Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giovanni Boccaccio >

Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 92
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
Schließen

Navigation:

Einundneunzigste Erzählung.

Unter manchen andern adeligen Rittersleuten, die Florenz von Alters her in seinen Mauern gezählt hat, war Herr Ruggieri de Figiovanni einer der besten und vielleicht der vorzüglichste von allen. Als einem reichen und hochherzigen Manne schien es ihm nach der damaligen Sitte und der Art, in Toskana zu leben, daß er daselbst nicht Gelegenheit genug hätte, seine großen Eigenschaften gehörig zu zeigen, weshalb er sich entschloß, sich auf eine Zeitlang an den Hof des Königs Alphonsus von Spanien zu begeben, welcher in jenen Zeiten vor allen anderen Fürsten und Herren wegen seiner fürstlichen Tugenden besonders berühmt war. Er zog demnach mit Waffen und Pferden wohl gerüstet und mit einem ansehnlichen Gefolge von Dienern und Knechten nach Spanien und ward von dem Könige sehr gnädig empfangen. Hier that er sich durch seinen glänzenden Aufwand und durch seine ritterlichen Handlungen sehr bald hervor, und zeigte sich als einen tapferen und verständigen Rittersmann. Nachdem er sich nun schon lange in Spanien aufgehalten und das Benehmen des Königs beobachtet hatte, schien es ihm, daß dieser bald dem einen, bald dem andern, ohne Auswahl Schlösser, Städte und Landgüter schenkte, und sie manchmal demjenigen gab, der sich wenig daraus machte, und da er selbst gar nichts geschenkt bekam, so glaubte er (weil er nicht weniger auf sich hielt, als er wert war), daß seine Ehre dadurch sehr gekränkt würde; daher er sich wieder zur Abreise entschloß und vom Könige Abschied nahm. Der König erteilte ihm denselben und schenkte ihm eines der schönsten Maultiere, welches dem Herrn Ruggieri bei seiner vorhabenden langen Reise sehr zu statten kam.

Der König befahl indessen einem vertrauten Diener, auf irgend eine Art Gelegenheit zu suchen, mit ihm zu reiten, ohne daß es jedoch den Anschein hätte, als wenn der König ihn abschickte, und sich alles, was Ruggieri von ihm sagen würde, so zu bemerken, daß er es ihm wieder erzählen könnte, und ihm dann am folgenden Tage den Befehl des Königs zu melden, zu ihm wieder zurück zu kommen.

Der Diener gab Achtung, wie Ruggieri aus der Stadt ritt, und fand bald Gelegenheit, unter dem Vorwande, daß er auch nach Italien reisen wollte, mit ihm Gesellschaft zu machen. Indem nun Ruggieri das Maultier ritt, das ihm der König geschenkt hatte, und sich mit seinem Gefährten in allerlei Gespräche einließ, sagte dieser unter andern, wie es ungefähr um die dritte Morgenstunde war: »Ich dächte, wir könnten auch unsere Tiere einmal stallen lassen.« Man hielt also still, und alle Tiere stallten, bis auf das Maultier des Ruggieri. Man ritt demnach weiter, und der königliche Diener fuhr fort, auf alle Worte des Ritters zu merken. Indessen kam man an einen Fluß, wo man die Tiere trinken ließ, und nun stallte das Maultier des Ritters mitten im Wasser.

»Daß Dich der Himmel züchtige, Du Bestie! (sprach Ruggieri). Du bist ebenso, wie der Herr, der Dich mir geschenkt hat.«

Diese Worte merkte sich der königliche Diener; denn obwohl er den ganzen Tag über alles, was Ruggieri sagte, aufmerksam beobachtet hatte, so hatte er doch nichts von ihm gehört, als was zum größten Lobe des Königs gereichte. Wie sie nun am folgenden Morgen wieder zu Pferde stiegen, um sich auf den Weg nach Toskana zu machen, that der Diener dem Ritter den Befehl des Königs kund, worauf Ruggieri den Augenblick umlenkte.

Wie der König hörte, was Ruggieri von dem Maultiere gesagt hatte, ließ er ihn zu sich rufen, empfing ihn sehr gnädig und fragte ihn, warum er ihn mit seinem Maultiere, oder sein Maultier mit ihm verglichen hätte.

Ruggieri antwortete ihm freimütig: »Sire, ich verglich das Maultier mit Euch, weil Ihr Geschenke macht, wo sie übel angewandt sind, und denen nichts schenkt, die es Euch danken würden; so wie das Maultier nicht stallte, da wo es sich schickte, sondern zur Unzeit, wo es sich nicht schickte.«

»Herr Ruggieri (antwortete der König), wenn ich Euch keine Geschenke gemacht habe, so wie manchen anderen, die es viel weniger verdienten als Ihr, so kömmt es nicht daher, daß ich Euch nicht für einen trefflichen Rittersmann und der trefflichsten Ehrengeschenke würdig gehalten hätte: sondern der Zufall allein ist Euch nicht günstig gewesen. Daß nur dieser und nicht ich Schuld daran gewesen sei, davon will ich Euch einen überzeugenden Beweis geben.«

»Es verdrießt mich nicht, gnädiger Herr, (versetzte Ruggieri) daß ich von Euch kein Geschenk erhalten hatte, weil ich es mir nicht wünschte, reicher zu werden; sondern es verdroß mich nur, daß Ihr nicht auf irgend eine Weise meinem Verdienste ein rühmliches Zeugnis widerfahren ließet. Nichtsdestoweniger nehme ich Eure Rechtfertigung als gültig und befriedigend an, und bin bereit, dasjenige zu sehen, was Ihr mir zeigen wollt; wiewohl ich auch ohne weiteres Zeugnis Euch willig glaube.«

Der König führte ihn hierauf in einen großen Saal, in welchem er zwei große verschlossene Kisten hatte aufstellen lassen. »Herr Ruggieri, in einer dieser Kisten ist meine Krone, das königliche Zepter, der Reichsapfel und viele von meinen besten Gürteln, Mantelhaken, Ringen und anderen kostbaren Kleinoden. Die andere ist mit nichts als Erde gefüllt. Wählet Euch eine davon und betrachtet sie als Euer Eigentum; vielleicht werdet Ihr sehen, ob ich oder das Glück bisher unerkenntlich gegen Eure Verdienste war.«

Herr Ruggieri gehorchte dem Willen des Königs und wählte eine von den Kisten, welche der König gleich zu öffnen befahl, und es fand sich, daß er diejenige gewählt hatte, die mit Erde gefüllt war.

Der König sprach hierauf lächelnd zu ihm: »Ihr seht nun, Herr Ruggieri, wie wahr dasjenige ist, was ich Euch von Eurem Schicksale gesagt habe, allein Eure Tugenden verdienen, daß ich mich den Wirkungen seines Eigensinnes widersetze. Ich weiß, daß Ihr nicht geneigt seid, Euch in Spanien niederzulassen; deswegen schenke ich Euch hier weder Schloß noch Land, sondern jene Kiste, die Euch das Schicksal nicht gönnte, die ich Euch aber ihm zum Trotz schenke, um sie mit in Euer Land zu nehmen, und mein Geschenk, als einen Beweis Eurer Verdienste, zu Eurem Ruhme bei Euren Landsleuten aufzuweisen.«

Ruggieri nahm die Kiste, dankte dem Könige dafür, wie es sich für ein so kostbares Geschenk gebührte, und kehrte vergnügt nach Toskana zurück.

*

 << Kapitel 91  Kapitel 93 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.