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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 73
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Zweiundsiebenzigste Erzählung.

Zu Varlungo, einem Dörfchen nicht weit von Florenz, lebte ein rüstiger, im Dienste der Weiber wohl versuchter Pfarrer, der zwar nicht sonderlich lesen konnte, aber doch seine Pfarrkinder des Sonntags unter dem Ulmbaume mit manchem salbungsvollen Worte zu erbauen wußte; und wenn die Männer in Geschäften abwesend waren, so verstand kein Pfaff, weder vor, noch nach ihm, ihre Weiber besser zu besuchen, ihnen Naschwerk, Weihwasser und Endchen von Wachskerzen zu bringen und ihnen seinen Segen dabei zu geben. Unter den Weiberchen in seinem Dorfe, die ihm zuerst in seine Augen fielen, war vorzüglich eine, die ihm vor allen anderen gefiel, namens Belcolore, die Frau eines Bauern, der sich Bentivegno del Mazzo nennen ließ, und sie war auch wirklich ein ebenso hübsches, als frisches und kernfestes, bräunliches Bauernweibchen, besser zur Wollust gebaut, als irgend eine andere, und keine konnte besser als sie die Cymbel schlagen, ein Liedchen singen, oder, wenn es nötig war, mit einem hübschen Tuche in der Hand, einen Reigen anführen. Darum ward auch der Pfarrer so verliebt in sie, daß er kaum seiner Sinne mächtig blieb; keuchend trabte er ganze Tage umher, um sie zu sehen, und wenn er des Sonntags fand, daß sie in der Kirche war, so schrie er sein Kyrie und Sanktus wie ein Waldesel, um seine Kunst und Kraft im Gesange hören zu lassen; wenn sie aber nicht da war, so ließ er's sachte angehen. Doch wußte er sich dabei so zu benehmen, daß weder Bentivegno, noch sonst jemand im Dorfe etwas davon gewahr ward. Um sich bei Belcolore desto besser in Gunst zu setzen, schenkte er ihr von Zeit zu Zeit bald ein Bündel von dem besten Knoblauch, den er mit eigenen Händen in seinen Garten gesetzt hatte, bald ein Körbchen voll Bohnen, bald eine Schnur Zwiebeln oder Schalotten; und wenn er seine Gelegenheit sah, so beäugelte er sie, und schwänzelte um sie herum, wie ein verliebter Pudel. Weil sie jedoch immer die Spröde spielte, so konnte er lange nicht bei ihr zum Ziele kommen. Einst traf es sich inzwischen, wie er gerade in der Mittagsstunde hin und her auf der Straße herumschlenderte, daß ihm Bentivegno del Mazzo begegnete, der einen beladenen Esel vor sich hin trieb. Er sprach ihn an und fragte ihn, wohin er ginge.

»Hm! Ja, die Wahrheit zu sagen, Eu'r Würden (sprach Bentivegno), es geht halt nach der Stadt, wegen eines Geschäfts, das ich dort habe, und ich bringe diese Sachen dem Herrn Bonaccori da Ginestreto, daß er mir helfen soll, weil mich der Herr Defizialrichter durch seinen Prokulator porentorisch hat rezitieren lassen.«

Der Pfarrer war froh und sagte: »Du thust wohl, mein Sohn; Gott segne Dein Vorhaben! Komm bald zurück und wenn Dir von ungefähr Lampuccio und Naldino in den Weg kommen, so vergiß nicht, ihnen zu sagen, daß sie mir die Riemen zu meinem Dreschflegel schicken.«

»Soll geschehen«, sprach Bentivegno und trieb nach Florenz. Der Pfarrer hielt dies für die gelegenste Zeit, sein Glück bei Belcolore zu versuchen; er machte sich auf den Weg und hielt sich nirgends auf, bis er zu ihr kam.

»Gott zum Gruß! (rief er) Ist jemand zu Hause?«

Belcolore, die auf den Boden gegangen war, rief herunter, wie sie seine Stimme hörte: »Ach, seid willkommen, Herr Pfarrer; wie kömmt's, daß Ihr so in der Mittagshitze ausgeht?«

»So wahr ich lebe (sprach der Priester), bloß um ein wenig bei Dir zu verweilen, weil ich Deinem Mann begegnet bin, der nach der Stadt ging.«

Belcolore kam herunter, breitete ein Tuch auf die Erde und fing an, etwas Kohlsamen zu sieben, den ihr Mann eben ausgeschlagen hatte.

»Höre, Belcolorchen (sprach der Pater), willst Du mich denn immer so schmachten lassen?«

»Nun, was thu' ich Euch denn?« sprach Belcolorchen und lachte.

»Du thust mir zwar nichts (sprach der Pfarrer); aber Du läßt Dir auch nicht von mir thun, was ich gern möchte und was Gott geboten hat.«

»Ei, geht doch, geht doch! (sprach sie) Thun denn so was auch die Priester?«

»Warum nicht so gut, wie andere Leute und noch besser (sprach der Pfarrer). Denn bei uns kömmt's selten, aber gut; das sollst Du sehen, wenn Du ruhig bist und mich machen lässest.«

»Was kann man von Euch Gutes erwarten? (versetzte Belcolore) Ihr seid ja alle so geizig wie der Teufel.«

»Ich weiß nicht, was Du verlangst (sprach der Pfarrer). Fordere nur. Willst Du ein paar hübsche Schuhe? Oder willst Du ein schönes Kleinod, oder eine Strähne feine Wolle, oder was sonst?«

»Das wäre mir was Rechtes (sprach Belcolore)! Das alles habe ich selbst. Aber wenn Ihr mir so gut seid, wie Ihr sagt, so thut mir einen Dienst und ich will Euch wieder alles zu Gefallen thun.«

»Sage mir nur, was ich thun soll und es soll geschehen,« sprach der Priester.

»Gut! (versetzte Belcolore) Ich muß Sonnabend nach Florenz, um Wolle abzuliefern, die ich gesponnen habe, und um mein Spinnrad zurecht machen zu lassen. Wenn Ihr mir fünf Liren leihen wollt (so viel habt Ihr gewiß), so kann ich vom Pfandverleiher mein dunkelblaues Röckchen einlösen und meinen Feiertagsgürtel, den ich zum Brautschatz mitgebracht habe, denn Ihr wißt wohl, ohne dasselbe kann ich mich weder in der Kirche, noch an anderen ehrbaren Orten sehen lassen, und hernach will ich auch immer gerne thun, was Ihr haben wollt.«

»So wahr ich ehrlich bin, ich habe sie jetzt nicht bei mir (sprach der Pfarrer); aber sei versichert, ehe Sonnabend kommt, will ich sie Dir mit Freuden verschaffen.«

»Ja, wer Euch glaubte! (sprach Belcolore) Versprechen könnt Ihr alle meisterlich, aber hernach haltet Ihr anderen Leuten nichts. Meint Ihr's mit mir auch so zu machen, wie mit der Biliuzza, die mit leerer Hand ausgehen mußte? Das soll Euch bei meiner Treue nicht gelingen; denn die ist bloß darüber zur Gassenläuferin geworden. Habt Ihr sie nicht bei Euch, so geht hin und holt sie.«

»Ich bitte Dich (sprach der Pfarrer), schicke mich doch jetzt nicht wieder bis nach Hause. Du siehst, das Glück ist mir eben so günstig, daß niemand hier ist, und wer weiß, wenn ich wiederkomme so finde ich vielleicht jemand bei Dir, der uns hinderte, und wir können nicht wissen, ob sich eine so günstige Gelegenheit, wie diese, so bald wieder anbieten wird.«

»Meinetwegen! (sprach sie) Wollt Ihr gehen, so geht, wo nicht, so könnt Ihr lange warten.«

Wie der Pfarrer sah, daß er nichts von ihr erhalten würde, ohne sie sicher zu stellen, so gern er es auch vermieden hätte, so sprach er: »Höre, Du glaubst mir nicht, daß ich Dir das Geld bringen werde. Aber ich will Dir zur Sicherheit diesen violetten Chorrock hier zum Pfande lassen.«

»Diesen Chorrock? (sprach Belcolore und warf die Nase in die Höhe) Wie viel ist er denn wert?«

»Was er wert ist? (rief der Pfarrer) Du mußt wissen, daß er zweidrähtig oder dreidrähtig ist, ja einige Leute im Dorfe halten ihn gar für vierdrähtig; und es sind noch nicht vierzehn Tage, wo ich ihn von Otto dem Trödler für sieben Liren kaufte, und Buglietto, der sich (wie Du weißt) auf dergleichen Zeug wohl versteht, hat mir versichert, daß er noch wohl fünf Soldi mehr wert ist.«

»Das wäre! (sprach Belcolore) Das hätt' ich wahrhaftig nimmer geglaubt. Aber gebt ihn nur erst her.«

Der Pfarrer, bei dem der Bogen auf's Höchste gespannt war, gab den Chorrock hin. Sie verwahrte ihn und ging darauf mit dem Pater in ein Hüttchen, wohin niemand zu kommen pflegte, und wo sie sich eine gute Weile mit einander ergötzten. Der Pfarrer ging hernach ohne Chorrock, in bloßer Simarre nach Hause, als wenn er von einer Hochzeit käme. Wie er nun anfing nachzurechnen, daß die Endchen Lichter, die er in einem ganzen Jahre zusammensparte, ihm nicht die Hälfte der fünf Liren einbrächten, fand er, daß er nicht wohl gethan hatte, und es reute ihn, seinen Chorrock zum Pfande gelassen zu haben. Er sann daher auf ein Mittel, ihn wieder zu bekommen, welches ihm auch, weil er ziemlich verschlagen war, nur allzu gut gelang. Weil eben am folgenden Tage ein Festtag einfiel, so schickte er einen Knaben aus der Nachbarschaft zu Frau Belcolore und ließ sie bitten, ihm ihren steinernen Mörser zu leihen, weil morgen Binouccio del Poggio und Nuto Buglieti bei ihm essen würden, und er ihnen eine gute Tütsche vorzusetzen wünschte. Belcolore lieh ihm den Mörser. Wie nun der Mittag kam, und der Pfarrer wußte, daß Bentivegno mit seiner Frau zu Tische saß, rief er seinen Küster und sagte: »Nimm diesen Mörser, trage ihn zu Belcolore und sage ihr: ›Der Herr läßt Euch danken und bitten, ihm den Chorrock wieder zu schicken, den er dem Knaben zum Zeichen an Euch mitgegeben hat.‹«

Der Küster ging hin mit dem Mörser und fand Belcolore und Bentivegno bei ihrer Mahlzeit, stellte den Mörser hin und sagte, was ihm der Pfarrer befohlen hatte. Wie Belcolore hörte, daß er den Chorrock forderte, war sie im Begriff, ihm zu antworten, allein ihr Mann rief mit verdrießlicher Miene: »Was? Nimmst Du von dem geistlichen Herrn ein Pfand? Beim Element, ich habe schier Lust, Dir eine derbe Tachtel zu geben! Geh hin den Augenblick und gieb es ihm wieder, und merke Dir's, daß Du ihm niemals Nein sagst, wenn er etwas von unseren Sachen gebraucht, wenn's auch unser Esel selbst wäre.«

Die Frau stand murrend auf, holte den Chorrock aus ihrem Kasten und gab ihn dem Küster, indem sie sprach: »Sagt Eurem Herrn von meinetwegen, die Belcolore thäte ein Gelübde, daß er nimmermehr seine Brühe wieder in ihrem Mörser anrühren sollte, weil er diesmal so unartig damit umgegangen wäre.«

Der Küster brachte seinem Herrn den Chorrock und sagte ihm, was ihm aufgetragen war. Der Pfarrer lachte darüber und sagte: »Wenn Du sie wieder siehst, so sage ihr: wenn sie mir ihren Mörser nicht leihen will, so leih ich ihr auch nicht meinen Stempel; so bleiben wir einander nichts schuldig.«

Bentivegno meinte, seine Frau hätte die Worte deswegen gesprochen, weil er ihr einen Verweis gegeben hatte, und machte sich also nichts daraus. Belcolore aber entzweite sich mit dem Pfarrer und sprach bis zur Weinlese kein Wort mit ihm. Wie ihr aber hernach der Pfarrer drohte, daß er sie dem großen Lucifer in den Rachen schicken wollte, schlug sie um mit dem Most und vertrug sich mit ihm bei den warmen Kastanien. Sie pflegten sich hernach noch oft mit einander gütlich zu thun, und statt der fünf Liren ließ ihr der Pfarrer ihre Cymbel zurecht machen und eine Schelle daran hängen, und damit war sie zufrieden.

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