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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Erster Teil
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume1
editorPaul Th. Hoffmann
translatorCarl Kolb
correctorhille@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20100525
modified20180816
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Sechzehntes Kapitel.

In dem ein getreues Porträt von zwei ausgezeichneten Personen vorkommt; genaue Beschreibung eines öffentlichen Frühstücks in ihrem Hause und auf ihrem Grund und Boden; gleichzeitig Erneuerung einer alten Bekanntschaft, die zur Eröffnung eines neuen Kapitels führt.

Herrn Pickwicks Gewissen machte seinem Eigentümer mitunter Vorwürfe, daß er neuerdings seine Freunde im Pfauen vernachlässige. Am dritten Morgen nach der Wahl war er eben im Begriff, sie aufzusuchen, als ihm sein getreuer Diener eine Karte überbrachte, worauf zu lesen stand:

Mrs. Leo Hunter.
Den. Eatanswill.

»Es wartet jemand«, sagte Sam lakonisch.

»Will mich jemand sprechen, Sam?« fragte Herr Pickwick.

»Er will durchaus Sie und begnügt sich mit keinem andern, wie des Teufels Privatsekretär sagte, als er den Doktor Faust holte«, war Herrn Wellers Antwort.

»Er? Ist's ein Herr?« fragte Herr Pickwick.

»Er sieht wenigstens so aus, wenn er es auch nicht ist«, versetzte Herr Weller.

»Aber die Karte ist ja von einer Dame«, sagte Herr Pickwick.

»Und mir doch von einem Herrn gegeben«, bemerkte Sam; »er erwartet Sie im Salon und sagt, er wolle lieber den ganzen Tag warten, als Sie nicht sehen.«

Als Herr Pickwick diesen Entschluß hörte, begab er sich ins Besuchszimmer, wo ein würdevoll aussehender Mann saß, der bei seinem Eintritt aufstand und mit einer Miene tiefen Respekts sagte.

»Habe ich die Ehre mit Herrn Pickwick?«

»Bitte, hier steht er.«

»Gestatten Sie mir den Vorzug, mein Herr, Ihre Hand zu ergreifen – erlauben Sie mir, mein Herr, sie zu schütteln«, sagte der würdevoll aussehende Mann.

»Aber bitte«, entgegnete Herr Pickwick.

Der Fremde schüttelte die dargebotene Hand und fuhr dann fort:

»Wir haben von Ihrem Rufe gehört, mein Herr. Das Gerücht von Ihren antiquarischen Untersuchungen ist bis zu den Ohren der Madame Leo Hunter gedrungen – das heißt, meiner Frau, Sir – ich bin Leo Hunter.«

Der Fremde schwieg, als erwarte er, Herr Pickwick werde über diese Offenbarung entzückt sein; als er aber sah, daß dieser vollkommen ruhig blieb, fuhr er fort:

»Meine Frau, Sir – Madame Leo Hunter – setzt ihren Stolz darein, alle Personen, die durch ihre Werke und Talente berühmt geworden sind, unter die Zahl ihrer Bekannten zu rechnen. Erlauben Sie mir, mein Herr, den Namen Herrn Pickwicks und der übrigen Mitglieder des Klubs, der Ihnen seinen Namen verdankt, obenan auf die Liste zu setzen.«

»Ich werde mich außerordentlich glücklich schätzen, die Bekanntschaft einer solchen Dame zu machen, Sir«, versetzte Herr Pickwick.

»Sie sollen sie machen, Sir«, sagte der würdevoll aussehende Mann. »Morgen früh geben wir einer großen Anzahl von Personen, die sich durch ihre Werke und Talente berühmt gemacht haben, ein öffentliches Frühstück – eine fête champêtre. Madame Leo Hunter läßt Sie bitten, Sir, Sie morgen mit einem Besuch in Den zu beehren.«

»Mit großem Vergnügen«, versetzte Herr Pickwick.

»Madame Leo Hunter gibt oft solches Frühstück, mein Herr«, fuhr Pickwicks neuer Bekannter fort – »›Feste der Vernunft und Gastmähler der Seele‹, wie sich jemand in einem Sonett auf Madame Leo Hunters Frühstück mit ebensoviel Gefühl wie Originalität ausdrückte.«

»War er auch durch seine Werke und Talente berühmt?« fragte Herr Pickwick.

»Ja, er war es, mein Herr«, versetzte der würdevoll aussehende Mann; »sämtliche Bekannte der Madame Leo Hunter sind berühmt; sie hält viel darauf, keine andere Bekanntschaften zu haben.«

»Ein sehr edler Ehrgeiz«, bemerkte Herr Pickwick.

»Wenn ich es der Madame Leo Hunter mitteile, daß diese Bemerkung von Ihren Lippen kam, so wird sie gewiß stolz darauf sein«, sagte der würdevoll aussehende Mann. »Sie haben einen Herrn in Ihrem Gefolge, der schon einige hübsche Gedichtchen gemacht hat, glaube ich, mein Herr?«

»Mein Freund Snodgrass hat viel Sinn für die Dichtkunst«, antwortete Herr Pickwick.

»Auch Madame Leo Hunter, mein Herr. Dichtkunst ist ihr das Höchste, Sir. Sie betet sie an; ich darf sagen, ihre ganze Seele ist davon durchflochten. Sie hat auch selbst einige herrliche Stücke gemacht, Sir. Vielleicht haben Sie schon von ihrer Ode an einen sterbenden Frosch gehört?«

»Nicht, daß ich wüßte«, erwiderte Herr Pickwick.

»Sie setzen mich in Erstaunen, Sir«, sagte Herr Leo Hunter. »Die Ode machte ungeheure« Aufsehen. Sie war mit einem L. und acht Sternchen unterzeichnet und erschien ursprünglich in einem Damenmagazin. Der Anfang lautet:

»Kann ich ohne inn'res Leiden
Seh'n dich unter Grausamkeiten
Elend, jämmerlich verscheiden?
          Nein, ich wein',
          Sterbend Fröschlein!«

»Hübsch«, bemerkte Herr Pickwick.

»Schön«, sagte Herr Leo Hunter: »so schlicht.«

»Sehr«, bemerkte Herr Pickwick.

»Der nächste Vers ist noch rührender; wollen Sie ihn hören?«

»Wenn es Ihnen recht ist«, versetzte Herr Pickwick.

»Er lautet also«, sagte der Würdevolle immer würdevoller:

»Sprich, ob ruchlos wilde Knaben
Schreiend dich aus deinem Graben
Mit dem Hund vertrieben haben?
          Pein, o Pein,
          Sterbend Fröschlein!«

»Schön gesagt«, bemerkte Herr Pickwick.

»Jedes Wort, mein Herr, jedes Wort«, sagte Herr Leo Hunter. »Aber Sie sollten die Verse aus dem Munde der Madame Leo Hunter selbst hören. Sie kann ihnen erst den rechten Ausdruck geben, mein Herr. Sie wird sie morgen früh stilvoll deklamieren.«

»Im Charakter?«

»Als Minerva. Ach, ich vergaß es – man erscheint in Charaktermasken.«

»O Himmel«, sagte Herr Pickwick mit einem Blick auf sein Äußeres – »unmöglich.«

»Unmöglich? Nicht doch, mein Herr; es läßt sich ganz leicht machen«, rief Herr Leo Hunter. »Der Jude Salomo Lucas in der Hohen Straße hat Tausende von Maskenanzügen. Bedenken Sie, wie viele geeignete Charaktere Ihnen zur Auswahl gegeben sind. Plato, Zeno, Epikur, Pythagoras – lauter Stifter von Klubs.«

»Ich weiß das«, sagte Herr Pickwick, »aber da ich mich diesen großen Männern nicht an die Seite stellen kann, so darf ich mir auch nicht herausnehmen, in ihrer Tracht zu erscheinen.«

Der Würdevolle überlegte lange und tief; endlich sagte er:

»Wenn ich recht überlege, mein Herr, so weiß ich nicht, ob es Madame Leo Hunter nicht vielleicht größeres Vergnügen bereiten würde, wenn ihre Gäste einen Mann von Ihrer Berühmtheit lieber in seinem eigenen Kostüm als in einem angenommenen zu sehen bekäme. Ich erlaube mir, in Ihrem Falle eine Ausnahme zu gestatten, Sir – ja, und was Madame Leo Hunter betrifft, so bin ich überzeugt, daß sie mir diesen Schritt nicht verübeln wird.«

»Wenn das der Fall ist«, erwiderte Herr Pickwick, »werde ich mit Vergnügen erscheinen.«

»Doch ich nehme Ihnen Ihre Zeit, mein Herr«, sagte der Würdevolle, als fiele ihm das plötzlich ein. »Ich kenne den Wert der Zeit, Sir. Ich will Sie nicht abhalten. Ich werde also der Madame Leo Hunter sagen, daß sie Sie und Ihre vortrefflichen Freunde zuversichtlich erwarten dürfe? Guten Morgen, Sir; ich bin stolz darauf, einen so ausgezeichneten Mann kennengelernt zu haben – keinen Schritt, mein Herr; kein Wort.«

Und ohne Herrn Pickwick Zeit zu Vorstellungen und Einwendungen zu lassen, schritt Herr Leo Hunter würdevoll zur Tür hinaus.

Herr Pickwick setzte seinen Hut auf und begab sich in den Pfauen: aber Herr Winkle hatte bereits die Kunde von dem morgigen Maskenball dorthin gebracht.

»Madame Pott kommt auch«, waren die ersten Worte, womit er seinen Lehrer begrüßte.

»Wirklich?« versetzte Herr Pickwick.

»Als Apollo«, bemerkte Herr Winkle. »Nur hat Pott etwas gegen die Tunika einzuwenden.«

»Er hat recht. Er hat ganz recht«, sagte Herr Pickwick mit Nachdruck.

»Ja; – deshalb wird sie in einem weißen Atlaskleid mit goldenem Flitterwerk erscheinen.«

»Wird man dann aber auch wissen, was sie vorstellt: wird man das?« fragte Herr Snodgrass.

»Natürlich«, versetzte Herr Winkle unwillig, »Man sieht ja ihre Leier, nicht wahr?«

»Wahrhaftig, daran dachte ich nicht«, sagte Herr Snodgrass.

»Ich werde als Bandit auftreten«, fiel Herr Tupman dazwischen.

»Was!« rief Herr Pickwick, plötzlich zurückbebend.

»Als Bandit«, wiederholte Herr Tupman mit sanfter Stimme.

»Sie wollen damit doch nicht sagen«, versetzte Herr Pickwick mit einem strengen Blick auf seinen Freund, »Sie wollen damit doch nicht sagen, Herr Tupman, daß Sie im Sinne haben, in einer grünen Samtjacke mit einem Zweizollschwanze aufzutreten?«

»Ich habe es im Sinne, Sir«, erwiderte Herr Tupman warm. »Und warum sollte ich nicht, Sir?«

»Aus dem einfachen Grunde, Sir«, antwortete Herr Pickwick, ordentlich gereizt – »weil Sie zu alt dazu sind.«

»Zu alt?« rief Tupman.

»Und wenn es noch eines weiteren Grundes bedarf, der es verbietet«, fuhr Herr Pickwick fort: »Sie sind zu dick, Sir.«

»Mein Herr«, sagte Herr Tupman mit puterrotem Gesicht, »das ist eine Beleidigung.«

»Mein Herr«, versetzte Herr Pickwick in demselben Tone, »ich beleidige Sie dadurch nicht halb so sehr, wie Sie mich beleidigen würden, wenn Sie in meiner Gegenwart mit einer grünen Jacke und einem Zweizollschwanze erschienen.«

»Sie sind ja ein netter Bursche, Sir«, sagte Herr Tupman.

»Der Titel kommt Ihnen zu!« entgegnete Herr Pickwick.

Herr Tupman trat einen oder zwei Schritte vorwärts und sah Herrn Pickwick mit wildem Blick an. Herr Pickwick erwiderte ihn und verstärkte ihn sogar noch mit seinen beiden Brillengläsern in einen Brennpunkt. Seine Züge sprachen eine kühne Herausforderung aus. Herr Snodgrass und Herr Winkle sahen versteinert einem solchen Auftritt zwischen zwei solchen Männern zu.

»Mein Herr«, sagte Tupman nach einer kurzen Pause in einem dumpfen, tiefen Tone, »Sie mich alt genannt.«

»Das habe ich«, erwiderte Herr Pickwick.

»Und dick.«

»Ich wiederhole das.«

»Und einen netten Burschen.«

»Der sind Sie.«

Es trat eine fürchterliche Pause ein.

»Meine Anhänglichkeit an Ihre Person, mein Herr«, sagte Herr Tupman mit einer Stimme, die von innerer Bewegung zitterte, während er zugleich seine Manschetten zurückschlug, »ist groß – sehr groß – aber an dieser Person muß ich augenblicklich Rache nehmen.«

»Nur zu, mein Herr«, erwiderte Herr Pickwick.

Durch den aufregenden Ton des Gesprächs gereizt, nahm der heroische Mann jetzt eine gebrochen-duldende Stellung an, die seine beiden Gefährten als eine Defensive ansahen.

»Was?« rief Snodgrass, plötzlich der Sprache, deren ihn sein grenzenloses Verblüfftsein bis jetzt beraubt hatte, wieder mächtig werdend und trat, auf die Gefahr hin, von beiden Parteien Ohrfeigen zu bekommen, zwischen die Streitenden. »Was? Herr Pickwick, auf den die Augen der Welt gerichtet sind? Herr Tupman, auf den, wie auf uns alle, der Glanz seines unsterblichen Namens einen Widerschein warf? Schämen Sie sich, meine Herren; schämen Sie sich!«

Die ungewohnten Furchen, die die augenblickliche Leidenschaft auf Herrn Pickwicks klare und offene Stirn gezogen hatte, schwanden allmählich bei dieser Anrede seines jungen Freundes, wie Bleistiftlinien unter dem Radiergummi. Noch ehe Herr Snodgrass geendet hatte, hatte sein Gesicht wieder den gewohnten Ausdruck des Wohlwollens angenommen.

»Ich bin zu hitzig gewesen«, sagte Herr Pickwick: »allzu hitzig. Herr Tupman, Ihre Hand.«

Die Wolke verschwand von Herrn Tupmans Antlitz, als er mit Wärme die Hand seines Freundes ergriff.

»Auch ich war zu hitzig«, sagte er.

»Nein, nein«, unterbrach ihn Herr Pickwick; »Es war meine Schuld. Sie wollen die grüne Jacke tragen?«

»Nein, nein«, versetzte Herr Tupman.

»Wenn Sie mich verbinden wollen, so tun Sie es«, sagte Herr Pickwick.

»Wohlan, ich will«, antwortete Herr Tupman.

Es ward also beschlossen, daß Herr Tupman, Herr Winkle und Herr Snodgrass sämtlich in Charaktermasken erscheinen sollten. Auch Herr Pickwick ließ sich durch die Wärme seines Gefühls zur Einwilligung in eine Sache hinreißen, von der ihn sein besseres Urteil zurückgehalten hatte – einen schlagenderen Beweis seines liebenswürdigen Charakters würden wir wohl schwerlich haben geben können, und wenn auch alle Ereignisse, die in diesen Blättern erzählt werden, rein erdichtet wären.

Herr Leo Hunter hatte nicht zu viel von dem Vorrat des Herrn Salomon Lucas gesagt. Seine Garderobe war reichhaltig – sehr reichhaltig – freilich weder ganz klassisch, noch ganz neu. Auch war kein einziger von den Anzügen seines Magazins genau der Mode eines gewissen Zeitalters entsprechend, aber alles war mehr oder weniger reich an Flittern; und was kann hübscher sein, als Flitter? Man könnte mir entgegen halten, sie scheuen das Tageslicht, aber jedermann weiß, daß sie um so mehr beim Lampenschein schimmern. Wenn die Leute bei Tag Maskenbälle geben, und die Anzüge sich nicht so gut ausnehmen, als es bei Nacht der Fall wäre, so ist nichts klarer, als daß die Schuld lediglich an den Leuten liegt, und die Flitter nicht die mindeste Verantwortung haben. Also urteilte Herr Salomon Lucas, und veranlaßte durch seine überzeugenden Gründe die Herren Tupman, Winkle und Snodgrass, sich Anzüge auszuwählen, wie sie sein Geschmack und seine Erfahrung für diese Gelegenheit besonders passend empfahl.

Aus dem »Stadtwappen« wurde zur Bequemlichkeit der Pickwickier ein Wagen gemietet, und für Herrn und Madame aus demselben Magazin eine Halbkutsche requiriert. Aus zartem Dankgefühl für die erhaltene Einladung hatte Herr Pott in der Eatanswill-Zeitung über die bevorstehende Festlichkeit bereits im bestimmtesten Tone versichert, man finde eine Fülle der abwechselndsten und bezauberndsten Genüsse – einen blendenden Glanz von Schönheit und Talent – eine großartige und verschwenderische Gastfreundschaft – vor allem aber eine Pracht, durch den auserlesensten Geschmack gemildert, und Reichtum, durch vollkommenes Ebenmaß und feinsten Ton verherrlicht. Gegen so etwas erscheine die fabelhafte Pracht morgenländischer Feenreiche in ebenso dunklen und trüben Farben, wie der Geist der milzsüchtigen und unmännlichen Geschöpfe erscheinen müsse, die sich die Frechheit herausnähmen, die Veranstaltungen der tugendhaften und vortrefflichen Dame, auf deren Altar dieser demütige Zoll der Bewunderung geopfert werde, mit dem Geiste des Neides zu besudeln. Letzteres war eine beißende Ironie gegen die Unabhängigen, die, aus Ärger darüber, daß sie nicht geladen wurden, das ganze Fest vier Nummern hindurch herabzusetzen suchten, wobei sie den gröbsten Druck anwandten, und die Schimpfworte in Initialbuchstaben prangen ließen.

Der Morgen kam; es war ein entzückender Anblick, Herrn Tupman im Banditenkostüme zu sehen, mit eng anschließender Jacke, die wie ein Nadelkissen auf seinem Rücken und seinen Schultern saß. Der obere Teil seiner Beine war in Samthosen gehüllt, der untere war mit den verschlungenen Binden umflochten, worauf alle Banditen besonders viel halten. Es war ergötzlich, sein offenes und geistreiches Gesicht mit stattlichem Schnurr- und Backenbart, dem Kunsterzeugnisse der Korkmalerei, aus einem offenen Hemdkragen hervorschauen zu sehen. Seine zuckerhutförmige, mit Bändern und Farben aller Art geschmückte Kopfbedeckung mußte er auf den Knien halten, weil kein Wagen hoch genug gewesen wäre, um ihm Raum zwischen Kopf und Kutschendach zu gestatten. Ebenso lustig und angenehm war der Anblick des Herrn Snodgrass in blauem Atlaswams und Mantelkragen, weißen seidenen Strümpfen, Schuhen und griechischem Helm, einem Kostüm, von dem jeder weiß (und wenn auch nicht, doch wenigstens Salomon Lucas wußte), daß es die regelmäßige, authentische, alltägliche Tracht der Troubadoure von der frühesten Zeit an bis zu ihrem endlichen Verschwinden von der Oberfläche der Erde war. All das war entzückend, aber es war noch nichts gegen das Freudengeheul der Menge, als der Wagen abfuhr. Ihm folgte Herrn Potts Halbkutsche, die an Herrn Potts Haustür den großen Pott als russischen Justizbeamten mit einer furchtbaren Knute in der Hand aufnahm – ein geschmackvoll gewähltes Sinnbild der großen und gewaltigen Macht der Eatanswill-Zeitung und der furchtbaren Art und Weise, womit er öffentliche Beleidigungen geißelte.

»Bravo!« riefen die Herren Tupman und Snodgrass aus dem Wagen, als sie die wandelnde Allegorie erblickten.

»Bravo!« ertönte die Stimme des Herrn Pickwick aus dem Wagen.

»Hurra – hoch, Pott!« schrie die Menge.

Unter diesen Begrüßungen stieg Herr Pott in die Halbkutsche mit jenem sanften, würdevollen Lächeln, das zur Genüge dartat, wie er seine Macht fühlte und sie anzuwenden wußte.

Hierauf trat Madame Pott aus dem Hause, die dem Apollo fabelhaft ähnlich ausgesehen hätte, wäre sie nicht mit einem Weiberrock angetan gewesen. Sie hing am Arme Herrn Winkles, der in seiner hellroten Jacke unmöglich für etwas anderes als für einen Weidmann genommen werden konnte, wenn ihm dieser Anzug nicht eine ebenso große Ähnlichkeit mit einem Postknecht gegeben hätte. Zuletzt erschien Herr Pickwick, dem die Jungen so laut wie irgend jemand applaudierten, wahrscheinlich weil seine Strümpfe und Gamaschen den Eindruck von Reliquien auf sie machten. Herr Weller (der beim Servieren behilflich sein mußte), saß auf dem Bock des Gefährts, in dem sein Gebieter saß, und beide Lokomotiven bewegten sich Herrn Leo Hunters Park zu. Männer, Weiber, Knaben und Mädchen, die sich versammelt hatten, die Gäste in ihren Maskenanzügen zu sehen, brüllten vor Vergnügen und Ausgelassenheit, als Herr Pickwick, den Banditen an dem einen und den Troubadour an dem andern Arme, feierlich dem Eingange zuschritt. Noch nie hatte man ein solches Hallo vernommen, wo Herr Tupman sich anstrengte, unter dem Parktore seinen Zuckerhut auf den Kopf zu befestigen.

Alle Anordnungen waren aufs entzückendste getroffen: die prophetischen Worte Potts über die Pracht der Feenreiche waren buchstäblich erfüllt, und die boshaften Verleumdungen der kriechenden Unabhängigen fanden volle Widerlegung durch die Wirklichkeit. Der Park war über fünfviertel Morgen groß, und war voll Menschen! Nie strahlte Schönheit, feiner Ton und Literatur in einem solchen Glanze. Da war die junge Dame, die die Poesie in der Eatanswill-Zeitung vertrat, in der Tracht einer Sultanin auf den Arm eines jungen Herrn gestützt, der dem Departement der Kritik vorstand und – die Stiefeln ausgenommen – sehr passend in die Uniform eines Feldmarschalls gekleidet war. Eine zahllose Menge Genies war anwesend, und jeder vernünftige Mensch würde es sich zur Ehre gerechnet haben, sie dort zu treffen. Aber was mehr als alles ist, es waren ein halbes Dutzend Löwen von London zugegen – Autoren, wirkliche Autoren, die ganze Bücher geschrieben und sie nachher dem Druck übergeben hatten – und hier seht ihr sie herumgehen gleich gewöhnlichen Menschen, lächelnd und unaufhörlich schwatzend – dazu noch eine ordentliche Portion Unsinn, ohne Zweifel in der wohlwollenden Absicht, sich den gemeinen Leuten um sie her verständlich zu machen. Überdies traf man dort eine Musikkapelle mit Papiermützen: vier sogenannte Alpensänger in der Tracht ihres Landes, und ein Dutzend gemietete Aufwärter, gleichfalls in dem Kostüme ihrer Gegend, das freilich etwas schmutzig war. Vor allem aber ragte Madame Leo Hunter als Minerva hervor, die Gesellschaft empfangend und bei dem Gedanken, so ausgezeichnete Leute um sich versammelt zu sehen, von Stolz und Freundlichkeit überfließend.

»Herr Pickwick, Madame«, sagte ein Diener, als sich der Genannte mit dem Hute in der Hand und dem Banditen und dem Troubadour an den Armen der Göttin des Tages näherte.

»Was – was?« rief Madame Leo Hunter mit erkünstelter Entzückung.

»Hier«, sagte Herr Pickwick.

»Ist's möglich, daß ich wirklich das Glück habe, Herrn Pickwick in eigener Person vor mir zu sehen?« rief Madame Leo Hunter aus.

»Keinen andern, Madame«, versetzte Herr Pickwick mit einer sehr tiefen Verbeugung. »Erlauben Sie mir, meine Freunde – Herrn Tupman – Herrn Winkle – Herrn Snodgrass – der Verfasserin des »sterbenden Fröschleins« vorzustellen.«

Sehr wenige Leute, wohl nur die, so selbst den Versuch gemacht haben, wissen, wie schwer es hält, in eng anliegenden Beinkleidern von grünem Samt, einer eng anliegenden Jacke und einem hohen Turm auf dem Kopfe sich zu verneigen. Wenige wissen, wie schwer es fällt, in blauen Atlashosen, weißen Seidenstrümpfen oder Kniehosen und Stulpenstiefeln, die für jemand anders gemacht und dem, der sie trägt, ohne die entfernteste Rücksicht auf die Dimensionen seines Körpers, auf den Leib gepreßt wurden – wenige, sage ich, wissen es, wie schwer es hält, unter solchen Verhältnissen Verbeugungen zu machen. Noch nie sah man solche Verdrehungen, wie Herrn Tupmans Knochengestell machte, um Geschmeidigkeit und Grazie an den Tag zu legen – noch nie sah man so sinnreiche Stellungen, wie seine Freunde in ihren Maskenanzügen annahmen.

»Herr Pickwick«, sagte Madame Leo Hunter, »ich nehme Ihnen das Versprechen ab, den ganzen Tag nicht von meiner Seite zu gehen. Es sind Hunderte von Personen hier, denen ich Sie durchaus vorstellen muß.«

»Sie sind sehr gütig, Madame«, erwiderte Herr Pickwick.

»Vorerst sehen Sie hier meine kleinen Mädchen; ich hätte sie beinahe vergessen«, sagte die Minerva, vergnügt auf ein paar völlig erwachsene junge Damen deutend, von denen die eine ungefähr zwanzig, die andre ein oder zwei Jahre älter sein mochte, und die beide sehr jugendlich gekleidet waren. Ob sie sich dadurch ein junges Aussehen geben oder ihre Mama jünger machen wollten, darüber spricht sich Herr Pickwick nicht bestimmt aus.

»Sie sind sehr schön«, bemerkte Herr Pickwick, als sich die Mädchen nach der Vorstellung wieder entfernten.

»Sie sehen ihrer Mutter von oben bis unten gleich, mein Herr«, sagte Herr Pott in majestätischem Ton.

»O, Sie Schelm«, rief Madame Leo Hunter, den Herausgeber scherzend mit ihrem Fächer auf die Schulter klopfend (Minerva mit einem Fächer!).

»Nun, nun, meine teuerste Madame Hunter«, verteidigte sich Herr Pott, der in Den gewöhnlich den Trompeter machte, »Sie wissen, daß vergangenes Jahr, als Ihr Porträt in der königlichen Akademie ausgestellt war, beim Anblick desselben alle Welt fragte, ob es Sie oder Ihre jüngste Tochter vorstellen sollte; denn Sie sahen einander so ähnlich, daß von einer Unterscheidung gar keine Rede sein konnte.«

»Gut, und wenn es auch der Fall war, was brauchen Sie es hier vor Fremden zu erzählen?« sagte Madame Leo Hunter, den jetzt ruhigen Löwen der Eatanswill-Zeitung mit einem zweiten Schlag berührend.

»Graf, Graf«, rief jetzt Madame Leo Hunter einem stark bebarteten Individuum in fremder Uniform zu, das eben vorüberging.

»Ah! Sie wünschen mich zu sprech?« sagte der Graf, sich umwendend.

»Ich wünsche zwei sehr geistvolle Männer einander vorzustellen«, erwiderte Madame Leo Hunter. »Herr Pickwick, ich mache mir großes Vergnügen daraus, Sie dem Grafen Smorltork vorzustellen.« Dann flüsterte sie Herrn Pickwick schnell die Worte zu – »der berühmte Fremde – sammelt Material für sein großes Werk über England – hem! – Graf Smorltork, Herr Pickwick.«

Herr Pickwick begrüßte den Grafen mit der einem so großen Manne gebührenden Achtung, und der Graf zog ein Notizbuch hervor.

»Wie sagen Sie, Madame Hunt?« fragte der Graf die Grazie mit graziösem Lächeln. »Pig wig oder Big wigPig, Schwein – wig, Perücke; Big wig – große Perücke. – Anspielung auf die große Perücke der Justizbeamten, insbesondere der Rechtsanwälte. – wie man die Rechtsgelehrten nennt? Richter – ah! ich seh, das ist's. Big wig« –

Und der Graf war eben im Begriff, Herrn Pickwick als Rechtsanwalt in sein Notizbuch einzutragen, der seinen Namen, den er führte, dem Beruf verdankte, da unterbrach ihn Madame Leo Hunter in seinem Geschäft.

»Nein, nein, Graf«, bemerkte die Dame, »Pickwick.«

»Ah, ah, ich versteh«, versetzte der Graf, »Pihg Taufname, Wihg Familienname: schön, sehr schön. Pihg Wihg. Wie geht es Ihnen, Herr Wihg?«

»Sehr gut, ich danke Ihnen«, antwortete Herr Pickwick mit der ganzen Leutseligkeit, die man an ihm gewöhnt war. »Sind Sie schon lange in England?«

»Lange – sehr lange Zeit – vierzehn Tage – mehr noch.«

»Werden Sie lange bleiben?«

»Ein Woch noch.«

»Da werden Sie genug zu tun haben«, sagte Herr Pickwick lächelnd, »in dieser Zeit alles nötige Material zu sammeln.«

»Ist schon gesammelt«, erwiderte der Graf.

»Wirklich?« fragte Herr Pickwick.

»Sie sind hier«, fügte der Graf hinzu, mit der Hand an die Stirne greifend. »Großes Buch zu Hause – voll Notizen – Musik, Malerei, Wissenschaft, Poesie, Politik, alles.«

»Das Kapitel Politik, mein Herr«, bemerkte Herr Pickwick, »ist ein schwieriges Studium von unberechenbarem Umfang.«

»Ah«, sagte der Graf, das Notizbuch wieder hervorziehend, »sehr gut, schöne Wort, ein Kapitel damit zu beginn. Siebenundvierzigstes Kapitel. Politik. Das Kapitel Politik begreif ich sich –«

Und Herrn Pickwicks Bemerkung wanderte in Graf Smorltorks Notizbuch, mit Variationen und Zusätzen, wie sie dem Grafen seine üppige Phantasie eingab, oder seine unvollkommene Kenntnis der Sprache veranlaßte.

»Graf«, sagte Madame Leo Hunter.

»Madame Hunt«, antwortete der Graf.

»Dies ist Herr Snodgrass, Herrn Pickwicks Freund und ein Dichter.«

»Halt«, rief der Graf, sein Notizbuch abermals zückend. »Gegenstand. Dichtkunst – Kapitel, literarische Freunde – Name SnowgrassDer Graf verdreht den Namen: snow = Schnee, grass = Gras.: sehr schön. Snowgrass vorgestellt – großer Dichter, Freund Pihg–Wihgs – von Madame Hunt, Verfasserin eines andern schön Gedichts – wie heißt doch? – Fröschlein – sterbend Fröschlein – sehr schön – wirklich sehr schön.«

Und der Graf steckte sein Notizbuch ein und entfernte sich unter verschiedenen Bücklingen und Empfehlungen, höchlich vergnügt, seine Sammlung mit den wichtigsten Entdeckungen bereichert zu haben.

»Ein bewunderungswürdiger Mann, der Graf Smorltork«, bemerkte Madame Leo Hunter.

»Ein tiefer Philosoph«, sagte Pott.

»Ein heller Kopf, ein starker Geist«, fügte Herr Snodgrass hinzu.

Die Umstehenden stimmten in die Lobeserhebung des Grafen Smorltork ein, wiegten die Köpfe und riefen einmütig: »O gewiß!«

Da die Begeisterung für Graf Smorltork immer höher stieg, so würde vielleicht sein Lob bis ans Ende der Festlichkeit gesungen worden sein, hätten sich nicht die vier sogenannten Alpensänger, um malerisch auszusehen, vor einem kleinen Apfelbaum aufgestellt, und ihre Nationallieder abzusingen begonnen. Das war ein Unternehmen, das durchaus nicht mit Schwierigkeiten verbunden war, denn das ganze große Geheimnis schien darin zu bestehen, daß drei von den sogenannten Sängern grunzten, wahrend der vierte heulte.

Nachdem diese interessante Vorstellung mit dem lautesten Beifall der ganzen Gesellschaft beendet war, trat sofort ein Junge auf, der durch die Beine eines Stuhls schlüpfte, über ihn wegvoltigierte, unter ihm durchkroch, mit ihm niederfiel und überhaupt alles mit ihm anfing, nur das nicht, wozu ein Stuhl bestimmt ist. Nach diesen Kunstproduktionen machte er eine Krawatte aus seinen Beinen, schlang sie um seinen Hals herum und lieferte so praktisch den Beweis, daß es einem menschlichen Wesen durchaus leicht falle, sich einer vergrößerten Kröte gleichzumachen – lauter Großtaten, die die versammelten Zuschauer höchlich ergötzten und vergnügten. Hierauf ließ sich die Stimme der Madame Pott mit einem schwachen Gepiepe vernehmen. Die gebildete Betonungsweise machte daraus etwas wie Gesang, der übrigens durchaus klassisch war und ihrer Charaktermaske vollkommen entsprach, weil Apollo selbst ein Komponist war, und Komponisten gewöhnlich weder ihre eigenen noch fremde Musikstücke singen können. Danach deklamierte Madame Leo Hunter ihre weltberühmte Ode an ein sterbendes Fröschlein, worauf sie dieselbe zum zweiten Male vortrug und vielleicht noch zweimal vorgetragen haben würde, wenn nicht der größte Teil der Gäste, der daran dachte, daß es hohe Zeit sei, den Magen zu befriedigen, die Erklärung abgegeben hätte, es würde höchst unartig sein, die Güte der Madame Leo Hunter zu mißbrauchen. Deswegen wollten die besorgten und bescheidenen Freunde der Madame Leo Hunter, trotz ihrer vollkommenen Bereitwilligkeit, die Ode noch einmal vorzutragen, von keiner nochmaligen Wiederholung mehr hören.

Als der Speisesaal geöffnet wurde, drängte sich alles, was irgend dazu gehörte, mit aller zu Gebote stehenden Eilfertigkeit hinein: denn Madame Leo Hunter hatte die Gewohnheit, hundert Karten austeilen und fünfzig Gedecke legen zu lassen, oder mit andern Worten, nur die eigentlichen Löwen zu füttern und das kleinere Geschmeiß für sich selbst sorgen zu lassen.

»Wo ist Herr Pott?« fragte Madame Leo Hunter, als sie besagte Löwen um sich am Tische versammelte.

»Hier bin ich«, rief der Herausgeber, in dem entferntesten Ende des Saals von aller Hoffnung auf Speise abgeschnitten, wenn die Wirtin nicht für ihn sorgte.

»Wollen Sie nicht heraufkommen?«

»Oh, bitte, lassen Sie ihn«, sagte Madame Pott mit dem verbindlichsten Ton – »Sie geben sich sehr viel unnötige Mühe, Madame Hunter. Du bist dort ganz gut aufgehoben – nicht wahr, mein Lieber?«

»O gewiß, meine Liebe«, erwiderte der unglückliche Pott mit herbem Lächeln.

O Knute! Der nervige Arm, der sie mit gigantischer Wucht über öffentliche Charaktere schwang, war durch einen Blick der herrschsüchtigen Madame Pott gelähmt.

Madame Leo Hunter sah sich triumphierend um. Graf Smorltork war eifrig damit beschäftigt, die Gänge des Gastmahls zu notieren; Herr Tupman präsentierte einigen Löwinnen den Hummersalat mit einer Grazie, wie sie nie zuvor ein Bandit an den Tag gelegt hatte; Herr Snodgrass hatte den jungen Herrn ausgestochen, der den Stachel der Kritik für die Eatanswill-Zeitung führte und war in einer leidenschaftlichen Unterhaltung mit der jungen Dame begriffen, die die Poesie darstellte; und Herr Pickwick machte im allgemeinen den Angenehmen. Nichts schien zu fehlen, um den erlesenen Zirkel zu vervollständigen, als Herr Leo Hunter, der bei solchen Gelegenheiten seinen Platz an den Eingangstüren hatte und sich mit den minder wichtigen Leuten unterhielt, plötzlich ausrief:

»Meine Liebe, hier kommt Herr Charles Fitz-Marshall.«

»O mein Lieber«, erwiderte Madame Leo Hunter, »wie sehnsüchtig habe ich ihn erwartet. Bitte, mach' Platz, Herrn Fitz-Marshall durchzulassen. Sage Herrn Fitz-Marshall, mein Lieber, er soll doch sogleich zu mir kommen, um sich wegen seines späten Erscheinens ausschelten zu lassen.«

»Komme, teuerste Madame –« rief eine Stimme, »– so schnell ich kann – Menge Volks – der Saal ganz voll – harte Arbeit – sehr hart.«

Herr Pickwick ließ Messer und Gabel aus der Hand fallen und starrte über die Tafel Herrn Tupman an, der ebenfalls Messer und Gabel verloren hatte, und aussah, als wollte er sofort in den Boden sinken.

»Ah!« rief die Stimme, als ihr Eigentümer sich durch die letzten fünfundzwanzig Türken, Offiziere und Kavaliere Karls II., die zwischen ihm und der Tafel waren, Bahn brach, »ordentliche Plättrolle – nicht eine Falte an meinem Rock, nach all diesem Quetschen – hätte mein Weißzeug ungeplättet lassen können, – ha! ha! kein übler Gedanke, das – es am Körper mangeln zu lassen – harter Prozeß – sehr hart.«

Mit diesen abgebrochenen Worten bahnte sich ein junger Mann in der Uniform eines Marine-Offiziers den Weg zur Tafel und wies den erstaunten Pickwickiern die leibhafte Gestalt und Gesichtsbildung Herrn Alfred Jingles.

Der anstößige Patron hatte kaum Zeit, die dargebotene Hand der Madame Leo Hunter zu ergreifen, als seine Augen den grimmen Blicken des Herrn Pickwick begegneten.

»Ach, ach«, rief Herr Jingle, »– ganz vergessen – Postillion noch keine Befehle – gebe sie sogleich – in einer Minute wieder hier.«

»Der Diener oder Herr Hunter wird dies im Augenblick besorgen, Herr Fitz-Marshall«, sagte Madame Leo Hunter.

»Nein, nein – will's selber tun – dauert nicht lange – im Nu wieder da«, erwiderte Jingle.

Mit diesen Worten verschwand er unter der Menge.

»Wollen Sie mir die Frage erlauben, Madame«, sagte der erregte Herr Pickwick, sich von seinem Sitze erhebend, »wer der junge Mann ist, und wo er sich aufhält?«

»Es ist ein Gentleman von Vermögen, Herr Pickwick«, antwortete Madame Leo Hunter, »und ich sehne mich sehr danach, ihn Ihnen vorzustellen. Der Graf wird darüber enzückt sein.«

»Ja, ja«, erwiderte Herr Pickwick hastig. »Sein Aufenthalt –«

»Ist gegenwärtig im Engel zu Bury.«

»Zu Bury?«

»Zu Bury St. Edmunds, wenige Meilen von hier. – Aber ich bitte Sie, Herr Pickwick, Sie werden uns doch nicht verlassen? Nein, gewiß, Sie können nicht daran denken – so früh.«

Aber lange, ehe Madame Leo Hunter zu sprechen aufgehört, hatte Herr Pickwick sich in's Gedränge geworfen und den Garten erreicht, wo ihn bald darauf Herr Tupman traf, der seinem Freunde auf den Fersen gefolgt war.

»Es ist umsonst«, sagte Tupman. »Er ist fort.«

»Ich weiß es«, erwiderte Herr Pickwick; »aber ich will ihm folgen.«

»Ihm folgen? Wohin?« fragte Tupmann.

»Nach dem Bury in den Engel«, versetzte Herr Pickwick hastig. »Wissen wir, wen er dort betrügt? Er betrog einmal einen würdigen Mann, und wir waren die unschuldige Ursache. Er soll es nicht wieder tun, wenn ich es hindern kann; ich will ihn entlarven, Sam! Wo ist mein Diener?«

»Ah, sind Sie da, Sir?« rief Herr Weller, aus einem abgelegenen Winkel hervorkommend, wo er eben damit beschäftigt gewesen war, eine Madeiraflasche zu untersuchen, die er eine oder zwei Stunden vorher beim Frühstück weggekapert hatte. »Hier ist Ihr Diener, Sir, – stolz auf diesen Titel, wie das lebende Skelett sagte, als man es ums Geld sehen ließ.«

»Folgt mir augenblicklich«, sagte Herr Pickwick. »Tupman, wenn ich in Bury bin, können Sie dorthin kommen, sobald ich schreibe. Bis dahin leben Sie wohl.«

Vorstellungen waren fruchtlos. Herr Pickwick blieb unerschütterlich; sein Entschluß war gefaßt. Herr Tupman kehrte zur Gesellschaft zurück; und in einer Stunde hatte er alle Gedanken an Herrn Alfred Jingle oder Charles Fitz-Marshall in einer heitern Quadrille und einer Flasche Champagner erstickt.

Während dieser Zeit saßen Herr Pickwick und Sam Weller oben auf einer Postkutsche, von Minute zu Minute die Entfernung zwischen sich und der guten alten Stadt Bury Saint EdmundsBury, Stadt nahe bei Manchester, malerisch auf einem Hügel am Irwell sich erhebend, nahe dabei das Dorf Summerseat, das in Dickens Roman. »Nicholas Nickleby« eine Rolle spielt. kürzer werden lassend.

 

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