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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Zwanzigstes Kapitel.

Ein angenehmer Tag mit einem unangenehmen Schluß.

Die Vögel, die zum Glück für ihre Gemütsruhe und ihr körperliches Wohlbehagen in seliger Unwissenheit über die Vorbereitungen blieben, die am ersten September zu ihrer Beunruhigung getroffen wurden, begrüßten ohne Zweifel den Morgen dieses Tages als einen der schönsten, den sie in dieser Jahreszeit je gesehen hatten. Manches junge Rebhuhn, das mit der ganzen Ziererei der Jugend selbstgefällig auf dem Stoppelfelde einherstolzierte, und manches alte, das ebensowenig das Gericht ahnend, das über sie ergehen sollte, mit der verächtlichen Miene der Weisheit und Erfahrung dessen leichtfertigem Treiben aus den runden Äuglein zuschaute, badete sich voll wonnetrunkener Gefühle in der frischen Morgenluft und lag wenige Stunden nachher leblos am Boden. Doch wir werden sentimental. Fahren wir in unserm Texte fort.

Es war also, um prosaisch zu berichten, ein schöner Morgen – so schön, daß man kaum geglaubt hätte, die wenigen Monate eines englischen Sommers seien schon vorübergeflogen. Hecken, Felder und Bäume, Hügel und Moorland boten dem Auge die wechselreichen Schattierungen eines vollen, saftigen Grüns. Kaum ein Blatt war gefallen, kaum ein gelbes Pünktchen mischte sich mit der Farbe des Sommers und verriet den Anfang des Herbstes. Der Himmel war wolkenlos; die Sonne schien hell und warm. Der Gesang der Vögel und das Gesumme von Myriaden Sommerinsekten erfüllte die Luft. Die Gärten prangten voller Blumen jeglicher Farbe in üppiger Schönheit und funkelten im Morgentau gleich Beeten blitzender Juwelen. Alles trug den Stempel des Sommers und noch war nicht eine von seinen schönen Farben verblichen.

An einem solchen Morgen hielt ein offener Wagen mit drei Pickwickiern (Herr Snodgrass hatte es vorgezogen zu Hause zu bleiben) nebst den Herren Wardle, Trundle und Sam Weller, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß, vor einem Tor an der Landstraße. Hinter diesem hatten sich ein großer, starkknochiger Wildhüter und ein Junge in Halbstiefeln und Lederhosen postiert, jeder mit einer Jagdtasche von bedeutender Größe und ein paar Hühnerhunden versehen.

»Sie denken doch nicht«, flüsterte Herr Winkle Herrn Wardle zu, als man den Wagentritt niederließ, »daß wir Hühner genug schießen werden, um diese Jagdtaschen zu füllen?«

»Füllen?« rief der alte Wardle. »Was denn sonst? Sie sollen die eine füllen und ich die andere; und wenn wir damit fertig sind, so geht es erst noch an die Taschen unserer Jagdwämser.«

Herr Winkle stieg ab, ohne auf diese Bemerkung etwas zu erwidern, dachte aber in seinem Herzen, wenn die Gesellschaft so lange im Freien bleiben würde, bis er eine von den Jagdtaschen gefüllt hatte, so würde sie sich wohl einen bedeutenden Schnupfen holen,

»Na, Juno, schön – na, altes Mädchen! – leg dich, Daphne, leg dich«, sagte Wardle, die Hunde liebkosend. »Herr Geoffrey ist natürlich noch in Schottland, Martin?«

Der große Wildhüter bejahte und sah staunend auf Herrn Winkle, der seine Flinte so hielt, als ob er den Wunsch hegte, seine Rocktasche möchte ihm die Mühe ersparen, den Hahn zu spannen und dann auf Herrn Tupman, der sie so trug, als ob er sich vor ihr fürchtete – welch letztere Annahme zu bezweifeln eigentlich auch kein vernünftiger Grund vorhanden war.

»Meine Freunde sind noch nicht oft dabei gewesen, Martin«, sagte Wardle, der den Blick bemerkte. »Da heißt's: ›Leben und Lernen‹. Aber sie werden schon noch tüchtige Schützen werden. Bitte übrigens um Verzeihung, Herr Winkle, Sie haben etwas Übung.«

Herr Winkle lächelte auf dieses Kompliment aus seiner blauen Halsbinde hervor und verwickelte sich in seiner bescheidenen Verwirrung so seltsam in seine Flinte, daß er sich, wenn sie geladen gewesen wäre, notwendig auf der Stelle hätte erschießen müssen.

»Sie müssen das Ding da anders halten, wenn es einmal geladen ist«, sagte der große Wildhüter mürrisch, »oder der Teufel soll mich holen, wenn Sie so nicht einen von uns kalt machen.«

Herr Winkle, veränderte auf die Ermahnung plötzlich seine Stellung und brachte den Flintenlauf dabei in ziemlich kräftige Berührung mit Herrn Wellers Kopf.

»Holla«, rief Sam, den heruntergeschlagenen Hut aufhebend und seine Schläfe reibend: »holla, mein Herr: wenn Sie so kommen, können Sie mit einem Schlag eine von diesen Taschen füllen, und noch mehr dazu.«

Hier lachte der lederhosige Junge aus vollem Halse und versuchte dabei auszusehen, als ob es jemand anders gewesen wäre, worüber Herr Winkle voll Majestät die Stirn runzelte.

»Wo haben Sie dem Jungen gesagt, daß er uns mit dem Korbe erwarten solle?« fragte Wardle.

»Dort an dem großen Baume auf dem Hügel um zwölf Uhr, Sir.«

»Der gehört, glaube ich, nicht zu Herrn Geoffreys Gut – oder?«

»Nein, Sir, aber er ist nahe dabei. Der Platz gehört dem Kapitän Boldwig; aber es wird uns niemand stören. Auch ist dort prächtiger Rasen.«

»Sehr schön«, versetzte der alte Wardle. »Aber nun ist's Zeit. Je bälder, je besser! Wollen Sie uns also um zwölf Uhr treffen, Pickwick?«

Herr Pickwick hatte eine besondere Sehnsucht, der Jagd zuzusehen, zumal da es ihm um Herrn Winkles Leib und Leben bange war und es an einem so einladenden Morgen wahre Tantalusqual gewesen wäre, wieder umzukehren und seinen Freunden den Genuß allein zu überlassen. Er erwiderte deshalb mit einer sehr traurigen Miene:

»Tja, ich denke, daß ich wohl muß.«

»Ist der Herr kein Schütze, Sir?« fragte der lange Wildhüter.

»Nein«, antwortete Wardle; »und außerdem kommt er mit seinem Beine nicht recht fort.«

»Ich würde sehr gern mitgehen«, sagte Herr Pickwick – »sehr gern.«

Es entstand eine kleine Pause des Bedauerns.

»Jenseits der Hecke ist eine Schiebkarre«, sagte der Junge. »Wenn darauf der Diener seinen Herrn auf den Pfaden nachrollen würde, der Karren läßt sich leicht über die Schranken heben.«

»Ganz recht«, sagte Herr Weller, der recht interessiert war, weil er selbst ein brennendes Verlangen hatte, die Jagd mit anzusehen. »Ganz recht, ein guter Einfall, du Stöpsel: in einer Minute will ich ihn da haben.«

Aber es erhob sich eine Schwierigkeit. Der lange Wildhüter protestierte feierlich dagegen, daß ein Gentleman auf einer Schiebkarre zu einer Jagdpartie fahren sollte, und nannte das eine grobe Verletzung aller weidmännischen Regeln und Gebräuche.

Da war nun guter Rat teuer, aber er war nicht unbezahlbar. Der Wildhüter erhielt Geld und gute Worte, und machte nun seinem Herzen dadurch Luft, daß er dem erfinderischen Jungen, der zuerst das Vehikel vorgeschlagen hatte, eins hinter die Ohren versetzte. Herr Pickwick wurde auf den Karren gesetzt, und die Jagdgesellschaft brach auf, wobei Wardle und der lange Wildhüter den Zug anführten und Herr Pickwick von Sam hinterher geschoben wurde.

»Halt, Sam!« rief Herr Pickwick, als sie in der Mitte des ersten Feldes angekommen waren.

»Was gibt's?« fragte Wardle.

»Der Karren soll mir keinen Schritt weiter«, sagte Herr Pickwick entschlossen, »bis Herr Winkle seine Flinte anders hält.«

»Wie soll ich sie denn halten?« fragte der unglückliche Winkle.

»Die Mündung gegen den Boden gekehrt«, versetzte Herr Pickwick.

»Das ist nicht weidmännisch«, meinte Winkle.

»Ich kümmere mich nicht darum«, erwiderte Herr Pickwick, »ob es weidmännisch ist oder nicht: ich will nun einmal niemanden zulieb – um einer bloßen Förmlichkeit willen, auf einem Karren erschossen werden.«

»Ich wette, der Herr wird den Schuß jemand in den Leib jagen, ehe er daran denkt«, brummte der Lange.

»Nun, mir soll's auch so recht sein«, sagte der arme Herr Winkle, seinen Flintenschaft nach oben kehrend. – »So!«

»Es geht doch nichts über ein ruhiges Leben«, sagte Herr Weller; und der Zug bewegte sich wieder vorwärts.

»Halt!« rief Herr Pickwick, als sie wieder einige Meter vorwärts gedrungen waren.

»Was gibt's schon wieder?« fragte Wardle.

»Tupmans Flinte ist nicht gesichert; ich seh es, sie ist nicht gesichert«, rief Herr Pickwick.

»Wie? was? nicht gesichert?« fragte Herr Tupman im Tone großer Angst.

»Ich meine, wie Sie sie tragen«, sagte Herr Pickwick. »Es tut mir leid, wieder eine Störung zu veranlassen, aber ich kann nicht zugeben, daß es weiter geht, bis Sie Ihr Gewehr halten, wie Herr Winkle.«

»Ich dächte auch, Sie ließen sich raten, Sir«, sagte der lange Wildhüter, »oder es könnte ebensowohl der Fall sein, daß der Schuß in Ihre eigene Hüfte führe, als in eine andere.«

Herr Tupman brachte mit der verbindlichsten Hast sein Feuergewehr in die verlangte Richtung, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die beiden Jagdliebhaber schritten mit umgekehrten Waffen daher, wie ein paar Soldaten bei einem königlichen Leichenbegängnis.

Plötzlich standen die Hunde. Die Gesellschaft stahl sich noch einen Schritt weiter und blieb gleichfalls stehen.

»Was machen denn die Hunde mit ihren Beinen?« flüsterte Herr Winkle. »Sie stehen so wunderlich da,«

»Pst! sehen Sie's denn nicht?« versetzte Wardle leise: »sie stellen etwas.«

»Stellen etwas?« fragte Herr Winkle, umherschauend, als ob er irgend etwas Besonderes in der Landschaft zu entdecken erwartete, dem die scharfsinnigen Tiere eine vorzugsweise Aufmerksamkeit widmeten. »Stellen etwas? Und was stellen sie denn?«

»Sperren Sie Ihre Augen auf«, sagte Herr Wardle in der Aufregung des Augenblicks, ohne die Frage zu beachten. »Los!«

Ein scharfes, schwirrendes Geräusch, und Herr Winkle bebte zurück, als wäre er erschossen. Piff, paff erscholl es: der Rauch schwebte schnell über das Gefilde und verschwand in der Luft.

»Wo sind sie?« fragte Herr Winkle, in dem Zustande der höchsten Aufregung sich nach allen Richtungen umsehend. »Wo sind sie? Sagen Sie mir, wann ich schießen soll. Wo sind sie – wo sind sie?«

»Wo sie sind?« entgegnete Wardle, ein paar Hühner aufhebend, die die Hunde zu seinen Füßen gelegt hatten. »Wo sie sind? Nun, hier sind sie.«

»Nein, nein – ich meine die andern«, sagte der verwirrte Winkle.

»Für diesmal weit genug weg«, erwiderte Wardle, seine Flinte kaltblütig wieder ladend.

»In fünf Minuten werden wir wahrscheinlich eine zweite Kette antreffen«, sagte der lange Wildhüter. »Wenn der Herr jetzt zu schießen anfängt, so kann der Schuß gerade in dem Augenblicke aus dem Lauf kommen, wo sie auffliegen.«

»Ha, ha, ha!« lachte Herr Weller.

»Sam«, sagte Herr Pickwick, der seinen Gefährten wegen seiner Verwirrung und Verlegenheit bemitleidete.

»Sir!«

»Lache nicht.«

»Gewiß nicht, Sir!« antwortete Herr Weller und verzerrte seine Gesichtszüge hinter dem Schiebkarren zur großen Belustigung des Jungen mit den Lederhosen, der deshalb in ein wieherndes Gelächter ausbrach und von dem langen Wildhüter einige Puffe bekam. D. h. dieser suchte damit nur einen Vorwand, sich umzudrehen und seine eigene Lachlust zu verbergen.

»Bravo, alter Kamerad«, sagte Herr Wardle zu Herrn Tupman: »Sie feuerten doch wenigstens.«

»O ja«, erwiderte Herr Tupman mit stolzem Selbstgefühl: »ich schoß.«

»Bravo: Sie werden das nächste Mal treffen, wenn Sie gut zielen. Es ist sehr leicht – nicht wahr?«

»Ja, es ist sehr leicht«, sagte Herr Tupman. »Übrigens erhielt ich dabei einen Stoß an die Schulter, der mich fast zu Boden geworfen hätte. Ich ließ mir's nicht träumen, daß die kleinen Dinger hinten ausschlagen könnten.«

»Ah«, sagte der alte Herr lächelnd, »Sie werden sich daran mit der Zeit schon gewöhnen. Nun – alles bereit? – Alles in Ordnung mit dem Schiebkarren hier?«

»Alles in Ordnung, Sir«, erwiderte Herr Weller.

»So komm.«

»Halten Sie sich fest, Herr«, sagte Sam, den Schiebkarren aufhebend.

»O weh, o weh«, rief Herr Pickwick; und vorwärts ging's, so schnell wie es nötig war.

»Halten Sie jetzt mit dem Schiebkarren«, rief Wardle, als dieser über eine Schranke in das nächste Feld gehoben worden war und Herr Pickwick wieder darauf Platz genommen hatte.

»Ganz recht, Sir«, versetzte Herr Weller und hielt.

»Nun folgen Sie mir langsam, Winkle«, sagte der alte Herr, »und kommen Sie diesmal nicht zu spät.«

»Sorgen Sie nicht für mich«, antwortete Herr Winkle. »Stehen sie?«

»Nein, noch nicht; ruhig jetzt, ruhig.«

Sie schlichen vorwärts und würden in aller Stille hingekommen sein, hätte nicht Herr Winkle bei Ausführung einer sehr schwierigen Wendung mit seiner Flinte in dem entscheidenden Augenblick zufälligerweise den Drücker berührt. Der Schuß ging über den Kopf des Jungen weg genau dorthin, wo des großen Mannes Hirnschale geragt hätte, wenn dieser statt jenem dagestanden wäre.

»Was in aller Welt haben Sie gemacht?« fragte der alte Wardle, als die Hühner lustig davonflogen.

»Eine solche Flinte habe ich in meinem Leben nicht gesehen«, bemerkte der alte Winkle, das Schloß betrachtend, als ob das irgend etwas hülfe. »Sie geht von selbst los.«

»Ach was – geht von selbst los!« versetzte Wardle mit etwas gereiztem Tone; »ich wollte, sie würde auch von selbst etwas treffen.«

»Oh, das kann in kurzem geschehen, Sir«, bemerkte der Lange mit dumpfer, prophetischer Stimme.

»Was wollen Sie mit dieser Bemerkung, Sir?« fragte Herr Winkle ärgerlich.

»Nichts Besonderes, Sir – nichts Besonderes«, erwiderte der Wildhüter. »Ich selbst habe keine Familie, Sir; und dieses Jungen Mutter bekäme was Hübsches von Herrn Geoffrey, wenn er auf seinem Gute erschossen würde. Laden Sie wieder, Sir – laden Sie wieder.«

»Nehmt ihm die Flinte ab!« rief Herr Pickwick vom Schiebkarren herunter, über die schwarzen Ahnungen des Langen von Schauern geschüttelt, »Nehmt ihm die Flinte ab! Hört mich niemand?«

Aber niemand wollte dem Befehle Folge leisten, und Herr Winkle, der einen rebellischen Blick auf Herrn Pickwick schoß, lud seine Flinte auf's neue und ging mit der übrigen Gesellschaft weiter.

Wir sind verpflichtet, unter Berufung auf Herrn Pickwicks Autorität ausdrücklich zu bemerken, daß Herr Tupman in seinem Verfahren weit mehr Klugheit und Besonnenheit an den Tag legte als Herr Winkle. Doch wollen wir damit den Kenntnissen des letztgenannten Herrn in allen Fächern der Jagdwissenschaft keineswegs zu nahe treten. Wie nämlich Herr Pickwick schon bemerkte, so ist es, was auch immer Schuld daran sein mag, schon seit fast undenklichen Zeiten immer wieder vorgekommen, daß oft gerade die besten und größten Philosophen, die in die Tiefe der Wissenschaft eingedrungen waren, nicht das Glück hatten, die Theorie auf die Praxis zu übertragen.

Herrn Tupmans Verfahren war, wie das bei den größten Entdeckungen gewöhnlich der Fall ist, äußerst einfach. Mit dem schnellen Scharfblick des Genies hatte er die beiden Hauptsachen, auf die es ankam, mit einem Male gefunden – erstens sein Gewehr abzuschießen, ohne sich selbst zu verletzen, und zweitens, es abzuschießen ohne Gefahr für die Umstehenden. Nachdem er nun die Schwierigkeit, überhaupt zu schießen, überwunden hatte, war natürlich das Beste, was er tun konnte, die Augen fest zuzudrücken und in die Luft zu feuern.

Einmal sah Herr Tupmann, als er nach dieser Heldentat die Augen wieder aufschlug, ein fettes Rebhuhn verwundet zu Boden fallen. Er stand eben im Begriff, Wardle zu seinem unwandelbaren Glück zu gratulieren, als dieser Herr auf ihn zutrat, und ihm warm die Hand drückte.

»Tupmann«, sagte der alte Herr, »Sie hatten es gerade auf dieses Huhn abgesehen?«

»Nein«, sagte Herr Tupman, »nein.«

»Sie haben es«, erwiderte Wardle; »ich sah es, wie Sie's gemacht haben – ich bemerkte, wie Sie es herausgeschossen haben – ich beobachtete Sie, wie Sie Ihre Flinte nahmen und darauf zielten, und ich kann Ihnen sagen, der beste Schütze auf der Welt hätte es nicht hübscher machen können. Sie sind geschickter, als ich geglaubt hatte, Herr Tupman; – Sie sind schon besser bei der Sache.«

Vergeblich lehnte Herr Tupmann mit einem Lächeln und einer Selbstverleugnung, die sonst nie zu seinen Tugenden gehörte, die Ehre ab. Aber eben dieses Lächeln wurde für einen Beweis des Gegenteils angesehen; und von dem Augenblicke an stand sein Ruf fest begründet. Das ist aber nicht der einzige Ruhm, der so leicht erworben worden; auch sind so glückliche Umstände nicht allein auf die Hühnerjagd beschränkt.

Herr Winkle schoß fort und fort, und der Rauch wirbelte dahin, ohne weitere bemerkenswerte Ergebnisse herbeizuführen; bald feuerte er seine Flinte in die Luft, bald ging der Schuß so nahe am Boden hin, daß er das Leben der beiden Hunde in eine unsichere und heikle Lage versetzte. Als Liebhaberpröbchen betrachtet, hatten seine Schüsse sehr viel Abwechselndes und Kunstvolles. Sollte aber ein bestimmtes Ziel gesetzt sein, so waren seine Versuche wohl als ganz mißlungen zu betrachten. Es ist ein anerkannter Grundsatz, jede Kugel hat ihr Ziel. Wenden wir diesen Satz aber auf Herrn Winkles Schrotkörner an, so waren es unglückliche Findelkinder, die, ihrer natürlichen Rechte beraubt, nirgends zu Hause sind und ohne Zweck und Ziel umherirren.

»Das ist ein schwüler Tag – nicht wahr?« sagte Wardle, als er auf den Schiebkarren zuging und sich den Schweiß von seinem glühend roten Gesicht wischte.

»Sicherlich«, versetzte Herr Pickwick. »Die Sonne ist fürchterlich heiß, sogar für mich. Wie es erst Sie empfinden müssen!«

»Ja«, sagte der alte Herr; »es ist ziemlich heiß. Doch es ist zwölf Uhr vorbei. Sehen Sie dort den grünen Hügel?«

»Gewiß.«

»Dort werden wir unsern Lunch halten: und, bei Jupiter, da ist auch der Junge schon mit dem Korbe, so pünktlich wie eine Sekundenuhr.«

»Das ist er«, sagte Herr Pickwirk aufgeheitert. »Ein guter Junge das. Ich will ihm gleich einen Schilling geben. Los, Sam, fahre mich hin!«

»Halten Sie sich fest, Sir«, sagte Herr Weller, durch die Aussicht auf den Jagdschmaus gestärkt; »aus dem Weg, du Lederhosenjunge. Wenn Ihr mein kostbares Leben schätzt, so werft mich nicht um, wie der Gentleman zu dem Kutscher sagte, als man ihn zum Galgen führte.«

Und seinen Schritt in starken Trab verwandelnd, fuhr Herr Weller seinen Herrn schnell auf den grünen Hügel, setzte ihn geschickt neben dem Korbe ab und fing mit der größten Eile an auszupacken.

»Eine Kalbspastete«, begann Herr Weller seinen Monolog, als er die Speisen auf den Rasen legte. »Etwas Gutes um eine Kalbspastete, wenn man die Dame kennt, die sie zubereitet hat, und man sicher ist, daß sie von keiner Katze kommt. Und doch – worin liegt der Unterschied, wenn beide einander so ähnlich sind, daß sie selbst die Pastetenbäcker nicht unterscheiden können?«

»Können sie das in der Tat nicht, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Nein, Herr«, antwortete Herr Weller, nach seinem Hute greifend. »Logierte einmal im nämlichen Hause mit einem solchen Pastetenbäcker, und das war ein recht hübscher Mann – ein durchtriebener Kauz – konnte aus allem Pasteten machen. ›Was für ne Riesenmenge Katzen halten Sie doch, Herr Brooks?‹ fragte ich ihn im Vertrauen. – ›O ja‹, sagte er, ›es sind ziemlich viele.‹ – ›Sie müssen ein großer Katzenfreund sein‹, sagte ich. – ›Andere Leute sind's‹, sagte er mir zuwinkend: ›sie haben aber jetzt ihre Zeit nicht bis der Winter kommt.‹ – ›Sie haben ihre Zeit nicht?‹ fragte ich. – ›Nein‹, sagte er: ›Früchte haben ihre im Sommer, Katzen im Winter.‹ – ›Was meinen Sie damit?‹ fragte ich. – ›Meinen?‹ sagte er. ›Nun, ich meine, daß ich mich mit der Schlächterzunft nicht einlassen will, um die Fleischpreise zu steigern‹, sagte er. ›Herr Weller‹, sagte er, meine Hand heftig drückend und mir in die Ohren flüsternd – ›sagen Sie das nicht weiter, es liegt nur an der Zubereitung. Meine Fabrikate werden aus lauter solchen edlen Tieren gemacht‹, sagte er, auf ein sehr hübsches, gestreiftes Kätzchen deutend, ›und ich stutze sie zu Ochsenfleisch, Kalbfleisch oder Nieren zu, wie es verlangt wird: und noch mehr‹, sagte er, ›ich kann in einer Minute aus Kalbfleisch Ochsenfleisch, oder aus Ochsenfleisch Nieren, oder aus einem von diesen Hammelfleisch machen, wie der Markt wechselt und der Geschmack verschieden ist.‹«

»Sam, das muß ein sehr erfinderischer junger Mann gewesen sein«, sagte Herr Pickwick mit einem leichten Schauder.

»Das war er, Sir«, versetzte Herr Weller, in seinem Zuge fortfahrend: »und die Pasteten waren schön. – Eine Zunge – es ist was Gutes um eine Zunge, wenn es keine Weiberzunge ist. Brot, Schweinsknöchel, man könnte sie nicht schöner malen – kaltes Rindfleisch in Schnitten, sehr gut. Was ist in den steinernen Krügen, du junger Dachs?«

»In diesen ist Bier«, antwortete der Junge, ein paar große steinerne Flaschen, die mit einem ledernen Riemen zusammengebunden waren, von der Schulter nehmend: »in den andern kalter Punsch.«

»Ein hübsches Zwischenmahl, wenn man's so im Ganzen beisammen hat«, sagte Herr Weller, die Gänge der Mahlzeit mit großem Behagen überblickend. »Nun, meine Herren: drauf los, wie der Engländer zu dem Franzosen sagte, als sie die Bajonette aufsteckten.«

Es bedurfte keiner zweiten Einladung für die Gesellschaft, dem Mahle seine volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ebenso waren keine dringenden Bitten nötig, Herrn Weller, den langen Wildhüter und die beiden Jungen dahin zu bringen, daß sie sich in einiger Entfernung ins Gras streckten und eine dezente Portion von den Speisen nahmen. Eine alte Eiche diente der Gruppe zu einem freundlichen Obdach, Ackerland und Wiesen, von üppigen Hecken durchschnitten, üppig mit Wald ausgeschmückt, lag zu ihren Füßen.

»Es ist entzückend – ganz entzückend!« sagte Herr Pickwick, dessen ausdrucksvolles Gesicht durch die Wirkung der Sonne schnell fast bis zum Bersten der Haut aufgetrieben wurde.

»Ja, das ist's – das ist's, alter Kamerad«, versetzte Wardle. »Kommen Sie: ein Glas Punsch.«

»Mit großem Vergnügen«, sagte Herr Pickwick, und die Heiterkeit seines Gesichtes, nachdem er es getrunken, zeugte von der Aufrichtigkeit seiner Antwort. »Gut«, meinte Herr Pickwick, mit den Lippen schnalzend. »Sehr gut. Ich möchte noch eins. Kühlend, sehr kühlend. Kommen Sie, meine Herren«, fuhr Herr Pickwick fort, noch immer den Krug festhaltend: »einen Toast. Unsere Freunde zu Dingley Dell!«

Der Toast wurde mit lautem Beifall aufgenommen.

»Ich will Ihnen sagen, was ich tun will, um wieder zu einem guten Schuß zu kommen«, sagte Herr Winkle, der Brot und Hammelfleisch mit einem Taschenmesser zerschnitt und verspeiste. »Ich will ein ausgestopftes Rebhuhn auf eine Stange stecken und mich daran üben, indem ich mich zuerst in geringer Entferung davon aufstelle und allmählich meine Schußlinie verlängere. Ich glaube, das ist eine treffliche Übung.«

»Ich kenne einen Gentleman, Sir«, sagte Herr Weller, »der es auch so machte und mit einem Meter anfing. Aber er versuchte es nicht zum zweitenmal, denn er blies den Vogel auf den ersten Schuß so rein herunter, daß niemand mehr eine Feder von ihm sah.«

»Sam«, rief Herr Pickwick.

»Sir«, erwiderte Herr Weller.

»Sei so gut und behalte deine Anekdoten für dich, bis man dich fragt.«

»Sehr wohl, Sir.«

Und Freund Weller kniff das eine Auge zu, das nicht durch die eben an die Lippen geführte Bierkanne verdeckt war. Er tat es auf eine so spaßhafte Weise, daß die beiden Jungen mit Lachen nicht mehr aufhören konnten und sogar der Lange sich zu lächeln herabließ.

»Ja, gewiß, das ist ein vorzüglicher kalter Punsch«, bemerkte Herr Pickwick, den steinernen Krug betrachtend: »'s ist aber auch ein warmer Tag und – Tupman, mein lieber Freund, ein Glas Punsch?«

»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Herr Tupman.

Nachdem er das Glas geleert hatte, trank Herr Pickwick ein anderes, bloß mal, um zu sehen, ob Pomeranzenschalen in dem Punsch seien, denn Pomeranzenschalen waren ihm von jeher zuwider. Da er aber fand, daß keine darin waren, trank er noch ein weiteres Glas auf die Gesundheit ihres abwesenden Freundes, und dann fühlte er sich gebieterisch aufgefordert, noch ein anderes zu Ehren des unbekannten Punschbereiters vorzuschlagen.

Diese Reihe von Gläsern verfehlte nicht ihre entsprechende Wirkung auf Herrn Pickwick. Sein Gesicht funkelte im sonnigsten Lächeln: Fröhlichkeit spielte um seine Lippen, und rosige Laune glänzte in seinem Auge. Allmählich geriet Herr Pickwick immer mehr unter den Einfluß des Getränks, dessen anregende Eigenschaft durch die Hitze noch erhöht wurde. Herr Pickwick konnte der Versuchung nicht widerstehen, einen Gesang vorzutragen, den er in seiner Kindheit gehört hatte; und da der Versuch mißlang, suchte er sein Gedächtnis durch eine noch größere Anzahl von Gläsern zu erhöhter Tätigkeit anzuspornen. Das schien jedoch eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervorzubringen. Hatte er nämlich zuvor die Worte des Gesangs vergessen, so vergaß er jetzt, wie man überhaupt in artikulierten Tönen sprechen muß; und endlich, nachdem er sich auf seine Beine gestellt hatte, um eine ergreifende Rede an die Gesellschaft zu halten, fiel er auf den Schiebkarren und schlief augenblicklich ein.

Nachdem der Korb wieder gepackt war, und man es rein unmöglich gefunden hatte, Herrn Pickwick aus seinem Todesschlafe zu wecken, fand eine Beratung statt, ob es besser sei, wenn Herr Weller seinen Herrn wieder zurückführe, oder wenn er ihn liegen lasse, wo er lag, bis sich alle wieder auf den Rückweg begeben würden. Schließlich entschied man sich für das Letztere. Da die weitere Expedition nur noch eine knappe Stunde dauern sollte und Herr Weller sehr inständig bat, die Gesellschaft begleiten zu dürfen, so wurde beschlossen, Herrn Pickwick auf dem Karren zu lassen und ihn auf dem Rückweg wieder mitzunehmen. Man machte sich also auf, und Herr Pickwick schnarchte ganz behaglich im Schatten fort.

Daß Herr Pickwick im Schatten fortgeschnarcht hätte, bis seine Freunde zurückgekommen wären, oder statt dessen geschnarcht hätte, bis sich die Schatten des Abends auf das Gefilde lagerten, scheint unzweifelhaft, wenn man nur voraussetzt, daß er es ungestört hätte tun können. Das war aber leider nicht der Fall. Es kam anders.

Kapitän Boldwig war ein kleiner rasch aufbrausender Mann, in einer steifen, schwarzen Halsbinde und einem blauen Überrock. Zuweilen ließ er sich herab, sein Gut zu inspizieren, und vergaß dann nie, ein dickes spanisches Rohr mit messingner Zwinge, einen Gärtner und Untergärtner mit sehr ergebenen Gesichtern mitzunehmen. Diesen (den Gärtnern, nicht dem Stock) erteilte Kapitän Boldwig mit aller gebührenden Hoheit und Barschheit seine Befehle. Denn Kapitän Boldwigs Schwägerin hatte einen Marquis geheiratet, und des Kapitäns Wohnsitz war eine Villa. Sein Grundstück war ein Landgut, und es war alles sehr großartig und auf großen Fuß eingerichtet,

Herr Pickwick hatte noch keine halbe Stunde geschlafen, als der kleine Kapitän Boldwig, von seinen beiden Gärtnern begleitet, so schnell daherschritt, wie es seine Wichtigkeit und Würde erlaubte. Als nun Kapitän Boldwig an die Eiche kam, blieb er stehen, holte tief Atem, sah sich in der Gegend um, als ob die Gegend sich hochgeehrt fühlen müßte, daß er sie in Augenschein nahm, stieß dann mit seinem Stock kräftig auf den Boden und wandte sich an seinen Obergärtner.

»Hunt!« rief Kapitän Boldwig.

»Ja, Sir«, sagte der Gärtner.

»Harke diesen Platz morgen früh – hörst du, Hunt?«

»Ja, Sir.«

»Und sorge dafür, daß er überhaupt in ordentlichem Stande erhalten wird – hörst du, Hunt?«

»Ja, Sir.«

»Und erinnere mich daran, anschlagen zu lassen, daß niemand ungestraft mein Landgut betreten darf. Auch Selbstschüsse muß ich anbringen und überhaupt alles tun, was das gemeine Pack fernhält. Hörst du, Hunt? Hörst du?«

»Wird besorgt, Sir.«

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sagte der andere, mit der Hand an den Hut greifend.

»Nun, Wilkins, was ist's mit dir?« fragte Kapitän Boldwig.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir – aber ich meine, man hat heute schon Ihr Gebot übertreten.«

»Was!!« rief der Kapitän, sich rings umschauend.

»Ja, Sir. – Man hat, glaube ich, hier gezecht.«

»Gnade Gott den Verwegenen, wenn sie das riskierten!« sagte Kapitän Boldwig, als er die Überbleibsel, die auf dem Rasen zerstreut lagen, gewahrte. »Wahrhaftig, sie haben hier wirklich ein Gelag gehalten. Ich wollte, ich hätte die Landstreicher hier«, sprach der Kapitän, seinen Knotenstock schwingend.

»Ich wollte, ich hätte die Landstreicher hier«, wiederholte der Kapitän wütend.

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, sprach Wilkins, »aber –«

»Aber was? He?« brüllte der Kapitän, und den furchtsamen Blicken Wilkins folgend, fielen seine Augen auf den Schiebkarren und Herrn Pickwick.

»Wer seid Ihr, Spitzbube?« rief der Kapitän, Herrn Pickwick mit seinem Stocke einige Stöße versetzend. »Wie heißt Ihr?«

»Kalter Punsch«, murmelte Herr Pickwick und sank wieder in Schlaf.

»Wie?« fragte Kapitän Boldwig.

Keine Antwort.

»Wie sagte er, daß er heiße?« fragte der Kapitän wieder.

»PunschDas englische Punch bezeichnet zugleich einen Hanswurst. glaube ich, Sir«, erwiderte Wilkins.

»Das ist eine Unverschämtheit, eine verfluchte Unverschämtheit«, sagte Kapitän Boldwig. »Er stellt sich nur, als ob er schlafe«, fuhr der Kapitän ganz empört fort. »Es ist ein Betrunkener; es ist ein betrunkener Plebejer. Bring' ihn weg, Wilkins, bring' ihn auf der Stelle weg.«

»Wohin soll ich ihn bringen, Sir?« fragte Wilkins ganz schüchtern.

»Bring' ihn zum Teufel«, antwortete Kapitän Boldwig.

»Sehr wohl, Sir«, entgegnete Wilkins.

»Halt!« rief der Kapitän.

Wilkins hielt.

»Führe ihn« – sagte der Kapitän – »sperr' ihn in einen Tierstall, und wir wollen sehen, ob er sich auch Punsch nennt, wenn er zu sich kommt. Er soll mich nicht für den Narren halten – nein, er soll mich nicht für den Narren halten. Schaff' ihn weg.«

Auf diesen diktatorischen Befehl wurde Herr Pickwick weggeschafft, und der große Kapitän Boldwig setzte voll Zorn seinen Spaziergang fort.

Unbeschreiblich war das Erstaunen der kleinen Gesellschaft, als sie bei ihrer Rückkehr fand, daß Herr Pickwick samt dem Schiebkarren verschwunden war. Es war das rätselhafteste, unerklärlichste Ereignis, von dem man jemals gehört hatte. Wenn sich ein Lahmer ohne weiteres auf die Füße geholfen hätte und auf und davon gegangen wäre, so würde das schon ein sehr außerordentlicher Fall gewesen sein. Aber wenn dazu noch ein schwerer Karren kam, den er zu seinem Vergnügen vor sich herschob, so steigerte das die Sache bis zum wahrhaften Wunder. Sie durchsuchten jeden Winkel im ganzen Umkreis, sowohl miteinander, als auch einzeln. Sie schrien, pfiffen, lachten, riefen ihn beim Namen – alles mit gleichem Mißerfolg. Herr Pickwick war nicht aufzufinden, und nach einigen Stunden fruchtlosen Nachsuchens gelangten sie zu dem unerfreulichen Schluß, daß sie ohne ihn nach Hause zurückkehren müßten.

Mittlerweile war Herr Pickwick nach dem Stall geschafft und dort glücklich abgesetzt worden. Zum außerordentlichen Vergnügen und zur Belustigung nicht nur aller Jungen im Dorfe, sondern von dreiviertel der Bevölkerung überhaupt, die sich rings um ihn versammelt hatten, um sein Erwachen abzuwarten, schlief er noch immer auf seinem Schiebkarren. Hatte es ihnen den höchsten Genuß gewährt, ihn hereingeschafft zu sehen, wieviel hundertmal größer war ihr Entzücken, als er ein paar Mal verdröselt nach Sam rief und sich auf seinem Schiebkarren halb aufrichtete. Mit grenzenlosem Erstaunen betrachtete er die Gesichter vor sich.

Sein Erwachen begleitete ein allgemeines Jubelgeheul. Seine vertatterte Frage: »Was ist denn los?« veranlaßte ein zweites, das womöglich noch lauter war als das erste.

»Das ist ein Hauptspaß«, brüllte das Volk.

»Wo bin ich?« rief Herr Pickwick.

»Im Tierstall«, hieß es.

»Wie kam ich hierher? Was hab ich getan? Von wem bin ich hergebracht worden?«

»Boldwig – Kapitän Boldwig«, war die einzige Antwort.

»Laßt mich hinaus«, rief Herr Pickwick. »Wo ist mein Diener? wo sind meine Freunde?«

»Ihr habt ja schöne Freunde, Hurra!«

Eine Rübe flog ihm an den Kopf, dann eine Kartoffel, dann ein Ei, dann folgten noch andere praktische Beweise der Volkslaune.

Wie lange dieser Auftritt gedauert, oder wieviel Herr Pickwick noch gelitten haben würde, kann niemand sagen, wäre nicht plötzlich ein Wagen herbeigekommen, aus dem der alte Wardle und Sam Weller stiegen. Der alte Wardle bahnte sich in kürzerer Zeit, als man es, wenn auch nicht lesen, doch wenigstens schreiben kann, zu Herrn Pickwick eine Gasse und hob ihn in demselben Augenblicke in den Wagen, als Freund Weller im Boxkampf mit dem Amtsbüttel den dritten und letzten Gang gemacht hatte.

»Lauft zur Polizei«, schrie ein Dutzend Stimmen.

»Lauft nur brav«, sagte Herr Weller, sich auf den Bock schwingend. »Mein Kompliment – Master Wellers Kompliment – an den Amtmann, und sagt ihm, ich habe ihm seinen Büttel lahmgeschlagen. Wenn er einen neuen anstellen wolle, so werde ich morgen wieder kommen und ihn gleichfalls lahmschlagen! Fahr zu, alter Knabe!«

»Ich werde vor allem eine Klageschrift gegen diesen Kapitän Boldwig wegen grundloser Verhaftung einreichen und sie gleich morgen nach London senden«, sagte Herr Pickwick, sobald die Kutsche zum Flecken hinausfuhr.

»Wir haben uns, scheint es, eine Überschreitung der Grenze zuschulden kommen lassen«, sagte Wardle.

»Das geht mich gar nichts an«, erwiderte Herr Pickwick: »ich bringe die Klage an.«

»Das lassen Sie lieber bleiben«, sagte Wardle.

»Nein, gewiß nicht; bei –« doch da Herr Pickwick Wardles ironisches Lächeln wahrnahm, so hielt er inne, und fragte – »Warum denn nicht?«

»Weil«, antwortete der alte Wardle, vor Lachen beinahe platzend, »weil man den Stiel umdrehen und sagen könnte, wir hätten zu viel kalten Punsch getrunken.«

Herrn Pickwicks Gesicht lächelte, er mochte sich sträuben wie er wollte: das Lächeln wurde zum Lachen, das Lachen zum Wiehern, und das Wiehern wurde allgemein. Um ihre gute Laune zu erhalten, stiegen sie am ersten Wirtshause an der Straße ab und befahlen ein Glas Grog pro Kopf und eine Flasche Steifen für Herrn Samuel Weller.

 

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