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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Fünfunddreißigste Erzählung.

Es waren in Messina drei Brüder, die Söhne eines bemittelten Kaufmanns aus San Gimignano, welche ihr Vater in sehr guten Umständen zurückgelassen hatte. Diese hatten eine Schwester, mit Namen Lisabetta, ein junges, schönes und wohlerzogenes Mädchen, an deren Verheiratung sie aber (es sei aus welcher Ursache es wolle) nicht dachten. In einem ihrer Kramladen diente ein junger Mann aus Pisa, namens Lorenzo, welcher alle ihre Geschäfte leitete und ausrichtete. Da er ein schöner, angenehmer junger Mann war und Lisabetta ihn täglich vor Augen hatte, so fand sie allmählich großen Gefallen an ihm; und wie Lorenzo dieses bei einigen Gelegenheiten bemerkte, so gab er ebenfalls alle seine anderen Liebeshändel auf, und fing an, seine Gedanken auf Lisabetta allein zu richten. Da sie nun einander gegenseitig gefielen, so währte es nicht lange, bis sie sich gegenseitig ihre Wünsche und Neigungen eröffneten und ihr angefangenes Liebesverhältnis zum Vergnügen beider Teile eine geraume Zeit lang fortsetzten. Weil sie aber dabei nicht vorsichtig genug zu Werke gingen, so traf es sich eines Abends, indem Lisabetta zu ihrem Lorenzo in's Zimmer ging, daß der ältere Bruder (unbemerkt von ihr) es gewahr ward. So sehr ihn dieses auch verdroß, so war er doch klug genug, sich nichts merken zu lassen, daß er sie belauscht hatte, sondern er wartete den andern Morgen ruhig ab, und überlegte indessen die Maßregeln, die er nehmen wollte. Des andern Morgens früh erzählte er seinem Bruder, was er des Abends zuvor entdeckt hatte und nach langer Beratschlagung beschlossen sie einmütig, um sich selbst und ihre Schwester nicht in Schimpf zu bringen, daß sie stillschweigen und sich stellen wollten, als ob sie nichts gesehen und bemerkt hätten, bis sie eine bequeme Gelegenheit fänden, ohne Geräusch und Gefahr ihre Schande auszulöschen, ehe die Sachen zu weit gingen. Indessen verbargen sie ihre Absicht, stellten sich in ihren Reden und in ihrem Betragen gegen Lorenzo immer so freundlich wie sonst, und auf diese Weise gaben sie einst auch vor, sie wollten sich in Gesellschaft mit ihm außer der Stadt ein Vergnügen machen. Indessen sie ihn nun an einen einsamen Ort lockten und die Gelegenheit günstig fanden, schlugen sie ihn tot und verscharrten ihn an einem Orte, wo ihn niemand finden konnte. Wie sie nach der Stadt zurück kamen, gaben sie vor, sie hätten ihn in Geschäften auf Reisen geschickt, und dieses fand um so leichter Glauben, da sie ihn oft umher zu verschicken pflegten. Wie er aber in langer Zeit nicht wieder kam, und Lisabetta ihre Brüder oft angelegentlich nach ihm fragte, weil seine Abwesenheit ihr zu lange dauerte, gab ihr einst einer von ihnen zur Antwort: »Was soll das bedeuten? Was geht Lorenzo Dich an, daß Du Dich so oft nach ihm erkundigst? Wo Du noch einmal nach ihm fragst, so werden wir Dir antworten, wie sich's gebührt.«

Das Mädchen ward darüber äußerst traurig; doch da sie nichts damit ausrichten konnte, so unterließ sie, ferner nach ihm zu fragen; allein sie pflegte ihn oft des Nachts zärtlich zu rufen und ihn zu sich zu wünschen; oft schwamm sie in Thränen, klagte stundenlang um ihn und harrte beständig, ohne eine frohe Stunde zu genießen. Einst, wie sie in der Nacht bitterlich darüber weinte, daß ihr Lorenzo nicht wiederkam und wie sie endlich unter vielen Thränen einschlief, erschien er ihr im Traume, blaß und verstört, mit zerrissenen und vermoderten Kleidern, und es schien ihr, als ob er zu ihr sagte: »Ach Lisabetta! Es ist umsonst, wenn Du rufst, Dich über meine lange Abwesenheit bekümmerst und mich deswegen mit Deinen Thränen anklagst. Wisse, daß ich nie wiederkommen kann: denn an dem Tage, da wir das letzte Mal einander sahen, haben Deine eigenen Brüder mich erschlagen.« Er beschrieb ihr auch den Ort, wo sie ihn verscharrt hatten, und bat sie, ihn nicht mehr zu rufen und nicht auf ihn zu warten, worauf er verschwand.

Sie erwachte und glaubte an die Erscheinung. Wie sie des Morgens aufstand, wagte sie es nicht, ihren Brüdern etwas darüber zu sagen; allein sie nahm sich vor, nach dem angezeigten Orte zu gehen und zu sehen, ob dasjenige, was sie im Traume vernommen hatte, sich wirklich so verhielte. Sobald sie sich demnach Erlaubnis verschaffen konnte, sich außer der Stadt ein wenig zu erholen, ging sie mit einer vertrauten Magd, welche um ihr Geheimnis wußte und die Verliebten oft bei einander gesehen hatte, nach der bezeichneten Stelle, wo sie ein wenig dürres Laub wegräumten, unter welchem sie an der lockersten Stelle anfingen zu graben. Sie waren noch nicht sehr tief in die Erde gekommen, als sie den Leichnam des unglücklichen Lorenzo fanden, welchen die Fäulnis noch nicht sehr entstellt hatte. Lisabetta fand demnach die Wahrheit der Erscheinung bestätigt und wollte vor Schmerz darüber vergehen. Da sie mit Thränen nichts ausrichten konnte, so hätte sie wenigstens gewünscht, den Leichnam ganz fortbringen zu können, um ihm ein anständigeres Begräbnis zu verschaffen. Weil aber auch dieses nicht möglich war, so trennte sie mit einem Messer das Haupt von dem Rumpfe, wickelte es in ein Tuch und ließ es ihre Magd in der Schürze tragen, worauf sie den Leichnam wieder mit Erde bedeckten, und ohne daß jemand etwas davon gemerkt hätte, wieder nach Hause gingen. Hier vergoß Lisabetta zuerst in ihrer Kammer so viele und heiße Thränen über dem Haupte, daß sie es ganz damit badete, indem sie es zugleich mit tausend zärtlichen Küssen bedeckte. Darauf nahm sie einen großen schönen Topf, in welchem man Majoran oder Basilikum zu pflanzen pflegt, wickelte den Kopf in ein kostbares Tuch und legte ihn hinein, bedeckte ihn mit Erde und pflanzte dann eine Staude von dem schönsten salernitanischen Basilikum, welche sie mit nichts begoß, als mit Rosen- und Pommeranzenwasser und mit ihren eigenen Thränen. Bei diesem Topfe pflegte sie beständig zu sitzen und ihre Blicke daran zu weiden, als an demjenigen Behältnis, welches ihren Lorenzo umschloß. Oft, wenn sie ihn lange betrachtet hatte, vergoß sie über ihn so häufig Thränen, daß sie die ganze Staude damit benetzte. Da sie dieses oft und lange wiederholte und die Erde überdies von dem verwesenden Kopfe gedüngt ward, so wuchs die Staude so schön und üppig heran, daß sie den herrlichsten Wohlgeruch verbreitete.

Weil sich Lisabetta immer so viel mit dem Topfe beschäftigte, so wurden dieses die Nachbarn oft gewahr, und entdeckten den Brüdern, die sich sehr darüber verwunderten, daß ihre Schönheit so dahin schwand, und daß ihr die Augen oft wie aus dem Kopfe geschwollen waren, was sie bemerkt hätten, und was Lisabetta sich täglich zum Geschäfte machte. Wie die Brüder dieses erfuhren und es wahr befanden, mahnten sie ihre Schwester einige Mal davon ab, und wie dieses nicht half, ließen sie ihr einst den Topf heimlich wegnehmen. Wie sie ihn vermißte, bat sie mehr als einmal inständig, man möchte ihn ihr wiedergeben, und wie sie dieses nicht erhalten konnte, hörte sie nicht auf zu weinen und zu klagen, bis sie darüber krank ward, und auch während ihrer Krankheit seufzte sie nur immer nach ihrem Topfe.

Die Brüder, welche die Ursache davon nicht begreifen konnten, wurden neugierig zu wissen, was in dem Topfe verborgen wäre. Wie sie die Erde wegräumten, fanden sie das Tuch und in demselben den Kopf, der noch nicht so völlig verwest war, daß sie ihn nicht an den krausen Locken für den Kopf des Lorenzo erkannt hätten. Sie erschraken darüber und fürchteten, die Sache möchte ruchbar werden. Sie verscharrten den Kopf und eilten, Messina zu verlassen und das Ihrige auf die Seite zu schaffen, womit sie nach Neapel flüchteten. Lisabetta hörte indessen nicht auf, zu weinen und ihren Basilikum zu fordern, bis sie vor Kummer starb, und so nahm ihre unglückliche Liebe ein Ende.

Nach einiger Zeit erfuhren viele Leute diese Geschichte und es ward dadurch jemand veranlaßt, das Lied zu dichten, das man heutigen Tages so oft singen hört:

Wer war der Barbar mit dem Herzen von Stahl,
Der mir mein Salerner Basilikum stahl?

*

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