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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 82
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Einundachtzigste Erzählung.

In der Stadt Pistoia war ehemals eine sehr schöne junge Witwe, in welche sich zwei junge Florentiner verliebten, die sich daselbst aufhielten, weil sie aus Florenz verbannt waren, von welchen der eine Rinuccio Palermini hieß und der andere Alessandro Chiarmontesi. Keiner wußte etwas von der Liebe des anderen; ein jeder von ihnen gab sich aber alle ersinnliche Mühe, sich um die Gegenliebe der Dame zu bewerben. Nachdem diese liebenswürdige Frau, die sich Madonna Francesca Lazzari nannte, eine geraume Zeit von diesen beiden mit Botschaften und Bitten war bestürmt worden, denen sie aus Unbedachtsamkeit bisweilen ihr Ohr geliehen hatte, und nunmehr, da es die Klugheit erforderte, sich nicht wieder von ihnen los zu machen wußte, kam sie auf den Einfall, sie sich dadurch vom Halse zu schaffen, daß sie von jedem einen Dienst begehrte, welcher ihrer Meinung nach, wenn er gleich ausführbar war, keiner von beiden auf sich nehmen und folglich beide ihr einen schicklichen Vorwand leihen würden, ihre Botschaften abzuweisen. Ihr Anschlag war dieser: Es war nämlich an demselben Tage in Pistoia ein Mensch begraben worden, welcher trotz dem Adel seiner Vorfahren für den schlechtesten Menschen, nicht nur in Pistoia, sondern in der ganzen Welt gehalten ward und überdies war er, wie er noch lebte, so ungestaltet und verwachsen, daß man sich auf den ersten Anblick vor ihm fürchten mußte. Man hatte ihn auf dem Kirchhofe der Minoriten begraben und dieser Umstand schien der Dame ihren Plan noch mehr zu begünstigen. Sie sprach demnach zu ihrer Magd: »Du weißt, wie unangenehm und verdrießlich es mir ist, mit den Botschaften dieser beiden Florentiner, Rinuccio und Alessandro, täglich behelligt zu werden. Ich bin nun einmal nicht willens, mich ihnen geneigt zu beweisen und um sie mir vom Halse zu schaffen, habe ich mir vorgenommen, ihre großen Diensterbietungen auf eine Probe zu stellen, die sie gewiß nicht bestehen werden, und so werde ich mit guter Art dieses Überdrusses los. Du weißt nämlich, daß diesen Morgen Scannadio auf dem Kirchhofe der Minoriten ist begraben worden und daß ihn nicht nur im Tode, sondern auch bei seiner Lebenszeit kein Mensch ansehen konnte. Geh demnach in der Stille zuerst zu Alessandro und sage ihm: ›Madonna Francesco läßt Euch wissen, daß Ihr jetzt eine Gelegenheit habt, Euch um Ihre Liebe verdient zu machen, um die Ihr Euch so lange beworben habt, um zu ihr in's Haus zu kommen. Einer von ihren Verwandten ist willens, aus Ursachen, die Ihr schon erfahren sollt, ihr in dieser Nacht den Leichnam des Scannadio den man heute früh begraben hat, in's Haus zu bringen und da sie noch im Tode sich vor ihm fürchtet, so wünscht sie zu vermeiden, ihn in ihr Haus zu bekommen. Sie läßt Euch also bitten, ihr die große Gefälligkeit zu erweisen, diese Nacht, wenn alles schläft, nach dem Grabe des Scannadio zu gehen, Euch in sein Leichentuch zu hüllen und an seiner Stelle so lange liegen zu bleiben, bis man Euch abholt und ohne einen Laut von Euch zu geben, Euch nach ihrem Hause tragen zu lassen, wo sie Euch empfangen wird und wo Ihr bei ihr bleiben könnt, so lange Ihr wollt; denn sie wird für alles Übrige schon sorgen.‹ Wenn er Dir antwortet, daß er es thun will, so laß es gut sein, wenn er sich aber weigert, so sage ihm, er soll mir nicht wieder vor die Augen kommen und soll sich hüten, wofern ihm sein Leben lieb ist, mich nicht wieder mit seinen Botschaften zu belästigen, hernach gehe hin zu Rinuccio Palermini und sage ihm: ›Madonna Francesca will Euch in allem zu willen sein, wenn Ihr ihr einen wichtigen Dienst leisten wollt. Ihr müßt nämlich diese Nacht nach dem Grabe des Scannadio gehen und seinen Leichnam, ohne ein Wort zu sagen (Ihr mögt hören oder sehen, was Ihr wollt) heimlich herausnehmen und ihn zu ihr in's Haus tragen. Warum sie dieses von Euch verlangt, das werdet Ihr hernach wohl sehen. Wenn Euch dies aber nicht gefällt, so verbietet sie Euch, ihr jemals wieder Briefe oder Botschaften zu schicken.‹«

Die Magd ging zu beiden und sagte ihnen alles, was ihr aufgetragen war. Beide gaben ihr zur Antwort, sie wären auf ihren Wink bereit, nicht nur in ein Grab, sondern in die Hölle hinabzusteigen. Die Magd brachte ihrer Frau diese Antwort und sie ließ es darauf ankommen, ob sie Narren genug wären, ihr Wort zu halten.

Wie die Nacht herankam und fast jedermann schon schlief, ging Alessandro Chiarmontesi im bloßen Wams aus seinem Hause, um in dem Sarge des Scannadio dessen Platz einzunehmen. Unterwegs kamen ihm allerhand ängstliche Gedanken in den Sinn. Er dachte bei sich selbst: Welch ein Thor bin ich? Wohin gehe ich? Wie weiß ich's, ob die Verwandten der Francesca nicht vielleicht meine Liebe bemerkt haben und weil sie sich die Sache anders denken, als sie ist, dieses so anstellen, um mich in dem Grabe umzubringen? Wenn das wäre, so hätte ich den Schaden davon, und kein Mensch in der Welt würde deswegen einen Verdacht auf sie werfen. Oder wie kann ich wissen, ob Francesca nicht vielleicht einen meiner Feinde liebt, um mich ihm zu Gefallen auf diese Weise aus dem Wege räumen will? Oder gesetzt, es wäre nichts an all' diesem und ihre Verwandten sollten mich wirklich zu ihr ins' Haus tragen, so kann ich mir nicht einbilden, daß sie den Leichnam des Scannadio haben wollen, um ihn zu umarmen, oder ihn ihr in die Arme zu geben, sondern um ihn zu mißhandeln, weil er ihnen vielleicht etwas zuwidergethan hat. Sie läßt mir sagen, ich soll, ohne ein Wort zu sprechen, alles mit mir machen lassen. Wenn man mir nun ein Auge ausstäche, oder die Zähne ausbräche, oder die Hände abhackte, oder mir sonst übel mitspielte, wie sollte es dann mit mir werden? Wie könnte ich dazu stillschweigen? Und wenn ich spräche, so würden sie mich erkennen und mir entweder Übels thun, oder wenn das auch nicht geschehe, so hätte ich verlorene Mühe gehabt, denn sie würden mich nicht zu ihr lassen und dann würde sie sagen, ich hätte nicht gethan, was mir befohlen wäre und würde mir nie gefällig sein. Indem er dies schon bei sich überlegte, war er schon wieder im Begriff, umzukehren; allein die mächtige Liebe trieb ihn durch andere und kräftigere Beweggründe wieder vorwärts und brachte ihn hin zum Grabe. Er öffnete es, stieg hinein, zog den Scannadio heraus und legte sich an seiner Stelle in den Sarg, den er über sich wieder zudeckte. Indem er hier lag, fiel ihm ein, was für ein Mensch Scannadio gewesen war und allerlei nächtliche Geschichten, die er sonst gehört hatte und die nicht nur in Gräbern, sondern auch an anderen Orten vorgefallen waren; so daß ihm alle Haare zu Berge standen, indem er jeden Augenblick glaubte, Scannadio würde aufstehen und ihm den Hals umdrehen. Doch die Liebe half ihm, diese und andere Schreckengedanken zu überwinden, und er lag still wie eine Leiche und erwartete sein Schicksal.

Rinuccio begab sich um Mitternacht auf den Weg, um zu thun, was ihm seine Gebieterin hatte auftragen lassen, und dachte sich gleichfalls unterwegs allerlei Dinge, die ihm vielleicht begegnen könnten; er konnte nämlich mit dem Leichnam des Scannadio auf den Schultern von der Scharwache angehalten, und als ein Hexenmeister zum Scheiterhaufen verdammt werden, oder wenn man auch nur erführe, was er gethan hätte, so konnte es ihm den Unwillen seiner Verwandten zuziehen. Diese und andere dergleichen Gedanken schreckten ihn ab; dagegen dachte er wieder: Soll ich denn das erste Begehren dieser Frau abschlagen, die ich so sehr geliebt habe und liebe, zumal da ich mir ihre Gunst dadurch erwerben kann? Nimmermehr, und wenn ich auch gewiß sterben müßte, soll mich etwas abhalten, zu thun, was ich ihr versprochen habe. Damit wanderte er zum Grabe, welches er ohne Mühe öffnete. Alessandro lag still, so sehr ihm auch bange ward, wie er den Sarg öffnen hörte. Rinuccio stieg hinein, glaubte den Leichnam des Scannadio vor sich zu finden und zog den Alessandro bei den Beinen aus dem Grabe, nahm ihn auf die Achseln und machte sich auf mit ihm, ohne ihn weiter anzusehen, um ihn nach dem Hause seiner Dame zu tragen. Weil es dunkel war, und Rinuccio seinen Weg nicht deutlich sehen konnte, so bekam Alessandro unterwegs manchen Kopf- und Rippenstoß an den Ecken und Bänken, an welchen er rechts und links anstieß. Schon war Rinuccio bis nahe vor die Thür der Dame gekommen, welche mit ihrer Magd im Fenster lag und sich schon auf ein Mittel gefaßt gemacht hatte, sie alle beide fortzuschicken, wie die Scharwächter, welche in der Straße einem Spitzbuben auflauerten, den Rinuccio gehen hörten, worauf sie geschwind eine Blendlaterne öffneten, ihre Lanzen und Schilder ergriffen, und »Wer da!« riefen. Rinuccio, der die Wächter erkannte, hatte nicht lange Zeit sich zu besinnen, sondern ließ den Alessandro fallen und lief davon, so schnell er konnte. Alessandro raffte sich ebenfalls auf und eilte von dannen, so schnell es ihm sein langes Leichenkleid gestattete.

Die Dame hatte bei dem Lichte der Scharwachen den Rinuccio mit dem Alessandro auf dem Rücken sehr wohl erkannt und auch bemerkt, daß Alessandro in die Grabtücher des Scannadio gehüllt war; sie verwunderte sich über die Kühnheit der beiden; allein sie mußte nicht weniger lachen, wie sie sah, daß Alessandro hingeworfen ward, und daß er so eilig davonlief. Sie freute sich sehr über diesen Vorfall und dankte dem Himmel, daß er sie von den beiden Überlästigen befreit hatte; sie trat vom Fenster zurück und ging in ihre Kammer, wo sie ihrer Magd gestand, daß die beiden sie ohne Zweifel sehr eifrig lieben müßten, weil sie, dem Anschein nach, alles so pünktlich erfüllt hätten, was von ihnen verlangt worden wäre. Rinuccio ärgerte sich und fluchte über sein Unglück, ging aber nicht nach Hause, sondern wartete, bis die Scharwache sich auf der Straße entfernt hatte, worauf er wiederkam und im Finstern an der Stelle herumtappte, wo er den Alessandro abgeworfen hatte, um ihn aufzusuchen und mit ihm sein Werk zu vollenden. Wie er ihn aber nirgends finden konnte, glaubte er, die Wächter hätten ihn weggeschleppt und ging unmutig nach Hause.

Alessandro, der nicht wußte, wer ihn weggetragen hatte, ärgerte sich nicht minder; allein es blieb ihm Nichts übrig, als ebenfalls nach Hause zu gehen.

Wie man des Morgens das Grab des Scannadio offen und ihn nicht darin fand (denn Alessandro hatte ihn unter den Sarg gekollert), ward in ganz Pistoia davon gesprochen, und es fehlte nicht an Einfältigen, welche meinten, daß ihn der Teufel geholt hätte.

Inzwischen unterließen die beiden Liebhaber nicht, der Dame zu melden, was sie gethan hatten, und entschuldigten sich mit demjenigen, was ihnen zugestoßen war und was sie gehindert hatte, ihre Befehle vollkommen zu erfüllen; wobei ein jeder von ihnen zugleich auf's neue um ihre Gunst und Liebe bat. Allein sie stellte sich, als ob sie ihnen nicht glaubte und fertigte sie beide auf immer mit der bestimmten Antwort ab, daß sie künftig nichts für sie thun würde, weil sie dasjenige nicht ausgeführt hätten, was von ihnen wäre verlangt worden.

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