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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Sechste Erzählung.

Es war einmal vor nicht gar langer Zeit ein Bruder Minorit in Florenz Inquisitor der ketzerischen Greuel, welcher sich zwar gern das Ansehen der Heiligkeit und des Eifers für die christliche Religion geben mochte (wie sie alle thun), aber sich nicht minder darauf verstand, den vollen Säckeln auf die Spur zu kommen, als den glaubensleeren Herzen; und vermöge dieser Thätigkeit war ihm einmal ein Ehrenmann in die Klauen geraten, der weit größeren Überfluß an Reichtümern besaß, als an Verstand. Dieser hatte nämlich einst, nicht aus Freigeisterei, sondern um ehrlich zu reden, vielleicht vom Weine oder von der Fröhlichkeit ein wenig zu sehr erhöht, zu einem von seiner Tischgesellschaft gesagt: er habe einen Wein, der so gut sei, daß ihn Christus selbst trinken würde. Dies ward dem Inquisitor hinterbracht, welcher wußte, daß der Mann vermögend und seine Börse wohlgefüllt war; daher er cum gladiis et fustibus über ihn herfiel, und ihm einen fürchterlichen Prozeß machte nicht so wohl, um ihm seinen Unglauben auszutreiben, als um seine Goldgülden in seine Hände zu bekommen. Er ließ ihn vorladen, und fragte ihn, ob dasjenige wahr wäre, dessen er beschuldigt würde. Der ehrliche Mann gestand es ein, und erzählte dem Inquisitor, wie er dazu veranlaßt worden. Aber der fromme Inquisitor, als ein würdiger Gelobter des heiligen Johannes mit dem goldenen Barte, fuhr ihn an: »So willst Du Christum zu einem Säufer machen, wie einen Cinciglione, oder einen andern von Euren Schlemmern und Saufgesellen? Und nun meinst Du mit glatten Worten durchzukommen und das Ding auf die leichte Achsel zu nehmen? Aber es ist nicht so leicht, wie Du Dir's einbildest; Du hast den Scheiterhaufen damit verdient, wenn wir Dich so strafen wollten, wie wir wohl sollten.«

Mit dergleichen und andern bittern Vorwürfen setzte er ihm zu, wie einem Epikuräer, der die Unsterblichkeit der Seele geleugnet hätte. In der That erschreckte er ihn so sehr, daß der arme Mann durch gewisse Unterhändler ihm die Hände mit einer guten Gabe von der Salbung des heiligen Johann Goldmunds schmieren ließ (ein treffliches Heilmittel für die pestilenzialische Seuche der Pfaffen, besonders der Minoriten, die kein Geld anrühren dürfen), damit er barmherzig mit ihm verführe. Diese Salbe, die sehr wirksam ist, obgleich Galenus in seinen Schriften nichts davon erwähnt, schlug so gut an, daß der Scheiterhaufen in ein Kreuz verwandelt ward, und zwar gab er ihm ein gelbes im schwarzem Felde, als wollte er ihn zu einer Kreuzfahrt über's Meer mit einem recht schönen Panier versehen. Ueberdies behielt er ihn nach dem Empfang des Geldes noch einige Zeit bei sich, und legte ihm die Buße auf, daß er alle Morgen die Messe zum heiligen Kreuze hören, und sich hernach zur Mittagsstunde bei ihm stellen mußte, wogegen er die übrige Tageszeit über gehen durfte, wohin er wollte. Jener richtete treulich aus, was ihm auferlegt war, und da traf es sich eines Morgens, daß in dem Evangelio die Worte abgelesen wurden: Es wird Euch Alles hundertfältig vergolten werden, und Ihr werdet das ewige Leben haben. Diese Worte schrieb er sich in's Gedächtnis und erschien, dem Befehle gemäß, um die Mittagsstunde vor dem Inquisitor, der schon bei Tische saß. Dieser fragte ihn, ob er des Morgens die Messe gehört habe.

»Ja, Hochwürdiger«, war die Antwort.

»Ist Dir nichts dabei vorgekommen, woran Du einige Zweifel hättest, und Dich darüber befragen möchtest?«

»Nichts«, sprach der gute Mann. »Ich zweifle an Keinem, das ich gehört habe, sondern glaube alles fest und gewiß. Aber eine Sache habe ich gehört, die mir leid ist um Euretwillen, und wegen allen Eurer Mitbrüder, wenn ich an den unglücklichen Zustand denke, der Euch in jener Welt erwartet.«

»Wie lauteten denn die Worte, die Dich so zum Mitleiden mit uns bewegten?« fragte der Minorit.

»Es waren die Worte des Evangelii: »Es wird Euch Alles vergolten werden hundertfältig.«

»Die Worte sind richtig«, sprach der Inquisitor; »aber warum haben Dich diese Worte so sehr bewegt?«

»Ich will's Euch sagen, hochwürdiger Herr! Seitdem ich hier aus- und eingehe, habe ich täglich gesehen, daß eine Menge armer Leute bald einen, bald mehrere große Kessel von Küchenspülicht hier abholen, die als ein überflüssiger Abfall von Eurer Tafel und von der Tafel der übrigen Brüder weggeräumt werden. Wenn Ihr nun für jeden Kessel Spülwasser hundert in jener Welt wieder bekommt, so müßt Ihr ja alle darin ersaufen.«

Hierüber lachten nun zwar Alle, die an des Inquisitors Tafel saßen; er selbst aber, dem diese empfindliche Stichelrede seine heuchlerische Spülichtspende vorwarf, entfärbte sich ganz, und wenn er nicht gefürchtet hätte, daß dieser Vorgang ihm selbst keine Ehre machen würde, so hätte er ihm einen neuen Prozeß an den Hals geworfen, weil er mit seinem scherzhaften Einfall ihn und die anderen faulen Bäuche aufgezogen hatte; und mit übler Laune befahl er ihm zu gehen, wohin er wollte, und ihm nur nicht wieder vor die Augen zu kommen.

*

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