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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Samuel Weller macht eine Wallfahrt nach Dorking und sieht seine Stiefmutter.

Da bis zur Zeit, die zur Abreise der Pickwickier nach Dingley Dell anberaumt war, noch zwei Tage fehlten, so setzte sich Herr Weller, nachdem er früh zu Mittag gespeist hatte, bei »Georg und Geier« in ein Hinterstübchen, um darüber nachzudenken, wie er diese Zeit am zweckmäßigsten anwenden könnte. Es war ein außerordentlich schöner Tag, und er hatte noch keine zehn Minuten lang in seinem Geiste nachgedacht, als er plötzlich einen Anfall von kindlicher Liebe und Zärtlichkeit verspürte. Der Gedanke, seinen Vater besuchen und seiner Stiefmutter sich vorstellen zu müssen, stand so gebieterisch vor seiner Seele, daß er ganz erstaunt war, wie er bisher diese Pflicht so gänzlich vergessen haben konnte. Um die Versäumnis unverzüglich wieder einzuholen, ging er sofort zu Herrn Pickwick hinauf und bat ihn um Urlaub, damit er seinen lobenswerten Entschluß ausführen konnte.

»Von Herzen gern, Sam, von Herzen gern«, sagte Herr Pickwick, dessen Augen vor Freude über diesen Beweis der zärtlichen Gefühle seines Dieners funkelten; »von Herzen gern, Sam.«

Herr Weller verneigte sich dankbar.

»Ich sehe mit Vergnügen«, sagte Herr Pickwick, »daß du ein so zartes Gefühl für deine kindlichen Pflichten hast, Sam.«

»Das habe ich immer gehabt, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Es freut mich sehr, das von dir zu hören«, sagte Herr Pickwick beifällig.

»Ja, Sir«, versetzte Herr Weller: »so oft ich etwas von meinem Vater haben wollte, bat ich ihn jedesmal auf die artigste und höflichste Weise darum, und wenn er es mir nicht gab, so nahm ich es selber, aus Furcht, ich möchte mich zu einer Unart verleiten lassen, wenn ich es nicht bekäme. Ich ersparte ihm auf diese Weise unendlich viel Verdruß, Sir.«

»Das ist es nicht gerade, was ich meine, Sam«, versetzte Herr Pickwick kopfschüttelnd mit leichtem Lächeln.

»Hatte immer ein zartes Gefühl, Sir – immer die besten Absichten, wie jener Herr sagte, als er sein Weib im Stich ließ, weil sie unglücklich mit ihm zu sein schien.«

»Du kannst gehen, Sam«, sagte Herr Pickwick.

»Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Herr Weller: und nachdem er seine zierlichste Verbeugung gemacht und seine besten Kleider angelegt hatte, setzte er sich oben auf die Kutsche von Arundel und fuhr nach Dorking.

Der »Marquis von Granby«John Manners Marquis of Granby (1721–1770) war ein populärer englischer General, der bei der englischen Hilfsaktion für Friedrich den Großen im Siebenjährigen Krieg nach Deutschland entsandt wurde und sich hier militärisch sehr auszeichnete. war zu Wellers Zeiten das Muster eines Landstraßenwirtshauses der besseren Klasse – gerade groß genug, um bequem, und klein genug, um behaglich zu sein. An der Straßenseite des Hauses war ein großes Schild hoch oben angebracht, das den Kopf und die Schultern eines Mannes von dickblütigem Naturell in rotem Rocke mit dunkelblauen Aufschlägen und einem dreieckigen Hute unter einem Himmel von gleich blauer Farbe darstellte. Über ihm waren ein paar Fahnen und unter seinem untersten Rockknopfe ein paar Kanonen angebracht. Das ganze aber sollte eine auffallende, unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Marquis von Granby glorreichen Angedenkens haben.

Am Fenster des Schenkstübchens präsentierte sich eine erlesene Sammlung von Geranien und eine Reihe dick mit Staub bedeckter Branntweinflaschen. Die offenen Fensterladen waren mit einer Menge goldener Inschriften dekoriert, die gute Betten und vorzügliche Weine verhießen, und die ebenso erlesene Gesellschaft von Bauern und Hausknechten, die an der Stalltüre neben den Futtertrögen herumlungerten, gaben einen Beweis von vornherein für die Vortrefflichkeit des Ales und Branntweins, die im Hause verkauft wurden. Sam Weller stieg ab und blieb vor der Haustür stehen, um mit dem Auge eines erfahrenen Reisenden alle diese kleinen Anzeichen eines lebhaften Geschäftsbetriebs zu mustern. Darauf ging er, mit den Ergebnissen seiner Beobachtungen völlig zufrieden, raschen Schrittes hinein.

»Bitte schön«, rief eine gellende weibliche Stimme in dem Augenblick, da Sam seinen Kopf zur Tür hineinsteckte, »was wünschen Sie, junger Mann?«

Sam sah sich in der Richtung, aus der die Stimme kam, um. Sie gehörte einer ziemlich wohlbeleibten Dame von behaglichem Aussehen, die im Schenkstübchen neben dem Kamin saß und das Feuer unter dem Teekessel anblies. Sie war nicht allein, denn auf der andern Seite der Feuerstätte saß in einem Stuhl mit hohem Rücken ein Mann in fadenscheinigen schwarzen Kleidern, mit einem Rücken, der beinahe ebenso lang und straff war wie die Lehne des Stuhles, und dieser Mann erregte sogleich Sams besondere Aufmerksamkeit.

Er hatte ein langes, schmales, heuchlerisches Gesicht, eine rote Nase und ein stechendes Auge, das an eine Klapperschlange erinnerte und entschieden auf eine schlechte Gesinnung hindeutete. Er trug sehr kurze Beinkleider und schwarze baumwollene Strümpfe, die gleich seinem übrigen Anzuge sehr abgeschabt waren. Seine Blicke waren steif, aber sein weißes Halstuch war es nicht, und die langen, schmalen Zipfel desselben hingen auf eine für das Auge sehr beleidigende Weise über seine eng zugeknöpfte Weste herab. Ein paar alte, abgetragene Biberhandschuhe, ein breitkrempiger Hut und ein verschossener grüner Regenschirm mit einer Menge von hervorstehenden Fischbeinen, die den Mangel eines Handgriffes am oberen Ende ersetzen zu müssen schienen, lagen auf dem Stuhl neben ihm. Die Ordnung und Sorgfalt aber, womit diese Dinge untergebracht waren, schienen darauf hinzudeuten, daß der Mann mit der roten Nase, wer er auch sein mochte, nicht die Absicht hatte, so schnell wieder weiterzugehen.

Um jedoch dem Mann mit der roten Nase Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir bemerken, daß er keineswegs weise gewesen wäre, wenn er solche Absicht, weiterzugehen, gehabt hätte. Er hätte wahrhaftig einen ausgezeichneten Kreis von Bekannten haben müssen, wenn er es irgendwo anders hätte behaglicher bekommen können. Das Feuer brannte hell unter dem Einflusse des Blasebalgs, und der Kessel summte vergnüglich unter dem Einfluß beider. Auf dem Tische stand ein kleines Teeservice, und auf einer Platte vor dem Feuer rösteten langsam einige Butterbrotschnitten. Der Mann mit der roten Nase aber war eifrig damit beschäftigt, ein großes Stück Brot mittels einer langen messingenen Gabel in den genannten Leckerbissen zu verwandeln. Neben ihm stand ein Glas duftenden warmen Ananasgrogs mit einer Zitronenscheibe darin. So oft der Mann mit der roten Nase die Brotschnitte vors Auge hielt, um zu untersuchen, wie weit sie gar sei, nahm er ein paar Tropfen von dem warmen Ananasgrog zu sich und lächelte der ziemlich wohlbeleibten Dame zu, während sie das Feuer anblies.

Sam hatte sich so sehr in die Betrachtung dieser behaglichen Szene verloren, daß er die erste Frage der ziemlich Wohlbeleibten gänzlich überhörte. Erst als sie zweimal, und zwar jedesmal mit gellenderem Tone wiederholt worden war, kam er zu dem Bewußtsein der Unschicklichkeit seines Betragens.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Sam in Erwiderung der Frage der Dame.

»Nein«, versetzte Frau Weller, denn die ziemlich Wohlbeleibte war niemand anders, als die weiland Witib und Universalerbin des seligen Herrn Clarke: – »nein, er ist nicht zu Hause, und ich erwarte ihn auch nicht.«

»Er ist wohl ausgefahren?« fragte Sam.

»Kann sein: vielleicht aber auch nicht«, erwiderte Frau Weller, eine Brotschnitte, die der Mann mit der roten Nase eben abgeschnitten hatte, mit Butter bestreichend: »ich weiß es nicht, und überdies kümmert es mich auch nicht. Sprechen Sie einen Segen, Herr Stiggins.«

Der Mann mit der roten Nase tat, was man verlangt hatte, und fiel dann augenblicklich mit großer Gefräßigkeit über die Brotschnitten her.

Gleich auf den ersten Blick hatte Sam aus dem Äußern des Mannes mit der roten Nase deutlich genug den Schluß gezogen, es möchte der Helfer des Hirten sein, von dem sein achtbarer Vater gesprochen. In dem Augenblick, da er ihn essen sah, waren alle seine Zweifel darüber behoben. Er merkte sogleich, daß er, um einstweilen sein Quartier hier aufschlagen zu können, unverzüglich festen Fuß fassen müsse. Demgemäß begann er damit, daß er seinen Arm über die Halbtür des Schenkstübchens legte, kaltblütig aufschloß und gemächlich hineinging.

»Stiefmutter«, sagte er, »wie geht's Euch?«

»Wahrhaftig, ich glaube es ist ein Weller«, rief sie, ihre Augen mit nicht sehr vergnügtem Ausdruck auf Sams Gesicht richtend.

»Ich glaube es beinahe auch«, sagte der unerschütterliche Sam, »und ich hoffe, Hochwürden hier werden mich entschuldigen, wenn ich den Wunsch ausdrücke, Euer Weller zu sein, Stiefmutter.«

Das war doppelte Ladung; denn er gab damit zu verstehen, daß Frau Weller eine sehr anmutige Frau sei, und zugleich, daß Herr Stiggins ein geistliches Aussehen habe. Das Kompliment machte auch einen sichtbaren Eindruck auf beide, und Sam verfolgte seinen Vorteil, indem er seine Stiefmutter küßte.

»Ach, gehen Sie«, sagte Frau Weller, ihn von sich stoßend.

»Pfui, junger Mann«, schalt der Herr mit der roten Nase.

»Keine Beleidigung, Sir, keine Beleidigung«, versetzte Sam. »Doch Sie haben ganz recht; es ist aber auch etwas Mißliches, wenn Stiefmütter jung und hübsch sind – nicht wahr, Sir?«

»Es ist alles vergänglich«, sagte Herr Stiggins.

»Ach ja«, seufzte Frau Weller, ihre Haube zurechtsetzend.

Sam war der gleichen Meinung, verschloß sie aber in seine Brust.

Der Hirtenhelfer schien über Sams Ankunft keineswegs sehr erfreut. Als die erste Begeisterung über das Kompliment verflogen war, sah man es sogar Frau Weller an, daß sie Sams Gegenwart ohne die geringste Unzufriedenheit hätten entbehren können. Aber er war nun einmal da, und da man ihn anstandshalber nicht hinausweisen konnte, so setzten sich alle drei zum Tee.

»Und was macht der Vater?« fragte Sam.

Auf diese Frage hob Frau Weller Hände und Augen empor, als wäre der Gegenstand zu schmerzlich, um ihn zu berühren.

Herr Stiggins seufzte.

»Was hat dieser Herr?« fragte Sam.

»Er beklagt den Weg, den Ihr Vater wandelt«, erwiderte Frau Weller.

»Wirklich?« fragte Sam.

»Und er hat nur zu triftige Gründe dazu«, fuhr Frau Weller mit ernstem Tone fort.

Herr Stiggins nahm eine frische Butterschnitte und stieß einen schweren Seufzer aus.

»Es ist ein schrecklich ruchloser Mensch«, sagte Frau Weller.

»Ein Mensch, der einen empören kann«, setzte Herr Stiggins hinzu, biß ein großes, halbkreisförmiges Stück aus der Buttertoast heraus und seufzte wieder.

Sam fühlte sich sehr dazu aufgelegt, dem ehrwürdigen Herrn Stiggins Anlaß zum Seufzen zu geben, aber er bezwang seine Neigung und fragte nur:

»Nun, was ist's denn mit dem Alten?«

»Was es mit ihm ist?« versetzte Frau Weller. »Oh, er hat ein verstocktes Herz. Alle Abende kommt dieser vortreffliche Mann – zürnen Sie nicht, Herr Stiggins, ich darf es behaupten, Sie sind ein vortrefflicher Mann – und bleibt vier Stunden lang bei uns, und das macht nicht den geringsten Eindruck auf ihn.«

»Ach, das ist freilich sonderbar«, bemerkte Sam. »Auf mich würde es einen starken Eindruck machen, wenn ich an seiner Stelle wäre, das weiß ich.«

»Die Sache ist die, mein junger Freund«, sagte Herr Stiggins mit feierlichem Tone, »er hat ein verhärtetes Herz. O, mein junger Freund, wer hätte den inständigen Bitten von sechzehn unserer schönsten Schwestern widerstehen können? Wer hätte ihren Ermahnungen sein Ohr verschlossen, unserer trefflichen Gesellschaft beizutreten, die Negerkinder in Westindien mit Flanelljacken und moralischen Taschentüchern versieht?«

»Was ist denn ein moralisches Taschentuch?« fragte Sam. »Ich habe noch nie solche Ware gesehen.«

»Taschentücher, die das Vergnügen mit der Belehrung verbinden, mein junger Freund«, erwiderte Herr Stiggins. »Es sind auserlesene Erzählungen mit Holzschnitten darauf gedruckt.«

»Ach, ich erinnere mich«, sagte Sam; »sie hängen in den Leinwandläden mit Betteleien und anderm dergleichen Zeug darauf.«

Herr Stiggins machte sich an eine dritte Butterschnitte und nickte beifällig.

»Und er wollte sich von den Damen nicht dazu bewegen lassen?« fragte Sam.

»Saß da und rauchte seine Pfeife und sagte, die Negerkinder wären – was, sagte er, was die Negerkinder seien?« sprach Frau Weller.

»Quatsch«, erwiderte Herr Stiggins höchst entrüstet.

»Sagte, die Negerkinder wären Quatsch«, wiederholte Frau Weller.

Und beide seufzten über das gottlose Benehmen des ältern Herrn Samuel.

Es wären noch eine Menge anderer Ruchlosigkeiten ähnlicher Art an den Tag gekommen. Aber da die Buttertoaste alle verspeist waren, der Tee immer schwächer wurde und da Sam nicht im geringsten Miene machte, sich zu entfernen, so erinnerte sich Herr Stiggins plötzlich daran, daß er eine höchst dringende Angelegenheit mit dem Hirten zu besprechen habe, und verabschiedete sich.

Kaum war das Teegeschirr abgetragen und der Herd ausgewaschen, als die Londoner Postkutsche Herrn Weller senior vors Haus brachte, seine Beine ihn in das Schenkstübchen trugen und seine Augen ihm seinen Sohn zeigten.

»Was, Sammy?« rief der Vater.

»Was, alter Adam!« rief der Sohn, und sie schüttelten sich herzlich die Hände.

»Freut mich sehr, dich zu sehen, Sammy«, sagte der ältere Herr Weller; »obschon es ein Geheimnis für mich ist, wie du es angefangen, deine Stiefmutter für dich einzunehmen. Ich wünschte nur, du schriebest mir das Rezept auf: das wär' mir das liebste.«

»Pst«, machte Sam, »sie ist zu Hause, Alter.«

»Sie hört nichts«, versetzte Herr Weller. »Nach dem Tee geht sie allemal und läuft sich ein paar Stunden lang auf dem Hausflur außer Atem, und so können wir uns mittlerweile etwas anfeuchten; Sammy.«

Sprach's, mischte zwei Gläser Branntwein und Wasser und holte ein paar Pfeifen. Vater und Sohn setzten sich einander gegenüber, Sam auf der einen Seite des Kamins in den Stuhl mit der hohen Lehne, und Herr Weller senior auf der andern in einen gleichen von derselben Bequemlichkeit, und so hatten sie gegenseitig an einander ihre Freude – natürlich aber in den Schranken der gebührenden Würde.

»Jemand hier gewesen, Sammy?« fragte Herr Weller senior trocken, nach einem langen Stillschweigen.

Sam bejahte die Frage mit einem bedeutungsvollen Kopfnicken.

»Der rotnasige Kerl?« fragte Herr Weller.

Sam nickte wieder.

»Ein liebenswürdiger Mann das, Sammy«, bemerkte Herr Weller heftig rauchend.

»Scheint so«, antwortete Sam.

»Viel Talent fürs Rechnungswesen«, sagte Herr Weller.

»So?« fragte Sam.

»Borgt am Montag achtzehn Pence, verlangt am Dienstag einen Schilling, um die halbe Krone vollzumachen, will am Mittwoch noch eine halbe Krone, daß es fünf Schilling ausmacht, und so doppelt er fort, bis er eine Fünfpfundnote hat, ehe man sich's versieht: als ob er ein Hexenrechenbuch hätte, Sammy.«

Sam nickte.

»Ihr wolltet Euch also für die Flanelljacken nicht unterschreiben?« fragte Sam nach einer Pause, während man sich beiderseits mit Rauchen die Zeit vertrieb.

»Nein, wirklich nicht«, erwiderte Herr Weller. »Was sollen die jungen Neger mit Flanelljacken. Aber ich will dir was sagen, Sammy«, fuhr Herr Weller fort, indem er seine Stimme dämpfte und sich über den Kamin herüberbeugte, »gegen Zwangsjacken für gewisse Leute in unserm Lande hätte ich gar nichts einzuwenden.«

Bei diesen Worten versetzte sich Herr Weller langsam wieder in seine frühere Stellung und gab seinem Erstgeborenen einen bedeutungsvollen Wink.

»Ebenso seltsam kommt mir der Einfall vor, Taschentücher unter Leute auszuteilen, die sie gar nicht zu gebrauchen wissen«, bemerkte Sam.

»Sie machen einen Streich über den andern, Sammy«, versetzte sein Vater. »Letzten Sonntag gehe ich die Straße hinauf. Wen sehe ich an der Kirchentür stehen mit einem blauen Suppenteller in der Hand? Niemand anders als deine Stiefmutter. Ich glaube wahrhaftig, es war Münze für ein paar Goldmünzen drin, lauter Halbpennystücke, und als die Leute aus der Kirche kamen, regnete es Pence, daß man hätte glauben sollen, kein sterblicher Teller, der jemals aus der Werkstätte eines Töpfers hervorging, könnte diese Hülle und Fülle tragen. Wofür meinst du, daß da gebettelt wurde?«

»Vielleicht wieder für einen Tee?« fragte Sam.

»Bewahre«, erwiderte der Vater; »aber für des Hirten Wassersteuer, Sammy.«

»Des Hirten Wassersteuer?« fragte Sam.

»Ja«, erwiderte Herr Weller; »er war noch mit drei Quartalen im Rückstand – vielleicht hegte er die Ansicht, das Wasser sei für ihn ein ziemlich unnützer Artikel; denn er trinkt sehr wenig von dieser Flüssigkeit, Sammy, sehr wenig. Er kennt anderes Wasser, das wenigstens sechsmal mehr wert ist. Gut, dem sei wie ihm wolle; es war einmal nicht bezahlt und sie verschlossen ihm die Leitung. Was tut der Hirte? Er geht in die Kirche, gibt sich für einen Märtyrer aus und sagt, er hoffe, der Aufseher, der ihm das Wasser abgeschnitten hätte, werde in sich gehen und auf den rechten Weg zurückkehren. Aber in seinem Herzen denkt er, der Teufel möge ihn in sein Kundenbuch eintragen. Daraufhin berufen die Weiber eine Versammlung ein, singen einen Psalm, setzen deine Stiefmutter auf den Präsidentenstuhl, veranstalten auf den nächsten Sonntag eine Kollekte und händigen alles dem Hirten ein. Und wenn er nicht genug bekam, sich für sein ganzes Leben lang von der Wassersteuer freizumachen«, schloß Herr Weller seinen Vortrag, »so bin ich ein Esel und du bist auch einer, Sam, und damit basta.«

Herr Weller rauchte einige Minuten still und begann dann aufs neue.

»Das Schlimmste an diesen Hirten ist, daß sie den jungen Weibern die Köpfe verdrehen. Der Herr erbarme sich über die guten Geschöpfe: sie glauben, es habe alles seine Richtigkeit, und wissen es nicht besser; aber man treibt nur sein Spiel mit ihnen, Samuel, man treibt nur sein Spiel mit ihnen.«

»Das denke ich auch«, sagte Sam.

»Das ist es«, versetzte Herr Weller mit ernstem Kopfschütteln; »und was mich am meisten ärgert, Samuel, sie vergeuden all ihre Zeit und Mühe damit, Kleider für kupferfarbige Leute zu machen, die sie nicht nötig haben, und keine Rücksicht auf fleischfarbige Christen nehmen, die sie nötig hätten. Wenn ich Herr wäre, Samuel, ich würde einige von diesen faulen Hirten hinter einen schweren Schiebkarren stellen, den sie mir Tag für Tag auf einem vierzehn Zoll breiten Brett auf und nieder fahren müßten. Das würde ihnen womöglich doch die Mücken aus dem Kopfe jagen.«

Als Herr Weller dieses freundliche Mittel mit großem Nachdruck empfohlen hatte, heftig dazu nickte und mit den Augen zwinkerte, leerte er sein Glas auf einen Zug und klopfte mit der ihm angeborenen Würde die Asche aus seiner Pfeife.

Als er so beschäftigt war, ließ sich im Gange eine gellende Stimme vernehmen.

»Das ist deine liebe Verwandte, Sammy«, sagte Herr Weller; und ins Zimmer herein stürmte seine Frau Gemahlin.

»Ach, du bist wieder zurückgekommen?« fragte Frau Weller.

»Ja, meine Liebe«, erwiderte Herr Weller, sich eine frische Pfeife stopfend.

»Ist Herr Stiggins wieder hier gewesen?« fragte Frau Weller.

»Nein, meine Liebe, er war nicht hier«, antwortete Herr Weller. Er nahm eine glühende Kohle mit der Zange aus dem Feuer, hielt sie über den Pfeifenkopf und zündete sich so seine Pfeife an. »Überdies«, fuhr er fort, »dächte ich, meine Liebe, es überleben zu können, wenn er gar nicht mehr käme.«

»Pfui, du ruchloser Mensch«, rief Frau Weller aus.

»Ich danke dir, meine Liebe«, erwiderte Herr Wellwer.

»Geht, geht, Vater«, sagte Sam, »keine Liebeserklärungen vor Fremden, hier kommen Hochwürden wieder.«

Daraufhin wischte Frau Weller hastig die Tränen ab, die sie soeben hervorzupressen angefangen hatte, und Herr Weller rückte seinen Stuhl unmutig in die Ecke des Kamins.

Herr Stiggins war leicht zu bewegen, ein Glas warmen Ananasgrog anzunehmen und ein zweites und ein drittes darauf folgen zu lassen, sich dann aber durch ein kleines Abendessen zu erquicken, bevor er sich wieder aufs neue mit dem Geschäft des Trinkens befaßte. Er saß an der gleichen Seite mit Herrn Weller, und so oft dieser Gentleman der Beobachtung seiner Frau entging, deutete er seinem Sohne die Regungen, die in der Tiefe seines Herzens versteckt lagen, dadurch an, daß er seine Faust über dem Kopfe des Hirtenhelfers hin- und herbewegte. Diese Geste machte seinem Sohne die ungetrübteste Freude, und sie war um so größer, als Herr Stiggins ruhig seinen Ananasgrog trank und gar nicht ahnte, was hinter ihm vorging.

Die Unterhaltung führten hauptsächlich Frau Weller und der ehrwürdige Herr Stiggins. Das abgehandelte Thema aber betraf die Tugenden des Hirten, die Trefflichkeit seiner Herde und die schweren Sünden und Verbrechen aller übrigen Menschen: Abhandlungen, die der ältere Herr Weller gelegentlich durch halbunterdrückte Anspielungen auf einen Gentleman namens Walker und andere naheliegende Kommentarien unterbrach.

Endlich ergriff Herr Stiggins, als er entschieden so viel Ananasgrog zu sich genommen, wie er schicklicherweise vertragen konnte, seinen Hut und verabschiedete sich. Gleich darauf wurde Sam von seinem Vater in sein Schlafgemach geführt. Der achtbare alte Herr schüttelte seinem Sohne feurig die Hand und schien geneigt, noch weiter sein Herz auszuschütten, aber als er sah, daß ihm Frau Weller folgte, gab er seine Absicht auf und wünschte ihm eine gute Nacht.

Sam war am folgenden Tage beizeiten auf. Als er in aller Eile gefrühstückt hatte, schickte er sich zur Rückkehr nach London an. Er hatte kaum den Fuß aus dem Hause gesetzt, als sein Vater vor ihm stand.

»Du gehst, Sammy?« fragte Herr Weller.

»Bin gerade im Begriff«, erwiderte Sam.

»Ich wünschte, du könntest diesen Stiggins unsichtbar machen und mitnehmen«, sagte Herr Weller.

»Ich schäme mich für Euch, alter Knabe«, sagte Sam mit vorwurfsvollem Tone. »Warum leidet Ihr es denn, daß er seine rote Nase in den »Marquis von Granby« hineinsteckt?«

Der ältere Herr Weller heftete einen ernsten Blick auf seinen Sohn und antwortete –

»Weil ich ein verheirateter Mann bin, Samuel; weil ich ein verheirateter Mann bin. Wenn du einmal ein verheirateter Mann bist, Samuel, so wirst du eine Menge Dinge verstehen lernen, die du jetzt nicht verstehst. Aber ob es der Mühe wert ist, so viel durchzumachen, um so wenig zu lernen, wie jener Waisenknabe sagte, als er mit dem Alphabet zu Ende war, das ist Geschmacksache. Ich bin der Meinung, daß es nicht der Mühe wert ist.«

»Na denn«, sagte Sam; »lebe wohl.«

»Halt, halt, Sammy«, erwiderte sein Vater.

»Ich habe nur noch das zu sagen«, sprach Sam, stehenbleibend: »wenn ich der Besitzer des ›Marquis von Granby‹ wäre, und dieser Stiggins käme mir und fräße Buttertoaste in meinem Schenkstübchen, ich würde ihm –«

»Was?« fragte Herr Weller mit großer Hitze. »Was?«

»– Seinen Grog vergiften.«

»Wirklich?« fragte Herr Weller, seinem Sohne feurig die Hand schüttelnd. »Würdest du das wirklich, Sammy? – Würdest du das?«

»Ich würde es«, sagte Sam. »Anfangs würde ich zwar nicht so hart mit ihm verfahren, sondern ihn nur in die Wasserkufe stecken und den Deckel zuschlagen, und wenn ich dann fände, daß er gegen diese Güte unempfindlich wäre, würde ich ihn durch das andere Mittel zu bekehren suchen.«

Der ältere Herr Weller heftete einen Blick hoher, unaussprechlicher Bewunderung auf seinen Sohn und drückte ihm noch einmal die Hand. Dann aber ging er langsam weg und gab sich den zahllosen Gedanken hin, die der Rat seines Erstgeborenen in ihm erweckt hatte.

Sam sah so lange zurück, bis die Straße um eine Ecke bog. Dann verfolgte er seinen Weg nach London. Anfangs dachte er über die mutmaßlichen Wirkungen seines Rates und die Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit nach, daß sein Vater ihn befolgen würde. Schließlich aber schlug er sich diesen Gedanken mit dem Trost aus dem Sinn, daß das nur die Zeit lehren könne, und so zu verfahren, wollen wir auch dem Leser raten.

 

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