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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 78
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Siebenundsiebenzigste Erzählung.

Vor nicht gar langen Jahren befand sich in Florenz eine junge Dame, namens Helena, die sehr schön von Gestalt, stolz von Gemüt, von sehr edler Herkunft und mit Glücksgütern reichlich begabt war. Sie war Witwe geworden und hatte nicht Lust, sich wieder zu verheiraten, sondern unterhielt mit Hilfe einer vertrauten Magd ein Liebesverständnis mit einem schönen, angenehmen jungen Mann, den sie sich auserwählte, und da sie sonst keine Sorgen hatte, so suchte sie nur, sich mit ihm die Zeit vergnügt zu vertreiben.

Ein junger Edelmann aus unserer Stadt, namens Rinieri, welcher einige Jahre in Paris studiert hatte, nicht etwa in der Absicht, seine Gelehrsamkeit im Kleinen wieder auszukramen, sondern um sich selbst von allen Dingen und ihren Ursachen gründlich zu unterrichten, kam um diese Zeit nach Florenz zurück, wo er sowohl wegen seines Adels, als wegen seiner Wissenschaften in großen Ehren unter seinen Mitbürgern lebte. So wie es sich aber oft zuträgt, daß diejenigen, die in tiefsinnigen Sachen die meiste Einsicht besitzen, sich von der Liebe am ersten berücken lassen, so ging es auch diesem Rinieri. Denn wie er einst zum Zeitvertreib einem öffentlichen Feste beiwohnte, fiel ihm Helena in ihren schwarzen Witwenkleidern so ausbündig schön und liebenswürdig in die Augen, als er noch keine glaubte gesehen zu haben, und er schätzte denjenigen über alles glücklich, den der Himmel würdigte, ihn so viele Schönheit unbekleidet umarmen zu lassen. Mehr als einmal musterten seine Augen ihre Reize, und da er wußte, daß ein großes und seltenes Kleinod nicht ohne viele Mühe erworben wird, so nahm er sich vor, es weder an Fleiß noch an Aufmerksamkeit fehlen zu lassen, um ihr zu gefallen und sich dadurch ihre Liebe und in der Folge ihren Besitz zu erwerben. Die junge Witwe, die ihre Augen nicht an die Erde zu heften pflegte, sondern vollkommen soviel von sich hielt, und noch wohl mehr, als sie wert war, und ihre Blicke fleißig, jedoch mit aller Behutsamkeit, umherwandern ließ, ward es bald gewahr, wenn jemand sie mit Wohlgefallen betrachtete, und Rinieri entging ihrem Scharfblicke nicht. Sie lachte heimlich und dachte: »Heute bin ich gewiß nicht umsonst gekommen, und wenn ich mich nicht irre, so habe ich einem Zeisig das Netz über den Kopf geworfen.« Sie ermunterte ihn deswegen durch einige Blicke, um ihn glauben zu machen, daß er ihr nicht gleichgültig wäre; denn sie meinte, je mehr sie in ihr Garn ziehen könnte, um desto mehr würde der Wert ihrer Schönheit erhöht werden, zumal in den Augen desjenigen dem sie ihre Reize und ihre Liebe geschenkt hatte.

Der weise Student dagegen vergaß seine ganze Philosophie und richtete alle seine Gedanken nur auf die Schöne; und sobald er ihre Wohnung erfahren hatte, ging er beständig unter allerlei Vorwand an ihrem Hause vorbei, in der Hoffnung, sich ihr damit angenehm zu machen.

Die Dame, die ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt fand, ließ ihn merken, daß sie ihn gern sähe; der junge Student machte demnach Bekanntschaft mit ihrer Magd und bat sie, ihm die Gunst ihrer Gebieterin zu verschaffen. Das Mädchen war nicht sparsam mit ihren Versprechungen und hinterbrachte alles ihrer Frau, welche ihn herzlich auslachte und zu ihrer Magd sagte: »Siehst Du, wie dieser um seinen Verstand kommt, den er aus Paris mitgebracht hat? Schon gut, wir wollen ihm so aufspielen, wie er Lust hat zu tanzen. Wenn er Dich wieder anspricht, so sage ihm, daß ich ihn zwar nicht weniger liebe, als er mich, daß ich aber meinen guten Namen in acht nehmen muß, um mich vor anderen Frauen mit freier Stirne zeigen zu können, und daß er mich deswegen, wenn er gescheit ist, um desto höher schätzen muß.«

Armes Weib! armes Weib! Sie wußte nicht, wie gefährlich es ist, es mit Studenten aufzunehmen.

Die Magd richtete den Auftrag ihrer Dame aus, sobald sie ihn antraf. Der Student war froh darüber, er ward von Stund' an immer dringlicher in seinen Bitten, schrieb Briefe und sandte Geschenke. Alles ward angenommen; allein es erfolgte nichts weiter darauf, als lauter unbestimmte Antworten, und die Dame hielt ihn auf diese Weise eine lange Zeit mit leeren Hoffnungen hin. Endlich, nachdem sie ihrem Liebhaber alles gesagt und bisweilen darüber einen kleinen Zank mit ihm gehabt, und auch wohl einige Spuren von Eifersucht bei ihm bemerkt hatte, wollte sie diesem einen Beweis geben, wie wenig Ursache er zum Verdacht hätte. Wie demnach der Student noch ferner in sie drang, ließ sie ihm durch ihre Magd sagen, sie hätte seit seiner Liebeserklärung noch keine Gelegenheit gehabt, seine Wünsche zu erfüllen; sie hoffte aber, in der nächsten Weihnachtswoche ihn bei sich sehen zu können. Er möchte also am Abend nach dem ersten Feiertage in ihren Hof kommen und daselbst warten, so würde sie ihn, sobald sie nur könnte, zu sich in's Haus lassen.

Rinieri war darüber froh, er ging zur bestimmten Zeit nach dem Hause der Dame, ward von ihrer Magd in einen Hof gelassen und daselbst eingeschlossen, um seine Dame zu erwarten. Es war ein kalter Winterabend und es hatte des Tages vorher stark geschneit, so daß Rinieri bald anfing, es kälter zu finden, als ihm lieb war; doch machte die Hoffnung, sich bald wieder zu erwärmen, daß er die Kälte geduldig ertrug. Helena hatte inzwischen diesen Abend ihren Liebhaber zu sich eingeladen und nachdem sie mit ihm fröhlich zu Nacht gegessen hatte, sprach sie zu ihm: »Jetzt sollst Du sehen, wie lieb mir derjenige ist auf welchen Du seltsamerweise eifersüchtig geworden bist. Komm mit mir in die Kammer an's Fenster; wir wollen sehen, was er macht, und was er der Magd antwortet, die ich hingeschickt habe, mit ihm zu sprechen.«

Sie führte ihn darauf an ein Fenster, wo sie den Rinieri sehen konnten, ohne von ihm bemerkt zu werden, und sie hörten, daß die Magd an einem andern Fenster zu ihm sprach: »Rinieri, es ist meiner Frau außerordentlich leid, daß einer von ihren Brüdern diesen Abend unerwartet zu ihr gekommen und nach einer langen Unterredung bei ihr zu Essen geblieben ist. Ich hoffe aber, er wird bald weggehen und dann wird sie Dich einlassen. Sie bittet Dich, Dir die Zeit nicht lang werden zu lassen.«

Rinieri, der alles für Wahrheit hielt, gab ihr zur Antwort: »Sage meiner Gebieterin, daß sie sich meinetwegen keinen Kummer machen soll, bis sie gelegene Zeit hat, mich einzulassen; ich will jedoch hoffen, daß es bald geschehen wird.«

Die Magd schlug hierauf das Fenster zu und ging zu Bette, und Helena begab sich gleichfalls mit ihrem Liebhaber in ihre Kammer, wo sie die Zeit bis Mitternacht in seinen Armen zubrachte, indes Rinieri im Schneegestöber vor Kälte im Hofe herumsprang und nirgends weder einen Sitz, noch ein Obdach fand. Er fluchte auf den langweiligen Bruder und bei jedem Geräusche, das er hörte, meinte er, daß man käme, um ihn einzulassen. Indes Rinieri so im Hofe nach dem Takte seines eigenen Zahnklapperns herumtanzte, hatte Helena nicht nur die Bosheit, mit ihrem Liebhaber über ihn zu spotten und diesem zu zeigen, wie sie die Leute ohne Geige und Sackpfeife zum Tanzen bringen könnte, sondern sie ging hinunter und rief den Rinieri mit leiser Stimme bei seinem Namen. Rinieri dankte bereits Gott für seine geplante Erlösung und antwortete: »Hier bin ich, Madonna; öffnet um Gotteswillen die Thüre, denn ich sterbe vor Kälte!«

»Ei, ja doch! (sprach sie) Du bist mir auch so frostig, als wenn's so grimmig kalt wäre, weil ein wenig Schnee gefallen ist. Weiß ich etwa nicht, daß es in Paris noch viel kälter ist? Ich kann Dich noch nicht einlassen, weil mein verzweifelter Bruder noch nicht von der Stelle weicht. Er wird jedoch nun wohl bald gehen, und dann will ich Dich gleich einlassen. Ich habe mich kaum einen Augenblick von ihm wegschleichen können, um Dir Mut einzusprechen, damit Dich das Warten nicht verdrießt.«

»Ach Madonna! (seufzte Rinieri) Oeffnet mir um Gotteswillen die Thüre, daß ich nur unter Obdach komme; denn es hat seit kurzem wieder angefangen, heftig zu schneien, und es schneit noch immer fort. Ich will hernach gerne warten, so lange es Euch gefällt.«

»Ach, mein Liebster! (antwortete sie) Ich kann nicht aufmachen; denn die Thüre knarrt so sehr, daß mein Bruder es hören würde, wenn ich sie öffnete; ich will aber hingehen und ihn fortzuschicken suchen, damit ich Dich einlassen kann.«

»So geht denn (sprach Rinieri) und macht's nur bald; und sorget, ich bitte, für ein gutes Feuer, damit ich mich wieder erwärmen kann, denn der Frost hat mich schon ganz betäubt.«

»Das kann nicht sein (sprach sie), wenn es wahr ist, was Du mir so oft geschrieben hast, daß Du vor Liebe zu mir ganz entbrannt bist. Ich glaube gewiß, Du scherzest mit mir. Ich gehe; habe nur Geduld.«

Damit ging sie fort und brachte den größten Teil der Nacht damit zu, daß sie mit ihrem Liebhaber, der ihr Gespräch angehört hatte, sich über den armen Studenten lustig machte.

Rinieri, der mit den Zähnen klapperte wie ein Storch, ward endlich gewahr, daß man ihn zum besten hatte. Vergebens machte er mehr als einmal den Versuch, die Thüre zu öffnen; vergebens suchte er irgend einen anderen Ausweg, um zu entkommen. Bald trabte er auf und ab, wie ein unmutiger Löwe in seinem Käfig, bald fluchte er auf das böse Wetter, auf das boshafte Weib, auf die lange Dauer der Nacht und auf seine eigene Thorheit, und knirschte vor Wut und Rachgier, die ihn jetzt weit stärker, entflammten, als vormals seine Liebe. Zuletzt wich die langwierige Nacht dem anbrechenden Tage, und der Morgen fing an zu dämmern. Die Magd ging nunmehr auf Befehl ihrer Frau hinunter, um den armen Erfrorenen auszulassen, und machte ihm im Namen ihrer Frau tausend Entschuldigungen über das verdrießliche Hindernis der vergangenen Nacht, indem sie ihm zugleich auf eine künftige bessere Gelegenheit vertröstete.

Rinieri war bei all seinem Zorn klug genug, um zu bedenken, daß man durch Drohungen dem Bedrohten nur Waffen leiht. Er verschloß seinen heftigen Unwillen, so gern er auch laut geworden wäre, und sagte mit anscheinender Gelassenheit: »Ich habe in der That eine sehr böse Nacht gehabt; allein ich bin überzeugt, daß Deine Frau daran nicht schuld ist; denn sie selbst hat mir hier ihre Entschuldigung gemacht und mich aus Mitleiden aufgemuntert; und wie Du sagst, was diese Nacht nicht hat sein können, das wird ein andermal geschehen. Grüße Deine Frau und sei Gott empfohlen!«

Er eilte hierauf, fast an allen Gliedern gelähmt, nach Hause und warf sich ganz ermattet auf sein Bett, um sich durch ein wenig Schlaf zu erquicken; doch wie er erwachte, hatte er den Gebrauch seiner Hände und Füße fast gänzlich verloren. Er schickte den Augenblick nach Ärzten, denen er erzählte, was er von Frost und Ungemach ausgestanden hatte, und es wurden ohne Verzug die kräftigsten Mittel angewandt, um seinen Nerven wieder Spannkraft und Geschmeidigkeit zu verschaffen; dennoch ging eine geraume Zeit damit hin, und wenn ihm nicht seine Jugend und die Wiederkehr der warmen Witterung zu statten gekommen wären, so würde er nicht so leicht davon gekommen sein.

Wie er wieder hergestellt war, behielt er den Groll im Herzen und stellte sich dabei äußerlich mehr als jemals in die schöne Witwe verliebt. Nach einiger Zeit verschaffte ihm aber der Zufall eine erwünschte Gelegenheit, sich zu rächen. Der Jüngling nämlich, in welchen Helena so sehr verliebt war, vergaß die große Anhänglichkeit, die sie ihm erwiesen hatte, verliebte sich in ein anderes Frauenzimmer, vernachlässigte seine vorige Gebieterin gänzlich und verursachte ihr dadurch den bittersten Kummer. Ihre Magd, welche Mitleiden mit ihr hatte und nicht wußte, wie sie ihre Frau über den schmerzlichen Verlust ihres Liebhabers trösten sollte, kam auf einen thörichten Einfall, indem sie den Rinieri, seiner Gewohnheit nach, noch immer durch die Straße gehen sah. Sie meinte nämlich, daß der Liebhaber ihrer Frau wohl durch Schwarzkunst könnte zurückgebracht werden, und daß der Student wahrscheinlich auch in dieser Kunst ein großer Meister sein müßte. Sir trug dieses ihrer Frau vor, und Helena war so einfältig, ihren Vorschlag gut zu finden, ohne daran zu denken, daß Rinieri, wenn er ein Schwarzkünstler gewesen wäre, seine Kunst zu seinem eigenen Beruf würde gebraucht haben. Sie empfahl demnach sogleich ihrer Magd, sich bei ihm zu erkundigen, ob er ihr behülflich sein wollte, und ihm zu versprechen, daß sie unter dieser Bedingung ihm alles zu willen thun würde. Die Magd ermangelte nicht, alles auf's Fleißigste auszurichten, und Rinieri war sehr erfreut über den Antrag und dankte dem Schicksal, daß es ihm die Gelegenheit an die Hand gab, sich an der boshaften Witwe für die Kränkung zu rächen, womit sie seine zärtliche Liebe vergolten hatte. Er sprach zu der Magd: »Sage Deiner Frau, sie soll sich keine Sorgen machen; denn wenn ihr Liebhaber auch in Indien wäre, so würde ich machen, daß er sich augenblicklich stellen und ihr alles abbitten sollte, was er ihr zuwider gethan hat. Was sie aber zu diesem Endzweck beobachten muß, das will ich ihr selbst sagen, wann und wo sie es mir befiehlt. Sage ihr das zum Trost in meinem Namen.«

Die Magd überbrachte seine Antwort ihrer Frau, welche Rinieri nach Santa Lucia del Prato bestellte. Hier entdeckte sie ihm unter vier Augen (ohne sich daran zu erinnern, daß sie ihn einst an den Rand des Grabes gebracht hatte) ihr ganzes Geheimnis und bat ihn um Hilfe. Rinieri antwortete: »Madonna, ich habe mich zwar wirklich in Paris unter anderen Dingen auch auf die schwarze Kunst gelegt, und ich weiß, was daran ist. Weil ich sie aber für eine höchst sündliche Sache halte, so war ich fest entschlossen, weder zu meinem eigenen Behuf, noch für andere jemals Gebrauch davon zu machen. Allein meine Liebe zu Euch ist freilich so groß, daß ich nicht weiß, wie ich Euch etwas abschlagen könnte, und ich bin bereit, zu thun, was Ihr begehrt, wenn ich mir auch die Verdammnis damit zuziehen sollte. Aber so viel muß ich Euch vorher sagen, daß die Sache zugleich ihre großen Schwierigkeiten hat, zumal wenn eine Frau ihren Liebhaber, oder ein Mann seine Geliebte wieder gewinnen will; denn alsdann kann kein anderer die Handlung verrichten, als die Person selbst, welcher die Sache angelegen ist, und wer sie unternimmt, muß unerschrockenen Mutes sein, weil sie zur Nachtzeit und an einem einsamen Orte geschehen muß. Ich weiß nicht, wieviel Ihr Euch in diesem Stücke zutraut.«

Die Dame, die mehr verliebt als weise war, gab ihm zur Antwort: »Die Liebe treibt mich so mächtig, daß mir nichts in der Welt so schwer werden kann, wodurch ich hoffen darf, meinen Liebhaber wieder zu erlangen. Doch sage mir auf jeden Fall, bei welcher Gelegenheit ich meine Unerschrockenheit zeigen muß.«

Der Student, der nichts als Rachgier atmete, sagte: »Madonna, ich werde im Namen desjenigen, den Ihr wieder zu gewinnen trachtet, ein Bild aus Zinn gießen; mit diesem müßt Ihr den ersten Tag des Neumonds Euch des Nachts siebenmal nackend und in der Einsamkeit im fließenden Wasser baden und hernach so nackend, wie Ihr seid, auf einen hohen Baum oder auf ein hohes unbewohntes Gebäude steigen und mit dem Bilde in der Hand, das Gesicht nach Norden gekehrt, siebenmal gewisse Worte sprechen, die ich Euch aufschreiben will, so werden Euch ein paar wunderschöne Jungfrauen erscheinen, die Euch freundlich grüßen und Euch fragen werden, was Ihr begehret. Diesen müßt ihr deutlich und umständlich Eure Wünsche erklären und Euch in acht nehmen, daß Ihr nicht einen Namen statt des anderen nennt. Wenn Ihr ihnen alles gesagt habt, so werden sie sich entfernen und Ihr könnt wieder hinuntersteigen, Euch ankleiden und nach Hause gehen. Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß Euer Liebhaber ehe es wieder Mitternacht wird, zu Euch kommen, Euch um Verzeihung bitten und Euch nie wieder untreu werden wird.«

Die Dame glaubte alles, was er sagte; sie dachte schon ihren Liebhaber wieder in ihren Armen zu haben und gab fröhlich zur Antwort: »Ich versichere Euch, daß ich alles genau erfüllen werde, und ich habe dazu die beste Gelegenheit; denn ich habe ein Gut in der Gegend des Val d'Arno, welches dicht am Ufer des Flusses liegt, und da es jetzt im Heumond ist, so ist das Baden eine Wollust. Nicht weit vom Ufer steht auch ein wüster, alter Turm, dessen sich nur noch die Schäfer bisweilen bedienen und mit einer Leiter hinaufsteigen, um sich auf dem Dache nach ihren verirrten Schafen umzusehen. Dieser Turm liegt einsam genug, und ich will ihn besteigen, um dasjenige zu verrichten, was Ihr mir vorschreibt.«

Rinieri kannte den Ort sehr wohl, den sie ihm beschrieb; er gab ihr jedoch, wie er merkte, daß sie in seine Schlinge fiel, zur Antwort: »Madonna, ich kenne zwar weder Euer Gut, noch den Turm; wenn aber alles so gelegen ist, wie Ihr sagt, so könnt Ihr keinen bequemeren Ort wählen. Ich will Euch zu gehöriger Zeit das Bild und die Worte der Beschwörung schicken; allein ich verlasse mich darauf, daß Ihr mich auch nicht vergeßt, wenn die Erfüllung Eure Wünsche Euch überzeugt, daß ich Euch gut gedient habe.«

Sie versprach, ihm treulich Wort zu halten; worauf sie Abschied von ihm nahm und nach Hause ging.

Rinieri ließ das Bild machen, schrieb ein selbsterdachtes Geschwätz statt einer Beschwörung auf und schickte es Helena, indem er ihr zugleich empfahl, am folgenden Abend unfehlbar alles in Ausübung zu bringen, was er ihr gesagt hatte. Er begab sich hierauf in der Stille mit einem seiner Bedienten nach dem Hause eines Freundes, nahe bei dem Turme, um seinen Entwurf auszuführen.

Helena machte sich mit ihrer Magd gleichfalls auf den Weg nach ihrem Gute. Wie der Abend kam, stellte sie sich, als ob sie zu Bette ginge und schickte ihre Magd zur Ruhe. Um die Zeit des ersten Schlafs ging sie aus dem Hause an das Ufer des Arno, nahe bei dem Turme, und nachdem sie sich umgesehen hatte und allein zu sein glaubte, entkleidete sie sich, verbarg ihre Kleider in einem Busche und badete sich siebenmal in dem Strome mit dem Bilde, worauf sie sich mit demselben nackend nach dem Turme begab.

Rinieri hatte sich mit seinem Diener nahe bei dem Turme versteckt und alles mit angesehen. Wie das schöne Weibchen an ihm so nackend vorbeiging, wie der blendende Schnee ihres Körpers die Schatten der Nacht um sich her zerstreute, und wie er die bezaubernden Formen und das liebliche Ebenmaß ihrer Glieder betrachtete und bei sich bedachte, wie alle diese Schönheiten in wenigen Stunden würden verwandelt werden, fühlte er sich fast zum Mitleiden bewogen. Zu gleicher Zeit weckten seine Begierden jemand, der bisher geschlafen hatte, und reizten ihn mächtig an, hervor zu springen und sich der schönen Beute zu bemächtigen, die ihm gewissermaßen in die Arme lief. Fast hätte er sich von beiden überwinden lassen; allein plötzlich besann er sich, wer er wäre und welche Beleidigungen er erduldet hätte; seine Rachsucht siegte über das Mitleid und über die Begierden; er blieb standhaft und ließ sie vorübergehen.

Die Schöne stieg die Leiter hinan, wandte sich oben auf dem Turme gegen Mitternacht und begann die Worte der Beschwörung. Unterdessen schlich Rinieri hinzu, nahm leise die Leiter weg, die nach dem Dache des Turmes führte und wartete ab, was sie dazu sagen und wie sie sich gebärden würde. Nachdem Helena siebenmal ihre Beschwörung hergesagt hatte, fing sie an, auf die beiden Jungfrauen zu warten. Diese ließen sie aber so lange harren, bis sie anfing, es kühler zu finden als ihr behagte, und bis zuletzt die Morgenröte darüber anbrach. Es verdroß sie, daß das Versprechen des Studenten noch nicht in Erfüllung ging, und sie dachte bei sich selbst: »Ich fürchte, Rinieri hat mir eben eine solche Nacht verursachen wollen, als ich ihm: allein wenn dieses seine Absicht gewesen ist, so hat er sich nicht recht auf seine Rache verstanden; denn er hat gewiß dreimal so lange zappeln und ganz anders vom Frost aushalten müssen, als ich.«

Damit nun der helle Tag sie nicht an diesem Orte überraschen möchte, so wollte sie wieder heruntersteigen. Allein wie groß war ihr Entsetzen, wie sie die Leiter vermißte. Sie glaubte, die Welt wäre unter ihren Füßen weggesunken, und ohnmächtig sank sie selbst auf dem Dache des Turmes nieder. Wie sie wieder zur Besinnung kam, fing sie an, laut zu weinen und zu jammern; denn sie merkte nun wohl, daß Rinieri alles mit Fleiß so angestiftet hätte, und sie bedauerte, ihn erst beleidigt und sich hernach demjenigen zu sehr anvertraut zu haben, den sie mit Recht für ihren Feind halten mußte. Umsonst suchte sie Mittel und Wege, sich hinunter zu helfen, und fast wahnsinnig rief sie: »Ich Unglückselige: Was werden meine Brüder und Verwandten, was werden meine Nachbarn und alle Einwohner in Florenz von mir sagen, wenn sie hören, daß man mich hier nackend auf diesem Turme gefunden hat? Man wird gewahr werden, daß meine Ehrbarkeit, die man für so bewährt gehalten hatte, nur eine Scheintugend war; und wenn ich auch ein Märchen zu ersinnen wüßte, um diesen Vorfall zu bemänteln, so würde der verzweifelte Student meine Lüge nicht gelten lassen. Wie elend bin ich, daß ich zu gleicher Zeit meinen unwürdigen Geliebten und meine Ehre eingebüßt habe!«

Der Schmerz überwältigte sie so sehr, daß sie in Versuchung geriet, sich von dem Turme hinabzustürzen. Unterdessen war die Sonne völlig aufgegangen, und indem sich Helena ein wenig dem Rande des Daches näherte, um zu sehen, ob sie nicht irgendwo einen Hirtenknaben gewahr würde, den sie nach ihrer Magd schicken könnte, erwachte Rinieri, der unter einem Strauche geschlafen hatte und sie wurden zu gleicher Zeit einander gewahr.

»Ei, guten Morgen, Madonna! (sprach Rinieri) Sind die Jungfrauen noch nicht gekommen?«

Helena fing an, bitterlich zu weinen und bat ihn, in den Turm zu kommen, damit sie mit ihm sprechen könnte; und er hatte die Gefälligkeit, ihr zu willfahren. Sie legte sich flach auf das Dach nieder, streckte nur den Kopf über den Rand hervor und sprach mit bitteren Thränen: »Rinieri, wenn ich Dir einst eine böse Nacht zuwege gebracht habe, so hast Du Dich wahrlich genugsam dafür an mir gerächt; denn ob es gleich mitten im Sommer ist, so habe ich doch in meiner Nacktheit diese Nacht Kälte genug ausgestanden und ich habe meine Treulosigkeit gegen Dich und die blinde Leichtgläubigkeit, womit ich mich Dir nachher anvertraute, bereits so sehr beweint, daß es ein Wunder ist, wenn ich noch meine Augen behalten habe. Ich bitte Dich, nicht um Deiner Liebe willen, die ich nicht verdiene, sondern aus Liebe zu Dir selbst, der Du ein Edelmann bist, lasse Dir die Rache genügen, die Du für die empfangene Beleidigung bis jetzt an mir ausgeübt hast, und schicke mir meine Kleider, damit ich wieder hinunter kommen kann. Raube mir nicht dasjenige, was Du mir nie wiedergeben kannst, meine Ehre; und wenn ich Dich um die eine Nacht gebracht habe, die ich Dir versprochen hatte, so bedenke, daß ich sie Dir gerne mehr als einmal wieder einbringen will. Begnüge Dich, als ein Biedermann, mit Betrachtung, daß die Rache in Deiner Macht stand und daß Du mich davon fühlbar überzeugt hast, aber suche nicht, Deine ganze Uebermacht gegen ein schwaches Weib zu gebrauchen. Es bringt dem Adler keinen Ruhm, sich an einer Taube zu rächen. Um Gotteswillen und um Deiner eigenen Ehre willen, habe Erbarmen mit mir!«

Mit hartem Herzen erwog Rinieri nur die Beleidigung, die er empfangen hatte. Zwar stritt ein mitleidiges Schmerzgefühl in seiner Brust mit dem Vergnügen der Rache; doch wenn ihn gleich die Thränen und Bitten des armen Weibchens zur Schonung reizten, so siegte dennoch die grausame Lust der Rache, nach welcher ihn dürstete. »Madonna Helena (sprach er), wenn meine Bitten, die ich zwar nicht so, wie Du, in Thränen zu baden und mit Schmeicheleien zu versüßen wußte, Dich in jener Nacht, wie ich vor Kälte erstarrte, hätten bewegen können, mir nur ein wenig Obdach zu gewähren, so könnte ich Dir vielleicht jetzt willfahren. Liegt Dir jedoch Deine Ehre jetzt ebensosehr, oder noch mehr am Herzen, wie damals, so bitte denjenigen, Dir Deine Kleider zu schicken, um Deine Blöße zu bedecken, in dessen Armen Du jene Nacht nackend zubrachtest, ohne Dich meiner zu erbarmen, wie ich in Deinem Hofe im Schnee herum trabte, daß mir die Zähne klapperten. Ihn, für den Du Deine Ehre so oft auf's Spiel gesetzt hast, ihn bitte, daß er sie jetzt beschütze und Dir die Leiter ansetze, um Dich herunter zu lassen. Warum rufst Du ihn nicht, daß er komme und Dir beistehe? Wem geziemt dieses mehr, als ihm? Du gehörst ihm zu; wen wird er schützen, wem wird er beistehen, wenn Du es nicht bist? Rufe ihn, Närrchen! und sieh zu, ob seine Liebe und Deine Klugheit Dich aus den Händen des Einfältigen erretten können, dessen Du spottest, wie Du jenen liebkosend fragtest, was größer wäre, meine Thorheit, oder Deine Liebe zu ihm. Biete mir dasjenige nicht als einen Preis an, was für mich keinen Wert mehr hat und was Du mir nicht verweigern könntest, wenn ich es forderte. Spare Deine Nächte für Deinen Liebhaber, wofern Du lebendig von hier entrinnst, und widme sie Deinem und seinem Vergnügen. Ich habe an einer schon zu viel gehabt und es ist mir genug, daß man mich einmal zum Narren gehalten hat. Du meinst wohl, indem Du mich listigerweise lobst und mich einen Edelmann und Biedermann nennst, Dich bei mir wieder einzuschmeicheln, und suchst nur, mich dadurch zu bewegen, Dich aus Großmut für Deine Bosheit nicht zu bestrafen; aber Deine Schmeicheleien sollen mir die Augen des Verstandes nicht wieder verblenden, wie Du mich einst durch Deine betrügerischen Versprechungen getäuscht hast. Ich kenne mich selbst und ich habe während der ganzen Zeit, die ich in Paris zubrachte, mich nicht so gut kennen gelernt, als Dich in einer einzigen Nacht. Gesetzt aber, ich wollte mich großmütig zeigen, so bist Du nicht diejenige, an welcher ich Ursache hätte, meine Großmut zu beweisen. Wilde Tiere, zu welchen Du gehörst, muß man quälen und seine Rache an ihnen sättigen bis in den Tod, und nur bei Menschen soll man ihr solche Schranken setzen, wie Du sagest. Ich bin zwar kein Adler, allein ich habe auch erfahren, daß Du keine Taube bist, sondern eine giftige Schlange, und deswegen will ich Dich, wie ein erbitterter Feind, mit Grimm und mit Härte verfolgen; obgleich alles, was ich Dich empfinden lasse, noch nicht eigentlich Rache, sondern nur Züchtigung genannt zu werden verdient, indem die Rache die Beleidigung übertrifft, welches hier nicht der Fall ist. Denn wenn ich mich an Dir rächen wollte, nach Maßgabe der Gefahr, in welche Du mein Leben gebracht hast, so wäre meine Rachgier nur schlecht befriedigt, wenn ich Dir und Hunderten Deines Gleichen das Leben raubte; denn ich würde an Dir nur ein boshaftes und nichtswürdiges Weib aufopfern, und was bist Du denn im Grunde mehr (Dein glattes Gesichtchen abgerechnet), als irgend ein anderes verworfenes Weibsbild, da es nicht an Dir gefehlt hat, daß Du nicht einen braven Biedermann (wie Du mich jetzt eben genannt hast) um's Leben brachtest, mit welchem der Welt einst mehr gedient sein wird, als mit hunderttausend Deines Gleichen, so lange sie steht? Lerne denn von mir mit Deinem Schaden, was es auf sich hat, über Leute zu spotten, die einiges Gefühl haben, besonders über Studenten; und wenn Du davon kommst, so laß es Dir eine Warnung sein, nicht mehr dergleichen Thorheiten zu begehen. Bist Du aber so sehr eilig, herunter zu kommen, so springe herab und brich den Hals, so bist Du auf einmal von aller Qual befreit und mir wird es nicht leid sein. Und so sage ich Dir zum Schluß: Ich habe Mittel gefunden, Dich dort hinauf zu schicken; suche Du jetzt Mittel, wieder herunter zu kommen, so wie Du verstandest, mich zu hohnnecken.«

Indem Rinieri dieses sprach, that das arme Weib nichts, als Thränen vergießen. Die Zeit rückte vor und die Sonne stieg immer höher. Wie er schwieg, erwiderte sie schluchzend: »Ach, Grausamer! Wenn jene unselige Nacht Dir so sehr am Herzen liegt und wenn Dir mein Verbrechen so schwer scheint, daß weder meine Jugend und meine Schönheit, noch meine Thränen und Bitten Dich zum Mitleiden bewegen können, so laß doch dies eine Dich einigermaßen rühren und Deinen strengen Zorn entwaffnen, daß ich selbst mich Dir anvertraute, Dir alle meine Geheimnisse entdeckte und Dir das Mittel in die Hände gab, mich mein Vergehen so schwer empfinden zu lassen. Denn wenn ich nicht so große Zuversicht zu Dir gehabt hätte, so wäre es nimmer in Deiner Macht gewesen, die Rache, wonach Du Dich so sehr scheinst gesehnt zu haben, an mir auszuüben. Ich bitte Dich, laß Deinen Zorn fahren und verzeihe mir. Ich bin bereit, wenn Du mir vergeben und mich hinunter lassen willst, jenem ungetreuen Jünglinge gänzlich zu entsagen und Dich allein als meinen Geliebten und Gebieter zu erkennen. So sehr Du auch meine Schönheit verachtest und sie als geringfügig herabwürdigst, so ist sie doch (ohne mich mit anderen Schönen zu vergleichen) meiner Ueberzeugung nach nicht reizlos für einen jungen Mann, und Du bist kein Greis. Und so grausam Du mir auch immer begegnest, so kann ich doch nicht glauben, daß Du mir einen so schmählichen Tod gönnest, daß ich mich hier vor Deinen Augen hinunterstürzen sollte, da ich Dir doch sonst (wenn Du mir nicht geheuchelt hast) so sehr gefiel. Ach, erbarme Dich meiner um Gotteswillen und aus Mitleiden. Die Sonne fängt an, sehr heiß zu werden, und wie mich die Kälte in der Nacht gedrückt hat, so beginnt die Hitze mir jetzt sehr beschwerlich zu werden.«

Rinieri, der seine Schadenfreude daran hatte, sie mit Reden hinzuhalten, antwortete: »Helena, Du hast mir Dein Vertrauen diesmal nicht aus Liebe zu mir geschenkt, sondern um denjenigen wieder zu bekommen, den Du verloren hast, und Du kannst demnach nichts anderes damit von mir verdienen, als noch größere Strafe. Du irrst Dich auch sehr, wenn Du meinst, daß mir nur dieser Weg offen stand, um mich an Dir nach Herzenslust zu rächen. Ich hätte Dir unter dem Deckmantel meiner Liebe wohl hundert Fallstricke gelegt, und wenn mir dieser Streich nicht gelungen wäre, so hättest Du Dich doch bald in einer anderen Falle fangen müssen, und in keine hättest Du geraten können, die Dir nicht noch weit mehr Schmerz und Schande gebracht hätte, als diese, die ich indessen wahrlich nicht gewählt habe, um Dich leichter davon kommen zu lassen, sondern nur, um desto eher zu meinem Endzweck zu kommen. Und wenn auch alle meine Entwürfe gescheitert wären, so blieb mir noch meine Feder übrig, mit welcher ich solche Dinge und in einem solchen Tone von Dir würde geschrieben haben, daß Du tausendmal hättest wünschen sollen, nie geboren zu sein, wenn sie Dir wieder zu Ohren gekommen wären. Die Gewalt der Feder ist unendlich größer, als diejenigen wähnen, die ihre Wirkung nicht selber erfahren haben. Ich schwöre Dir, so wahr ich hoffe, meine Rache ganz an Dir zu sättigen, man sollte Dinge von Dir gelesen haben, daß Du Dich nicht nur vor anderen Leuten, sondern vor Dir selbst hättest schämen und Dir die Augen auskratzen sollen, um nur nie Dein Gesicht wieder zu sehen. Laß also den Bach nicht zum Meere sagen: ich habe Dich angeschwellt. Ich habe Dir schon gesagt, daß ich mir aus Deiner Liebe und aus Deinem Besitze nichts mache. Schenke Dich, wenn Du kannst, demjenigen wieder, dem Du angehört hast. Ehemals war er mir zuwider, doch jetzt bin ich ihm gut, wegen seines Betragens gegen Dich. Ihr Weiber liebt die jungen Bürschchen und sucht, von ihnen geliebt zu werden, weil sie rotwangiger und flaumbärtiger sind, aufrecht einhergehen und rüstig sind zum Tanz und zum Ringrennen. Das alles haben ältere Leute auch gekonnt, und was diese vergessen haben, das müssen jene noch erst lernen. Ihr glaubt auch wohl, daß sie bessere Zeisige sind, und mehr Meilen in einer Strecke zurücklegen können, als Männer von reiferen Jahren. Es mag wahr sein, daß sie einen rascheren Gang gehen, aber die älteren und erfahreneren Leute kennen die Bahn und die Wege besser. Langsam und gut, ist in der Länge besser, als schnell und unstät; ein starker Trab ermüdet Reiter und Pferd: wer aber sacht angehen läßt, bringt Euch frisch und munter (wenn auch ein wenig langsamer) zum Ziele. Ihr einfältigen Dinger wißt nicht, wieviel Böses unter der weniger glatten Außenseite verborgen ist. Die jungen Leute begnügen sich nicht mit einer Liebschaft, sondern sie begehren so viele, und glauben auf so viel Anspruch machen zu können, daß die Beständigkeit unmöglich eine Begleiterin ihrer Liebe sein kann; davon lieferst Du selbst ein lebendiges Beispiel. Sie meinen auch, ihre Damen müßten ihnen immer mit Achtung und Liebkosungen zuvorkommen, und sie suchen eine Ehre darin, mit ihren Gunstbezeigungen zu prahlen. Durch dieses Laster würdigen sie sich noch unter die Mönche herab, welche wenigstens nichts ausplaudern. Du denkst zwar, niemand habe von Deinem Liebeshandel etwas gewußt, außer Deiner Magd und mir, dem Du alles gestanden hast; allein Du bist übel berichtet und irrest Dich sehr, wenn Du dieses glaubst. In Deiner Straße und in der Straße Deines Geliebten wird fast von nichts anderem gesprochen; aber gemeiniglich ist derjenige, den die Sache am nächsten angeht, der Letzte, der etwas davon erfährt. Überdies plündern Euch die jungen Leute, und die älteren bringen Euch Geschenke. Du bist eine von denen, die übel gewählt haben; halte Dich jetzt an Deinen Erwählten und überlasse mich, den Du verschmäht hast, einer anderen. Ich habe ein Weib gefunden, welches mir viel schätzbarer ist, und mich auch besser zu würdigen weiß, als Du. Fängt die Sonne jetzt an, Dich zu stechen, so vergiß den Frost nicht, den Du mich hast ausstehen lassen. Die Erinnerung daran wird hinreichend sein, die Hitze zu mäßigen, welche der brennende Sonnenstrahl Dir verursacht.«

Wie die arme geängstigte Helena fand, daß alle Reden des Rinieri auf neue Grausamkeiten abzielten, fing sie abermals an zu weinen und sagte: »Weil denn nichts, was sich auf mich selbst bezieht, Dich bewegen kann, Mitleid mit mir zu haben, so laß Dich wenigstens bei Deiner Liebe zu derjenigen beschwören, von welcher Du sagst, daß Du sie vernünftiger als mich gefunden hast, und daß Du von ihr geliebt wirst. Verzeihe mir um ihretwillen, reiche mir meine Kleider, um mich zu bedecken, und hilf mir von hier hinab.«

Rinieri lachte, und weil der Tag schon heiß ward, so sprach er: »Wohlan, Du beschwörst mich bei einer solchen Dame, daß ich Dir nicht Nein sagen kann. Sage mir nur, wo Deine Kleider sind, damit ich sie Dir bringe und Dich erlöse.«

Die Worte verschafften ihr ein wenig Trost; sie sagte ihm, an welchem Orte sie ihre Kleider gelassen hatte, und Rinieri entfernte sich, indem er seinem Diener befahl, niemand zu ihr zu lassen, bis er wieder käme. Er ging indessen hin und frühstückte bei einem Freunde in der Nähe. Helena, durch die Hoffnung ihrer nahen Erlösung einigermaßen aufgerichtet, setzte sich an derjenigen Seite des Turmes nieder, wo ihr die Mauer noch ein wenig Schatten gewährte. Bald saß sie tiefsinnig, bald weinte sie, bald hoffte sie, bald wollte sie über das lange Ausbleiben des Rinieri verzweifeln; bis sie vor Schmerz und Müdigkeit, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, einschlummerte. Doch bald stieg die Sonne so hoch, daß auch die Mauer sie nicht mehr vor ihren Strahlen schützte, welche fast senkrecht auf ihr Haupt und auf ihren zarten Leib fielen, und sie aus ihrem kurzen Schlummer weckten. Da der Wind überdies völlig still war, so ward sie nicht nur von keinem Lüftchen abgekühlt, sondern auch von Mücken und Wespen geplagt und außerdem ward sie vom Hunger und noch ärger vom Durste gequält. Umsonst suchte sie mit ihren Blicken bald an dieser, bald an jener Seite des Turmes, ob sich nicht jemand sehen ließe, und sie war entschlossen, es möchte kosten, was es wollte, um Hülfe zu rufen. Allein wegen der Hitze war kein Ackersmann auf dem Felde zu sehen, und die meisten waren auch wohl schon auf ihren Tennen mit dem Dreschen beschäftigt. Sie hörte nichts, als das Geschrei der Cicaden. Zu ihren Füßen sah sie den Arno; allein der Anblick seines Wassers konnte ihren Durst nicht löschen, vielmehr diente er nur, ihn zu vermehren, so wie die Wälder, Büsche und Häuser, welche sie um sich her erblickte, sie nur noch schmerzlicher empfinden ließen, daß sie umsonst nach dem kleinsten Schatten und Obdach vor dem brennenden Strahl der Sonne schmachten mußte. Ihre zarte Haut, deren Weiße noch am vorigen Abend die Finsternis verjagte, war jetzt vor Hitze wie Kupfer gerötet.

Endlich erschien Rinieri wieder und schickte seinen Diener, der noch nichts genossen hatte, nach Hause zum Essen. Wie Helena ihn vernahm, sprach sie mit schwacher und gebrochener Stimme: »Rinieri, Du hast Dich über alle Maßen gerächt. Wenn ich Dich einst in meinem Hofe frieren ließ, so hast Du mich auf diesem Turme nicht nur braten, sondern gar verbrennen, und vor Hunger und Durst verschmachten lassen. Ich bitte Dich, komm' herauf und gieb mir den Tod, den ich nicht das Herz habe, mir selbst zu geben und den ich mir jetzt über alles wünsche; so groß ist die Qual, die ich dulde. Oder wenn Du mir diese Gnade nicht erweisen willst, so verschaffe mir wenigstens einen Trunk Wasser, um meine Lippen zu benetzen, weil meine Thränen dazu nicht hinreichen.«

»Böses Weib! (erwiderte Rinieri) von meiner Hand sollst Du nicht sterben. Bist Du des Lebens überdrüssig, so töte Dich selbst. Wasser sollst Du von mir so viel zur Linderung Deines Durstes bekommen, als Du mir Feuer gegeben hast, um der Kälte zu widerstehen. Fast ärgert es mich, da ich meine erstarrten Nerven mit stinkendem Miste habe herstellen müssen, daß Dir Deine wenigen Brandblasen mit wohlriechendem Rosenwasser sollen geheilt werden; und da ich in Gefahr gewesen bin, wo nicht das Leben, so doch den Gebrauch meiner Glieder zu verlieren, daß Du hingegen Deine versengte Haut abschälen, und Deine Schönheit erneuert sehen wirst, wie die Schlange.«

»Ach, ich Elende! (seufzte Helena) Um einen solchen Preis müsse meine ärgste Feindin ein wenig Schönheit erkaufen! Aber sage mir Du, der Du grausamer, als irgend ein reißendes Tier, mit mir umgehst, wie ist es Dir möglich, mich auf solche Art zu martern? Wahrlich, ich wüßte nicht, wie man noch grausamer gegen einen Bösewicht verfahren könnte, der eine ganze Stadt mit Mord und Totschlag angefüllt hätte, da Du mich hast von der Sonne braten, und von Wespen und Hornissen verzehren lassen. Und bei all' diesen Martern versagst Du mir einen Tropfen Wasser, da man doch dem Mörder, der zum Tode geführt wird, wohl einen Becher Wein zu reichen pflegt, wenn er ihn fordert. Doch weil ich sehe, daß Du bei Deiner Grausamkeit beharrst, und daß meine Qualen nicht vermögen, Dich im geringsten zu bewegen, so will ich mich geduldig zum Tode bereiten, damit der Himmel Erbarmen mit meiner Seele habe. Ihm will ich es anheimstellen, Deine Handlung mit gerechtem Auge anzusehen.«

Mit diesen Worten legte sie sich schmerzvoll mitten auf dem Dache nieder, und gab alle Hoffnung auf zu entrinnen. Doch jetzt glaubte Rinieri weit genug gegangen zu sein und wollte seine Rache nicht auf's äußerste treiben. Er wickelte demnach Helena's Kleider in den Mantel seines Dieners und ging nach ihrem Hause. Hier fand er ihre Magd ganz trostlos vor der Thüre sitzen. »Mädchen, was macht Deine Frau?« fragte er sie.

»Ach, mein Herr, ich weiß es nicht (gab sie zur Antwort). Ich meinte sie diesen Morgen im Bette zu finden; allein sie war weder dort, noch sonst irgendwo zu sehen, und ich weiß nicht, wohin sie geraten ist und bin äußerst bekümmert um sie. Aber vielleicht wißt ihr es, mein Herr?«

»Ich wünschte (sprach Rinieri), daß ich Dich nur auch da gehabt hätte, wo sie bis jetzt gewesen ist, um Dich mit ihr zugleich für Deine Bosheit zu bestrafen; aber Du sollst mir wahrlich auch nicht entgehen, bis Du dermaßen für Deine Schelmstücke gebüßt hast, daß Du nie wieder jemand hohnnecken wirst, ohne an mich zu gedenken. Da nimm diese Kleider, geh damit hin, wenn Du willst, und hole Deine Frau von jenem Turme.«

Die arme Magd erschrak über diese Worte und glaubte nicht anders, als daß er ihre Frau erschlagen hätte, und kaum enthielt sie sich, laut zu schreien. Rinieri ging fort, und sie eilte mit verweinten Augen nach dem Turme. Zufälligerweise hatte ein Sauhirte ein paar von seinen Schweinen verloren und ging auch nach dem Turme, um sich nach ihnen umzusehen. Wie er dahin kam, hörte er das Ächzen der Dame und rief ihr zu: »Wer jammert dort oben?«

Helena kannte die Stimme ihres Hirten, nannte ihn bei seinem Namen und bat ihn, ihre Magd zu rufen, indem kam diese schon gegangen und rief: »Ach meine liebe Frau, wo seid Ihr?«

»Ach, meine Tochter! ich bin hier oben (sprach Helena). Weine nicht, sondern eile nur und bringe mir meine Kleider.«

Der Hirte setzte die Leiter an und halb getröstet eilte die Magd hinauf mit den Kleidern; doch kaum konnte sie sich enthalten, laut zu jammern, wie sie ihre Frau vor Durst und Hitze fast verschmachtet fand. Helena bat sie zu schweigen und sie ankleiden zu helfen. Wie sie von ihr hörte, daß niemand wüßte, wo sie wäre, als Rinieri, die Magd und der Hirte, beruhigte sie sich einigermaßen und bat den Hirten, sich gegen niemand etwas merken zu lassen. Da sie zu schwach war, die Leiter hinab zu steigen, so nahm der Hirte sie auf den Rücken und trug sie hinunter. Indem die Magd ihr folgen wollte, that sie einen Fehltritt, stürzte hinunter und zerbrach sich eine Rippe, worüber sie vor Schmerz brüllte wie eine Löwin. Der Hirte setzte die Dame auf einen Heuschober nieder, und eilte zu sehen, was der Magd fehlte; und wie er sie so beschädigt fand, half er ihr nach demselben Heuschober und setzte sie neben ihrer Frau hin. Für Helena war der Unfall, der ihre Magd betroffen hatte, um desto schmerzlicher, je mehr sie jetzt ihrer Hilfe bedurfte, und sie weinte darüber so bitterlich, daß auch dem Hirten die Thränen in die Augen traten. Er eilte indessen, sie mit einem Trunk Wasser zu erquicken, und brachte sie nach ihrem Hause, woselbst seine Frau den Dienst der Magd versah und ihr so viel wie möglich Linderung zu verschaffen suchte. Des Abends ward Anstalt gemacht, sie und die Magd nach der Stadt zu bringen. Helena hatte Witz genug, ein Märchen zu erfinden, um ihren Verwandten und Freunden einen anderen Unfall vorzuspiegeln, wodurch sie und ihre Magd zu Schaden gekommen wären. Beide wurden bald wieder hergestellt, und Rinieri war am Ende großmütig noch genug, von der ganzen Sache nicht weiter zu reden; zumal, da er durch den Fall der Magd auch an dieser genugsam gerächt zu sein glaubte.

Helena vergaß ihren Liebhaber und nahm sich in der Folge in acht vor Liebeshändeln und vor Hohnneckereien, nachdem ihr die eine so übel bekommen war.

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