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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 39
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Achtunddreißigste Erzählung.

Es lebte einmal ein sehr angesehener und reicher Kaufmann in Florenz, namens Lionardo Sighieri, welcher mit seiner Frau einen Sohn hatte, den er Girolomo nannte, nach dessen Geburt er bald darauf sein Haus bestellte und starb. Die Vormünder und die Mutter des Knaben setzten indessen die Geschäfte treulich und fleißig fort. Wie der Knabe mit anderen Kindern in der Nachbarschaft heranwuchs, fand er das meiste Vergnügen an der Gesellschaft eines kleinen Mädchens von seinem Alter, welches die Tochter eines Schneiders war. Der Umgang mit ihr verwandelte sich mit den Jahren in eine so zärtliche und heftige Liebe, daß Girolomo sich nicht glücklich fühlte, wenn er nicht bei ihr war, und wirklich liebte ihn das Mädchen nicht weniger, als sie von ihm geliebt ward. Die Mutter des Knaben, welche dies bisweilen bemerkte, gab ihm deswegen manchen Verweis und manche Züchtigung, wie aber Girolomo dennoch nicht von ihr ablassen konnte, beklagte sie sich darüber gegen seine Vormünder, und weil sie vermutlich glaubte, das Geld machte den Mann, so sagte sie: »Dieser Knabe, der kaum vierzehn Jahre alt ist, hat sich dermaßen in das Schneidermädchen Salvestra vernarrt, daß er sie wohl gar einmal heimlich zur Frau nimmt, wenn wir sie ihm nicht aus den Augen schaffen, und das würde mich ewig ärgern, oder er grämt sich dereinst das Herz ab, wenn sie an einen andern verheiratet wird. Um beides zu verhüten, glaube ich, daß Ihr wohl thun würdet, wenn Ihr ihn in Handlungsgeschäften ziemlich weit von hier entferntet, denn wenn er sie nur nicht täglich vor Augen hat, so wird er sie nach und nach vergessen, und dann können wir ihm ein Mädchen von guter Herkunft zur Frau geben.«

Die Vormünder gaben ihr Recht und versprachen, ihr Bestes zu thun. Sie ließen den Knaben zu sich rufen und einer von ihnen sprach sehr liebreich zu ihm: »Mein Sohn, Du fängst an, heran zu wachsen, und wäre es gut, wenn Du lerntest, selbst ein wenig nach Deinen Sachen zu sehen. Es würde uns folglich lieb sein, wenn Du auf einige Zeit nach Paris gingest, wo Du einen großen Teil Deines Vermögens im Umlauf finden und überdies dort mehr Gelegenheit haben wirst als hier, Deine Sitten zu verfeinern und zu verbessern, wenn Du mit den Vornehmen und Adeligen umgehst und Dich nach ihnen bildest, und kömmst dann wieder zu uns.«

Der Knabe hörte aufmerksam zu, gab aber zur Antwort, er wollte nicht, denn er glaubte eben so gut in Florenz fortkommen zu können, als andere Leute.

Die Vormünder suchten zwar alle Gründe hervor, um ihn zu bewegen; wie sie aber keine andere Antwort von ihm erhalten konnten, sagten sie es der Mutter, welche sich heftig darüber erzürnte; nicht deswegen daß er nicht nach Paris gehen wollte, sondern weil sie alles auf die Rechnung seiner Liebe schrieb. Sie machte ihn daher erst heftig herunter, änderte aber nachher ihre Sprache und bat ihn mit guten und liebreichen Worten, ihr zu Gefallen dasjenige zu thun, was seine Vormünder verlangten; und sie wußte ihn so gut zu überreden, daß er endlich einwilligte, auf ein Jahr (aber nicht auf längere Zeit) nach Paris zu gehen. Er ging also mit der zärtlichsten Liebe im Herzen dahin ab, und man wußte unter mancherlei Vorwand ihn zwei volle Jahre daselbst hinzuhalten. Endlich aber, wie er noch verliebter als jemals wieder nach Hause kam, fand er seine Salvestra an einen jungen Mann, der ein Zeltmacher war, verheiratet, welches ihn außerordentlich schmerzte. Weil er aber sah, daß es nicht mehr zu ändern war, versuchte er sich zufrieden zu geben, und nachdem er ihre Wohnung ausfindig gemacht hatte, fing er an (wie verliebte Jünglinge pflegen), fleißig bei ihr vorüber zu gehen, weil er sich schmeichelte, ihr ebenso unvergeßlich geblieben zu sein, als sie ihm war; allein die Sache verhielt sich anders. Sie dachte so wenig an ihn, als wenn sie ihn nie gekannt hätte, oder wenn sie sich seiner noch erinnerte, so ließ sie ihn wenigstens nichts davon merken. Dies ward der Jüngling in kurzer Zeit gewahr, und es verdroß ihn nicht wenig. Er gab sich indessen alle ersinnliche Mühe, sich wieder bei ihr in Erinnerung zu bringen, und wie er fand, daß alles nicht helfen wollte, nahm er sich vor, sie selbst zu sprechen, wenn es ihm auch das Leben kosten sollte. Nachdem er sich in dieser Absicht bei einem ihrer Nachbarn nach der inneren Einrichtung des Hauses erkundigt hatte, schlich er sich einst am Abend, wie sie mit ihrem Manne zu einem Freunde in ihrer Nachbarschaft eingeladen war, in ihr Haus und verbarg sich hinter einigen ausgespannten Zelttüchern, wo er wartete, bis die jungen Eheleute nach Hause kamen. Wie sie zurückgekommen und zu Bette gegangen waren, und wie er merkte, daß der junge Mann schon fest schlief, ging er an die andere Seite des Bettes, wo er die Salvestra sich niederlegen gesehen hatte. Er legte ihr die Hand auf die Brust und fragte leise: »Schläfst Du schon, Salvestra?«

Sie war noch nicht eingeschlafen und im Begriff zu schreien, allein, er kam ihr zuvor, indem er sagte: »Um Gotteswillen werde nicht laut, ich bin Dein Girolomo.«

Zitternd vor Schrecken gab sie ihm zur Antwort: »Um des Himmelswillen, Girolomo, entferne Dich. Die Zeiten sind vorbei, da wir als unschuldige Kinder einander lieben durften. Aber Du siehst, jetzt bin ich Weib, und es geziemt mir nicht, einem Anderen als meinem Ehemann, Gehör zu geben. Ich beschwöre Dich deswegen bei Gott, Dich zu entfernen, denn wenn mein Mann Dich vernähme und es entstände auch sonst kein Unheil daraus, so wäre unser Hausfriede auf immer gestört, da wir doch jetzt ruhig und vergnügt miteinander leben.«

Diese Worte drohten dem Jünglinge das Herz aufzustoßen, indem er an ihre vorige Liebe dachte, die sich an seiner Seite im geringsten nicht vermindert hatte. Er bat, er flehte, er versprach, allein, er konnte mit den größten Verheißungen nichts von ihr erlangen, so daß er sich endlich den Tod wünschte und sie flehentlich bat, ihm zum Lohne für eine große Liebe nur die einzige Wohlthat zu gewähren, da er vor Kälte ganz erstarrt wäre, indem er auf sie gewartet hätte, daß er sich nur wenige Augenblicke an ihrer Seite niederlegen dürfte, um sich wieder zu erwärmen; er versprach dabei auf's Heiligste, weder ein Wort zu sprechen, noch sie anzurühren und wieder davon zu gehen, sobald er sich nur ein wenig erholt hätte.

Salvestra, die sich des Mitleidens nicht enthalten konnte, ließ es zu. Er legte sich also neben sie nieder ohne sie zu berühren, vertiefte sich in Gedanken an seine langwierige und beständige Liebe zu ihr, und an ihre jetzige Unempfindlichkeit, und nahm sich vor, zu sterben. Er hielt deswegen den Atem so lange an sich, bis er, ohne einen Laut von sich zu geben, die Hände krampfhaft zusammenzog und verschied.

Wie er eine geraume Zeit gelegen hatte, verwunderte sich Salvestra, daß er so stille lag, und weil sie befürchtete, ihr Mann möchte erwachen, so fragte sie den Girolomo leise, warum er noch nicht wieder fortginge. Weil er nicht antwortete, glaubte sie, er wäre eingeschlafen, und streckte demnach die Hand aus, um ihn aufzuwecken. Indem sie ihn berührte, fühlte sie, daß er eiskalt war, worauf sie anfing, ihn stärker zu rütteln, bis sie sich endlich überzeugte, daß er gestorben wäre. Sie ward darüber so bestürzt, daß sie eine Zeit lang nicht wußte, was sie anfangen sollte. Endlich kam sie auf den Einfall, ihrem Mann den Vorfall verdeckterweise zu erzählen, um zu hören, was er dazu sagen würde. Sie weckte ihn demnach und trug ihm die Begebenheit so vor, als ob sie sich mit einer anderen Frau zugetragen hatte, und fragte ihn, was er wohl thun würde, wenn ihr selbst dergleichen begegnete. Der ehrliche Mann antwortete: seiner Meinung nach müsse man den Toten in der Stille nach seinem Hause schaffen und ihn dort seinem Schicksal überlassen, ohne der Frau, die allem Anschein nach nichts dafür könnte, deswegen das Geringste zur Last zu legen.

»Dann ist die Reihe an uns, dieses zu thun«, antwortete die junge Frau, indem sie zugleich ihres Mannes Hand nahm, und ihn den toten Leichnam fühlen ließ. Dieser sprang erschrocken auf, zündete ein Licht an, und ohne mit seiner Frau viel Redens zu machen, nahm er den Leichnam auf die Achsel, trug ihn mit dem Bewußtsein seiner Unschuld nach seinem Hause und ließ ihn daselbst vor der Thüre liegen. Wie es Tag ward, und man ihn tot vor der Hausthüre liegen sah, gab es einen großen Lärm und Gewinsel, besonders von Seiten seiner Mutter. Man besah und untersuchte den Leichnam allenthalben und wie man weder Wunde noch Quetschung an ihm fand, erklärten die Ärzte, er müsse vor Gram gestorben sein, wie es auch wirklich war.

Die Leiche ward nunmehr nach einer Kirche gebracht, wohin sich die Mutter mit einem zahlreichen Gefolge von Freundinnen und Nachbarinnen begab, um ihn (wie es in Florenz gebräuchlich ist) laut zu beweinen und zu beklagen. Indem nun seinetwegen eine außerordentliche Wehklage gehalten ward, sprach der ehrliche Zeltmacher, in dessen Hause er gestorben war, zu seiner Frau: »Wirf doch Deinen Schleier um und geh' einmal nach der Kirche, wohin man den Girolomo gebracht hat; mische Dich unter die Trauerweiber und höre zu, was man von der Begebenheit urteilt. Ich will indessen unter das Mannsvolk gehen; so hören wir doch, ob man nicht etwas von uns afterredet.«

Die junge Frau, welche sich zu spät vom Mitleiden gerührt fühlte, war damit zufrieden; denn sie selbst wünschte nunmehr denjenigen im Tode zu sehen, den sie lebend nicht einmal mit einem Kusse hatte laben wollen; sie ging also dahin.

Es ist wunderbar, wenn man betrachtet, wie schwer es ist, den mächtigen Wirkungen der Liebe auf die Spur zu kommen. Dasselbe Herz, welches dem Girolomo in seinen glücklichen Tagen verflossen blieb, öffnete sich wieder, wie es ihm unglücklich ging, und erregte bei Salvestra das innigste Mitleiden, wie sie sein erblaßtes Antlitz gewahr ward. Sie hatte, in ihren Schleier gehüllt, sich durch die Reihen der Trauerweiber hindurch gedrängt, bis sie zu seinem Leichnam gelangt war. Mit einem lauten Schrei stürzte sie auf ihn hin, nicht um ihn mit ihren Thränen zu baden, sondern leblos vor Schmerz, wie er selbst, lag sie da, eine Leiche, wie ihr Girolomo. Die Weiber, welche nicht wußten, wer sie war, suchten sie zu trösten und baten sie, sich aufzurichten. Wie sie sich aber nicht rührte, versuchten sie, sie aufzuheben; allein, sie fanden sie unbeweglich, und wie sie sie aufhoben, entdeckten sie auf einmal, daß es Salvestra und daß sie tot war. Diese Entdeckung verdoppelte das Mitleid der Frauenzimmer und bewegte sie von neuem zu den bittersten Wehklagen. Das traurige Gemurmel verbreitete sich auch bald außerhalb der Kirche unter den Männern, und wie Salvestra's Ehemann es vernahm, war er untröstlich und konnte eine geraume Zeit nicht aufhören zu weinen. Wie er hernach einigen der Umstehenden die Begebenheiten der vergangenen Nacht mit seiner Frau und dem Jünglinge erzählte, erfuhr ein Jeder die Ursache ihres beiderseitigen Todes und konnte nicht umhin, sie zu beklagen.

Die entseelte junge Frau ward hierauf mit einem anständigen Totengewande bekleidet, und mit dem Jünglinge in eine Bahre gelegt, und nachdem man sie lange beklagt hatte, wurden sie beide in einer Gruft beigesetzt. Amor hatte sie lebend nicht vereinigen können; doch jetzt vereinte sie der Tod auf ewig.

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