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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

In dem Herr Samuel Weller alle seine Kräfte aufbietet, mit Herrn Trotter eine alte Rechnung auszugleichen.

In einem kleinen Gemach, in der Nähe der Ställe, saß am Morgen, der auf Herrn Pickwicks Abenteuer mit der Dame von mittlerem Alter und den gelben Haarwickeln folgte, Herr Weller senior, mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach London beschäftigt. Seine Stellung war ganz dazu geeignet, sein Porträt zu zeichnen, weshalb wir es dem Leser vorführen wollen.

Es ist wohl möglich, daß Herrn Wellers Profil in einer früheren Periode seines Lebens kühne und scharfe Umrisse darbot. Aber unter dem Einfluß des »guten Lebens« und einer außerordentlichen Neigung zur Indolenz hatte er seine Dimensionen vergrößert, und seine kühnen fleischigen Formen waren so weit über die ihnen von Natur angewiesenen Grenzen getreten, daß es sehr schwer hielt, etwas mehr als die äußerste Spitze einer hochroten Nase zu entdecken, wenn man sein Gesicht nicht ganz en face betrachtete. Sein Kinn hatte aus derselben Ursache jene würdevolle und imposante Form angenommen, die man gewöhnlich durch Vorsetzung des bedeutungsvollen »doppel« zu bezeichnen pflegt, und seine Gesichtsfarbe war aus jenen eigentümlichen Mischungen des Kolorits zusammengesetzt, die man nur bei Herren seines Gewerbes und bei halbgarem Rostbeef findet. Um seinen Nacken schlang sich ein karmoisinrotes Halstuch, wie man es auf Reisen zu tragen pflegt, und ging in so unmerklichen Stufen in das Kinn über, daß man kaum die Falten des einen von denen des andern unterscheiden konnte. Über den Enden des Tuches trug er eine lange Weste von rotgestreiftem Zeuge, und darüber wieder einen grünen Rock mit breitem Saum und großen Metallknöpfen, von denen die beiden, die in der Taille saßen, so weit von einander abstanden, daß man sie unmöglich zu gleicher Zeit sehen konnte. Sein kurzes, glattes, schwarzes Haar lugte kaum unter der breiten Krempe eines niederen braunen Hutes hervor. Seine Beine steckten in kurzen Hosen und farbigen Stulpenstiefeln: und von seiner geräumigen Westentasche hing eine kupferne Uhrkette, die ein einziges Petschaft und einen Schlüssel von gleichem Material endigte, nachlässig herunter.

Wir haben gesagt, Herr Weller sei mit den Vorbereitungen zu seiner Reise nach London beschäftigt gewesen; er nahm nämlich zur Stärkung ein entsprechende« Frühstück zu sich. Auf dem Tische vor ihm stand eine Flasche AleEin Bier, das ohne Hopfen bereitet wird., ein kaltes Stück Ochsenfleisch, ein mächtiger Laib Brot, und jedem dieser Gegenstände schenkte er mit der strengsten Unparteilichkeit abwechslungsweise seine Gunst. Er hatte soeben ein mächtiges Stück von dem letzteren abgeschnitten, als Fußtritte nahten; er hob den Kopf und sah seinen Sohn, der eben in das Zimmer trat.

»'n Morgen, Sammy«, sagte der Vater.

Der Sohn näherte sich dem Bierkruge, winkte seinem Vater zu, und verhalf sich, als Erwiderung des Grußes, zu einem kräftigen Schlucke.

»Du hast einen guten Zug, Sammy«, bemerkte Herr Weller der ältere, in den Krug hineinsehend, den sein Erstgeborener bis zur Hälfte geleert hatte. »Du hättest ja eine ungewöhnlich noble AusterWeil die Auster in ihrem Saft schwimmt, nimmt Vater Weiler diesen Vergleich auf. abgegeben, Sammy, wenn du auf dieser Lebensstufe geboren worden wärest.«

»Ja, ich darf sagen, ich hätte mir da auch etwas Ordentliches gegönnt«, erwiderte Sam, sich mit respektablem Eifer über das kalte Ochsenfleisch hermachend.

»Es schmerzt mich tief, Sammy«, sagte der ältere Herr Weller, schüttelte als Vorbereitung zum Trinken das Bier und beschrieb mit dem Krug kleine Kreise. »Es schmerzt mich sehr, Sammy, aus deinem Munde zu hören, daß du dich von dem maulbeerfarbenen Kerl für'n Narren halten ließest. Vor drei Tagen dachte ich noch, Sammy, die Namen Weller und Narr könnten niemals miteinander in Berührung kommen.«

»Doch natürlich den Fall ausgenommen, wo es sich um gewisse Witwen handelt«, fiel Sammy ein.

»Witwen, Sammy«, erwiderte Herr Weller, die Farbe etwas verändernd, »Witwen sind Ausnahmen von jeder Regel. Ich habe mal davon gehört, wieviel durchschnittliche Jungfern von einer Witwe aufgewogen werden, wenn es sich darum handelt, einen hinters Licht zu führen; ich glaube fünfundzwanzig, doch weiß ich nicht gewiß, ob es nicht mehr sind.«

»Nun, das ist doch ziemlich viel«, sagte Sam.

»Übrigens«, fuhr Herr Weller fort, ohne die Unterbrechung zu beachten, »ist das etwas ganz anderes. Du weißt Sammy, wie jener Advokat sagte, als er den Herrn verteidigte, der seine Frau mit dem Schüreisen schlug, wenn er lustig wurde. ›Und am Ende, Mylord‹, sagte er, ›ist es nichts weiter, als eine liebenswürdige Schwachheit.‹ Und das sage ich in bezug auf meine Neigung zu Witwen, Sammy, und so wirst auch du sagen, wenn du so alt bist, wie ich.«

»Ich weiß«, versetzte Sam, »ich hätte sollen gescheiter sein.«

»Sollen gescheiter sein?« wiederholte Herr Weller mit der Faust auf den Tisch schlagend. »Sollen gescheiter sein? Ja, ich kenne einen jungen Burschen, der nicht den vierten Teil von deiner Erziehung genossen hat – der noch keine sechs Monate auf den Marktplätzen kampierte – der hätte sich nicht so anführen lassen. Nein, Sammy, dem wäre das nicht passiert, Sammy.«

In der Gemütserregung, die durch diese peinlichen Gedanken hervorgerufen wurde, zog Herr Weller die Glocke und befahl einen zweiten Krug Ale.

»Aber das Schwatzen nützt jetzt nichts mehr«, sagte Sam; »es ist vorbei und die Sache läßt sich nicht mehr ändern. Das ist mein Trost, wie sie in der Türkei sagen, wenn sie dem Unrechten den Kopf abgeschlagen haben. Jetzt ist die Reihe an mir, Vater, und wenn ich diesen Trotter hier unter die Klauen bekomme, so soll er seine Lebtage daran denken.«

»Das hoffe ich von dir, Sammy, das hoffe ich von dir«, antwortete Herr Weller. »Auf dein Wohl, Sammy! und mögest du bald die Schmach abwaschen, mit der du unsern Familiennamen befleckt hast.«

Zu Ehren dieses Toastes nahm Herr Weller wenigstens zwei Drittel von dem Inhalte des neu hingestellten Kruges zu sich, und händigte ihn seinem Sohne ein, daß dieser über den Rest verfüge.

»Und nun Sammy«, sagte Herr Weiler, die große doppelgehäusige silberne Uhr, die am Ende der kupfernen Kette hing, zu Rate ziehend. »Nun ist's Zeit, daß ich auf die Post gehe, um mich dort einschreiben zu lassen und zuzusehen, wie die Kutsche geladen wird; denn Postkutschen, Sammy, sind wie Kanonen, die mit großer Sorgfalt geladen werden müssen, ehe sie losgehen.«

Diesen seinem Gewerbe entlehnten Scherz des Vaters begleitete Herr Weller junior mit dem Lächeln kindlicher Liebe. Sein verehrter Erzeuger fuhr mit feierlichem Tone fort. –

»Mein Sohn Samuel, ich verlasse dich jetzt, und niemand weiß, wann ich dich wiedersehe. Deine Stiefmutter ist mir dann vielleicht zuviel geworden, und tausend Dinge können sich ereignet haben, bis du wieder etwas von dem berühmten Herrn Weller von Bell Savage hörst. Der Familienname hängt nun größtenteils von dir ab, Samuel, und ich hoffe, du wirst ihm keine Schande machen. In allen geringeren Stücken der Erziehung kann ich mich, das weiß ich, so gut auf dich verlassen, wie auf mich selbst. Ich habe dir also nur noch einen Rat zu geben. Wenn du in die Fünfzig kommst und Neigung fühlst, dich mit irgendeiner Person zu verheiraten – gleichviel, wer es sei – so schließe dich in dein Kämmerlein ein, wenn du eins hast, und vergifte dich unverzüglich. Hängen ist etwas Gemeines, also daran darfst du nicht denken. Vergifte dich, mein Sohn Samuel, vergifte dich, und du wirst nachher froh darüber sein.«

Bei diesen liebevollen Ermahnungen sah Herr Weller seinem Sohne ernst ins Gesicht. Dann machte er eine imposante Verbeugung, indem er den rechten Fuß vorrückte und mit dem Absatz einen Halbkreis beschrieb. Schließlich verschwand er aus Sams Augen.

In der ernsten Stimmung, die diese Worte hervorgerufen, verließ Herr Samuel Weller das große weiße Roß und richtete seine Schritte gegen die St.-Klemens-Kirche, wo er versuchte, seine Schwermut zu vergessen. Er schlenderte um die altertümliche Umgebung dieses Gebäudes herum. Nach einiger Zeit sah er sich auf einem abgelegenen Platze – in einer Art Hof von ehrwürdigem Ansehen – der, wie er bemerkte, keinen andern Ausgang hatte, als die Öffnung, durch die er eingetreten war. Er war eben daran, wieder umzukehren, als er durch eine plötzliche Erscheinung gleichsam an die Erde gebannt wurde, wie der Leser sogleich hören wird. In seine Gedanken vertieft, hatte Herr Samuel Weller von Zeit zu Zeit an den roten Backsteinhäusern hinaufgesehen, und dabei manchem rotwangigen Dienstmädchen zugenickt, das einen Vorhang aufzog oder ein Fenster in einem Schlafzimmer öffnete. Da ging das grüne Gartentor am Ende des Hofes auf, und ein Mann, der eintrat, schloß es wieder sorgfältig hinter sich ab, worauf er mit schnellen Schritten der Stelle zuging, wo Herr Weller stand.

Als Einzeltatsache, ohne alle Nebenumstände betrachtet, lag nicht gerade etwas Außerordentliches in dieser Erscheinung; denn in vielen Teilen der Welt kommen Männer aus Gärten, schließen grüne Tore hinter sich ab und gehen rasch ihres Weges weiter, ohne die Augen der Welt in besonderem Grade auf sich zu ziehen. Es ist also klar, daß an der Person, oder in den Manieren dieses Mannes, oder in beiden etwas liegen mußte, was Herrn Wellers Aufmerksamkeit besonders anzog. Ob das der Fall war oder nicht, müssen wir der Beurteilung des Lesers überlassen, wenn wir das Benehmen des fraglichen Individuums geschildert haben werden.

Als der Mann das grüne Tor hinter sich abgeschlossen hatte, ging er, wie wir schon zweimal bemerkt haben, mit schnellen Schritten im Hofe vorwärts. Aber kaum hatte er Herrn Weller zu Gesicht bekommen, als er anhielt und stillstand, als ob er im Augenblicke unschlüssig geworden wäre, was er tun sollte. Da das grüne Tor hinter ihm abgeschlossen war, und der Hof keinen andern Ausgang hatte, als den in der Front, so gelangte er natürlich bald zu dem Entschluß, er müsse an Herrn Samuel Weller vorbei, um hinauszukommen. Er nahm also seinen schnellen Schritt wieder auf und starrte gerade vor sich hin, während er weiterging. Das Außerordentlichste an dem Mann war aber, daß er sein Gesicht in die fürchterlichsten und entsetzlichsten Fratzen verzerrte, die man jemals gesehen hat. Noch nie ward ein Gebilde der Natur durch plastische Verstellung in einem Augenblicke so kunstreich maskiert, wie das Gesicht dieses Menschen durch seine Mimik.

»Nun« – sagte Herr Weller zu sich selbst, als der Mann näher kam. »Ich hätte darauf schwören mögen, er sei's.«

Der Mann kam herbei, und sein Gesicht war noch furchtbarer entstellt, als je.

»Ich könnte einen Eid darauf ablegen, es ist sein schwarzes Haar und sein maulbeerfarbener Anzug«, sagte Herr Weller; »nur habe ich bis jetzt noch nie ein solches Gesicht gesehen.«

Während Herr Weller das sagte, nahmen die Züge des Mannes einen dämonischen, scheußlichen Ausdruck an. Er mußte jedoch ganz nahe an Sam vorüber, und der forschende Blick dieses Herrn erkannte trotz dieser furchtbaren Gesichtsverzerrungen doch etwas, was Herrn Hiob Trotters kleinen Äuglein glich, deutlich genug, um vor einer Verwechselung sicher zu sein.

»Holla, guter Freund«, schrie Sam überlaut.

Der Fremde stand still.

»Holla«, widerholte Sam in noch rauherem Tone.

Der Mann mit dem fürchterlichen Gesicht sah mit der größten Überraschung den Hof hinauf und den Hof hinunter und an den Fenstern der Häuser empor – überall hin, nur nicht auf Sam Weller – und tat dann einen Schritt weiter, als er durch einen dritten Ruf wieder zum Stehen gebracht wurde.

»Holla, mein guter Freund«, – schrie Sam zum drittenmal.

Jetzt gab's kein Ausweichen mehr; der Fremde mußte endlich Sam Wellern gerade ins Gesicht sehen.

»Es hilft doch nichts – Hiob Trotter«, sagte Sam. »Lassen Sie diese Alfanzereien. Sie sind nicht so außerordentlich schön, daß Sie die paar natürlichen Züge in Ihrem Gesicht wegzuwerfen brauchen. Bringen Sie Ihre Augen nur wieder in gewöhnliche Lage, oder ich schlage sie Ihnen aus dem Kopf heraus. Hören Sie?«

Da Herr Weller durchaus geneigt schien, seine Worte zur Tat werden zu lassen, so gestattete Herr Trotter seinem Gesicht, allmählich seinen ursprünglichen Ausdruck wieder anzunehmen, und rief mit freudigem Erstaunen:

»Was seh' ich? Herr Walker!«

»Ach was!« versetzte Sam, »es macht Ihnen Freude, mich zu sehen, – nicht wahr?«

»Freude!« rief Hiob Trotter – »o, Herr Walker, hätten Sie nur gewußt, wie ich mich nach diesem Wiedersehen sehnte. Es ist zu viel, Herr Walker; ich kann es nicht ertragen, nein, ich kann nicht.«

Und mit diesen Worten brach Herr Trotter in einen Strom von Tränen aus, umschlang Herrn Weller mit den Armen und drückte ihn, im Übermaß der Freude, fest ans Herz.

»Gehen Sie«, rief Sam, über dieses Benehmen höchlich entrüstet und vergeblich bemüht, sich der Umarmung seines enthusiastischen Freundes zu entziehen. – »Gehen Sie weg, sag' ich Ihnen. Was heulen Sie denn so über mich hinein, Sie Handfeuerspritze?«

»Weil es mir so viel Freude macht, Sie zu sehen«, versetzte Hiob Trotter, Herrn Weller allmählich loslassend, nachdem die ersten Symptome von dessen Kampfbegierde verschwunden waren. »Oh, Herr Walker, das ist zu viel.«

»Zu viel?« wiederholte Sam, »Ich glaube auch, es ist zu viel.«

»Nun, was haben Sie mir denn zu sagen, he?«

Herr Trotter gab keine Antwort, denn sein kleines rosafarbenes Taschentuch hatte vollauf zu tun.

»Was haben Sie mir denn zu sagen, ehe ich Ihnen den Kopf einschlage?« wiederholte Weller in drohendem Tone.

»Wie?« rief Herr Trotter, mit einem Blicke tugendhaften Erstaunens.

»Was haben Sie mir zu sagen?«

»Ich, Herr Walker?«

»Nennen Sie mich nicht Walker. Mein Name ist Weller, Sie wissen das gut genug. Was haben Sie mir zu sagen?«

»Ach Gott, Herr Walker – Weller, meine ich – eine Menge Dinge, wenn Sie mich dahin begleiten wollen, wo wir ungestört miteinander sprechen können. Wenn Sie wüßten, wie sehr mich nach Ihnen verlangt hat, Herr Weller –«

»Mag freilich gewaltig gewesen sein«, bemerkte Sam trocken.

»Außerordentlich, außerordentlich, lieber Herr«, erwiderte Herr Trotter, ohne eine Miene zu verziehen. »Aber geben Sie mir die Hand, Herr Weller.«

Sam betrachtete seinen Kameraden einige Sekunden lang und erfüllte dann, wie durch plötzliche Eingebung dazu getrieben, sein Verlangen.

»Was macht –« fragte Hiob Trotter, als sie miteinander weitergingen – »was macht Ihr lieber, guter Herr? Oh, das ist ein würdiger Mann, Herr Weller. Ich hoffe, er hat sich in jener fürchterlichen Nacht doch keine Erkältung zugezogen?«

Es lag ein vorübergehender Ausdruck tief versteckter Bosheit in Hiob Trotters Auge, als er dies sagte, und ein Schauer durchrieselte Herrn Wellers geballte Faust, der ihm ein heftiges Verlangen einflößte, Herrn Trotters Rippen eine nähere Erklärung darüber abzufordern. Aber Sam bezwang sich und antwortete, seinem Herrn gehe es recht gut.

»O, wie mich das freut«, versetzte Herr Trotter. »Ist er hier?«

»Ist Ihr Herr hier?« fragte Sam dagegen.

»Oh ja, er ist hier, und es schmerzt mich, Herr Weller, Ihnen sagen zu müssen, daß er's ärger treibt, als je.«

»Wirklich?« sagte Sam.

»Ja: 's ist zum Erbarmen – schrecklich!«

»In einer Mädchenschule?« fragte Sam.

»Nein, in keiner Mädchenschule,« erwiderte Hiob Trotter, mit demselben boshaften Blick, den Sam vorhin bemerkt hatte – »in keiner Mädchenschule.«

»In dem Hause mit dem grünen Tor?« fragte Sam weiter, seinen Kameraden genau ins Auge fassend.

»Nein – nein – oh, dort nicht«, versetzte Hiob mit einer Eile, die man durchaus nicht an ihm gewohnt war.

»Was taten denn Sie dort?« fragte Sam, ihn scharf ansehend. – »Gingen Sie vielleicht bloß zufälligerweise durch das Tor?«

»Nun, Herr Weller,« erwiderte Hiob, »ich trage keine Bedenken, Ihnen meine kleinen Geheimnisse mitzuteilen, denn Sie wissen, was für eine Neigung wir gleich beim ersten Zusammentreffen für einander faßten. Sie erinnern sich, wie angenehm jener Morgen war?«

»Oh ja,« antwortete Sam ungeduldig; »ich erinnere mich. Nun?«

»Nun,« fuhr Hiob in dem leisen abgemessenen Tone eines Menschen fort, der jemandem ein wichtiges Geheimnis mitteilt, »in jenem Hause mit dem Tore, Herr Weller, ist eine zahlreiche Dienerschaft.«

»Das sieht man ihm an«, fiel Sam ein.

»Nun, und unter dieser Dienerschaft«, sprach Herr Trotter weiter, »befindet sich eine Köchin, die sich eine Kleinigkeit erspart hat, Herr Weller, und die, wenn sie sich häuslich niederlassen kann, einen kleinen Kramladen anzulegen gesonnen ist.«

»So?«

»Ja, Herr Weller. Nun, Freundchen, ich traf sie in einer Kapelle, die ich gewöhnlich besuche – ein sehr hübsches Kapellchen in dieser Stadt, Herr Weller, wo man aus Nummer vier der Sammlung geistlicher Lieder singt, die ich gewöhnlich in einem kleinen Buche bei mir trage. Sie haben es vielleicht in meiner Hand gesehen – und ich wurde mit ihr bekannt, Herr Weller, und daraus entspann sich ein näheres Verhältnis zwischen uns, und ich darf Ihnen sagen, Herr Weller, daß ich Aussicht habe, in dem Laden der Krämer zu werden.«

»Ei; und Sie werden ein sehr liebenswürdiger Krämer werden«, versetzte Sam, einen Seitenblick tiefgewurzelten Widerwillens auf Hiob werfend.

»Der große Vorteil ist der, Herr Weller,« fuhr Hiob fort, während sich seine Augen mit Tränen füllten, »daß ich dann meinen gegenwärtigen, schimpflichen Dienst bei dem gottlosen Mann verlassen und mich einem besseren und tugendhafteren Leben weihen kann – einem Leben, das meiner Erziehung mehr entspricht, Herr Weller.«

»Sie müssen sehr gut erzogen worden sein«, bemerkte Sam.

»O gewiß, Herr Weller, gewiß«, erwiderte Hiob.

Und bei der Erinnerung an die Unschuld seiner jugendlichen Tage zog Herr Trotter das rosafarbene Taschentuch hervor, und weinte reichliche Tränen.

»Sie müssen ein ungemein gutes Kind gewesen sein, als Sie noch in die Schule gingen«, bemerkte Sam.

»Das war ich, Sir«, erwiderte Hiob mit einem schweren Seufzer, »ich war der Abgott der Schule.«

»Ach, das wundert mich nicht«, meinte Sam, »Was muß das für Ihre glückliche Mutter eine Freude gewesen sein!«

Bei diesen Worten drückte Herr Hiob Trotter einen Zipfel des rosafarbenen Taschentuchs in den Winkel eines jeden seiner beiden Augen und fing bitterlich zu weinen an.

»Was ist's doch eigentlich mit diesem Menschen?« sagte Sam unwillig. »Die Wasserwerke von Chelsea sind nichts gegen Sie: was zerfließen Sie schon wieder in Tränen – macht's etwa das Bewußtsein Ihrer Schurkerei?«

»Ich kann meine Gefühle nicht unterdrücken, Herr Weller«, antwortete Hiob nach einer kurzen Pause. »Wer hatte sich auch träumen lassen, daß mein Herr das Gespräch argwöhnte, das ich mit dem Ihrigen hatte, und daß er mich in einer Postkutsche wegbringen lassen würde, nachdem er zuvor die sanfte junge Dame und die Vorsteherin der Schule zu der Aussage überredet hatte, sie wüßten nichts von ihm. Ach, es schaudert mich, Herr Weller, wenn ich daran denke, daß er die Arme nur verließ, um einer besseren Spekulation nachzugehen.«

»Also so verhielt sich die Sache – wirklich?« fragte Herr Weller.

»Sie dürfen mir aufs Wort glauben«, erwiderte Hiob.

»Gut«, sagte Sam, als sie jetzt am Gasthofe angekommen waren; »ich möchte gern ein wenig mit Ihnen plaudern, Hiob. Wenn Sie sonst nicht versagt sind, würde es mich freuen, Sie so gegen acht Uhr im großen weißen Rosse zu sehen.«

»Ich werde mich mit Vergnügen einfinden«, sagte Hiob.

»Sie werden wohl daran tun«, erwiderte Sam mit einem vielsagenden Blick, »oder ich suche Sie sonst vielleicht hinter dem grünen Tore auf, und dann wäre es möglich, daß ich Sie ausstäche.«

»Ich werde mich gewiß einstellen,« bemerkte Herr Trotter, drückte Herrn Weller mit dem größten Eifer die Hand und entfernte sich.

»Nimm dich in acht, Hiob Trotter«, sagte Sam, ihm nachsehend; »nimm dich in acht, oder du dürftest diesmal den Kürzeren ziehen; denn gewiß, ich lasse mich nicht zum zweitenmal hinters Licht führen.«

Nachdem Herr Weller diesen Monolog gehalten und Hiob so lange mit seinen Blicken verfolgt hatte, bis dieser verschwunden war, machte er sich auf den Weg nach seines Herrn Schlafzimmer.

»Es ist alles im Zug, Sir«, sagte Sam.

»Was ist im Zug, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Ich habe sie ausfindig gemacht, Sir«, antwortete Sam.

»Ausfindig gemacht? Wen?«

»Den sauberen Spitzbuben und den melancholischen Kerl mit dem schwarzen Haar.«

»Unmöglich, Sam!« rief Herr Pickwick heftig aus. »Wo sind sie, Sam – wo sind sie?«

»Pst – pst«, erwiderte Herr Weller und setzte Herrn Pickwick, während er ihm beim Ankleiden half, den Operationsplan auseinander, den er entworfen hatte.

»Aber wann soll dieses geschehen, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Alles zu rechter Zeit, Sir«, erwiderte Sam.

Ob es übrigens zu rechter Zeit geschah oder nicht, werden wir später sehen.

 

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