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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Fünfte Erzählung.

Der Marquis von Montferrat, ein sehr tapferer Mann und ein Panierträger der Kirche, war auf einem Kreuzzuge der Christen über's Meer verreist. Wie nun von seiner Tapferkeit am Hofe des Königs von Frankreich, Philipps des Einäugigen, vieles gesprochen ward, welcher sich eben auch zu demselben Kreuzzuge rüstete, so sagte unter andern einer von den anwesenden Rittern, es gebe kein so vortreffliches Paar unter dem weiten Himmel, als den Marquis und seine Gemahlin. Denn so wie der Marquis unter den Männern wegen jeder ritterlichen Tugend der berühmteste sei, so behauptete seine Gemahlin vor allen Weibern in der Welt den Vorzug der Schönheit und Liebenswürdigkeit. Diese Worte machten auf den König solchen Eindruck, daß er, ohne die Marquise jemals gesehen zu haben, auf einmal sterblich in sie verliebt ward. Er nahm sich deswegen vor, sich auf dem vorhabenden Kreuzzuge in Genua einzuschiffen, damit er auf der Reise dahin eine schickliche Gelegenheit hätte, sie zu besuchen; indem er sich schmeichelte, während der Abwesenheit ihres Gemahls vielleicht seinen Endzweck bei ihr zu erreichen. Er schickte demnach alle seine Leute voraus und machte sich selbst mit einigen wenigen Edelleuten auf den Weg, und wie er sich dem Gebiete des Marquis näherte, ließ er der Dame einen Tag vorher melden, daß sie ihn am folgenden Tage zur Mahlzeit erwarten möchte. Als eine kluge und verständige Frau gab sie mit Freundlichkeit zur Antwort: sie schätzte sich's zur großen Ehre, und der König sollte ihr willkommen sein. Und nun sann sie nach, was es doch wohl bedeuten müßte, daß ein solcher König während der Abwesenheit ihres Mannes zum Besuch zu ihr käme, und sie irrte sich nicht, indem sie sich einbildete, daß der Ruf von ihrer Schönheit ihn dahin gezogen hätte. Nichtsdestoweniger machte sie Anstalt ihn zu empfangen, wie es einer verständigen Frau geziemt; sie ließ die ehrsamsten Männer, welche daheim geblieben waren, zu sich berufen, und beratschlagte sich mit ihnen über alle Anstalten, die gemacht werden müßten; doch behielt sie sich vor, das Mittagsmahl und das Essen ganz allein nach ihrem Sinne anzuordnen. Sie ließ hierauf so viele Hühner zusammenbringen. als sie in der Gegend bekommen konnte und befahl ihren Köchen, diese allein auf verschiedene Art für das königliche Mahl zuzurichten. Der König kam zur bestimmten Zeit, und ward von der Marquise sehr festlich empfangen. Indem er sie sah, deuchte sie ihm noch unendlich schöner, sittsamer und liebenswürdiger, als er sie sich nach der Beschreibung des Ritters gedacht hatte; er betrachtete sie mit der höchsten Bewunderung und überhäufte sie mit Lobsprüchen, indes seine Liebe um desto mehr zunahm, je mehr er fand, daß die Marquise seine Erwartung übertraf. Nachdem er eine Zeit lang in Zimmern ausgeruht hatte, welche auf eine seiner würdige Art ausgeschmückt waren, und die Stunde des Mittagsmahls heran kam, setzte sich die Marquise mit ihm an eine besondere Tafel, und die übrigen Herren wurden an andern Tischen bewirtet. Dem Könige wurden herrlich zubereitete Speisen und köstliche Weine vorgesetzt und überdies gewährte ihm der Anblick der liebenswürdigen Wirtin unbeschreibliches Vergnügen. Wie jedoch ein Gericht nach dem andern aufgetragen ward, fing der König endlich an, sich zu verwundern, daß sie zwar auf verschiedene Art zubereitet waren, aber alle aus lauter Hühnerfleisch bestanden. Da er nun wußte, daß es in der Gegend, wo er sich befand, nicht an allerlei Wildbret fehlen konnte, und da die Marquise zeitig genug von seiner Ankunft war unterrichtet gewesen, um etwas aufjagen zu lassen, so nahm ihn das zwar um desto mehr Wunder, doch wollte er von keiner andern Sache Anlaß nehmen, sie zur Sprache zu bringen, als bloß von ihren Hühnern. Er fragte sie demnach mit lachendem Munde, ob in ihrer Gegend lauter Hühner, ohne einen einzigen Hahn geheckt würden. Die Marquise, welche die Meinung seiner Frage erriet, und glaubte, der Himmel schickte ihr die gewünschte Gelegenheit, dem Könige merken zu lassen, wie sie gesinnt wäre, gab ihm mit Freimütigkeit zur Antwort: »Nein, Sire, aber die Weiber sind hier ebenso gemacht, wie anderswo; wenn sie sich gleich durch Rang und Kleidung ein wenig von andern unterscheiden.«

Wie der König diese Worte hörte, erklärte er sich leicht die Absicht mit den Hühnergerichten und den versteckten Sinn der Rede, und ward zugleich inne, daß er bei einer solchen Frau seine Worte nur verlieren würde und daß hier Gewalt nicht statt fände; daher er denn, sowie er sich unbedachtsamer Weise in sie verliebt hatte, es nun für das Weiseste hielt, um seiner eigenen Ehre willen, die unzeitige Flamme wieder zu ersticken; ohne demnach der Dame weiter mit Reden zuzusetzen, weil er sich vor ihren Antworten fürchtete, endigte er seine Mahlzeit, ohne sich weiter Hoffnung zu machen, und damit er durch eine schnelle Entfernung seinen ungeziemenden Besuch wieder gut machte, so dankte er ihr für ihre gute Aufnahme; sie empfahl ihn Gott, und er reiste nach Genua.

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