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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 70
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Neunundsechzigste Erzählung.

In Argos, einer der ältesten Städte Griechenlands, welche durch ihre ehemaligen Könige mehr, als durch ihre Größe berühmt geworden ist, war einst ein vornehmer Mann, namens Nikostratus, welchem das Schicksal in seinem Alter ein junges Weib bescherte, das eben so rasch und unternehmend, als schön war und Lydia hieß. Da er nicht minder reich, als vornehm war, so hielt er eine Menge Diener, Jagdpferde, Hunde und Falken; denn er liebte die Jagd mit Leidenschaft. Unter andern hatte er einen Diener, der eben so einnehmend, manierlich und schön von Person war, als gewandt in allen Dingen, die er unternahm: daher er vor allen andern seine besondere Gunst und sein Zutrauen besaß. In diesen ward Lydia dermaßen verliebt, daß ihre Gedanken Tag und Nacht nur auf ihn gerichtet waren. Pyrrhus aber, der entweder ihre Liebe nicht bemerkte, oder sie nicht bemerken wollte, schien sich darum gar nicht zu bekümmern. Dieses war ihr sehr empfindlich, und sie faßte den festen Vorsatz, ihn aufmerksam darauf zu machen. Sie rief demnach eine von ihren Mägden, namens Lusca zu sich, auf welche sie großes Vertrauen setzte, und sprach zu ihr: »Lusca, die Wohlthaten, die ich Dir erzeugt habe, müssen mir billig Deine Treue und Deinen Gehorsam verbürgen; sieh Dich also vor, daß von demjenigen, was ich Dir jetzt anvertrauen will, niemand etwas erfahre, als derjenige, den ich Dir nenne. Du siehst, Lusca, ich bin ein junges, frisches Weib, ich besitze alles in Überfluß, was eine Frau sich nur wünschen kann, und es fehlt mir in der Welt an nichts, als an einer einzigen Sache: das Alter meines Gemahls ist dem meinigen nicht angemessen; ich finde mich demnach mit demjenigen schlecht versorgt, was den jungen Weibern am liebsten ist, und da mich nicht weniger als andere darnach verlangt, und das Schicksal mir so wenig günstig gewesen ist, daß es mir einen alten Mann beschieden hat, so ist es schon längst bei mir beschlossen, daß ich nicht meine eigene Feindin sein und mein Glück und Vergnügen vernachlässigen will. Um dieses eben so vollkommen, als alles übrige zu genießen, habe ich mir unsern Pyrrhus, als den würdigsten vor allen andern, dazu ausersehen, daß seine Umarmungen es mir verschaffen sollen. Ich habe mein Herz so sehr auf ihn gesetzt, daß mir nicht wohl ist, wenn ich ihn nicht sehe, oder an ihn denke; und wenn ich ihn nicht bald bei mir habe, so glaube ich wahrlich, daß es mir noch das Leben kostet. Wenn dieses also einen Wert für Dich hat, so erkläre ihm auf die schicklichste Weise meine Liebe und bitte ihn, daß er zu mir komme wenn ich ihn durch Dich werde rufen lassen.«

Die Zofe war bereit; sie nahm die erste Gelegenheit wahr, den Pyrrhus auf die Seite zu ziehen und den Auftrag ihrer Frau auszurichten.

Pyrrhus, der sich nie dergleichen vermutet hatte und fürchtete, die Dame ließe ihm dieses nur sagen, um ihn in Versuchung zu führen, gab rasch und mit Härte zur Antwort: »Lusca, ich kann nicht glauben, daß meine Gebieterin solche Worte gesprochen hat; nimm Dich in acht, was Du sprichst; denn wenn dies auch wirklich von ihr käme, so glaube ich doch nicht, daß es ihr Ernst gewesen sei, und wenn es ihr Ernst gewesen wäre, so hält mich doch mein Herr mehr in Ehren, als ich verdiene, und ich würde ihm eine solche Beleidigung nicht zufügen, wenn ich auch wüßte, mein Leben damit zu retten. Hüte Dich also, daß Du mir mit dergleichen Reden nie wieder kommst.«

Lusca ließ sich durch seine harte Antwort nicht schrecken. »Pyrrhus, (sagte sie) ich werde von diesen Dingen und von allem, was meine Frau mir befiehlt, mit Dir reden, so oft sie es mir aufträgt, es mag Dir lieb oder leid sein, aber nimm mir's nicht übel, Du bist ein Schafskopf.«

Damit verließ sie ihn ein wenig verdrießlich und ging zu ihrer Frau, die sich über seine Antwort fast zu Tode grämen wollte. Nach einigen Tagen sprach sie indessen wieder zu ihrer Zofe: »Lusca, Du weißt wohl, der Baum fällt nicht auf den ersten Hieb; ich dächte also, Du gingest wieder zu dem Halsstarrigen, der zu meinem Verdruß anfängt, sich widerspenstig zu beweisen und schilderst ihm zu gelegener Zeit meine ganze Zärtlichkeit. Kurz, gieb Dir alle mögliche Mühe, die Sache zu Stande zu bringen; denn wenn wir sie so stecken lassen, so bricht mir das Herz und Pyrrhus wird meinen, ich hätte ihn nur zum besten gehabt, und wird mich hassen, da ich doch seine Liebe zu gewinnen wünsche.«

Die Zofe bat ihre Frau, guten Mut zu haben; sie ging wieder zu Pyrrhus und weil sie ihn bei guter Laune antraf, sprach sie zu ihm: »Pyrrhus, vor einigen Tagen sagte ich Dir, wie sehr unsere Gebieterin von Liebe zu Dir entzündet wäre, und ich bringe Dir jetzt von neuem die Bestätigung davon. Wenn Du Dich ferner noch so hartnäckig bezeigest, wie neulich, so sei versichert, daß sie nicht lange leben wird. Laß Dich demnach erbitten, ihre Wünsche zu erfüllen; denn wo Du noch länger auf Deinem Eigensinne bestehst, so mußt Du Dich künftig als einen Thoren betrachten, da ich Dich doch immer für einen vernünftigen Menschen gehalten habe. Mußt Du es Dir nicht zur Ehre schätzen, Dich von einem so schönen und edlen Weibe geliebt zu wissen? Und überdies, wie sehr hast Du Ursache, dem Glücke zu danken, daß es Dir ein solches Kleinod darbietet, welches nicht nur Deinen jugendlichen Wünschen so angemessen ist, sondern Dir auch eine nie versiegende Quelle öffnet, um alle Deine Bedürfnisse zu befriedigen? Wo findest Du einen von Deines Gleichen, welchem größere Freuden bevorstehen, als Dir, wenn Du weise bist? Welcher andere wird mit Waffen und Pferden, mit Geld und mit Kleidern reichlicher versorgt sein, als Du, wenn Du ihre Liebe erwiderst? Oeffne demnach Dein Herz meinen Worten, kehre in Dich und bedenke, daß nur einmal das Glück uns mit lächelndem Blicke und mit offenen Armen entgegenkömmt. Wer alsdann nicht weiß, sich ihm in den Schoß zu werfen, und muß hernach darben und betteln, der beklage sich nicht über Unglück. Ueberdies mußt Du das Band der Treue zwischen Herrn und Diener nicht für so heilig halten, als zwischen Brüdern und Freunden, sondern es ist genug, wenn der Diener sich bestrebt, seinem Herrn so redlich zu begegnen, wie dieser ihm. Und meinst Du denn, wenn Du ein hübsches Weib oder eine hübsche Tochter hättest, die dem Nikostratus gefiele, daß er sich so gewissenhaft gegen Dich betragen würde, wie Du mit ihm in Rücksicht auf seine Gemahlin verfahren willst? Du wärest ein Thor, wenn Du es glaubtest. Sei versichert, wenn Bitten und Schmeicheleien nicht helfen wollen, so würde er auch wohl zu Zwangmitteln greifen, es möchte Dir behagen, wie es wollte. Laß uns also gegen sie und die Ihrigen so verfahren, wie sie es mit uns machen, und mit allem, was uns angehört. Genieße die Wohlthat des Glückes; stoß' es nicht von Dir, sondern komm ihm entgegen und nimm es auf, wenn es Dich besucht. Denn wahrlich, wenn Du es nicht thust, so wirst Du nicht nur Deiner Gebieterin den gewissen Tod bereiten, sondern Du selbst wirst es so oft und so lange bereuen, daß Du Dir den Tod wünschen wirst.«

Pyrrhus, welcher mehr als einmal über die erste Botschaft der Lusca nachgedacht hatte, war bereits entschlossen, wenn sie noch einmal wiederkäme, ihr eine ganz andere Antwort zu geben und sich ganz in den Willen seiner Gebieterin zu fügen, sobald er gewiß versichert sein könnte, daß man ihn nicht bloß prüfen wollte. »Höre, Lusca (gab er ihr zur Antwort), ich sehe wohl ein, daß alles wahr ist, was Du mir sagst; allein von der andern Seite kenne ich auch meinen Herrn als einen sehr klugen und scharfsichtigen Mann, und da er mir alle seine Sachen anvertraut, so fürchte ich, daß Lydia dies alles mit seinem Wissen und Willen so angestellt hat, um mich zu versuchen. Wenn sie aber, um mich zu beruhigen, drei Dinge erfüllen will, so soll sie mir nach diesem nichts befehlen können, worin ich ihr nicht auf der Stelle gehorche. Alle drei Dinge, die ich von ihr fordere, sind folgende: Erstlich muß sie dem besten Falken ihres Gemahls in seiner Gegenwart den Hals umdrehen; zweitens muß sie mir ein Büschel Haare aus dem Barte des Nikostratus und drittens einen von den besten Zähnen aus seinem Munde schicken.«

Diese Forderung fand Lusca sehr hart, und Lydia fand sie noch härter. Doch Amor, der ein wackerer Treiber und ein meisterhafter Ratgeber ist, bewog sie. die Ausführung zu unternehmen; sie ließ also dem Pyrrhus durch ihre Magd sagen, daß alles, was er verlangt hätte, gewiß und bald geschehen sollte, und weil er doch seinen Herrn für so sehr klug und weise hielt, so verspräche sie ihm noch überdies, daß er ihre erste Gunstbezeigung in seiner Gegenwart genießen, und daß Nikostratus dennoch dasjenige, was er selbst gesehen hätte, für nicht geschehen halten sollte.

Pyrrhus war voll Erwartung, wie sie sich dabei benehmen würde. Nach einigen Tagen, wie Nikostratus ein großes Gastmahl gab und (wie er oft zu thun pflegte) seine edlen Nachbarn bewirtete, trat Lydia nach aufgehobener Tafel, in einem grünen Jagdkleide und völlig geschmückt, in den Speisesaal, ging nach der Stange, auf welcher der Lieblingsfalk ihres Gemahls saß, nahm ihn in Gegenwart der Gäste und des Pyrrhus herunter, als wollte sie ihn zur Jagd auf die Hand sitzen, ergriff ihn bei den Fängen, schlug ihn den Kopf an der Mauer entzwei und erwürgte ihn.

»Weib, was beginnst Du!« fuhr Nikostratus sie an.

Sie antwortete ihm nicht, sondern wandte sich an die Herren, die bei ihm zu Gaste waren und sagte: Meine Herren, ich würde mich nicht scheuen, mich an einem Könige zu rächen, der mich beleidigt hätte; wieviel mehr denn an einem Falken? Ihr müßt wissen, daß dieser Falk mich schon längst um alle die Zeit gebracht hat, die ein Ehemann billig dem Vergnügen seiner Frau widmen sollte. Denn sowie die Morgenröte aufging, pflegte Nikostratus immer aufzustehen, zu Pferde zu steigen und mit seinem Falken auf der Hand die Fluren zu durchstreifen, um ihn stoßen zu sehen, indes ich mich einsam und unmutig im Bette verweilen mußte. Ich habe deswegen schon mehr als einmal Lust gehabt, zu thun, was ich jetzt that, und ich habe es bisher nur deswegen unterlassen, weil ich wünschte, daß es in Gegenwart solcher Männer geschehen sollte, wie Ihr seid, die über mein Verfahren ein gerechtes Urteil fällen können.«

Die Edelleute, welche dies anhörten und nichts anderes glaubten, als daß ihre Zärtlichkeit für ihren Gemahl mit ihren Worten übereinstimmte, sagten lachend zu dem erzürnten Nikostratus: »Wahrlich, Eure Gemahlin hat Recht und hat wohlgethan, ihr erlittenes Unrecht an dem Falken mit dem Tode zu rächen.« Nachdem Lydia sich wieder in ihre Zimmer begeben hatte, scherzten die Männer noch mit ihrem Gemahl über allerlei solche Dinge und verwandelten seinen ganzen Zorn in Lachen. Pyrrhus, der alles mit angesehen hatte, dachte: »Der Anfang ist gut und scheint für meine Liebe von guter Vorbedeutung zu sein. Wollten die Götter, daß sie so fortfahren möchte.«

Nachdem Lydia den Falken gewürgt hatte, waren kaum einige Tage verflossen, so fing sie in ihrem Zimmer mit ihrem Gemahle, der mit ihr scherzte, einen kleinen verliebten Zwist an, wobei er sie im Scherz ein wenig bei den Haaren zupfte und ihr dadurch Anlaß gab, ihr zweites Versprechen zu erfüllen. Sie faßte nämlich ihren Herrn Gemahl zur Vergeltung beim Bart und rupfte ihm ein Zipfelchen Haar glatt aus der Haut, und wie Nikostratus zürnen wollte, sagte sie lachend zu ihm: »Warum machst Du solch ein saures Gesicht, daß ich Dir ein halbes Dutzend Haare aus dem Bart rupfte? Es hat Dir gewiß nicht halb so weh gethan, als mir, wie Du mich eben bei den Haaren zogest.« Indem sie nun noch eine Weile miteinander tändelten, fand sie Gelegenheit, das Zipfelchen Barthaar zu sich zu stecken, und sandte es noch an demselben Tage ihrem Geliebten. Die dritte Bedingung machte ihrem Scharfsinn etwas mehr zu schaffen; doch da sie vielen Witz besaß und die Liebe noch mehr geschärft hatte, so fand sie bald ein Mittel, auch diese zu erfüllen.

Nikostratus hatte zwei junge Edelknaben in seinem Dienste, welche ihm von ihren Eltern anvertraut worden waren, um in seinem Hause ihre Sitten zu bilden; der eine diente ihm bei Tische als Vorleger und der andere als Mundschenk. Diese ließ Lydia zu sich rufen und bildete ihnen ein, daß sie einen übelriechenden Atem hätten; sie sollten deswegen, wenn sie ihrem Herrn bei Tische aufwarten, das Gesicht so viel wie möglich von ihm abwenden und sich übrigens gegen niemand etwas davon merken lassen. Nachdem die Jünglinge dieses ein paar Tage befolgt hatten, nahm sie Gelegenheit, ihren Gemahl zu fragen, ob er das Betragen der Knaben wohl bemerkt hätte.

»Ja wohl (sprach Nikostratus), und ich habe sie schon fragen wollen, was sie damit meinen.«

»Thue es nicht (sprach Lydia), denn ich kann es, Dir selbst erklären. Ich habe bisher davon geschwiegen, weil ich Dir keine Unannehmlichkeiten verursachen wollte. Weil ich aber jetzt finde, daß es andere schon gemerkt haben, so lohnt es sich nicht, es Dir länger zu verhehlen. Es ist nichts anderes, als daß es Dir ganz unaussprechlich aus dem Munde riecht, und ich weiß selbst nicht, woher es kömmt, da es sonst nicht zu sein pflegte. Da Du aber viel mit angesehen Leuten umgehst, so ist es ein unanständiges Ding, und man müßte suchen, ihm abzuhelfen«

»Woher könnte das kommen (sprach Nikostratus)? Sollte ich etwa einen faulen Zahn im Munde haben?«

»Das ist möglich«, versetzte Lydia und führte ihn an's Fenster, ließ ihn den Mund aufthun und sagte, wie sie ihn ein wenig besichtigt hatte: »Ist es möglich, Nikostratus, daß Du es so lange hast aushalten können? Da hast Du einen Zahn, der nicht nur angegangen, sondern schon ganz hohl ist. Wahrlich, wenn Du ihn noch länger im Munde behältst, so läufst Du Gefahr, daß er die anderen mit ansteckt. Ich rate Dir, ihn ausziehen zu lassen, ehe das Übel weiter um sich greift.«

»Wenn Du es meinst, so habe ich nichts dagegen (sprach Nikostratus). Schicke nur gleich nach einem Zahnarzt.«

»Gott bewahre (versetzte sie), daß man deswegen gleich zum Arzt schicken sollte! Mich deucht, er sitzt so, daß ich selbst ihn Dir ohne Schwierigkeit ausziehen kann. Die Zahnbrecher gehen überdies so rauh bei solchen Gelegenheiten zu Werke, daß ich es nicht über mein Herz bringen könnte, Dich unter ihren Händen zu sehen oder zu wissen, darum will ich es weit lieber selbst thun. Denn wenn ich finde, daß es Dich zu sehr schmerzt so kann ich inne halten, und das würde der Zahnarzt nicht thun.«

Sie schickte den Augenblick nach den nötigen Werkzeugen und ließ jedermann außer ihrer Lusca aus dem Zimmer gehen. Nikostratus ward auf eine Ruhebank gelegt, Lusca mußte ihn halten, und Lydia setzte ihm den Pelikan an den besten seiner Zähne, brach ihn, (so laut er auch schrie) mit Gewalt heraus und verbarg ihn, indem sie ihm einen alten faulen Zahn, den sie bei der Hand hatte, in der Heftigkeit seines Schmerzes geschickt für den ausgezogenen unterschob und zu ihm sagte: »Sieh nur, welch einen Zahn Du so lange im Munde behalten hast.«

Nikostratus glaubte ihr, und so viel er auch ausgestanden hatte, so hielt er sich doch für genesen, wie der Zahn heraus war; man gab ihm einige schmerzstillende Mittel, und er ging aus dem Zimmer. Sobald er fort war, sandte Lydia den Zahn ihrem Geliebten, der nunmehr nicht länger an ihrer Liebe zweifelte, sondern erklärte, daß er zu allen ihren Befehlen bereit wäre.

Da jedoch Lydia sich vorgenommen hatte, ihm noch größere Beweise zu geben, wie weit ihre Kunst und ihre Liebe gingen so wollte sie, trotz ihrer Ungeduld, sich in seinen Armen zu befinden, auch noch ihr letztes freiwilliges Versprechen erfüllen. Zu diesem Ende stellte sie sich krank, und wie Nikostratus sie einst des Nachmittags besuchte und nur Pyrrhus allein ihn begleitete, bat sie sie beide, sie zur Erleichterung ein wenig in den Garten zu führen. Nikostratus unterstützte sie demnach an einer Seite, Pyrrhus an der andern, und sie führten sie in den Garten, wo sie sie unter einem schönen Birnbaume auf den weichen Rasen niedersetzten. Nachdem sie eine kleine Weile gesessen hatte, sagte Lydia zu Pyrrhus, dem sie ihre Absicht bereits entdeckt hatte: »Pyrrhus, mich verlangt sehr nach den Birnen dieses Baumes; steige doch hinauf und wirf uns einige herab.«

Pyrrhus stieg den Augenblick hinauf und warf einige Birnen herunter. Plötzlich rief er aus: »Ei Herr, was beginnt Ihr da? Und Ihr, Lydia, wie könnt Ihr Euch zu dergleichen in meiner Gegenwart bequemen? Meint Ihr denn, daß ich blind bin? Ihr waret ja diesen Augenblick noch so krank; wie seid Ihr denn so schnell gesund geworden, daß Ihr ein solches Wesen treibt? Wenn Ihr Euch ja dazu angetrieben fühlet, so fehlt es Euch ja nicht an warmen Schlafzimmern; warum geht Ihr nicht lieber dahin, wo Ihr Euch mit mehr Schicklichkeit ergötzen könnt, als hier in meiner Gegenwart.«

»Was schwatzt Pyrrhus? (fragte Lydia ihren Gemahl) Ist er verrückt?«

»Nein, verrückt bin ich nicht (sprach Pyrrhus). Aber Ihr meint wohl, daß ich nicht sehen kann.«

Nikostratus war ganz erstaunt und sagte: »Wahrlich, Pyrrhus, ich glaube, Du träumst.«

»Wahrlich, ich träume nicht (antwortete Pyrrhus), und Ihr träumet auch nicht, und wenn sich dieser Birnbaum so rasch bewegte, wie Ihr, so bliebe keine Birne daran sitzen.«

»Was kann das sein? (fragte Lydia) Sollte er wirklich so was zu sehen glauben, wie er sagt? Bei den Göttern, wenn ich so gesund wäre, wie sonst, so stiege ich selbst hinauf, um zu sehen, was für wunderliche Dinge ihm dort oben erscheinen.«

Pyrrhus auf seinem Baume blieb indessen bei seinen Reden, bis ihm endlich Nikostratus befahl, herunter zu steigen und ihn fragte, was er denn eigentlich behauptete, gesehen zu haben.

Pyrrhus antwortete: »Ihr müßt mich wohl beide für einen Narren oder einen Träumer halten. Wenn Ihr es denn durchaus hören wollt, so wisset, ich sah Euch mit Eurer Gemahlin das Tier mit dem doppelten Rücken spielen, und indem ich von dem Baume stieg, standet Ihr wieder auf und setztet Euch an Euren Ort.«

»Wahrhaftig, Du bist nicht gescheit (sprach Nikostratus). Wir beide haben uns nicht von der Stelle bewegt, seitdem Du auf den Baum gestiegen bist.«

»Was hilft es, darüber zu streiten (sprach Pyrrhus)? Genug, ich habe es gesehen, und warum wollt Ihr leugnen, was Ihr gethan habt, da es auf Eurem eigenen Grund und Boden geschehen ist?«

Nikostratus erstaunte immer mehr und mehr und sagte endlich: »Ich will doch sehen, ob der Baum wirklich so bezaubert ist, daß man Wunderdinge sieht, wenn man darin sitzt.«

Damit kletterte er hinauf, und wie er in dem Wipfel saß, spielte Pyrrhus bei seiner Gebieterin im Ernste die Rolle ihres Gemahls vor seinen Augen. Wie Nikostratus es gewahr ward, schrie er: »Ha, Du treuloses Weib, was beginnst Du? Pyrrhus, Bösewicht! Ist das Deine Weise, mein Zutrauen zu vergelten?« Mit diesen Worten fing er an, wieder vom Baume herunter zu steigen.

Lydia und Pyrrhus antworteten: »Wir sitzen hier still,« und indem sie ihn herunter steigen sahen, setzten sie sich wieder an dieselbe Stelle, wo er sie verlassen hatte. Doch kaum hatte er den Fuß wieder auf der Erde, so fing er an, ihnen die ärgsten Scheltworte zu sagen.

Pyrrhus sagte ganz kaltblütig: »Jetzt glaube ich doch wirklich, Herr, daß Ihr vorhin Recht hattet, zu sagen, ich hätte unrecht gesehen, wie ich in dem Baume saß; denn ich sehe nun, und bin überzeugt, daß es Euch ebenso, wie mir gegangen ist. Daran könnt Ihr selbst nicht zweifeln, wenn Ihr nur bedenkt, daß Eure Gemahlin die klügste und keuscheste der Frauen, wenn sie ja im stande wäre, Euch eine solche Beleidigung zuzufügen, es gewiß nicht vor Euren Augen thun würde. Von mir selbst will ich garnicht reden, denn ehe ich mir nur einen solchen Gedanken erlaubte, ließ ich mich lieber von Pferden zerreißen; wie viel weniger würde ich mich in Eurer Gegenwart auf der That betreten lassen! Darum muß wohl gewiß diese verwünschte Augenverblendung an dem Birnbaume liegen, denn ich hätte mir's von aller Welt nicht ausreden lassen, daß Ihr nicht hier vor meinen Augen Eure Gemahlin geherzt hättet, wenn Ihr mir nicht sagtet, es hätte Euch geschienen, daß ich dasselbe gethan hätte, da ich doch mit Wahrheit sagen kann, daß ich nicht daran gedacht habe, und noch viel weniger im Stande wäre, es zu thun.«

Lydia, die sich sehr entrüstet stellte, sprang auf und sagte: »Verwünscht sei die Stunde; in welcher Du mich für so verworfen halten konntest, daß ich hierher käme, um solche Unanständigkeiten vor Deinen Augen zu begehen, wenn ich überall dazu fähig wäre. Sei versichert, wenn ich Neigung dazu hätte, so wurde ich wissen, in meinem Zimmer Ort und Gelegenheit dazu dergestalt zu wählen, daß es mich wundern sollte, wenn Du jemals davon gewahr würdest.«

Dem Nikostratus selbst schien es einzuleuchten, daß es wohl so sein müßte, wie sie beide sagten, und daß sie sich schwerlich in seiner Gegenwart einer solchen Ungebührlichkeit schuldig machen würden. Er setzte demnach alle Vorwürfe und beleidigenden Reden bei Seite und fing an, über das Wunderbare des Vorfalls zu sprechen, und über die sonderbare Verblendung derjenigen, die den Birnbaum bestiegen. Lydia aber, die sich noch immer darüber erzürnt stellte, daß Nikostratus eine solche Meinung von ihr geäußert hätte, sagte: »Wahrlich, dieser Birnbaum soll nimmermehr weder mich, noch ein anderes rechtliches Weib wieder in Schande bringen, wenn ich es verhindern kann. Geh hin, Pyrrhus, hole eine Axt und räche Dich und mich an ihm, indem Du ihn abhauest; wiewohl Nikostratus selbst damit einen Streich auf den Kopf verdiente, weil er sich unbedachtsamer Weise die Augen des Verstandes so plötzlich verblenden ließ. Denn was ihm auch seine leiblichen Augen vorspiegelten, das hätte er doch nimmermehr glauben oder als wahr annehmen sollen.«

Pyrrhus lief geschwind nach einer Axt und hieb den Baum um. Wie er fiel, sprach Lydia zu ihrem Gemahl: »Jetzt, da dieser Feind meiner Ehre hingestreckt ist, entsage ich meinem Zorne.« Sie gewährte ihrem Gemahl die Verzeihung, um welche er sie bat, und warnte ihn, diejenige, die ihn über alles liebte, nie wieder mit solchen Dingen in Verdacht zu haben. Der arme betrogene Nikostratus begleitete sie nebst ihrem Liebhaber wieder nach dem Palaste, wo Pyrrhus und Lydia sich hernach oft in aller Bequemlichkeit mit einander ergötzten. Und das gönne der Himmel uns allen!

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