Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Den Spott zum Schaden

: Den Spott zum Schaden - Kapitel 15
Quellenangabe
typefarce
authorverschiedene
titleDen Spott zum Schaden
editorSiegfried Arnim Neumann
publisherVEB Hirnstorff Verlag Rostock
senderhille@abc.de
created20071118
Schließen

Navigation:

Bartholomäus Krüger

Hans Clauert
1587

Wie Clauert drei Studenten gen Berlin führet

Einsmals kamen drei Studenten gen Trebbin ins Wirtshaus zu Peter Müller, die begehrten einen Fuhrmann bis gen Berlin, wie denn dieselben Gesellen nicht gern weit zu Fuße gehen. – Zu denen saget Peter Müller, daß er für solche Leute gar einen bequemen Fuhrmann wüßte, der sie gar sanft führen möchte, und schickte nach Clauert.

Der kam alsbald gegangen. Demselben tranken sie zu vollen und zu halben zu, der Meinung, daß er desto geringem Lohn von ihnen fordern sollte. Clauert trank so viel, daß er genug hatte, wünschet den Studenten ein gute Nacht und verhieß, sie des Morgens gen Berlin zu führen, darauf sie ihm einen halben Taler gaben.

Clauert richtet einen Wagen zu und kam des andern Tages mit einem lahmen und magern Pferde vor die Herberg gezogen, ging hinein und fraget, ob sie aufsitzen wollten. Die Studenten hatten sich zur Fahrt bereitet und vermeineten, bald gen Berlin zu kommen.

Da sagte Clauert: »Liebe Freunde, ich will euch gern führen, aber das will ich mich vorbehalten haben, daß ihr die Berge hinangehn, auch von den Bergen hinablaufen, und wo der Weg gleich und eben ist, beiherspazieren sollt, sonsten vermocht ich mit meinem Pferd dahin nicht zu kommen.«

Die Studenten wurden unwillig, da sie sahen, daß sie betrogen waren, und begehreten, Clauert sollte die Zeche bezahlen und ihnen ihr Geld wieder zustellen.

Clauert sagte: »Ich habe euch nicht gebeten, daß ihr mir sollet zu trinken geben, dazu so hat mein Pferd diese Nacht den halben Taler an Haber verzehret, da es doch sein Leben lang wohl keinen Haber gekostet hatte. Wollt ihr nun nicht fahren, so mögt ihr zu Fuße laufen, ich hätte euch sonsten gar gern geführet, so es euch gefällig wäre gewesen.«

Die Studenten durften vor Scham nicht länger harren, bezahleten den Wirt und ritten auf ihrer Mutter Füllen gen Berlin.

(128)

Wie dauert den Bauren von Sperenberg Wein holete

Auf eine Zeit begab sich's, daß ein Zimmermann, Heinrich Medeborch, zu Sperenberg bürtig, sich gen Trebbin begab. Und als er daselbst Hochzeit machte, hat er die Bauren von Sperenberg fast alle zur Hochzeit geladen, welche des andern Tages beim Frühmahl den neuen Wein gern gekostet hätten, wie es denn eben um Martini war. Derhalben sie acht märkische Groschen zum Wein aufbrachten, bei welchen dauert auch war, denn er sie desselben Tags auf sieben Schüsseln zu Gaste geladen hatte, auf drei ledige und in vieren nichts, allda sie auch schon gewesen und in den sieben Schüsseln, nichts gefunden.

Mit denen war Clauert wiederum zur Hochzeit gangen und erbot sich, den Bauren für ihr aufgebrachtes Geld Wein zu holen, dem die albern Leute Glauben gaben, da sie doch zuvor sein Abenteuer erfahren hatten, indem sie bei ihm zu Gaste gewesen und aus ledigen Schüsseln hatten essen sollen.

Als Clauert das Geld bekam, nahm er zwo große zinnern Kandeln, füllet sie mit Wasser und bestellet einen bekannten Freund, der ihm ein Bein stellen sollte, wenn er zur Tür hineingehen würde, damit er Ursach zu fallen hätte. Alsdann sie beide das Geld vertrinken wollten, wie es geschah. Denn da Clauert zur Stubentür hineingehet, hält ihm der ander ein Fuß vor, darüber Clauert mit den beiden Kandeln in die Stuben hineinfiel und goß das Wasser so rein heraus, daß nicht ein Tropfen in den Kandeln blieb. Wischt doch eilends wieder auf und fiel dem andern in die Haar, warfen einander nieder und stelleten sich, ob's lauter Ernst gewesen wäre.

Die Bauren liefen alle hinzu, brachten sie beide voneinander und baten, sie möchten nur Friede halten, das Geld wollten sie gern vergessen. Die beiden gingen im Zorn weg, jedoch nicht weiter, als da der Weinkranz ausgesteckt war, und vertranken die acht Groschen. Wollten nun die Bauren den Wein kosten, so mußten sie wieder zu Beutel fahren und ander Geld aufbringen.

(129)

Wie Clauert von einer Magd betrogen ward

Wenn Clauert so viel Geld verdienet oder bisweilen geborget hatte, daß er etliche Haupt Vieh bezahlen konnte, so blieb er nicht gerne zu Haus, sondern zog seinem Handel nach, Vieh zu kaufen, und trieb's dann auf die fürnehmsten Jahrmärkte, da er's nach Vorteil einzulösen wußte.

Wie er denn auch einmal auf Bartholomäi mit Vieh gen Zerbst kam und, demnach er's gut verkauft, auch einen guten Rausch von Zerbster Bier zu sich genommen hatte und über den Gewinn, so er an dem Vieh gehabt, sehr fröhlich war, beginnt ihn auch der Kitzel zu stechen, vergißt seine alte Margareta und gedenkt an das Sprichwort: Varietas delectat (wie der Teufel sagte, da er die Buttermilch mit einer Mistgabel aß). Ging hin zu des Wirtes Magd, vermeinet sie gar höflich anzusprechen und sagt: »Junges Mensch, wollt Ihr mich nicht einmal auf Euer Hemd knien lassen, Ihr sollt eine Tasche für einen halben Taler zu Lohn bekommen.«

Die Magd bedacht sich bald und sagt: »Wenn Ihr den Jahrmarkt bringen werdet, so kann es vielleicht wohl geschehen.«

Clauert ging hin und kaufte die Tasche und fraget noch einmal, ob er seiner Bitte sollte gewähret sein.

Die Magd antwortet, da sie den Jahrmarkt sah: »Ja, wenn mein Herr und Frau ist schlafen gangen, so will ich Euch wohl rufen.«

Clauert war der Antwort sehr froh, ließ sich Bier auftragen und gedachte der Stunden mit Freuden zu erwarten. – Da nun der Wirt, die Frau und alle anderen Gäste im Hause zu Bette waren, zog Clauert die Tasche hervor und gab sie der Magd mit freundlicher Bitte, sie möcht ihm halten, was sie zugesagt hätte.

Die Magd nahm dauert bei der Hand und führet ihn ohne Licht im Finstern mit sich auf den Boden, mit Verwarnung, daß er ja heimlich und doch nicht weiter gehen sollte, als sie ihn führen würde, damit ihr Herr und Frau solches nicht hörten.

Clauert folget also der Magd in aller Furcht bis vor ihre Schlafkammer. Da hieß sie ihn stille stehen; sie wollt erforschen, ob ihr Herr und Frau auch entschlafen wären, daß sie beide nicht in Unglück kämen. Solches gefiel dauert wohl, und indem er also wartet, zeucht die Magd ihre Kleider aus und nimmt letztlich das Hemde, wirft's Clauert vor die Kammertür heraus und spricht: »Da habt Ihr mein Hemde nach Eurer Bitte! Darauf mögt Ihr nun knien, solange es Euch gefallen wird.« Und schließt damit ihre Kammer zu.

In was großen Nöten allda Hans Clauert stund, hat jedermann wohl abzunehmen, sintemal er oben im Hause nicht bekannt war und besorgen mußte, daß er herabfallen und den Hals zerbrechen oder auch wohl vor des Wirtes Kammer kommen möchte, der ihn vielleicht übel empfangen würde, wie er denn in solcher Furcht und Gefahr fast die halbe Nacht von einem Winkel zum andern auf allen vieren kroch, ehe er die Treppen finden und ein Lager erreichen konnte, daß ihm vor Kälte die Zahn im Munde klapperten, und daneben seine Tasche in die Schanze setzen mußte, welche ihn doch nicht so sehr gereuet, als daß er von einer Magd war betrogen worden. Derentwegen er sich gar frühe aufmachte und den Tag daselbst nicht erwarten wollte.

(130)

Wie Clauert mit purpurianischem Tuch einen guten Markt hielt

Wenn Clauert etwan an einem bekannten Ort war, so sammelten sich ihrer viel daselbst, aus der Ursachen, daß sie viel kurzweilige Dinge von ihm hörten. Und sonderlich war die Karte nicht weit von ihnen, weil sie wußten, daß Clauert dieselbe liebhatte. Wie er denn einmal gen Teltow zu einem guten Freund kam, dahin ihrer etliche sich verfügten, die alle seine guten Zechbrüder waren. Und als sie vernahmen, daß dauert Geld bei sich hätte, ließen sie bald die Karten holen, setzten sich mit Clauert zusammen und gewannen ihm sein Geld so gar ab, daß er keinen Pfennig mehr hatte. Da setzt er vier Ellen purpurianisch Tuch zu, der Hoffnung, daß er etwas von seinem Gelde wiederum bekommen möchte. Aber das Unglück war so groß, daß er die vier Ellen Tuch auch verlor.

Da ging er des Abends vor die Tür heraus, sah sich weit um und sprach: »Du lieber Gott, bin ich so alt geworden und habe nicht gewußt, daß die Leute allhie zu Teltow das purpurianische Tuch so wohl kennen und daß es so wohl abgehet, und habe eben nicht mehr als die schlechten vier Ellen bei mir gehabt und hätte vor langer Zeit an solchem Tuch viel Gelds erwerben mögen, so ich gewußt hätte, daß es so wohl allhie verkauft wäre gewesen. Wohlan, sie sollen mir's ein andermal teuer genug bezahlen.« Ging also traurig hin, leget sich auf eine Bank und vermeinet zu schlafen, aber das purpurianische Tuch machet ihm so viel schwere Gedanken, daß er nicht einschlafen konnte.

Es war aber in derselben Herberge ein ander, der beim Tage wohl gesehn hatte, daß Clauert einen vollen Beutel gehabt, wußte doch nicht, daß er alles verspielt hatte, sondern vermeinet, daß dauert entschlafen wäre, und gedachte eine gute Beut davonzubringen. Schlich heimlich hinzu und griff dauert in den Beutel.

Dazu Clauert stilleschwieg, unangesehen, daß er's wohl höret und fühlet, fing doch letztlichen an und saget: »Suche du, mein lieber Sohn, suche, ob du etwas finden könnest. Ich habe den ganzen Abend gesucht und keinen Heller mehr finden können.«

Darüber der Dieb vor Schrecken seinen Mantel und Hut liegen lassen und davongelaufen, daß Clauert also noch seine Zeche davon bezahlen konnte, da er sonst wohl seinen eigenen Mantel im Stich hätt lassen müssen.

(131)

Wie Clauert an seiner Statt den Kerkermeister gefangenleget

Nach dem großen Brandschaden zu Trebbin, der Anno 65 geschah, war den Bürgern von ihrem Landesfürsten und Herrn, dem Kurfürsten zu Brandenburg, vergönnet, auf der Zoss'nischen Heiden etliche Schock Stücke Bauholz zu hauen, weil zur Erbauung der Stadt auf der Trebbinischen Heiden nicht genugsam Holz zu finden war. Da nun ein jeder seine Anzahl gefället, waren ihrer viel, die Armuts wegen das Holz von der Heiden nicht zu Haus schaffen konnten, daß also viel daselbst verfaulet.

Darüber Eustachius von Schlieben, Hauptmann zu Zossen, sehr zornig ward, schwur und sagte, den nächsten, so von Trebbin käme und ihn um Holz ansprechen würde, wollt er lassen ins Gefängnis werfen. Solches ward dem Rat zu Trebbin angesagt, die sich wohl fürchteten, was der Hauptmann geschworen hatte, das würde er gewißlich halten. Wußten derhalben nicht, wen sie doch wohl zu dem Hauptmann abfertigen möchten, der Gunst bei ihm hätte, weil die Stadt noch unerbaut war, bis endlichen das Los auf Clauert fiel, der bei dem Hauptmann angenehm war. Denselben schickten sie, verhießen ihm wohl doppelten Lohn und die freie Zehrung, daß er dem Hauptmann einen Brief gen Zossen bringen sollte.

Clauert gedachte nicht, daß die Sache so gar gefährlich wäre, ließ sich den Botenlohn gefallen und nahm den Brief an. Da er nun gen Zossen kam und das Schreiben überantwortet hatte, sagte der Hauptmann zu ihm: »Du loser Hurensohn, mußt du eben der erste sein, der zu mir kommt, um Holz zu werben. Nun wohlan, ich habe geschworen, das muß ich halten.« Und sagt zu dem Wächter: »Geh her und führe mir diesen in den Turm hinauf.« Unangesehen, daß Clauert sonsten daselbst gar wohl gehöret war. – Denn auf dem Schlosse zu Zossen hält man stets zween Wächter, die des Tags auch Wasser in die Küchen tragen und die Gefangenen verwahren müssen.

Der Wächter tat nach des Hauptmanns Befehl und führet, Clauert zu dem Turm, der sehr hoch ist und dazumal nur auswendig zwo Leitern hatte, darauf man hinaufsteigen mußte, daß es auch wohl hinaufzusteigen gefährlich war.

Clauert stellet sich als ein Gehorsamer, ging bis zu den beiden Leitern und sagt zu dem Wächter: »Lieber Peter, steige du voran, so will ich dir folgen, und zeige mir doch, wo ich zum Turm hineingehen soll, daß ich nicht hinabfalle, denn ich mich gar wenig mit dem Gesichte behelfen kann, und wie ich gehöret habe, soll oben im Turm ein Loch sein, da man die Übeltäter hinunterläßt.« Da er doch die Gelegenheit besser wußte, als man ihm hätte sagen mögen.

Der Wächter glaubte seinen einfältigen Worten, stieg vor ihm hinauf, bis er in die Tür kam, und sagte: »Hans, hieher folgt mir, hieher, wo ich gehen werde!«

Unterdes ergreift Clauert die Tür und schlug sie hinter dem Wächter zu, achtet seines Geschreies nicht, stieg herab und ließ seinen Kerkermeister sitzen. Weil es aber um die Zeit war, daß man zu Abend essen wollte, setzet sich Clauert zu des Hauptmanns Knechten, schwieg still und gedachte die Mahlzeit zu vollbringen. Das Gesinde aber konnte das Lachen nicht verhalten.

Darüber die Hauptmannsfrau dahin zu schauen verursacht ward, und da sie Clauert siehet sitzen, spricht sie zum Hauptmann: »Junker, habt Ihr Clauert lassen gefangenlegen?«

Er sagte: »Ja, mich wundert, was der Schalk gedenken wird.«

Die Frau sagte: »Sitzet doch Clauert beim Gesinde überm Tisch.«

Der Hauptmann drehet sich mit seinem Stuhl herum, darin er vorm Tische saß, und sprach: »Siehe, Clauert, was machst du hie? Hab ich dich nit lassen in den Turm stecken?«

Clauert antwortet: »Ach ja, Herr Hauptmann, aber ich habe einen andern an meine Statt gebracht, der will so lang für mich sitzen, bis ich gegessen habe, denn das Abendmahl war bereitet, und ich habe den Tag nicht viel gessen, derhalben ich auf Wege gedenken mußte, wie ich zur Mahlzeit käme.«

Der von Schlieben sagte: »Ich dürfte wetten, Er hätt mir den Wächter eingesperret?«

Dem Clauert antwortet: »Ja, Herr Hauptmann, ich habe sonsten keinen nahem finden können, der mir diesen Dienst bestellen wollte.«

Der Hauptmann sprach zu seiner Hausmutter: »Catharina, das kann nicht ungestraft bleiben, ich will ihn dir übergeben.«

Die Hauptmannsfrau fordert Clauert an ihren Tisch und ließ eine kupferne Kandel voll Wein herauf bringen, welche Clauert zur Strafe austrinken sollte.

Clauert sagte: »Ach, Frau, solche Strafe wollt ich alle Tag leiden.«

Der Wächter aber mußte an Clauerts Statt zween Tage und zwo Nacht im Turm liegen.

(132)

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.