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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 64
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Dreiundsechzigste Erzählung.

In Siena war einmal ein hübscher junger Mann aus einem angesehenen Geschlechte, namens Rinaldo, welcher sich in eine sehr schöne Frau verliebte, die seine Nachbarin und die Gattin eines reichen Mannes war, und er machte sich Hoffnung, alles, was er wünschte, von ihr zu erhalten, wenn er nur Gelegenheit finden könnte, mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Da er aber diese Gelegenheit nicht herbeizuführen wußte, und die Dame eben schwanger war, so kam er auf den Einfall, ihr Gevatter zu werden. Er suchte demnach die Bekanntschaft ihres Mannes, bot sich diesem auf die unverdächtigste Art zum Gevatter an und ward angenommen. Wie ihm nun seine Gevatterschaft mit Frau Agnese manchen guten Vorwand verschaffte sie zu sprechen, wagte er es, ihr dasjenige mit Worten zu erklären, was seine Blicke ihr längst entdeckt hatten; allein obgleich es der Dame nicht unangenehm zu hören war, so führte es ihn dennoch nicht zu seinem Zwecke. Nicht lange darnach ging Rinaldo, ich weiß nicht aus welcher Ursache, in ein Kloster, und wie es ihm daselbst auch behagen mochte, genug, er ward und blieb ein Mönch. Doch wenn er gleich eine Zeitlang nach seinem Eintritt in den geistlichen Orden die Liebe zu seiner Gevatterin und andere Eitelkeiten ein wenig an die Seite setzte, so kam er doch, ohne seinem Kleide zu entsagen, bald zu denselben wieder zurück, und fing wieder an, ein Vergnügen daran zu finden, sich gut und reinlich zu kleiden, in seinem ganzen Wesen artig und zierlich zu thun, Lieder, Sonnette und Balladen zu dichten und zu singen und sich mit allerhand solchen Dingen die Zeit zu vertreiben. Doch warum erzähle ich dieses eben von Bruder Rinaldo als etwas besonderes? Wo ist der Mönch, der nicht dasselbe thut? Welche Schandflecke unserer verderbten Zeiten sind sie nicht alle? Sie schämen sich nicht, mit feisten Wänsten und rubinroten Nasen zu erscheinen, in weichen Kleidern einher zu gehen und in allen Wollüsten zu leben, nicht wie fromme, demüthige Tauben, sondern wie Kampfhähne mit erhobenem Kamme zu strotzen und sich zu brüsten. Nicht genug, daß sie ihre Zellen voll von Gläsern mit Latwergen und Salben, von Schachteln mit Morsellen, von Fläschchen mit abgezogenen Wassern und Oelen, von Fäßchen mit Malvasier und anderen feinen Weinen haben, so daß sie nicht Mönchszellen, sondern vielmehr Apotheken und Spezereibuden zu sein scheinen; sondern sie schämen sich nicht, den Leuten zu zeigen, daß sie voll Gicht und Podagra stecken, und meinen, daß andere Leute nicht wissen, daß vieles Fasten, schlechte und kärgliche Kost und nüchternes Leben die Menschen dürr und hager machen und sie gesund erhalten; oder wenn sie krank dabei werden, daß sie wenigstens nicht das Fußweh davon bekommen, gegen welches man den Kranken die Enthaltsamkeit und jede andere gute Ordnung zu empfehlen pflegt, die eigentlich zu der Lebensart eines guten Klosterbruders gehören. Sie meinen, man wisse nicht, daß außer der mageren Kost die langen Nachtwachen, Gebete und Bußübungen blasse Gesichter und abgemergelte Leiber zuwege bringen und daß weder Sankt Franz noch Sankt Dominik sich drei bis vier Kutten von dem feinsten, in der Wolle gefärbten Tuch und von anderen schönen Zeugen machen ließen, sondern die grobe Wolle in ihrer natürlichen Farbe trugen, um die Kälte abzuhalten, und nicht um damit zu prangen. Gott wird darin sehen und der frommen, einfältigen Seelen gedenken, welche sie unterhalten müssen.

Wie demnach Bruder Rinaldo wieder zu seinen vorigen Neigungen zurück kam, fing er an, seine Gevatterin fleißig zu besuchen, und weil er unter der Kutte viel dreister geworden war, als vorher, so trug er ihr sein Anliegen jetzt weit dringender vor. Die gute Frau, die ihn so zudringlich fand, und die ihn vielleicht jetzt auch hübscher finden mochte, als vormals, nahm endlich, wie er ihr einmal sehr lebhaft zusetzte, ihre Zuflucht zu den Worten, welche diejenigen zu machen pflegen, die nicht übel Lust haben, dasjenige zu gewähren, warum man sie bittet. Sie sagte: »Bruder Rinaldo, thun denn auch so was die Mönche?«

»Madonna,« versetzte Rinaldo, »die Kutte ist bald abgeworfen, und dann sollt Ihr mich gewiß nicht für einen Mönch halten, sondern für einen so guten Mann, wie irgend einen anderen.«

Das Weibchen verzog den Mund ein wenig zum Lächeln und erwiderte: »Aber, o weh! ich bin ja Eure Gevatterin: wie wird es damit werden? Das wäre ja, wie man mir gesagt hat, gar zu große Sünde. Sonst würde ich gern Euren Wünschen Gehör geben.«

»Ihr seid nicht gescheit,« versetzte Bruder Rinaldo, »wenn Ihr Euch deshalb wollt abhalten lassen. Ich will nicht sagen, daß es nicht sündlich wäre, aber es werden wohl größere Sünden in der Beichte vergeben. Doch sagt mir nur, wer ist mit Eurem Kinde näher verwandt; ich, der ich es zur Taufe gehalten habe, oder Euer Mann, der es gezeugt hat?«

»Mein Mann, ohne Zweifel,« antwortete sie.

»Ganz richtig,« sprach Bruder Rinaldo. »Und schläft denn Euer Mann nicht bei Euch?«

»Ei freilich,« sprach Frau Agnese.

»Gut!« erwiderte Bruder Rinaldo, »wenn also Euer Mann bei Euch schlafen darf, der so viel näher mit Eurem Kinde verwandt ist, als ich, warum sollte es denn mir verwehrt sein?«

Die Frau, die nichts von der Logik verstand und bei der es keiner großen Überredung bedurfte, glaubte ihm entweder wirklich, oder stellte sich, als wenn sie glaubte. »Ach,« sprach sie, »wer kann Euch Eure gelehrten Gründe beantworten!« Mit einem Worte, es ward der Gevatterschaft unbeschadet eine Verwandtschaft von einer andern Art zwischen ihnen gestiftet und sie ließen es nicht bei diesem ersten Male bewenden, sondern sie fanden unter dem Mantel der Gevatterschaft um desto bequemere Gelegenheit zu öfteren Zusammenkünften, weil man sie um desto weniger in Verdacht hatte.

Einmal traf es sich indessen, daß Bruder Rinaldo mit einem andern Klosterbruder zu Frau Agnese kam, und außer einem hübschen niedlichen Dienstmädchen niemand bei ihr fand. Er schickte demnach seinen Gefährten mit dem Mädchen nach dem Taubenschlage hinauf, um ihr das Paternoster zu verhören, indes er selbst mit der Frau, die ihren kleinen Knaben an der Hand hatte, in die Kammer ging, die Thür hinter sich verschloß und sich auf einem Ruhebettchen mit ihr ergötzte. Mitten in ihrer Unterhaltung kam der Gevatter nach Hause und unbemerkt von jedermann kam er bis an die Kammerthüre, klopfte an und rief seine Frau.

»Ich bin des Todes,« rief Frau Agnese, als sie ihren Mann vernahm. »Nun wird er doch dahinter kommen, was unsere Vertraulichkeit zu bedeuten hat.«

Bruder Rinaldo hatte Scapulier und Kutte abgelegt und war im bloßen Wämschen. »Ach, nur allzu wahr!« sprach er. »Wär' ich doch nur angekleidet, so ließe sich noch eher eine Ausrede finden. Aber wenn Ihr ihn einlaßt und er mich so antrifft, wie ich hier bin, so hilft keine Entschuldigung.«

Frau Agnese fand den Augenblick Rat. »Zieht Euch nur an,« sprach sie, »und wenn Ihr fertig seid, so nehmt Euren kleinen Paten auf den Arm. Merkt aber wohl auf, was ich meinem Manne sagen werde, damit Eure Rede mit der meinigen übereinstimme.«

Der gute Mann hatte kaum aufgehört zu klopfen, so rief ihm seine Frau zu: »Ich komme.« Sie öffnete ihm die Thüre; ging ihm mit froher Miene entgegen und sagte: »Heute, lieber Mann, ist einmal Bruder Rinaldo zur guten Stunde wie ein Schutzengel zu uns gekommen; sonst hätten wir gewiß unser Kind verloren.«

Wie dies der arme Tropf hörte, war er ganz bestürzt und fragte, was denn dem Knaben geschehen wäre.

»Ach, lieber Mann!« sprach sie, »er bekam vor kurzem eine so heftige Ohnmacht, daß ich dachte, er wäre schon gestorben, und daß ich nicht wußte, was ich thun, oder wie ich mir raten sollte. Zum großen Glück kam Bruder Rinaldo, unser Gevatter dazu und nahm ihn auf den Arm. ›Gevatterin,‹ sprach er, ›das Kind hat Würmer im Leibe, die ihm schon nahe an's Herz kommen und ihn nur gar zu leicht um's Leben bringen könnten. Seid aber nur unbesorgt; ich will sie beschwören, daß sie alle sterben sollen und ehe ich wieder davon gehe, sollt Ihr Euer Kind so gesund wieder haben, als es jemals gewesen ist.‹ Wir hätten auch Dich gerne hier gehabt, um einige Gebete dabei zu sprechen. Weil Du aber nicht zu Hause warst und die Magd Dich nicht finden konnte, so hat er die Gebete durch einen seiner Mitbrüder ganz oben im Hause sprechen lassen. Er ging indessen mit mir in diese Kammer, weil niemand als die Mutter des Kindes bei seiner Beschwörung gegenwärtig sein durfte, und damit uns niemand stören möchte, schlossen wir die Thüre zu. Er hat das Kind noch jetzt im Arme, und ich glaube, er wartet nur, bis sein Mitbruder die Gebete gesprochen hat, womit alles vorbei ist; denn das Kind ist schon wieder bei völliger Besinnung.«

Der arme Pinsel war so zärtlich um sein Kind besorgt, daß er alles glaubte und nicht das mindeste von dem Streiche argwöhnte, den ihm seine Frau gespielt hatte, sondern mit einem tiefen Seufzer sagte: »Ich will gleich hingehen und ihn sehen.«

»Bei Leibe nicht!« sprach die Frau. »Warte noch ein wenig, damit Du nicht alles wieder verdirbst. Ich will hingehen und zusehen, ob Du kommen kannst, und ich will Dich schon rufen.«

Bruder Rinaldo, der alles aufmerksam zugehört und Zeit gehabt hatte, sich anzukleiden und das Kind auf den Arm zu nehmen, rief: »He! Gevatterin, höre ich nicht die Stimme Eures Mannes?«

»Ja, Euer Ehrwürden,« antwortete der ehrliche Mann.

»Kommt nur herein, Gevatter,« sprach Rinaldo.

Er ging hinein; Bruder Rinaldo kam ihm entgegen und sagte: »Da habt ihr durch Gottes Gnade Euer Söhnchen frisch und gesund, um welches wir vor einem Stündchen besorgt waren, daß Ihr es diesen Abend nicht lebendig wieder sehen würdet. Lasset deswegen zur Ehre des Herrn dem heiligen Ambrosius ein Wachsbild des Kindes in Lebensgröße opfern; denn um seines Verdienstes willen hat es Euch der Himmel in Gnaden wieder geschenkt.«

Wie der Knabe seinen Vater gewahr ward, lief er ihm entgegen und schmeichelte ihm, wie Kinder pflegen. Der Vater nahm ihn auf und vergoß Freudenthränen, als wenn er ihn aus der Gruft gezogen hätte. Er küßte das Kind und dankte dem Gevatter, der ihm das Leben gerettet hätte.

Der Mitbruder, der die Magd mehr als ein Paternoster hatte beten lassen, hatte ihr ein Beutelchen von weißem Zwirn gegeben, das ihm ein Nönnchen geschenkt hatte, und war ihr Seelsorger geworden. Wie er hörte, daß der gute Ehemann in die Kammer seiner Frau gerufen ward, schlich er sich leise an einen Ort, wo er alles hören konnte, was vorging. Wie er nun merkte, daß alles glücklich abgegangen war, kam er herunter und sagte: »Bruder Rinaldo, ich habe die vier Paternoster gesprochen, wie Ihr mir befohlen habt.«

»Wohl gethan, mein Bruder!« sprach Rinaldo. »Du hast guten Atem. Ich für meinen Teil hatte nur erst zwei sprechen können, wie der Gevatter kam, allein der Herr hat Deine und meine Arbeit gnädig gedeihen lassen, und das Kind ist wieder gesund.«

Der arme Betrogene ließ hierauf Wein und Erfrischungen bringen und bewirtete den Gevatter und seinen Mitbruder aufs beste, womit ihnen beiden sehr gedient war. Er begleitete sie selbst bis an die Thür, empfahl sie Gott und versäumte nicht, das Wachsbild zu bestellen und es vor dem Bilde des heiligen Ambrosius aufstellen zu lassen.

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