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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 47
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Sechsundvierzigste Erzählung.

Ischia ist eine Insel nahe bei Neapel, woselbst einmal ein schönes und geistvolles Mädchen lebte, namens Restituta, die Tochter eines Edelmanns auf der Insel, welcher sich Marin Bolgaro nannte; und in diese war ein Jüngling, welcher Gianni hieß und aus der kleinen, nahe bei Ischia gelegenen Insel Procida gebürtig war, mehr als in sein Leben verliebt, und sie nicht weniger in ihn. Er pflegte nicht nur am Tage nach Ischia zu kommen, um sie zu sehen, sondern auch mitten in der Nacht; und wenn kein Boot bei der Hand war, so schwamm er oft von Procida nach Ischia hinüber, wär's es auch nur gewesen, um die Mauern ihres Hauses zu sehen. Indem diese beiden einander so zärtlich liebten, begab es sich einst, daß Restituta an einem Sommertage ganz allein am Ufer lustwandelte und Muscheln mit einem Messer von den Klippen sammelte. Von ungefähr kam sie an einen von Felsen umgebenen Ort, wo sich im Schatten der Felshügel, am Ausflusse eines kristallhellen Baches, einige junge Sizilianer, die von Napoli gekommen waren, mit ihrem Boote vor Anker gelegt hatten. Wie sie das wunderschöne Mädchen erblickten, welches sie nicht gewahr ward, fiel es ihnen ein, wie leicht sie sich ihrer bemächtigen und sie entführen könnten. Ihr Anschlag reifte auf der Stelle zur That, und ohne auf ihr Geschrei zu achten, brachten sie sie an Bord und fuhren mit ihr davon. Wie sie nach Kalabrien hinüber kamen, gerieten sie ihretwegen in Streit, weil ein jeder die schöne Beute für sich zu haben wünschte. Weil sie nun gar nicht einig werden konnten und fürchteten, daß um des Mädchens willen Unheil zwischen ihnen entstehen möchte, so beschlossen sie zuletzt einmütig, sie dem König Friedrich von Sizilien zu schenken, der ein junger Herr und ein Liebhaber von Weibern war. Der König gewann sie ihrer Schönheit wegen lieb; weil er aber eben kränklich war, so ließ er sie vorläufig auf einem prächtigen Landsitze verwahren, dem er den Namen la Cuba gegeben hatte, und ließ sie daselbst gehörig bedienen. In Ischia entstand indessen eine gewaltige Unruhe über ihre Entführung, und was das Schlimmste war, so wußte niemand, wer die Thäter waren. Gianni aber, den die Sache am nächsten anging, glaubte wohl, daß er auf der Insel keine Nachricht von ihr bekommen würde; weil er jedoch erfuhr, welchen Lauf das Boot genommen hatte, rüstete er ein anderes aus, befuhr mit demselben die ganze kalabrische Küste von Minerva an bis nach Scalea, und erkundigte sich überall nach der geraubten Jungfrau, bis er endlich in Scalea hörte, sie wäre von sizilianischen Seeleuten nach Palermo geführt worden. Gianni eilte alsobald dahin und fand nach langem Nachforschen, daß sie dem Könige wäre geschenkt worden, der sie in seinem Landhause für sich aufbewahren ließe. Er war darüber äußerst bestürzt und gab fast alle Hoffnung auf, nicht nur sie wieder zu besitzen, sondern auch sie nur zu Gesicht zu bekommen. Demnach fesselte ihn die Liebe an diesen Ort; er schickte sein Fahrzeug zurück und blieb in Palermo, wo ihn niemand kannte. Wie er nun oft vor dem Landhause vorüber ging, erblickte er sie einst am Fenster, und sie ward ihn ebenfalls gewahr, worüber sie sich beide sehr freuten. Weil der Ort in einer sehr einsamen Gegend lag, so kam Gianni so nahe wie er konnte, und hatte Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Sie beschrieb ihm die Lage ihrer Wohnzimmer und sagte ihm, wie er es anstellen müßte, wenn er sie näher sprechen wollte. Wie er sich dieses alles gehörig gemerkt hatte, erwartete er nur die Nacht, und wie ein Teil derselben vergangen war, erstieg er auf Wegen, wo kaum ein Specht fußen konnte, die Gartenmauer, und vermittelst einer Segelstange, die er daselbst fand und an das Fenster seiner Geliebten setzte, gelang es ihm, zu ihr hinauf zu klimmen.

Bis zu diesem Augenblicke hatte sie sich gegen ihn bis zur Strenge züchtig benommen. Jetzt aber, da sie ihre Ehre für verloren hielt, glaubte sie niemand ein besseres Opfer damit bringen zu können, als ihrem Geliebten, mit welchem sie sich zugleich schmeichelte zu entfliehen. Entschlossen, ihm in allem zu willfahrten, hatte sie demnach das Fenster offen gelassen; Gianni sprang fröhlich hinein und eilte ihrem Bette zu, wo sie ihn wachend erwartete. Ehe sie ihm jedoch die geringste Gunstbezeigung gewährte, beschwor sie ihn, sie zu befreien und sie mitzunehmen! und er versicherte ihr, daß er nichts sehnlicher wünschte und unfehlbar suchen würde, Anstalten zu treffen, sie zu erlösen, sobald er das nächste Mal wieder käme. Amor reichte hierauf, den beiden Liebenden seinen süßesten Labebecher, und sie schöpften so reichlich daraus, daß sie unvermerkt in wechselseitiger Umarmung einschlummerten.

Der König, welchem das Mädchen auf den ersten Blick behagt hatte, war in der Zwischenzeit wieder gesund geworden, und wir er sich ihrer erinnerte, kam er auf den Einfall, obwohl die Nacht fast schon vergangen war, noch ein Stündchen bei ihr zuzubringen. Er ließ sich demnach von einigen seiner Diener nach dem Landhause begleiten, öffnete leise ihr Schlafzimmer, trat mit einem brennenden Wachslicht in der Hand hinein und fand sie schlafend in den Armen des Gianni. Er geriet darüber so sehr in Wut, daß er schon im Begriffe war, sie beide ohne ein Wort zu sagen, mit einem Dolche, den er bei sich trug, zu durchbohren. Doch besann er sich noch zu rechter Zeit, daß es schändlich für einen jeden und zumal für einen König wäre, zwei wehrlose Leute im Schlafe zu ermorden, und er entschloß sich, sie öffentlich mit dem Scheiterhaufen bestrafen zu lassen. »Was deucht Dich (sprach er zu einem seiner Leute) von diesem frevelhaften Geschöpfe, welchem ich mein ganzes Herz geschenkt hatte?« Er fragte ihn zugleich, ob er den Jüngling kenne, der die Verwegenheit gehabt hätte, sich in seinen Palast zu schleichen und ihm diesen Verdruß und Schimpf zuzufügen. Der Diener antwortete ihm, er erinnerte sich nicht, ihn jemals gesehen zu haben. Der König verließ hierauf im Grimm das Zimmer und befahl, die beiden so unbekleidet, wie sie wären, zu binden; sie, sobald es Tag würde, auf dem Markte von Palermo, mit dem Rücken gegen einander gekehrt, an einen Pfahl zu binden und sie zu verbrennen, wie sie verdient hätten. Wie er diese Befehle gegeben hatte, ging er voll Zorn nach seinem Palaste zurück. Sobald er weg war, fielen seine Leute über die beiden Verliebten her, welche sie nicht nur sehr unsanft weckten, sondern sie auch ohne Barmherzigkeit in Banden fortführten. Man kann sich leicht vorstellen, wie bestürzt sie waren, mit welchem Schrecken sie ihren schmählichen Tod vor Augen sahen, und wie sie ihr Schicksal bejammerten. Sie wurden dem Befehl des Königs gemäß nach Palermo geführt und daselbst auf dem Markte an einen Pfahl gebunden; und man bereitete vor ihren Augen den Scheiterhaufen, auf welchem sie ihr Leben in den Flammen endigen sollten. Alle Leute in Palermo liefen zusammen, um die beiden Verliebten zu sehen; alle Männer wurden durch die Schönheit des Mädchens hingerissen und priesen ihre Reize, und alle Weiber liefen, den schönen Jüngling zu sehen, dessen herrliche Gestalt sie verwundert betrachteten. Die beiden Liebenden standen indes voll Scham und Todesangst, mit niedergeschlagenen Blicken, und beweinten ihr Unglück, indem sie den schrecklichen Feuertod stündlich erwarteten.

Indem man sie solchergestalt bis zur Stunde ihrer Hinrichtung öffentlich ausgestellt und ihr Verbrechen laut verkündigte, kam die Nachricht davon dem Herrn Ruggieri dell' Oria, einem vortrefflichen Rittersmann, zu Ohren, welcher damals Admiral des Königs war. Er ging also ebenfalls nach dem Platze, wo ihm zuerst das Mädchen in die Augen fiel, deren Schönheit er bewunderte. Wie er hiernächst auch den Jüngling betrachtete, erkannte er ihn den Augenblick und fragte ihn, ob er nicht Gianni di Procida wäre. Gianni blickte auf, erkannte den Admiral und rief aus: »Ach mein Herr! einst war ich derjenige, den Ihr nennt; doch bald werde ich nicht mehr sein.«

Der Admiral fragte ihn darauf, welche Veranlassung ihn an diesen Ort gebracht hätte.

»Die Liebe und der Zorn des Königs!« antwortete Gianni.

Der Admiral ließ sich die Sache umständlich erzählen und wie er alles gehört hatte und weggehen wollte, rief ihn Gianni zurück und sagte: »Ich bitte Euch, mein Herr, wenn es möglich ist, verschafft mir nur eine Gnade von demjenigen, der uns hierher geschickt hat.«

»Welche?« fragte Ruggieri.

»Ich weiß, daß ich bald sterben muß (versetzte Gianni) und ich bitte nur um die einzige Gnade, daß man, statt mich Rücken gegen Rücken mit diesem Mädchen, welches ich mehr als mein Leben liebe, hier anzubinden, uns mit dem Angesicht gegen einander kehren möge, damit ihr Anblick mich im Tode noch erquicke.«

»Von Herzen gern (sprach Ruggieri). Ich will schon machen, daß Du sie so lange ansehen sollst, bis Du es müde wirst.«

Indem der Admiral wegging, befahl er denen, welchen die Hinrichtung aufgetragen war, ohne näheren Befehl des Königs nichts ferner vorzunehmen. Er eilte darauf zum König und sagte ihm, trotz seinem Zorn, seine Meinung frei heraus. »Herr König (sprach er), was haben Euch die beiden Verliebten gethan, die Ihr auf öffentlichem Markte wollt verbrennen lassen?«

Der König sagte ihm: »Ihr Verbrechen verdient Strafe!«

»Aber nicht von Euch (sprach Ruggieri). Denn so wie das Verbrechen Bestrafung verdient, so verdienen auch wichtige Dinge nicht nur Gnade und Nachsicht, sondern auch Belohnung. Wißt Ihr wohl, wer die beiden sind, die Ihr wollt verbrennen lassen?«

»Nein«, sprach der König.

»So will ich's Euch sagen (versetzte Ruggieri). Der Jüngling ist der Sohn des Landolfo di Procida, dessen leiblicher Bruder Gian di Procida Euch auf den Thron dieser Insel gesetzt hat, und das Mädchen ist die Tochter des Marin Bolgaro, dessen Ansehen Ihr es zu danken habt, daß die Ischianer sich nicht Eurer Herrschaft entziehen. Ueberdies haben die beiden jungen Leute einander seit langer Zeit lieb gehabt. Wenn sie gefehlt haben, so geschah dies aus Liebe und nicht um Euch zu beleidigen oder zu beschimpfen; warum wollt Ihr also diejenigen hinrichten lassen, denen Ihr vielmehr alles Mögliche zu Liebe und zu Ehren thun solltet?«

Wie der König dieses hörte und die Sache wahr befand, stellte er nicht nur sein grausames Verfahren ein, sondern weil er bereute, was er gethan hatte, schickte er sogleich hin und ließ die beiden jungen Leute zu sich holen. Wie er nun alle Umstände noch genauer erfuhr, nahm er sich vor, das Unrecht, das er ihnen zugefügt hatte, durch Geschenke und Ehrenbezeigungen wieder gut zu machen. Er ließ sie demnach standesmäßig kleiden; und weil er gewiß war, daß sie einander beide liebten, so vermählte er sie miteinander, überhäufte sie mit reichen Geschenken und sandte sie zufrieden zu den Ihrigen zurück, welche sie mit großen Freuden empfingen.

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