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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Zweiundvierzigste Erzählung.

Nahe bei Sizilien liegt eine kleine Insel, die man Lipari nennt, woselbst eine sehr schöne Jungfrau lebte, namens Constanza, aus einem angesehenen Geschlecht auf dieser Insel gebürtig, in welche sich ein hübscher, wohlgesitteter und in seinem Gewerbe wohlerfahrener Jüngling verliebte, der sich Martuccio Gomito nannte. Da das Mädchen ihrerseits ihn ebenfalls so lieb hatte, daß sie nur in seinem Anblicke lebte, so ließ er bei ihrem Vater um sie anhalten, bekam aber eine abschlägige Antwort, weil er nicht reich war. Den Martuccio verdroß es, daß er seiner Armut wegen abgewiesen ward; er rüstete demnach in Verbindung mit einigen Freunden ein kleines bewaffnetes Fahrzeug aus und schwor, Lipari nicht eher wieder zu sehen, bis er ein reicher Mann geworden wäre. Wie er auslief, machte er den Anfang damit, daß er an der barbarischen Küste kreuzte und alles wegnahm, was ihm nicht widerstehen konnte; das Glück war ihm auch günstig genug, wenn er nur selbst so klug gewesen wäre, seinem Durste nach Reichtum zu rechter Zeit eine Grenze zu setzen. Wie er aber nebst seinen Gefährten in kurzer Zeit schon große Reichtümer erobert hatte und nun noch Schätze auf Schätze zu häufen suchte, so traf es sich endlich, daß sie einst von mehreren barbarischen Schiffen umzingelt wurden, und nach einem hartnäckigen Gefechte, in welchem die meisten von Martuccio's Leuten durch das Schwert der Sarazenen fielen, ward endlich sein Schiff in den Grund gebohrt, und er selbst geriet mit den wenigen Übrigen in die Hände der Feinde, die ihn nach Tunis führten, wo er eine lange Zeit in der Gefangenschaft schmachten mußte.

In Lipari verbreitete sich bald nachher, nicht nur aus einem Munde, sondern auf mancherlei Wegen, das Gerücht, daß Martuccio mit den Seinigen in den Wellen umgekommen wäre. Constanza, die sich über die Abreise ihres Geliebten schon außerordentlich betrübt hatte, war untröstlich, wie sie hörte, daß er mit allen seinen Leuten in dem Treffen geblieben wäre. Ihres Lebens müde, jedoch nicht herzhaft genug, um sich selbst den Tod zu geben, ersann sie ein neues Mittel, um ihn unvermeidlich zu machen. Sie ging nämlich an einem Abend heimlich aus dem väterlichen Hause und begab sich nach dem Hafen, wo sie von ungefähr in einiger Entfernung von den übrigen Schiffen ein Fischerboot fand, aus welchem die Fischer unlängst an's Land gestiegen waren und Mast, Segel und Ruder in demselben zurückgelassen hatten. Sie sprang hinein, ruderte hinaus in das offene Meer, und da sie, nach der Weise aller Frauenzimmer der Insel, mit dem Schiffsgerät einigermaßen umzugehen wußte, so setzte sie das Segel bei, warf die Ruder und das Steuer in die Wellen und überließ sich den Winden, in der gewissen Erwartung, daß sie das Fahrzeug ohne Ballast und Steuermann entweder umschlagen, oder es an eine Klippe treiben würden, wo es scheitern müßte, so daß sie nicht würde entrinnen können, wenn sie auch wollte, sondern ihren Tod unfehlbar in den Wellen finden würde. Sie verhüllte sich demnach den Kopf mit ihrem Mantel und legte sich weinend in dem Boote nieder. Es ging aber ganz anders, als sie erwartete, denn weil ein leichter Nordwind in das Segel blies, und die See so ruhig war, daß sich die Wellen kaum furchten, so ging das Boot seinen geraden Lauf vorwärts, und sie kam am folgenden Tage gegen die Dämmerung, ungefähr hundert Meilen oberhalb Tunis, nicht weit von einer Stadt, die man Susa nennt, an's Land. Da sie bisher ihr Haupt bei keiner Veranlassung aufgehoben hatte, noch aufheben wollte, so wußte sie nichts davon, ob sie sich am Lande, oder noch im offenen Meere befände. Indem nun das Boot auf den Strand lief, befand sich von ungefähr eine arme Fischerfrau am Ufer, welche beschäftigt war, die getrockneten Netze ihrer Leute einzunehmen, und sich wunderte zu sehen, daß das Boot mit vollem Segel auf den Strand gelaufen kam. Sie glaubte, daß die Fischer in demselben eingeschlafen wären und ging hin, um zuzusehen. Wie sie nun niemand in dem Boote fand als ein Frauenzimmer, welches fest eingeschlafen war, rief sie ihr so lange zu, bis sie aus ihrem Schlafe aufwachte; an ihrer Kleidung bemerkte sie, daß sie eine Christin war, daher sie auf italienisch fragte, wer sie wäre und wie sie so allein in dem Boote käme. Constanza, die sich auf italienisch anreden hörte, glaubte, der Wind wäre umgelaufen und hätte sie wieder nach Lipari zurück getrieben. Sie sprang auf, und wie sie sich am Lande und in einer ganz unbekannten Gegend fand, fragte sie die Frau, wo sie wäre.

Die Frau antwortete ihr: »Mein Kind, Du bist an der barbarischen Küste, nicht weit von Susa.«

Wie Constanza dieses vernahm, überfiel sie die Furcht vor einer schmählichen Behandlung; sie bedauerte, daß ihr Gott nicht lieber den Tod gesandt hätte, und weil sie sich nicht zu helfen wußte, so setzte sie sich in ihrem Boote nieder und vergoß bittere Thränen. Das gute Weib hatte Mitleid mit ihr und redete ihr so lange zu, bis sie ihr in ihre Hütte folgte, wo sie sie bat, ihr zu sagen, woher sie gekommen wäre, und weil sie bemerkte, daß sie hungrig war, so setzte sie ihr etwas Brot, Fische und Wasser vor, um sie zu erquicken, und bewog sie durch viele Bitten, ein wenig davon zu genießen.

Constanza fragte sie hierauf, wer sie wäre, daß sie so gut italienisch spräche.

Sie antwortete ihr, sie wäre in Trapani zu Hause; ihr Name wäre Carapresa, und sie wäre hier im Dienste bei einigen christlichen Fischerleuten.

Wie Constanza den Namen Carapresa hörte, hielt sie ihn (ihres Kummers ungeachtet, und obwohl sie selbst sich die Ursache nicht erklären konnte) für das Zeichen einer guten Vorbedeutung. Sie fing an zu hoffen, obgleich sie selbst nicht wußte was, und ihr Verlangen nach dem Tode verminderte sich allmählich. Ohne sich demnach zu erkennen zu geben, oder zu sagen, woher sie käme, bat sie ihre Wirtin um Gotteswillen Mitleid mit ihrer Jugend zu haben und ihr zu raten, wie sie sich vor Verletzung ihrer Keuschheit sichern könnte.

Carapresa, die ein gutes Weib war, verließ sie einige Augenblicke, um ihre Netze vollends einzunehmen, führte sie hernach in ihren Schleier gehüllt nach Susa und sprach unterwegs zu ihr: »Lieber Mädchen, ich will Dich zu einer sehr liebreichen, sarazenischen Frau führen, welcher ich manchen Dienst leiste; sie ist bejahrt und mitleidig; ich will Dich ihr auf's Angelegentlichste empfehlen, und ich bin versichert, daß sie Dich wie eine Tochter aufnehmen wird. Du wirst Dich Deinerseits bemühen, ihr so zur Hand zu gehen, daß Du Dich ihr immer lieber und angenehmer machst, bis Dir Gott ein besseres Glück beschert.«

Wie gesagt, so gethan. Nachdem sie ihre Worte bei der alten Dame angebracht hatte, betrachtete sie diese Constanza und vergoß Thränen des Mitleids, indem sie sie bei der Hand nahm und ihr die Stirn küßte. Sie nahm sie in ihr Haus, in welchem sie mit einigen anderen Frauenzimmern ohne alle männliche Gesellschaft oder Bedienung wohnte, und sich nebst ihnen mit allerlei Arbeit in Seide, Palmblättern und Lederstickerei beschäftigte. Constanza lernte sich sehr bald mit diesen Arbeiten behelfen und gewann im höchsten Grad die Liebe ihrer Gesellschafterinnen, deren Sprache sie in kurzer Zeit lernte.

Indem sie nun in Susa lebte und ihre Verwandten sie als tot oder verloren betrauerten, begab es sich, wie Muley Abdallah König in Tunis war, daß in Granada ein Jüngling von vornehmer Abkunft und von großem Ansehen sich für den rechtmäßigsten Thronerben von Tunis ausgab, ein mächtiges Heer zusammenbrachte und den König von Tunis mit Krieg überzog, um ihn vom Throne zu stoßen. Wie Martuccio dieses in seinem Gefängnis erfuhr, sprach er zu einem von den Wächtern: »Wenn ich den König sprechen könnte, so wüßte ich ihm vielleicht einen guten Ratschlag zu geben, seinen Feind zu überwinden.«

Der Wächter sagte diese Worte seinem Befehlshaber, und dieser hinterbrachte sie dem Könige, welcher den Martuccio sogleich vor sich kommen ließ und ihn fragte, worin sein Anschlag bestände.

»Gnädiger Herr (sprach Martuccio), wenn mich in vorigen Zeiten meine eigene Erfahrung gelehrt hat, Eure Art zu fechten recht zu beobachten, so pflegen bei Euch die Bogenschützen hauptsächlich das Schicksal der Schlacht zu entscheiden. Wenn Ihr es also dahin bringen könntet, daß Euren Feinden während des Treffens die Pfeile mangelten, indes Eure eigenen Leute Überfluß daran behielten, so würdet Ihr ohne Zweifel den Sieg davontragen.«

»Das versteht sich (sprach der König); aber wie ist das möglich zu machen?«

»Wenn Ihr meinem Rate folgen wollt (erwiderte Martuccio), so ist dieses eine leichte Sache. Ihr braucht nur Euren Bogenschützen noch dünnere Sehnen zu geben, als man sonst irgendwo bisher gebraucht hat, und Eure Pfeile so kerben zu lassen, daß sie genau auf diese Sehnen passen. Wenn Ihr dieses so geheim betreiben könnt, daß Euer Feind nichts davon erfährt, und also keine Maßregeln dagegen nehmen kann, so werdet Ihr in der Schlacht, nachdem die Bogenschützen an beiden Seiten ihre Pfeile verschossen haben, großen Vorteil davon ziehen. Denn Eure Leute werden alle angesammelten Pfeile der Feinde wieder gegen sie gebrauchen können, weil die großen Kerben auf jede Sehne passen, da hingegen die Eurigen, wegen ihrer kleinen Kerbe, ihnen zu nichts nützen. Auf diese Weise werden Eure Leute noch Überfluß an Pfeilen haben, wenn sie den Feinden schon gänzlich mangeln.«

Dem Könige, der ein verständiger Herr war, gefiel der Rat des Martuccio; er befolgte ihn und besiegte dadurch seinen Feind. Martuccio stieg demnach sehr hoch in seiner Gunst und kam zu großem Reichtum und Ehren. Das Gerücht von dieser Begebenheit erscholl überall, und auf diese Weise erfuhr auch Constanza, daß ihr Martuccio noch lebte, den sie seit langer Zeit für tot gehalten hatte. Ihre schlummernde Liebe erwachte jetzt mit verdoppelter Stärke, und ihre verlorene Hoffnung stellte sich wieder ein. Sie öffnete demnach ihrer liebreichen Wirtin alle ihre Schicksale und entdeckte ihr ihren Wunsch, nach Tunis zu gehen, um ihre Augen an dem Anblick desjenigen zu ergötzen, womit die Sage ihr Ohr so sehr erfreut hatte.

Die gute Frau billigte ihren Wunsch und mit mütterlicher Liebe entschloß sie sich, ein Boot mit ihr zu besteigen und nach Tunis zu fahren, wo sie nebst Constanza von einem ihr Verwandten freundlich bewirtet ward. Sie hatten die Carapresa mitgenommen, welche sie ausschickten, um ihnen nähere Kundschaft von Martuccio zu verschaffen, und welche ihnen auch bald die Bestätigung der Nachricht brachte, daß er noch lebe und in hohen Ehren stände. Die freundschaftliche Mohrin wünschte das Verdienst zu haben, ihm die Ankunft seiner Constanza selbst bekannt zu machen. Sie ging demnach zu ihm und sagte: »Martuccio, in meinem Hause ist einer von Deinen Dienern aus Lipari angekommen, und wünscht Dich insgeheim zu sprechen. Da er mich gebeten hat, diese Botschaft keinem andern anzuvertrauen, so bin ich selbst gekommen, um Dich davon zu benachrichtigen.«

Martuccio dankte ihr und folgte ihr nach ihrer Wohnung. Wie Constanza ihn erblickte, fehlte nicht viel daran, daß die plötzliche Freude ihr das Leben geraubt hätte. Es war ihr unmöglich, sich zu enthalten, ihm mit offenen Armen entgegen zu eilen und um den Hals zu fallen. Die Erinnerung an ihre vergangenen Leiden und die Freude an ihr gegenwärtiges Glück verschlossen ihr jedoch den Mund, und sie konnte nur Thränen der Wonne und Zärtlichkeit vergießen.

Martuccio empfand bei ihrem Anblick ein frohes Erstaunen, und mit einem zärtlichen Seufzer rief er aus: »O meine Constanza! Lebst Du wirklich noch? Wie lange hat man mir schon gesagt, Du würdest vermißt und die Deinigen hätten nie die mindeste Nachricht von Dir erhalten können!« Mit diesen Worten umarmte er sie und küßte sie mit Thränen.

Constanza erzählte ihm nun alle ihre Abenteuer, und wie liebreich die edle Mohrin sie aufgenommen hätte. Nachdem sie sich lange mit einander unterhalten hatten, ging Martuccio zu seinem Herrn, dem Könige, erzählte ihm alle Begebenheiten, die ihm und Constanza zugestoßen waren, und bat ihn zugleich um Erlaubnis, sich nach der Ordnung seiner Kirche mit ihr zu verheiraten. Der König wunderte sich über diese Geschichten; er ließ Constanza kommen und sich alles von ihr selbst wiederholen, was ihm Martuccio erzählt hatte, und bekannte, daß sie reichlich verdient hätte, ihn zum Gemahl zu bekommen. Er ließ demnach große und herrliche Geschenke für sie und für ihren Geliebten bringen und gab ihnen seine völlige Erlaubnis zu handeln, wie es ihnen beliebte.

Martuccio dankte der liebreichen Wirtin seiner Constanza mit Ehrerbietung für alles, was sie für sie gethan hatte, und machte ihr sehr ansehnliche Geschenke. Beim Abschiede konnte sich Constanza nicht ohne viele Thränen des Dankes und der Liebe von ihr trennen. Sie bestiegen mit Genehmigung des Königs ein kleines Fahrzeug, nahmen die Carapresa mit und segelten mit günstigem Winde nach Lipari, wo die Freude über ihre Wiederkehr unbeschreiblich war. Hier vermählte sich Martuccio feierlich mit Constanza, gab seinen Freunden ein frohes Hochzeitsmahl und lebte mit seiner Gattin viele Jahre in Frieden und in einer glücklichen Ehe.

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