Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Schiller: Demetrius - Kapitel 1
Quellenangabe
senderchwolf@hfph.mwn.de
typedrama
authorFriedrich Schiller
titleDemetrius
publisherCarl Hanser
editorGerhard Fricke und Herbert G. Gpfert
year1966
booktitleFriedrich Schiller, Smtliche Werke
created20020414
Schließen

Navigation:

Erster Aufzug

Der Reichstag zu Krakau

Wenn der Vorhang aufgeht, sieht man die polnische Reichsversammlung in den großen Senatssaale sitzen. Die hinterste Tiefe des Theaters ist eine drei Stufen hohe Estrade, mit rotem Teppich belegt, worauf der königliche Thron, mit einem Himmel bedeckt; zu beiden Seiten hängen die Wappen von Polen und Litauen. Der König sitzt auf dem Thron, zu seiner Rechten und Linken auf der Estrade stehen die zehen Kronbeamten. Unter der Estrade zu beiden Seiten des Theaters sitzen die Bischöfe, Palatinen und Kastellanen mit bedecktem Haupt; hinter diesen stehen mit unbedecktem Haupt die Landboten in zwei Reihen, alle bewaffnet. Der Erzbischof von Gnesen, als der Primas des Reichs, sitzt dem Proszenium am nächsten, hinter ihm hält sein Kaplan ein goldenes Kreuz

Erzbischof von Gnesen.
So ist denn dieser stürmevolle Reichstag
Zum guten Ende glücklich eingeleitet;
König und Stände scheiden wohlgesinnt,
Der Adel willigt ein, sich zu entwaffnen,
Der widerspenstge Rokosz, sich zu lösen,
Der König aber gibt sein heilig Wort,
Abhülf zu leisten den gerechten Klagen,
Nichts – – – – – – – – –
Wies die pacta conventa mit sich bringen.
Und nun im Innern Fried ist, können wir
Die Augen auf das Ausland richten.
– – – – – – – – – –
Ist es der Wille der erlauchten Stände,
Daß Prinz Demetrius, der Rußlands Krone
In Anspruch nimmt als Iwans echter Sohn,
Sich in den Schranken stelle, um sein Recht
Vor diesem Seym Walny zu erweisen?

Kastellan von Krakau.
Die Ehre foderts und die Billigkeit,
Unziemlich wärs, ihm dies Gesuch zu weigern.

Bischof von Wermeland.
Die Dokumente seines Rechtsanspruches
Sind eingesehen und bewährt gefunden.
Man kann ihn hören.

Mehrere Landboten. Hören muß man ihn.

Leo Sapieha. Ihn hören heißt ihn anerkennen.

Odowalsky. Ihn
Nicht hören heißt ihn ungehört verwerfen.

Erzbischof von Gnesen.
Ists euch genehm, daß er vernommen werde?
Ich frag zum zweiten und zum dritten Mal.

Krongroßkanzler. Er stelle sich vor unsern Thron!

Senatoren. Er rede!

Landboten. Wir wollen ihn hören.

(Krongroßmarschall gibt dem Türhüter ein Zeichen mit seinem Stabe, dieser geht hinaus, um zu öffnen)

Leo Sapieha. Schreibet nieder, Kanzler!
Ich mache Einspruch gegen dies Verfahren
Und gegen alles, was draus folgt, zuwider
Dem Frieden Polens mit der Kron zu Moskau.

Demetrius tritt ein, geht einige Schritte auf den Thron zu und macht mit bedecktem Haupt drei Verbeugungen, eine gegen den König, darauf gegen die Senatoren, endlich gegen die Landboten; ihm wird von jedem Teile, dem es gilt, mit einer Neigung des Haupts geantwortet. Alsdann stellt er sich so, daß er eitlen großen Teil der Versammlung und des Publikums, von welchem angenommen wird, daß es im Reichstag mitsitze, im Auge behält und dem königlichen Thron nur nicht den Rücken wendet.

Erzbischof von Gnesen.
Prinz Dmitri, Iwans Sohn! Wenn dich der Glanz
Der königlichen Reichsversammlung schreckt,
Des Anblicks Majestät die Zung dir bindet,
So magst du, dir vergönnt es der Senat,
Dir nach Gefallen einen Anwalt wählen
Und eines fremden Mundes dich bedienen.

Demetrius. Herr Erzbischof, ich stehe hier, ein Reich
Zu fordern und ein königliches Szepter.
Schlecht stünde mirs, vor einem edeln Volk
Und seinem König und Senat zu zittern.
Ich sah noch nie solch einen hehren Kreis.
Doch dieser Anblick macht das Herz mir groß
Und schreckt mich nicht. Je würdigere Zeugen,
Um so willkommner sind sie mir, ich kann
Vor keiner glänzendem Versammlung reden.

Erzbischof von Gnesen. – – – Die erlauchte Republik
Ist wohl geneigt, Euch [anzuhören] – –

Demetrius. Großmächtger König! Würdge, mächtige
Bischöf und Palatinen, gnädge Herrn
Landboten der erlauchten Republik!
Verwundert, mit nachdenklichem Erstaunen,
Erblick ich mich, des Zaren Iwans Sohn,
Auf diesem Reichstag vor dem Volk der Polen.
Der Haß entzweite blutig beide Reiche,
Und Friede wurde nicht, so lang er lebte.
Doch hat es jetzt der Himmel so gewendet,
Daß ich, sein Blut, der mit der Milch der Amme
Den alten Erbhaß in sich sog, als Flehender
Vor euch erscheinen und in Polens Mitte
Mein Recht mir suchen muß. Drum eh ich rede,
Vergesset edelmütig, was geschehn,
Und daß der Zar, des Sohn ich mich bekenne,
Den Krieg in eure Grenzen hat gewälzt.
Ich stehe vor euch ein beraubter Fürst,
Ich suche Schutz: der Unterdrückte hat
Ein heilig Recht an jede edle Brust.
Wer aber soll gerecht sein auf der Erde,
Wenn es ein großes tapfres Volk nicht ist,
Das frei in höchster Machtvollkommenheit
Nur sich allein braucht Rechenschaft zu geben,
Und unbeschränkt von – – – – –
Der schönen Menschlichkeit gehorchen kann?

Erzbischof von Gnesen.
Ihr gebt Euch für des Zaren Iwans Sohn;
Nicht wahrlich Euer Anstand widerspricht
Noch Eure Rede diesem stolzen Anspruch.
Doch überzeuget uns, daß Ihr der seid,
– – – – – – – – – –
Dann hoffet alles von dem Edelmut
Der Republik – Sie hat den Russen nie
Im Feld gefürchtet; beides liebt sie gleich,
Ein edler Feind und ein gefällger Freund zu sein.

Demetrius. Iwan Wasilowitsch, der große Zar
Von Moskau, hatte fünf Gemahlinnen
Gefreit in seines Reiches langer Dauer.
Die erste, aus dem heldenreichen Stamm
Der Romanow, gab ihm den Feodor,
Der nach ihm herrschte. Einen einzgen Sohn,
Dmitri, die späte Blüte seiner Kraft,
Gebar ihm Marfa, aus dem Stamm Nagoi,
Ein zartes Kind noch, da der Vater starb.
Zar Feodor, ein Jüngling schwacher Kraft
Und blöden Geists, ließ seinen obersten
Stallmeister walten, Boris Godunow,
Der mit verschlagner Hofkunst ihn beherrschte.
Födor war kinderlos, und keinen Erben
Versprach der Zarin unfruchtbarer Schoß.
Als nun der listige Bojar die Gunst
Des Volks mit Schmeichelkünsten sich erschlichen,
Erhub er seine Wünsche bis zum Thron;
Ein junger Prinz nur stand noch zwischen ihm
Und seiner stolzen Hoffnung, Prinz Dimitri
Iwanowitsch, der unterm Aug der Mutter
Zu Uglitsch, ihrem Witwensitz, heranwuchs.
Als nun sein schwarzer Anschlag zur Vollziehung
Gereift, sandt er nach Uglitsch Mörder aus,
Den Zarowitsch zu töten und die Schuld
Der Tat – – – – – – – –
Ein Feur ergriff in tiefer Mitternacht
Des Schlosses Flügel, wo der junge Fürst
Mit seinem Wärter abgesondert wohnte.
Ein Raub gewaltger Flammen war das Haus,
Der Prinz verschwunden aus dem Aug der Menschen
Und bliebs; als tot beweint ihn alle Welt.
Bekannte Dinge meld ich, die ganz Moskau kennt.

Erzbischof von Gnesen.
Was Ihr berichtet, ist uns allen kund.
Erschollen ist der Ruf durch alle Welt,
Daß Prinz Dimitri bei der Feuersbrunst
Zu Uglitsch seinen Untergang gefunden.
Und weil sein Tod dem Zar, der jetzo herrscht,
Zum Glück ausschlug, so trug man kein Bedenken,
Ihn anzuklagen dieses schweren Mords.
Doch nicht von seinem Tod ist jetzt die Rede!
Er lebt ja, dieser Prinz! Er leb in Euch,
Behauptet Ihr. Davon gebt uns Beweise.
Wodurch beglaubigt Ihr, daß Ihr der seid?
An welchen Zeichen soll man Euch erkennen?
Wie blieb – – – – – – – –
Und tretet jetzt, nach sechzehnjähriger Stille,
Nicht mehr erwartet an das Licht der Welt?

Demetrius. Kein Jahr ists noch, daß ich mich selbst gefunden,
Denn bis dahin lebt ich mir selbst verborgen,
Nicht ahnend meine fürstliche Geburt.
Mönch unter Mönchen fand ich mich, als ich
Anfing, zum Selbstbewußtsein zu erwachen,
Und mich umgab der strenge Klosterzwang.
Der engen Pfaffenweise widerstand
Der mutge Geist, und dunkelmächtig in den Adern
Empörte sich das ritterliche Blut.
Das Mönchgewand warf ich entschlossen ab
Und floh nach Polen, wo der edle Fürst
Von Sendomir, der holde Freund der Menschen,
Mich gastlich aufnahm in sein Fürstenhaus
Und zu der Waffen edelm Dienst erzog.

Erzbischof von Gnesen.
– – – Wie? Ihr kanntet Euch noch nicht,
Und doch erfüllte damals schon der Ruf
Die Welt, daß Prinz Demetrius noch lebe?
Zar Boris zitterte auf seinem Thron
Und stellte seine Sastafs an die Grenzen,
Um scharf auf jeden Wanderer zu achten.
Wie? Diese Sage ging nicht aus von Euch?
Ihr hättet Euch nicht für Demetrius
Gegeben?

Demetrius. Ich erzähle, was ich weiß.
Ging ein Gerücht umher von meinem Dasein,
So hat geschäftig es ein Gott verbreitet.
Ich kannt mich nicht. Im Haus des Palatins
Und unter seiner Dienerschar verloren
Lebt ich der Jugend fröhlich dunkle Zeit.
Mir selbst noch fremd, mit stiller Huldigung
Verehrt ich seine reizgeschmückte Tochter,
Doch damals von der Kühnheit weit entfernt,
Den Wunsch zu solchem Glück empor zu wagen.
Den Kastellan von Lemberg, ihren Freier,
Beleidigt meine Leidenschaft. Er setzt
Mich stolz zur Rede, und in blinder Wut
Vergißt er sich so weit, nach mir zu schlagen.
– – – – – – – – – –
So schwer gereizet, greif ich zum Gewehr,
Er, sinnlos wütend, stürzt in meinen Degen,
Und fällt durch meine willenlose Hand.

Mnischek. Ja, so verhält sich – – – – –

Demetrius. Mein Unglück war das höchste! Ohne Namen,
Ein Russ und Fremdling, hatt ich einen Großen
Des Reichs getötet, hatte Mord verübt
Im Hause meines gastlichen Beschützers,
Ihm seinen Eidam, seinen Freund getötet.
Nichts half mir meine Unschuld; nicht das Mitleid
Des ganzen Hofgesindes, nicht die Gunst
Des edeln Palatinus kann mich retten,
Denn das Gesetz, das nur den Polen gnädig,
Doch streng ist allen Fremdlingen, verdammt mich.
Mein Urteil ward gefällt, ich sollte sterben;
Schon kniet ich nieder an dem Block des Todes,
Entblößte meinen Hals dem Schwert –
(Erhält inn und – – – – –)
In diesem Augenblicke ward ein Kreuz
Von Gold mit kostbarn Edelsteinen sichtbar,
Das in der Tauf mir umgehangen ward.
Ich hatte, wie es Sitte ist bei uns,
Das heilge Pfand der christlichen Erlösung
Verborgen stets an meinem Hals getragen
Von Kindesbeinen an, und eben jetzt,
Wo ich vom süßen Leben scheiden sollte,
Ergriff ich es als meinen letzten Trost
Und drückt es an den Mund mit frommer Andacht.
Das Kleinod wird bemerkt, sein Glanz und Wert
Erregt Erstaunen, weckt die Neugier auf.
Ich werde losgebunden und befragt,
Doch weiß ich keiner Zeit mich zu besinnen,
Wo ich das Kleinod nicht an mir getragen.
Nun fügte sichs, daß drei Bojarenkinder,
Die der Verfolgung ihres Zars entflohn,
Bei meinem Herrn zu Sambor eingesprochen.
Sie sahn das Kleinod und erkannten es
An neun Smaragden, die mit Amethysten
Durchschlungen waren, für dasselbige,
Was Knäs Mstislawskoy dem jüngsten Sohn
Des Zaren bei der Taufe umgehangen.
Sie sehn mich näher an und sehn erstaunt
Ein seltsam Spielwerk der Natur, daß ich
Am rechten Arme kürzer bin geboren.
Als sie mich nun mit Fragen ängstigten,
Besann ich mich auf einen kleinen Psalter,
Den ich auf meiner Flucht mit mir geführt.
In diesem Psalter standen griechische Worte,
Vom Igumen mit eigner Hand hinein
Geschrieben. Selbst hatt ich sie nie gelesen,
Weil ich der Sprach nicht kundig bin. Der Psalter
Wird jetzt herbeigeholt, die Schrift gelesen;
Ihr Inhalt ist: daß Bruder Philaret
(Dies war mein Klostername), des Buchs Besitzer,
Prinz Dmitri sei, des Iwan jüngster Sohn,
Den Andrei, ein redlicher Diak,
In jener Mordnacht heimlich weggeflüchtet;
Urkunden dessen lägen aufbewahrt
In zweien Klöstern, die bezeichnet waren.
Hier stürzten die Bojaren mir zu Füßen,
Besiegt von dieser Zeugnisse Gewalt,
Und grüßten mich als ihres Zaren Sohn.
Und also gählings aus des Unglücks Tiefen
Riß mich das Schicksal auf des Glückes Höhn.

Erzbischof von Gnesen. – – – – – – – – – –

Demetrius. Und jetzt fiels auch wie Schuppen mir vom Auge!
Erinnrungen belebten sich auf einmal
Im fernsten Hintergrund vergangner Zeit;
Und wie die letzten Türme aus der Ferne
Erglänzen in der Sonne Gold, so wurden
Mir in der Seele zwei Gestalten hell,
Die höchsten Sonnengipfel des Bewußtseins.
Ich sah mich fliehn in einer dunkeln Nacht,
Und eine lohe Flamme sah ich steigen
In schwarzem Nachtgraun, als ich rückwärts sah.
Ein uralt frühes Denken mußt es sein,
Denn was vorherging, was darauf gefolgt,
War ausgelöscht in langer Zeitenferne;
Nur abgerissen,, einsam leuchtend, stand
Dies Schreckensbild mir im Gedächtnis da.
Doch wohl besann ich mich aus spätern Jahren,
Wie der Gefährten einer mich im Zorn
Den Sohn des Zars genannt. Ich hielts für Spott
Und rächte mich dafür mit einem Schlage.
Dies alles traf jetzt blitzschnell meinen Geist,
Und vor mir stands mit leuchtender Gewißheit,
Ich sei des Zaren totgeglaubter Sohn.
Es lösten sich mit diesem einzgen Wort
Die Rätsel alle meines dunkeln Wesens.
Nicht bloß an Zeichen, die betrüglich sind,
In tiefster Brust, an meines Herzens Schlägen
Fühlt ich – – – – – – – –
Und eher will ichs tropfenweis verspritzen,
Als – – – – – – – – –

Erzbischof von Gnesen. Und sollen wir auf eine Schrift vertrauen
Die sich durch Zufall bei Euch finden mochte?
Dem Zeugnis einger Flüchtlinge vertraun?
Verzeihet, edler Jüngling! Euer Ton
Und Anstand ist gewiß nicht eines Lügners;
Doch könntet Ihr selbst der Betrogne sein;
Es ist dem Menschenherzen zu verzeihen,
In solchem großen Spiel sich zu betrügen.
Was stellt Ihr uns für Bürgen Eures Worts?

Demetrius. Ich stelle funfzig Eideshelfer auf,
Piasten alle, freigeborne Polen
Untadeliges Rufs, die jegliches
Erhärten sollen, was ich hier behauptet.
Dort sitzt der edle Fürst von Sendomir,
Der Kastellan von Lublin ihm zur Seite,
Die zeugen mirs, ob ich Wahrheit geredet.
– – – – – – – – – – – –

Erzbischof von Gnesen.
Was nun bedünket den erlauchten Ständen?
So vieler Zeugnisse vereinter Kraft
Muß sich der Zweifel überwunden geben.
Ein schleichendes Gerücht durchläuft schon längst
Die Welt, daß Dmitri, Iwans Sohn, noch lebe,
Zar Boris selbst bestärkts durch seine Furcht.
– Ein Jüngling zeigt sich hier, an Alter, Bildung,
Bis auf die Zufallsspiele selber der Natur,
Ganz dem verschwundnen ähnlich, den man sucht.
Durch ed – – des großen Anspruchs wert.
Aus Klostermauern ging er wunderbar,
Geheimnisvoll hervor, mit Rittertugend
Begabt, der nur der Mönche Zögling war:
Ein Kleinod zeigt er, das der Zarowitsch
Einst an sich trug, von dem er nie sich trennte,
Ein schriftlich Zeugnis noch von frommen Händen
Beglaubigt seine fürstliche Geburt,
Und kräftger noch aus seiner schlichten Rede
Und reinen Stirn spricht uns die Wahrheit an.
Nicht solche Züge borgt sich der Betrug,
Der hüllt sich täuschend ein in große Worte
Und in der Sprache rednerischen Schmuck.
Nicht länger denn versag ich ihm den Namen,
Den er mit Fug und Recht in Anspruch nimmt.
Und meines alten Vorrechts mich bedienend,
Geb ich als Primas ihm die erste Stimme.

Erzbischof von Lemberg. Ich stimme wie der Primas.

Mehrere Bischöfe. Wie der Primas.

Mehrere Palatinen. Auch ich!

Odowalsky. Und ich!

Landboten. (rasch aufeinander)Wir alle!

Sapieha. Gnädge Herren,
Bedenkt es wohl. Man übereile nichts.
Ein edler Reichstag lasse sich nicht rasch
Hinreißen zu – – – –

Odowalsky. Hier ist
Nichts zu bedenken, alles ist bedacht.
Unwiderleglich sprechen die Beweise.
Hier ist nicht Moskau. Nicht Despotenfurcht
Schnürt hier die freie Seele zu. Hier darf
Die Wahrheit wandeln mit erhabnem Haupt.
Ich wills nicht hoffen, edle Herren, daß hier
Zu Krakau, auf dem Reichstag selbst der Polen
Der Zar von Moskau feile Sklaven habe.
– – – – – – – – – –

Demetrius. O habet Dank, erlauchte – – –
Daß ihr der Wahrheit Zeichen anerkennt.
Und wenn ich auch nun der wahrhaftig bin,
Den ich mich nenne, o so duldet nicht,
Daß sich ein frecher Räuber meines Erbs
Anmaße und den Szepter länger schände,
Der mir, dem echten Zarowitsch gebührt.
– – – – – – – – – –
Daß ich den Thron erobre meiner Väter.
Die Gerechtigkeit hab ich, ihr habt die Macht;
Es ist die große Sache aller Staaten
Und Thronen, daß gescheh, was Rechtens ist,
Und jedem auf der Welt das Seine werde;
Denn da, wo die Gerechtigkeit regiert,
Da freut sich jeder sicher seines Erbs,
Und über jedem Hause, jedem Thron
Schwebt der Vertrag wie eine Cherubswache.
Doch wo – – – – – – – –
Sich straflos festsetzt in dem fremden Erbe,
Da wankt der Staaten fester Felsengrund.
– – – – – – Gerechtigkeit
Heißt der kunstreiche Bau des Weltgewölbes,
Wo alles eines, eines alles hält,
Wo mit dem Einen alles stürzt und fällt.
– – – – – – – – – –

Demetrius. O sieh mich an, ruhmreicher Sigismund!
Großmächtger König! Greif in deine Brust
Und sieh dein eignes Schicksal in dem meinen.
Auch du erfuhrst die Schläge des Geschicks,
In der Gefangenschaft wardst du geboren,
In einem Kerker kamest du zur Welt,
Dein erster Blick fiel auf Gefängnismauern.
Du brauchtest einen Retter und Befreier,
Der aus dem Kerker auf den Thron dich hob.
Du fandest ihn, Großmut hast du erfahren,
O übe Großmut auch an mir! in mir
– – – – – – – – – –
Und ihr, erhabne Männer des Senats,
Ehrwürdge Bischöfe, der Kirche Säulen,
Ruhmreiche Palatinen und Kastellanen,
Hier ist der Augenblick, – – – –
Zwei lang entzweite Völker zu versöhnen.
Erwerbet euch den Ruhm, daß Polens Kraft
Den Moskowitern ihren Zar gegeben,
Und in dem Nachbar, der euch feindlich drängte,
Erwerbt euch einen dankbarn Freund. – – Und ihr
Landboten, – – – – – – –
Zäumt eure schnellen Rosse, sitzet auf,
Euch öffnen sich des Glückes goldne Tore;
Mit euch will ich den Raub des Feindes teilen.
Moskau ist reich an Gütern, unermeßlich
An Gold und edeln Steinen ist der Schatz
Des Zars; ich kann die Freunde königlich
Belohnen, und ich wills. Wenn ich als Zar
Einziehe auf dem Kremel, dann, ich schwörs,
Soll sich der Ärmste unter euch, der mir
Dahin gefolgt, in Samt und Zobel kleiden,
Mit reichen Perlen sein Geschirr bedecken,
Und Silber sei das schlechteste Metall,
Um seiner Pferde Hufe zu beschlagen.

(Es entsteht eine große Bewegung unter den Landboten)

Korela. – – – – – – – – – –

Odowalsky. Soll der Kosak uns Ruhm und Beute rauben?
Wir haben Friede mit dem Tartarfürst
Und Türken, nichts zu fürchten von dem Schweden.
Schon lang verzehrt sich unser tapfrer Mut
Im – – Frieden, die müßgen Schwerter rosten.
Auf, laßt uns fallen in das Land des Zars
Und einen dankbarn Bundesfreund gewinnen,
Indem wir Polens Macht und Größe mehren.

Viele Landboten. Krieg! Krieg mit Moskau!

Andre. Man beschließe es!
Gleich sammle man die Stimmen!

Sapieha (steht auf). Krongroßmarschall!
Gebietet Stille, ich verlang das Wort.

Eine Menge von Stimmen.
Krieg! Krieg mit Moskau!

Sapieha. Ich verlang das Wort
Marschall! Tut Euer Amt.

(Großes Getöse in dem Saal und außerhalb desselben)

Krongroßmarschall. Ihr seht, es ist
Vergebens.

Sapieha. Was? Der Marschall auch bestochen?
Ist keine Freiheit auf dem Reichstag mehr?
Werft Euren Stab hin und gebietet Schweigen!
Ich fodr es, ich begehrs und wills.

(Krongroßmarschall wirft seinen Stab in die Mitte des Saals, der Tumult legt sich)

Was denkt ihr? Was beschließt ihr? Stehn wir nicht
In tiefem Frieden mit dem Zar zu Moskau?
Ich selbst als euer königlicher Bote
Errichtete den zwanzigjährgen Bund.
Ich habe meine rechte Hand erhoben
Zum feierlichen Eidschwur auf dem Kreml,
Und redlich hat der Zar uns Wort gehalten.
Was ist beschworne Treu? Was sind Verträge,
Wenn ein solenner Reichstag sie zerbrechen darf?

Demetrius. Fürst Leo Sapieha! Ihr habt Frieden
Geschlossen, sagt Ihr, mit dem Zar zu Moskau?
Das habt Ihr nicht, denn ich bin dieser Zar.
In mir ist Moskaus Majestät, ich bin
Der Sohn des Iwan und sein rechter Erbe.
Wenn Polen Frieden schließen will mit Rußland,
Mit mir muß es geschehen! Euer Vertrag
Ist nichtig, mit dem Nichtigen errichtet.

Odowalsky. Was kümmert Eur Vertrag uns! Damals haben
Wir so gewollt, und heute wollen wir anders!
Sind wir – – – – – – – –

Sapieha. Ist es dahin gekommen? Will sich niemand
Erheben für das Recht, nun so will ichs.
Zerreißen will ich dies Geweb der Arglist,
Aufdecken will ich alles, was ich weiß.
– Ehrwürdger Primas, wie? Bist du im Ernst
Gutmütig, oder kannst dich so verstellen?
Seid ihr so gläubig, Senatoren? König,
Bist du so schwach? Ihr wißt nicht, wollt nicht wissen,
Daß ihr ein Spielwerk seid des listgen Woiwoda
Von Sendomir, der diesen Zar aufstellte,
Des ungemeßner Ehrgeiz in Gedanken
Das güterreiche Moskau schon verschlingt?
Muß ichs euch sagen, daß bereits der Bund
Geknüpft ist und beschworen zwischen beiden,
Daß er die jüngste Tochter ihm verlobte?
Und soll die edle Republik sich blind
In die Gefahren eines Krieges stürzen,
Um den Woiwoden groß, um seine Tochter
Zur Zarin und zur Königin zu machen?
Bestochen hat er alles und erkauft,
Den Reichstag, weiß ich wohl, will er beherrschen;
Ich sehe seine Faktion gewaltig
In diesem Saal, und nicht genug, daß er
Den Seym Walny durch die Mehrheit leitet,
Bezogen hat er mit dreitausend Pferden
Den Reichstag und ganz Krakau überschwemmt
Mit seinen Lehensleuten. Eben jetzt
Erfüllen sie die Hallen dieses Hauses,
Man will die Freiheit unsrer Stimmen zwingen.
Doch keine Furcht bewegt mein tapfres Herz;
So lang noch Blut in meinen Adern rinnt,
Will ich die Freiheit meines Worts behaupten.
Wer wohl gesinnt ist, tritt zu mir herüber.
So lang ich Leben habe, soll kein Schluß
Durchgehn, der wider Recht ist und Vernunft;
Ich hab mit Moskau Frieden abgeschlossen,
Und ich bin Mann dafür, daß man ihn halte.

Odowalsky. Man höre nicht auf ihn! Sammelt die Stimmen!

(Bischöfe von Krakau und Wilna stehen auf und gehen jeder an seiner Seite hinab, um die Stimmen zu sammeln)

Viele. Krieg! Krieg mit Moskau!

Erzbischof von Gnesen (zu Sapieha).
Gebt Euch, edler Herr!
Ihr seht, daß Euch die Mehrheit widerstrebt,
Treibts nicht zu einer unglückselgen Spaltung.

Krongroßkanzler (kommt von dem Thron herab, zu Sapieha).
Der König läßt Euch bitten, nach zugeben,
Herr Woiwod, und den Reichstag nicht zu spalten.

Türhüter (heimlich zu Odowalsky).
Ihr sollt Euch tapfer halten, melden Euch
Die vor der Tür. Ganz Krakau steh zu Euch.

Krongroßmarschall (zu Sapieha).
Es sind so gute Schlüsse durchgegangen.
o gebt Euch! Um des andern Guten willen,
Was man beschlossen, fügt Euch in die Mehrheit.

Bischof von Krakau (hat auf seiner Seite die Stimmen gesammelt).
Auf dieser rechten Bank ist alles einig.

Sapieha. Laßt alles einig sein – Ich sage nein.
Ich sage Veto, ich zerreiße den Reichstag.
– Man schreite nicht weiter. Aufgehoben, null
Ist alles, was beschlossen ward.

(Allgemeiner Aufstand: der König steigt vom Thron, die Schranken werden eingestürzt, es entsteht ein tumultuarisches Getöse. Landboten greifen zu den Säbeln und zücken sie links und rechts auf Sapieha. Bischöfe treten auf beiden Seiten dazwischen und verteidigen ihn mit ihren Stolen)

Die Mehrheit?
Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn,
Verstand ist stets bei wen'gen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
Um Brot und Stiefel seine Stimm verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen;
Der Staat muß untergehn, früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.

Odowalsky. Hört den Verräter!

Landboten. Nieder mit ihm! Haut ihn in Stücken!

Erzbischof von Gnesen (reißt seinem Kaplan das Kreuz aus der Hand und tritt dazwischen). Friede!
Soll Blut der Bürger auf dem Reichstag fließen?
Fürst Sapieha, mäßigt Euch!
(Zu den Bischöfen) Bringt ihn
Hinweg! Macht eure Brust zu seinem Schilde!
Durch jene Seitentür entfernt ihn still,
Daß ihn die Menge nicht in Stücken reiße.

(Sapieha, noch immer mit den Blicken drohend, wird von den Bischöfen mit Gewalt fortgezogen, indem der Erzbischof von Gnesen und von Lemberg die aufdringenden Landboten von ihm abwehren. Unter heftigem Tumult und Säbelgeklirr leert sich der Saal aus, daß nur Demetrius, Mnischek, Odowalsky und der Kosakenhetman zurückbleiben)

Odowalsky. Das schlug uns fehl – – – – – –
Doch darum soll Euch Hülfe nicht entstehen.
Hält auch die Republik mit Moskau Frieden,
Wir führens aus mit unsern eignen Kräften.

Korela. Wer hätt auch das gedacht, daß er allein
Dem ganzen Reichstag würde Spitze bieten!

Mnischek. Der König kommt.

(König Sigismundus, begleitet von dem Krongroßkanzler, Krongroßmarschall und einigen Bischöfen)

König (zu Demetrius). Mein Prinz, laßt Euch umarmen.
Die hohe Republik erzeigt Euch endlich
Gerechtigkeit, mein Herz hat es schon längst.
Tief rührt mich Euer Schicksal. Wohl muß es
Die Herzen aller Könige bewegen.

Demetrius. Vergessen hab ich alles, was ich litt;
An Eurer Brust fühl ich mich neugeboren.

König. Viel Worte lieb ich nicht; doch was ein König
Vermag, der über reichere Vasallen
Gebietet, als er selbst, biet ich Euch an.
Ihr habt ein [böses] Schauspiel angesehn;
Denkt drum nicht schlimmer von der Polen Reich,
Weil wilder Sturm das Schiff des Staats bewegt.

Mnischek. In Sturmes Brausen lenkt der Steuermann
Das Fahrzeug still und führts zum sichren Hafen.

König. Der Reichstag ist zerrissen.
Ich darf den Frieden mit dem Zar nicht brechen,
Doch ihr habt mächtge Freunde. Will mein Adel
Auf eigene Gefahr sich für Euch waffnen,
Will der Kosak des Krieges Glücksspiel wagen:
Er ist ein freier Mann, ich kanns nicht wehren.

Mnischek. Der ganze Rokosz steht noch unter Waffen.
Gefällt dirs, Herr, so kann der wilde Strom,
Der gegen deine Hoheit sich empört,
Unschädlich über Moskau sich ergießen.

König. Die besten Waffen wird dir Rußland geben,
Dein bester Schirm ist deines Volkes Herz.
Rußland wird nur durch Rußland überwunden.
So wie du heute vor dem Reichstag sprachst,
So rede dort in Moskau zu den Bürgern;
ihr Herz erobre dir und du wirst herrschen.
Durch fremde Waffen gründet sich kein Thron;
Noch keinem Volk, das sich zu ehren wußte,
Drang man den Herrscher wider Willen auf
Ich bin der Schweden geborener König,
Ich habe den Thron friedlich bestiegen,
Ich habe – – – – – –
Und doch hab ich den väterlichen Erbthron verloren,
Weil mir die Volksgesinnung widerstrebt.

(Marina [tritt auf])

– – – – – – – – – –

Mnischek. Erhabne Hoheit, hier zu deinen Füßen
Wirft sich Marina, meine jüngste Tochter.
Der Prinz von Moskau
Du bist der hohe Schirmvogt unsres Hauses,
Von deiner königlichen Hand allein
Geziemt es ihr den Gatten zu empfangen.

(Marina kniet vor dem König)

König. Wohl, Vetter, ists Euch wohl genehm, will ich
Des Vaters Stelle bei dem Zar vertreten.
(Zu Demetrius, dem er die Hand der Marina übergibt)
So führ ich Euch in diesem schönen Pfande
Des Glückes heitre Göttin zu – Und mög es
Mein Aug erleben, dieses holde Paar
Sitzen zu sehen auf dem Thron zu Moskau!

Marina. Herr – – – – – – – – –
Und deine Sklavin bleib ich, wo ich bin.

König. Steht auf, Zaritza! Dieser Platz ist nicht
Für Euch, nicht für die zarische Verlobte,
Nicht für die Tochter meines ersten Woiwods.
Ihr seid die jüngste unter Euren Schwestern,
Doch Euer Geist fliegt ihrem Glücke vor,
Und nach dem Höchsten strebt Ihr hochgesinnt.

Demetrius. Sei Zeuge, großer König, meines Schwurs,
Ich leg als Fürst ihn in des Fürsten Hand.
Die Hand des edeln Fräuleins nehm ich an
Als ein kostbares Pfand des Glücks. Ich schwöre,
Sobald ich meiner Väter Thron bestiegen,
Als meine Braut sie festlich heimzuführen,
Wies einer großen Königin geziemt.
Zur Morgengabe schenk ich meiner Braut
Die Fürstentümer Pleskow und Großneugart
Mit allen Städten, Dörfern und Bewohnern,
Mit allen Hoheitsrechten und Gewalten
Zum freien Eigentum auf ewge Zeit.
Und diese Schenkung will ich ihr als Zar
Bestätigen in meiner Hauptstadt Moskau.
Dem edlen Woiwod zahl ich zum Ersatz
Für seine Rüstung eine Million
Dukaten polnischen Geprägs.
– – – – – – – – – – – – – – –
So helf mir Gott und seine Heiligen,
Als ich dies treulich schwur und halten werde.

König. Ihr werdet es, Ihr werdet nie [vergessen],
Was Ihr dem edeln Woiwod schuldig seid,
Der sein gewisses Glück an Eure Hoffnung,
Ein teures Kind an Eure Hoffnung wagt.
So seltner Freund ist köstlich zu bewahren!
Drum, wenn Ihr glücklich seid, vergesset nie,
Auf welchen Sprossen Ihr zum Thron gestiegen,
Und mit dem Kleide wechselt nicht das Herz!
Denkt, daß Ihr Euch in Polen selbst gefunden,
Liebt dieses Land, das Euch zum zweitenmal geboren.

Demetrius. Nicht ohne – – – – – – –
Gelang- – – – – – – –
Ich bin erwachsen in der Niedrigkeit,
Das schöne Band hab ich verehren lernen,
Das Mensch an Mensch mit Wechselneigung bindet.

König. Ihr tretet aber in ein Reich jetzt ein,
Wo andre Sitten und – – – –
Hier in der Polen Land regiert die Freiheit;
Der König selbst, wiewohl am Glanz der Höchste,
Muß oft des [mächtgen Adels] Diener sein.
Dort herrscht des Vaters heilige Gewalt,
Der Sklave dient mit leidendem Gehorsam,
Der Herr gebietet ohne Rechenschaft.

Demetrius. Die schöne Freiheit, die ich [hier gefunden]
Will ich verpflanzen [in mein Vaterland]
Ich will aus Sklaven [freie] Menschen machen,
Ich will nicht herrschen über Sklavenseelen.

König. Tuts nicht zu rasch und lernt der Zeit gehorchen.
Hört, Prinz,
Ich will Euch, Prinz, drei Lehren – – –
Befolgt sie treu, wenn Ihr zum Reich gelangt.
Ein König gibt sie Euch, ein Greis, der viel
Erfuhr, und Eure Jugend kann sie nutzen.

Demetrius. O lehrt mich Eure Weisheit, großer König!
Ihr seid geehrt von einem stolzen Volk;
Wie mach ichs, um dasselbe zu erreichen?

König. Ihr kommt vom Ausland, – – – –
Euch führen fremde Feindeswaffen ein;
Dies erste Unrecht habt Ihr gutzumachen.
Drum zeiget Euch als Moskaus wahrer Sohn,
Indem Ihr Achtung tragt vor seinen Sitten.
Dem Polen haltet Wort und – – –
Denn Freunde braucht Ihr auf dem neuen Thron,
Der Arm, der Euch einführte, kann Euch stürzen.
Hoch haltet ihn, doch ahmet ihm nicht nach.
Nicht fremder Brauch gedeiht in einem Lande,
Iwan Wasilowitsch. Kein Volk wird groß,
Es kann mit Lappen fremder Felle sich zwar behängen,
Doch lebendig muß – – – – – – –
Um Eures Landes – – – – –
Doch was Ihr auch beginnt, ehrt Eure Mutter!
Ihr findet eine Mutter!

Demetrius. O mein König!

König. Wohl habt Ihr Ursach, kindlich sie zu ehren.
Verehrt sie – zwischen Euch und Eurem Volk
Steht sie, ein menschlich teures Band. Frei ist
Die Zargewalt von menschlichen Gesetzen,
Den – – Herrscher beschränkt kein Reichsvertrag.
Dort ist nichts Furchtbares als die Natur,
Kein beßres Pfand für Eure Menschlichkeit
Hat Euer Volk als Eure Kindesliebe.
Ich sage nichts mehr. Manches muß geschehn,
Eh Ihr das goldne Widderfell erobert.
Erwartet keinen leichten Sieg.
Zar Boris herrscht mit Ansehn und mit Kraft,
Mit keinem Weichling geht Ihr in den Streit.
Wer durch Verdienst sich auf den Thron geschwungen,
Den stürzt der Wind der Meinung nicht so schnell.
– – – – – – – – – –
Doch seine Taten sind ihm statt der Ahnen.
– Lebt wohl und – – – – – – –
Ich überlaß Euch Eurem guten Glück,
Es hat Euch gerettet aus der Hand des Mords,
Es hat Euch zum zweitenmal vom Tod gerettet,
Und durch ein Wunder Euch – – – –
Es wird sein Werk vollenden und Euch krönen.

Marina. Odowalsky

Odowalsky. Nun, Fräulein, hab ich meinen Auftrag wohl
Erfüllt, und wirst du meinen Eifer loben?

Marina. Recht gut, daß wir allein sind, Odowalsky.
Wir haben wichtge Dinge zu besprechen,
Davon der Prinz nichts wissen soll. Mag er
Der Götterstimme folgen, die ihn treibt!
Er glaub an sich, so glaubt ihm auch die Welt.
Laß ihn nur jene Dunkelheit bewahren,
Die eine Mutter großer Taten ist –
Wir aber müssen hell sehn, müssen handeln.
Er gibt den Namen, die Begeisterung,
Wir müssen die Gesinnung für ihn haben.
Und haben wir uns des Erfolgs versichert
Mit kluger Kunst, so wähn er immerhin,
Daß es aus Himmelshöhn ihm zugefallen.

Odowalsky. Gebiete, Fräulein! Deinem Dienste leb ich,
Dir weih ich mich mit Gut und Blut. Ist es
Des Moskowiters Sache, die mich kümmert?
Du bist es, deine Größ und Herrlichkeit,
An die ich Blut und Leben setzen will.
Ich hab dich nicht besitzen können,
Ein güterloser – – – Vasall
Durft ich die Wünsche nicht zu dir erheben;
Verdienen aber will ich deine Gunst,
Dich groß zu machen sei mein einzig Trachten.
Mag immer dann ein andrer dich besitzen:
Mein bist du doch, wenn du mein Werk nur bist.

Marina. Drum leg ich auch mein ganzes Herz auf dich.
Du bist ein Mann der Ausführung – –
Der König meint es falsch. Ich schau ihn durch,
Ein abgeredet Spiel mit Sapieha
– – – – Zwar ists ihm wohl gelegen,
Daß sich mein Vater, dessen Macht er fürchtet,
In dieser Unternehmung schwächt, daß sich
Der Bund des Adels, der ihm furchtbar war,
In diesem fremden Kriegeszug entladet.
Doch will er selbst neutral im Kampfe bleiben.
Des Kampfes Glück – – – Siegen wir,
So denkt er – – das geschwächte Moskau;
Sind wir besiegt, so leichter hofft er uns
Sein Herrscherjoch in Polen aufzulegen.
Wir stehn allein,
Sorgt er für sich, wir sorgen für das Unsre.
– – – – – – – – – –
Du führst die Truppen nach Kiew. Dort lässest
Du sie dem Prinzen Treue schwören und mir.
Mir, hörst du? Es ist eine nötige Vorsicht.

Odowalsky. Dir! Es ist deine Sache, für die wir kämpfen.
In deine Pflichten werde ich sie nehmen.

Marina. Nicht deinen Arm bloß will ich, auch dein Auge.

Odowalsky. Sprich, meine Königin.

Marina. Du führst den Zarowitsch.
Bewach ihn gut, weich nie von seiner Seite.
Von jedem Schritt gibst du mir Rechenschaft,
Wer zu ihm naht, – – – – – –
Ja sein geheimstes Denken laß mich wissen.

Odowalsky. Vertrau auf mich.

Marina. Laß ihn nicht aus den Augen.
Sei sein Beschützer, doch sein Hüter auch.
Mach ihn zum Sieger, – – – doch so,
Daß er uns immer brauche. Du verstehst mich.

Odowalsky. Vertrau auf mich, er soll uns nie entbehren.

Marina. Kein Mensch ist dankbar. Fühlt er sich als Zar
Schnell wird er unsre Fessel von sich werfen.
Erzeigte Wohltat wird zum schweren Unrecht,
Wenn man sie wiedererstatten soll.
Der Russe haßt den Polen, muß ihn hassen,
Da ist kein festes Herzensband zu knüpfen.
– – – – – – – – Was vorgeht,
Glück oder Unglück, laß michs schleunig haben.
Ich will in Kiew deiner Boten harren.
Wie Meilenzeiger stelle deine Boten,
Fertige sie aus in jeder Tageszeit,
Und wenn du mir das Heer entvölkern solltest!
– – – – – – – – – –

Es kommen viele Edelleute

Edelleute. Haben wir uns hören lassen, Patronin? Haben wirs
recht gemacht? Wen sollen wir totschlagen? Gebiete über unsere
Arme und Säbel!

Marina. Wer will für mich zu Felde ziehn?

Edelleute. Wir alle! alle!

Marina. In Kiew ist der Musterplatz. Dort wird
Mein Vater aufziehn mit dreitausend Pferden.
Mein Schwager gibt zweitausend. Von dem Don
Erwarten wir ein Hilfsheer von Kosaken,
Die unterhalb der Wasserfälle wohnen.

[Edelleute.] Erst lös uns aus, wenn wir zu Felde sollen;
Wir sitzen fest- – – – – –
Der lange Reichstag hat uns aufgezehrt.

[Andre.] Schaff Geld, Patronin, und wir ziehen mit,
Wir machen dich zu Rußlands Königin.

Marina. Der Bischof von Kaminiek und von Kuim
Schießt Geld auf Pfandschaft her von Land und Leuten.
Verkauft, verpfändet eure Bauernhöfe,
Versilbert alles, steckts in Pferd und Rüstung.
Der beste Landwirt ist der Krieg; er macht
Aus Eisen Gold. – Was ihr in Polen jetzt verliert,
Wird sich in Moskau zehnfach wiederfinden.

Rokol. Es sitzen noch zweihundert in der Trinkstub.
Wenn du dich zeigst und einen Becher leerst
Auf ihre Gesundheit, sind sie alle dein.

Marina. Erwarte mich, du sollst mich hin geleiten.

Alle.
Du sollst Zarin werden, oder wir wollen nicht das Leben haben!

Andre. Du hast uns neu gestiefelt und gekleidet,
Wir dienen dir mit unserm Herzensblut.

Opalinsky, Ossolinsky, Zamosky und viele andere Edelleute kommen

Opanlinsky. Wir ziehen auch mit. Wir! Wir bleiben nicht
Allein zurück!

Zamosky. Wir ziehen mit. Wir wollen
Teilnehmen an der moskowitischen Beute.

Ossolinsky. Patronin, nimm uns mit. Wir wollen dich
Zu Rußlands Zarin machen.

Marina. Wer sind denn die? Es ist gemein Gesindel.

Ossolinsky. Stallknechte sind wir beim Starost von – –

Zamosky. Ich bin der Koch beim Kastellan von Wilna.

Opalinsky. Und ich der Kutscher.

Bielsky. Ich der Bratenwender!

Marina. Fy, Odowalsky, die sind doch zu schlecht.

Stallknechte. Piasten sind wir, freigeborne Polen.
Vermeng uns nicht mit schlechtem Bauergesindel.
Wir sind von Stand. Wir haben unsre Rechte!

Odowalsky. Ja, auf dem Teppich werden sie geprügelt.

[Zamosky.] Veracht uns nicht, wir haben edle Herzen.

Odowalsky. Nimm sie in Sold, gib ihnen Pferd und Stiefel,
Sie schlagen drein gleich wie der beste Mann.

Marina.- – – – – – – – – Geht!
Und zeigt euch wieder, wenn ihr menschlich ausseht.
Mein Haushofmeister soll euch Kleider geben.

[Edelleute.] Sorgst du auch dafür? Nein, dir entgeht nichts.
Gewiß, du bist zur Königin geboren.

Marina. Ich weiß, so ists; drum muß ichs werden.

Ossolinsky. Besteig den weißen Zelter, waffne dich,
Und, eine zweite Vanda, führe du
Zum sichern Siege deine mutgen Scharen.

Marina. Mein Geist führt euch, der Krieg ist nicht für Weiber.
Schwört ihr mir Treue?

Alle. Juramus! Wir schwören!

(Ziehen die Säbel)

Einige. Vivat Marina!

Andre. Russiae regina!

Mnischek. Marina

Marina. Warum so ernst, mein Vater, da das Glück
Uns lacht
Und alle Arme sich für uns bewaffnen?

Mnischek. Das eben, meine Tochter. Alles, alles
Steht auf dem Spiel; in dieser Kriegesrüstung
Erschöpft sich deines Vaters ganze Kraft.
Wohl hab ich Grund, es ernstlich zu bedenken;
Das Glück ist falsch, ich zittre vor den Folgen.

Marina. Warum- – – – – – – –

Mnischek. Gefährlich Mädchen, wozu hast du mich
Gebracht! Was bin ich für ein schwacher Vater,
Daß ich nicht deinem Dringen widerstand.
Ich bin der reichste Woiwoda des Reichs,
Der Erste nach dem König – Hätten wir
Uns damit nicht bescheiden, unsers Glücks
Genießen können mit vergnügter Seele.
Du strebtest höher – nicht das mäßge Los
Genügte dir der- – – – –
Erreichen wolltest du das höchste Ziel
Der Sterblichen und eine Krone tragen.
Ich allzu schwacher Vater möchte gern
Auf dich, mein Liebstes, alles Höchste häufen;
Ich lasse mich betören durch dein Flehn,
Ergreife- – – – – – –
Und an den Zufall wag ich das Gewisse!

Marina. Und wie, mein Vater? reut dich deine Güte?
Wer kann mit dem Geringem sich bescheiden,
Wer, dem das Höchste überm Haupte schwebte?

Mnischek. Doch tragen deine Schwestern keine Kronen,
Doch sind sie hoch [beglückt]

Marina. Was für ein Glück ist das, wenn ich vom Hause
Des Woiwods, meines Vaters, in das Haus
Des Palatinus, meines Gatten, ziehe?
Was wächst mir Neues zu aus diesem Tausch?
Und kann ich mich des nächsten Tages freuen,
Wenn er mir mehr nicht als der heutge bringt?
O unschmackhafte Wiederkehr des Alten,
O traurig leere Dasselbigkeit des Daseins!
Lohnt sichs der Müh, zu hoffen und zu streben?
Die Liebe oder Größe muß es sein,
Sonst alles andre ist mir gleich gemein.

Mnischek.- – – – – – – – – –

Marina. Erheitre deine Stirn, mein – – –
Was soll- – – – – – – –
Wenn wir zuerst, wir selbst an uns verzagen?
Laß uns der Flut vertrauen, die uns trägt!
Nicht an die Opfer denke, die du bringst,
Denk an den Preis, an das erreichte Ziel –
Wenn du dein Mädchen sitzen sehen wirst
Im Schmuck der Zarin auf dem Thron zu Moskau,
Wenn deine Enkel diese Welt beherrschen!

Mnischek. Ich denke nichts, ich sehe nichts als dich,
Mein Mädchen, dich im Glanz der Königskrone!
Ich bin besiegt, all meine Zweifel schwinden;

Marina. Noch eine Bitte, lieber süßer Vater,
Gewähre mir!

Mnischek. Was wünschest du, mein Kind?

Marina. Soll ich zu Sambor eingeschlossen bleiben
Mit der unbändgen Sehnsucht in der Brust?
Jenseits des Dniepers wird mein Los geworfen –
Endlose Räume trennen mich davon –
Kann ich das tragen? O der ungeduldge Geist
Wird auf der Folter der Erwartung liegen
Und dieses Raumes ungeheure Länge
Mit Angst ausmessen und mit Herzensschlägen.

Mnischek. Was willst du? Was verlangst du?

Marina. Laß mich in Kiew des Erfolges harren,
Dort schöpf ich jedes Neue an der Quelle.
Dort an der Grenzmark beider Reiche
Dringt jedes neugebor- – – –
Schnell bis zu mir, dort kann ich seine Post
Dem Wind ablauschen – dort kann ich die Wellen
Des Dniepers sehn, die aus Smolensko fließen,
Dort- – – – – – – – –

Mnischek. Dein Geist strebt furchtbar. Mäßge dich, mein Kind.

Marina. Ja du vergönnst mirs, ja du führst mich hin.

Mnischek. Du führst mich hin! Muß ich nicht, was du willst!

Marina. Herzvater, wenn ich Zarin bin zu Moskau,
Sieh, dann muß Kiew unsre Grenze sein.
Kiew muß mein sein, und du sollsts regieren.
Laß mich nur erst in Moskau Zarin sein,
Und große Anschläge sollen reifen.

Mnischek. Mädchen, du träumst! Schon ist das große Moskau
Zu eng für deinen Geist, du willst schon Land
Auf Kosten deines Vaterlands – –
Abreißen.

Marina.- Kiew – – – –
Dort herrschten der Waräger alte Fürsten.
– Ich hab die alten Chroniken wohl inn –
Vom Reich der Russen ist es abgerissen,
Zur alten Krone bring ich es zurück!

Mnischek. Still, still. Das darf der Woiwoda nicht hören.
(Man hört Trompeten) Sie brechen auf.

 Kapitel 2 >>