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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 77
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Sechsundsiebenzigste Erzählung.

Wer Calandrino, Bruno und Buffalmacco waren, das brauche ich Euch nicht zu sagen, weil sie gewiß noch bei Euch in frischem Andenken sein werden. Ich will demnach anmerken, daß Calandrino nahe bei Florenz ein kleines Gütchen besaß, welches ihm seine Frau zum Brautschatze mitgebracht hatte, und von welchem er unter anderen Einkünften jährlich ein fettes Schwein bekam. Er pflegte deswegen gewöhnlich im Dezember mit seiner Frau hinaus zu gehen, um es daselbst zu schlachten und einzusalzen. Einmal traf es sich, daß seine Frau nicht recht gesund war, und daß er allein hinausging, sein Schwein schlachten zu lassen. Wie Bruno und Buffalmacco davon hörten, und daß die Frau nicht mit dabei wäre, gingen sie zu dem Pfarrer im Dorfe des Calandrino, welcher ihr sehr vertrauter Freund war, um einige Tage bei ihm zu bleiben. Wie sie ankamen, hatte Calandrino eben desselben Morgens sein Schwein geschlachtet, und indem er sie bei dem Pfarrer gewahr ward, rief er ihnen zu: »Seid willkommen hier; kommt doch zu mir und seht, wie ich mich auf die Haushaltung verstehe.« Er führte sie darauf in sein Haus und zeigte ihnen sein Schwein; sie fanden es vortrefflich, und Calandrino sagte ihnen, daß er willens wäre, es einzusalzen.

»Du bist nicht gescheit (sprach Bruno). Verkauf es lieber und laß uns das Geld vertrinken und sage Deiner Frau, das Schwein sei Dir gestohlen worden.«

»Nein (sprach Calandrino). Sie würde mir nicht glauben und mich zum Hause hinaus jagen. Gebt Euch nur keine Mühe, denn es wird nichts daraus.«

Sie gaben sich zwar alle Mühe, ihn zu bereden; allein sie richteten nichts aus. Calandrino lud sie auch so laulich zum Abendessen, daß sie nicht Lust hatten, zu bleiben. Wie sie nun weggingen, sprach Bruno zu Buffalmacco: »Was meinst Du, sollen wir ihm nicht diese Nacht das Schwein stehlen?«

»Wie sollten wir das anfangen?« sprach Buffalmacco.

»Dazu fände ich wohl Rat (antwortete Bruno), wenn er es nur da hängen ließe, wo es jetzt ist.«

»Wenn das wäre (sprach Buffalmacco), so wüßt ich nicht, warum wir's nicht thun sollten und dann lassen wir's uns hier mit unserem Pfarrer gut schmecken.«

Der Priester wandte gleichfalls nichts dawider ein.

»Wir müssen es aber ein wenig mit List anfangen (sagte Bruno). Du weißt wohl, Buffalmacco, daß Calandrino geizig ist. Weil er aber gerne mittrinkt, wenn ein anderer bezahlt, so laß uns mit ihm in die Schenke gehen, und der Pfarrer muß sich stellen, als wenn er uns bewirten wollte, und muß ihn nichts bezahlen lassen; so begießt er sich gewiß die Nase und macht uns leichte Arbeit, da er allein zu Hause ist.«

Sie thaten, wie Bruno sagte, und wie Calandrino sah, daß der Priester für alle bezahlte, legte er sich auf's Trinken, und weil er ohnehin nicht viel vertragen konnte, so bekam er bald seine volle Ladung. Weil es nun schon ziemlich spät war, wie sie aus der Schenke kamen, so hatte er nicht mehr Lust, zu Abend zu essen, sondern ging nach Hause und glaubte seine Thüre zu verschließen, ließ sie aber offen und ging zu Bette. Bruno und Buffalmacco gingen mit dem Priester, und nach dem Abendessen versahen sie sich mit gewissen Werkzeugen, um an derjenigen Stelle, die Bruno sich angemerkt hatte, in das Haus des Calandrino zu kommen. Da sie aber die Thüre offen fanden, gingen sie hinein, nahmen das Schwein ab, trugen es nach dem Pfarrhause und legten sich, nachdem sie es wohl verwahrt hatten, zu Bette. Wie Calandrino am folgenden Morgen seinen Rausch ausgeschlafen hatte, stand er auf, machte aber, wie er hinunter kam, große Augen, da er sein Schwein nicht fand und sah, daß seine Hausthür offen stand. Er fragte seine Nachbarn, ob sie nicht wüßten, wer ihm sein Schwein weggetragen hätte; weil es ihm aber niemand zu sagen wußte, machte er einen gewaltigen Lärm über sein Unglück, daß er sein Schwein verloren hätte.

Sobald Bruno und Buffalmacco aufgestanden waren, gingen sie zu ihm, um zu sehen, wie er sich wegen seines Schweines gebärden würde. So wie er sie nur gewahr ward, rief er ihnen entgegen: »Weh' mir, lieben Brüderchen; mein Schwein ist mir gestohlen!«

»Ein Wunder (raunte ihm Bruno in's Ohr), daß Du doch endlich einmal einen gescheiten Einfall gehabt hast!«

»Ach, leider nein! (sprach Calandrino) Ich spreche nur zu sehr im Ernst.«

»So mußt Du sagen (sprach Bruno). Schreie nur und jammere dermaßen, daß man wirklich glaubt, es sei wahr.«

Calandrino schrie noch lauter: »Beim heiligen Leichnam, ich rede die Wahrheit; es ist mir wirklich gestohlen.«

»Bravo, bravo! (sprach Bruno) so mußt Du es beteuern. Schreie recht laut und laß Dich tapfer hören, damit Dir's ein rechter Ernst scheint.«

»Du willst mich noch rasend machen (sprach Calandrino). Du glaubst mir nicht, und ich will mich doch hängen lassen, wenn es mir nicht gestohlen ist.«

»Wie wäre das zugegangen? (sprach Bruno jetzt) Ich hab' es ja gestern hier noch hängen sehen. Wie willst Du mir denn einbilden, daß es gestohlen wäre?«

»Es ist so, wie ich Dir sage«, versicherte Calandrino.

»Aber wie ist das möglich?« fragte Bruno.

»Genug, es ist gewiß wahr (erwiderte Calandrino), und ich bin ein unglücklicher Mensch und weiß nicht, wie ich mich darf zu Hause sehen lassen. Meine Frau wird mir nicht glauben; und wenn sie mir auch glaubt, so habe ich dennoch in Jahr und Tag keinen Frieden mit ihr.«

»Beim Himmel! (sprach Bruno) wenn es wahr ist, so ist es ein schöner Schelmstreich; aber Du weißt wohl, Calandrino, daß ich Dich gestern lehrte, Du sollst so sprechen, und ich will nicht hoffen, daß Du jetzt nur Dein Weib und uns zum besten haben willst.«

»Wollt Ihr mich denn gar rasend machen (schrie Calandrino), daß ich Gott und seine Heiligen lästern soll, und alles, was ihnen angehört? Ich sage Euch noch einmal, das Schwein ist mir diese Nacht gestohlen

»Wenn das ist (sprach Buffalmacco), so müssen wir suchen, es wieder ausfindig zu machen.«

»Aber durch was für Mittel?« fragte Calandrino.

»Sicherlich (versetzte Buffalmacco) ist niemand aus Indien hergekommen, um Dir Dein Schwein zu stehlen, sondern es muß jemand von Deinen Nachbarn gethan haben, und wenn Du sie alle versammeln könntest, so wüßte ich wohl ein Mittel, den Dieb mit geweihtem Käse und Brot zu entdecken.«

»Mit dem Käse und Brot (sprach Bruno) würdest Du bei einigen Junkern hier nichts ausrichten; denn ich bin versichert, wer das Schwein hat, der würde den Braten riechen und wegbleiben.«

»Wie soll man es denn machen?« fragte Buffalmacco.

»Man müßte sie zu einem Trunk einladen (versetzte Bruno) und ihnen eingemachten Ingwer und guten Vernaccia vorsetzen. Dabei werden sie nichts Arges vermuten und werden kommen, und den Ingwer kann man so gut weihen, wie das Brot und den Käse.«

»Wahrhaftig, Du hast recht (sprach Buffalmacco). Was sagst Du dazu, Calandrino? Sollen wir den Versuch machen?«

»Um Gottes willen, ja! (sprach Calandrino) wenn ich nur erst wüßte, wer es hat, so wär' ich schon halb getröstet.«

»Gut (sprach Bruno). Ich will gern nach Florenz gehen und Dir diesen Dienst thun, wenn Du mir nur Geld dazu giebst.«

Calandrino hatte ein paar Gulden bei sich und gab sie ihm hin. Bruno ging damit zu einem Apotheker in Florenz, der sein Freund war, kaufte ein paar Pfund überzuckerten Ingwer und ließ ein paar Klümpchen roten Enzian in frische Aloe einmachen und sie ebenso wie den Ingwer mit Zucker überziehen, und bezeichnete sie, um sie nicht zu verwechseln. Hernach kaufte er eine Flasche guten Vernaccia und kehrte zu Calandrino nach dem Dorfe zurück. »Sieh nun zu, (sprach er zu ihm) daß Du auf morgen früh alle diejenigen zum Trunk einladest, die Du im Verdacht hast; es ist Festtag, und sie werden gern kommen. Ich und Buffalmacco wollen heute Abend den Ingwer weihen und ihn Dir morgen mitbringen, und Dir zu Gefallen will ich ihn selbst austeilen und will alles thun und sagen, was nötig ist.«

Calandrino that, wie er ihm sagte, und wie am folgenden Morgen eine ziemliche Menge junger Leute aus Florenz und aus dem Dorfe sich vor der Messe unter dem Ulmbaume versammelt hatte, kamen Bruno und Buffalmacco mit einer Schachtel Ingwer und mit einer Flasche Wein, und baten sie alle, sich in einen Kreis zu stellen, worauf Bruno sagte: »Meine Herren, ich muß Euch sagen, weswegen Ihr hergebeten seid, damit Ihr Euch nicht über mich beklagt, wenn etwas vorfallen sollte, welches Euch unangenehm wäre. Dem Calandrino ist gestern ein Schwein gestohlen worden, und weil das niemand anders, als einer von uns kann gethan haben, so will er, um den Thäter ausfindig zu machen, jedem von Euch ein Stück von diesem Ingwer zu essen geben. Wisset demnach zum voraus, daß derjenige, der das Schwein gestohlen hat, den Ingwer nicht wird hinunter bringen können, sondern er wird ihn so bitter wie Galle finden und ihn wieder ausspeien müssen. Ehe sich nun jemand diese Schande in jedermann's Gegenwart zuzieht, so ist dem Schuldigen zu raten, daß er es lieber dem geistlichen Herrn in der Beichte gesteht, so will ich nicht weiter in der Sache gehen.«

Alle, die gegenwärtig waren, antworteten, sie wollten gern davon essen. Bruno stellte sie demnach in Ordnung und den Calandrino mit in die Reihe. Darauf reichte er einem jeden ein Stück von dem Ingwer; wie er aber an Calandrino kam, gab er ihm ein Stück von dem Hundekonfekt in die Hand. Calandrino steckte es den Augenblick in den Mund und fing an zu kauen; sobald er aber die Aloe auf die Zunge bekam, schmeckte es ihm so bitter, daß er es wieder ausspie. Ein jeder sah den andern an und wartete, wer seinen Bissen ausspeien würde, und Bruno war noch nicht ganz herumgekommen, wie er schon hinter sich schreien hörte: »He, Calandrino! was hat das zu bedeuten?« Er wandte sich um und wie er sah, daß Calandrino seinen Konfekt ausgespieen hatte, sprach er: »Warte nur, Du hast vermutlich aus anderen Ursachen ausspeien müssen. Hier hast Du noch eins.« Damit steckte er ihm den anderen Enzian in den Mund und fuhr fort, den übrigen Ingwer herum zu reichen. Wenn dem armen Calandrino der erste Bissen bitter geschmeckt hatte, so ward ihm dieser noch tausendmal bitterer. Weil er sich aber schämte, ihn auszuspeien, so wälzte er ihn so lange im Munde herum, bis ihm die Thränen wie Haselnüsse über die Backen rollten; doch endlich konnte er es nicht länger aushalten und spie ihn aus, wie den ersten. Als Buffalmacco, der den Wein herumschenkte und Bruno und alle übrigen dieses sahen, sprachen sie alle, Calandrino hätte sich selbst bestohlen und einige machten ihn deswegen heftig herunter. Nachdem alle andern davon gegangen und nur Bruno und Buffalmacco bei Calandrino geblieben waren, fing Buffalmacco an: »Ich habe es gleich gedacht, daß Du selbst das Schwein hättest und wolltest uns nur weiß machen, daß es Dir gestohlen wäre, um uns von dem gelösten Gelde kein Trünkchen zu geben.«

Calandrino, der den Gallengeschmack noch nicht los werden konnte, fing von neuem an, zu schwören, daß er es nicht hätte.

»Scherz bei Seite, Bruder (sprach Bruno), gesteh' nur, wie viel Du bekommen hast. Ein halbes Dutzend; nicht wahr?«

Calandrino wollte schier von Sinnen kommen; aber Buffalmacco fuhr fort: »Ich muß Dir's nur rein heraus sagen, Calandrino, einer von denen, die hier mit uns gegessen und getrunken haben, hat mir gesagt, daß Du Dir oben im Dorfe ein Mädchen hältst, welchem Du alles zusteckst, was Du nur verheimlichen kannst, und daß er gewiß glaubt, Du habest ihr auch das Schwein geschickt. Gewiß hast Du angefangen, Dich auf Streiche zu legen. Du hast uns schon einmal nach dem Mugnone gelockt, um schwarze Steine aufzulesen und wie Du uns auf die wilde Gänsejagd geführt hattest, gingst Du davon und machtest uns hernach weiß, Du hättest den rechten Stein gefunden. Jetzt meinst Du wieder, uns mit Deinen Schwüren glauben zu machen, das Schwein sei Dir gestohlen worden, da Du es doch entweder verkauft oder verschenkt hast. Wir sind aber Deine Streiche schon gewohnt und kennen sie, so daß Du uns keinen mehr spielen sollst, und da wir jetzt die Mühe davon gehabt haben, unsere Kunst anzuwenden, so mußt Du uns zwei Paar fette Kapaune geben, wenn Du nicht willst, daß wir der Frau Tessa alles wiedersagen sollen.«

Wie Calandrino sah, daß man ihm nicht glaubte und daß er bereits Verdruß und Schaden genug gehabt hatte, wollte er nicht noch obendrein Zank mit der Frau haben; er gab also einem Jeden von ihnen ein Paar Kapaune. Jene salzten das Schwein ein und brachten es nach Florenz, und Calandrino hatte den Schaden und den Spott dazu.

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