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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Dritte Erzählung.

Saladin, der so tapfer war, daß er nicht nur aus einem geringen Manne zum Sultan von Babylon ward, sondern auch außerdem noch manche Siege über die sarazenischen und christlichen Fürsten erfocht, hatte teils in verschiedenen Kriegen, teils durch seinen großen Aufwand und Pracht, einst seinen ganzen Schatz erschöpft, und nun traf es sich eben, daß er plötzlich einer ansehnlichen Summe bedurfte, die er nirgends so schnell aufzutreiben wußte, als er sie nötig hatte. In dieser Verlegenheit erinnerte er sich eines reichen Juden, der Melchisedech hieß und in Alexandrien auf Wucher zu leihen pflegte und er glaubte, dieser könnte ihm helfen, wenn er wollte. Der Jude war aber so geizig, daß er es von freien Stücken nimmer würde gethan haben, und offenbare Gewalt wollte Saladin nicht brauchen. Weil ihn jedoch die Not drang, so sann er auf ein Mittel, den Juden unter einem scheinbaren Vorwande zu zwingen, seinen Beutel aufzuthun. Er ließ ihn demnach zu sich rufen und hieß ihm freundlich sich neben ihn setzen, indem er zu ihm sagte: »Trefflicher Mann, ich habe von verschiedenen Leuten gehört, daß Du weise bist, und in geistlichen Dingen sehr erfahren. Darum möchte ich gern von Dir wissen, welche von den drei Lehren Du für die wahrhafteste hältst, die jüdische, die sarazenische oder die christliche.«

Der Jude, der in der That ein kluger Mann war, merkte sehr gut, daß ihn Saladin mit seinen Worten zu fangen suchte, um Händel mit ihm anzufangen, und er glaubte daher, daß er keine von den drei Religionen mehr als die andere loben dürfe, damit Saladin seinen Zweck nicht erreichte, und da es auf eine schnelle Antwort ankam, wodurch er keine Blöße gäbe, so kam ihm auf der Stelle sein Scharfsinn zu rechter Zeit zu statten, und er sagte: »Mein Herr, Ihr habt mir da eine wichtige Frage vorgelegt, um Euch aber zu sagen, wie ich darüber denke, so bitte ich Euch, vorher eine kleine Geschichte von mir anzuhören: Wenn mir recht ist, so hat man mir oft erzählt, daß einst ein reicher, vornehmer Mann war, der unter anderen kostbaren Kleinoden, die sich in seinem Schatze befanden, einen sehr schönen und köstlichen Ring besaß, welchen er wegen seines Werts und seiner Schönheit besonders auszeichnen und ihn deswegen auf immer bei seiner Nachkommenschaft erhalten wollte, und darum befahl er, daß derjenige unter seinen Söhnen, welchem er diesen Ring hinterlassen würde, als sein Erbe angesehen werden sollte, und alle seine andern Brüder sollten ihn als das Haupt der Familie ehren und hochachten. Derjenige, der den Ring erbte, beobachtete gegen seine Nachkommen dasselbe Verfahren und folgte dem Beispiele seines Ahnherrn. So ward der Ring vom Vater auf den Sohn durch viele Geschlechter vererbt, bis ihn endlich einer bekam, der drei liebenswürdige und tugendhafte Söhne hatte, welche dem Vater alle gleich gehorsam waren, und deswegen alle drei von ihm gleich geliebt wurden. Die Jünglinge, welchen das Herkommen mit dem Ringe bekannt war, und welche einer wie der andere wünschten, ein jeder vor den übrigen der Geehrteste zu sein, bestrebten sich um die Wette, den Ring zu bekommen, und ein jeder von ihnen bat den Vater, der schon alt war, ihm denselben nach seinem Tode zu vermachen. Der gute Vater, der seine Söhne gleich lieb hatte und selbst keine Wahl unter ihnen zu treffen wußte, versprach einem jeden, ihm den Ring zu geben, und ersann ein Mittel, sie alle drei zu befriedigen. Er ließ deswegen bei einem geschickten Meister heimlich zwei andere Ringe machen, die dem ersten so völlig ähnlich waren, daß er selbst, der sie hatte verfertigen lassen, kaum im Stande war, den echten von dem unechten zu unterscheiden. Auf seinem Sterbebette gab er jedem seiner Söhne insgeheim einen von den drei Ringen. Nach seinem Tode wollte nun ein jeder von den Söhnen der Erbe sein und den Vorrang vor seinen Brüdern behaupten, und um diesen den andern streitig zu machen, zog ein jeder, dem hergebrachten Gebrauche gemäß, seinen Ring hervor. Da war aber ein Ring dem andern so ähnlich, daß es nicht möglich war, den echten zu erkennen, und die Frage, wer der rechte Erbe des Vaters wäre, blieb unentschieden, und bleibt unentschieden bis auf diesen Tag. Und eben dieses sage ich Euch, mein Herr, von den drei Religionen, die Gott der Vater den drei Völkern gegeben hat, wegen welcher Ihr mich befraget. Ein jedes derselben glaubt, sein Erbteil, seine Lehre und seine Gesetze unmittelbar von ihm empfangen zu haben. Von welchem unter ihnen aber sich dieses mit Wahrheit behaupten lasse, das bleibt (so wie bei den drei Ringen) noch unausgemacht.«

Saladin sah wohl ein. daß der Jude sich gut aus der Schlinge zog, die er ihm gelegt hatte. Er entschloß sich demnach, ihm sein Anliegen geradezu zu eröffnen und zu versuchen, ob er ihm von freien Stücken würde helfen wollen. Er that es, und gestand ihm zugleich, was seine Absicht gewesen wäre zu thun, wenn er nicht so vernünftig geantwortet hätte. Der Jude bediente ihn willig mit der ganzen Summe, die er brauchte, und Saladin bezahlte ihm in der Folge nicht nur seine Schuld, sondern machte ihm noch überdies ansehnliche Geschenke, und behielt ihn als seinen Freund in großen Ehren und Ansehen beständig bei sich.

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