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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 61
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Sechzigste Erzählung.

Certaldo war ein Schloß in Vai d'Elsa im Florentinischen. Es war zwar nur klein, doch zählte es einst viele edle und wohlhabende Bewohner. Weil nun hier gut zu zehren war, so pflegte ein gewisser Bettelmönch es nie zu versäumen, einmal im Jahre daselbst seine Ernte unter den Narren zu halten, die ihm Almosen für sein Kloster gaben. Er hieß Bruder Cipolla, und weil in der Gegend von Certaldo die besten Zwiebeln in ganz Toskana wachsen, so ward er vielleicht seines Namens wegen nicht weniger gern gesehen, als wegen anderer andächtiger Rücksichten. Dieser Bruder Cipolla war ein kleines rotköpfiges Männchen, fröhlichen Angesichts, und der durchtriebenste Vogel in der Welt; zwar in keiner Wissenschaft recht zu Hause, allein mit einem so fertigen Maulleder begabt, daß derjenige, der ihn nicht kannte, ihn nicht nur für einen guten Redner, sondern für einen leibhaftigen Tullius oder Quintilian halten mußte, und überdies war er fast bei jedermann in der Gegend als Freund, Gevatter oder Gewissensrat willkommen.

Einmal kam er nach seiner Gewohnheit im Erntemond an einem Sonntag morgens dahin, wie alle guten Männer und Weiber aus den benachbarten Dörfern in die Stiftskirche zur Messe gekommen waren. Zu gelegener Zeit trat er auf und sagte: »Meine Herren und Frauen! Ihr wißt Eure alte gute Gewohnheit, daß Ihr den Armen des heiligen Freiherrn Sanct Anton jährlich von Eurem Korn und Getreide, der eine viel, der andere wenig, nach Maßgabe Eures Vermögens und Eures andächtigen guten Willens mitzuteilen pflegt, damit der selige Sanct Anton Eure Ochsen und Esel, Eure Schafe und Schweine in Obhut nehme. Überdies pflegt Ihr, besonders diejenigen, die in unserer Brüderschaft eingeschrieben sind, die kleine Schuld abzutragen, die Ihr jährlich einmal zu entrichten habt; und um dies alles zu empfangen, hat mich mein Vorgesetzter, der Herr Abt, hergesandt. Ihr werdet Euch demnach unter Gottes Segen diesen Nachmittag, sobald ich mit dem Glöckchen läuten lasse, hier auf dem Kirchhofe versammeln, wo ich nach meiner Gewohnheit predigen und Euch das heilige Kreuz zu küssen geben werde; und weil ich weiß, wie andächtig Ihr dem Herrn Baron Sanct Anton ergeben seid, so will ich aus besonderer Liebe und Zuneigung Euch eine heilige und herrliche Reliquie zeigen, die ich selbst aus dem gelobten Lande über's Meer mitgebracht habe; nämlich eine Feder, die der Engel Gabriel in der Kammer der Jungfrau Maria zurückließ, wie er ihr die Botschaft nach Nazareth brachte.«

Wie Bruder Cipolla dieses gesprochen hatte, ging er wieder an sein Meßgeschäft. Unter denen, die seine Rede mit angehört hatten, waren ein paar verschmitzte Vögel, namens Giovanni del Bragoniera und Biagio Piccini. Beide lachten ein Weilchen mit einander über seine Reliquie, und obwohl sie seine guten Freunde und Gesellen waren, so nahmen sie sich dennoch vor, ihm mit seiner Feder einen Streich zu spielen. Da sie nun wußten, daß Bruder Cipolla bei einem Freunde im Schlosse zu Mittag blieb, so schlichen sie sich, sobald er zu Tisch gegangen war, fort und gingen nach seiner Herberge, mit der Abrede, daß Biagio dem Diener des Cipolla im Gespräch unterhalten sollte, indes Giovanni die Sachen des Mönchs durchsuchte und ihm die Feder wegnähme, um zu sehen, wie er sich darüber vor den Leuten gebärden und sich herauswickeln würde.

Cipolla hatte einen Knecht, welchen einige Guccio Trantonne, einige Guccio Schweinigel, andere Guccio Saumagen zu nennen pflegten. Er war ein ärgerer Schelm als Cacus, und Bruder Cipolla pflegte oft gegen seine Freunde über ihn zu scherzen und von ihm zu sagen: »Mein Knecht hat neun Untugenden an sich, wovon eine jede einzeln hinreichend wäre, einen Salomon, Aristoteles oder Seneca, um alle ihre Tugend, Verstand und Frömmigkeit zu bringen. Denkt demnach, was dieser für ein Kerl sein muß, den sie alle neune besessen haben, und an dem nie ein gutes, frommes oder kluges Haar gewesen ist.« Wenn man ihn fragte, worin diese neun Untugenden beständen, so hatte er folgende Antwort im Reimen fertig:

›Er ist faul, schmutzig und verlogen,
ein Lästermaul und ungezogen,
nachlässig, ungehorsam, trotzig
und obendrein so dumm als protzig.‹

Er hat auch überdies noch einige andere Fehlerchen an sich, wovon man nicht gern spricht, und was das Lächerlichste an ihm ist, so will er an einem jeden Orte ein Weib nehmen und ein Haus mieten, und obwohl er einen dicken, borstigen, schmierigen Bart hat, so dünkt er sich so schön, daß ihm alle Weiber nachlaufen und sich in ihn verlieben müssen, und doch würde er, wenn man ihn nur gehen ließe, sich vielmehr selbst die Schuhe nach ihnen ablaufen. Wahr ist's indessen, daß ich trefflichen Nutzen von ihm habe, denn so oft mich jemand auch noch so heimlich zu sprechen wünscht, so will er doch immer seine Nase dazwischen haben, und wenn man mich etwas fragt, so ist er so besorgt, daß ich nicht werde antworten können, und geschwind ist er mit seinem Ja oder Nein bei der Hand, wie er meint, daß es am gescheitesten sei.«

Diesen sauberen Burschen hatte Bruder Cipolla in der Herberge zurückgelassen und ihm befohlen, fleißig Achtung zu geben, daß niemand sein Gepäck und besonders sein Felleisen antasten möchte, weil heilige Sachen darin enthalten wären. Guccio Saumagen behagte sich aber weit besser in der Küche, als der Zeisig im Busch, zumal wenn er ein Küchenmensch darin witterte, und weil er eben in der Herberge eine kleine, dicke, mißgeschaffene Magd bemerkt hatte, mit ein paar Brüsten, wie zwei Mistkober, und mit einem Gesicht, das einem Baronci zu gehören schien, und noch dazu voll Schweiß, Schmutz und Küchenrauch war, so ließ er Bruder Cipolla's Kammer offen und alle seine Sachen ohne Hüter, und wie der Geier auf ein Aas fällt, so schoß er die Treppe hinunter, setzte sich, obwohl es mitten im August war, mit ihr an den Herd und fing an, der Magd, die Nuta hieß, vorzuschwatzen, daß er ein Edelmann wäre, der alle Tage Prokurator werden könnte; daß er die Gulden wie Ameisenhaufen liegen hätte, außer dem, was andere Leute noch an ihn zu fordern hätten, welches eher zuviel als zu wenig betrüge; er vergaß seine Kappe, die so schmierig war, daß man Tran daraus hätte sieden können, sein Wams, welches überall zerlumpt und zerrissen und am Halse und unter den Achseln durchgeschwitzt, durchsudelt und voll Flecken von so mannigfaltigen Farben war, wie die buntesten tatarischen oder indianischen Zeuge, und seine abgetragenen Schuhe und durchlöcherten Strümpfe, und that so groß, als wenn er der Kaiser von Monomotapa gewesen wäre; versprach, sie zu kleiden und zu schmücken und sie aus dem elenden Zustande der Dienstbarkeit hervorzuziehen, und in Ermangelung eines großen Vermögens ihr zur Anwartschaft auf ein besseres Glück zu verhelfen, und noch mehr dergleichen hübschen Sachen, die er ihr zwar mit den größten Liebkosungen vorsagte, die aber dessenungeachtet alle in den Wind geredet waren: wie denn gemeiniglich alle seine Anschläge zu Wasser wurden.

Die beiden Spaßvögel fanden demnach den Guccio bei seiner Nuta in voller Beschäftigung und waren sehr froh darüber, weil sie nunmehr halb gewonnenes Spiel hatten; sie gingen also ungehindert in Bruder Cipolla's Zimmer, welches offen stand, und das erste, was ihnen in die Augen fiel, war das Felleisen, welches sie suchten. Sie öffneten es und fanden in demselben ein kleines Kästchen, welches in ein großes seidenes Tuch gewickelt war. In diesem Kästchen befand sich eine Schwanzfeder eines Papageien, und sie zweifelten nicht, daß es dieselbe wäre, die er den ehrlichen Landleuten in Certaldo zu zeigen versprochen hatte. Dies war ihm in jenen Zeiten etwas Leichtes; denn man wußte damals in Toskana noch sehr wenig von den Tändeleien, die uns hernach zum Schaden des ganzen Italiens in so großer Menge über Ägypten zugeführt wurden, und wenn man sie auch hie und da kannte, so hatte man doch in jener Gegend, wo noch die alte ehrliche Unwissenheit herrschte, so wenig einen Papageien gesehen, daß vielmehr die meisten Leute noch nie davon hatten reden hören. Die jungen Schäker freuten sich, die Feder gefunden zu haben, sie nahmen sie weg, und um das Kästchen nicht leer zu lassen, füllten sie es mit Kohlen, die in einem Winkel des Zimmers lagen, und gingen froh und ungesehen mit der Feder davon, voll schadenfroher Erwartung, zu sehen, was Bruder Cipolla sagen würde, wenn er die Kohlen statt der Feder fände.

Die ehrlichen, einfältigen Männer und Weiber, die in der Kirche gehört hatten, daß sie des Nachmittags die Feder des Engels Gabriel sehen sollten, gingen nach geendigter Messe nach Hause; ein Nachbar sagte es dem andern und ein jedes Weib ihrer Freundin und Gevatterin, und wie jedermann gegessen hatte, versammelten sich im Schlosse so viele Menschen, um die Feder zu sehen, daß kaum Platz genug für sie da war.

Nachdem Bruder Cipolla gut gegessen und ausgeschlafen hatte, stand er kurz nach Mittag auf, und wie er hörte, daß so viele Landleute gekommen waren, die Feder zu sehen, ließ er dem Guccio sagen, er sollte mit dem Heiligenglöckchen hinauf nach dem Schlosse kommen und ihm sein Felleisen mitbringen. Guccio trennte sich ungerne von dem Küchenherde und von seiner Nuta, um die geforderten Sachen hinaufzubringen. Keuchend kam er an, weil ihm der Bauch vom Wassertrinken angeschwollen war, und Bruder Cipolla schickte ihn sogleich nach der Kirchenthüre, wo er mit lautem Schall das Volk zusammenklingelte. Wie die ganze Gemeinde sich versammelt hatte, begann Bruder Cipolla, der es sich nicht einfallen ließ, daß jemand seine Sachen angerührt hätte, seine Predigt, sagte alles, was zu seinem Vorhaben paßte, und wie er im Begriff war, die Feder des Engels Gabriel zu zeigen, las er erst mit feierlicher Stille die allgemeine Beichte, ließ zwei große Wachslichter anzünden, zog ehrerbietig seine Mütze ab, breitete bedächtig das Tuch auseinander und zog das Kästchen hervor. Nachdem er einige Worte zum Lobe und Preise des Engels gesagt hatte, öffnete er das Kästchen – und erstaunte, wie er es voll Kohlen fand. Auf Guccio warf er keinen Verdacht, weil er ihn nicht für schlau genug hielt; ja er zürnte nicht einmal sehr auf ihn, daß er seine Sachen nicht besser vor anderen Leuten in Acht genommen hatte; allein er fluchte heimlich auf sich selbst, daß er sie ihm hatte in Verwahrung gegeben, da er wußte, wessen er sich von seiner Nachlässigkeit, Ungehorsam, Eigensinn und Thorheit zu versehen hatte. Ohne jedoch deswegen auch nur die Farbe zu verändern, erhob er beide Hände gen Himmel und rief mit lauter Stimme: »Gelobt, o Herr! sei Deine Allmacht.« Er that hierauf sein Kästchen wieder zu und sprach zu seiner Gemeinde: »Liebe Männer und Frauen! Ich muß Euch sagen, in meinen jungen Jahren sandte mich einst mein Superior auf Reisen nach dem Lande, wo die Sonne aufgeht, und befahl mir, die Bullen des großen Porzellanus aufzusuchen, welche (das Stempelgeld ungerechnet) dem Käufer mehr kosten, als sie ihm nützen. Ich machte mich deswegen auf den Weg, reiste von Weinstadt aus nach Griechisch-Täuschenburg; von dort ritt ich durch das Königreich Kniffland und durch Siehdichvorien bis nach Wurstwiderwurst, und kam endlich ziemlich durstig nach Sardellien. Doch wozu nützt es, daß ich Euch alle meine Reisen erzähle? Genug, wie ich den Kanal durchfahren hatte, den man den Aermel des heiligen Georgs nennt, kam ich nach Knüttelland und Büffelland, welche beide außerordentlich bevölkert sind, und von da nach Lügland, wo ich eine Menge meiner eigenen und anderer Ordensbrüder antraf, die insgesamt um der Gottseligkeit willen aller Mühe und Arbeit entsagten; sich um das mühselige Leben anderer Leute wenig bekümmerten und mit lauter ungeprägter Münze bezahlten. Hernach kam ich in das Land Stupidien, wo die Weiber und Männer barfuß und in Holzschuhen nach den wilden Einöden wallfahrten, um die Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden zu mästen, und weiterhin fand ich Leute, die das Brot auf Stöcken und den Wein in Säcken tragen. Von dort ging es nach den Bacchusbergen, deren Ströme sämtlich aufwärts fließen. Mit einem Worte, ich reiste so weit in diese Länder hinein, daß ich bis nach Pastinakien in Indien kam, wo ich (ich schwör' es bei dem Rock, den ich trage!) die zweifüßigen Tiere in der Luft habe fliegen gesehen, was wohl kein Mensch glauben wird, der es nicht selbst mit angesehen hat. Allein mein Freund Masso del Saggio kann mir's bezeugen, welcher dort ein sehr angesehener Kaufmann war; denn er knackte die Nüsse und verkaufte die Schalen bei Pfunden. Weil ich aber nicht fand, was ich suchte, so kehrte ich wieder um (denn von dort weiterhin geht der Weg zu Wasser), und kam nach dem heiligen Lande, wo man das alte Brot für Geld verkauft und das frische umsonst giebt. Hier fand ich den ehrwürdigen Vater Nemihimaledicas, als verdienstvollen Patriarchen von Jerusalem. Aus Achtung für das Kleid des heiligen Barons Sanct Anton, das ich nie ablege, geruhte er, mir alle seine heiligen Reliquien zu zeigen, wovon er einen so großen Schatz besitzt, daß ich Euch eine stundenlange Beschreibung davon machen könnte. Um Euch jedoch diese Freude nicht gänzlich zu entziehen, will ich Euch einige davon nennen. Zuerst zeigte er mir einen Finger vom heiligen Geist, ganz frisch und unversehrt; hernach das Toupet des Seraphs, der mit dem heiligen Franz gesprochen hat; den Nagel eines Cherubs; eine von den Rippen des Verbum Carofactum; den Putzmantel des heiligen katholischen Glaubens; einige Strahlen von dem Stern, der den drei Weisen im Morgenlands erschien; ein Fläschchen von dem Schweiße, den der heilige Michael in dem Kampfe mit dem Teufel vergoß, und eine Kinnlade von dem Tode des heiligen Lazarus. Weil ich ihm großmütig eine Abschrift von etlichen Seiten des Montemorello in gewöhnlicher Sprache und ein paar Capitel des Caprezio mitteilte, die er sich längst gewünscht hatte, so schenkte er mir wieder einige von seinen heiligen Reliquien, nämlich einen Zahn vom heiligen Kreuz; ein Fläschchen voll von dem Schall der Betglocke in Salomons Tempel; die Feder des Engels Gabriel, von welcher ich Euch schon gesagt habe; einen Holzschuh des heiligen Gerhard von Villamagna, den ich kürzlich dem Gerardo Vonfi in Florenz geschenkt habe, welcher ihn mit großer Andacht aufhebt; und endlich hat er mir auch einige von den Kohlen geschenkt, worauf der heilige Lorenz ist gebraten worden. Alle diese Sachen habe ich mitgenommen und sorgfältig aufgehoben; mein Prior hat mir aber nicht erlaubt, etwas davon zu zeigen, bis er völlige Gewißheit erlangt hätte, daß sie echt wären. Seitdem aber schon einige Wunder dadurch bewirkt worden, und zu gleicher Zeit ein eigenhändiger Brief von dem Patriarchen ihn völlig überführt hat, habe ich von ihm Erlaubnis erhalten, sie zu zeigen, und weil ich sie keinen fremden Händen anvertrauen mag, so führe ich sie immer selbst bei mir. Damit mir nur die Feder des Engels Gabriel nicht verdorben wird, so halte ich sie in einem Kästchen und die Kohlen, worauf der heilige Lorenz ist gebraten worden, in einem andern, welches jenem so ähnlich ist, daß ich selbst oft das eine mit dem andern verwechselte; und das ist mir auch heute widerfahren, denn ich meinte, ich hätte das Kästchen mit der Feder mitgenommen, und ich finde, es ist das andere mit den Kohlen. Allein ich halte dieses keineswegs für eine zufällige Verwechselung, sondern ich bin versichert, es ist des Himmels eigene Fügung gewesen, die mir dieses Kästchen in die Hände gegeben hat; denn ich erinnere mich eben, daß übermorgen das Fest des heiligen Lorenz einfällt. Der Himmel hat demnach gewollt, daß ich Euch durch die Kohlen, worauf er gebraten worden, erinnern sollte, ihm in Euren Herzen die Andacht zu beweisen, die Ihr ihm schuldig seid, und darum habe ich diese Kohlen mitnehmen müssen, welche der Todesschweiß seines heiligen Leibes gelöscht hat. Ziehet demnach, meine geliebten Kinder, Eure Mützen ab und nähert Euch mit Andacht, sie zu betrachten; wisset auch, daß diejenigen, die sich kreuzweise damit von mir bezeichnen lassen, sicher sind, daß sie im ganzen Jahre kein Feuer berühren wird, ohne daß sie es fühlen.«

Wie er dieses gesprochen hatte, ließ er den Lobgesang des heiligen Lorenz anstimmen, öffnete sein Kästchen und zeigte die Kohlen, welche der einfältige Haufe erst eine Zeitlang mit andächtigem Staunen begaffte, und sich dann um die Wette zu dem Bruder Cipolla drängte, um ihm reichlicher als jemals zu opfern, und sich mit den heiligen Kohlen bezeichnen zu lassen. Bruder Cipolla war nicht faul, er nahm seine Kohlen in die Hand, malte ihnen allen auf ihre reinlichen Kleider und Wämser, und den Weibern auf ihre schneeweißen Schleier ein Kreuz, so groß es darauf haften konnte, und versicherte ihnen, daß der Abgang an den Kohlen in dem Kästchen jedesmal wieder ersetzt würde, wie er schon so oft erfahren hätte.

Da er nun auf diese Weise, zum großen Nutzen seiner Börse, die guten Leutchen in Certaldo bekreuzt hatte, so fiel der Scherz auf diejenigen zurück, die ihm einen Possen hatten spielen wollen, indem sie ihm seine Feder stahlen. Die losen Vögel waren bei seiner Predigt gegenwärtig gewesen, und wie sie gehört hatten, wie er sich aus dem Stegreife zu helfen wußte, und wie weit er dabei ausholte, hatten sie teils über seinen Einfall, teils über seine Worte dermaßen lachen müssen, daß ihnen die Kinnbacken schmerzten. Wie die Menge sich verlaufen hatte, gingen sie beide mit ihm nach Hause, erzählten ihm mit vielem Gelächter den Streich, den sie ihm hatten spielen wollen, und gaben ihm seine Feder wieder. Diese brachte ihm im folgenden Jahr eben so reichliche Opferpfennige, als diesmal die Kohlen.

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