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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 87
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Sechsundachtzigste Erzählung.

In der Ebene von Mugnone lebte ein ehrlicher Mann, der den Wandersleuten für ihr Geld zu essen und zu trinken gab, und der auch wohl im Fall der Not, so gut seine kleine Hütte und seine ärmlichen Umstände es gestatteten, zwar eben nicht einem jeden, aber doch einem oder dem anderen Bekannten ein Nachtlager bei sich einräumte. Die Frau dieses Mannes war ein recht hübsches Weibchen, und er hatte zwei Kinder mit ihr. Das älteste war ein schönes, flinkes Mädchen von fünfzehn bis sechszehn Jahren, und das jüngste, welches noch kein Jahr alt war, lag noch an der Brust seiner Mutter. Auf das Mädchen hatte ein feiner, artiger Jüngling von guter Herkunft aus Florenz, der sich oft in ihrer Gegend aufhielt, ein Auge geworfen, und sich heftig in sie verliebt. Das Mädchen, welches sich's zur Ehre anrechnete, von einem solchen jungen Manne geliebt zu sein, und sich deswegen bemühte, ihn durch ein gefälliges Wesen aufzumuntern, verliebte sich darüber selbst in ihn, und mehr als einmal hätten sie beide gerne ihre geheimen Wünsche befriedigt, wenn nicht der Jüngling, der sich Pinuccio nannte, gefürchtet hätte, den guten Ruf des Mädchens und seinen eigenen in Gefahr zu setzen. Da inzwischen seine Glut sich von Tag zu Tag vermehrte, so sehnte sich Pinuccio doch endlich nach ihrem Besitze, und es fiel ihm ein, sich eine Gelegenheit zu verschaffen, um sich bei ihrem Vater eine Nacht zu verbergen, in der Meinung, daß er alsdann wohl Mittel finden würde, mit ihr zusammen zu kommen, weil er die Hausgelegenheit sehr gut kannte. Er säumte auch nicht lange, seinen Anschlag auszuführen, und nahm einen vertrauten Freund, namens Adrino, der um sein Liebesverständnis wußte, zum Begleiter mit. Sie mieteten an einem Abend ein paar Postgäule, schnallten jedem ein Felleisen auf, das vielleicht nur mit Stroh gefüllt war, ritten aus Florenz und kamen durch einen kleinen Umweg in die Ebene von Mugnone herab geritten, indem es schon Nacht ward, und wandten hierauf, als wenn sie von Romagna kämen, nach dem Hause des ehrlichen Gastwirts, wo sie anklopften, und wo ihnen, weil sie ihm beide sehr wohl bekannt waren, unverzüglich aufgemacht ward.

»Höre (sprach Pinuccio zu ihm), Du mußt uns heute ein Nachtlager geben. Wir dachten noch zur rechten Zeit nach Florenz zu kommen; allein wir haben trotz aller Anstrengung um diese Zeit nicht weiter als bis hierher kommen können.«

»Du weißt wohl, Pinuccio (antwortete der Wirt), wie schlecht ich eingerichtet bin, um Leute, wie ihr seid, zu betten; da Euch aber die Nacht übereilt hat, und es nicht mehr Zeit ist, weiter zu gehen, so will ich Euch gerne beherbergen, so gut ich kann.«

Die jungen Leute stiegen demnach ab, gingen in das Hüttchen, beschickten zuvörderst ihre Gäule und setzten sich dann mit dem Wirt nieder, um ihr Abendessen mit demjenigen zu halten, was sie in ihren Schnappsäckchen mitgebracht hatten. Der Wirt hatte nur ein einziges kleines Kämmerchen, in welchem, so gut es sich thun ließ, drei Betten aufgemacht wurden, die jedoch so nahe bei einander standen, daß man kaum zwischen ihnen durchgehen konnte. Den beiden Gästen räumte der Wirt das beste von den dreien ein und bat sie, sich niederzulegen. Wie sie nach einer kleinen Weile sich stellten, als wenn sie schliefen, aber beide noch wach waren, ließ der Wirt seine Tochter eines von den beiden übrigen Betten einnehmen, und in das andere legte er sich selbst mit seiner Frau, welche darauf die Wiege mit dem kleinen Kinde an die Seite ihres Bettes stellte. Wie dies alles in Ordnung gebracht war, und Pinuccio, welcher alles gesehen und bemerkt hatte, nach einer Zeit glaubte, daß jedermann im Zimmer schon schliefe, stand er leise auf, ging nach dem Bette des Mädchens, legte sich zu ihr und ward von ihr mit Vergnügen, wiewohl nicht ohne eine Mischung von Furcht empfangen, und überließ sich mit ihr den Freuden, wonach sie sich beide längst gesehnt hatten.

Indem Pinuccio bei dem Mädchen war, traf es sich, daß die Katze etwas umstieß und ein Gepolter verursachte, wovon die Frau erwachte, und weil sie fürchtete es möchte Schaden geschehen sein, so stand sie im Finstern auf und ging nach dem Orte, wo sie das Geräusch gehört hatte. Adrino, der sich um dieses nicht bekümmerte, stand indessen zufälliger Weise wegen irgend eines Naturbedürfnisses gleichfalls auf, und wie er hinausgehen wollte, stand ihm die Wiege im Wege, die er deswegen von der Seite rückte, und sie vor sein eigenes Bett schob. Wie er seinem Bedürfnis abgeholfen hatte, stieg er wieder in sein Bett und bekümmerte sich nicht weiter um die Wiege.

Nachdem die Wirtin herumgesucht und gefunden hatte, daß nichts von Bedeutung umgefallen war, hielt sie es nicht für nötig, Licht anzuzünden, sondern schalt die Katze und ging wieder in ihr Zimmer, und tappte im Finstern richtig bis an das Bett ihres Mannes. Wie sie aber die Wiege nicht vor demselben fand, dachte sie bei sich: »O weh mir! Da hätt ich wahrlich bald einen schönen Streich gemacht und wäre gerade zu meinen Gästen in's Bett gestiegen.« Sie ging also ein wenig weiter, bis sie die Wiege fand, legte sich in das Bett vor welchem diese stand, und folglich zu Adrino, indem sie glaubte, sich bei ihrem Manne niederzulegen. Adrino, der noch nicht wieder eingeschlafen war, empfing sie mit Freuden und ohne ein Wort zu sagen, legte er sich ihr an Bord und enterte wie ein tapferer Freibeuter, zum großen Behagen des Weibchens.

Indem die Sachen so standen, fing Pinuccio an, zu besorgen, daß ihn der Schlaf überraschen möchte, und da er sich nach Herzenswunsch mit ihr vergnügt hatte, so stand er auf, um wieder nach seinem eigenen Bette zu gehen. Wie er aber die Wiege vor demselben stehen fand, glaubte er an das Bett des Wirts gekommen zu sein, ging also weiter und legte sich wirklich zu dem Wirte, welcher darüber erwachte. Pinuccio welcher glaubte, neben seinem Kameraden zu liegen, sagte: »Ich kann Dir versichern, daß die Niccolosa ein seltenes Leckerbißchen ist. Beim Himmel, ich habe mir weidlich mit ihr zu gute gethan und in der kurzen Zeit ein halb Dutzend Gänge mit ihr gewagt.«

Der Wirt, dem die Worte, die er hörte, keinen Spaß machten, dachte ernstlich bei sich selbst: was Teufel will der Mensch hier? Darauf sprach er mehr zornig, als mit Überlegung: »Pinuccio, Du hast einen bösen Bubenstreich begangen, und ich wüßte nicht, wie ich das um Dich verdient hätte. Aber beim Himmel, ich will Dich dafür bezahlen!«

Pinuccio, der nicht der besonnenste Jüngling von der Welt war, dachte nicht daran, wie er seinen Irrtum gewahr ward, ihn so bald als möglich wieder gut zu machen, sondern er gab ihm zur Antwort: »Womit willst Du mich bezahlen? Was kannst Du mir thun?«

Die Wirtin, die noch immer glaubte, bei ihrem Mann zu liegen, sagte zu Adrino: »Ach, höre doch unsere Gäste; sie scheinen mit einander zu zanken.«

»Laß sie zanken! (sprach Adrino lachend) Hol' sie der Henker! sie haben gewiß gestern Abend zu viel getrunken.«

Jetzt besann sich die Wirtin, daß sie ihren Mann hatte schelten hören, und da sie die Stimme des Adrino erkannte, so merkte sie nunmehr, wo und bei wem sie gewesen war. Sie stand deswegen klüglich und ohne ein Wort zu sagen auf, nahm eiligst im Dunkeln die Wiege, rückte sie neben das Bett ihrer Tochter und legte sich bei ihr nieder. Hierauf rief sie, als wenn sie eben aus dem Schlafe erwachte, ihren Mann und fragte ihn, was er mit dem Pinuccio zu zanken hätte.

»Hörst Du nicht, wie er sagt (sprach dieser), daß er diese Nacht mit der Niccolosa zu thun gehabt hat.«

»Das lügt er in seinen Hals (sprach die Wirtin), daß er bei der Niccolosa geschlafen hätte. Ich selbst habe bei ihr gelegen und habe die ganze Zeit über keinen Schlaf in den Augen gehabt, und Du bist nicht gescheit, wenn Du ihm glaubst. Ihr sauft des Abends so viel, daß Ihr hernach die ganze Nacht träumt und im Schlaf umherwandelt, ohne zu wissen wohin, und meint dann Wunderdinge gethan zu haben. Es ist schade, daß Ihr nicht Hals und Bein brecht. Was hat Pinuccio dort zu thun? Warum bleibt er nicht in seinem eigenen Bette?«

Wie Adrino merkte, wie klüglich die Wirtin ihre eigene und ihrer Tochter Schande bedeckte, rief er ebenfalls: »Pinuccio, ich habe Dir wohl hundertmal gesagt, Du sollst Dir das Nachtwandeln und das Schwatzen im Traum abgewöhnen. Du wirst Dich wahrhaftig noch einmal damit in's Unglück bringen. Komm zurück in Henkers Namen!«

Wie der Wirt hörte, was seine Frau und Adrino sagten, glaubte er in allem Ernst, daß Pinuccio träumte; er packte ihn also beim Arm, rüttelte ihn und rief ihm zu: »Pinuccio, steh auf und geh wieder in Dein Bett.«

Pinuccio machte sich die Winke zu Nutze, die man ihm gab, und fing an, wie ein Träumender, noch allerlei närrisches Zeug zu schwatzen, worüber der Wirt herzlich lachte. Endlich stellte er sich, als wenn er von dem Rütteln erwachte und rief seinem Kameraden zu: »Was? Ist's denn schon Tag, daß Du mich rufst, Adrino?«

»Ja, ja; komm nur her,« sprach Adrino.

Pinuccio stellte sich noch immer schläfrig, stand endlich auf und ging wieder zu Adrino in's Bett. Beim Aufstehen des Morgens lachte der Wirt ihn aus und neckte ihn mit seinen Träumen. Unter mancherlei Scherzreden zäumten die Jünglinge ihre Gäule wieder auf, schnürten ihr Bündel, tranken einen Schluck mit dem Wirt, stiegen zu Pferde und ritten nach Florenz, nicht minder vergnügt über die Art und Weise, wie ihr Abenteuer abgelaufen war, als über den Genuß, den es ihnen verschafft hatte. Pinuccio fand hernach andere Mittel, um wieder mit seiner Niccolosa zusammen zu kommen. Diese versicherte ihrer Mutter, daß er wirklich alles nur geträumt hätte, und die Mutter, welche die Umarmung des Adrino noch nicht vergessen hatte, glaubte sehr gerne, daß sie allein die Nacht über wach gewesen wäre.

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