Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
projectid313eb055
Schließen

Navigation:

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Worin Herr Peter Magnus eifersüchtig wird und die Dame von mittlerem Alter einen Verdacht schöpft, der die Pickwickier dem Arme der Gerechtigkeit überliefert.

Als Herr Pickwick in das Zimmer trat, worin er mit Herrn Peter Magnus den vorhergehenden Abend verbracht, hatte sich dieser bereits mit dem größten Teil des Inhalts der beiden Reisesäcke, des ledernen Hutfutterals und des Löschpapierpakets so vorteilhaft wie möglich herausgeputzt, und ging im Zustande der höchsten Aufregung und Gemütsbewegung im Zimmer auf und nieder.

»Guten Morgen, Sir«, begann Herr Peter Magnus. »Was sagen Sie zu mir?«

»Das muß einen großen Effekt machen – in der Tat«, erwiderte Herr Pickwick, den Anzug des Herrn Magnus mit gutmütigem Lächeln betrachtend.

»Ja, ich glaube es selbst«, sagte Herr Magnus. »Herr Pickwick, ich habe meine Visitenkarte hinaufgeschickt.«

»Was Sie da sagen!« entgegnete Herr Pickwick.

»Ja: und sie ließ mir durch den Kellner sagen, sie erwarte mich um elf Uhr – um elf Uhr, Sir: es fehlt nur noch eine Viertelstunde.«

»Eine kurze Zeit«, bemerkte Herr Pickwick.

»Ja, sie ist ziemlich kurz«, erwiderte Herr Magnus, »etwas zu kurz, um sich wohl dabei zu fühlen – meinen Sie nicht, Herr Pickwick?«

»Selbstvertrauen tut in solchen Fällen sehr viel«, bemerkte Herr Pickwick.

»Ich glaube das auch, Sir«, sagte Herr Peter Magnus. »Ich habe übrigens großes Selbstvertrauen, Sir. Und in der Tat, Herr Pickwick, ich sehe nicht ein, warum ein Mann in einem Fall, wie diesem, sich fürchten sollte. Es ist ja nichts, dessen man sich zu schämen braucht. Es ist eine Sache gegenseitiger Übereinkunft, weiter nichts. Der Gatte auf der eine Seite, die Gattin auf der andern. Das ist meine Ansicht von der Sache, Herr Pickwick.«

»Sie ist sehr philosophisch«, versetzte Herr Pickwick. »Aber das Frühstück wartet, Herr Magnus: kommen Sie.«

Sie setzten sich zum Frühstück, aber trotz der Prahlerei des Herrn Peter Magnus konnte man nicht verkennen, daß sein Nervensystem in hohem Grade angegriffen war, wovon Mangel an Appetit, eine Neigung, das Teegeschirr umzustoßen, ein vergebliches Bemühen, lustig zu sein und ein unwiderstehlicher Hang, alle Augenblicke auf die Uhr zu sehen, die hauptsächlichsten Symptome waren.

»Hihihi«, kicherte Herr Magnus mit erkünstelter Heiterkeit, indem er vor innerer Bewegung keuchte. »Es sind nur noch zwei Minuten, Herr Pickwick. Sehe ich blaß aus, Sir?«

»Nicht sehr«, erwiderte Herr Pickwick.

Es trat eine kurze Pause ein.

»Verzeihung, Herr Pickwick, waren Sie je in Ihrem Leben in einer solchen Lage?«

»Sie meinen in der Lage eines Freiers?« fragte Herr Pickwick.

»Ja.«

»Noch nie«, erwiderte Herr Pickwick mit großem Nachdruck. »Noch nie.«

»Sie wissen also nicht, wie man sich dabei zu benehmen hat?« fragte Herr Magnus.

»Nun, ich habe auch schon meine Gedanken darüber gehabt«, antwortete Herr Pickwick; »aber da ich sie noch nie auf dem Prüfstein der Erfahrung erprobt habe, möchte ich Ihnen nicht raten, Ihr Benehmen danach einzurichten.«

»Ich wäre Ihnen aber für jede Andeutung sehr verbunden, Sir«, sagte Herr Magnus, mit einem Blick auf die Uhr, deren Zeiger bereits auf fünf Minuten nach elf wies.

»Wohlan, Sir«, begann Herr Pickwick, mit dem feierlichen Tone, womit der große Mann, wenn er wollte, seinen Bemerkungen einen ungemeinen Nachdruck verleihen konnte –, »ich würde zuerst der Schönheit und den vortrefflichen Eigenschaften der Dame meine Huldigung zollen und dann auf meine eigene Unwürdigkeit übergehen.«

»Ganz gut«, bemerkte Magnus.

»Verstehen Sie mich recht – Unwürdigkeit nur ihr gegenüber«, fuhr Herr Pickwick fort: »denn um zu zeigen, daß ich nicht im allgemeinen unwürdig sei, würde ich kurz mein früheres Leben und meine gegenwärtige Stellung schildern. Daraus würde ich nach dem Gesetze der Analogie folgern, daß ich für jede andere Person ein höchst wünschenswerter Gegenstand sein müßte; dann würde ich mich über die Glut meiner Liebe und die Tiefe meines Gefühls verbreiten und mich vielleicht auch versucht finden, ihre Hand zu fassen.«

»Ja, ich begreife«, bemerkte Herr Magnus; »das wäre ein höchst wichtiger Punkt.«

»Dann, Sir, würde ich«, fuhr Herr Pickwick fort, indem er immer wärmer wurde, je glühender die Farben waren, in denen sich ihm der Gegenstand darstellte – »dann würde ich ihr die offene und einfache Frage vorlegen: ›Wollen Sie mich?‹ und ich glaube zu der Annahme berechtigt zu sein, daß sie daraufhin ihr Gesicht abwenden würde.«

»Glauben Sie, das sicher annehmen zu dürfen?« fragte Herr Magnus: »denn täte sie das nicht zu rechter Zeit, so käme ich in Verlegenheit.«

»Ich glaube, daß sie es tun wird«, meinte Herr Pickwick. »Dann, Sir, würde ich ihre Hand drücken, und ich glaube – ich glaube, Herr Magnus – wenn ich das einmal getan hätte, würde ich, vorausgesetzt, sie hätte sich das gefallen lassen, sachte das Taschentuch, das sie in diesem Augenblicke, wie mich meine geringe Kenntnis der menschlichen Natur vermuten läßt, vor die Augen halten dürfte, wegziehen und ihr mit aller Achtung einen Kuß rauben. Ich glaube, ich würde sie küssen, Herr Magnus. Was aber diesen speziellen Punkt betrifft, so bin ich entschieden der Meinung, die Dame würde mir sodann, wenn sie mich überhaupt wollte, ein verschämtes ›Ja‹ in die Ohren flüstern.«

Herr Magnus schauderte zusammen, blickte in Herrn Pickwicks geistvolles Gesicht, schüttelte ihm nach einer kurzen Pause (der Zeiger wies auf zehn Minuten nach elf) mit Wärme die Hand, und rannte wie ein Verzweifelter aus dem Zimmer.

Herr Pickwick war einige Schritte gegangen, und der große Zeiger der Uhr war, auch wie Pickwick weitergehend, auf Halb angelangt, als sich plötzlich die Tür öffnete. Er wandte sich um und wollte eben Herrn Peter Magnus begrüßen, erblickte aber statt seiner das fröhliche Antlitz des Herrn Tupman, das heitere Gesicht des Herrn Winkle und die geistvollen Züge des Herrn Snodgrass.

Während sie Herr Pickwick bewillkommte, trippelte Herr Peter Magnus ins Zimmer.

»Meine Freunde – der Herr, von dem ich sprach, Herr Magnus«, sagte Herr Pickwick.

»Ihr Diener, meine Herren«, sprach Herr Magnus, offenbar in großer Aufregung: »Herr Pickwick, erlauben Sie mir, einen Augenblick mit Ihnen zu sprechen.«

Bei diesen Worten steckte Herr Magnus seinen Zeigefinger in Herrn Pickwicks Knopfloch und sagte, ihn in eine Fenstervertiefung ziehend:

»Wünschen Sie mir Glück, Herr Pickwick, ich befolgte ihren Rat buchstäblich.«

»Und es lief alles gut ab, nicht wahr?« fragte Herr Pickwick.

»Ganz gut, Sir – hätte nicht besser gehen können«, erwiderte Herr Magnus, »sie ist mein.«

»Ich wünsche Ihnen von Herzen Glück«, versetzte Herr Pickwick, seinem neuen Freunde mit Wärme die Hand schüttelnd.

»Sie müssen sie sehen, Sir«, sagte Herr Magnus; »kommen Sie bitte. – Sie entschuldigen einen Augenblick, meine Herren.«

Und Herr Magnus zog Herrn Pickwick aus dem Zimmer und ging eilends mit ihm fort. Er blieb an der nächsten Türe im Gang stehen und pochte leise an.

»Herein!« rief eine weibliche Stimme.

Und sie gingen hinein.

»Fräulein Witherfield«, sagte Herr Magnus, »erlauben Sie mir, Ihnen meinen vertrauten Freund, Herrn Pickwick, vorzustellen. – Herr Pickwick, ich wünschte, daß Sie Fräulein Witherfield kennenlernten.«

Die Dame stand am oberen Ende des Zimmers; Herr Pickwick verbeugte sich, nahm die Brille aus seiner Westentasche und setzte sie auf. Diese Handlung war nicht so bald vorüber, als er mit einem Ausbruch der Überraschung einige Schritte zurückwich, und die Dame mit einem halbunterdrückten Schrei die Hände vors Gesicht hielt und auf einen Stuhl sank, worüber Herr Peter Magnus fassungslos wurde und mit dem Ausdruck der höchsten Bestürzung bald die eine, bald die andere Person anstarrte.

Solch Benehmen war doch wahrhaft unbegreiflich. Aber die Sache war die: Herr Pickwick hatte nicht so bald seine Brille aufgesetzt, als er in der künftigen Frau Magnus die Dame erkannte, in deren Zimmer er in der vorhergehenden Nacht auf eine so unverantwortliche Weise eingedrungen war; und die Brille saß nicht so bald auf Herrn Pickwicks Nase, als die Dame plötzlich das Gesicht erkannte, das sie mit allen Schrecknissen einer Nachtmütze umgeben gesehen hatte.

Die Dame schrie, und Herr Pickwick starrte sie an.

»Herr Pickwick«, rief Herr Magnus ganz bestürzt, »was soll das heißen, Sir? – Was soll das heißen?« fügte er in einem noch lauteren, drohenden Tone hinzu.

»Sir«, sagte Herr Pickwick, über die Art und Weise etwas unwillig, womit ihn Herr Peter Magnus so plötzlich angefahren hatte. »Ich muß die Beantwortung dieser Frage ablehnen.«

»Sie lehnen sie ab, Sir?« fragte Magnus.

»Ja, das tue ich, Sir«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich werde nichts sagen, was die Dame kompromittieren oder unangenehme Erinnerungen in ihrer Brust erwecken könnte, ohne ihre Erlaubnis und Zustimmung.«

»Fräulein Witherfield«, sagte Herr Peter Magnus, »kennen Sie diese Person?«

»Ob ich sie kenne?« erwiderte die Dame von mittlerem Alter zögernd.

»Ja, ob Sie ihn kennen, Madame; ich fragte, ob Sie ihn kennen?« fragte Herr Magnus wild.

»Ich habe ihn schon gesehen«, versetzte die Dame von mittlerem Alter.

»Wo?« rief Herr Magnus, »wo?«

»Das würde ich um alles in der Welt nicht offenbaren«, erwiderte die Dame von mittlerem Alter, von ihrem Sitze aufstehend und ihr Gesicht abwendend.

»Ich verstehe Sie, Madame«, sagte Herr Pickwick. »Ich achte Ihr Zartgefühl; auch durch mich soll es nicht offenbar werden, verlassen Sie sich darauf.«

»Auf mein Wort, Madame«, bemerkte Herr Magnus, »in Anbetracht des Verhältnisses, in dem ich zu Ihnen stehe, behandeln Sie diese Sache ziemlich gleichgültig – ziemlich gleichgültig, Madame.«

»Grausamer Herr Magnus«, entgegnete die Dame von mittlerem Alter, und vergoß reichliche Tränen.

»Richten Sie Ihre Vorwürfe an mich, Sir«, fiel Herr Pickwick ein; »ich allein bin zu tadeln, wenn irgend jemand zu tadeln ist.«

»Ah, Sie allein sind zu tadeln, Sir?« sagte Herr Magnus. »Ich – ich – durchschaue das, Sir. Sie bereuen jetzt Ihren Entschluß – nicht wahr?«

»Meinen Entschluß?« bemerkte Herr Pickwick.

»Ihren Entschluß, Sir. Starren Sie mich nur nicht so an, Sir«, sagte Herr Magnus: »ich erinnere mich noch recht wohl Ihrer Worte von gestern abend. Sie kamen hierher, Sir, die Treulosigkeit und Falschheit einer Person zu entlarven, auf deren Ehre und Treue Sie alles gebaut hatten – nicht wahr?«

Hier verzog Herr Peter Magnus sein Gesicht in spöttisches Lächeln, und seine grüne Brille abnehmend – die er wahrscheinlich bei seinem Anfall von Eifersucht für überflüssig hielt – rollte er seine kleinen Äuglein auf eine wirklich schauderhafte Weise.

»Nicht wahr?« fragte Herr Magnus und wiederholte sein Lächeln mit größerem Effekt. »Doch, Sie sollen mir antworten, Sir.«

»Antworten? auf was?« fragte Herr Pickwick.

»Schon gut, Sir«, versetzte Herr Magnus, im Zimmer auf und ab schreitend – »schon gut.«

Es muß etwas Umfassendes in dem Ausdruck »schon gut!« liegen, denn wir erinnern uns nicht, irgendeinen Wortwechsel auf der Straße, im Theater, im Wirtshaus oder sonstwo erlebt zu haben, wo dies nicht die stehende Erwiderung auf alle herausfordernden Fragen gewesen wäre, »Und Sie nennen sich einen Gentleman, Sir?« – »Schon gut, Sir!« – »Habe ich mir eine Äußerung gegen dieses junge Frauenzimmer erlaubt, Sir?« – »Schon gut, Sir!« – »Soll ich Ihnen den Kopf gegen die Wand stoßen, Sir?« – »Schon gut, Sir!« – Es muß auch in diesem allgemein angenommenen Ausdruck »schon gut« ein versteckter Spott liegen, der in dem Busen dessen, an den er gerichtet ist, größeren Unwillen erwecken muß, als die beredtesten Schimpfwörter hervorrufen können.

Wir behaupten damit keineswegs, daß die Anwendung dieser lakonischen Redeweise in Herrn Pickwicks Seele genau den Unwillen erregte, den er in einer gewöhnlichen Brust hervorgerufen haben würde. Wir erinnern nur daran, daß Herr Pickwick die Tür öffnete und hastig rief:

»Tupman, kommen Sie herein!«

Herr Tupman erschien augenblicklich mit dem Blicke des höchsten Erstaunens.

»Tupman«, sagte Herr Pickwick, »ein Geheimnis von etwas zarter Natur, das diese Dame berührt, ist die Ursache eines Streites, der sich zwischen diesem Herrn und mir erhoben hat. Ich versichere ihm in Ihrer Gegenwart, daß dies Geheimnis aber ganz und gar nichts mit seinen Angelegenheiten zu tun hat. Zugleich bitte ich Sie dringend, ihm klarzumachen, daß er bei Fortsetzung des Streites und bei weiterem Zweifel an meine Wahrhaftigkeit mich aufs höchste beleidigt.«

Während Herr Pickwick das sagte, sah er Herrn Peter Magnus mit einem Blick an, der mehr sagte als ganze Bände.

Herrn Pickwicks offenes, ehrenhaftes Benehmen, verbunden mit jener Kraft und Energie der Sprache, die ihn so sehr auszeichnete, würden einen vernünftigen Menschen beruhigt haben, aber unglücklicherweise war gerade in diesem Augenblick der Geist des Herrn Peter Magnus in einer Verfassung, auf die sich das Eigenschaftswort »vernünftig« nicht recht anwenden ließ. Anstatt also Herrn Pickwicks Erklärung aufzunehmen, wie er sie hätte aufnehmen sollen, fuhr er fort, sich in eine glühende, verzehrende Leidenschaft zu versetzen, und von dem, was er seinen Gefühlen schuldig sei, und andern dergleichen Dingen zu sprechen, wobei er seiner Deklamation dadurch Nachdruck gab, daß er in schnellen Schritten auf und nieder ging, sich durch die Haare fuhr und gelegentlich Herrn Pickwicks menschenfreundlichem Gesicht die Faust unter die Nase hielt.

Herr Pickwick hatte im Bewußtsein seiner Unschuld und Redlichkeit und in dem aufregenden Gefühle, die Dame von mittlerem Alter unglücklicherweise in eine so unangenehme Lage versetzt zu haben, nicht die ruhige Fassung, die man an ihm gewohnt war. Die Folge davon war, daß die Worte hitzig und die Stimmen heftiger wurden, und Herr Magnus endlich Herrn Pickwick bemerkte, »er werde von ihm hören«, worauf Herr Pickwick mit lobenswerter Höflichkeit erwiderte: »je früher er von ihm hören würde, desto lieber wäre es ihm.« Voll Schrecken stürzte die Dame von mittlerem Alter aus dem Zimmer, und Herr Tupman zog Herrn Pickwick mit sich fort, Herrn Peter Magnus sich und seinen Gedanken überlassend.

Hätte die Dame von mittlerem Alter viel mit der großen Welt zu tun gehabt, oder überhaupt die Art und Weise derer gekannt, die Gesetze machen und Gebräuche feststellen, so würde sie gewußt haben, daß solche stürmische Auftritte zu den harmlosesten Dingen von der Welt gehören. Aber da sie die größte Zeit über auf dem Lande gelebt und noch nie Parlamentsverhandlungen gelesen hatte, so war sie in diesen besonderen Verfeinerungen des zivilisierten Lebens wenig bewandert. Als sie ihr Zimmer erreicht und sich eingeschlossen hatte, drängten sich beim Nachdenken über die Szene, von der sie soeben Zeuge gewesen, ihrer Phantasie die fürchterlichsten Bilder von Blutvergießen und Mord auf, unter denen ein Bildnis des Herrn Peter Magnus in Lebensgröße, von vier Mann nach Hause getragen und mit einem ganzen Faß voll Kugeln in seiner linken Seite geschmückt, eines der allerkleinsten war. Je mehr die Dame von mittlerem Alter nachdachte, desto mehr erschrak sie, und endlich beschloß sie, sich in das Haus des ersten Beamten der Stadt zu begeben und ihn zu ersuchen, die Personen des Herrn Pickwick und des Herrn Tupman unverzüglich in Sicherheit zu bringen.

Zu diesem Entschluß wurde die Dame von mittlerem Alter durch verschiedene Betrachtungen bestimmt, von denen der unwiderlegliche Beweis, den sie dadurch von ihrer Ergebenheit gegen Herrn Peter Magnus lieferte, und ihre Besorgnis für sein Leben die hauptsächlichsten waren. Sie war mit seinem eifersüchtigen Temperament zu wohl bekannt, um auch nur die leiseste Anspielung auf den eigentlichen Grund ihrer Aufregung beim Anblicke des Herrn Pickwick zu wagen, und setzte so viel Vertrauen auf ihren Einfluß und ihre Überredungsgabe, daß sie sich mit der Hoffnung schmeichelte, seine stürmische Eifersucht beruhigen zu können, wenn Herr Pickwick entfernt wäre und kein neuer Streit entstehen könnte. Von diesem Gedanken erfüllt, hüllte sich die Dame von mittlerem Alter in Haube und Schal und begab sich geraden Weges nach der Wohnung des Bürgermeisters.

Nun war George Nupkins, Esquire, der besagte erste Beamte, eine so bedeutende Person, wie der schnellste Läufer am einundzwanzigsten Juni, der nach Angabe des Kalenders der längste Tag im ganzen Jahr ist und also die größte Zeit zum Suchen gestattet, nur eine zwischen Sonnenauf- und -niedergang finden könnte. Gerade an diesem Morgen war Herr Nupkins in einem Zustande besonderer Aufregung, denn es hatte eine Revolution in der Stadt gegeben. Sämtliche Schüler der größten Schule hatten sich verschworen, einem Obsthändler, der ihnen ein Dorn im Auge war, die Fenster einzuwerfen, den Büttel ausgespottet und den Polizeimeister, einen ältlichen Mann in Stulpenstiefeln, der beordert war, den Aufruhr zu unterdrücken, und der wenigstens schon ein halbes Jahrhundert lang den Frieden der Stadt in seiner Obhut gehabt hatte – mit Kot beworfen. Und Herr Nupkins saß in seinem Sorgenstuhle, runzelte majestätisch die Stirne und kochte vor Wut, als eine Dame gemeldet wurde, die ihn in einer besonderen und dringenden Privatangelegenheit zu sprechen wünsche. Herr Nupkins nahm einen ruhig-furchtbaren Blick an und befahl, die Dame hereinzuführen, ein Befehl, dem wie allen Verordnungen von Kaisern, Königen und andern großen Mächten der Erde Folge geleistet wurde, und Fräulein Witherfield ward also im Zustande reizender Aufregung hereingeführt.

»Muzzle!« rief der Beamte.

Muzzle war ein Diener von untersetzter Statur, mit einem langen Leib und kurzen Beinen.

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

»Bring einen Stuhl und verlaß das Zimmer!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

»Nun, Madame, wollen Sie mir Ihre Angelegenheit mitteilen?« sagte der Beamte.

»Sie ist sehr schmerzlicher Art, Sir«, bemerkte Fräulein Witherfield.

»Wohl möglich, Madame«, versetzte der Beamte. »Beruhigen Sie sich, Madame.«

Herr Nupkins nahm einen wohlwollenden Blick an.

»Und dann sagen Sie mir, Madame, was für eine gesetzliche Angelegenheit Sie zu mir führt.« Hier triumphierte der Beamte über den Menschen, und sein Blick wurde wieder streng.

»Es ist sehr betrübend für mich, Ihnen diese Mitteilung machen zu müssen«, sagte Fräulein Witherfield, »aber ich fürchte, es soll hier einen Zweikampf geben.«

»Hier, Madame?« rief der Beamte. »Wo, Madame?«

»In Ipswich.«

»In Ipswich, Madame? – Einen Zweikampf in Ipswich?« sagte der Beamte, bei dem bloßen Gedanken daran ganz außer sich vor Schrecken. »Unmöglich, Madame, so etwas kann in dieser Stadt nicht beabsichtigt werden, davon bin ich überzeugt. – Beim Himmel, Madame, wissen Sie nichts von der Tätigkeit unserer städtischen Polizei? Haben Sie nie davon gehört, Madame, daß ich am 4. Mai dieses Jahres, nur von sechzig Sicherheitspolizisten begleitet, in einen Wettkampfkreis eindrang, und auf die Gefahr hin, der wilden Leidenschaft eines wütenden Pöbels zum Opfer zu fallen, einen Boxkampf zwischen Dumpling von Middlesex und Bantam von Suffolk verhinderte? – Ein Duell in Ipswich, Madame! Ich glaube es nicht – ich glaube es nicht«, fuhr der Beamte, mit sich selbst redend, fort, »daß zwei Menschen die Kühnheit haben sollten, einen solchen Friedensbruch in dieser Stadt zu beabsichtigen.«

»Meine Angabe ist leider nur zu richtig«, sagte die Dame von mittlerem Alter. »Ich war beim Streit gegenwärtig.«

»Es ist ein ganz außerordentlicher Fall«, bemerkte der erstaunte Beamte. »Muzzle!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

»Rufe sogleich Herrn Jinks – augenblicklich.«

»Zu Befehl, Euer Gnaden!«

Muzzle entfernte sich, und ein blasser, spitznasiger, halbverhungerter, schäbig gekleideter Schreiber von mittlerem Alter trat ins Zimmer.

»Herr Jinks«, rief der Beamte – »Herr Jinks!«

»Sir«, erwiderte Herr Jinks.

»Diese Dame, Herr Jinks, spricht von einem Duell, das in dieser Stadt beabsichtigt sein soll.«

Herr Jinks, der nicht bestimmt wußte, wie er sich benehmen sollte, lächelte mit der Miene des Untergebenen.

»Was lachen Sie darüber, Herr Jinks?« fragte der Beamte.

Herr Jinks nahm augenblicklich eine ernste Miene an.

»Herr Jinks«, sagte der Beamte, »Sie sind ein Narr.«

Herr Jinks blickte demütig zu dem großen Manne empor und nagte an seiner Feder.

»Sie können etwas Komisches in dieser Angabe finden, Sir, aber ich muß Ihnen sagen, Herr Jinks, daß Sie sehr wenig Grund haben, darüber zu lachen,« sagte der Beamte.

Der halbverhungerte Jinks seufzte, als wäre er sich vollkommen bewußt, daß er sehr wenig Grund habe, zu lachen; und nachdem er den Befehl erhalten hatte, die Aussage der Dame zu Protokoll zu nehmen, setzte er sich und schrieb sie nieder.

»Dieser Pickwick ist also die Hauptveranlassung, wie ich höre?« fragte der Beamte, als das Protokoll geschlossen war.

»Ja«, erwiderte die Dame von mittlerem Alter.

»Und der andere Aufrührer – wie ist sein Name, Herr Jinks?«

»Tupman, Sir.«

»Tupman ist der zweite?«

»Ja, Sir.«

»Die andere Hauptperson, sagen Sie, ist verschwunden, Madame?«

»Ja«, erwiderte Fräulein Witherfield mit einem kurzen Hüsteln.

»Ganz gut«, sagte der Beamte. »Das sind zwei Gurgelabschneider von London, die hierher gekommen sind, um Seiner Majestät Untertanen zu töten, weil sie denken, in dieser Entfernung von der Hauptstadt sei der Arm des Gesetzes schwach und gichtbrüchig. Ich will ein Exempel an ihnen statuieren. Setzen Sie die Verhaftbefehle auf, Herr Jinks. – Muzzle!«

»Zu Befehl, Euer Gnaden.«

»Ist Grummer unten?«

»Ja, Euer Gnaden.«

»Schick' ihn herauf.«

Der gehorsame Muzzle ging und kehrte bald mit dem Herrn in den Stulpenstiefeln zurück, der sich hauptsächlich durch eine Kupfernase, eine heisere Stimme, einen schnupftabakfarbenen Überrock und einen unsteten Blick auszeichnete.

»Grummer!« rief der Beamte.

»Euer Gnaden?«

»Ist die Stadt jetzt ruhig?«

»Ziemlich, Euer Gnaden«, erwiderte Grummer. »Die Gemüter sind etwas beruhigt, weil die Knaben zum Kricketspiel sind.«

»Nur energische Maßregeln dringen in diesen Zeiten durch, Grummer«, sagte der Beamte in entschiedenem Ton. »Wenn das Ansehen der königlichen Beamten für nichts geachtet wird, so müssen wir die Aufruhrakte verlesen lassen. Wenn die Zivilbehörde die Fenster nicht schützen kann, so muß die militärische Macht die Zivilbehörde und die Fenster schützen. Ich glaube, das ist ein Grundsatz der Verfassung, Herr Jinks?«

»Gewiß, Sir«, versetzte Jinks.

»Ganz recht«, sagte der Beamte, die Verhaftbefehle unterzeichnend. »Grummer, Sie werden mir heute Nachmittag diese Personen vorführen. Sie finden sie im großen weißen Roß. Sie erinnern sich des Falls Dumpling von Middlesex und Bantam von Suffolk, Grummer?«

Herr Grummer deutete durch Kopfnicken an, daß er ihn nicht vergessen werde – was auch wirklich nicht leicht geschehen konnte, da er täglich daran erinnert wurde.

»Dies ist noch verfassungswidriger«, sagte der Beamte: »dies ist ein noch größerer Friedensbruch, ein noch größerer Eingriff in Seiner Majestät Vorrechte. Ich glaube, das Duell ist eines der unbestrittensten Vorrechte Seiner Majestät, Herr Jinks?«

»In der Magna Carta ausdrücklich stipuliert, Sir«, antwortete Herr Jinks.«

»Einer von den glänzendsten Juwelen in der britischen Krone, von Seiner Majestät durch die politische Union den Baronen aus den Händen gewunden, glaube ich, Herr Jinks?« sagte der Beamte.

»So ist es«, versetzte Herr Jinks.

»Ganz recht«, bemerkte der Beamte, sich stolz aufrichtend: »es soll in diesem Landesteile von Seiner Majestät Besitzungen nicht verletzt werden. Grummer, verschaffen Sie sich Beistand und vollziehen Sie diese Verhaftbefehle so bald wie möglich. – Muzzle!«

»Hier, Euer Gnaden.«

»Begleiten Sie diese Dame.«

Fräulein Witherfield zog sich zurück, mit hoher Bewunderung über die Gelehrsamkeit und den Scharfsinn des Beamten erfüllt. Herr Nupkins zog sich zum Essen zurück. Herr Jinks zog sich in sich selbst zurück, und das war, mit Ausnahme des Ruhebettes in seinem kleinen Stübchen, das bei Tag von der Familie seiner Hauswirtin bewohnt wurde, der einzige Rückzug, der ihm gestattet war. Schließlich zog sich auch Herr Grummer zurück, um durch Vollziehung des ihm gewordenen Auftrags die Schmach abzuwaschen, die ihm und dem andern Repräsentanten Seiner Majestät – dem Büttel – im Laufe des Vormittags angetan war.

Während diese bestimmten und entschlossenen Vorbereitungen zur Erhaltung des Friedens Seiner Majestät getroffen wurden, hatten sich Herr Pickwick und seine Freunde, die großen Ereignisse, die im Werden waren, nicht von ferne ahnend, ruhig zur Tafel gesetzt und waren alle sehr gesprächig und in bester Unterhaltung begriffen. Herr Pickwick erzählte eben zum großen Ergötzen seiner Freunde, besonders des Herrn Tupman, sein nächtliches Abenteuer, als sich die Tür öffnete und ein etwas abschreckendes Gesicht in das Zimmer spähte. Die Augen dieses Gesichts ruhten einige Sekunden forschend auf Herrn Pickwick und waren allem Anschein nach mit dem Ergebnis ihrer Untersuchung zufrieden; denn der Leib, zu dem das abschreckende Gesicht gehörte, schob sich langsam ins Zimmer und zeigte die Gestalt einer ältlichen Person in Stulpenstiefeln; kurz, um den Leser nicht länger in Unwissenheit zu lassen, die Augen waren die unsteten Augen des Herrn Grummer, und der Leib war das Eigentum des gleichen Herrn.

Herrn Grummers Verfahren war seinem Berufe angemessen, aber eigentümlich. Seine erste Handlung war Verriegelung der Tür. Seine zweite sorgfältige Abtrocknung seines Kopfes und Gesichts mit einem baumwollenen Taschentuch, seine dritte die, daß er seinen Hut mit dem baumwollenen Taschentuche darin auf einen Stuhl stellte, und die vierte, daß er einen kurzen, mit einer messingenen Krone versehenen Stab mit gravitätischer und geisterhafter Miene gegen Herrn Pickwick schwang.

Herr Snodgrass war der erste, der das Schweigen der Überraschung brach. Er sah Herrn Grummer einige Minuten lang fest an und deutete ihm dann mit Nachdruck:

»Das ist ein Privatzimmer, Sir – ein Privatzimmer.«

Herr Grummer schüttelte den Kopf und erwiderte:

»Es gibt kein Privatzimmer vor Seiner Majestät, wenn einmal die Hausschwelle überschritten ist. Das ist Gesetz. Viele Leute behaupten, eines Engländers Haus sei seine Burg. Das ist aber Larifari.«

Die Pickwickier starrten einander mit verwunderten Augen an.

»Wer ist Herr Tupman«, fragte Herr Grummer. Herrn Pickwick hatte er nämlich vermöge seiner Auffassungsgabe sogleich erkannt.

»Ich heiße Tupman«, sagte der Betreffende.

»Und ich heiße Gesetz«, erwiderte Herr Grummer

»Wie?« fragte Herr Tupman.

»Gesetz«, wiederholte Herr Grummer, »Gesetz, Zivil- und Exekutivgewalt, das sind meine Titel; und hier ist meine Vollmacht, lautend auf Tupman und Pickwick – wegen Friedensbruch gegen unsern regierenden Herrn, den König – auf diesen besondern Fall ausgestellt – und alles regulär. – Ich verhafte Euch, Pickwick, Tupman – die Besagten.«

»Was wollen Sie mit dieser Unverschämtheit?« fragte Herr Tupman aufspringend. »Verlassen Sie das Zimmer – verlassen Sie das Zimmer.«

»Holla«, rief Herr Grummer, sich eiligst an die Tür machend und sie einen oder zwei Zoll öffnend: »Dubbley!«

»Gut«, antwortete eine Baßstimme aus dem Gang.

»Kommt herein, Dubbley«, rief Herr Grummer.

Auf dieses Kommandowort schob sich ein sechs Fuß hoher und verhältnismäßig dicker Mann mit einem schmutzigen, roten Gesicht durch die halbgeöffnete Tür ins Zimmer, wobei er besagtem Gesicht den Vortritt ließ und die übrigen Körperteile nachzog.

»Sind die andern Gerichtsdiener draußen, Dubbley?« fragte Herr Grummer.

Herr Dubbley, der seine Worte sparte, nickte bejahend.

»So ruft die Abteilung herein, Dubbley«, sagte Herr Grummer.

Herr Dubbley tat, wie ihm befohlen, und ein halbes Dutzend Männer, jeder mit kurzem Stabe und messingener Krone, stellten sich im Zimmer auf. Herr Grummer steckte seinen Stab in die Tasche und sah auf Herrn Dubbley. Herr Dubbley steckte seinen Stab in die Tasche und sah auf seine Abteilung; und die Abteilung steckte ihre Stäbe in die Tasche und sah auf die Herren Tupman und Pickwick.

Herr Pickwick und seine Schüler erhoben sich wie ein Mann.

»Was soll dieses stürmische Eindringen in ein Privatzimmer?« fragte Herr Pickwick.

»Wer wagt es, mich zu verhaften?« rief Herr Tupman.

»Was habt ihr hier zu suchen, ihr Schufte?« sagte Herr Snodgrass.

Herr Winkle sagte nichts, sondern heftete nur seine Augen auf Grummer und schleuderte ihm einen Blick zu, der, hätte dieser nur einiges Gefühl gehabt, seinen Hirnschädel durchbrochen und auf der andern Seite wieder herausgekommen wäre. Aber so äußerte er durchaus keine sichtbare Wirkung.

Als die Exekutivgewalt bemerkte, daß Herr Pickwick und seine Freunde geneigt waren, sich dem Ansehen des Gesetzes zu widersetzen, stülpte sie sehr bedeutungsvoll ihre Rockärmel hinauf, als ob es in ihrem Berufe läge und sich gleichsam von selbst verstände, daß sie die Herren vorerst zu Boden schlagen und dann mitnehmen müßte. Diese Demonstration verfehlte ihre Wirkung auf Herrn Pickwick nicht.

Er besprach sich einige Minuten lang leise mit Herrn Tupman, erklärte sich dann bereit, nach des Bürgermeisters Wohnung mitzugehen, und bat nur noch die Anwesenden, davon Kenntnis zu nehmen, daß es sein fester Entschluß sei, im Augenblicke, wo er wieder in Freiheit sein würde, diese ungeheure Verletzung seiner Vorrechte als Engländer zu ahnden. Darüber schlugen die Eindringlinge ein lautes Gelächter an – den einzigen Herrn Grummer ausgenommen, der zu bedenken schien, daß der geringste Eingriff in das göttliche Recht der Obrigkeit eine Art Gotteslästerung sei, die man nicht dulden könne.

Als aber Herr Pickwick sich bereit erklärt hatte, sich den Gesetzen seines Landes zu fügen, und die Kellner, Hausknechte, Stubenmädchen und Postjungen, die von der angedrohten Widersetzlichkeit einen ergötzlichen Aufstand erwartet hatten, enttäuscht und mißmutig auseinandergingen, erhob sich eine Schwierigkeit, die man nicht vorhergesehen hatte.

Trotz seiner Verehrung der bestehenden Behörden weigerte sich Herr Pickwick bestimmt, sich gleich einem gemeinen Verbrecher, von den Dienern der Gerechtigkeit umringt und bewacht, über die öffentliche Straße führen zu lassen. Ebenso bestimmt weigerte sich Herr Grummer bei der noch immer herrschenden Erregung der Gemüter (denn es war ein halber Feiertag und die Schuljugend noch nicht nach Hause zurückgekehrt) auf der andern Seite der Straße zu gehen und Herrn Pickwicks Ehrenwort anzunehmen, daß er sich geraden Wegs zum Bürgermeister verfügen wolle. Beide, Herr Pickwick und Herr Tupman, weigerten sich ebenso bestimmt, die Kosten einer Postkutsche zu bezahlen, die das einzige anständige Vehikel war, das man bekommen konnte. Der Streit wurde hitzig, das Deklamieren zog sich in die Länge, und eben war die Exekutionsgewalt im Begriff, Herrn Pickwicks Weigerung durch ein ganz gewöhnliches Auskunftsmittel zu beseitigen: ihn nämlich nach dem Hause des Bürgermeisters zu schleppen, als man sich erinnerte, daß im Hofe eine alte Sänfte stand, die ursprünglich für einen mit der Gicht behafteten Grundeigentümer gemacht war und Herrn Pickwick und Herrn Tupman wenigstens ebenso anständig befördern konnte, als eine moderne Postkutsche. Die Sänfte wurde geholt und auf den Hausflur gebracht. Herr Pickwick und Herr Tupman schlüpften hinein und ließen die Vorhänge nieder; ein paar Träger wurden bald gefunden, und der Zug setzte sich in bester Ordnung in Bewegung. Die Gehilfen der Diener der Gerechtigkeit umgaben das Vehikel; Herr Grummer und Herr Dubbley schritten triumphierend voran, Herr Snodgrass und Herr Winkle gingen Arm in Arm hinterdrein, und die von Ipswich, die hinter den Ohren noch nicht trocken waren, bildeten den Nachtrab.

Die Krämer der Stadt hatten zwar nur eine sehr unbestimmte Vorstellung von der Natur des Vergehens, wurden aber doch durch dieses Schauspiel höchlich erbaut. Es war der starke Arm des Gesetzes, der mit der Kraft von tausend Pferdestärken auf zwei Verbrecher aus der Hauptstadt selbst fiel. Die gewaltige Maschine wurde durch ihren eigenen Bürgermeister geleitet und durch ihre eigenen Amtsdiener befördert, und durch ihre vereinten Anstrengungen waren die Frevler in dem engen Raum einer Sänfte sicher aufgehoben. Mancher Zuruf des Beifalls und der Bewunderung begrüßte Herrn Grummer, als er den Zug, mit dem Stab in der Hand, anführte. Laut und anhaltend war das Geschrei, das die hinter den Ohren noch nicht Trockenen erhoben, und mitten unter diesen vereinigten Zeugnissen des öffentlichen Beifalls bewegte sich der Zug langsam und feierlich vorwärts.

Herr Weller kehrte gerade in seiner Morgenjacke mit den schwarzen Kattunärmeln ziemlich niedergeschlagen von einer erfolglosen Beaugenscheinigung des geheimnisvollen Hauses mit dem grünen Tor zurück, als er, die Augen erhebend, eine die Straße hinabwogende Volksmenge sah, die einen Gegenstand umgab, der sehr viel von dem Ausehen einer Sänfte hatte. Gerne seine Gedanken von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen ablenkend, trat er beiseite, um die Menge vorbeizulassen, und da er hörte, daß sie größtenteils zu ihrem Privatvergnügen schrie und lärmte, begann er sofort, nur um sich aufzuheitern, ebenfalls aus vollem Halse zu schreien.

Herr Grummer ging vorüber, Herr Dubbley ging vorüber, die Sänfte ging vorüber, die Leibwache ging vorüber, und Sam stimmte noch immer in das enthusiastische Geschrei der Menge. Dabei schwenkte er seinen Hut, als ob er den höchsten Grad der wildesten Lust erreicht hätte, denn er ahnte die Wahrheit nicht im mindesten, als er plötzlich bei der unerwarteten Erscheinung der Herren Winkle und Snodgrass verstummte.

»Was ist los, meine Herren«, rief Sam. »Wen tragen sie denn da in diesem Trauerschilderhaus?«

Beide Herren antworteten zugleich, aber ihre Worte verhallten im allgemeinen Lärmen.

»Wer ist's?« schrie Sam wieder.

Und wieder erfolgte eine gleichzeitige Antwort: und ob er gleich die Worte nicht vernehmen konnte, so sah er doch an der Bewegung der beiden Lippenpaare, daß sie das Zauberwort »Pickwick« aussprachen.

Das war genug. – In der nächsten Minute hatte sich Herr Weller Bahn gebrochen, brachte die Träger zum Stehen und trat vor den stattlichen Grummer hin.

»Holla, Alter«, rief Sam: »wen habt Ihr da in dieser Tragbahre?«

»Zurück«, rief Herr Grummer, dessen Würde, wie die Würde einer Menge anderer Leute, durch das bißchen Volksgunst wunderbar gehoben wurde.

»Schlagt ihn nieder, wenn er nicht weicht«, sagte Herr Dubbley.

»Ich bin Euch sehr verbunden, Alter«, versetzte Sam, »daß Ihr wenigstens meine Neigung um Rat fragt, und noch mehr bin ich es dem andern Herrn, der aussieht, als wäre er eben einer Riesenkarawane entlaufen, für seinen hübschen Vorschlag verpflichtet. Aber lieber wäre es mir, ihr gebet mir eine Antwort auf meine Frage, wenn es euch nichts verschlägt. – Wie geht es Ihnen, Sir?« Diese letztere Bemerkung war mit der Miene des Gönners an Herrn Pickwick gerichtet, der durch das Vorderfenster spähte.

Herr Grummer war völlig sprachlos vor Entrüstung. Er zog seinen Stab mit der messingenen Krone aus der Tasche hervor und schwenkte ihn vor Sams Augen.

»Ach«, sagte Sam, »recht hübsch, besonders die Krone, die ungemein viel Ähnlichkeit mit einer Königskrone hat.«

»Zurück!« schrie der entrüstete Herr Grummer.

Und um diesem Befehl mehr Kraft zu geben, stieß er mit der einen Hand das metallene Sinnbild des Stabs in Sams Halstuch, faßte ihn mit der andern am Kragen, eine Artigkeit, die Herr Weller dadurch zu erwidern suchte, daß er ihn alsbald zu Boden schlug, nachdem er zuvor mit der größten Bedachtsamkeit einen Träger niedergeschlagen hatte, auf dem Grummer nun liegen konnte.

Ob Herr Winkle von einem vorübergehenden Anfalle jener Art von Wahnsinn befallen war, die aus einem Gefühl des erduldeten Unrechts entspringt, oder ob er durch Herrn Wellers Tapferkeit angesteckt wurde, läßt sich nicht ermitteln. Aber gewiß ist, daß er nicht sobald Herrn Grummer stürzen sah, als er einen furchtbaren Angriff auf einen kleinen Jungen machte, der neben ihm stand, worauf Herr Snodgrass mit echt christlichem Sinn, und um niemanden unversehens zu überfallen, mit sehr lauter Stimme ankündigte, er werde jetzt beginnen – eine Erklärung, nach der er mit der größten Überlegung seinen Rock auszog. Er wurde jedoch sogleich umringt und festgenommen; und es ist bloße Gerechtigkelt gegen ihn und Herrn Winkle, wenn wir sagen, daß beide nicht den geringsten Versuch machten, sich oder Herrn Weller zu befreien, der nach dem tapfersten Widerstande durch die Überzahl überwältigt und festgenommen wurde. Der Zug stellte sich wieder in Ordnung, die Träger traten an ihre Plätze, und alles setzte sich wieder in Bewegung.

Herrn Pickwicks Entrüstung während dieses ganzen Vorfalls kannte keine Grenzen. Er sah nur, wie Sam die Gehilfen der Gerechtigkeit in allen Richtungen niederwarf – das einzige, dessen er gewahr werden konnte, da er weder die Tür der Sänfte zu öffnen noch die Vorhänge aufzuziehen vermochte. Endlich gelang es ihm mit Hilfe des Herrn Tupman, die Decke durchzustoßen, und auf den Sitz steigend, auf dem er sich so fest wie möglich zu halten suchte, indem er seine Hand auf seines Freundes Schulter legte, begann er eine Rede an das Volk zu halten, worin er sich über die unverantwortliche Art beklagte, mit der er behandelt worden, und alle zu Zeugen aufrief, daß sein Diener zuerst angegriffen worden sei. In dieser Ordnung erreichten sie das Haus des Bürgermeisters; die Sänfteträger trabten, die Gefangenen folgten, Herr Pickwick hielt Reden und die Menge schrie.

 

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.