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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Dreißigste Erzählung.

In der Stadt Capsa in der Barbarei war einmal ein sehr reicher Mohr, der verschiedene Kinder hatte, und unter andern eine sehr schöne, niedliche Tochter, namens Alibek. Diese hörte oft von den Christen, die in ihrer Stadt wohnten, den christlichen Glauben und den Gottesdienst der Christen so sehr rühmen, daß sie einst einen von ihnen fragte, wie man denn am besten und am ungestörtesten Gott dienen könnte. Man sagte ihr, diejenigen dienten Gott am besten, welche die Dinge dieser Welt am meisten fliehen, zum Beispiel die Einsiedler, die sich in der thebaischen Wüste aufhielten. Alibek, ein unschuldiges vierzehnjähriges Mädchen, welches nicht von einem gemäßigten Verlangen, sondern von einer kindischen Begierde getrieben ward, machte sich sogleich am folgenden Tage heimlich, und ohne einem Menschen ein Wort zu sagen, auf den Weg nach der thebaischen Wüste, wo sie auch, nachdem sie in ihrem ersten Eifer alle Beschwerden mutig überstanden hatte, glücklich ankam.

Hier ward sie in der Ferne eine kleine Hütte gewahr, und nahte sich derselben. Ein frommer Klausner stand an der Thüre, welcher sich sehr verwunderte, sie zu sehen, und fragte was sie suchte.

Sie antwortete: sie fühlte sich von Gott berufen, und wünschte, sich seinem Dienste zu weihen und jemand zu finden, der sie darin unterrichtete.

Der ehrwürdige Einsiedler, der das Mädchen so jung und hübsch fand, fürchtete, der Teufel möchte ihm einen Streich spielen, wenn er sie bei sich behielte. Er lobte ihr frommes Vorhaben, bewirtete sie mit Wurzeln, wilden Baumfrüchten, Datteln und mit einem Trunk Wasser und sagte: »Meine Tochter, nicht weit von hier wohnt ein heiliger Mann, welcher in demjenigen, was Du suchst, ein weit größerer Meister ist, als ich bin. Zu ihm rate ich Dir zu gehen.«

Er zeigte ihr auch den Weg zur nächsten Klause. Doch hier erhielt sie denselben Bescheid, und auf diese Weise ward sie von einem zum andern weiter gesandt, bis sie endlich zu der Zelle eines frommen, andächtigen, jungen Einsiedlers namens Rustico kam, welchem sie eben so, wie den anderen, ihr Anliegen vortrug.

Rustico glaubte eine Gelegenheit gefunden zu haben, seine Selbstverleugnung auf eine große Probe zu stellen. Er schickte also nicht, wie die anderen gethan hatten, das schöne Mädchen weiter, sondern er behielt sie bei sich in seiner Zelle; und wie der Abend heran kam, bereitete er ihr in einem Winkel ein Lager von Palmblättern. Kaum war dieses geschehen und sie hatten sich niedergelegt, so fing der Geist der Versuchung an, seinen Kräften eine Schlacht anzubieten. Da er ihn lange Zeit in Ruhe gelassen hatte, so ließ sich Rustico jetzt bei einem so plötzlichen Überfall von ihm desto leichter überwinden; er vergaß alle seine frommen Gedanken, Gebete und Bußübungen, und beschäftigte seine Einbildung nur mit der Jugend und Schönheit des Mädchens und mit Anschlägen, wie er es beginnen wollte, seinen Zweck bei ihr zu erreichen, ohne sich der Leichtfertigkeit verdächtig zu machen. Er legte ihr demnach zuerst einige Fragen vor und überzeugte sich bald durch ihre Antworten, daß sie in den Geheimnissen der Liebe völlig neu und unerfahren war; daher er auf den Einfall kam, sie unter dem Scheine eines verdienstlichen Werkes zu seiner Absicht willig zu machen. Er fing also an, ihr weitläufig zu erklären, welch' ein geschworener Feind Gottes der Teufel wäre, und ihr hernach zu bedeuten, daß man dem lieben Gott keinen größeren Dienst leisten könnte, als wenn man den Teufel in die Hölle sperrte, die er ihm zum Verdammungsorte bestimmt hätte.

»Wie geschieht denn das?« fragte das Mädchen.

»Das sollst Du bald erfahren,« sprach Rustico und befahl ihr in der leichten Kleidung, in welcher sie beide sich gelagert hatten, aufzustehen und neben ihn niederzuknien.

Indem nun der Eremit alle Reize des jungen Mädchens vor Augen hatte und mit ihr so nahe in Berührung kam, wirkte das alles so mächtig auf ihn, daß bei ihm der Elektrometer anfing, einen beträchtlichen Winkel mit dem Horizont zu machen, welches Alibek gewahr ward und fragte: »Was ist das, Vater, was Ihr da habt und ich nicht?«

»Ach meine Tochter! (sprach Rustico), das ist eben der Teufel, von dem ich Dir gesagt habe, und wie Du siehst, so beunruhigt er mich so sehr, daß ich es fast nicht aushalten kann.«

»Nun Gott Lob! (sprach Alibek) daß mich solch ein Teufel nicht plagt.«

»Das ist wahr (sprach Rustico). Dafür hast Du aber etwas wieder, das ich nicht habe.«

»Was wäre denn das?« fragte Alibek.

»Du hast die Hölle (sprach Rustico), und ich glaube, Du bist zum Heile meiner Seele zu mir gesandt worden. Wenn Du so viel Barmherzigkeit mit mir hättest, daß Du mir vergönntest, den Teufel, der mir so arg zusetzt, in die Hölle zu sperren, so könntest Du mir eine Wohlthat und dem Himmel einen großen Dienst thun, wenn das wirklich die Absicht ist, in welcher Du hergekommen bist, wie Du mir sagtest.«

Das Mädchen antwortete ihm treuherzig: »Mein Vater, wenn ich die Hölle habe, so mögt Ihr den Teufel nur hinein schicken, so bald Ihr wollt.«

»Gott segne Dich, meine Tochter! (sprach Rustico) Laß uns nicht säumen, ihn so einzusperren, daß er mich hernach in Ruhe läßt.«

Er lehrte sie darauf diesen hartnäckigen Feind Gottes einzukerkern; und da sie den Teufel sonst noch nie gekannt hatte, so konnte sie sich nicht enthalten zu sagen: »Vater, der Teufel ist doch wohl ein rechter Bösewicht, daß er sogar in der Hölle Unheil anstiftet.«

»Das thut er aber nicht immer,« sprach Rustico und wußte es so einzurichten, daß der Teufel am Ende den Kamm sinken ließ und ihn nicht mehr belästigte.

In der Folge fand Alibek immer mehr Gefallen an ihrem Geschäfte und sagte einst zu Rustico: »Die guten Christen in Capsa hatten doch wohl Recht, daß der Gottesdienst eine angenehme Sache ist, und wer nicht gern den Teufel in die Hölle sperren helfe, der müßte wohl nicht gescheit sein.« Sie pflegte auch wohl bisweilen ihre Verwunderung zu bezeugen, daß der Teufel nicht immer in der Hölle bliebe, wo man ihn doch so gern hätte. Mit einem Worte, sie ward in ihren geistlichen Übungen zuletzt so eifrig und ermahnte ihren Lehrmeister so oft, sie nicht müßig gehen zu lassen, daß er ihr mehr als einmal sagen mußte, man brauche den Teufel nur dann in die Hölle zu bannen, wenn er übermütig werde und die Nase zu hoch halte. In der That wußte Alibek in kurzer Zeit den Teufel so kirre zu machen, daß Rustico, der bloß von Wurzeln und Wasser lebte, ihr endlich gestand, ein Teufel wäre zu wenig für die Hölle. Da nun das Mädchen fand, daß er ihr nicht mehr genug Gelegenheit zu ihrer verdienstlichen Handlung gab, so fing sie schier an, über ihn zu murren.

Um diese Zeit begab es sich, daß Alibek's Vater und alle ihre Brüder zu Capsa an der Pest starben und daß sie die Erbin aller Güter ihres Vaters ward. Wie dies ein gewisser junger Mann, namens Neerbal hörte, der das Seinige mit leichten Weibern verthan hatte, machte er sich auf, sie zu suchen, und war eben zu rechter Zeit glücklich genug, sie zu finden, ehe der Hof die Erbschaft wegen Mangel rechtmäßiger Erben zu sich nahm. Er heiratete sie und ward Besitzer ihres Vermögens. Ehe er sie heimholte, ward sie von den anderen Weibern gefragt, womit sie Gott in der Wüste gedient hätte. Sie antwortete: sie hätte den Teufel in die Hölle gesperrt, und Neerbal hätte nicht wohl gethan, sie von diesem Dienste abwendig zu machen. Wie die Weiber darauf fragten, wie man den Teufel in die Hölle sperrte, und sie es ihnen erklärte, mußten sie herzlich lachen und versicherten ihr, Neerbal würde sie in diesem guten Werke nicht stören. Wie die Geschichte nach und nach verlautete, ward das Einkerkern des Teufels zum Sprichwort, nicht nur in Capsa, sondern auch diesseits des Meeres, bis auf den heutigen Tag. Lernt also den Teufel in die Hölle schicken, Ihr hübschen Mädchen, die Ihr die Gnade des Himmels begehrt; denn es ist nützlich und angenehm, und es pflegt viel Gutes darnach zu kommen.

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