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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 71
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Siebenzigste Erzählung.

In Siena waren einmal ein Paar junge Leute von der gemeinen Volksklasse, deren einer Tinguccio Mini und der andere Meuccio Turra hieß. Sie wohnten beide in Porto Salaya, waren fast unzertrennlich in ihrem Umgange und schienen einander außerordentlich lieb zu haben. Sie gingen, wie gute ehrliche Leute zu thun pflegen, fleißig zusammen in die Kirchen und Predigten, wo sie oft von den Belohnungen und Strafen hörten, welche die Seelen der Menschen, ihrem Verdienste gemäß, in jener Welt erwarten. Weil sie nun sehr begierig waren, einige gewisse Auskunft darüber zu erhalten, die sie sich aber auf keine Weise zu verschaffen wußten, so nahmen sie Abrede, daß derjenige von ihnen beiden, welcher am ersten sterben würde, den Überlebenden wo möglich besuchen und ihm von allem Nachricht geben sollte, was er zu wissen wünschte, und diese Verabredung bestätigten sie einander mit einem Eide.

Da sie nun nach diesem Vertrage noch ferner auf demselben vertrauten Fuße mit einander lebten, so traf es sich, daß Tinguccio von einem gewissen Ambrogio Amselmini, dessen Frau, Mama Mita genannt, mit einem Söhnchen niedergekommen war, zum Gevatter gebeten ward. Tinguccio, der mit seinem Freunde bisweilen seine Gevatterin zu besuchen pflegte, die ein niedliches und munteres Weibchen war, verliebte sich in sie, bei Gevatterschaft ungeachtet; und Meuccio, der nicht nur selbst Wohlgefallen an ihr fand, sondern auf welchen auch die Lobeserhebungen seines Kameraden mit wirkten, war ebenfalls in sie verliebt. Beide verschwiegen jedoch einander ihre Liebe; wiewohl nicht aus einerlei Ursache. Tinguccio scheute sich nämlich mit seinem Freunde davon zu sprechen, weil er seine Liebe zu seiner Gevatterin für unerlaubt hielt und sich schämte, irgend einem Menschen davon etwas merken zu lassen. Meuccio ward zwar nicht durch solche Ursachen abgehalten; weil er aber gemerkt hatte, daß das hübsche Weibchen seinem Freunde gefiel, so dachte er: »Wenn ich mich ihm entdeckte, so wird er eifersüchtig auf mich, und da er als ihr Gevatter mit ihr reden kann, was er will, so wird er sich bestreben, mich bei ihr anzuschwärzen, und dann werde ich nichts bei ihr ausrichten.«

Unter den beiden Verliebten hatte inzwischen Tinguccio die beste und bequemste Gelegenheit, dem Weibchen seine Wünsche zu entdecken, und durch Worte und Werke gelang es ihm auch, das Ziel derselben zu erreichen. Meuccio ward dieses gewahr und sah zwar ein wenig scheel dazu; weil er jedoch hoffte, auch seine Wünsche dereinst befriedigt zu sehen, so stellte er sich, als wenn er nichts merkte, damit er dem Tinguccio weder Ursache, noch Anlaß geben möchte, ihm etwas in den Weg zu legen. Tinguccio, der in seiner Liebe glücklicher als sein Freund und im Besitze seiner Gevatterin war, fand den Rasen so sanft und locker, daß er nicht aufhören konnte zu graben, und arbeitete so emsig, daß er darüber krank ward, und in wenigen Tagen verschlimmerte es sich mit ihm so sehr, daß er den Geist aufgab.

Nachdem drei Tage vergangen waren (eher mußte es ihm wohl nicht möglich gewesen sein), kam er seinem Versprechen gemäß in die Kammer des Meuccio, wie er schon im tiefen Schlafe lag, und rief ihn. Meuccio erwachte und rief: »Wer bist Du?«

»Ich bin Tinguccio (erwiderte der Verstorbene) und bin zufolge meines Versprechens gekommen, Dir Nachricht aus der anderen Welt mitzuteilen.«

Meuccio staunte ein wenig, wie er ihn erblickte; doch faßte er sich wieder und sprach: »Willkommen, Brüderchen! Wie geht's Dir? Du bist doch nicht verloren?«

»Nichts ist verloren (antwortete Tinguccio), als was man nirgends wiederfindet. Wie sollte ich denn verloren sein, da ich hier bin?«

»Ei, so habe ich's nicht gemeint, (sprach Meuccio) sondern ich wollte Dich fragen, ob Du Dich nicht bei den verdammten Seelen im Höllenfeuer befindest?«

»Das eben nicht (sprach Tinguccio); allein ich leide dennoch für meine Sünden Angst und Pein genug.«

Meuccio fragte ihn hierauf umständlich, auf welche Art eine jede Sünde bestraft würde, und Tinguccio beschrieb ihm alles. Hierauf fragte Meuccio, ob er ihm in dieser Welt noch mit etwas dienen könnte. Tinguccio sagte: ja; er möchte fleißig Messen lesen und Gebete für ihn halten lassen, und Almosen geben, weil ihm das alles in jener Welt sehr zu statten käme. Meuccio versprach es ihm, und Tinguccio nahm Abschied von ihm. Indem er sich eben entfernen wollte, erhob Meuccio (welchem die Gevatterin einfiel) den Kopf ein wenig und sagte: »Es ist gut, Tinguccio, daß ich mich eben der Gevatterin erinnere, bei welcher Du oft zu schlafen pflegtest, als Du noch hier warst. Sage mir doch, welche Strafe hat man Dir dafür auferlegt?«

»Brüderchen, (sprach Tinguccio) wie ich dort ankam, sah ich einen, welcher alle meinen Sünden auswendig zu wissen schien. Dieser schickte mich an einen Ort, wo ich unter großen Schmerzen meine Schulden beweinte, und wo ich viele Mitgesellen fand, die mit mir in gleicher Verdammnis waren. Wie ich nun mitten unter ihnen war, und mich an alles erinnerte, was ich mit meiner Gevatterin begangen hatte, und dafür noch weit schwerere Strafen erwartete, überfiel mich ein gewaltiges Zittern, obwohl ich mich mitten in einem großen flammenden Feuer befand. Wie dieses einer merkte, der neben mir stand, fragte er mich: »Was hast Du denn mehr als alle anderen gethan, daß Du mitten im Feuer dastehst und zitterst?« »Ach, lieber Freund! (gab ich ihm zur Antwort) ich fürchte mich sehr vor dem Gerichte, das über mich ergehen wird, wegen einer schweren Sünde, die ich begangen habe.« Er fragte mich: »Was für eine Sünde?« und ich gab ihm zur Antwort: »Ich habe mich versündigt, indem ich bei meiner Gevatterin geschlafen habe, und zwar so oft, daß es mich das Leben gekostet hat.« Er lachte mich aber aus und sagte: »Geh doch, Narr! Sei nur darum nicht bange; hier kommt keine Gevatterschaft in Anschlag.« Wie ich das hörte, ward mir ganz leicht um's Herz.«

Wie er dieses gesagt hatte, fing es an zu tagen, und er sagte nur noch: »Sei Gott empfohlen, Meuccio! Ich kann jetzt nicht länger bei Dir verweilen;« und damit verschwand er.

Wie Meuccio hörte, daß man sich dort um die Gevatterschaften nicht bekümmerte, lachte er über seine Thorheit, die ihn schon manche gute Gelegenheit hatte versäumen lassen, und ward von Stunde an klüger.

Wenn Bruder Rinaldo diese Geschichte gewußt hätte, so hätt' er sich eine Menge Vernunftschlüsse ersparen können, wie er suchte, seine Gevatterin zu seiner Ansicht zu bekehren.

*

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