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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 89
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Achtundachtzigste Erzählung.

In Florenz war einmal ein Mann, der wegen seiner Freßbegierde, in welcher er jedermann übertraf, und die er nicht anders, als auf Kosten anderer Leute zu befriedigen vermögend war, von allen Leuten Ciacco (das Schwein) genannt ward; übrigens war er in seiner Aufführung manierlich genug, war immer mit munteren und lustigen Einfällen bei der Hand, jedoch mehr zum Sticheln und Afterreden, als zu Schmeichelei aufgelegt, und ein fleißiger Besucher der Reichen, die eine gute Tafel hielten, so daß er sich so oft als möglich, gebeten oder ungebeten, zum Mittag- oder Abendmahl bei ihnen einzufinden pflegte. Zugleich befand sich auch in Florenz ein anderer Mensch, namens Biondello, klein und zierlich von Person, geschniegelt wie ein Balsambüchschen mit einem blonden, krausen Köpfchen, auf welchem unter dem zierlichen Barett auch kein Haar in Unordnung lag, und welcher eben dieselbe Hantierung wie Ciacco trieb. Diesem begegnete Ciacco einmal an einem Fasttage des Morgens, wie er eben am Fischmarkte ein Paar große Lampreten für Herrn Vieri de' Cerchi kaufte. Er machte sich sogleich an ihn und fragte ihn: »Wohin willst Du mit den Lampreten?«

Biondello antwortete: »Gestern Abend hat Herr Corso Donati drei noch schönere, als diese, und einen Stör geschickt bekommen. Weil er aber daran noch nicht genug hatte, um einigen Herren, die er bewirten will, zu essen zu geben, so hat er mir aufgetragen, ihm noch ein Paar zu kaufen. Kömmst Du nicht auch hin?«

»Du kannst glauben, daß ich nicht wegbleiben werde,« sprach Ciacco. Wie er nun meinte, daß es Zeit wäre, ging er zu Herrn Corso und fand ein paar Freunde bei ihm, mit denen er im Begriffe war, zu Tische zu gehen. Herr Corso fragte ihn, was er machte, und er gab ihm zur Antwort: »Mein Herr, ich komme, um mit Euch und mit Euren Freunden zu essen.«

»Du bist willkommen (sprach Herr Corso), wir wollten eben zu Tische gehen.« Sie setzten sich also nieder und es wurden zuerst Linsen, und eingemachter Thunfisch aufgetragen, und hernach eine Schüssel gebratener Fische aus dem Arno, und das war alles. Ciacco merkte nun, daß ihn Biondello angeführt hatte, welches ihn nicht wenig ärgerte, und er nahm sich vor, ihn dafür zu bezahlen. Es dauerte auch nicht lange, bis er dem Biondello begegnete, der in der Zwischenzeit schon manchen mit der Erzählung seines Streiches belustigt hatte. Sobald ihn dieser gewahr ward, grüßte er ihn und fragte ihn spöttelnd, wie ihm die Lampreten des Herrn Corso geschmeckt hätten.

»Ehe acht Tage vergehen (sprach Ciacco), sollst Du besser davon nachsagen können, als ich.« Er säumte auch nicht, sondern ging hin und mietete einen durchtriebenen Kerl, dem er eine große, leere Flasche in die Hand gab und mit sich nach den Weinbuden nahm, wo er ihm von ferne einen Kavalier, namens Filippo Argenti, zeigte, der ein großer, nerviger und zugleich ein sehr jähzorniger, hitziger, wunderlicher Mann war.

»Geh hin (sprach er zu ihm) mit dieser Flasche zu dem Herrn dort und sage: ›Mein Herr, Biondello, schickt mich zu Euch und läßt Euch bitten, ihm diese Flasche mit Eurem besten Roten zu füllen, weil er sich mit seinen Spießgesellen ein wenig zu gute thun will.‹ Nimm Dich aber ja in acht, daß er Dich nicht beim Schopfe kriegt, er möchte Dir sonst übel mitspielen, und Du würdest mir meinen Spaß verderben.«

»Soll ich ihm sonst noch etwas sagen?« fragte der Kerl.

»Nichts weiter (sprach Ciacco). Geh nur hin und wenn Du ihm dieses gesagt hast, so komme wieder mit der Flasche und hole Deinen Lohn ab.«

Der Kerl ging hin und bestellte die Botschaft. Herr Filippo, der eben kein heller Kopf war, glaubte, daß Biondello, den er wohl kannte, ihn aufziehen wollte. Er ward im ganzen Gesicht rot und rief: »Was will er mit seinem Flaschenfüllen und mit seinen Spießgesellen? Hole der Henker Dich und ihn.« Damit stand er auf und wollte den Kerl anpacken; allein er war auf seiner Hut und machte sich aus dem Staube, kam wieder zu Ciacco, der von ferne zugesehen hatte, und sagte ihm, was Herr Filippo ihm geantwortet hätte. Ciacco war vergnügt, bezahlte den Kerl, und eilte, den Biondello aufzusuchen. Sobald er ihn fand, fragte er ihn: »Bist Du heute schon in den Weinbuden gewesen?«

»Nein (sprach Biondello); warum fragst Du mich danach?«

»Ich wollte Dir nur sagen (sprach Ciacco), daß Herr Filippo sich nach Dir erkundigt hat. Er will Dich vermutlich sprechen.«

»Gut! (sprach Biondello) ich will hingehen und ihn fragen.«

Biondello ging fort und Ciacco folgte ihm nach, um zu sehen, wie der Handel ablaufen würde. Filippo, der den Boten nicht hatte erwischen können, war gewaltig aufgebracht und ärgerte sich innerlich, weil er aus den Worten des Kerls nichts anderes schließen konnte, als daß Biondello sich von jemand hätte gebrauchen lassen, um ihn zum Narren zu haben. Indem ihn dies wurmte, kam Biondello ihm in den Wurf, und wie er ihn kaum gewahr ward, ging er auf ihn zu und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige.

»Mein Himmel, Herr Filippo! was habt Ihr?« rief Biondello.

Filippo aber faßte ihn bei den Haaren, warf ihm das Barett vom Kopfe, zerriß ihm seine Kappe und schrie, indem er ihn durchprügelte: »Du Schelm, ich will Dich lehren, zu mir zu schicken, Flaschen für Dich und Deine Spießgesellen zu füllen. Bin ich ein Knabe, den Du so necken darfst?« Mit diesen Worten fuhr er fort, ihn ein Paar Fäuste fühlen zu lassen, die wie eisern auf ihn niederschmetterten, er zerbläute ihm das ganze Gesicht, ließ ihm kein Haar am Kopfe, wälzte ihn im Kot und zerriß ihm die Kleider; kurz, er bearbeitete ihn dermaßen, daß er vom Anfang bis zu Ende nicht zu Worte kommen oder auch nur fragen konnte; warum er ihm so mitspielte. Er hörte ihn wohl von Flaschenfüllen und Spießgesellen reden, allein er wußte nicht, was das alles bedeuten sollte. Nachdem ihn Herr Filippo weidlich durchgeprügelt hatte und die vielen Umstehenden ihn endlich mit genauer Not ganz zerschlagen und zerlumpt seinen Fäusten entzogen, sagten ihm diese, warum ihn Filippo so geprügelt hätte, und machten ihm Vorwürfe, daß er sich hatte einfallen lassen, eine solche Botschaft an einen Mann zu schicken, von dem er nunmehr wohl merkte, daß er nicht mit sich scherzen ließe.

Biondello verantwortete sich mit Thränen in den Augen und beteuerte, daß er nie zu Herrn Filippo nach Wein geschickt hätte. Nachdem er seine Kleider wieder ein wenig in Ordnung gebracht hatte, ging er traurig und mißmutig nach Hause und konnte sich leicht einbilden, daß Ciacco ihm diesen Streich gespielt hätte. Wie ihm nach langer Zeit die braunen und blauen Brauschen endlich wieder vergangen waren, und er wieder aus dem Hause gehen konnte, begegnete ihm Ciacco und fragte ihn hohnlachend: »Biondello, wie hat Dir der Wein des Herrn Filippo geschmeckt?«

»Wollte Gott (sprach Biondello), daß Dir die Lampreten des Corso ebenso bekommen wären!«

»Künftig steht es bei Dir (sprach Ciacco), wenn Du mir einmal wieder so gut willst zu essen verschaffen, wie Du gethan hast. Ich will Dir auch ebenso gut einschenken lassen, wie neulich.«

Biondello fühlte wohl, daß es ihm schwer werden würde, seine Rache an Ciacco auszulassen; er bat also nur den Himmel um Frieden vor ihm und nahm sich wohl in acht, ihn nie wieder zu necken.

*

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