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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 99
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Achtundneunzigste Erzählung.

Zu der Zeit, da Octavius Cäsar noch nicht den Beinamen Augustus führte, sondern noch als einer von den Triumviren in Rom herrschte, war daselbst ein Edelmann, namens Publius Quintus Fulvius, der seinen Sohn Titus Quintus Fulvius, einen jungen Mann von vortrefflichen Anlagen, nach Athen sandte, um die Weltweisheit zu lernen, und ihn daselbst einem seiner ältesten Freunde, dem edlen Chremes auf das dringendste empfahl. Chremes nahm auch den jungen Titus zu sich in sein eigenes Haus, wo er ihn seinem Sohne Hegesippus zugesellte und die beiden Jünglinge von dem Philosophen Aristippus gemeinschaftlich unterrichten ließ. Da sie nun beständig bei einander waren, so wurden sie sich in ihren Gesinnungen so ähnlich, daß eine so vertraute Freundschaft und Brüderschaft zwischen ihnen entstand, welche hernach nichts als der Tod trennen konnte. Keiner von ihnen befand sich wohl oder zufrieden, wenn der andere nicht bei ihm war. Beide hatten zu gleicher Zeit ihre Studien angefangen, und da sie beide mit gleichen Fähigkeiten begabt waren, so erreichten sie auch mit gleichen Schritten auf eine rühmliche Weise die höchsten Stufen der Weltweisheit. Auf diese Art brachten sie wohl drei Jahre mit einander zu, zum großen Vergnügen des Chremes, welcher den einen nicht weniger als den anderen wie seinen Sohn betrachtete. Nach Verlauf dieser Zeit aber (weil doch einmal alles vergänglich ist), ward Chremes, der schon bejahrt war, diesem Leben entrückt, und die Jünglinge betrauerten ihn beide wie ihren leiblichen Vater so aufrichtig, daß die Freunde und Verwandten des Chremes nicht wußten, welcher von beiden über den Verlust am untröstlichsten war.

Nach einigen Monaten begab es sich, daß die Freunde und Angehörigen des Hegesippus und Titus mit ihnen jenen ermahnten, sich zu verheiraten, und daß die Ersteren ein wunderschönes Mädchen aus einem der edelsten Geschlechter in Athen für ihn aussuchten, welches Sophronia hieß und ungefähr fünfzehn Jahre alt war. Wie nun die Zeit der Vermählung nahe heran kam, bat Hegesippus einst den Titus, der Sophronia noch nicht gesehen hatte, mit ihm zum Besuch zu ihr zu gehen. Wie sie in ihr Haus kamen, und sich beide neben sie gesetzt hatten, fing Titus an, die Verlobte seines Freundes so aufmerksam zu betrachten, als wenn man ihn gedungen hätte, alle ihre Reize zu mustern; und da ihm alles an ihr über alle Maßen gefiel, und seine höchste Bewunderung erregte, so ward er unvermerkt so sehr in sie verliebt, als ein Liebhaber nur immer werden kann. Nachdem sie eine kurze Zeit bei ihr zugebracht hatten, entfernten sie sich und gingen wieder nach Hause. Sobald sich Titus in seiner Kammer allein befand, fing er an, sich in Gedanken mit der Jungfrau, die ihm so sehr gefallen hatte, zu beschäftigen und ward immer mehr von ihr entzückt, je länger er an sie dachte. Wie er endlich auf sich selbst aufmerksam ward, sagte er sich mit einem tiefen Seufzer: »Wehe Deiner Gemütsruhe, Titus! An welche Person hängst Du Dein Herz, Deine Liebe und Hoffnungen? Weißt Du denn nicht, daß sowohl das Gute, das Du von dem Chremes und von den Seinigen empfangen hast, als die herzliche Freundschaft, welche Dich mit dem Hegesippus verbindet, es Dir zur Pflicht machen, dieses Mädchen, welches seine Braut ist, so achtungsvoll wie seine Schwester zu lieben? Warum begehrst Du sie denn? Wohin lässest Du Dich denn von Deiner verführerischen Leidenschaft, wohin von der täuschenden Hoffnung verleiten? Oeffne die Augen der Vernunft; lerne Dich selbst kennen, Du Verkehrter; gieb Raum der Ueberlegung; zügle Deine ungezähmten Begierden; thue Deinen unstatthaften Wünschen Einhalt und gieb Deinen Gedanken eine andere Richtung. Unterdrücke Deine Lüsternheit im ersten Aufkeimen und überwinde Dich selbst, so lange es noch Zeit ist. Was Du begehrst, das ziemt sich nicht für Dich; was Du zu erlangen trachtest, das verwehrt Dir die Rechtschaffenheit; und wenn Du auch so gewiß wärest, als Du es nicht bist, Deine Absicht zu erreichen, so müßtest Du die Versuchung fliehen, wenn Du bedächtest, was die wahre Freundschaft von Dir fordert und was Du ihr schuldig bist. Was wirst Du dann beginnen, Titus? Du mußt Deiner ungeziemenden Liebe entsagen, wenn Du Deine Pflicht thun willst.«

Sobald er sich aber Sophronia wieder dachte, so zeigte sich ihm auch wieder alles in einem anderen Lichte, und er sagte: »Das Gebot der Liebe hat mehr Kraft, als alle anderen, und es zerbricht nicht nur die Vorschriften der Freundschaft, sondern selbst die göttlichen Gesetze. Wie oft hat nicht schon der Vater seine Tochter geliebt, der Bruder die Schwester und die Stiefmutter den Stiefsohn? Und das ist doch weit abscheulicher, als wenn ein Freund sich in das Weib des anderen verliebt, welches alle Tage geschieht. Was also die Liebe befiehlt, dem muß ich mich unterwerfen. Mögen doch Leute von reiferen Jahren sich an dasjenige binden, was recht ist! Ich darf nichts anderes wollen, als was die Liebe will. Die Schönheit dieses Mädchens ist wert, einen jeden zu entzücken; wer will es denn einem jungen Manne, wie mir, verdenken, wenn ich mich in sie verliebe? Ich liebe sie ja nicht darum, weil sie dem Hegesippus gehört, sondern ich liebe sie um ihrer selbst willen und würde sie immer lieben, sie möchte gehören, wem sie wollte. Das Schicksal allein ist Schuld, daß es sie meinem Freunde Hegesippus und nicht einem anderen zugeteilt hat, und wenn sie jemand lieben muß, wie es wegen ihrer Schönheit nicht anders möglich ist, so müßte es dem Hegesippus, wenn er es erführe, lieber sein, daß ich sie verehre, als ein anderer.«

Dann lachte er wieder über seine Thorheit, indem er von diesen Betrachtungen zu den entgegengesetzten, von jenen zu diesen und von diesen wieder zu jenen überging, und damit nicht nur diesen Tag und die folgende Nacht, sondern auch mehrere folgende Tage und Nächte zubrachte, daß ihm die Lust zum Essen und der Schlaf verging, so daß er sich vor Schwachheit zu Bette legen mußte.

Hegesippus, der ihn schon einige Tage sehr tiefsinnig gesehen hatte und ihn jetzt bettlägerig fand, betrübte sich darüber; er kam ihm nicht von der Seite und wandte allen möglichen Fleiß und Kunst an, um ihn aufzumuntern, wobei er nicht unterließ, ihn oft inständig zu bitten, ihm die Ursache seines Tiefsinns und seiner Krankheit zu entdecken. Lange suchte Titus ihn mit manchem erdichteten Vorwande hinzuhalten, bis Hegesippus seine Ausflüchte merkte und so ernstlich in ihn drang, daß er ihm unter Thränen und Seufzern antwortete: »Hegesippus! wenn es den Göttern so gefiele, so hätte ich lieber gewünscht, zu sterben, als länger zu leben, seitdem das Schicksal mich in eine Lage versetzt hat, in welcher meine Tugend auf eine solche Probe gestellt worden ist, daß sie zu meiner großen Beschämung sich hat überwinden lassen. Ich erwarte jedoch in kurzem den Lohn dafür, den ich verdiene, nämlich den Tod, welcher mir lieber sein wird, als das Leben, mit dem Bewußtsein meiner Niederträchtigkeit, die ich Dir nicht ohne große Schamröte bekennen muß, denn ich kann und darf Dir nichts verhehlen.«

Er erzählte ihm darauf die Ursache seines Trübsinns von ihrem ersten Anbeginn; den Kampf zwischen seinen verschiedenen Betrachtungen, und welche zuletzt die Oberhand behalten hätten, und entdeckte ihm, daß die Liebe zu Sophronia ihm das Leben zu verkürzen drohte; daß er einsehe, wie ungebührlich seine Liebe wäre; daß er, um sie abzubüßen, fest beschlossen hätte zu sterben; und daß er hoffte, seinen Wunsch bald erfüllt zu sehen.

Wie Hegesippus sein Bekenntnis vernahm und seine Thränen fließen sah, stand er einen Augenblick bei sich an, weil er selbst von den Reizen des schönen Mädchens eingenommen war, wiewohl nur in geringerem Maße. Doch bald besann er sich, daß das Leben seines Freundes ihm weit teurer sein müßte, als seine Neigung zu Sophronia. Die Thränen seines Freundes lockten ihm selbst Thränen in die Augen, und er gab ihm schluchzend zur Antwort: »Titus, wenn Du nicht Trost bedürftest, so würde ich Dich bei Dir selbst verklagen, daß Du unsere Freundschaft verletzen und mir Deine heftige Leidenschaft so lange verschweigen konntest. Denn wenn Du sie auch nicht für erlaubt hieltest, so durftest Du doch Deinem Freunde so wenig das unerlaubte, als das erlaubte verhehlen. Denn so wie der wahre Freund sich über die löblichen Dinge mit seinem Freunde erfreut, so sucht er ihm die unerlaubten aus dem Sinne zu reden. Doch ich will mich nur an das Gegenwärtige halten und will zu demjenigen übergehen, was Dir jetzt am notwendigsten zu sein scheint. Wenn Du in Sophronia, meine verlobte Braut, heftig verliebt bist, so wundert mich das gar nicht, und es würde mich vielmehr wundern, wenn dieses nicht wäre, da ich weiß, wie reizend sie ist und wie empfänglich Dein Gemüt für alles Edle und Liebenswürdige ist, so daß Du um desto zärtlicher lieben mußt, je vortrefflicher der geliebte Gegenstand ist. So sehr demnach Deine Liebe zu Sophronia zu billigen ist, so unrecht handelst Du gegen das Schicksal (wenn Du Dir gleich nichts davon merken lässest), indem Du es anklagst, daß es sie mir beschieden hat; weil Du Dir einbildest, daß Du sie mit besserem Fug hättest lieben dürfen, wenn sie einem anderen als mir gehörte. Wenn Du aber noch so vernünftig bist, wie Du zu sein pflegtest, so sage mir, wem anders konnte das Schicksal sie zuteilen, daß Du mehr Ursache hättest, es ihm zu verdanken, als indem es sie zu der meinigen machte? Ein jeder andere würde sie (wenn Deine Liebe auch noch so erlaubt gewesen wäre), weit lieber sich selbst, als Dir gegönnt haben. Dieses darfst Du hingegen von mir nicht erwarten, wenn Du mich so sehr für Deinen Freund hältst, wie ich es wirklich bin und zwar aus der Ursache, weil ich mich nicht erinnere, seit dem Anbeginn unserer Freundschaft irgend etwas besessen zu haben, welches Dir nicht ebensosehr zugehört hätte, als mir selbst. Wenn demnach die Sache auch schon so weit gediehen wäre, daß sie sich auf keine andere Weise mehr abhelfen ließe, so würde ich in diesem Stücke so handeln, wie in allen anderen Dingen. Allein so weit ist es noch nicht gekommen, und noch steht es in meiner Macht, sie Dir ganz allein zu überlassen; und dies bin ich entschlossen zu thun. Denn ich wüßte nicht, was Dir meine Freundschaft wert wäre, wenn ich in einer Sache, die sich füglich thun läßt, nicht meinen Wunsch nach dem Deinigen einrichten könnte. Sophronia ist freilich meine Braut; ich finde sie sehr liebenswürdig und ich habe mit Freude meiner Vermählung mit ihr entgegen gesehen; allein, da Du viel stärker empfindest als ich und dieses köstliche Kleinod viel feuriger begehrst, so sei versichert, daß sie meine Kammer nicht als meine Gattin, sondern als die Deinige betreten soll. Laß demnach Deinen Kummer fahren, verbanne Deine Traurigkeit, erlange Deine vorige Gesundheit wieder, sei fröhlich und getrost und erwarte mit freudiger Zuversicht den Lohn Deiner Liebe, welche ihn weit besser verdient, als die meinige.«

Wie Titus diese Worte des Hegesippus vernahm, fühlte er zwar seine Hoffnung sehr dadurch geschmeichelt, allein seine Vernunft machte ihn schamrot, indem sie ihm zeigte, daß das Uebermaß der Großmut seines Freundes ihm desto mehr die Pflicht auflegte, sie nicht zu mißbrauchen. Dies vermehrte seine Beklemmung, und kaum war er vermögend, ihm zu antworten: »Hegesippus! Deine edelmütige und aufrichtige Freundschaft giebt mir das beste Beispiel, wie ich mich selbst gegen Dich betragen soll. Mögen die Götter verhüten, daß ich diejenige von Dir als die meinige annehmen sollte, welche sie Dir, als dem Würdigeren, beschicken haben! Wenn sie vorausgesehen hätten, daß sie bei mir besser aufgehoben wäre, so glaube mir nur; sie würden sie weder Dir, noch einem anderen gegeben haben. Erfreue Dich demnach Deiner eigenen Wahl, des vernünftigen Rates Deiner Freunde und der Bescherung der Götter und überlaß mich dem Kummer, der mir, als dem Unwürdigeren, zum Lose gefallen ist. Überwinde ich ihn, so wird es Dir lieb sein; besiegt er mich, so werde ich von meiner Qual befreit.«

»Titus (antwortete Hegesippus), wenn meine Freundschaft mir das Recht giebt, Dich zu nötigen, mir eine Gefälligkeit zu erweisen, und wenn ich Dich irgend bewegen kann, mir zu willen zu sein, so bin ich fest entschlossen, in dem jetzigen Falle alles aufzubieten, und wofern Du meinen Bitten nicht gutwillig Gehör giebst, so werde ich alle Zwangsmittel gebrauchen, deren man sich zum besten seines Freundes zu bedienen schuldig ist, damit Sophronia Deine Gattin werde. Ich weiß, wieviel die Gewalt der Liebe vermag; ich weiß, daß sie nicht einmal, sondern oft den Verliebten ein trauriges Ende bereitet hat, und sehe ich Dich so sehr in die Enge getrieben, daß Du weder umkehren, noch Deinen Schmerz überwinden kannst; sondern, wenn Du fortfährst, mit ihm zu kämpfen, als Besiegter fallen mußt; und dann würde ich Dir gewiß bald nachfolgen. Deswegen muß mir, wenn ich Dich auch sonst nicht liebte, schon aus dieser Ursache Dein Leben teuer sein. Sophronia muß demnach die Deinige werden; denn Du würdest nicht leicht eine andere finden, die Dir so wohl gefiele; und da ich hingegen leichter meine Liebe einer anderen widmen kann, so wird Dir und mir zugleich geholfen. Ich würde mich vielleicht in diesem Stücke weniger uneigennützig zeigen, wenn die Weiber so selten und so schwer zu finden wären, wie die Freunde. Da ich nun ohne Schwierigkeit ein anderes Weib, aber nicht so leicht einen zweiten Freund wiederfinden kann, so will ich lieber jene, ich will nicht sagen verlieren (denn ich verliere sie nicht, indem ich sie Dir gebe, und mein zweites Ich wird sie nur noch glücklicher machen), sondern sie nur abtreten, um Dich nicht zu verlieren. Wenn also meine Bitten noch etwas über Dich vermögen, so überhebe Dich Deines Kummers, beglücke Dich und mich zugleich und sieh mit froher Erwartung den Freuden entgegen, welche Du Dir von dem Besitze der geliebten Person versprichst.«

Titus schämte sich zwar, Sophronia von seinem Freunde zur Gattin anzunehmen, und sträubte sich deswegen noch länger; doch da ihn von der andern Seite seine Liebe und das Zureden des Hegesippus mächtig antrieb, so sprach er endlich: »Höre, Hegesippus, ich weiß nicht, ob ich sagen soll, daß ich es mehr mir selbst, oder Dir zu Gefallen thue, wenn ich Deinen Bitten nachgebe, womit Du so sehr in mich dringst. Da aber Deine Großmut sich so weit erstreckt, daß sie meine gerechte Schamröte überwindet, so will ich es thun; allein ich versichere Dir, daß ich nie vergessen werde, daß Du mir nicht nur die geliebte Person, sondern auch mit ihr mir das Leben schenktest. Wollten die Götter (wenn es möglich wäre), daß ich Dir dereinst zu Deinem Nutzen ehrenvolle Beweise geben könnte, wie sehr Du mich dadurch beglückest, daß Du Dich meiner besser erbarmst, als ich selbst.«

Hegesippus antwortete ihm: »Damit uns unser Vorhaben nach Wunsch gelinge, Titus, so will ich Dir sagen, wie wir es nach meiner Meinung anfangen müssen: Du weißt, daß meine Verwandten und die Verwandten Sophronia's lange Zeit mit einander Unterhandlungen gepflogen haben, ehe sie meine Braut geworden ist. Wenn ich demnach jetzt erklären wollte, daß ich sie nicht zur Frau begehrte, so würde großes Aergernis dadurch gegeben werden, und ich würde mich mit meinen eigenen Freunden und mit den übrigen darüber entzweien. Wenn sie jedoch nur dadurch die Deinige würde, so würde ich mich wenig darum bekümmern; allein ich fürchte, wenn ich in diesem Augenblicke von ihr abließe, so würden ihre Eltern sie bald einem anderen und wahrscheinlicherweise nicht Dir geben, und Du würdest also das nicht erhalten, was ich verlöre. Wenn Du es demnach zufrieden bist, so will ich das, was ich angefangen habe, fortsetzen und will Sophronia als meine Braut heimführen und das Hochzeitsfest feiern, und wir wollen schon Anstalt machen, daß Du an meiner Stelle das Beilager mit ihr vollziehst. Zu gelegener Zeit wollen wir hernach die wahren Umstände entdecken. Sind sie damit zufrieden, so ist es desto besser; wo nicht, so können sie doch eine geschehene Sache nicht wieder rückgängig machen und sie werden sich zufrieden geben müssen.«

Der Anschlag gefiel dem Titus und wie dieser wieder hergestellt und bei Kräften war, empfing Hegesippus Sophronia als seine Braut in seinem Hause, feierte sein Hochzeitsfest, und wie der Abend kam, führten die Frauen die junge Braut in ihre hochzeitliche Kammer und ließen sie allein. Die Kammer des Titus war neben derselben und man konnte aus der einen in die andere gehen. Wie nun Hegesippus in seine Kammer gegangen war und das Licht ausgelöscht hatte, schlüpfte er in die Kammer des Titus und lud ihn ein, sich zu der Braut zu legen. Titus schämte sich, bereute seinen Entschluß und wollte nicht hineingehen; allein Hegesippus, dem es mit der That ebensosehr als mit Worten ernst war, ihn glücklich zu machen, schickte ihn nach langem Widerstreben in das Brautgemach. Indem sich Titus zu der Braut in's Bett legte, fragte er sie leise und gleichsam scherzend, ob sie noch seine Frau werden wollte. Sie bejahte seine Frage, weil sie glaubte, daß er Hegesippus wäre, und Titus steckte ihr darauf einen kostbaren Ring an den Finger und erklärte sich für ihren Gemahl.

Nach vollzogener Vermählung erfreute sich Titus oft und eine geraume Zeit lang seiner Liebe mit ihr, ohne daß weder sie selbst, noch irgend jemand erfuhr, daß ein anderer, als Hegesippus, ihr Lager mit ihr teilte. Indem aber die Sachen zwischen Titus und Sophronia auf diesem Fuße standen, empfing Titus die Nachricht, daß sein Vater Publius gestorben wäre, weswegen man ihn bat, eiligst nach Rom zu kommen, um seine Erbschaft anzutreten. Er beratschlagte sich demnach unverzüglich mit dem Hegesippus, wie er es anfangen sollte, abzureisen und Sophronia mitzunehmen, welches nicht füglich geschehen konnte und auch nicht geschehen mußte, ohne ihr alles zu entdecken. Sie gingen demnach erst beide mit ihr in ihre Kammer, wo sie ihr alles ausführlich bekannten, und Titus überzeugte sie von der Wahrheit durch die Erwähnung mancher kleinen Umstände, die zwischen ihnen vorgefallen waren. Sie blickte sie beide ein wenig zürnend an, und die Thränen stürzten ihr über die Wangen, indem sie sich beklagte, daß sie von Hegesippus wäre hintergangen worden. Ohne seinen Verwandten ein Wort zu sagen, ging sie nach dem Hause ihrer Eltern und erzählte ihnen den Betrug, welchen Hegesippus ihr und ihnen gespielt hätte, und daß sie die Frau des Titus geworden wäre, indem sie geglaubt hätte, mit dem Hegesippus verheiratet zu sein. Ihr Vater war darüber sehr aufgebracht, und es kam darüber zwischen ihm und seinen und Hegesippus Verwandten zu manchem Wortwechsel, wobei es sehr laut und heftig herging. Hegesippus ward beiden Teilen verhaßt, und ein jeder hielt ihn nicht nur des Tadels, sondern auch einer Strafe wert. Er selbst hingegen behauptete, völlig recht gehandelt und von Sophronia's Verwandten Dank verdient zu haben, indem er ihr einen besseren Gemahl, als er selbst wäre, verschafft hätte.

Titus, dem alles zu Ohren kam, war sehr erzürnt darüber, und weil er wohl wußte, daß die Griechen so lange drohen und Lärm machen, als ihnen niemand antwortet, hingegen bis zur Niederträchtigkeit demütig werden, sobald man ihnen die Spitze bietet, so hatte er nicht Lust, sie länger ohne Antwort fortschwatzen zu lassen, und da er atheniensischen Witz mit römischem Mute in sich vereinigte, so wußte er auf eine geschickte Weise eine Zusammenkunft zwischen Hegesipp's und Sophronia's Verwandten in einem Tempel zu veranstalten; worauf er mit dem Hegesipp ohne andere Begleitung zu ihnen hintrat und die Versammlung folgendermaßen anredete: »Es ist die Meinung vieler Weltweisen, daß alles, was die Sterblichen beginnen, von den unsterblichen Göttern vorhergesehen und bestimmt ist; und deswegen behaupten auch einige, daß alles, was geschehen ist und was geschehen wird, unbedingt notwendig sei, wiewohl andere diese Notwendigkeit bloß auf das Geschehene eingeschränkt wissen wollen. Wenn man diesen Meinungen einige Aufmerksamkeit widmet, so wird man sich bald überzeugen, daß, wer geschehene Dinge, die nicht zu ändern sind, tadeln will, sich klüger dünken muß, als die Götter, von denen wir doch voraussetzen müssen, daß sie nach ewigen und unwandelbaren Gesetzen uns und unsere Angelegenheiten regieren; so daß die thörichte und unbesonnene Verwegenheit derjenigen klar am Tage liegt, welche ihre Fügung meistern wollen, und wie sehr solche Leute verdienen, für ihre Frechheit in Ketten und Banden geschlagen zu werden. Meiner Meinung nach befindet Ihr Euch samt und sonders in diesem Falle, wenn es wahr ist, daß Ihr so gesprochen habt und noch (wie ich höre) fortfahret, darüber zu sprechen, daß Sophronia, die Ihr dem Hegesippus zugedacht hattet, meine Gemahlin geworden ist, und nicht bedenkt, daß sie von Ewigkeit her mir, und nicht dem Hegesippus zur Frau bestimmt war, wie der Erfolg jetzt beweist. Weil jedoch die Lehre von einer verborgenen Vorsehung und Absicht der Götter manchem nicht einleuchten will, welche der Meinung sind, daß die Götter sich um unsere Angelegenheiten wenig bekümmern, so will ich bloß nach menschlichen Ansichten der Dinge mit Euch reden, und in dieser Hinsicht werde ich zweierlei thun müssen, was sonst sehr wider meine Gewohnheit streitet; ich werde nämlich mich selbst ein wenig rühmen und einen anderen einigermaßen heruntersetzen oder herabwürdigen müssen. Da es jedoch zur gegenwärtigen Sache unumgänglich nötig ist, und da ich mich an keiner Seite um ein Haar von der Wahrheit entfernen werde, so muß ich mich dazu entschließen. Mehr von jähem Zorne gereizt, als durch vernünftige Gründe bewogen, Euch zu beschweren, scheltet Ihr und lästert und verdammt den Hegesippus, nicht nur durch heimliches Afterreden, sondern auch durch laute Verleumdung, weil er mir nach seiner Absicht diejenige zur Gattin verschafft hat, die Ihr nach Eurer Absicht ihm zugedacht hattet. Ich hingegen glaube, daß er dafür großes Lob verdient, weil er eines Teils die Pflicht eines Freundes erfüllt, und weil er zweitens viel klüger als Ihr gehandelt hat. Ich will Euch jetzt nicht erklären, wie weit die heiligen Gesetze der Freundschaft den einen Freund verpflichten, dem anderen zu dienen; sondern ich will mich damit begnügen, Euch daran zu erinnern, daß das Band der Freundschaft viel fester bindet, als die Bande des Blutes und der Verwandtschaft; denn die Freunde wählen wir uns selbst, und die Verwandten müssen wir nehmen, so wie sie das Schicksal uns giebt. Wenn demnach dem Hegesippus mein Leben teurer war, als Euer Wohlwollen, so muß Euch das nicht wundern, sobald Ihr mich als seinen Freund anerkennt, der ich zu sein hoffe. Doch genug hiervon. Indem ich aber zu meiner zweiten Behauptung übergehe, werde ich Euch ein wenig umständlicher zeigen müssen, inwiefern er klüger gehandelt hat, als Ihr; denn wie mich deucht, so versteht Ihr nichts von der Vorsehung der Götter, und fast noch weniger von den Gefühlen der Freundschaft. Ihr meint also nach Euren Einsichten, nach Eurem Gutdünken und nach Eurer Ueberlegung, Ihr müßtet Sophronia einem jungen Mann, einem Philosophen, und zwar dem Hegesippus zum Gemahl geben. Wohlan, Hegesippus gab sie nicht minder einem Jüngling und einem Philosophen. Euch beliebte es, sie einem Athenienser zu bestimmen; er gab sie einem Römer. Ihr wählet für sie einen edlen Jüngling; er einen noch edleren, Ihr wolltet sie mit einem reichen Manne verheiraten; er vermählte sie mit einem der reichsten. Ihr wolltet sie mit einem Jüngling versprechen, der sie kaum kannte und folglich noch weniger lieben konnte; und Hegesipp überlieferte sie in die Arme desjenigen, der sie höher schätzte als sein höchstes Glück und sein eigenes Leben.

Laßt uns dies alles, was ich gesagt habe, einzeln betrachten, und laßt uns sehen, ob es wahr und ob es löblicher sei, als was Ihr beabsichtigt hattet. Daß ich jung bin, sowohl wie Hegesippus, darüber dürft Ihr nur Eure eigenen Augen befragen, und daß ich die Weltweisheit studiert habe, so gut wie er, das wißt Ihr ohne lange Vorrede. In unseren Jahren sind wir einander gleich und mit gleichen Schritten sind wir auch in der Wissenschaft vorwärts gegangen. Es ist wahr, er ist ein Athenienser und ich bin ein Römer. Wollte man über den Vorrang unserer Vaterstätte streiten, so würde ich sagen: »Meine Vaterstätte ist frei, und die seinige ist zinsbar.« Die meine ist Gebieterin einer Welt, und Athen ist meiner Vaterstadt unterthan. Die meinige ist in der Blüte der Macht, der Waffen und der Wissenschaften, und die Vaterstadt Hegesippus hat sich nur allein der Wissenschaften zu rühmen. Ueberdies erscheine ich zwar hier unter Euch nur in der bescheidenen Gestalt eines Schülers; allein in Rom bin ich keiner der geringsten des Volkes. Meine eigenen Häuser und die öffentlichen Plätze in Rom sind voll uralter Bildsäulen meiner Vorfahren, und die römischen Jahrbücher erwähnen vieler Siegeszüge der Quintier nach dem Kapitol. Der Ruhm unseres Namens ist auch noch nicht welk geworden, sondern steht noch jetzt in seiner besten Blüte. Ich würde es verachten, meiner Reichtümer zu erwähnen; denn Armut und Erbe waren in den ältesten Zeiten das Erbteil und der Stolz der edlen Römer. Wenn aber heutigen Tages die Meinung sich geändert hat, und wenn der Mann nur nach seinem eigenen Reichtum geschätzt wird, so darf ich wohl sagen, daß nicht Geiz und Gierigkeit, sondern die Gunst des Glücks mich zum Besitzer eines ansehnlichen Vermögens gemacht hat. Ich weiß zwar wohl, daß Ihr es wünschtet, daß Ihr es noch wünscht, und nicht Unrecht habt, es zu wünschen, den Hegesippus zu Eurem Blutsfreunde zu haben; allein in mancher Rücksicht sollte es Euch doch nicht minder lieb sein, mich in Rom unter die Eurigen zu zählen, wenn Ihr bedenkt, daß Ihr an mir einen guten Gastfreund und einen nützlichen, eifrigen und mächtigen Beschützer, sowohl in Euren besonderen, als in öffentlichen Angelegenheiten finden werdet. Wer wird denn, wenn man alles ohne Vorurteil und mit kaltem Blute betrachtet, Eure Anschläge für besser halten als die Absichten meines Hegesippus? Gewiß niemand. Folglich ist Sophronia an den Titus Quintus Fulvius, einen altadeligen, reichen römischen Bürger und einen Freund des Hegesippus, sehr vorteilhaft vermählt, und wer sich darüber beklagt oder ärgert, der thut nicht, was Recht ist, und weiß selbst nicht, was er will. Vielleicht wird dieser oder jener mir einwenden, Sophronia findet sich nicht sowohl dadurch beleidigt, daß sie die Gemahlin des Titus geworden, als durch die Art und Weise, wie sie es geworden sei; durch heimliche Künste und ohne Vorwissen ihrer Eltern und Verwandten. Dies ist aber weder etwas Wunderbares, noch etwas Neues und Unerhörtes. Ich will gern von denjenigen schweigen, welche wider den Willen ihrer Eltern Männer genommen haben, oder welche mit ihren Liebhabern davon gegangen und erst Buhlerinnen gewesen sind, bevor sie Eheweiber wurden, und früher durch ihre Schwangerschaft oder Niederkunft als mit klaren Worten ihre Verheiratung kund gethan haben; und demnach hat man sich auch dergleichen Dinge wohl aus Not müssen gefallen lassen. Das ist aber Sophronia nicht widerfahren, sondern Hegesippus hat sie auf eine ehrliche und rechtschaffene Weise dem Titus gegeben. Sollten wiederum andere behaupten, derjenige, welcher sie mir vermählte, habe nicht das Recht dazu gehabt, so sind das thörichte und weibische Einwendungen, die von wenig Überlegung zeugen. Braucht denn das Schicksal nicht mancherlei ungewöhnliche Mittel und Wege, um manche Dinge zu ihrem bestimmten Ziele zu bringen? Was brauch' ich mich darum zu bekümmern, daß vielleicht ein Schuhflicker und kein Gelehrter irgend eine Sache nach seiner Weise für mich ausgerichtet hat, er mag dabei heimlich oder öffentlich zu Werke gegangen sein, sobald sie nur gut ausgefallen ist? War der Schuhflicker nicht ein gewandter Mann, so ist es meine Sache, mich in der Folge in acht zu nehmen, ihm nichts wieder anzuvertrauen; aber für das Geschehene bin ich schuldig, ihm zu danken. Hat demnach Hegesippus Sophronia glücklich verheiratet, so ist es eine lächerliche Thorheit, sich über die Art und Weise zu beklagen, wie er es gethan hat. Wenn Ihr seiner Einsicht nicht trauet, so seht Euch vor, daß Ihr ihn künftig keine Ehen mehr stiften laßt; und dankt ihm für diese. Wisset indessen, daß ich keineswegs gesucht habe, durch List oder durch Betrug dem Adel und der Reinigkeit Eures Blutes in der Person Sophronia's einen Schandfleck anzuhängen; denn obwohl ich sie verstohlenerweise zu meiner Frau gemacht habe, so kam ich doch nicht wie ein Ehrenschänder, in der Absicht ihr ihre Keuschheit zu rauben; oder wie ein Feind, um sie gewaltsamerweise zu besitzen und den Namen Eures Verwandten zu verschmähen; sondern weil ich in ihre Schönheit und Tugend heftig verliebt war und wohl wußte, daß Ihr sie mir nicht würdet gegeben haben, wenn ich auf diejenige Weise, worauf Ihr vielleicht hindeutet, um sie angehalten hätte, aus Furcht, daß ich eine von Euch so sehr geliebte Person mit mir nach Rom führen möchte; so nahm ich meine Zuflucht zu den heimlichen Anschlägen, die ich Euch jetzt gern gestehen will, und bewog den Hegesippus, sich um meinetwillen zu einer Sache willig finden zu lassen, wozu er sonst keine Neigung hatte. Bei dem allen suchte ich mir den Besitz ihrer Person (so inbrünstig verliebt ich auch war) nicht als bloßer Liebhaber zu verschaffen, sondern als ihr wirklicher Gemahl, und sie selbst wird es Euch als Wahrheit bezeugen, daß ich sie nicht eher berührt habe, bis ich mit den gewöhnlichen Worten und mit einem Ringe mich mit ihr vermählt, und auf meine Frage, ob sie mich zum Gemahl haben wollte, ihre einwilligende Antwort erhalten hatte. Wenn sie sich jetzt für betrogen hält, so muß sie nicht mir, sondern sich selbst die Schuld beimessen, indem sie mich nicht gefragt hat, wer ich wäre. Das schreckliche Übel, der unverzeihliche Fehler, das schwere Verbrechen, dessen sich Hegesippus als Freund, Titus als Liebhaber schuldig gemacht haben, besteht also darin, daß Sophronia die Gemahlin des Titus Quintus geworden ist! Deswegen verlästert Ihr den Hegesippus, droht ihm und stellt ihm nach. Was konntet Ihr mehr thun, wenn er sie an einen Bettler, einen Landstreicher, einen Knecht verheiratet hätte? Welche Fesseln, welche Kerkerstrafe, welche Martern würden Euch genügt haben? Doch genug hiervon. Es ist ein Zeitpunkt eingetreten, den ich noch lange nicht erwartet hatte; mein Vater ist gestorben, und ich sehe mich genötigt, nach Rom zu gehen, wohin ich willens bin, Sophronia mitzunehmen. Aus dieser Ursache habe ich Euch dasjenige entdeckt, was ich sonst vielleicht noch lange würde verschwiegen haben; und dies muß Euch lieb sein, sofern Ihr klug seid. Denn wenn ich Euch hätte betrügen oder beschimpfen wollen, so konnte ich Sophronia geschändet verlassen; allein, das verhüten die Götter, daß ein römischer Sinn sich jemals dergleichen Niederträchtigkeit erlauben sollte! Sophronia ist und bleibt demnach durch die Zulassung der Götter, in Kraft der Gesetze, durch den löblichen Verstand meines Hegesippus und durch angewandte List meine Gemahlin. Weil Ihr Euch aber vielleicht für weiser als die Götter, und für klüger als alle anderen Menschen haltet, so beweiset Ihr mir auf eine doppelte Art Euer Mißfallen an dieser Sache, einmal, indem Ihr mir Sophronia vorenthaltet, an welche Ihr kein weiteres Recht habt, als mir beliebt, Euch zu verstatten, und zweitens indem Ihr den Hegesippus wie Eurem Feinde begegnet, da Ihr ihm doch viel mehr Dank schuldig seid. Wie thöricht Ihr daran handelt, darüber will ich mich jetzt nicht weitläuftig auslassen; sondern ich will Euch nur als Euer Freund raten, Euren Zorn fahren zu lassen und mir meine Sophronia wiederzugeben, damit ich Euch als Euer Blutsfreund zufrieden verlasse und Euch ferner zugethan bleibe; denn dasjenige, was geschehen ist, mag Euch gefallen oder nicht, so seid versichert, daß ich, wenn Ihr nicht thut, was ich begehre, den Hegesippus mit mir nehme, und wenn ich nach Rom komme, so will ich mir diejenige, die mir mit Recht zugehört, wider Euren Dank und Willen wohl verschaffen, und Ihr sollt erfahren, was es auf sich hat, einen Römer zur Rache zu reizen und zum Feinde zu haben.«

Wie Titus dieses gesprochen hatte, erhob er sich mit zornigem Blick, nahm den Hegesippus bei der Hand, warf den Kopf in die Höhe, zum Zeichen, daß er sich um alle, die in dem Tempel versammelt waren, wenig bekümmerte, und entfernte sich mit drohender Gebärde. Diejenigen, die im Tempel zurückblieben, fühlten sich teils durch seine Rede bewogen, ihn gern als ihren Freund und Verwandten zu betrachten, teils hatten seine letzten Worte sie in Schrecken gesetzt, so daß sie es einstimmig für besser hielten (da Hegesippus sich nicht hatte mit ihnen befreunden wollen), den Titus in ihre Verwandtschaft aufzunehmen, als der Verbindung mit jenem zu entsagen und sich zugleich den Titus zum Feinde zu machen. Sie kamen demnach zu ihm und erklärten ihm, sie wären bereit, ihm Sophronia zu geben, ihn als einen lieben Verwandten und den Hegesippus als ihren Freund anzusehen. Hierauf begrüßten sie sich an beiden Seiten als Brüder und Freunde, und Sophronia ward dem Titus wieder zugesandt, sobald ihre Verwandten nach Hause kamen. Als ein vernünftiges Weib schickte sie sich in die Umstände, schenkte ihre Liebe, die dem Hegesippus war gewidmet gewesen, dem Titus und zog mit ihm nach Rom, wo sie sehr liebreich und ehrerbietig empfangen ward.

Hegesippus verlor jedoch in Athen bei jedermann alle Achtung, und bei Gelegenheit einiger bürgerlichen Unruhen ward er bald nachher nebst den Seinigen in Armut und Elend aus der Stadt vertrieben und auf immer aus ihrem Gebiete verbannt. Wie er nun in seiner Verbannung nicht nur verarmt, sondern gänzlich an den Bettelstab geraten war, half er sich mit Not und Kummer fort und kam nach Rom, um zu versuchen, ob sich Titus noch seiner erinnern würde. Da er fand, daß er noch lebte und bei allen Römern sehr beliebt war, so wartete er, nachdem er seine Wohnung ausfindig gemacht hatte, vor seiner Hausthüre, bis er herauskam; er getraute sich aber nicht, in seinem armseligen Anzuge ihn anzureden, sondern suchte nur, ihm zu Gesichte zu kommen, in der Erwartung, daß Titus ihn erkennen und zu sich rufen würde. Weil aber Titus an ihm vorbeiging, und Hegesippus meinte, er hätte ihn wohl bemerkt, aber nicht auf ihn geachtet, so verursachte das Andenken an dasjenige, was er einst für ihn gethan hatte, daß er vor Unwillen und Verzweiflung davonging. Es war schon spät des Abends und er befand sich hungrig und ohne Geld und ohne Obdach. Des Lebens müde geriet er in eine abgelegene öde Gegend der Stadt und ward eine geräumige Höhle gewahr, die er sich zum Nachtlager erkor und wo er sich schlecht genug bekleidet und bedeckt auf den bloßen Erdboden niederlegte und von Gram und Kummer betäubt endlich einschlief. Gegen den Morgen kamen zwei Räuber in die Höhle, um den Raub der vergangenen Nacht mit einander zu teilen; sie gerieten dabei in Streit, der Schwächere ward von dem Stärkeren erschlagen und dieser machte sich aus dem Staube. Hegesippus hatte Alles gehört und gesehen und glaubte durch diesen Zufall ein Mittel zu finden, sich den Tod zu verschaffen, ohne zum Selbstmörder zu werden; er blieb deswegen liegen, bis die Wächter, die den Lärm gehört hatten, hinzukamen, sich seiner bemächtigten und ihn gefangen davonführten. Wie man ihn verhörte, bekannte er, daß er den Mord begangen hätte und hernach nicht im Stande gewesen wäre, sich aus der Höhle zu entfernen. Der Prätor, Markus Varro, verurteilte ihn folglich nach dem damaligen Gebrauche zur Kreuzigung. Zufälligerweise kam Titus eben in den Richtsaal und indem er den armen Verurteilten betrachtete und hörte, weswegen er zum Tode verdammt war, erkannte er plötzlich die Gesichtszüge des Hegesippus und war sehr erstaunt, ihn in Rom und in einer so schmählichen Lage vorzufinden. Da ihm sehr daran gelegen war, seinem Freunde zu helfen, und er kein anderes Mittel zu seiner Rettung zu ersinnen wußte, als wenn er sich selbst anklagte, um ihn zu erlösen, trat er schleunigst vor und rief: »Markus Varro! Laß den armen Mann wieder zurückbringen, den Du verurteilt hast; denn er ist unschuldig. Ich habe die Götter schon genug durch die eine Sünde beleidigt, daß ich denjenigen erschlug, den Deine Wächter diesen Morgen tot gefunden haben, und ich will sie nicht zum zweiten Mal durch den Tod eines anderen Unschuldigen erzürnen.«

Varro erstaunte und er bedauerte, so viele Menschen im Richtsaale als Zeugen zu haben. Da er aber nicht mit Ehren umhin konnte, zu thun, was die Gesetze verlangten, so ließ er den Hegesippus zurückholen und sprach zu ihm in Gegenwart des Titus: »Wie konntest Du so thöricht handeln, daß Du ohne den geringsten Zwang etwas bekanntest, was Du nie begangen hast, da doch Dein Leben dabei auf dem Spiele stand! Du sagtest, Du wärest derjenige, der diese Nacht den Menschen erschlagen hätte, und nun kömmt dieser und spricht, er habe es gethan.«

Hegesippus sah sich um und fand, daß es Titus war, und er begriff sehr wohl, daß er dieses lediglich thäte, um ihm aus Dankbarkeit für die einst empfangene Wohlthat das Leben zu retten. Er weinte vor Rührung und sagte: »Varro, in Wahrheit, ich erschlug den Menschen, und das Mitleiden des Titus kömmt jetzt zu spät.«

»Prätor (sprach Titus wieder), Du siehst, dieser ist ein Fremdling, und man fand ihn ohne Waffen neben dem Erschlagenen. Du kannst wohl denken, daß ihn nur seine Dürftigkeit bewegt, den Tod zu suchen; laß ihn also frei und strafe mich, der ich es verdient habe.«

Varro wunderte sich über den sonderbaren Wetteifer der beiden und stellte sich bereits vor, daß keiner von beiden schuldig wäre. Indem er deswegen auf Mittel sann, sie beide freizugeben, trat ein junger Mensch auf, namens Publius Ambustus, ein verruchter und in ganz Rom berüchtigter Spitzbube, welcher den Mord wirklich begangen hatte, und da er am besten wußte, wie unschuldig die beiden in der That waren, wegen deren sie sich selbst anklagten, so ging ihm ihre Unschuld dergestalt zu Herzen, daß er von Mitleiden durchdrungen sich dem Prätor darstellte und sagte: »Varro, meine Thaten bringen mich dahin, die schwierige Frage zwischen diesen beiden zu entscheiden. Ich weiß nicht, welcher Gott mich zwingt und antreibt, meine Übelthat zu gestehen. Wisse denn, daß keiner von diesen beiden an dem Verbrechen schuldig ist, zu welchem sie sich bekennen. Ich aber bin wirklich derjenige, welcher jenen Menschen heute früh kurz vor Tagesanbruch tötete, und diesen Armen fand ich an eben dem Orte schlafend, wo ich meinen Raub mit demjenigen teilte, den ich hernach erschlug. Den Titus zu verteidigen wäre überflüssig, denn sein guter Ruf ist zu allgemein bekannt, und ein jeder weiß wohl, daß er nicht der Mann ist, den dergleichen Verdacht treffen kann. Laß sie demnach alle beide los und vollziehe an mir die Strafe, welche die Gesetze mir auflegen.«

Oktavius selbst hatte bereits von dieser Begebenheit gehört und ließ alle drei vor sich fordern, um von ihnen zu hören, welche Ursachen einen jeden von ihnen bewogen hätten, sich das Todesurteil zu wünschen. Sie erzählten ihm alles, und Oktavius entließ die beiden Freunde, weil sie nichts verschuldet hatten, und schenkte dem dritten das Leben um ihretwillen. Titus nahm nunmehr seinen Hegesippus zu sich, und nachdem er ihm wegen seines Kleinmuts und Mißtrauens freundschaftlich Vorwürfe gemacht hatte, führte er ihn sehr liebreich in sein Haus, wo ihn Sophronia mit zärtlichen Thränen schwesterlich empfing. Nachdem ihn Titus mit Speise erquickt und ihn seinem Stande und seinen Tugenden gemäß gekleidet hatte, teilte er mit ihm alle seine Güter und Schätze und gab ihm überdies seine Schwester Fulvia zur Gemahlin, wobei er ihm die Wahl ließ, bei ihm zu bleiben, oder mit allem, was er ihm geschenkt hatte, nach Achaia zurück zu kehren.

Hegesippus, der sich teils durch seine Verbannung gezwungen, teils von seiner Freundschaft und schuldigen Dankbarkeit gegen den Titus bewogen fühlte, entschloß sich, ein römischer Bürger zu werden. Lange lebte er mit seiner Fulvia, mit dem Titus und mit Sophronia in einem Hause froh und glücklich, und ihre Freundschaft wuchs mit jedem Tage, sofern es möglich war, daß sie noch inniger werden konnte.

So ist demnach die Freundschaft die herrlichste aller Tugenden und nicht nur der größten Achtung, sondern auch des höchsten Ruhmes würdig. Sie ist die weise Mutter der Großmut und des Wohlthuns, die Schwester der Dankbarkeit und der Menschenliebe und die Feindin des Hasses und des Eigennutzes. Unaufgefordert ist sie zu jeder Stunde bereit, anderen alles Gute zu erweisen, was sie wünschen würde, das man ihr selbst thun möchte. Allein selten findet man heutigen Tages zwei Leute, an welchen sie ihren seligen Einfluß offenbart. Dank der schändlichen Gierigkeit der Menschen, die, nur auf ihren eigenen Nutzen erpicht, jedes Gefühl der Freundschaft, weit über die Grenzen der Erde hinaus, auf immer verbannt hat. Welche Liebe, welche Schätze, welche Bande des Blutes hätten wohl den Hegesippus bewegen können, aus Mitleiden mit den Seufzern und Thränen des Titus einer schönen und geliebten Braut zu entsagen und sie ihm zu überlassen – wenn sie es nicht that? Welches Verbot, welche Drohungen, welche Rücksichten hätten die Arme des Jünglings Hegesippus abhalten können, in der einsamen Kammer, in der Dunkelheit und im eigenen Bette das schöne, junge Weib zu umschlingen, welches ihm vielleicht unschuldigerweise oft selbst Aufmunterung gab – wenn sie es nicht vermochte? Welche Verhältnisse, welche Vorteile, welche Aussichten hätten ihn bewegen können, sich weder an seine eigenen, noch an Sophronia's Verwandten zu kehren, sich um die ehrenrührigen Lästerungen des Pöbels nicht zu bekümmern und seinem Spott und Hohn Trotz zu bieten – wenn sie ihn nicht dazu antrieb?

Und an der anderen Seite, wer hätte den Titus auffordern können, da er sich füglich stellen konnte, als wenn er von nichts wüßte, sich bereitwillig zu zeigen, sein eigenes Leben aufzuopfern, um den Hegesippus vom Kreuze zu retten – wenn sie ihn nicht anspornte? Wer konnte ihn so freigebig machen, daß er ohne Bedenken die Hälfte seines großen väterlichen Erbguts dem Hegesippus hingab, welchem das Schicksal das Seinige genommen hatte – wenn sie ihm nicht seine Hand öffnen hieß? Wer hätte ihn bewegen können, sich der Armut und des Elends des Hegesippus nicht zu schämen und ihm freiwillig seine eigene Schwester zur Gattin zu geben – wenn sie ihm diesen Eifer nicht eingab?

Mögen denn immerhin die Menschen sich nach vielen Bekannten umsehen, sich viele Brüder, viele Kinder wünschen, oder mit ihrem Gelde sich eine Menge Knechte kaufen, und sich nicht darum bekümmern, ob unter diesen allen auch wohl jemand sei, der sich nicht mehr vor der geringsten ihm selbst drohenden Gefahr scheuen, als sich hüten wird, dem Vater, dem Bruder oder dem Herrn seinen Genuß zu rauben; da man hingegen den Freund ganz anders handeln sieht.

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