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DenkwŁrdigkeiten aus dem Leben des Marschalls von Vieilleville

Friedrich Schiller: DenkwŁrdigkeiten aus dem Leben des Marschalls von Vieilleville - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleSchillers Sšmmtliche Werke, vierter Band
authorFriedrich Schiller
year1879
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung
addressStuttgart
titleDenkwŁrdigkeiten aus dem Leben des Marschalls von Vieilleville
pages386-447
created20030116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Schiller

Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Marschalls von Vieilleville.

In den Geschichtbüchern, welche die merkwürdigen Zeiten Franz I., Heinrichs II. und seiner drei Söhne beschreiben, hört man nur selten den Namen des Marschalls von Vieilleville. Dennoch hatte er einen sehr nahen Antheil an den größten Verhandlungen, und ihm gebührt ein ehrenvoller Platz neben den großen Staatsmännern und Kriegsbefehlshabern jener Zeiten. Unter allen gleichzeitigen Geschichtschreibern läßt ihm der einzige Brantome Gerechtigkeit widerfahren, und sein Zeugniß hat um so mehr Gewicht, da Beide nach dem nämlichen Ziele liefen und sich zu verschiedenen Parteien bekannten.

Vieilleville gehörte nicht zu den mächtigen Naturen, die durch die Gewalt ihres Genies oder ihrer Leidenschaft große Hindernisse brechen und durch einzelne hervorragende Unternehmungen, die in das Ganze greifen, die Geschichte zwingen, von ihnen zu reden. Verdienste, wie die seinigen, bestehen eben darin, daß sie das Aufsehen vermeiden, das jene suchen, und sich mehr um den Frieden mit allen bewerben, als die Bewunderung und den Neid zu erwecken suchen. Vieilleville war ein Hofmann in der höchsten und würdigen Bedeutung dieses Worts, wo es eine der schwersten und rühmlichsten Rollen auf dieser Welt bezeichnet. Er war dem Throne, ob er gleich die Personen dreimal auf demselben wechseln sah, ohne Wanken mit gleicher Beharrlichkeit ergeben und wußte denselben so innig mit der Person des Fürsten zu vermengen, daß seine pflichtmäßige Ergebenheit gegen den jedesmaligen Thronbesitzer alle Wärme einer persönlichen Neigung zeigte. Das schöne Bild des alten französischen Adels und Ritterthums lebt wieder in ihm auf, und er stellt uns den Stand, zu dem er gehört, so würdig dar, daß er uns augenblicklich mit den Mißbräuchen desselben aussöhnen könnte. Er war edelmüthig, prächtig, uneigennützig bis zum Vergessen seiner selbst, verbindlich gegen alle Menschen, voll Ehrliebe, seinem Worte treu, in seinen Neigungen beständig, für seine Freunde thätig, edel gegen seine Feinde, heldenmäßig tapfer, bis zur Strenge ein Freund der Ordnung, und bei aller Liberalität der Gesinnung furchtbar und unerbittlich gegen die Feinde des Gesetzes. Er verstand in hohem Grade die Kunst, sich mit den entgegengesetzten Charakteren zu vertragen, ohne dabei seinen eigenen Charakter aufzuopfern, dem Ehrsüchtigen zu gefallen, ohne ihm blind zu huldigen, dem Eiteln angenehm zu sein, ohne ihm zu schmeicheln. Nie brauchte er, wie der herz- und willenlose Höfling, seine persönliche Würde wegzuwerfen, um der Freund seines Fürsten zu sein, aber mit starker Seele und rühmlicher Selbstverleugnung konnte er seine Wünsche den Verhältnissen unterwerfen. Dadurch und durch eine nie verleugnete Klugheit gelang es ihm, zu einer Zeit, in der alles Partei war, parteilos zu stehen, ohne seinen Wirkungskreis zu verlieren, und im Zusammenstoß so vieler Interessen der Freund von allen zu bleiben; gelang es ihm, einen dreifachen Thronwechsel ohne Erschütterung seines eigenen Glücks auszuhalten und die Fürstengunst, mit der er angefangen hatte, auch mit ins Grab zu nehmen. Denn es verdient bemerkt zu werden, daß er in dem Augenblicke starb, wo ihn Katharina von Medicis mit ihrem Hofstaat auf seinem Schlosse zu Durestal besuchte, und er auf diese Art ein Leben, das sechzig Jahre dem Dienste des Souveräns gewidmet gewesen war, noch gleichsam in den Armen desselben beschließen durfte.

Aber eben dieser Charakter erklärt uns auch das Stillschweigen über ihn auf eine sehr natürliche Weise. Alle diese Geschichtschreiber hatten Partei genommen, sie waren Enthusiasten entweder für die alte oder für die neue Lehre, und ein lebhaftes Interesse für ihre Anführer leitete ihre Feder. Eine Person, wie der Marschall von Vieilleville, dessen Kopf für den Fanatismus zu kalt war, bot ihnen also nichts dar, was sich lobpreisen oder verächtlich machen ließ. Er bekannte sich zu der Klasse der Gemäßigten, die man unter dem Namen der Politiker zu verspotten glaubte; eine Klasse, die von jeher in Zeiten bürgerlicher Gährung das Schicksal gehabt hat, beiden Theilen zu mißfallen, weil sie beide zu vereinigen strebt. Auch hielt er sich bei allen Stürmen der Faktion unwandelbar an den König angeschlossen, und weder die Partei des Montmorency und der Guisen, noch die der Condé und Coligny konnte sich rühmen, ihn zu besitzen.

Charaktere von dieser Art werden immer in der Geschichte zu kurz kommen, die mehr das berichtet, was durch Kraft geschieht, als was mit Klugheit verhindert wird, und ihr Augenmerk viel zu sehr auf entscheidende Handlungen richten muß, als daß sie die schöne ruhige Folge eines ganzen Lebens umfassen könnte. Desto dankbarer sind sie für den Biographen, der sich immer lieber den Ulysses als den Achilles zu seinem Helden wählen wird.

Erst zweihundert Jahre nach seinem Tode sollte dem Marschall von Vieilleville die volle Gerechtigkeit widerfahren. In den Archiven seines Familienschlosses Durestal fanden sich Memoires über sein Leben in zehen Büchern, welche Carloix, seinen Geheimschreiber, zum Verfasser haben. Sie sind zwar in dem lobrednerischen Tone abgefaßt, der auch dem Brantome und allen Geschichtschreibern jener Periode eigen ist; aber es ist nicht der rhetorische Ton des Schmeichlers, der sich einen Gönner gewinnen will, sondern die Sprache eines dankbaren Herzens, das sich gegen einen Wohlthäter unwillkürlich ergießt. Auch wird dieser Antheil der Neigung keineswegs versteckt, und die historische Wahrheit scheidet sich sehr leicht von demjenigen, was bloß eine dankbare Vorliebe für seinen Wohlthäter den Geschichtschreiber sagen läßt. Diese Memoires sind im Jahr 1757 in fünf Bänden das erstemal im Druck erschienen, obgleich sie schon früher von Einzelnen gekannt und zum Theil auch benutzt worden sind.

Franz von Scepeaux, Herr von Vieilleville, war der Sohn des Renatus von Scepeaux, Herrn von Vieilleville, und Margarethens von La Jaille, aus dem Hause von Estouteville. Seine Eltern hatten großes Vermögen, hielten auf Ehre und lebten dem ganzen Adel von Anjou und Maine zum Beispiel; auch war ihr Haus eines der angesehensten und immer voll der besten Gesellschaft. Franz von Vieilleville kam frühe als Edelknabe zu der Mutter Franz des Ersten, Regentin von Frankreich, einer Prinzessin von Savoyen; ein Zufall aber, der ihm da begegnete, trieb ihn schon nach einem vierjährigen Aufenthalte von dort weg. Es hatte ihm nämlich ein Edelmann eine Ohrfeige gegeben, eben als er Mittags zur Aufwartung ging. Nach der Tafel schlich sich der Edelknabe von seinem Hofmeister weg, ging zu jenem Edelmann, der erster Hausküchenmeister der Regentin war, und stieß ihm, nachdem er ihn aufgefordert hatte, seine Ehre ihm wieder zu geben, den Degen durch den Leib. Er war damals, als ihm dieses Unglück begegnete, achtzehn Jahre alt. Als der König diese Handlung erfuhr, die von allen Großen und vorzüglich von ihm selbst nicht so ganz mißbilligt wurde, weil die Hausofficiere nicht das Recht hatten, Edelknaben zu mißhandeln, ließ er den Herrn von Vieilleville rufen, um ihn seiner Mutter der Regentin vorzustellen und ihm Vergebung zu verschaffen. Aber dieser hatte sich schon vom Hof weg und zu seinem Vater nach Durestal begeben, um von diesem die nöthige Unterstützung zu einer Reise nach Neapel zu erhalten, wo dem Vernehmen nach Herr von Lautrec eine schöne Armee hinführen würde. Nachdem er nun alles in Ordnung gebracht, auch fünf und zwanzig Edelleute aus Anjou und Bretagne zu seiner Begleitung gewählt hatte, denn er wollte mit Anstand und seiner Geburt gemäß erscheinen, stellte er sich zu Chambery dem Herrn von Lautrec vor, der ihn als seinen Verwandten gütig aufnahm und ihn zu seiner Fahne that. Bei jeder Gelegenheit zeichnete sich Vieilleville aus und wagte im Angesicht der ganzen Armee sein Leben, besonders bei der Einnahme von Pavia, wobei die Franzosen, durch das Andenken an die fünf Jahre vorhergegangene Schlacht, bei der ihr König gefangen worden, zu vielen Ausschweifungen hingerissen wurden, denen jedoch Vieilleville mit zweihundert Mann Einhalt that, so viel er konnte. Kurz darauf wurde Vieilleville auf einer Galeere mit einem seiner Edelleute, Cornillon, der geschworen hatte, ihn niemals zu verlassen, vom Herrn von Monaco gefangen. Man setzte seine Auslieferung auf dreitausend und des Cornillon seine auf tausend Thaler und ließ ihm die Freiheit, diese Gelder zu holen; jedoch würde sein Gesellschafter auf Lebens lang in Ketten geschlagen werden, wenn er nicht in einer bestimmten Zeit wieder käme.

Vieilleville, der befürchtete, daß er wegen des langen Wegs und der Beitreibung des Geldes in der Zeit nicht würde einhalten können, nahm diesen Vorschlag nicht an und bat nur, daß man Lautrec von seiner Gefangennehmung unterrichten möchte; dieser schickte zwar das Geld zu seiner Auslieferung, allein da die Ranzion für seinen Gesellschafter nicht dabei war, so schickte Vieilleville sie wieder zurück und bat nur, daß man des Lösegelds wegen an seinen Vater schreiben möchte; denn er wollte lieber in der Gefangenschaft verschmachten, als Den verlassen, mit dem er sein Schicksal zu theilen versprochen hatte. Herr von Monaco bewunderte diese edle Weigerung, begnügte sich mit dem, was geschickt worden war, und gab Beiden die Freiheit. Kurze Zeit darauf nahm Vieilleville den Sohn eben dieses Herrn von Monaco gefangen und schickte ihn unentgeltlich zurück.

Zu der Zeit erneuerte Vieilleville die Bekanntschaft mit dem Neffen des großen Andreas Doria, Philipp Doria, der Kammerpage bei dem König gewesen, als er selbst bei der Regentin Edelknabe war. Vieilleville besuchte ihn eines Tages auf seinen Galeeren, deren er achte zum Dienste des Königs commandierte. Doria bot ihm eine seiner Galeeren an, und er wählte die, welche die Regentin hieß, wo er sogleich als Befehlshaber unter vielen Feierlichkeiten eingeführt wurde. Des Abends ging er wieder in das Lager, das ohngefähr zwei Meilen davon war; so ging es sechs bis sieben Tage fort, und alle vornehmen Officiere der Armee wurden da nach und nach bewirthet.

Moncade, Vicekönig von Neapel, dem es hinterbracht wurde, daß die Officiere und Soldaten dieser Galeeren des Nachts meist ins französische Lager gingen, ließ sechs Galeeren bewaffnen, um den Grafen Doria zu überfallen; allein man bekam Nachricht davon, und es gelang so wenig, daß bei dieser Expedition der Vicekönig selbst, der sich auf einer der Galeeren befand, getödtet wurde; zwei derselben wurden in Grund gebohrt und zwei andere genommen. Bei dieser Gelegenheit geschah es, daß Vieilleville, der auf der Regentin alles gethan hatte, was möglich war, so daß von fünfzig Soldaten nur noch zwölf am Leben blieben, zuletzt noch eine der Galeeren angreifen wollte, die nebst einer andern noch übrig geblieben war. Er enterte und stürzte sich mit seinen Soldaten hinein. Während er aber auf diesem Schiffe focht, machten sich die Matrosen von der Regentin los, zogen die Segel auf und gingen geradezu nach Neapel, wohin auch die andere Galeere schon während des Gefechts vorausgegangen war; Vieilleville, der seine meisten Soldaten verloren, mußte sich nun ergeben.

Als die erste spanische Galeere im Hafen ankam, ließ der Prinz von Oranien den Capitän und mehrere der Mannschaft hängen. Dieses erfuhr der Capitän der Galeere, auf der sich Vieilleville als Gefangener befand, und fürchtete sich, in den Hafen einzulaufen. Vieilleville benutzte diese Unentschlossenheit und beredete den Capitän, in des Königs Dienste zu treten, der es auch annahm und ihm nebst der ganzen Mannschaft den Eid der Treue ablegte.

Unterdessen hatte Graf Doria den ganzen Tag und die ganze Nacht seinen Freund Vieilleville unter den auf dem Wasser schwimmenden Körpern suchen lassen und war ganz trostlos über diesen Verlust. Um Nachricht von ihm einzuziehen, ließ er den Capitän Napoleon, einen Corsen, mit der Regentin auslaufen und in dieser Absicht nach Neapel segeln. Sie waren nicht weit gekommen, so entdeckten sie eine Galeere, die ihnen kaiserlich schien, doch sahen sie auf dem Mastbaum einen Matrosen mit einer weißen Flagge; bald darauf hörten sie auch Musik und Frankreich rufen. Vieilleville erkannte sogleich die Regentin, und die Freude des Wiedersehens war allgemein. Noch eine andere Galeere, die man ihm von Neapel aus nachgeschickt hatte, nahm er durch eine Kriegslist weg und kam, anstatt gefangen zu sein, als Herr von zwei Galeeren bei der Armee wieder an, wo er aber seinen Freund Doria nicht mehr antraf, der mit zwei Galeeren nach Frankreich geschickt worden war. Da die Belagerung von Neapel, die Lautrec unternommen hatte. sehr langsam von Statten ging, so nahm Vieilleville seinen Abschied, und dieses zu seinem Glücke; denn drei Monate darauf riß die Pest ein, welche die meisten Officiere der Armee dahinraffte.

Als er sich dem König bei seiner Zurückkunft vorstellte und ihn seiner jugendlichen Uebereilung wegen um Verzeihung bat, sagte ihm derselbe, daß schon alles verziehen sei, da besonders die Regentin nicht mehr lebe. Er befahl ihm, sich fleißig bei ihm einzufinden, und gab ihn dem Herzog von Orleans, seinem zweiten Sohne (der ihm unter dem Namen Heinrich II. auf dem Throne folgte), mit den Worten: »Er ist nicht älter als du, mein Sohn; aber siehe, was er schon gethan hat. Wenn ihn der Krieg nicht aufreibt, so wirst du ihn einst zum Marschall von Frankreich erheben.«

Einige Zeit darauf machte Karl V. Anstalt, in Frankreich einzufallen; der König zog deßhalb seine Armee bei Lyon zusammen. Das erste Geschäft war, sich Meister von Avignon zu machen, damit nicht die Kaiserlichen diesen Schlüssel der Provence besetzten. Nach langen Berathschlagungen wählte der König selbst den Herrn von Vieilleville, obgleich Viele wegen seiner großen Jugend dagegen waren. Er wurde mit sechstausend Mann Fußvolk ohne Artillerie dahin abgeschickt, um dem Kaiser zuvorzukommen.

Da er vor Avignon ankam und es verschlossen fand, verlangte er, mit dem Vice-Legaten sich zu unterreden, der sich auch auf der Mauer zeigte. Vieilleville bat ihn sehr dringend, herunterzukommen, da er ihm etwas Wichtiges zu seinem und der Stadt Wohl mitzutheilen hätte. Er selbst wollte bei dieser Unterredung nur die sechs Personen bei sich halben, die er um ihn sähe, der Legat hingegen könnte so viele Begleiter mit sich nehmen, als er nur wollte, wenn er Mißtrauen hegte. Jener kam an das Thor mit fünfzehn oder zwanzig Mann Begleitung und einigen der Vornehmsten der Stadt. Vieilleville versicherte ihm, daß er nicht in die Stadt begehre, daß ihn aber der König ersuche, einen Eid abzulegen, auch keine Kaiserlichen hineinzulassen, und deßhalb Geiseln zu stellen. Der Vice-Legat willigte in den ersten Punkt; Geiseln aber wollte er in keinem Fall stellen.

Von den sechs Soldaten, die mit Vieilleville waren, hatten vier den Capitänstitel, sie waren aber schlecht gekleidet; er bat daher, sie in die Stadt zu lassen, um sich zu montieren, Pulver zu kaufen und ihr Gewehr herzustellen, das denn auch gern erlaubt wurde. Ihr Plan war, sich unter die Thore zu stellen und zu verhindern, daß man die Fallrechen nicht herunterließe. Unterdessen kamen immer mehrere Soldaten nacheinander an, ohne daß der Vice-Legat, noch seine Leute es gewahr wurden, denn man zankte sich mit Fleiß wegen der Geiseln mit ihm herum. Es wurde gedroht, auf zwei Stunden weit alles um die Stadt herum zu verwüsten, wenn sie nicht gestellt würden. Da endlich Vieilleville sah, daß er stark genug war, gab er dem Vice-Legaten einen Stoß, daß er zur Erde stürzte, zog den Degen und drängte sich mit den Leuten, die da waren, in die Thore, wo er einige Schüsse auszuhalten hatte, wovon ihm zwei oder drei Leute getödtet wurden; sieben bis acht von den andern wurden erstochen.

Jetzt wollten die Einwohner von Avignon auf den Fallrechen zulaufen, hier aber standen die vier Soldaten, die sich sehr tapfer hielten und sie verhinderten, nahe zu kommen. Auf den Lärm der Flintenschüsse kamen dann tausend bis zwölfhundert Mann, die man über der Stadt bei Nacht in das Korn versteckt hatte, als Hinterhalt hervor und drangen mit dem größten Muth ein. Den übrigen Theil seines Corps hatte Vieilleville auch herbeigerufen, und nun kamen sie mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel an. Er nahm nun die Schlüssel der Thore, die zublieben, außer das Rhoner Thor gegen Villeneuve, welches schon französisch ist. Da sich Vieilleville nun durch diese Kriegslist Meister von der Stadt gemacht hatte, so fing er an, die Ordnung darin herzustellen und die Soldaten im Zaum zu halten, so daß keinem Einwohner, der sich ruhig verhielt, etwas zu Leide geschah und keine Frauenspersonen mißhandelt wurden. Doch kostete ihm dieses nicht wenig Mühe; er mußte sogar fünf bis sechs Soldaten und einen Capitän niederstoßen, der mit aller Gewalt plündern wollte. Der Connetable lagerte sich nun bei Avignon, und Vieilleville zog zum König zurück, den er in Tournon antraf, wo er mit großer Freude empfangen wurde. Als er vor dem König ankam, redete dieser ihn also an: »Nähert Euch, schönes Licht unter den Rittern! Sonne würde ich Euch nennen, wenn Ihr älter wäret, denn wenn Ihr so fortfahret, werdet Ihr über alle Andern leuchten. Pariert unterdessen den Streich von Eurem König, der Euch liebt und ehrt,« und schlug ihn so, indem er die Hand an den Degen legte, zum Ritter.

Nach dieser Zeit bat ihn Herr von Chateaubriand, sein Verwandter, der Gouverneur und Generallieutenant des Königs in Bretagne war, seine Compagnie von fünfzig Mann (Gendarmes) zu übernehmen, da sie sonst in Bretagne bleiben müßte und keine Gelegenheit hätte, sich zu zeigen. Er wollte zugleich zuwege bringen, daß er des Königs Lieutenant während seiner Abwesenheit in Bretagne sein sollte. Vieilleville übernahm zwar die Compagnie, allein die Lieutenantsstelle über die Provinz verbat er sich, da er Hoffnung habe, ein eignes Gouvernement zu erhalten.

Es scheint sonderbar, daß Vieilleville nicht eine Compagnie Gendarmes für sich selbst haben konnte; allein es war damals nicht so leicht, sie zu erhalten, und überdem verschmähte seine Delicatesse, dasjenige der Gunst zu verdanken, was er durch Verdienst zu erwerben hoffte. Zum Beweise dient die Antwort, die er dem König gab, als ihm dieser nach dem Tode des Herrn von Chateaubriand die Compagnie anbot: er habe, sagte er, noch nichts gethan, was einer solchen Ehre werth wäre; worauf der König sehr verwundert und fast erzürnt sagte: »Vieilleville, Ihr habt mich getäuscht, denn ich hätte geglaubt, Ihr würdet, wenn Ihr auf zweihundert Meilen weg gewesen wäret, Tag und Nacht gerennt sein, um sie zu begehren, und nun ich sie Euch von selbst gebe, so weiß ich doch nicht, was für eine günstigere Gelegenheit Ihr abwarten wollt.« »Den Tag einer Schlacht, Sire,« antwortete Vieilleville, »wenn Ew. Majestät sehen werden, daß ich sie verdiene. Nähme ich sie jetzt an, so könnten meine Kameraden diese Ehre lächerlich machen und sagen: ich habe sie nur als Verwandter des Herrn von Chateaubriand erhalten; lieber aber wollte ich mein Leben lassen, als durch etwas anders als mein Verdienst auch nur einen Grad höher steigen.«

Einige Stunden vor dem Tode Franz des Ersten ließ dieser Monarch, der sich noch der Verdienste Vieillevilles erinnerte, den Dauphin rufen, um ihm denselben zu empfehlen: »Ich weiß wohl, mein Sohn, du wirst St. André eher befördern, als Vieilleville; deine Neigung bestimmt dich dazu. Wenn du aber eine vernünftige Vergleichung zwischen beiden anstellen würdest, so beeiltest du dich nicht. Wenigstens bitte ich dich, wenn du sie auch nicht mit einander erhöhen willst, daß doch letzterer dem erstern bald folge.« Der Dauphin versprach es auch, jedoch nur mit dem Vorbehalt, dem St. André den Vorzug zu geben. Der König ließ sogleich Vieilleville rufen, reichte ihm die Hand und sagte ihm die Worte: »Ich kann bei der Schwäche, in der ich mich befinde, Euch nichts anders sagen, Vieilleville, als daß ich zu früh für Euch sterbe; aber hier ist mein Sohn, der mir verspricht, Euch nie zu vergessen. Sein Vater war nie undankbar, und noch jetzt will er, daß er Euch den zweiten Marschallsstab von Frankreich, der aufgeht, gebe, denn ich weiß wohl, wem der erste bestimmt ist. Aber ich bitte Gott, daß er ihn niemals Jemand gebe, als wer dessen so würdig ist, wie Ihr. Ist dies nicht auch deine Meinung, mein Sohn?« Ja, antwortete der Dauphin. Hierauf warf der König seinen Arm um Vieilleville; allen Dreien standen die Thränen im Auge. Kurz darauf ließen die Aerzte den Dauphin und alle Anderen hinausgehen, und bald darnach gab der König den Geist auf.

Jetzt war Heinrich, der vormalige Herzog von Orleans und nun durch den Tod seines ältern Bruders Dauphin von Frankreich, König, und schon nach sieben Tagen bekam Vieilleville den Auftrag, als Gesandter nach England zu gehen, um dem unmündigen Eduard und seinem Conseil neuerdings den Frieden zuzuschwören, welche Gesandtschaft er auch mit vieler Würde unternahm und zur größten Zufriedenheit ausführte.

Bald nach Beerdigung des alten Königs wurde der Proceß des Marschalls von Biez und seines Schwagers von Vervins, welche Boulogne an die Engländer ausgeliefert hatten, vorgenommen, letzterer zum Tod, ersterer aber zur Gefängnisstrafe und Verlust seiner Güter und Titel verdammt. Der König wollte Vieillevillen aus eigenem Antrieb von den hundert Lanzen, die der Marschall von Biez commandiert hatte, fünfzig geben; Vieilleville dankte aber sehr für diese Gnade, weil er nicht der Nachfolger eines solchen Mannes sein wollte. »Und warum nicht?« fragte ihn der König. – »Sire,« antwortete Vieilleville, »es würde mir sein, als wenn ich die Wittwe eines verurtheilten Verbrechers geheirathet hätte. Auch hat es mit meiner Beförderung keine Eile; denn ich weiß, daß Ew. Majestät gleich nach Ihrem feierlichen Einzug in Paris beschlossen haben, Boulogne den Engländern wieder wegzunehmen. Vielleicht bleibt dabei ein Capitän, ein Mann von Ehre, dessen Platz Sie mir geben werden, oder bleibe ich selbst; denn um meinem König zu dienen, werde ich mich nicht schonen, und dann bedarf ich keiner Compagnie mehr.« Dieses geschah in Gegenwart des Marschalls von St. André. Der König redete ihm noch sehr zu, allein Vieilleville blieb bei seiner Antwort. »Lieber will ich des Marschalls, der hier ist, Lieutenant sein, als die Compagnie des Herrn von Biez, eines Verräthers, haben.«

Der Marschall von St. André, der vorher schon gegen den König denselben Wunsch geäußert hatte, war äußerst froh über diese Erklärung. »Erinnert Euch, mein bester Freund, dieser Rede, wobei Ihr den König zum Zeugen habt.« Vieilleville sah sich jetzt gezwungen, die Lieutenantsstelle anzunehmen; wiewohl er den Vorschlag in keiner andern Absicht gethan hatte, als um jenes erste Anerbieten abzulehnen.

Diese Compagnie Gendarmes war von dem Vater des Marschalls sehr nachlässig zusammengesetzt worden. Sie bestand größtenteils aus den Söhnen der Gastgeber und Schenkwirthe, und da die Schilde an diesen Wirthshäusern gewöhnlich Heilige vorstellten, so benannte sich dieses Volk nach diesen Heiligen. Daher war diese Compagnie in ganz Lyon zum Gelächter. Einige dankten Gott, daß er eine Compagnie Heilige aus dem Paradies geschickt habe, sie zu bewachen; andere nannten sie die Gendarmes der Litanei. So fand man auch in der ganzen Compagnie nicht fünfzig Dienstpferde. Daher kam es auch, und besonders aus der Gunst, in der ihr Chef stand, daß sie nie zur Armee stießen; es hieß immer, sie wären dem Gouverneur unentbehrlich, um eine so große Stadt, wie Lyon, im Zaum zu halten. Bei der Musterung entlehnten diese Leute die ihnen nöthigen Pferde und Armaturstücke, und so dauerte diese Unordnung neun bis zehn Jahre, bis der alte St. André starb und nun sein Sohn sie bekam, der sie denn auch so ließ, weil er ihre Schande nicht aufdecken wollte. Eben deßwegen aber war es ihm lieb, Vieillevillen zu seinem Lieutenant zu haben, da er ihn als einen strengen und unerbittlichen Mann im Punkt der Zucht und der Ehre kannte.

Vieilleville hatte diese Compagnie nach Clermont in Auvergne beordert, damit sie nicht so leicht Waffen und Pferde entlehnen könnte. Hier erschien er nun mit sechzig bis achtzig braven Edelleuten aus den besten Häusern von Bretagne, Anjou und Maine, die meistens den Krieg in Piemont mitgemacht hatten. Kaum war er angekommen, so überreichte man ihm eine Liste von dreißig bis vierzig, die vermöge eines Attestats vom Doktor zurückgeblieben waren, die er denn sogleich aus der Compagnie ausstrich. Ebenso machte er es mit dem Volk der Pächter, Kammerdiener u. dgl., die auf vornehmer Herren und Frauen Gunst in die Compagnie waren angenommen worden. Die Uebrigen, die noch in den Reihen standen, ließ er zu Pferd manövrieren, und da sie gar nichts verstanden, so gaben sie den alten Soldaten viel zu lachen. Er schickte sie daher auch sogleich in ihre Wirthshäuser zurück, um den Gästen dort aufzuwarten, mit dem Bedeuten, daß unter die Gendarmes nur Edelleute gehörten. Einige von ihnen murrten zwar darüber und bedienten sich ungezogener Ausdrücke; wie aber die Edelleute mit dem Stock über sie herfielen, so nahmen die Andern Reißaus zu großer Belustigung der Gesellschaft. Und so entledigte sich Vieilleville dieses Gesindels, das zum Dienst des Königs nie einen Sporn angelegt hatte, und besetzte die Plätze mit guten Edelleuten, die auf Ehre hielten und sich mit Anstand ausrüsten konnten. Jetzt ließen sich auch noch viele andere Edelleute aus Gascogne, Perigord und Limosin einschreiben, die vorher unter dem Auswurf nicht hatten dienen wollen, so daß diese Compagnie bei der nächsten Musterung auf fünfhundert Pferde sich belief und eine der besten der ganzen Gendarmerie wurde.

Einige Zeit darauf begleitete Vieilleville den König durch Bourgogne nach Savoyen, wo überall in den großen Städten ein feierlicher Einzug gehalten wurde. Als sie nach St. Jean de Maurienne kamen, wo ein Bischof residiert, bat dieser den König, diese Stadt mit einem Einzug zu beehren, und versprach dabei, ihm ein Fest zu geben, wie er es noch nie gesehen. Der König, neugierig auf diese neue Festlichkeit, gestand es zu und zog den andern Morgen feierlich ein. Kaum war er zweihundert Schritte durch das Thor, als sich eine Compagnie von hundert Mann zeigte, die vom Kopf bis auf den Fuß wie Bären gekleidet waren, und dieses so natürlich, daß man sie für wirkliche Bären halten mußte. Sie kamen schnell auf einer Straße heraus mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen, den Spieß auf der Schulter, nahmen den König in die Mitte, und so bis hin zur Kirche, zum großen Gelächter des ganzen Hofes. Eben so führten sie den König bis zu seiner Wohnung, vor welcher sie viele tausend Bärensprünge und Possen machten; sie kletterten wie Bären an den Häusern, an den Säulen und Bogengängen hinauf und erhuben ein Geschrei, das ganz natürlich dem Brummen der Bären glich. Da sie sahen, daß dem König dieses gefiel, versammelten sie sich alle Hundert und fingen ein solches entsetzliches Hurrah an, daß die Pferde, welche unten vor dem Hause mit der Dienerschaft hielten, scheu wurden und über alles hinrennten, welches den Spaß sehr vermehrte, obgleich viele Leute dabei verwundet wurden. Demungeachtet machten sie noch einen Rundtanz, wo die Schweizer sich auch darein mischten.

Von da ging der König über den Berg Cenis nach Piemont, wo sein Vater Franz I. schon den Prinzen von Melfi zum Vicekönig eingesetzt hatte. Dieser Prinz, als er dem König entgegen gegangen war, erzeigte Vieillevillen besondere Ehre, so daß er ihm selbst Quartier in Turin machte und die Leute des Connetable von Montmorency auf mehreren Wohnungen, die sie bestellt hatten, herauswerfen ließ, um sie für Vieilleville aufzubewahren, welches der Connetable sehr übel aufnahm und dem Prinzen merken ließ, daß es dem Reisemarschall zustände, Jeden nach seinem Rang zu logieren. Hierauf sagte ihm der Prinz: »Herr, wir sind über den Bergen hüben – wenn Sie drüben sind, befehlen Sie in Frankreich, wie Sie wollen und selbst durch den Stock; hier aber ist es anders, und ich bitte mir aus, keine Anordnung zu machen, die nicht befolgt werden würde.« Der Prinz ging in seiner Achtung gegen Vieilleville so weit, daß er oft die Parole bei ihm abholen ließ, und gab nie zu, daß die, welche der Connetable für die Haustruppen des Königs gab, allgemein gelten sollte. Vieilleville, als feiner Hofmann, machte jedoch so wenig als möglich Gebrauch von diesen Auszeichnungen, um die andern Großen nicht aufzubringen. Es wendete sich alles nur an ihn, um Befehle im Dienst des Königs zu erhalten. Bei seinem Aufstehen und Niederlegen waren alle Capitäns zugegen; er hielt aber auch offene Tafel, und diese war so reich besetzt, daß die Tafel des Prinzen von Melfi sehr mager dagegen aussah.

Unterdessen bekam der König Nachricht, daß ein Aufstand in Guyenne ausgebrochen und man zu Bourdeaux den Gouverneur und andere beim Salzwesen angestellte Offiziere umgebracht hatte. Der Connetable stellte dem König vor, daß dieses Volk immer rebellisch sei, und daß man die Einwohner dieser Gegend gänzlich ausrotten müsse. Er bot sich auch selbst an, dieses ins Werk zu richten. Der König schickte ihn zwar dahin ab, befahl aber doch, nur die Schuldigen nach der Strenge zu bestrafen und gute Mannszucht zu halten. Auch gab er ihm den Herzog von Anmale mit, den Vieilleville begleitete. Der Volksaufstand hatte sich bei Annäherung der Truppen bald zerstreut, so daß der Connetable ganz ruhig in Bourdeaux einziehen konnte, wo er binnen eines Monats gegen hundert und vierzig Personen durch die schmerzhaftesten Todesarten hinrichten ließ. Besonders wurden die drei Rebellen, welche die königlichen Officiere ins Wasser geworfen hatten, mit den Worten: »Geht, ihr Herren, und salzet die Fische in der Charente!« auf eine sehr schreckliche Art gerädert und dann verbrannt, mit den Worten in der Sentenz: »Gehe hin, Canaille, und brate die Fische der Charente, die du mit den Körpern von deines Königs Dienern gesalzen hast.«

Auf dem ganzen Weg nach Bourdeaux hatte Vieilleville die Compagnie des Marschalls von St. André, deren Lieutenant er war, geführt und dabei so gute Mannszucht gehalten, daß alles wie im Wirthshaus bezahlt wurde. Er stieg sogar nicht eher zu Pferde, bis seine Wirthe ihm geschworen hatten, daß sie alles richtig erhalten. Als er mit dieser Compagnie in ein großes Dorf drei Stunden von Bourdeaux kam, fanden seine Reitknechte unter dem Heu und Stroh eine große Anzahl sehr schöner Piken, Feuerröhren, Pickelhauben, Cuirasse, Helme, Schilde und Hellebarden versteckt. Der Wirth, den er darüber unter vier Augen zur Rede setzte, antwortete mit Angst und Zittern, daß seine Nachbarn diese Waffen hieher versteckt hätten, weil sie wohl wüßten, daß er ein unschuldiger Mann sei. Und weil ich, setzte er hinzu, in den zwei Tagen, so Ihr bei mir seid, von Niemand nur ein hartes Wort erhalten, so will ich Euch noch mehr sagen, daß fünf und dreißig Koffer und Kisten von verschiedenen Edelleuten, die sich in ihrem Haus nicht sicher glaubten, hieher gebracht worden, die ich habe einmauern lassen, weil es bekannt ist, daß ich nie mit diesem Unwesen etwas zu thun gehabt; ich bitte Euch aber, gnädiger Herr, haltet darüber, daß weder sie noch ich Schaden leiden. Vieilleville, der wohl sah, daß er unschuldig, aber ein armer Tropf sei, befahl ihm, Niemand etwas davon zu entdecken, die Waffen aber öffentlich in eine Scheune zu verschließen, und stellte ihm ein Zeugniß aus, daß er selbst sie erkauft und bezahlt habe und abholen lassen würde. Er sollte sich nur an ihn wenden, wenn man Gewalt brauchen wollte. Gerührt von dieser menschlichen Behandlung, wollte dieser Mann, der das Leben verwirkt zu haben glaubte, ihn fast anbeten und bat auf den Knieen, wenigstens die Waffen anzunehmen, besonders die Piken, die ganz neu und sehr schön wären. Allein Vieilleville wurde aufgebracht und befahl ihm, wenn er nicht der Gerechtigkeit überliefert sein wollte, zu schweigen.

In einem Dorfe, eine Stunde von Bourdeaux, blieb die Compagnie in Garnison, er selbst aber nahm seine Wohnung in Bourdeaux bei einem Parlamentsrath Valvyn. Dieser kam ihm gleich entgegen und schätzte sich glücklich, einen Mann von solcher Denkungsart und Ansehen in seinem Haus zu haben, und desto mehr, da er auf falsche Anklagen von dem Connetable sehr gedrückt, ja sogar Hausgefangener sei. Vieilleville sicherte ihm allen Beistand zu und versprach, seine Sache zu vertheidigen. Kaum war er in den Saal getreten, so erschien auch die Frau von Valvyn mit zwei Töchtern von außerordentlicher Schönheit. Sie war noch ganz verwirrt von einem Schrecken, den sie in der vorigen Nacht gehabt, da man in dem Hause ihrer Schwester, der Wittwe eines Parlamentsraths, einbrechen wollen; sie hatte deßwegen ihre zwei Nichten hieher geflüchtet und empfahl ihm die Ehre dieser vier Mädchen auf das dringendste. Sie warf sich vor ihm auf die Kniee, allein Vieilleville hob sie auf und sagte ihr, daß er auch Töchter habe. Er würde eher das Leben, als ihnen etwas Leides geschehen lassen. Da sich die Mutter so getröstet sah, fing sie nunmehr an zu erzählen, daß die Leute des Herrn, der bei ihrer Schwester wohnte und Graf Sancerre hieß, und besonders ein junger Edelmann die Thüre in der Mädchen Kammer habe eintreten wollen, daß die Mädchen aber zum Fenster hinaus auf das Reisig gesprungen seien und sich hieher geflüchtet hätten. Vieilleville fragte sie, ob es nicht der Bastard von Beuil sei? – So heißt er, sagten sie. – »Nun da muß man sich nicht wundern,« versetzte Vieilleville, »bei dem Sohn einer H . . . . ist für Mädchen von Ehre in dergleichen Dingen nie Friede, noch Sicherheit; denn es verdrießt ihn, daß nicht alle Weiber seiner Mutter gleichen.« Indem kam auch die Wittwe an und klagte, daß der Bastard sie mißhandelt und von ihr verlangt habe, die Mädchen ihm auszuliefern. Nach dem Essen ging Vieilleville zum Connetable, wo er Sancerre das üble Betragen seines angenommenen Sohnes vorstellte. Der Graf von Sancerre, um des Vieilleville Hauswirth zu besänftigen, ging mit ihm zum Abendessen nach Hause, wo er selbst seine Entschuldigung machte und sie für die Zukunft sicher zu stellen suchte; allein sie trauten auch ihm nicht und kamen, so lang die Armee in Bourdeaux war, nicht mehr aus ihrer Freistatt. Sie ersparten sich dadurch viele Unannehmlichkeiten und Schande, die den andere Bürgern widerfuhr, denn alle Einwohner der Stadt, ohne Ausnahme des Geschlechts, mußten auf den Knieen Abbitte thun, allein die Familie Valvyn blieb davon weg, obgleich der Connetable Vieillevillen erinnern ließ, sie nicht zurückzuhalten, worauf dieser aber ganz erzürnt sich erklärte, wenn man seine Hausleute zu dieser schimpflichen Abbitte zwingen wollte, so werde er selbst mit ihnen kommen; er versichere aber, daß kein geringer Lärm darüber entstehen sollte.

Es geschah öfters, daß von den Compagnieen, die auf dem Dorfe lagen, mehrere Soldaten nach Bourdeaux kamen, um sich Bedürfnisse einzukaufen, oder auch um die Hinrichtungen mit anzusehen. Einer von den Gendarmen und zwei Bogenschützen machten sich dieses zu Nutze und meldeten dem Pfarrer ihres Dorfes, zwei von Denen, die sie hätten hängen sehen, hätten ausgesagt, daß er mit ihnen die Sturmglocke in seiner Kirche geläutet habe. Sie hätten daher den Auftrag, ihn gefangen zu nehmen, würden ihn aber entwischen lassen, wenn er ihnen eine schöne Summe gäbe. Der arme Pfarrer, der sich nicht ganz schuldlos fühlte, versprach ihnen achthundert Thaler; aber auch hiermit noch nicht zufrieden, erpreßten sie von ihm, den Dolch an der Kehle, das Geständniß, wo er die reichen Gerätschaften der Kirche hinversteckt hätte. Die Furcht vor dem Tod ließ ihn alles gestehen. Sie banden ihn darauf in einer entfernten Stube fest und beschlossen, wenn sie ihren Schatz in Sicherheit gebracht haben würden, ihn umzubringen. Allein der Neffe des Pfarrers lief nach Bourdeaux, Vieillevillen davon zu benachrichtigen, der sich sogleich zu Pferde setzte und, ohne daß die Bösewichter etwas davon merkten, in der Pfarrwohnung abstieg, eben da sie mit drei reich beladnen Pferden daraus abziehen wollten. Den ersten, der ihm vorkam, stieß er sogleich im Zorn nieder mit den Worten: »Nichtswürdiger, was? Sind wir Ketzer, daß wir auf die Priester losgehen und Kirchen bestehlen?« Die andern zwei wurden von ihren Kameraden selbst getödtet, damit die Compagnie nicht beschimpft würde, wenn sie am Galgen stürben. Den Pfarrer fand man gebunden und zwei Knechte bei ihm, die ihm das Messer an der Kehle hielten, daß er nicht schreien sollte. Er warf sich vor Vieillevillen nieder und dankte für sein Leben und die Wiedererstattung seines Vermögens; dieser befahl ihm, die drei Todten zu begraben und eine Messe für ihre Seele zu lesen.

Nachdem nun der Connetable in dieser Stadt ein schreckliches Beispiel seiner Strenge in der Bestrafung der Aufrührer gegeben, ließ er die Armee auseinander gehen; die stehen bleibende Compagnie aber wurde von ihm gemustert. Im Scherze sagte er zu Vieilleville, daß er selbst der Commissär bei seiner Compagnie sein würde, denn er hätte vernommen, daß die Compagnie des Marschalls von St. André nicht vollzählig noch equipiert sei, hinreichende Dienste zu thun, und daß er wohl wüßte, wie nur zwanzig Dienstpferde darinnen wären. Vieilleville bat ihn darauf ganz bescheiden, bei der Verabschiedung seine Compagnie nicht zu schonen, wenn er sie so befände. Aber er solle wohl Acht haben, daß, wenn er ihm selbst die Ehre anthun wollte, seine Compagnie zu mustern, es ihm nicht gehe, wie den andern Commissären. Und wie denn? fragte ihn der Connetable, der sich vorstellte, es geschehe ihnen etwas Unangenehmes. Ich behalte Sie zum Mittagsessen, antwortete Vieilleville. Auch fand der Connetable bei der Musterung zu großer Bewunderung aller Anwesenden diese Compagnie in vortrefflichem Stande. Sie nahm ein großes Feld ein und schien über sechshundert Pferde stark, denn er hatte die Reitknechte, so die Handpferde ihrer Herren ritten, in einiger Entfernung neben der Compagnie stellen lassen und nicht hinter ihnen, wie es sonst gewöhnlich. Er selbst kam dem Connetable und allen Großen, die ihn begleiteten, auf einem prächtigen Apfelschimmel, der auf zweitausend Thaler geschätzt wurde, vor der Compagnie entgegen und zeigte da, wie er sein Pferd wohl zu reiten verstünde. Er gab hierauf dem Connetable und allen diesen Herren in einem Feld neben dem Dorf ein vortreffliches Gastmahl unter Hütten, die er auf Zweigen hatte sehr artig aufrichten lassen.

Von Bourdeaux aus führte er seine Compagnie in ihre gewöhnliche Garnison nach Xaintonge und ging sodann nach Hause, wo die Heirath des jungen Marquis von Espinay mit seiner Tochter vollzogen wurde, bei welcher Gelegenheit eine unzählige Menge Fremder sich einfand, die alle auf das beste und kostbarste bewirthet wurden. Auch schlichtete er mehr als zehn Ehrenhändel, die zwischen braven und tapfern Edelleuten und Officieren in der Nachbarschaft entstanden waren, und ob er sie gleich sehr verwirrt fand, so wußte er sie doch, vermöge der großen Fertigkeit, die er im Umgang mit so vielen Nationen und seit so langen Jahren erhalten, sehr wohl auseinander zu setzen und auszugleichen, so daß man in dieser Art Händel sich von allen Seiten an ihn wendete, sogar die Marschälle von Frankreich, die das oberste Gericht über die Ehre des französischen Adels ausmachten.

Kaum acht Tage nach der Hochzeit wurde Vieilleville nach Hofe beordert, wohin er auch gleich den jungen Espinay mit sich nahm, denn er sollte keine Gelegenheit versäumen, sich zu zeigen, und er vermuthete, daß man den Engländern, gleich nach dem Einzug des Königs, Boulogne wieder nehmen würde. Eines Tages kam der Schwager des Marschalls von St. André, d'Apechon, nebst den Herren von Sennecterre, Biron, Forguel und La Roue zu ihm und überbrachten ein Brevet, vom König unterzeichnet, worin ihm und den Ueberbringern dieses das confiscierte Vermögen aller Lutheraner in Guyenne, Limosin, Quercy, Perigord, Xaintonge und Aulnys geschenkt wurde. Sie hatten ihn vorgeschoben, um desto gewisser dieses beträchtliche Geschenk, das nach Abrechnung aller Kosten der Erhebung Jedem zwanzigtausend Thaler tragen konnte, zu erhalten. Vieilleville dankte ihnen dafür, daß sie bei dieser Gelegenheit an ihn gedacht hätten, erklärte aber, daß er sich durch ein so gehässiges und trauriges Mittel nie bereichern würde; denn es wäre nur darauf abgesehen, das arme Volk zu plagen und durch falsche Anklagen so manche gute Familie zu ruinieren. Es wäre ja kaum der Connetable aus diesem Land mit seiner großen Armee, die schon so viel Schaden angerichtet; auch hielte er es unter seiner Würde und gegen alle christliche Pflicht, die armen Unterthanen des Königs noch mehr ins Unglück zu bringen, und eher würde er sein Vermögen dazu verlieren, als daß sein Name bei diesen Confiscationen in den Gerichten herumgezogen würde. – »Denn,« setzte er hinzu, »wir würden in allen Parlamentern einregistriert werden und den Ruf als Volksfresser verdienen; für zwanzigtausend Thaler den Fluch so vieler Weiber, Mädchen und Kinder, die im Spital sterben müssen, auf sich zu laden, heißt sich zu wohlfeil in die Hölle stürzen. Ueberdem würden wir alle Gerichtspersonen, in deren Prosit wir greifen, zu Gegnern und Todfeinden haben.« Er zog darauf seinen Dolch und durchlöcherte das Brevet, worauf sein Name stand; eben dieses that nun auch d'Apechon, der ganz schamroth worden war, und Biron; sie gingen alle Drei davon und ließen das Papier auf der Erde liegen. Die Andern aber, welche schon gar zu sehr auf diesen Prosit gezählt hatten, waren sehr unwillig über die Gewissenhaftigkeit Vieillevilles, hoben das Brevet auf und zerrissen es unter großen Flüchen in tausend Stücke.

Kurz darauf wurde Boulogne von dem König belagert, wobei denn auch Vieilleville und sein Schwiegersohn Espinay zugegen waren. Eines Tages fiel ihm ein, daß, wie er in England Gesandter gewesen, der Herzog von Somerset ihm einige Stichelreden über die Bravour der Franzosen gegeben hatte. Vieilleville bat daher den Herrn von Espinay, sich in seine beste Rüstung zu werfen, wie an dem Tag einer Schlacht. Eben so zog er selbst sich an, nahm noch drei Edelleute mit und ritt mit diesem Gefolge ganz in der Stille vor die Thore von Boulogne. Der Trompeter blies, und man verlangte zu wissen, was er wollte? Er fragte, ob der Herzog von Somerset in dem Platz sei? – Vieilleville wäre hier und wollte eine Lanze brechen. Es wurde ihm geantwortet, daß der Herzog krank in London liege, obgleich es allgemein hieß, daß er in Boulogne sei. Er fragte darauf, ob nicht ein anderer tapferer Ritter von Rang auf den Platz kommen wollte; allein es zeigte sich Niemand. »Wenigstens,« sagte er, »wird doch vielleicht ein Sohn eines Mylords sich finden, der mit einem jungen Herrn aus Bretagne, Espinay, der noch nicht zwanzig Jahre hat, sich messen will. Er komme, damit wir nicht ins Lager wieder zurückkommen, ohne uns gemessen zu haben; denn es geht um die Ehre eurer Nation, wenn sich Niemand zeigt.« Endlich zeigte sich der Sohn des Mylord Dudley auf einem schönen spanischen Pferd mit einem prächtigen Gefolge. Sobald ihn einer von Vieillevilles Gefolge gesehen hatte, sagte dieser zu Espinay: »Dieser Mylord ist Euer; seht Ihr nicht, wie er auf englische Art reitet, er berührt ja fast den Sattelknopf mit seinen Knieen. Sitzet nur fest und senkt Eure Lanze nicht eher, als drei oder vier Schritte vor ihm, denn wenn Ihr sie schon von weitem herunterlaßt, sinkt die Spitze, Ihr verliert den Augenpunkt, denn das Auge wird von dem Visier geblendet.« Es wurde darauf der Vertrag von beiden Seiten gemacht, daß, wer seinen Feind zur Erde wärfe, ihn nebst Pferd und Rüstung gefangen wegführen sollte.

Jetzt ritten sie jeder an seinen Platz, legten die Lanze ein und stießen auf einander; der Engländer stürzte und ließ seine Lanze fallen, die vorbeigegangen war. Espinay hatte ihm einen so starken Stoß in die Seite gegeben, daß die Lanze brach. Sogleich springt Tailladé, einer aus Espinays Gefolge, vom Pferd und schwingt sich auf Dudleys spanisches Roß; die andern heben diesen von der Erde, der Trompeter bläst Victoria, und nun eilen sie mit ihrem Gefangenen dem Lager zu und verlassen in ziemlicher Verwirrung die Engländer.

Der König hatte indessen schon Nachricht davon erhalten und zog ihnen mit vielen Großen entgegen. Kaum hatten sie ihn erblickt, so fliegen sie vom Pferd, und Espinay stellte seinen Gefangenen vor und übergab ihn dem König; dieser, indem er ihn wieder zurückgab, zog seinen Degen und schlug ihn zum Ritter.

Bald darauf nöthigte ein erschrecklicher Sturm den König, das Lager von Boulogne aufzuheben und seine Armee zurückzuziehen. Der junge Dudley bat jetzt, da sie weiter ins Land kamen, den Herrn von Espinay, seine Ranzion zu bestimmen; er könne nicht weiter und habe dringende Geschäfte in England. Einer von seinen Leuten nahm den Letztern auf die Seite und sagte ihm, daß Dudley in die Tochter des Grafen von Bedfort verliebt und auch alles in Richtigkeit sei, sie zu heirathen. Als Espinay dieses hörte, sagte er ihm, daß er gehen könne, wenn es ihm beliebe; er verlange nur von ihm, des Hauses Espinay eingedenk zu sein, die nicht in Krieg ziehen, um reich zu werden, denn sie hätten schon genug, sondern um Ehre zu erwerben und den alten Ruhm ihrer Familie zu befestigen. Doch wolle er gerne von ihm vier der schönsten englischen Stuten annehmen; eine Großmuth, über welche Dudley nicht wenig verwundert war.

Die deutschen Fürsten beschlossen zu Augsburg, eine Gesandtschaft nach Frankreich zu schicken, um den König zu bewegen, ihnen gegen den Kaiser (Karl V.) beizustehen, der einige Fürsten hart gefangen hielt und sie schmählich behandelte. Die Gesandtschaft bestand aus dem Herzog von Simmern, dem Grafen von Nassau, dessen Sohn, dem nachher so berühmten Prinzen Wilhelm von Oranien, und andern vornehmen Herren und Gelehrten. Man schickte ihnen bis St. Dizier entgegen und verschaffte ihnen alle Bequemlichkeiten nach ihrer Art; denn sie reisten nur fünf, sechs Stunden des Tages, und zwar vor der Mittagsmahlzeit, bei der sie dann immer bis neun oder zehn Uhr des Nachts sitzen blieben; während dieser Zeit durfte man ihnen nicht mit Geschäften kommen. Sie hatten auch mit Fleiß diese Route gewählt, um sich recht satt zu trinken, denn von St. Dizier bis Fontainebleau kommt man durch die besten Weingegenden von Frankreich.

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