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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Achte Erzählung.

Es war einmal vor langer Zeit in Genua ein angesehener Mann, namens Messer' Ermino de' Grimaldi, welcher nach Jedermanns Meinung die begütertsten Bürger, die damals in Italien lebten, bei weitem an Reichtum übertraf; allein, so wie er es Jedermann an Reichtum zuvor that, so übertraf er auch an Geiz den kärgsten Filz in der Welt im höchsten Maße; so daß er nicht nur seine Börse nie zog, um andern gütlich zu thun, sondern daß er auch sich selbst die notwendigsten Bedürfnisse versagte; und wider die Gewohnheit der Genueser, die sich gerne prächtig kleiden mögen, mangelte es ihm nicht nur an anständiger Kleidung, sondern er darbte sich's auch ab am Essen und Trinken, um nur sein Geld nicht auszugeben. Deswegen nannte man ihn auch nicht mehr bei seinem Familiennamen Grimaldi, sondern er hieß allenthalben nur Messer Ermino Avarizia.

Indem nun dieser nichts that, als geizen und Reichtümer anhäufen, kam einst nach Genua ein angesehener Hofmann von feinen Sitten und Reden, namens Guglielmo Borsiere, der in keinem Stücke unsern heutigen Höflingen glich, welche trotz ihrer verderbten und schändlichen Sitten sich Herren und Edelleute nennen wollen, und doch lieber Esel heißen sollten, weil sie eher in dem Schlamme der Laster und Niederträchtigkeiten des gemeinsten Pöbels, als am Hofe scheinen erzogen zu sein; und statt, daß zu jenen Zeiten das Geschäft und das Bestreben der Hofleute darin bestand, daß sie Frieden machten, da wo Zank und Streit zwischen Biedermännern entstanden waren, oder Heiraten, Verwandtschaften und Freundschaften stifteten, mit unterhaltenden Scherzen und angenehmen Reden das Gemüt der Niedergeschlagenen erheiterten und den Hof vergnügten, und mit ernstlichen Strafreden, wie Väter, die Fehler und Laster tadelten; und das alles, ohne großen Lohn dafür zu erwarten: so sieht man sie heutigen Tages nur ihre Zeit damit zubringen, daß sie einer von dem andern afterreden, Zwietracht ausstreuen, lasterhafte und gottlose Reden führen, und was noch schlimmer ist, gottlose Handlungen vor Jedermanns Augen begehen, und sich dann einander alle ihre Bosheiten und Schandthaten, wahr oder unwahr, öffentlich vorwerfen, und gute Menschen durch allerlei falsche Vorspiegelungen zu niederträchtigen und lasterhaften Schritten verführen; und derjenige wird am liebsten gehalten und von den verderbten Großen am meisten geehrt, und durch die größten Belohnungen empor gehoben, der die schändlichsten Reden führt und die verworfensten Handlungen begeht: zur großen Schande und Vorwurf für die jetzige Welt und zum offenbaren Beweise, daß die Tugenden bei uns verschwunden sind, und das elende Menschengeschlecht im Schlamm der Laster versinken lassen.

Doch damit ich dem Faden wieder folge, von welchem ich mich, durch gerechten Unwillen bewogen, weiter entfernt hatte, als ich wollte, so sage ich, daß dieser Guglielmo, den ich vorher nannte, von allen Edelleuten in Genua geehrt und gerne gesehen ward. Wie er einige Zeit in Genua gewesen war und vieles von dem Geiz und der Filzigkeit des Ermino gehört hatte, ward er neugierig, ihn zu sehen. Messer' Ermino hatte schon gehört, daß Guglielmo Borsiere ein trefflicher Mann wäre, und da er bei all' seinem Geize doch auch ein Fünkchen von guter Aufführung besaß, so empfing er ihn mit sehr freundlichen Worten und mit vergnügter Miene, ließ sich in verschiedene Gespräche mit ihm ein, und führte während der Unterredung ihn und einige Genueser, die mit ihm gekommen waren, in ein schönes, neues Haus, das er hatte bauen lassen; und wie er ihm alles darin gezeigt hatte, sprach er zu ihm: »Messer' Guglielmo, Ihr habt doch vieles gesehen und gehört, könnt Ihr mir nicht eine Sache anzeigen, die man noch nie gesehen hat, damit ich sie hier in meinem Hause könnte malen lassen?«

Guglielmo antwortete ihm auf sein wunderliches Anmuten: »Mein Herr, ich glaube nicht, daß ich Euch etwas nennen könnte, das man noch nie gesehen hätte, es wäre denn das Niesen, oder etwas dem Aehnliches; allein ich wollte Euch wohl etwas nennen, das Ihr selbst (wenigstens wie ich glaube) nie gesehen habt.«

»Und was wäre denn das?« fragte Ermino.

»Laßt die Leutseligkeit malen«, antwortete Guglielmo.

Bei diesen Worten fühlte sich Messer' Ermino plötzlich von solcher Scham durchdrungen, daß sie ihn bewog, seine Gesinnung völlig umzuändern, und er versetzte: »Herr Guglielmo, ich will sie dergestalt schildern lassen, daß weder Ihr, noch ein anderer, mir jemals wieder mit Recht den Vorwurf machen sollt, ich hätte sie nie gesehen, noch gekannt.« Und von dem Tage an wirkten die Worte des Guglielmo so stark auf ihn, daß er der freigebigste und geselligste Mann von der Welt ward und Fremde und Einheimische mit mehr Gastfreiheit aufnahm, als irgend ein anderer Genueser.

*

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