteten. Es war einer von jenen Abenden, die selbst ältliche Herren auf einem einsamen Felde verleiten könnte, ihre Mäntel abzuwerfen und zum Privatvergnügen über einander Bock zu springen. Wir glauben fest, hätte Herr Tupman in diesem Augenblicke den Rücken dargeboten, so würde Herr Pickwick dieses Anerbieten mit dem größten Vergnügen angenommen haben.

Herr Tupman schien sich aber nicht freiwillig zu einer solchen Belustigung hergeben zu wollen, und so verfolgten die Freunde ihren Weg unter heiteren Gesprächen weiter. Als sie in einen eingefriedeten Pfad einbogen, den sie zu gehen hatten, drangen Töne von verschiedenen Stimmen an ihr Ohr; und ehe sie Zeit gehabt, nachzuforschen, wem sie wohl angehören mochten, standen sie bereits vor der Gesellschaft, die ihre Ankunft erwartete. Mit lautem »Hurra« begrüßte der alte Wardle die Pickwickier, als diese ihm zu Gesicht kamen.

Wardle sah womöglich noch munterer aus als je: dann war Bella da und ihr getreuer Trundle; dann Emilie und acht bis zehn junge Damen, die alle zu der kommenden Tageshochzeit gekommen waren. Sie kamen sich ungemein wichtig vor, wie gewöhnlich junge Damen bei solchen Gelegenheiten. Ihr Gelächter und fröhliches Geplauder hallte weit und breit über das Feld.

Bald hatte man sich begrüßt, und nun scherzte Herr Pickwick mit den jungen Damen, die, solange er zusah, nicht über das Geländer steigen wollten, oder im Bewußtsein ihrer hübschen Füße und unvergleichlichen Knöchel fünf Minuten lang darauf stehenblieben und erklärten, sie fürchteten sich zu sehr, um sich nur zu rühren – wir sagen, er scherzte mit ihnen so ungezwungen und vertraulich, als hätte er sie seit seiner Kindheit schon gekannt. Es muß auch bemerkt werden, daß Herr Snodgrass Emilien weit mehr Beistand leistete, als die Schrecken des Geländers (wiewohl es seine volle vier Fuß hoch war und nur ein paar Stufen hatte) unmittelbar zu erfordern schienen. Hingegen stieß eine schwarzäugige junge Dame mit sehr zierlichen Pelzstiefelchen einen markerschütternden Schrei aus, als ihr Herr Winkle hinüberhelfen wollte.

All das war sehr unterhaltsam und vergnüglich. Als nun endlich die Schwierigkeiten des Geländers überwunden waren und man sich wieder auf offenem Felde befand, erzählte der alte Wardle Herrn Pickwick, sie seien sämtlich unten gewesen, um Ausstattung und Einrichtung des Hauses in Augenschein zu nehmen, das das junge Paar nach Weihnachten beziehen sollte. Darüber wurden Bella und Trundle so rot, wie es der fette Junge in der Wirtsstube am Feuer geworden war. Die junge Dame mit den schwarzen Augen und den pelzverbrämten Stiefelchen flüsterte Emilie etwas ins Ohr und warf dann einen schlauen Seitenblick auf Herrn Snodgrass, worauf Emilie erwiderte, »sie sei ein dummes Ding«, aber nichtsdestoweniger ganz rot wurde. Herr Snodgrass aber, der so bescheiden war, wie es alle großen Geister gewöhnlich sind, fühlte das Blut bis in die äußersten Spitzen seiner Ohren steigen und hegte in den tiefsten Tiefen seines Herzens den innigen Wunsch, die vorbesagte junge Dame mit ihren schwarzen Augen und ihrem schlauen Seitenblick und ihren pelzverbrämten Stiefelchen möchte in aller Gemütsruhe dorthin versetzt werden, wo der Pfeffer wächst.

Waren sie aber schon außer dem Hause so vertraulich und glücklich, wie groß waren erst Wärme und Herzlichkeit, womit sie aufgenommen wurden, als sie die Farm erreichten! Sogar das Gesinde grinste vor Vergnügen, als es Herrn Pickwick erblickte; und Emma warf Herrn Tupman einen halb verschämten, halb verwegenen Blick des Wiedererkennens zu; einen Blick, der hingereicht hätte, um die Bildsäule Napoleons, die im Flur stand, zu ermutigen, ihre Arme zu öffnen und die Jungfrau in diese zu schließen.

Die alte Frau saß, wie gewöhnlich, in der vorderen Wohnstube, Aber sie war etwas verdrießlich und folglich ganz besonders taub. Sie ging nie aus und betrachtete es, wie viele andere alte Frauen von gleichem Kaliber, als einen Akt des Hochverrats am Hause, wenn sich jemand die Freiheit nahm, zu tun, was sie nicht mehr konnte. Sie saß also so aufrecht wie möglich in ihrem großen Lehnstuhl und legte möglichst viel Stolz in ihren Bick – und doch spiegelte sich Herzensgüte darin ab.

»Mutter«, sagte Herr Wardle, »Herr Pickwick, Sie werden sich seiner erinnern.«

»Bemühe dich nur nicht meinetwegen!« erwiderte die alte Dame mit großer Würde. »Mach Herrn Pickwick keine Mühe wegen einer alten Frau, wie ich es bin. Niemand bekümmert sich um mich, und das ist auch sehr natürlich.«

Hier schüttelte die alte Frau den Kopf und strich ihr lavendelfarbiges Seidenkleid mit zitternden Händen glatt.

»Wie, Madame?« sagte Herr Pickwick. »Nein, ich kann es nicht zugeben, daß Sie einen alten Freund auf diese Art abspeisen. Ich bin ausdrücklich deshalb heruntergekommen, um mich recht lang mit Ihnen zu unterhalten und eine Partie Whist mit Ihnen zu spielen; ja, und ehe achtundvierzig Stunden durchs Land gehen, wollen wir diesen Knaben und Mädchen zeigen, wie man ein Menuett tanzt.«

Die alte Frau war plötzlich umgestimmt, aber sie wollte es nicht auf einmal zeigen und sagte daher nur: »Ach, ich verstehe ihn nicht.«

»Nicht doch, Mutter, nicht doch«, bemerkte Wardle. »Seien Sie nicht so verdrießlich; es ist ein herzensguter Mann. Denken Sie an Bella. Kommen Sie; Sie müssen dem armen Mädchen Mut zusprechen!«

Die gute alte Frau verstand dies, denn ihre Lippen zitterten, als ihr Sohn also sprach. Aber das Alter hat seine schwachen Seiten, und sie ließ sich noch nicht ganz herumkriegen. Sie strich wieder an dem lavendelfarbigen Kleid hinunter und wandte sich zu Herrn Pickwick mit den Worten:

»Ach, Herr Pickwick, als ich noch ein Mädchen war, waren die jungen Leute ganz anders.«

»Daran ist nicht zu zweifeln, Madame«, versetzte Herr Pickwick, »und deshalb achte ich auch die wenigen Personen so hoch, die noch die Spuren der alten Zeit an sich tragen.«

Und während er also sprach, zog er Bella sanft an sich, drückte ihr einen Kuß auf die Stirn und bat sie, sich auf den kleinen Stuhl zu den Füßen ihrer Großmutter zu setzen. Rief der Ausdruck ihrer Züge, als sie ihr Gesicht dem Antlitz der alten Dame zukehrte, Erinnerungen an alte Zeiten zurück, oder wurde die alte Dame durch Herrn Pickwicks Herzensgüte gerührt, oder war es sonst etwas – kurz, sie wurde ganz weich, legte ihren Kopf auf den Nacken ihrer Enkeltochter und schwemmte ihre üble Laune durch eine Flut stiller Tränen fort.

Die Gesellschaft war an diesem Abend ganz glücklich. Gesetzt und feierlich war die Whistpartie, die Herr Pickwick und die alte Dame miteinander spielten, und lärmend war die Fröhlichkeit am runden Tisch. Lange nachdem sich die Damen zurückgezogen hatten, machte der Glühwein, der mit Rum und Gewürz versetzt war, die Runde aber- und abermal: und gesund war der Schlaf und süß die Träume, die darauf folgten. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß Herrn Snodgrass' Träume in beständiger Beziehung zu Emilie Wardle standen, und in Herrn Winkles Traumgesichten eine junge Dame mit schwarzen Augen, einem schlauen Lächeln und einem Paar außerordentlich niedlicher Pelzstiefelchen die Hauptrolle spielte.

Am andern Morgen wurde Herr Pickwick in aller Frühe durch ein Geräusch von Stimmen und Fußtritten ermuntert, die sogar den fetten Jungen aus seinem harten Schlafe aufwecken mußten. Er setzte sich aufrecht ins Bett und lauschte. Die weibliche Dienerschaft und die weiblichen Gäste liefen unaufhörlich ab und zu. Unzählige Rufe nach warmem Wasser und oft wiederholte Bitten um Nadel und Faden ließen sich hören; auch eine Menge halblauter Gesuche »o komm doch und hilf mir, es ist eine liebe Not«. Daher kam Herr Pickwick in seiner Unschuld auf den Gedanken, es müsse irgend etwas Furchtbares vorgefallen sein, bis er nach und nach sein volles Bewußtsein erlangte und sich der Hochzeit erinnerte. Da das Fest höchst wichtig war, so kleidete er sich mit besonderer Sorgfalt an und ging zum Frühstück.

Alle Dienstmädchen liefen in nagelneuen Anzügen von fraisefarbenem Musselin mit weißen Schleifen an den Hauben, in einem Zustande von Aufregung und Unruhe im Hause umher, der unmöglich beschrieben werden kann. Die alte Dame hatte ein Brokatkleid an, das seit zwanzig Jahren das Tageslicht nicht mehr gesehen, wenn man jene müßigen Strahlen ausnimmt, die sich durch die Ritzen in die Truhe gestohlen hatten, darinnen es die ganze Zeit über aufbewahrt gewesen war. Herr Trundle zeigte sich in höchster Gala, schien aber trotz seines würdevollen Äußeren etwas verschüchtert. Der lustige alte Hauswirt suchte sehr aufgeräumt und unbefangen auszusehen, was ihm aber nicht ganz gelang. Alle Mädchen waren in Tränen und weißen Musselin gehüllt, mit Ausnahme von zwei oder drei Auserwählten, die die besondere Ehre genossen, Braut und Brautjungfern im oberen Saale unter vier Augen zu sehen. Auch alle Pickwickier waren aufs festlichste herausgeputzt. Auf dem Grasplatze vor dem Hause machten sämtliche Männer und Kinder, die zum Pachtgut gehörten, und die alle eine weiße Schleife im Knopfloch trugen, mächtigen Lärm mit Singen und Springen. Dazu wurden sie von Herrn Samuel Weller, der sich die Volksgunst bereits im höchsten Grade erworben hatte und so heimisch geworden war, als wäre er auf dem Lande geboren, durch Wort und Tat aufgefordert und angespornt.

Eine Hochzeit ist eine Gelegenheit, bei der jeder seinen Spaß zu haben berechtigt ist, und doch gehört die Sache selbst gerade nicht zu den spaßhaftesten. Wir sprechen indes nur von der Feier und bitten den Leser, uns ja nicht so zu verstehen, als wollten wir damit eine versteckte Satire auf das eheliche Leben bringen. Mit der Lust und der Freude des Festes vermischen sich die schmerzlicheren Gefühle, die Heimat verlassen zu müssen, die Tränen über den Abschied des Vaters vom Kinde, das Bewußtsein, von den teueren und liebevollen Freunden der glücklichsten Zeit des menschlichen Lebens zu scheiden und sich mit andern, noch nicht erprobten und wenig bekannten in die Sorgen und Mühen der Welt zu stürzen – natürliche Empfindungen, mit deren Beschreibung wir die Heiterkeit dieses Kapitels nicht stören wollen und die wir noch weniger lächerlich zu machen gesonnen sind.

So wollen wir noch kurz anführen, daß die Trauung von dem alten Pfarrer in der Kirche zu Dingley Dell vollzogen, und daß Herrn Pickwicks Name in das Register eingetragen wurde, das noch in der Sakristei aufbewahrt wird. Daß die junge Dame mit den schwarzen Augen ihren Namen mit unsicherer und zitternder Hand eintrug, und daß die Unterschrift Emiliens, als der andern Brautjungfer, beinahe unleserlich war; daß alles in bewunderungswürdiger Ordnung vor sich ging; daß die jungen Damen im allgemeinen die Sache weit weniger schrecklich fanden, als sie erwartet hatten, und daß sich die Eigentümerin der schwarzen Augen und des schlauen Lächelns, die Herrn Winkle erklärte, sie werde sich ganz gewiß niemals zu einer so fürchterlichen Handlung entschließen können, sich in dieser Beziehung sehr täuschte. Zu alledem können wir noch hinzufügen, daß Herr Pickwick der erste war, der die Braut begrüßte und daß er ihr dabei eine reiche goldene Uhr mit Kette von gleichem Metall umhing; eine Uhr, die außer dem Juwelier noch keines Menschen Auge gesehen. Dann erklangen die alten Kirchenglocken so heiter, wie sie nur konnten; und die gesamte Gesellschaft kehrte zum Frühstück zurück.

»Wo sollen die Fleischpasteten hin, du Schlafmütze?« fragte Herr Weller den fetten Jungen, als er diejenigen Speisen ordnen half, die am vorhergehenden Abend nicht mehr bewältigt werden konnten.

Der fette Junge deutete auf den Platz hin, der für die Pasteten bestimmt war.

»Gut so«, sagte Sam, »stecken Sie nun ein bißchen Weihnachtsgrün hinein. Dort in die andere Platte. So; jetzt nehmen wir uns erst hübsch aus, wie jener Vater sagte, als er seinem jungen Buben den Kopf herunterschlug, um ihm das Schielen zu vertreiben.«

Während Herr Weller diesen Vergleich anstellte, wich er einen oder zwei Schritte zurück, um ihm mehr Nachdruck zu geben, und übersah dann die Vorbereitungen mit der größten Zufriedenheit.

Kaum hatten alle ihre Plätze eingenommen, als Herr Pickwick rief:

»Wardle, ein Glas Wein zu Ehren des frohen Festes!«

»Mit dem größten Vergnügen, Freundchen«, antwortete Wardle. »Joe – der verdammte Junge, er schläft wieder.«

»Nein, Sir, ich schlafe nicht«, rief der fette Junge, aus einer entfernten Ecke herkommend, wo er gleich dem heiligen Schutzpatron der fetten Jungen – dem unsterblichen Horner – eine Weihnachtspastete verschlungen hatte, ohne jedoch dabei den Gleichmut und die Reserve zu beobachten, die sonst diesen jungen Gentleman auszeichneten.

»Fülle Herrn Pickwicks Glas.«

»Ja, Sir.«

Der fette Junge füllte Herrn Pickwicks Glas und zog sich dann hinter den Stuhl seines Herrn zurück, von wo aus er dem Spiel der Messer und Gabeln und der Wanderung der erlesenen Bissen von den Platten in die Mäuler der Gesellschaft mit düsterer Freude zusah.

»Zum Wohl, alter Freund«, sagte Herr Pickwick.

»Prosit, Freundchen«, erwiderte Herr Wardle; und sie taten einander herzlich Bescheid.

»Frau Wardle«, sagte Herr Pickwick, »wir Alten müssen auch ein Gläschen Wein miteinander trinken zu Ehren dieses frohen Ereignisses.«

Die alte Dame war von Glanz und Größe umstrahlt: denn sie saß am oberen Ende des Tisches in ihrem Brokatkleide, und neben ihr hatte sie auf der einen Seite ihre neuvermählte Enkeltochter und auf der andern Herrn Pickwick, durch den die Gruppe erst recht gehoben wurde.

Herr Pickwick hatte nicht sehr laut gesprochen, aber sie verstand ihn gleich und leerte ein volles Glas auf sein Wohlergehen und langes Leben. Dann ließ sie sich in eine weitläufige und ausführliche Erzählung ihrer eigenen Hochzeit ein, knüpfte daran eine Abhandlung über die damalige Mode, Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen, und einige Einzelheiten aus dem Leben und den Abenteuern der schönen Lady Tollimglower. Sie lachte selbst über das alles herzlich, und die jungen Damen, die sich wunderten, wodurch um alle Welt die Großmama auf einmal so gesprächig geworden, stimmten mit ein.

Und wenn die jungen Damen lachten, so lachte die alte Dame noch zehnmal herzlicher und sagte, man habe diese Geschichten immer höchst interessant gefunden; eine Äußerung, die wieder neues Gelächter hervorrief, das die alte Dame in die allerbeste Laune versetzte. Dann wurde der Kuchen zerschnitten und machte die Runde um die Tafel, und die jungen Damen legten sich Stücke beiseite, um sie hernach unter das Kopfkissen zu legen, damit sie von ihren künftigen Männern träumen könnten: und das machte viel Spaß und rote GesichterAuch in England herrscht der Glaube, daß in den »Wih-Nachten«, den geweihten Nächten, die Zukunft bzw. der Zukünftige des jungen Mädchens durch allerlei Hokuspokus beschworen und gesehen werden könnte..

»Herr Miller«, sagte Herr Pickwick zu seinem alten Bekannten, dem Herrn mit den starren Zügen, »ein Glas Wein?«

»Mit großem Vergnügen, Herr Pickwick«, versetzte der Herr mit den starren Zügen feierlich.

»Wollen Sie mich auch mit anschließen?« fragte der wohlwollende alte Geistliche.

»Mich auch«, fiel seine Frau ein.

»Mich auch, mich auch«, riefen ein paar arme Verwandte am unteren Ende der Tafel, die aus Herzenslust gegessen und getrunken und über alles gelacht hatten.

Herr Pickwick drückte seine herzliche Freude über jeden neuen Zuruf aus, und seine Augen funkelten vor Lust und Vergnügen.

»Meine Damen und Herren«, begann Herr Pickwick, plötzlich aufstehend –

»Hört, hört! Hört, hört! Hört, hört!« rief Herr Weller im Überschwang seiner Gefühle.

»Ruft die gesamte Dienerschaft herein«, befahl der alte Wardle, um Herrn Weller den öffentlichen Verweis zu ersparen, den dieser sonst ohne allen Zweifel von seinem Herrn erhalten hätte.

»Jedem ein Glas Wein, um den Toast mitzutrinken! Nun, Pickwick?«

Während sich die Gesellschaft still verhielt, die weibliche Dienerschaft flüsterte und die männliche verlegen dastand, fuhr Herr Pickwick fort:

»Meine Damen und Herren – nein, ich will nicht sagen, meine Damen und Herren, meine lieben Freundinnen und Freunde, wenn mir die Damen eine so große Freiheit erlauben wollen – –«

Hier wurde Herr Pickwick durch unermeßlichen Beifall von seiten der Damen unterbrochen; die Herren stimmten mit ein und die Eigentümerin der schwarzen Augen hörte man während des Lärmens ganz deutlich sagen, sie könnte diesen lieben Herrn Pickwick küssen, worauf Herr Winkle galant fragte, ob dafür nicht auch ein Stellvertreter in Betracht käme – eine Frage, die von der jungen Dame mit den schwarzen Augen mit einem »Gehen Sie mir weg« beantwortet, zugleich aber von einem Blicke begleitet wurde, der so deutlich, wie es nur ein Blick konnte, hinzusetzte – »wenn Sie können«.

»Meine teuren Freundinnen und Freunde«, nahm Herr Pickwick seine Rede wieder auf, »ich bin im Begriff, die Gesundheit der Braut und des Bräutigams auszubringen – Gott segne sie (Beifall und Tränen). Meinen jungen Freund Trundle halte ich für einen ausgezeichneten, charakterfesten Mann, und seine Frau kenne ich als ein sehr liebenswürdiges und achtungswertes Wesen, wohlgeeignet, das Glück, das sie zwanzig Jahre lang in ihres Vaters Haus um sich her verbreitet hat, in einen andern Wirkungskreis zu übertragen (hier brach der fette Junge in ein lautes Geheul aus und wurde von Herrn Weller am Rockkragen hinausgeführt). Ich wünschte«, fügte Herr Pickwick hinzu, »ich wünschte, ich wäre jung genug, um der Gatte ihrer Schwester zu sein (Beifall), aber da dies nun nicht der Fall ist, so bin ich doch so glücklich, alt genug zu sein, um ihr Vater sein zu können, und so bin ich denn über den Verdacht versteckter Absichten erhaben, wenn ich sage, daß ich sie beide bewundere, achte und liebe (Beifall und Schluchzen). Der Vater der Braut, unser guter Freund, ist ein edler Mann, und ich bin stolz darauf, ihn zu kennen (großes Beifallgeschrei). – Es ist ein liebevoller, vortrefflicher, edeldenkender, herzensguter, gastfreundlicher, freigebiger Mann. (Enthusiastischer Beifall von seiten der armen Verwandten bei allen diesen Lobesworten, besonders bei den beiden letzteren). Daß seiner Tochter all das Glück zuteil werde, das sie nur immer selbst wünschen kann, und daß sie aus dem stillen Genusse ihres Glückes alle Freuden des Herzens und alle Ruhe der Seele sich holen möge, die sie so wohl verdient, ist, ich bin es überzeugt, unser aller Wunsch. So laßt uns denn auf ihre Gesundheit trinken und ihnen ein langes Leben und alles Heil wünschen!«

Unter stürmischem Beifall schloß Herr Pickwick seine Rede. Die Zungen der Überzähligen wurden unter Herrn Wellers Befehlen in die größte Tätigkeit versetzt. Herr Wardle schlug Herrn Pickwick und Herr Pickwick die alte Dame – Herr Snodgrass Herrn Wardle und Herr Wardle Herrn Snodgrass – einer von den armen Vettern Herrn Tupman und der andere arme Vetter Herrn Winkle zum weiteren Gegenstand eines Trinkspruches vor. Alles war lauter Lust und Freude, bis das geheimnisvolle Verschwinden der beiden armen Vettern unter den Tisch die Gesellschaft daran erinnerte, daß es Zeit sei, vom Frühstück aufzustehen.

An der Mittagstafel traf man wieder zusammen, nachdem die männlichen Glieder der Gesellschaft auf Wardles Empfehlung fünfundzwanzig Meilen weit spazieren gegangen waren, um die Wirkungen des beim Frühstück genossenen Weines aufzuheben, während die armen Vettern den ganzen Tag im Bett lagen, um dasselbe Glück zu erzielen, aber wegen der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungcn liegenbleiben mußten. Herr Weller hielt die Dienerschaft ununterbrochen heiter, und der fette Junge teilte seine Zeit zwischen Essen und Schlafen.

Das Mittagsmahl war ebenso vergnügt und ebenso geräuschvoll wie das Frühstück, aber Tränen kamen nicht vor. Dann trug man den Nachtisch auf und brachte noch verschiedene Gesundheiten aus. Hierauf folgten Tee und Kaffee und endlich der Ball.

Der beste Saal zu Manor-Farm hatte ein freundliches Aussehen, eine hübsche Länge, dunkles Tafelwerk, hohes Kamingesims und eine so geräumige Feuerstätte, daß eine von unseren neuen Patentdroschken samt Rädern und allem hätte hineinfahren können. Am oberen Ende des Gelasses saßen in einer schattigen Laube von Stechpalmen und Immergrün die beiden besten Geiger und die einzige Harfenspielerin von ganz Muggleton. In allen Nischen und auf allen Gesimsen standen alte, massive silberne Leuchter, jeder mit vier Armen, der Boden war mit Teppichen belegt; die Kerzen brannten hell, das Feuer loderte und knisterte im Kamin; heitere Stimmen und frohes Gelächter hallten durch den Saal. Wenn einige von den alten englischen Landedelfrauen nach ihrem Tode in Feen verwandelt worden wären, so wäre gerade dies der Platz gewesen, an dem sie ihre Tänze gehalten hätten.

Wenn irgend etwas den interessanten Charakter dieser anmutigen Szene noch mehr hervorheben konnte, so war es die merkwürdige Tatsache, daß Herr Pickwick zum ersten Male, soweit das Gedächtnis seiner ältesten Freunde reichte, ohne Gamaschen erschien.

»Gedenken Sie zu tanzen?« fragte Wardle.

»Natürlich«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehen Sie nicht, daß ich dazu angekleidet bin?«

Und Herr Pickwick lenkte die Aufmerksamkeit auf seine gesprenkelten seidenen Strümpfe und blank gewichsten Tanzschuhe.

»Sie in seidenen Strümpfen!« rief Herr Tupman in scherzhaftem Ton.

»Und warum nicht, Sir – warum nicht?« sagte Herr Pickwick, sich hitzig gegen ihn umwendend.

»Oh, es ist natürlich kein Grund vorhanden, warum Sie sie nicht tragen sollten«, antwortete Herr Tupman.

»Das will ich meinen, Sir – das will ich meinen«, sagte Herr Pickwick in sehr entschiedenem Tone.

Herr Tupman hatte Lust zum Lachen verspürt, aber er fand jetzt, daß die Sache ernster Natur war; er nahm deshalb auch eine ernste Miene an und sagte, die Strümpfe seien sehr hübsch.

»Ich hoffe es«, bemerkte Herr Pickwick mit einem festen Blick auf seinen Freund, »und ich hoffe, Sir, daß Sie an diesen Strümpfen, als Strümpfen, nichts Außerordentliches finden?«

»Gewiß nicht – oh, gewiß nicht«, erwiderte Herr Tupman.

Er ging weg und Herrn Pickwicks Gesicht nahm seinen gewohnten wohlwollenden Ausdruck wieder an.

»Wir sind, glaube ich, alle bereit«, sagte Herr Pickwick, der mit der alten Dame vorgetreten war, um den Ball zu eröffnen, und in seinem außerordentlichen Eifer bereits vier falsche Tritte getan hatte.

»So beginnen Sie also«, sagte Herr Wardle. »Nun.«

Die zwei Geigen und die Harfe erklangen, und Herr Pickwick begann den Tanz, als er durch ein allgemeines Händeklatschen und den Ruf: »Halt! Halt!« unterbrochen wurde.

»Was gibt's?« rief Herr Pickwick, der nur durch das Verstummen der Geige und der Harfe zum Stehen gebracht werden konnte. Sonst hätte das keine andere irdische Gewalt erreichen können, und wäre das Haus in Flammen gestanden.

»Wo ist Arabella Allen?« rief ein Dutzend Stimmen.

»Und Winkle?« setzte Herr Tupman hinzu.

»Hier sind wir«, rief der genannte Herr, mit seiner hübschen Gefährtin aus einer Ecke hervortretend: und es würde schwer gehalten haben, zu bestimmen, wer von beiden ein röteres Gesicht hatte, er oder die junge Dame mit den schwarzen Augen.

»Was ist aber das für ein wunderliches Benehmen, Winkle«, sagte Herr Pickwick etwas ärgerlich, »daß Sie nicht schon vorher an Ihrem Platze waren?«

»Gar nicht wunderlich«, sagte Herr Winkle.

»Nun«, versetzte Herr Pickwick mit einem sehr ausdrucksvollen Lächeln, als seine Augen auf Arabella ruhten: »schon gut: ich will es jetzt nicht mehr behaupten, daß es ›wunderlich‹ war.«

Indessen hatte man keine Zeit mehr, weiter über diesen Gegenstand nachzudenken, denn Geigen und Harfe hoben jetzt voll an. Herr Pickwick schwebte dahin, von der Mitte bis zum äußersten Ende des Saals, an den Kamin und wieder zurück an die Türe – Poussette hin und Poussette her – lautes Stampfen auf den Boden – das nächste Paar – ab – die ganze Figur wiederholt – eine zweite Aufforderung, die Tour zu eröffnen.

Das nächste Paar vor, und das nächste Paar vor, und wieder das nächste Paar vor – nein, so was hatte man noch nie erlebt! und endlich, nachdem alle ausgetanzt, und volle vierzehn Paare nach der alten Dame abgetreten und die Frau Pfarrerin die Stelle der Großmutter eingenommen, hielt Herr Pickwick noch immer aus, während man seiner Anstrengungen gar nicht mehr bedurfte; und solange die Musik rauschte, tanzte er ununterbrochen fort, seiner Tänzerin die ganze Zeit über mit unbeschreiblicher Freundlichkeit zulächelnd.

Lang eh sich Herr Pickwick müde getanzt hatte, war das neuvermählte Paar vom Schauplatz abgetreten. Unten erwartete die Gesellschaft ein vortreffliches Nachtessen, und lange und viel wurde dabei getafelt. Als Herr Pickwick am andern Morgen spät erwachte, hatte er eine verworrene Erinnerung, ungefähr fünfundvierzig Personen dringend eingeladen zu haben, sobald sie nach London kämen, im »Georg und Geier« mit ihm zu speisen – eine so große Gastfreundlichkeit, die Herr Pickwick für ein fast untrügliches Zeichen ansah, daß er in der vergangenen Nacht seinem Körper mehr zugemutet hatte, als die bloße Bewegung.

»Also diesen Abend wird sich die Familie in der Küche mit Gesellschaftsspielen unterhalten, meine Liebe?« fragte Sam Emma.

»Ja, Herr Weller«, antwortete Emma; »wir halten es immer so am Weihnachtsabend. Der Herr hält auf diesen Brauch.«

»Ihr Herr hält überhaupt auf einen, meine Teuerste«, sagte Herr Weller. »Ich habe noch nie einen so vollendeten Gentleman kennengelernt.«

»Ja, das ist er!« sagte der fette Junge, sich ins Gespräch mischend. »Zieht er nicht herrliche Ferkel auf?«

Und der fette Junge warf Herrn Weller einen beinahe kannibalischen Blick zu, als er an gebratene Knöchelchen und Schweinsbrühe dachte.

»Ah, Sie sind also doch endlich aufgewacht?« fragte Sam.

Der fette Junge nickte bejahend.

»Ich will Ihnen was sagen, junge Riesenschlange«, sagte Herr Weller mit Nachdruck. »Wofern Sie nicht etwas weniger schlafen und sich etwas mehr Bewegung machen, wenn Sie einmal ins männliche Alter kommen, werden Sie sich eine Unbequemlichkeit auf den Hals laden, wie der alte Herr mit der Zopfperücke.«

»Was war's denn mit diesem?« fragte der fette Junge stotternd.

»Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte Herr Weiler; »es war einer von den dicksten Schmerbäuchen, die sich je umgedreht haben – eine Art Mastochse, der fünfundvierzig Jahre lang seine eigenen Füße nicht sah.«

»Himmel!« rief Emma.

»Ja, wirklich, meine Teure«, sagte Herr Weller, »und wenn Sie ihm das genaueste Modell von seinen Beinen auf den Tisch gelegt hätten, er hätte sie nicht erkannt. Er ging immer in sein Geschäftszimmer mit einer sehr schönen goldenen Uhrkette, die anderthalb Fuß lang herabhing, und einer goldenen Uhr in seiner Westentasche, die – ich kann kaum sagen wieviel, aber immer soviel, als irgendeine Uhr wert war – ein großes, schweres, rundes Ding, als Uhr so dick wie er als Mann, mit einem verhältnismäßig breiten Zifferblatt. ›Sie sollten diese Uhr nicht tragen‹, sagten die Freunde des alten Herrn, ›man wird sie Ihnen noch stehlen‹, sagten sie. – ›Wie, das soll ich?‹ sagte er. – ›Ja, das sollen Sie‹, sagten sie. – ›Nun‹, sagte er, ›ich möchte den Dieb sehen, der die Uhr herausbrächt?! denn ich will verdammt sein, wenn ich sie selbst herausbringe. Es ist ein so plumpes Ding, und wenn ich je wissen will, wieviel Uhr es ist, so muß ich in die Bäckerläden gehen‹, sagte er. – Gut, dann lachte er so toll, als wollte er platzen, und ging wieder mit seinem gepuderten Kopf und Zopf aus. So wälzte er sich den Strand hinunter, und die Kette hing weiter herab als je, und die große, runde Uhr drückte beinahe ein Loch durch seine grauen Kirseyhosen. Es war kein Taschendieb in ganz London, der nicht schon an der Kette gerissen hätte, aber die Kette wollte nicht reißen, und die Uhr wollte nicht heraus, so daß sie es bald müde wurden, einen so schweren alten Herrn die Straße entlang zu ziehen. Da ging er denn nach Hause und lachte, daß sein Zopf wie der Perpendikel an einer Holländeruhr hin und her wackelte. Eines Tages wälzte sich der alte Herr wieder einmal spazieren und sah einen Taschendieb, den er auf den ersten Blick erkannte, Arm in Arm mit einem kleinen Jungen, der einen sehr großen Kopf hatte, auf sich zukommen. ›Das gibt einen Spaß‹, sagte der alte Herr bei sich selbst, ›die werden's wieder probieren, aber sie werden sich brennen.‹ Er fing aus vollem Halse zu lachen an. Da ließ der kleine Junge plötzlich den Arm des Taschendiebes los und rannte mit dem Kopf gegen den Bauch des dicken Herrn und warf ihn zu Boden. ›Mörder‹, rief der alte Herr. – ›Alles in Ordnung, Sir‹, flüsterte ihm der Taschendieb ins Ohr. Und als er wieder auf den Beinen war, waren Uhr und Kette fort. Was aber noch schlimmer war: die Verdauung des alten Herrn ging nachher bis auf den letzten Tag seines Lebens nicht mehr in gehöriger Ordnung vor sich. – So sehen Sie also wohl zu, junger Herr, und nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht zu fett werden.«

Herr Weller schloß diese moralische Erzählung, von der der fette Junge sehr gerührt schien, und alle drei gingen in die große Küche, in der nach unendlich altem Brauch die Familie versammelt war.

Soeben hatte der alte Wardle im Mittelpunkt der Decke mit eigenen Händen einen großen MistelzweigJedes Paar, das unter den aufgehängten Mistelzweig zu stehen kommt, ist nach alter englischer Weihnachtssitte verpflichtet, sich zu küssen. aufgehängt, und dieser Mistelzweig veranlaßte augenblicklich ein allgemeines, höchst vergnügtes Gedränge. Mitten in dem Durcheinander nahm Herr Pickwick mit einer Galanterie, die einem Abkömmling der Lady Tollimglower Ehre gemacht hätte, die alte Dame bei der Hand, führte sie unter den geheimnisvollen Zweig und küßte sie mit Höflichkeit und allem Anstand. Die alte Dame unterwarf sich dieser Artigkeit mit aller Würde, die eine so wichtige und ernste Feier erforderte. Aber die jüngeren Damen, die keine so abergläubische Verehrung für das Herkommen hegten, oder der Meinung waren, der Wert eines Kusses werde bedeutend erhöht, wenn es einige Mühe koste, ihn zu erlangen, kreischten, schlugen um sich, liefen in die Ecken und taten alles mögliche; nur die Küche verließen sie nicht. Erst als einige von den weniger verwegenen Herren anfingen scheu zu werden und zu resignieren, fanden es auf einmal alle zwecklos, weiteren Widerstand zu leisten und unterwarfen sich dem Kusse freiwillig. Herr Winkle küßte die junge Dame mit den schwarzen Augen, Herr Snodgrass küßte Emilie, und Herr Weller, dem es nicht besonders um die Förmlichkeit zu tun war, daß es gerade unter dem Mistelzweig geschehen sollte, küßte Emma und die übrigen Dienstmädchen, wo er sie erhaschte. Was die armen Vettern betrifft, so küßten sie alle ohne Unterschied, nicht einmal den unansehnlicheren Teil der weiblichen Gäste ausgenommen, die in ihrer außerordentlichen Verwirrung gerade unter den Mistelzweig rannten, ohne es selbst zu wissen. Wardle kehrte dem Feuer den Rücken zu und übersah die ganze Szene höchst vergnügt, und der fette Junge ergriff die Gelegenheit, eine besonders schöne Fleischpastete, die für jemand anders sorgfältig zurückgelegt worden war, für sich zu requirieren und auf einmal zu verschlingen.

Der laute Jubel hatte jetzt nachgelassen. Die Gesichter glühten, die Locken waren in Verwirrung, und Herr Pickwick stand unter dem Mistelzweig, nachdem er, wie schon erwähnt, die alte Dame geküßt hatte, und sah mit sehr vergnügtem Gesicht dem Treiben um sich her zu. Da sprang die junge Dame mit den schwarzen Augen nach kurzem Geflüster mit den andern jungen Damen plötzlich auf ihn zu, legte ihren Arm um seinen Nacken und küßte ihn zärtlich auf die linke Wange. Und ehe Herr Pickwick recht wußte, was vorging, war er von der ganzen Gesellschaft umringt und von allen abgeküßt.

Es war ergötzlich, Herrn Pickwick mitten in dem Knäuel zu sehen, wie er bald da- bald dorthin gezerrt und zuerst auf das Kinn und dann auf die Nase und dann auf die Brille geküßt wurde. Alles lachte herzlich darüber. Aber es war ein noch heiterer Anblick, wie Herr Pickwick nachher mit einem seidenen Taschentuch um die Augen gegen die Wand rannte, in die Winkel tappte und mit dem größten Vergnügen auf alle Geheimnisse des Blindekuhspiels einging, bis er endlich einen von den armen Vettern erwischte; und wie er dann der blinden Kuh selbst aus dem Wege gehen mußte, was er mit einer Behendigkeit und Gewandtheit tat, die alle Zuschauer zur Bewunderung hinriß. Die armen Vettern fingen gerade die Personen, von denen sie glaubten, daß sie sich gerne fangen ließen, und als der Eifer abschwoll, ließen sie sich selbst fangen. Als man genug Blindekuh gespielt hatte, wurde eine große DrachenschnappeBei diesem Spiel werden Rosinen aus brennendem Branntwein geholt. aufgeführt, und als Finger genug dabei verbrannt und die Rosinen alle fortgeholt waren, setzte man sich neben dem hochlodernden Feuer zu einem tüchtigen Nachtessen und einer mächtigen Schüssel, die etwas kleiner war, als ein gewöhnlicher Waschkessel, und in der heiße Äpfel so einladend und lustig zischten und tanzten, daß es in der Tat unwiderstehlich war.

»Das ist«, sagte Herr Pickwick, rund um sich blickend, »das ist wirklich köstlich.«

»So halten wir's immer«, versetzte Herr Wardle. »Am Weihnachtsabend sitzen wir alle, wie Sie jetzt sehen, Herr und Diener zusammen, und hier warten wir, bis die Glocke zwölf Uhr schlägt, um den heiligen Christ zu empfangen, und vertreiben uns die Zeit mit Pfänderspielen und alten Geschichten. – Trundle, mein Junge, schüren Sie das Feuer.«

Die hellen Funken flogen zu Myriaden umher, als die Holzscheite aufgestöbert wurden, und die dunkelrote Flamme goß einen glänzenden Schein von sich, der in die entfernteste Ecke der Küche drang und jedes Gesicht mit heiterm Glanz bestrahlte.

»Kommen Sie«, sagte Wardle, »ein Lied – ein Weihnachtslied, ich will Ihnen eins singen in Ermangelung eines bessern.«

»Bravo«, rief Herr Pickwick.

»Füllen Sie die Gläser auf«, rief Wardle; »es wird zwei gute Stunden dauern, bis Sie durch die dunkelrote Farbe des Getränks den Boden der Bowle sehen; füllen Sie alle, und jetzt das Lied.«

Nach diesen Worten begann der muntere alte Herr mit einer schönen, vollen Männerstimme ohne weitere Umstände –

          Ein Weihnachtslied.

Der Lenz, so viel er Rosen schickt,
Kann doch mich nicht berücken, –
Wenn heut ein Regen sie erquickt,
Ein Opfer seiner Tücken.
Ein Elfe, kennt er selbst sich nicht,
Den ganz Charakterlosen;
Er lacht dir freundlich ins Gesicht
Und würgt, ein kalter Bösewicht,
Die jüngsten seiner Rosen.

Die Sommersonne mag getrost
Sich einen Schleier weben,
Ich bin darüber nicht erbost;
Wenn sie ein Wolkenmeer umtost.
So kann ich's überleben.
Der Wahnsinn ruht in ihrem Schoß
Mit seinen Fieberscharen,
Und ist die Liebe gar zu groß,
Hat sie ein kurzes Lebenslos,
Wie mancher schon erfahren.

Die freundliche Septembernacht
Im milden Mondenlichte
Ist's, was mir mehr Vergnügen macht,
Als Mittagsglanz in seiner Pracht,
Mit seinem Glutgesichte;
Doch seh ich ein erstorben Blatt
Am kalten Boden liegen,
So bin ich schon des Herbstes satt;
So große Reize er auch hat.
Er bringt mir kein Vergnügen.

Jedoch die traute Weihnachtszeit,
Die wollen wir besingen;
Hoch lebe ihre Biederkeit
Mit ihrer Herzensoffenheit!
Laßt alle Gläser klingen!
Begrüßt sie mit der reinsten Lust
Die traute Nacht der Weihe,
Und drückt, der Freude nur bewußt,
Wie eine Braut sie an die Brust,
Und brecht ihr nie die Treue.

Sie hat ein narbiges Gesicht;
Ein sturmerprobter Sieger,
Schämt sie sich aber dessen nicht,
Es teilen dieses Angesicht
D'rum sing' ich, daß die Decke dröhnt.
Und daß in alle Weiten
Der Widerhall hinübertönt,
Der Königin der Zeiten.

Dieses Lied wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen; denn Freunde und Gesinde hatten gar aufmerksame Ohren. Besonders die armen Vettern waren vor Entzücken ganz außer sich. Das Feuer wurde von neuem geschürt und die Bowle machte wieder die Runde.

»Wie es schneit«, sagte einer von den Männern leise.

»Schneien?« fragte Wardle.

»Eine rauhe kalte Nacht, Sir«, erwiderte der Mann, »und ein Wind geht, der den Schnee in dicken weißen Wolken über die Felder jagt.«

»Was sagt Jem?« fragte die alte Dame, »es ist doch nichts Besonderes vorgefallen?«

»Nein, nein, Mutter«, erwiderte Wardle; »er spricht nur von einem Schneegestöber und einem kalten schneidenden Wind. Man hört's aber auch am Sausen im Kamin.«

»Ach«, sagte die alte Dame, »es ging gerade ein solcher Wind, und es fiel gerade ein solcher Schnee vor langen, langen Jahren, ich erinnere mich noch – es war gerade fünf Jahre vor dem Tod deines armen Vaters. Es war auch ein Weihnachtabend, und ich erinnere mich, daß er uns in derselben Nacht die Geschichte von den Gespenstern erzählte, die den alten Gabriel Grub holten.«

»Die Geschichte von was?« fragte Herr Pickwick.

»Ach nichts – nichts«, erwiderte Wardle. »Von einem alten Totengräber, von dem die guten Leute glauben, die Gespenster haben ihn geholt.

»Glauben?« rief die alte Dame au«. »Ist jemand so verstockt, um es nicht zu glauben? Glauben! Hast du nicht schon von deiner Kindheit an gehört, daß er von den Gespenstern geholt wurde, und weißt du nicht, daß es wirklich geschah?«

»Aber natürlich, Mutter, es ist wahrhaftig geschehen, wenn Sie es so haben wollen«, sagte Wardle lachend. »Er wurde von den Gespenstern geholt, Pickwick, und damit lassen wir die Sache auf sich beruhen.«

»Nein, nein«, rief Herr Pickwick, »wir lassen die Sache nicht auf sich beruhen: denn ich muß auch wissen, wie und warum und unter welchen Umständen.«

Wardle lächelte, als er sah, daß jedermann begierig war, die Geschichte zu hören: und mit freigebiger Hand einschenkend, trank er Herrn Pickwick auf seine Gesundheit zu und begann wie folgt –

Doch der Himmel vergebe es unserm schriftstellerischen Gewissen – zu welch einem langen Kapitel haben wir uns hinreißen lassen! Wir erklären hiermit feierlich, daß wir unsere Sparsamkeit in bezug auf den Raum, den wir unserm Kapitel gönnen, gänzlich vergessen haben. So wollen wir denn das Gespenst gleich in ein neues hinüberwerfen, und ich kann Sie versichern, meine Damen und Herrn, es geschieht das nicht aus Vergünstigung gegen die Gespenster, sondern bloß aus Rücksicht auf die Station.

 

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