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Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs

Charles Dickens: Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDenkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs
publisherGutenberg-Verlag
addressHamburg
seriesDickens Werke
volume2
editorDr. Paul Th.Hoffmann
year
translatorDr. Carl Kolb
illustrator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100317
projectid36731a79
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Siebenundfünfzigstes Kapitel

Eine wichtige Beratung findet statt zwischen Herrn Pickwick und Samuel Weller, wobei sein Vater zugegen ist. – Ein alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern tritt unerwartet auf.

Herr Pickwick saß allein auf seinem Zimmer und sann über mancherlei Dinge, besonders aber darüber nach, wie er am besten für das junge Paar sorgen könne, dessen gegenwärtige unsichere Lage für ihn ein Gegenstand ständiger Sorge und Unruhe war, als Marie schnell hereintrippelte, bis an den Tisch vorlief und hastig sagte:

»Ach, Sir, erlauben Sie, Samuel ist unten und fragt, ob er Sie mit seinem Vater besuchen dürfe.«

»Ja, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick.

»Danke Ihnen, Sir«, sagte Marie wieder auf die Tür zutrippelnd.

»Ist Sam schon lange hier?« fragte Herr Pickwick.

»Ach nein, Sir«, erwiderte Marie eifrig. »Er ist soeben erst nach Hause gekommen. Er sagt, er werde Sie von jetzt an um keinen Urlaub mehr bitten, Sir.«

Marie mochte selbst gefühlt haben, daß sie diese letzte Mitteilung mit mehr Wärme gemacht hatte, als eben notwendig war, oder hatte sie vielleicht das gutmütige Lächeln bemerkt, womit Herr Pickwick sie ansah, als sie mit ihrem Vortrag zu Ende war. Soviel ist gewiß, sie ließ den Kopf sinken und betrachtete den Zipfel ihrer sehr artigen kleinen Schürze mit weit mehr Aufmerksamkeit, als unumgänglich erforderlich schien.

»Sagen Sie ihnen, sie können immerzu sogleich heraufkommen«, sagte Herr Pickwick.

Marie, der es offenbar viel leichter ums Herz war, eilte mit ihrer Botschaft fort.

Herr Pickwick ging zwei- oder dreimal im Zimmer auf und ab, und schien, indem er sich mit der linken Hand das Kinn rieb, wie er gerne zu tun pflegte, in Gedanken verloren zu sein.

»Ja, ja«, sagte Herr Pickwick endlich in einem freundlichen, aber etwas wehmütigen Ton, »das ist die beste Art, wie ich ihn für seine Anhänglichkeit und Treue belohnen kann: so sei es denn in Gottes Namen. Es ist nun einmal das Los eines alten einsamen Mannes, daß seine Umgebungen neue und andere Verbindungen anknüpfen und ihn verlassen. Ich habe kein Recht, zu erwarten, daß es mit mir anders sein sollte. Nein, nein«, fügte er ein wenig heiterer hinzu, »es wäre selbstsüchtig und undankbar von mir. Ich muß mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, ihn so gut zu versorgen, und ich freue mich auch wirklich.«

Herr Pickwick war dermaßen in diese Betrachtungen versunken, daß das Klopfen an seine Tür drei- oder viermal wiederholt werden mußte, bevor er es hörte. Er setzte sich schnell, raffte sich zu seinem gewöhnlichen freundlichen Blick wieder auf, gab die gewünschte Erlaubnis, und Sam Weller trat in Begleitung seines Vaters herein.

»Freut mich, dich wiederzusehen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Wie geht es Ihnen, Herr Weller?«

»Recht gut, danke Ihnen, Sir«, erwiderte der Witwer? »und Sie sind hoffentlich auch wohl, Sir?«

»O ja, ich danke Ihnen«, erwiderte Herr Pickwick.

»Ich möchte gern ein paar Wörtchen mit Ihnen sprechen, Sir, wenn Sie etwa fünf Minuten für mich erübrigen könnten«, sagte Herr Weller.

»Ei, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick. »Sam gib deinem Vater einen Stuhl.«

»Dank dir, Samuel: habe schon einen«, sagte Herr Weller, einen Sessel holend. »Ein außerordentlich schöner Tag heute«, setzte der alte Herr hinzu, indem er seinen Hut auf den Boden legte, während er sich setzte.

»Ja, sehr schön«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehr angenehm.«

»Das angenehmste Wetter, das ich je gesehen habe, Sir«, versetzte Herr Weller.

Hier wurde der alte Herr von einem heftigen Husten befallen, und als dieser vorüber war, nickte er mit dem Kopfe, winkte und nickte bittend seinem Sohn zu, der aber hartnäckig darauf nicht reagierte.

Als Herr Pickwick die Verlegenheit des alten Herrn bemerkte, stellte er sich, als wäre er beschäftigt, ein neben ihm befindliches Buch aufzuschneiden, und wartete geduldig, bis Herr Weller mit dem Zweck seines Besuches herausrücken würde.

»Einen so gottlosen Buben, wie du bist, habe ich Tag meines Lebens nicht gesehen, Samuel«, sagte Herr Weller endlich mit einem unwilligen Blick auf seinen Sohn.

»Was tut er denn, Herr Weller?« fragte Herr Pickwick.

»Er will nicht anfangen, Sir«, erwiderte Herr Weller, »und weiß doch, daß ich mich nicht ausdrücken kann, wenn etwas Besonderes zu sagen ist: und da steht er nun und sieht mich da sitzen und Ihnen Ihre kostbare Zeit wegnehmen, macht mich zur komischen Figur, daß ich mich schämen muß, und kommt mir mit keiner Silbe zur Hilfe. Das ist kein kindliches Benehmen, Samuel«, fuhr Herr Weller fort, indem er sich die Stirn abwischte: »nein, das ist es gar nicht.«

»Ihr habt ja gesagt, Ihr wolltet selber sprechen«, erwiderte Sam: »wie konnte ich wissen, daß Ihr schon fertig sein würdet, noch ehe Ihr angefangen?«

»Du hättest es wohl sehen können, daß ich steckenblieb«, entgegnete sein Vater: »ich bin auf den falschen Weg gekommen und in Gräben und alle möglichen Lumpereien hineingeraten, und du streckst keine Hand aus, um mir zu helfen. Ich schäme mich deiner, Samuel.«

»Die Sache ist die, Sir«, sagte Sam mit einer leichten Verbeugung: »mein Vater hat sein Geld an sich gezogen.«

»Sehr gut, Samuel, sehr gut«, sagte Herr Weller, zufrieden mit dem Kopfe nickend: »ich habe es nicht so bös gemeint, Sammy. Sehr gut. So muß man anfangen: dann kommt man auf einmal ans Ziel. Sehr gut, in der Tat, Samuel.«

Herr Weller nickte im Übermaß seiner Befriedigung außerordentlich oft mit dem Kopfe und wartete voll Spannung, wie Sam seinen Bericht fortsetzen würde.

»Setz dich doch, Sam«, sagte Herr Pickwick, der fürchtete, die Zusammenkunft möchte leicht länger werden, als er erwartet hatte.

Sam verbeugte sich abermals und setzte sich: sein Vater blickte sich stolz um und der Sohn fuhr fort:

»Der Alte hat fünfhundertunddreißig Pfund an sich gezogen, Sir.«

»Reduzierte Konsols«, fiel Herr Weller senior in leiserem Tone ein.

»Daran liegt nicht viel, ob es reduzierte Konsols sind oder nicht«, sagte Sam: »funfhundertunddreißig Pfund ist die Summe, nicht wahr?«

»Ganz richtig, Samuel«, erwiderte Herr Weller.

»Zu dieser Summe kommt noch einiges für das Haus und das Geschäft –«

»Mietzins, Vergütung, Kapital, Niet- und Nagelfestes«, mischte sich Herr Weller ein.

»– So daß die ganze Summe elfhunderdundachtzig Pfund beträgt«, fuhr Sam fort.

»Wirklich?« sagte Herr Pickwick. »Das freut mich: ich gratuliere Ihnen, Herr Weller, daß Sie soviel zusammengebracht haben.«

»Warten Sie noch eine Minute, Sir«, sagte Herr Weller und hob bittend die Hand. »Fahre fort, Samuel!«

»Dies Geld da«, sagte Sam mit einigem Zögern, »dies Geld da möchte er nun irgendwo unterbringen, wo er es sicher weiß, und ich wünsche es auch sehr, denn wenn er es behält, so wird er es entweder ausleihen oder in Pferde stecken, oder seine Brieftasche irgend einmal verlieren, oder auf die eine oder andere Art sich selbst zu einer ägyptischen Mumie machen.«

»Sehr gut, Samuel«, bemerkte Herr Weller in so wohlgefälligem Tone, als ob Sam die höchsten Lobsprüche auf seine Klugheit und Vorsicht erhoben hätte. »Sehr gut.

»Aus diesen Gründen nun«, fuhr San» fort, heftig am Rande seines Hutes zupfend, »aus diesen Gründen nun hat er heute sein Geld an sich gezogen und ist mit mir hierher gekommen, um zu sagen, – um wenigstens anzubieten, oder mit andern Worten, um –«

»Und das zu sagen«, fiel der alte Herr Weller ungeduldig ein, »daß ich da« Geld nicht brauchen kann. Ich habe im Sinn, wieder eine regelmäßige Postkutsche zu führen und weiß keinen Ort, wo ich es aufbewahren soll, außer ich wollte den Schaffner dafür bezahlen, daß er acht darauf gibt, oder es in eine Kutschentasche stecken, was für die Passagiere drinnen eine große Versuchung sein würde. Wenn Sie es mir aufbewahren wollten, Sir, so würde ich Ihnen gar sehr verbunden sein. Vielleicht«, setzte Herr Weller bei, indem er Herrn Pickwick näher trat und ihm ins Ohr flüsterte, »vielleicht könnte es Ihnen ein bißchen dienen, wegen Ihrer Prozeßkosten. Ich will nur, daß Sie es solange behalten, bis ich es Ihnen wieder abfordere.«

Mit diesen Worten legte Herr Weller die Brieftasche in Herrn Pickwicks Hände, ergriff seinen Hut und rannte mit einer Geschwindigkeit zum Zimmer hinaus, die man von einem so wohlbeleibten Manne kaum hätte erwarten sollen.

»Halt ihn, Sam!« rief Herr Pickwick eifrig. »Spring ihm nach und bring ihn augenblicklich zurück. Herr Weller – aber bitte! – Kommen Sie zurück!«

Sam sah ein, daß den Befehlen seines Herrn der Gehorsam nicht verweigert werden durfte: er ergriff daher seinen Vater am Arm, als dieser die Treppe hinab wollte und schleppte ihn mit Gewalt zurück.

»Mein lieber Freund«, sagte Herr Pickwick, den alten Herrn bei der Hand fassend, »Ihr ehrliches Vertrauen rührt mich.«

»Ich sehe ganz und gar keinen Grund dazu, Sir«, erwiderte Herr Weller hartnäckig.

»Ich versichere Sie, mein lieber Freund, ich habe mehr Geld, als ich jemals bedarf, weit mehr, als ein Mann in meinem Alter je noch verbrauchen kann«, sagte Herr Pickwick.

»Niemand weiß, wieviel er brauchen kann, bis er es probiert hat«, bemerkte Herr Weller.

»Mag sein«, erwiderte Herr Pickwick. »Da ich aber durchaus keine Lust habe, solche Experimente anzustellen, so werde ich wahrscheinlich nicht leicht in Not kommen. Ich muß Sie daher bitten, Ihre Wechsel zurückzunehmen, Herr Weller.«

»Schon gut«, sagte Herr Weller mit sehr unzufriedenem Blick. »Doch merk', was ich dir sage, Sammy: ich werde mit diesem Gelde da etwas Verzweifeltes anfangen, etwas ganz Verzweifeltes!«

»Laßt das lieber bleiben«, erwiderte Sam.

Herr Weller besann sich einige Zeit, knöpfte dann mit großer Entschiedenheit seinen Rock auf und sagte:

»Ich will einen Schlagbaum pachtenDas Gewerbe der »Zöllner« galt damals für verächtlich. Die Drohung seines Vaters, Zöllner werden zu wollen und einen Schlagbaum zu pachten, muß daher den biedern Sam sehr erschrecken«

»Was?« rief Sam.

»Einen Schlagbaum«, murmelte Herr Weller durch seine Zähne; »ich will Schlagbaumwärter werden. Nimm Abschied von deinem Vater, Samuel: ich widme den Rest meiner Tage einem Schlagbaum.«

Diese Drohung war so schrecklich, und Herr Weller schien so fest entschlossen, sie auszuführen, und durch Herrn Pickwicks Weigerung dermaßen gekränkt zu sein, daß dieser Herr nach kurzem Bedenken sagte:

»Nun gut, Herr Weller, ich will das Geld annehmen. Ich kann vielleicht mehr Gutes damit tun als Sie.«

»Eben das meine ich auch«, rief Herr Weller aufstrahlend: »Sie können es freilich, Sir.«

»Sprechen Sie nicht mehr davon«, sagte Herr Pickwick, die Brieftasche in sein Pult verschließend: »ich bin Ihnen herzlich verbunden, mein lieber Freund. Jetzt aber setzen Sie sich wieder, ich möchte Sie um Ihren Rat fragen.«

Das durch den großartigen Erfolg seines Besuches herbeigeführte innere Lachen, das nicht nur Herrn Wellers Gesicht, sondern auch seine Arme, Beine und seinen ganzen Leib erschüttert hatte, während seine Brieftasche eingeschlossen wurde, wich plötzlich der würdevollsten Gravität, als er diese Worte hörte.

»Sam, warte draußen ein paar Minuten«, sagte Herr Pickwick.

Sam zog sich sogleich zurück.

Herr Weller blickte ungemein weise und äußerst verwundert drein, als Herr Pickwick das Gespräch mit den Worten eröffnete:

»Sie sind, glaube ich, kein Verteidiger des Ehestandes?«

Herr Weller schüttelte den Kopf. Er war schlechterdings nicht imstande zu sprechen, denn unbestimmte Gedanken, es möchte irgendeine ruchlose Witwe mit ihren Plänen bei Herr Pickwick Erfolg gehabt haben, lähmten seine Zunge.

»Haben Sie vielleicht zufällig ein junges Mädchen unten gesehen, als Sie mit Ihrem Sohne kamen?«

»Ja – ich sah ein junges Ding«, erwiderte Herr Weller kurz.

»Was halten Sie von ihr? Aufrichtig gesprochen, Herr Weller, wie gefiel sie Ihnen?«

»Sie ist sehr stattlich und gut gebaut«, sagte Herr Weller mit kritischer Miene.

»Ja, das ist sie«, sagte Herr Pickwick: »ein recht hübsches Mädchen. Und wie hat Ihnen ihr Benehmen gefallen, soviel Sie von ihr gesehen haben?«

»Sie ist sehr angenehm«, erwiderte Herr Weller, »sehr angenehm und konform.«

Die eigentliche Bedeutung, die Herr Weller an diese letzte Bezeichnung knüpfte, war nicht so ganz klar; doch ging aus seinem Tone hervor, daß es ein günstiger Ausdruck war, und Herr Pickwick war daher ebenso damit zufrieden, als wenn er eine vollkommen klare Antwort erhalten hätte.

»Ich interessiere mich sehr für sie, Herr Weller«, sagte Herr Pickwick.

Herr Weller hustete.

»Das heißt«, fuhr Herr Pickwick fort, »ich interessiere mich insofern für sie, daß ich wünsche, es möchte ihr recht gut und glücklich ergehen. Sie verstehen mich?«

»Vollkommen«, erwiderte Herr Weller, der aber noch nicht das mindeste verstand.

»Diese junge Person«, sagte Herr Pickwick, »ist in Ihren Sohn verliebt.«

»In Samuel Weller?« rief der Vater.

»Ja«, sagte Herr Pickwick.

»Es ist natürlich«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken: »es ist natürlich, aber doch beunruhigend. Sammy soll sich nur in acht nehmen.«

»Wieso?« fragte Herr Pickwick.

»Ja er muß sich in acht nehmen, daß er nichts zu ihr sagt«, anwortete Herr Weller. »Er muß sich sehr in acht nehmen, daß er sich nicht in einem unschuldigen Augenblick verleiten läßt, etwas zu sagen, das zu einer Klage wegen Eheversprechens führen könnte. Man ist bei den Frauenzimmern niemals sicher, Herr Pickwick. Wenn sie einmal Absichten auf einen haben, so halten sie einen fest, ehe man daran denkt. So habe ich mich selbst das erstemal verheiratet, Sir, und Sammy war die Folge von dem Fehltritt.«

»Sie ermutigen mich nicht sehr bei dem, was ich sagen will«, bemerkte Herr Pickwick; »doch muß es einmal sein. Diese junge Person ist nicht nur in Ihren Sohn verliebt, Herr Weller, sondern Ihr Sohn ist auch in sie verliebt.«

»Schön«, sagte Herr Weller, »das sind ja saubere Sachen für eines Vaters Ohren.«

»Ich habe sie bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet«, fuhr Herr Pickwick fort, ohne von Herrn Wellers letzter Bemerkung weitere Notiz zu nehmen, »und ich hege nicht den mindesten Zweifel darüber. Wenn ich ihnen nun für irgendein kleines Geschäft oder eine Stellung sorgen wollte, wo sie anständig miteinander leben könnten, was würden Sie dazu sagen, Herr Weller?«

Im Anfang nahm Herr Weller mit allerhand Hin und Her den Vorschlag auf, der die Verheiratung eines Menschen bezweckte, für den er sich immerhin interessierte. Als aber Herr Pickwick näher mit ihm auf die Sache einging und großen Nachdruck auf das Faktum legte, daß Marie keine Witwe sei, so wurde er allmählich zugänglicher, und Herr Pickwick bekam großen Einfluß auf ihn. Auch war ihm Mariens Äußeres ausnehmend nett vorgekommen, und er hatte ihr bereits einige Male sehr unväterlich zugeblinzelt. Endlich sagte er, es würde ihm schlecht anstehen, sich Herrn Pickwicks Wünschen zu widersetzen, und er werde mit Freuden seinen Rat befolgen, worauf Herr Pickwick ihn fröhlich beim Worte nahm und Sam wieder hereinrief.

»Sam«, sagte Herr Pickwick sich räuspernd, »dein Vater und ich haben soeben von dir gesprochen.«

»Ja, von dir, Samuel«, sagte Herr Weller in eindrucksvollem Gönnerton.

»Ich bin nicht so blind, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort, »um nicht schon geraume Zeit bemerkt zu haben, daß du gegen das Kammermädchen der Frau Winkle etwas mehr als freundschaftliche Gefühle hegst.«

»Hörst du, Samuel?« sagte Herr Weller in demselben richterlichen Tone wie zuvor.

»Ich hoffe, Sir«, antwortete Sam, sich an seinen Herrn wendend: »ich hoffe, daß Sie nichts Böses darin finden werden, wenn ein junger Mann seine Augen auf ein junges Frauenzimmer wirft, das ganz unbestreitbar hübsch aussieht und sich gut aufführt.«

»Sicherlich nicht«, sagte Herr Pickwick.

»Nein, nicht im geringsten«, stimmte Herr Weller in freundlichem, aber dennoch würdevollem Tone ein.

»Ich bin«, fuhr Herr Pickwick fort, »weit entfernt, an einem so natürlichen Benehmen etwas Unrechtes zu finden, daß ich vielmehr, deinen Wünschen in dieser Beziehung entgegenzukommen und sie zu fördern beabsichtige. Ich habe soeben mit deinem Vater eine kleine Unterredung darüber gehabt, und da ich finde, daß er meiner Meinung ist –«

»Weil nämlich das Frauenzimmer keine Witwe ist«, fiel Herr Weller erläuternd ein.

»Ja, weil das Frauenzimmer keine Witwe ist«, sagte Herr Pickwick lächelnd. »Ich wünsche also, dich von dem Zwang zu befreien, den dir deine gegenwärtige Stellung auferlegt, und dir meine Dankbarkeit für deine Treue und viele vortreffliche Eigenschaften dadurch zu beweisen, daß ich dich in den Stand setze, das Mädchen zu heiraten und für dich selbst mit einer Familie ein unabhängiges Leben zu führen. Ich werde stolz darauf sein, Sam«, fügte Herr Pickwick hinzu, dessen Stimme bisher ein wenig gebebt hatte, jetzt aber ihren gewöhnlichen Ton wieder annahm, »ich werde stolz darauf sein und mich glücklich schätzen, deine künftigen Aussichten im Leben zum Gegenstand meiner dankbaren und ganz besonderen Sorgfalt zu machen.«

Auf einige Augenblicke trat eine kurze Stille ein, dann aber sagte Sam mit etwas leiser und dumpfer, jedoch fester Stimme:

»Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Güte, Sir, die Ihnen ganz gleich sieht; aber es kann nicht sein.«

»Kann nicht sein?« rief Herr Pickwick erstaunt.

»Samuel!« sprach Herr Weller mit Würde.

»Ich sage, es kann nicht sein«, wiederholte Sam in lauterem Tone. »Was würde denn aus Ihnen werden, Sir?«

»Du bist ein guter Kerl!« erwiderte Herr Pickwick: »aber die neuerlichen Veränderungen unter meinen Freunden werden auch meine künftige Lebensweise ganz verändern: überdies werde ich älter und bedarf der Ruhe und Stille. Mein unruhiges, von Reisen erfülltes Leben ist zu Ende, Sam.«

»Das kann man noch nicht so bestimmt sagen«, meinte Sam. »Sie denken jetzt zwar so, aber wenn es Ihnen einmal wieder anders einfiele, was nicht unwahrscheinlich ist, denn Sie haben immer noch die Munterkeit eines Fünfundzwanzigers – was sollte dann aus Ihnen werden ohne mich? Es geht nicht, Sir, es geht nicht.«

»Sehr gut, Samuel, das ist einmal gescheit gesprochen«, sagte Herr Weller ermutigend.

»Ich spreche nach langer Überlegung, Sam, und mit der Gewißheit, daß ich mein Wort halten werde«, sagte Herr Pickwick, den Kopf schüttelnd. »Neue Schauplätze sind mir verschlossen: mein vagabundierendes Leben ist zu Ende.«

»Mag sein«, erwiderte Sam. »Aber eben das ist der beste Grund, warum Sie immer jemand bei sich haben müssen, der Sie versteht, Sie aufheitert und in eine gute Laune versetzt. Wenn Sie einen seineren, abgeschliffeneren Diener brauchen, – ganz recht: so nehmen Sie einen: aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Anerkennung, mit oder ohne Wohnung, mit oder ohne Kost – Sam Weller, den Sie aus dem alten Wirtshause in Borough aufnahmen, bleibt bei Ihnen, es mag kommen, was da will: und wenn es noch so schlimm geht und die Leute noch so hart mit mir verfahren, nichts soll mich daran verhindern.«

Am Schluß dieser Erklärung, die Sam mit großer Bewegung gemacht hatte, sprang Herr Weller von seinem Sitze auf, vergaß alle Rücksichten auf Zeit, Ort und Schicklichkeit, schwenkte seinen Hut über dem Kopfe und brach in drei stürmische Hurras aus.

»Mein guter Junge«, sagte Herr Pickwick, als Herr Weller etwas beschämt über seinen Enthusiasmus sich wieder gesetzt hatte, »du mußt aber das junge Frauenzimmer doch auch bedenken.«

»Ich bedenke das junge Frauenzimmer immer wohl, Sir«, sagte Sam. »Ich habe das junge Frauenzimmer bedacht, ich habe mit ihr gesprochen, ich habe ihr gesagt, wie meine Lage ist: sie ist bereit zu warten, bis ich sie heiraten kann, und ich glaube auch, daß sie es tun wird. Tut sie es nicht, so ist sie nicht das junge Frauenzimmer, wofür ich sie halte, und ich lasse sie mit Vergnügen fahren. Sie haben mich schon vorher gekannt, Sir. Mein Entschluß ist gefaßt, und nichts kann ihn jemals ändern.«

Wer möchte gegen solche Gesinnungen anzukämpfen? Herr Pickwick einmal nicht. Er empfand in diesem Augenblick mehr Stolz und Wonne über die uneigennützige Anhänglichkeit seiner niedriggestellten Freunde, als zehntausend Freundschaftsversicherungen von den vornehmsten Leuten in seinem Herzen hätten erwecken können.

Während in Herrn Pickwicks Zimmer diese Unterhaltung vor sich ging, erschien unten ein kleiner alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern, gefolgt von einem Träger mit einem kleinen Koffer; er bestellte sich ein Bett für die Nacht und fragte dann den Kellner, ob eine Frau Winkle hier wohne. Der Kellner bejahte.

»Ist sie allein?« fragte der kleine alte Herr.

»Ich glaube ja, Sir«, erwiderte der Kellner; »ich kann indessen ihr Kammermädchen rufen, Sir, wenn Sie –«

»Nein, ich brauche das nicht«, sagte der alte Herr schnell. »Führen Sie mich in ihr Zimmer, ohne mich anzumelden.«

»Wieso, Sir?« fragte der Kellner.

»Sind Sie taub?« fragte der kleine alte Herr.

»Nein, Sir.«

»Nun, so hören Sie mich gefälligst an. Können Sie mich jetzt anhören?«

»Ja, Sir.«

»Nun gut, so zeigen Sie mir der Frau Winkle Zimmer, ohne mich anzumelden.«

Während der kleine alte Herr diesen Befehl aussprach, ließ er fünf Schilling in die Hand des Kellners gleiten und sah ihn fest an.

»Wahrhaftig, Sir«, sagte der Kellner: »ich weiß wirklich nicht, Sir, ob – –«

»Ach, ich sehe schon. Sie wollen es tun«, sagte der kleine alte Herr. »Tun Sie es deshalb lieber gleich, dann sparen wir Zeit.«

Es lag etwas so Ruhiges und Gesammeltes im ganzen Benehmen des alten Herrn, daß der Kellner die fünf Schilling einsteckte und ihn ohne weitere Worte die Treppe hinaufführte.

»Dies ist also das Zimmer?« fragte der Herr. »Nun, so können Sie gehen.«

Der Kellner tat es, indem er sich sehr verwunderte, wer wohl der Herr sein möge und was er wolle; der kleine alte Herr wartete, bis er verschwunden war, und klopfte dann an die Tür.

»Herein!« rief Arabella.

»Hm! jedenfalls eine hübsche Stimme«, murmelte der kleine alte Herr, »doch das will noch nichts heißen.«

So sprechend, öffnete er die Tür und ging hinein. Arabella die gerade bei einer weiblichen Arbeit saß, erhob sich beim Anblick eines Fremdlings in einiger Verwirrung, die ihr aber allerliebst stand.

»Bitte, lassen Sie sich nicht stören, Madame«, begann der Unbekannte, hineintretend und die Tür hinter sich schließend. »Frau Winkle, wie ich glaube?«

Arabella neigte den Kopf.

»Frau Nathaniel Winkle, die den Sohn des alten Winkle von Birmingham geheiratet hat?« sagte der Fremde, Arabella mit sichtlicher Neugier betrachtend.

Arabella nickte abermals mit dem Köpfchen und blickte unruhig um sich, wie wenn sie sich besänne, ob sie nicht um Hilfe rufen solle.

»Wie ich sehe, habe ich Sie überrascht, Madame?« sagte der alte Herr.

»Ich kann es nicht leugnen«, erwiderte Arabella, sich immer mehr wundernd.

»Wenn Sie gestatten, setze ich mich, Madame«, sagte der Fremde.

Er setzte sich, zog sein Brillenfutteral aus der Tasche, nahm nachlässig eine Brille heraus und setzte sie auf seine Nase.

»Sie kennen mich nicht, Madame?« sagte er, Arabella so scharf ins Auge fassend, daß sie sich unheimlich zu fühlen begann.

»Nein, Sir«, antwortete sie schüchtern.

»Also wirklich nicht?« sagte der Herr, auf sein linkes Bein klopfend. »Ich wüßte auch nicht, woher Sie mich kennen sollten. Doch kennen Sie vielleicht meinen Namen, Madame?«

»Bitte um Verzeihung«, sagte Arabella zitternd, obgleich sie kaum wußte, warum. »Darf ich Sie vielleicht darum bitten?«

»Sogleich, Madame, sogleich«, sagte der Unbekannte, der seine Augen noch nicht von ihrem Gesicht abgewandt hatte. »Sie haben sich erst vor kurzem verheiratet, Madame?«

»Ja«, erwiderte Arabella in einem kaum hörbaren Ton, indem sie ihre Arbeit beiseite legte und sehr aufgeregt zu werden begann, als ein Gedanke, der ihr schon vorher gekommen war, sich ihr immer stärker aufdrängte.

»Ohne Ihrem Gemahl vorgestellt zu haben, daß es sich ziemen würde, seinen Vater, von dem er abhängig ist, zuerst um Rat zu fragen, nicht wahr?« sagte der Fremde.

Arabella hielt ihr Tuch vor die Augen.

»Ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, durch irgendeine indirekte Anfrage in Erfahrung zu bringen, wie der alte Mann über eine Sache denkt, die ihn natürlich in hohem Grade interessieren muß?« fuhr der Fremde fort.

»Ich kann es nicht leugnen, Sir«, sagte Arabella.

»Und ohne Vermögen genug zu besitzen, Ihrem Gemahl ein hinlängliches Auskommen zu verschaffen und ihn für die zeitlichen Vorteile zu entschädigen, die ihm natürlich nicht entgangen wären, wenn er den Wünschen seines Vaters gemäß geheiratet hätte«, setzte der alte Gentleman hinzu. »Knaben und Mädchen nennen dies uneigennützige Neigung, bis sie selbst Knaben und Mädchen haben und dann die Sache in einem trüben, ganz andern Lichte betrachten.«

Arabellas Tränen flossen reichlich, als sie zur Entschuldigung anführte, sie sei jung und unerfahren; Neigung allein habe sie zu diesem Schritte verleitet, und sie habe beinahe von Kindheit an den Rat sowie die Leitung ihrer Eltern entbehren müssen.

»Es war unrecht«, sagte der alte Herr in milderem Tone: »sehr unrecht. Es war romantisch, eines Geschäftsmannes unwürdig, töricht.«

»Es ist meine Schuld, ganz meine Schuld, Sir«, versetzte die arme Arabella weinend.

»Unsinn!« sagte der alte Herr, »gewiß war es nicht Ihre Schuld, daß er sich in Sie verliebte. Und doch ist es so«, fügte der alte Herr hinzu, indem er Arabella etwas schalkhaft anblicke, »und doch war es Ihre Schuld: er konnte nicht anders.«

Dieses kleine Kompliment oder des kleinen Herrn sonderbare Art, es zu machen, oder sein verändertes Benehmen – um vieles freundlicher, als im Anfang – oder all diese drei Umstände zusammen nötigten Arabella mitten unter ihren Tränen ein Lächeln ab.

»Wo ist denn Ihr Mann?« fragte der alte Herr schnell, ein Lächeln unterdrückend, das eben sein Gesicht überfliegen wollte.

»Ich erwarte ihn in jedem Augenblick«, sagte Arabella. »Ich sprach ihm zu, heut? früh einen Spaziergang zu machen. Er ist sehr niedergeschlagen und unglücklich, weil sein Vater nichts von sich hören läßt.«

»Niedergeschlagen?« fragte der alte Herr. »Geschieht ihm recht.«

»Ich fürchte, er ist es meinetwegen«, sagte Arabella: »und in der Tat, Sir, ich fühle es auch sehr schwer, denn ich bin allein schuld an seiner gegenwärtigen Lage.«

»Lassen Sie es sich um seinetwegen nicht so zu Herzen gehen, meine Liebe«, sagte der alte Herr. »Es geschieht ihm recht. Es freut mich – freut mich in der Tat, so weit es ihn betrifft.«

Kaum waren diese Worte über die Lippen des alten Herrn gekommen, als man die Treppe herauf Fußtritte hörte, die er und Arabella im selbigen Augenblick zu erkennen schienen. Der kleine Herr wurde blaß, gab sich indessen viele Mühe, ruhig zu erscheinen, und stand auf, als Herr Winkle ins Zimmer trat.

»Vater!« rief Herr Winkle, indem er verblüfft zurückprallte.

»Ja, Sir«, versetzte der kleine alte Herr. »Nun, Sir, was haben Sie mir zu sagen?«

Herr Winkle blieb still.

»Sie schämen sich hoffentlich Ihrer selbst, Sir?« fuhr der alte Herr fort.

Herr Winkle sprach immer noch nichts.

»Schämen Sie sich Ihrer selbst, Sir, oder schämen Sie sich nicht?« fragte der alte Herr.

»Nein, Vater«, erwiderte Herr Winkle, Arabellas Arm in den seinigen legend. »Ich schäme mich weder meiner selbst, noch meiner Frau.«

»Wirklich?« rief der alte Herr ironisch.

»Es tut mir sehr leid, etwas getan zu haben, was Ihre Neigung für mich verringert hat«, sagte Herr Winkle: »zugleich aber muß ich erklären, daß ich keinen Grund habe, mich dieser Frau zu schämen, und Sie ebensowenig, sich einer solchen Tochter zu schämen.«

»Gib mir die Hand, Nathaniel«, sagte der alte Herr mit veränderter Stimme. »Küssen Sie mich, mein liebe« Kind, Sie sind in der Tat ein allerliebstes Schwiegertöchterchen.«

Nach wenigen Minuten ging Herr Winkle auf Herrn Pickwicks Zimmer, kam mit diesem Herrn zurück und stellte ihn seinem Vater vor, worauf sie einander fünf Minuten lang ununterbrochen die Hände schüttelten.

»Herr Pickwick, ich danke Ihnen aufs herzlichste für all Ihre Freundschaft gegen meinen Sohn«, sagte der alte Herr Winkle mit seinem offenen, biderben Wesen. »Ich bin ein bißchen kurz angebunden, und als ich Sie das letztem«! sah, war ich ärgerlich und zu sehr überrascht. Ich habe mir nun die Sache überlegt und bin mehr als zufrieden. Soll ich noch mehr Entschuldigungen vorbringen, Herr Pickwick?«

»O keineswegs«, erwiderte Herr Pickwick. »Sie haben getan, was allein noch zur Vollendung meines Glücke« fehlte.«

Hierauf folgte ein neues fünf Minuten langes Händeschütteln, begleitet von einer Unmasse komplimentierender Redensarten, die. abgesehen von der darin sich beurkundenden Höflichkeit, auch noch die weitere und ganz neue Empfehlung hatten, aufrichtig gemeint zu sein.

Sam hatte seinen Vater pflichtgemäß nach Belle Sauvage begleitet, und auf dem Rückwege begegnete er im Hof dem fetten Jungen, der ein Billett von Emilie Wardle zu überbringen gehabt halte.

»Ich sage mir«, begann Joe, der ungewöhnlich redselig war; »ich sage nur, was diese Marie für ein hübsches Mädchen ist – nicht wahr, Sam? Ich bin ganz verliebt in sie.«

Herr Weller gab hierauf keine Erwiderung mit Worten, sondern ganz verblüfft über diese Vermessenheit, betrachtete er den fetten Jungen nur einen Augenblick, packte ihn dann am Rockkragen bis an die nächste Ecke und entließ ihn mit einem harmlosen, aber durchaus förmlichen Fußtritt, worauf er pfeifend ins Haus ging.

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