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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Neunzehntes Kapitel.

Worin mit wenigen Worten zwei Momente dargetan werden: erstens, die Macht der Krämpfe, und zweitens, die Gewalt der Umstände.

Zwei Tage nach dem Frühstück bei Madame Hunter blieben die Pickwickier noch in Eatanswill und harrten ängstlich auf die Nachrichten von ihrem verehrten Meister. Herr Tupman und Herr Snodgrass waren wieder lediglich auf ihre eigenen geselligen Talente angewiesen; denn Herr Winkle wohnte auf die dringendsten Einladungen hin dauernd in Potts Hause, allwo er seine ganze Zeit der liebenswürdigen Gattin Potts widmete. Bisweilen vermehrte Herr Pott selbst die Gesellschaft, um das Glück der beiden vollständig zu machen. Tief in seine großartigen Pläne für die öffentliche Wohlfahrt und die Unterdrückung des Unabhängigen versunken, pflegte sich dieser große Mann von seinem hohen geistigen Standpunkt nicht in die niedrige Sphäre gewöhnlicher Geister herabzulassen. Bei dieser Gelegenheit aber und offenbar, um einen Pickwickier dadurch zu ehren, stieg er von seinem Thronsockel herab, um auf der ebenen Erde zu wandeln, wobei er gütig seine Bemerkungen dem Verständnisse der großen Menge anpaßte, und wenn auch nicht dem Geiste nach, doch wenigstens äußerlich ihr anzugehören schien.

Bei diesem Benehmen des berühmten Publizisten gegen Herrn Winkle kann man sich leicht denken, daß gewaltige Überraschung auf dem Gesichte dieses Herrn zu lesen war, als eines Morgens, während er allein frühstückte, Herr Pott hastig die Tür aufriß und ebenso hastig wieder zuschlug. Dann schritt er majestätisch auf ihn zu, stieß seine dargebotene Hand zurück, knirschte mit den Zähnen, als ob er dadurch seinen Worten noch größere Schärfe geben wollte, und donnerte ihm mit ingrimmiger Stimme zu:

»Schlange!«

»Sir!« rief Herr Winkle, von seinem Stuhle aufspringend.

»Schlange, Sir«, wiederholte Herr Pott, indem er seine Stimme erhob und sie dann plötzlich wieder dämpfte: »ich sagte Schlange, Sir – nehmen Sie den Ausdruck in seiner schärfsten Bedeutung.«

»Wenn du bis morgens um zwei Uhr in der vertrautesten Kameradschaft mit einem Manne zusammen saßest, und er kommt um halb zehn Uhr mit der ernsten Begrüßung: ›Schlange!‹ zu dir, so kannst du mit Fug und Recht schließen, daß sich in der Zwischenzeit irgend etwas Unangenehmes zugetragen hat.«

So dachte auch Herr Winkle. Er erwiderte Herrn Potts eherne Blicke und nahm auf Verlangen dieses Herrn die »Schlange« so stark er konnte. Er wußte sich aber die Sache so wenig zu erklären, und antwortete nach einem tiefen Stillschweigen von einigen Minuten:

»Schlange, Sir? Schlange, Herr Pott? Was meinen Sie damit, Sir? – Sie belieben zu scherzen.«

»Scherzen, Sir?« rief Pott mit einer Bewegung der Hand, die ein starkes Verlangen verriet, seinem Gaste den Teetopf aus britischem Metall an den Kopf zu schleudern. »Jawohl – Scherzen! Doch nein, ich will ruhig sein: ich will ruhig sein, Sir«; setzte Herr Pott hinzu, und warf sich zum Beweis seiner Ruhe mit schäumendem Munde in einen Stuhl.

»Mein lieber Herr!« versetzte Herr Winkle.

»Mein lieber Herr?« erwiderte Herr Pott. »Wie können Sie sich unterstehen, Sir, lieber Herr zu mir zu sagen? Wie können Sie es wagen, mir ins Gesicht zu sehen und so zu sagen?«

»Schon gut, mein Herr«, antwortete Winkle; »wenn es aber so gemeint ist, wie können Sie es wagen, mir ins Gesicht zu sehen und mich eine Schlange zu nennen, Sir?«

»Weil Sie eine sind«, erwiderte Herr Pott.

»Beweisen Sie es, Sir«, sagte Herr Winkle aufgebracht. »Beweisen Sie es.«

Grimme Wut spiegelte sich auf dem tiefsinnigen Gesichte des Redakteurs, als er den Unabhängigen von diesem Morgen aus der Tasche zog. Er legte den Finger auf einen bestimmten Artikel und warf das Blatt Herrn Winkle über den Tisch zu.

Herr Winkle nahm es und las wie folgt:

»Unser obskurer und schmutzig gesinnter Kollege hat die Frechheit gehabt, in einigen Ekel erregenden Bemerkungen über die letzte Wahl für diesen Flecken die unantastbare Heiligkeit des Privatlebens zu verletzen und auf eine Art, die nicht mißverstanden werden kann, die persönlichen Angelegenheiten unseres letzten Kandidaten, Herrn Fizkins, zu begeifern, der übrigens trotz seiner unverdienten Niederlage, wie wir mit Sicherheit hinzusetzen, das nächste Mal den Sieg davontragen wird. Was beabsichtigte unser erbärmlicher, feiger Kollege damit? Was würde der Schurke sagen, wenn wir, gleich ihm, alle dem Publikum schuldigen Rücksichten des Anstandes beiseite setzen und den Schleier lüften wollten, der glücklicherweise sein Privatleben vor dem allgemeinen Gelächter, um nicht zu sagen, vor dem allgemeinen Abscheu, noch schützt? Was würde er sagen, wenn wir Tatsachen und Umstände bezeugen und erklären wollten, die notorisch genug sind und von jedermann gesehen werden, nur nicht von unserem maulwurfsäugigen Kollega? Was würde er sagen, wenn wir nachfolgendes Gedichtchen drucken lassen wollten, das uns ein talentvoller Mitbürger und Korrespondent zugeschickt hat, als wir eben die ersten Worte dieses Artikels niederschrieben:

»Auf einen messingenen Pott.«

»Pott! hättest damals du gewußt,
Wie falsch das Weib an deiner Brust,
Vergangen wäre dir der Dünkel.
Du hättest sie (und wie so gern)
Gelassen jenem süßern Herrn,
Den sie jetzt küßt und drückt, dem W . . .«

»Was«, sagte Herr Pott feierlich, »was reimt sich auf Dünkel, mein feiner Herr?«

»Was sich auf Dünkel reimt?« erwiderte Madame Pott, die in diesem Augenblick eintrat und dem Befragten zuvorkam. »Was sich auf Dünkel reimt? Nun, ich dächte Winkle.«

So sprechend, lächelte Madame Pott den verblüfften Pickwickier süß an und streckte ihm die Hand entgegen. Der aufgeregte junge Mann wollte sie in seiner Verwirrung ergreifen, als Herr Pott zornig zwischen ihn und seine Frau trat.

»Zurück, Madame, zurück«, rief der Zeitungsschreiber. »Willst du ihm vor meinen eigenen Augen die Hand geben?«

»Herr Pott!« sagte seine Gattin erstaunt.

»Elende«, donnerte der Mann, »da sieh her. Hier Madame – ein Gedichtchen auf einen messingenen Pott. Ein messingener Pott, das bin ich, Madame. Das falsche Weib, Madame, das sind Sie.«

Voller Wut, während über das Gesicht seiner Frau etwas wie Zittern glitt, warf ihr Herr Pott die Tagesnummer des Eatanswiller Unabhängigen zu Füßen.

»Auf mein Wort, Sir«, sagte die erstaunte Madame Pott, indem sie das Blatt aufhob. »Auf mein Wort, Sir –«

Herr Pott krümmte sich unter den verachtungsvollen Blicken seiner Gemahlin. Er hatte einen verzweifelten Versuch gemacht, seinen Mut ein bißchen in die Höhe zu schrauben, aber vergebens.

In den unschuldigen Worten: »auf mein Wort, Sir«, scheint an und für sich nichts Schreckliches zu liegen, wenn man sie liest. Aber der Ton, in dem sie ausgesprochen, und der Blick, von dem sie begleitet wurden, schienen ein Unwetter zu verkünden, das sich über Potts Haupt zusammengezogen, und brachten ihre volle Wirkung hervor. Auch der ungeschickteste Beobachter hätte in seiner besorgten Miene die Bereitwilligkeit lesen können, seine Wellingtons-Stiefel jedem geeigneten Gehilfen abzutreten, der in diesem Augenblick Lust dazu verraten hätte.

Mrs. Pott las den Artikel, stieß einen lauten Schrei aus, warf sich ihrer ganzen Länge nach auf den Fußboden vor dem Kamin nieder, schrie dabei und stampfte dermaßen mit den Absätzen ihrer Schuhe, daß über den augenblicklichen Zustand ihrer Gefühle kein Zweifel obwalten konnte.

»Meine Teure«, sagte der erschreckte Pott, – »ich sagte ja nicht, daß ich glaube – ich – –«

Aber die Stimme des unglücklichen Mannes wurde von dem Geschrei seiner Ehehälfte übertäubt.

»Meine liebe Madame Pott, ich bitte Sie, beruhigen Sie sich«, sagte Herr Winkle; aber das Geschrei und Gestampfe wurde immer lauter und heftiger.

»Meine Teure«, begann Herr Pott von neuem, »es tut mir äußerst leid. Wenn du keine Rücksicht auf deine Gesundheit nehmen willst, so nimm doch Rücksicht auf mich, meine Teure. Wir werden bald einen Auflauf vor dem Hause haben.«

Aber je inständiger Herr Pott bat, um so gellender und kreischender wurde das Geschrei seiner Gemahlin.

Zum Glück befand sich eine Madame Pott sehr ergebene Leibwache im Hause: eine junge Dame, deren wichtiges Amt die Aufsicht über die Toilette ihrer Gebieterin war. Außerdem machte sie sich durch allerlei andere Dienste, hauptsächlich aber dadurch nützlich, daß sie ihr bei all ihren Wünschen und Neigungen, die denen des unglücklichen Potts zuwiderliefen, jeden erdenklichen Vorschub leistete. Das Geschrei drang natürlich zu den Ohren der jungen Dame und führte sie mit einer Eilfertigkeit in das Zimmer, die das ausgesuchte Arrangement ihrer Haube und Locken wesentlich zu verwirren drohte.

»O meine teuerste Gebieterin«, rief die Leibwache, indem sie sich wie wahnsinnig neben der zu Boden liegenden Madame Pott auf die Knie warf; »o meine teuerste Gebieterin, was ist hier vorgefallen?«

»Dein Herr – dieses Ungeheuer«, murmelte die Patientin.

Pott war sichtlich bereits auf dem Wege, nachzugeben.

»Es ist Spott und Schande«, sagte die Leibwache in vorwurfsvollem Tone. »Ja, er wird Sie noch zu Tode quälen, Madame. – O Sie arme, liebe Frau.«

Pott wurde immer weicher. Die Gegenpartei fuhr in ihren Angriffen fort.

»O, verlaß mich nicht – verlaß mich nicht, Goodwin«, murmelte Madame Pott, krampfhaft die Handgelenke besagter Goodwin umfassend. »Du bist das einzige Geschöpf auf der Welt, das es gut mit mir meint.«

Bei dieser liebevollen Ansprache spielte die Goodwin auf eigene Rechnung ein bißchen Haustragödie und vergoß einen Strom von Tränen.

»Niemals, Madame – niemals«, entgegnete Goodwin. »O Sir, Sie sollten sich mehr in acht nehmen – ja, wahrhaftig, das sollten Sie! Sie wissen nicht, wie sehr es Madame schaden kann; aber Sie werden es schon einmal bereuen – ich habe es immer gesagt.«

Der unglückliche Pott betrachtete angstvoll die Szene, sagte aber nichts.

»Goodwin«, sagte Madame Pott mit sanfter Stimme.

»Madame«, erwiderte Goodwin.

»O, wenn du wüßtest, wie ich diesen Mann geliebt habe – –«

»Verbannen Sie diese trüben Erinnerungen, Madame«, sagte die Leibgardistin.

Pott schnitt ein jammervoll ängstliches Gesicht. Es war Zeit zu einem Hauptangriff.

»Und jetzt«, schluchzte Madame Pott, – »jetzt muß ich mich so behandeln lassen, muß mir in Gegenwart eines Dritten, der so gut wie ein Fremder ist, Vorwürfe machen und mich ausschelten lassen. Aber, Goodwin, ich dulde es nicht länger«, fuhr Madame Pott fort, indem sie sich in den Armen ihrer Wärterin aufrichtete. »Mein Bruder, der Leutnant, soll auch ein Wort dazu sagen. Ich will mich scheiden lassen, Goodwin.«

»Es würde ihm jedenfalls recht geschehen«, sagte Goodwin.

Was für Gedanken die Bedrohung mit einer Scheidung in Herrn Potts Brust auch erregt haben mag, er unterließ es, ihnen Worte zu geben, und begnügte sich mit der de- und wehmütigen Anfrage:

»Willst du mich anhören, meine Teure?«

Neues Schluchzen war die einzige Antwort. Die Krämpfe stellten sich immer heftiger ein. Madame Pott verlangte zu wissen, warum sie eigentlich geboren sei und stellte eine Menge Fragen dieser oder ähnlicher Art.

»Meine Teure«, sagte Herr Pott in möglichst überzeugendem Tone, »gib doch solchen peinigenden Empfindungen keinen Raum. Ich habe keinen Augenblick geglaubt, daß der Artikel auch nur die mindeste Begründung haben könnte. Nein, meine Teure, das wäre ja rein unmöglich. Es ärgerte mich nur, meine Liebe – ja ich darf wohl sagen, es machte mich wütend, daß das Unabhängigenpack sich erfrechen konnte, so etwas einrücken zu lassen – das ist ja alles.«

Und Herr Pott warf einen flehenden Blick auf die unschuldige Ursache des ganzen Unheils, als wolle er ihn bitten, ja nichts von der Schlange zu sagen.

»Und was für Maßregeln, mein Herr, gedenken Sie zu ergreifen, um Genugtuung zu erhalten?« fragte Herr Winkle, dessen Mut in eben dem Maße zunahm, als er Pott den seinigen verlieren sah.

»Ach, Goodwin«, ächzte Madame Pott, »will er vielleicht den Redakteur des Unabhängigen durchpeitschen? Will er das, Goodwin?«

»Still, still, Madame: bitte, seien Sie doch ruhig«, versetzte die Leibwache. »Ich glaube, daß er es tun will, wenn Sie es wünschen, Madame.«

»Allerdings«, sagte Pott, da sein Weib geneigt schien, die Krämpfe aufhören zu lassen. – »Es versteht sich von selbst, daß ich das tue.«

»Wann, Goodwin – wann?« sagte Mrs. Pott, noch unentschlossen wegen der Krämpfe.

»Auf der Stelle, das versteht sich«, erwiderte Herr Pott; »noch ehe sich der Tag neigt.«

»Ach, Goodwin«, fing Madame Pott aufs neue an, »das ist das einzige Mittel, der Verleumdung zuvorzukommen und mich vor der Welt ins wahre Licht zu stellen.«

»Ganz gewiß, Madame«, erwiderte Goodwin. »Kein Mann, der wirklich ein Mann ist, könnte sich dessen weigern.«

Da die Krämpfe noch immer drohend im Hinterhalt lauerten, so versicherte also Herr Pott aufs neue, daß er es tun wolle. Aber Madame Pott war schon von dem bloßen Gedanken, daß ihre Ehre im mindesten in Zweifel gezogen wurde, dermaßen gekränkt, daß sie noch ein halb dutzendmal im Begriffe war, einen Rückfall zu bekommen. Und ohne Zweifel wäre das auch geschehen, hatte nicht die unverdrossene Goodwin durch unermüdliche Anstrengungen und der arme geschlagene Pott durch wiederholtes flehentliches Bitten um Verzeihung es verhindert. Endlich, als der unglückliche Mann wieder auf den ihm gebührenden Standpunkt heruntergeängstigt und heruntergeächzt war, erholte sich Madame Pott wieder, und die Gesellschaft ging zum Frühstück.

»Das niederträchtige Zeitungsgeträtsche wird Sie doch nicht veranlassen, Ihren Aufenthalt hier abzukürzen, Herr Winkle?« sagte Madame Pott, durch die Spuren ihrer Tränen hindurch lächelnd.

»Ich hoffe nicht«, fiel Herr Pott ein, in diesem Augenblick von dem inneren Wunsche durchdrungen, daß sein Gast an der gerösteten Brotschnitte, die er eben an seine Lippen führte, ersticken und dadurch seinem Aufenthalte auf immer ein Ende gemacht werden möchte! »Ich hoffe nicht.«

»Sie sind gar zu gütig«, sagte Herr Winkle, »aber ich habe heute früh, als ich noch in meinem Schlafzimmer war, einen Brief von Herrn Tupman erhalten, worin er mir meldet, es sei ein Schreiben von Herrn Pickwick eingetroffen, der uns bitte, noch heute zu ihm nach Bury zu kommen. Wir sind deshalb beide entschlossen, heute mittag abzureisen.«

»Sie werden aber doch wieder zurückkommen?« sagte Madame Pott.

»Ganz gewiß«, erwiderte Herr Winkle.

»Darf ich mich darauf verlassen?« fragte Madame Pott, ihrem Gast verstohlenerweise einen zärtlichen Blick zuwerfend.

»O, freilich«, antwortete Herr Winkle.

Das Frühstück wurde nun schweigend beendigt, denn jedes Mitglied der Gesellschaft brütete über seine eigenen persönlichen Angelegenheiten. Madame Pott bedauerte sehr, einen Verehrer zu verlieren. Ihr Ehegemahl ärgerte sich über sein unüberlegtes Versprechen, den Redakteur der Unabhängigen mit der Hetzpeitsche zu behandeln, und Herr Winkle bereute es, daß er sich in eine so widerwärtige Lage versetzt hatte. Der Mittag rückte heran, und nach manchem Lebewohl und vielfachen Versprechungen der Rückkehr riß er sich endlich los.

»Sobald er sich wieder zeigt, vergifte ich ihn«, schwur Herr Pott bei sich selbst, als er sich in seine Studierstube zurückzog, allwo er seine Donnerkeile schmiedete.

»Wenn ich je einmal wieder zurückkomme und mich aufs neue mit diesem Pack einlasse«, dachte Herr Winkle, als er seinen Weg nach dem Pfauen nahm, »so verdiene ich selbst eine Tracht Prügel – und damit Punktum.«

Seine Freunde waren bereit, die Kutsche und Pferde ebenfalls, und im Verlauf von einer halben Stunde befanden sie sich auf derselben Straße, auf der Herr Pickwick und Sam kürzlich ihre Reise gemacht hatten. Da wir jedoch über den Weg bereits gesprochen haben, so fühlen wir uns nicht berufen, Auszüge aus Herrn Snodgrass' schöner poetischen Beschreibung mitzuteilen.

Ehren-Sam stand an dem Tor des Engels, um sie zu empfangen, und führte sie in das Zimmer des Herrn Pickwick. Die Überraschung Winkles und Snodgrass' und die Verwirrung Tupmans waren nicht gering, als sie hier den alten Wardle und Trundle antrafen.

»Wie steht's?« sagte der Alte, Herrn Tupmans Hand ergreifend. »Sehen Sie doch nicht so sentimental und empfindsam darein. Es läßt sich einmal nicht anders machen, alter Freund. Um ihretwillen hätte ich gewünscht, daß Sie sie bekommen hätten, aber in Ihrem Interesse freut es mich sehr, daß es anders gekommen ist. Ein junger Kerl, wie Sie, kann es heutzutage immer noch besser treffen – wie?«

Mit diesem Trost klopfte der alte Wardle Herrn Tupman auf die Schulter und lachte herzlich.

»Nun, und wie geht es denn Ihnen, meine verehrtesten Herren?« fuhr der alte Herr fort, Herrn Winkle und Herrn Snodgrass zu gleicher Zeit die Hände schüttelnd. »Ich habe soeben zu Pickwick gesagt, daß wir Sie über Weihnachten alle zu Gast haben müssen, es wird eine Hochzeit bei uns geben – und zwar diesmal eine Hochzeit im buchstäblichen Sinne des Wortes.«

»Eine Hochzeit?« rief Herr Snodgrass, blaß wie die Wand.

»Ja, eine Hochzeit. Erschrecken Sie nur nicht darüber«, sagte der muntere Alte: »es handelt sich nur um Trundle und Bella.«

»Ist das alles?« fragte Herr Snodgrass, erlöst von einem peinlichen Zweifel, der sich zentnerschwer auf seine Brust geworfen hatte. »Da gratuliere ich herzlich, Sir. Und was macht denn unser Joe?«

»O, der ist wohl«, erwiderte der alte Herr. »Noch immer sehr schläfrig.«

»Und Ihre Mutter, und der geistliche Herr und alle die andern?«

»Alles bei bestem Wohlsein.«

»Und wo«, – sagte Herr Tupman, sich anstrengend. »Wo ist – sie, Sir?«

Und er wandte den Kopf ab und bedeckte seine Augen mit der Hand.

»Sie?« sagte der alte Herr mit sachverständigem Kopfschüttcln. »Meinen Sie etwa meine ledige Verwandte – he?«

Herr Tupmann gab mit einem Wink zu erkennen, daß seine Frage sich auf die unglückliche Rachel beziehe.

»O, sie ist fort«, sagte der alte Herr. »Sie lebt bei Verwandten, weit von hier. Sie konnte sich mit den Mädchen nicht vertragen, und darum ließ ich sie ziehen. Aber kommen Sie jetzt, das Essen steht auf dem Tisch. Sie müssen nach Ihrer Fahrt hungrig geworden sein. Ich habe Appetit ohne Fahrt: greifen wir zu.«

Dem Mahl widerfuhr alle Gerechtigkeit, und beim Nachtisch erzählte Herr Pickwick zum ungemeinen Schrecken und Unwillen seiner Zuhörer das Abenteuer, das er bestanden, und welcher Erfolg die schändlichen Kunststücke des teuflischen Jingle gekrönt habe.

»Und der Rheumatismus, den ich in dem Garten geholt«, schloß Herr Pickwick, »macht mich bis auf den jetzigen Augenblick lahm.«

»Ich habe auch so eine Art Abenteuer gehabt«, sagte Herr Winkle lächelnd, und erzählte sofort von dem boshaften Schmähartikel im Eatanswiller Unabhängigen und der daraus entstandenen Unruhe im Hause seines Freundes, des Redakteurs.

Herrn Pickwicks Stimme verdunkelte sich während der Erzählung. Seine Freunde bemerkten es und beobachteten ein tiefes Stillschweigen, als Herr Winkle zu Ende war. Herr Pickwick schlug mit geballter Faust bedeutungsvoll auf den Tisch und sprach, wie folgt: –

»Ist es nicht ein verwunderlicher Umstand, daß wir bestimmt zu sein scheinen, keines Menschen Haus zu betreten, ohne ihm auf die eine oder andere Art Unruhe zu bereiten? Ich frage, beweist es nicht die Unbesonnenheit, oder noch schlimmer, die Schlechtigkeit – oh, so etwas aussprechen zu müssen! – meiner Freunde, daß sie, unter welchem Dach man sie auch einquartieren mag, jedesmal den Seelenfrieden und das Glück irgendeines arglosen weiblichen Wesens stören? Ist es nicht, sage ich – –«

Herr Pickwick würde wahrscheinlich noch einige Zeit so fortgefahren haben, wäre der Fluß seiner Beredsamkeit nicht durch Sam, der einen Brief überbrachte, unterbrochen worden. Er fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirne, nahm seine Brille herunter, rieb die Gläser ab und setzte sie dann wieder auf. Seine Stimme hatte die gewohnte Sanftheit des Tones wieder bekommen, als er folgendermaßen begann: –

»Was hast du da, Sam?«

»Ich war soeben auf der Post«, erwiderte Herr Weller, »und dort gab man mir diesen Brief, der schon zwei Tage da gelegen. Er ist mit einer Oblate versiegelt und von einer geübten Hand adressiert.«

»Ich kenne diese Hand nicht«, sagte Herr Pickwick, den Brief öffnend. »Barmherziger Gott, was ist das, es muß ein Scherz sein; es – es – kann nicht wahr sein.«

»Was ist's denn?« fragten alle zugleich.

»Es ist doch niemand gestorben?« sagte Wardle, beunruhigt über die Bestürzung, die sich auf Herrn Pickwicks Gesicht malte.

Herr Pickwick gab keine Antwort, sondern stieß den Brief über den Tisch und bat Herrn Tupman, ihn vorzulesen; dabei sank er mit einem Schrecken erregenden Blick starren Entsetzens auf seinen Stuhl zurück.

Mit zitternder Stimme las Herr Tupman den Brief, wovon wir hier eine Abschrift geben:

»Freemans-Court, Cornhill, den 28. August 1830.

Bardell gegen Pickwick.

Sir!

Beauftragt von Frau Martha Bardell, eine Klage wegen Nichterfüllung eines Eheversprechens gegen Sie einzuleiten, wofür die Klägerin eine Entschädigung von 1500 Pfund verlangt, sind wir so frei, Sie zu benachrichtigen, daß der Prozeß von uns bei dem öffentlichen Zivil-Gerichtshof anhängig gemacht worden ist. Wir ersuchen Sie, uns mit umgehender Post Ihren Rechtsbeistand in London zu nennen, dem wir dann die weiteren Mitteilungen zu übermitteln haben.

Inzwischen verbleiben wir, Sir,

Ihre gehorsamsten Diener

Dodson und Fogg.

An Herrn Samuel Pickwick.«

In dem stummen Erstaunen, womit jeder seinen Nachbar, und dann alle zusammen Herrn Pickwick anblickten, lag etwas so Ausdrucksvolles, daß lange Zeit keiner zu sprechen wagte. Endlich brach Herr Tupman das Stillschweigen.

»Dodson und Fogg«, wiederholte er mechanisch.

»Bardell und Pickwick«, sagte Herr Snodgrass nachdenkend.

»Seelenfrieden und Glück argloser weiblicher Wesen«, murmelte Herr Winkle in einer Art Zerstreutheit.

»Es ist eine Verschwörung«, sagte Herr Pickwick, als er endlich die Kraft zu sprechen wiedererhielt; »eine niederträchtige Verschwörung von diesen zwei hungerleidenden Rechtsanwälten, Dodson und Fogg. Frau Bardell würde so etwas nie tun; – sie hat weder das Herz noch eine Veranlassung dazu. Es ist lächerlich – einfach lächerlich.«

»Was ihr Herz anbelangt«, sagte Wardle lächelnd, »so müssen Sie es freilich am besten beurteilen können. Ich will Ihnen Ihren guten Mut nicht benehmen, aber so viel kann ich wohl mit Zuversicht sagen, daß in Beziehung auf Ihren Prozeß den Herren Dodson und Fogg ein weit besseres Urteil zustehen dürfte, als jedem von uns.«

»Es ist ein niederträchtiger Versuch, mir Geld abzuzwacken«, sagte Herr Pickwick.

»Ich hoffe, daß es sonst weiter nichts ist«, versetzte Herr Wardle mit kurzem, trockenen Husten.

»Wer hat mich jemals anders mit ihr umgehen gesehen, als wie ein Hausbewohner mit seiner Hausbesitzerin umzugehen pflegt?« eiferte Herr Pickwick mit großer Heftigkeit weiter. »Wer hat mich jemals mit ihr allein gesehen? Nicht einmal meine Freunde hier – –«

»Ein einziges Mal ausgenommen«, sagte Herr Tupman.

Herr Pickwick wechselte die Farbe.

»Ah so«, sagte Wardle. »Nun, das ist von Wichtigkeit. Es ist doch hoffentlich dabei nichts Verdächtiges vorgefallen?«

Herr Tupman warf seinem Meister einen schüchternen Blick zu.

»Nein«, sagte er, »es war nichts Verdächtiges; aber – ich weiß nicht, wie es zuging! Denken Sie sich nur – sie lag in seinen Armen.«

»Gütiger Himmel«, schluchzte Herr Pickwick, als sich nun die volle Erinnerung an die betreffende Szene seiner bemächtigte; »was für ein schrecklicher Beweis von der Gewalt der Umstände! Ja, es war so – es war so.«

»Und unser Freund beschwichtigte ihren Kummer«, sagte Herr Winkle etwas boshaft.

»Ja, das tat ich«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich leugne es nicht; es ist so.«

»Sieh mal an!« sagte Wardle; »für einen gänzlich harmlosen Fall sieht dies doch etwas wunderlich aus – was meinen Sie, Herr Pickwick – wie? Ja, Sie sind ein Schelm – ein alter Fuchs!«

Dabei lachte er, daß die Gläser auf dem Kredenztisch erklirrten.

»Was für ein schreckliches Zusammentreffen von Scheingründen«, rief Herr Pickwick, sein Kinn in die Hände stützend. »Winkle – Tupman – ich bitte Sie wegen meiner Bemerkung von vorhin um Verzeihung. Wir sind samt und sonders Opfer der Umstände, und ich bin das beklagenswerteste.«

Nach dieser Verteidigungsrede begrub Herr Pickwick sein Haupt in seine Hände und sann still nach, während Herr Wardle den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft einem nach dem andern bedeutungsvolle Winke und Blicke zuwarf.

»Ich will aber doch mit der Sache ins klare kommen«, sagte endlich Herr Pickwick, sein Haupt erhebend und auf den Tisch schlagend. »Ich muß diesen Dodson und Fogg selbst sprechen. Morgen fahre ich nach London.«

»Morgen noch nicht«, sagte Wardle; »Sie sind noch zu lahm.«

»Nun gut, so gehe ich übermorgen.«

»Übermorgen ist der erste September, und Sie haben uns zugesagt, unter allen Umständen mit auf die Güter des Sir Geoffrey Maning zu gehen, um daselbst ein Frühstück mit uns einzunehmen, wenn Sie auch die Jagd nicht mitmachen wollen.«

»Nun gut, auf einen Tag soll es mir nicht ankommen«, sagte Herr Pickwick; »also am Donnerstag. – Sam!«

»Sir«, antwortete Herr Weller.

»Bestelle auf Donnerstag früh für uns beide zwei Plätze nach London.«

»Sehr wohl, Sir.«

Herr Weller verließ das Zimmer und schlenderte, die Hände in den Taschen und die Augen auf die Erde geheftet, langsam weiter, um seinen Auftrag auszurichten.

»Ein netter Vogel, mein Herr«, sagte Herr Weller, als er die Straße entlang ging. »Hängt sich da an Frau Bardell, die noch obendrein ein Kind hat. Aber so geht's mit diesen alten Burschen, trotz ihres ehrlichen Aussehens. Hätt's mir nicht träumen lassen, so etwas hinter ihm zu suchen – nein gewiß nicht.«

Und in diesem Tone weiter moralisierend, lenkte Herr Samuel Weller seine Schritte nach dem Postbureau.

 

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