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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 60
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Neunundfünfzigste Erzählung.

In früheren Zeiten herrschten in Florenz manche gute und löbliche Gebräuche, die man jetzt hat abkommen lassen, weil der Geiz mit den Reichtümern in gleichem Maße zugenommen und sie alle verdrängt hat. Unter anderen pflegten die Edelleute aus der Nachbarschaft sich an verschiedenen Orten in der Stadt in geschlossenen Gesellschaften zu vereinigen, in welche man wohlbedächtlich nur diejenigen aufnahm, denen der Aufwand nicht lästig war, und ein jeder mußte dann an dem Tage, da ihn die Reihe traf, die ganze Gesellschaft bewirten. Zu gleicher Zeit pflegte man auch die fremden Edelleute, die von Zeit zu Zeit nach Florenz kamen, und die angesehensten Bürger in der Stadt mit einzuladen. Auch pflegten sich diese Gesellschaften wenigstens einmal im Jahr gleichförmig zu kleiden und an den feierlichsten Tagen in Geschwadern durch die Stadt zu reiten, und auch bisweilen (besonders an hohen Festtagen, oder bei Siegesberichten und anderen frohen Begebenheiten) Turniere und Waffenspiele zu halten.

Messer' Betto Brunelleschi war an der Spitze einer von diesen Gesellschaften, und sowohl er als seine Mitgenossen hatten sich schon längst Mühe gegeben, einen gewissen Messer' Guido Cavalcanti in ihre Gesellschaft zu ziehen, und zwar nicht ohne Ursache; denn Guido war nicht nur der beste Logiker und Naturkundige von der Welt (welches die Herren von sich eben nicht sagen konnten), sondern auch der angenehmste, munterste und beredteste Gesellschafter und dabei vorzüglich gewandt in allen Dingen, womit er sich befaßte, und die einem Edelmann geziemen; überdies war er sehr reich und deswegen mehr, als irgend ein anderer, vermögend, einen jeden standesgemäß zu bewirten, den er dieser Ehre wert hielt. Messer' Betto hatte es aber nie dahin bringen können, ihn anzuwerben, und er und seine Freunde meinten, dies käme daher, daß Guido bisweilen viel grübelte und sich darüber ganz von den Menschen entfernte. Da er nun den Meinungen der Epikuräer ein wenig zugethan war, so hatte ihn der gemeine Mann in Verdacht, daß er auf nichts anderes sänne, als das Dasein Gottes wegzuleugnen.

Einmal war Guido von dem Garten San Michele ausgegangen und wandelte längs der Rennbahn der Adimari nach San Giovanni, welches sein gewöhnlicher Spaziergang war. Er befand sich eben zwischen den Porphyrsäulen und den großen Marmorsärgen, die jetzt zu Santa Reparata stehen, und die sich damals nebst mehreren anderen bei San Giovanni befanden, und zwischen dem Thor von San Giovanni, welches verschlossen war. Messer' Betto kam mit seinem Geschwader von dem Markte von Santa Reparate, und da sie hier den Guido zwischen den Gräbern fanden, so nahmen sie sich vor, ihn ein wenig zu necken; sie gaben also ihren Pferden die Sporen und sprengten im Scherz mit einem verstellten Angriff so schnell gegen ihn an, daß sie ihn umzingelten, fast ehe er sie gewahr ward.

»Guido! (sprachen sie zu ihm) Du sträubst Dich, unserer Gesellschaft beizutreten; aber sage, was meinst Du denn ausgerichtet zu haben, wenn Du zu beweisen glaubst, daß es keinen Gott giebt?«

Guido, der sich eingeschlossen sah, gab ihnen den Augenblick zur Antwort: »Meine Herren, in Eurem eigenen Hause könnt Ihr mir sagen, was Ihr wollt.« Zugleich legte er die Hand auf einen von den großen Marmorsärgen, und weil er sehr leicht und behende war, schwang er sich hinüber nach der anderen Seite, entwischte ihnen und ging davon.

Die Herren verwunderten sich, sahen einander an und meinten, Guido wäre nicht gescheit, und es wäre kein Sinn seiner Antwort; denn sie hätten ja an diesem Orte nicht mehr Anteil als ein jeder anderer ihrer Mitbürger, und weder mehr noch weniger, als Guido selbst.

Messer' Betto erwiderte: »Ihr selbst vielmehr seid nicht gescheit, weil Ihr nicht einseht, daß Guido mit diesen wenigen Worten auf eine feine Art seinen Spott mit uns treibt. Wißt Ihr nicht, daß diese Marmorsärge Wohnungen der Toten sind, die man darin beisetzt? Wenn er diese unsere Behausung nennt, so giebt er uns zu verstehen, daß wir und alle übrige, die der Wissenschaft nicht kundig sind, in Vergleichung mit ihm und mit anderen gelehrten Leuten nur leblose Geschöpfe und nicht besser als Leichname sind, und daß wir uns hier wie zu Hause befinden.«

Jetzt begriffen sie alle, was ihnen Guido hatte sagen wollen, und schämten sich. Sie neckten ihn nie wieder und hielten Herrn Betto forthin als einen klugen und verständigen Mann in Ehren.

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