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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 30
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Neunundzwanzigste Erzählung.

In Frankreich war einst ein edler Graf, namens Isnard von Roussillon, welcher seiner schwachen Gesundheit wegen immer einen Arzt bei sich hatte, Gerard von Narbonne genannt. Der Graf hatte einen einzigen kleinen Sohn, welcher Bertrand hieß und außerordentlich schön und liebenswürdig war. Mit ihm wurden verschiedene Kinder von gleichem Alter erzogen, und unter diesen befand sich auch eine Tochter des erwähnten Arztes, namens Gillette. Diese verliebte sich zärtlicher und heftiger, als man von ihrem Alter erwarten konnte, in den jungen Grafen. Der Vater des Grafen starb und da sein Sohn unter der Vormundschaft des Königs stand, so mußte er zu ihm nach Paris gehen. Darüber ward das Mädchen untröstlich und da ihr Vater ebenfalls bald darauf starb, so hätte sie nichts sehnlicher gewünscht, als eine schickliche Gelegenheit, nach Paris zu kommen, um ihren Bertrand zu sehen, allein sie fand dazu kein Mittel, da sie als eine sehr reiche Erbin unter strenger Aufsicht war. Wie sie nun mit der Zeit ihr mannbares Alter erreichte, konnte sie noch immer den jungen Grafen nicht vergessen und schlug deshalb manche vorteilhafte Heirat aus, die ihr von ihren Verwandten vorgeschlagen ward, ohne sich jedoch von ihrer Ursache etwas merken zu lassen. Indem nun Gillette's Liebe zu ihrem Bertrand neue Nahrung dadurch bekam, daß das Gerücht ihn als den liebenswürdigsten Jüngling schilderte, erfuhr sie von ungefähr, daß der König von einer übel geheilten Geschwulst in der Brust eine Fistel bekommen hätte, die ihm großen Schmerz und Unbehaglichkeiten verursachte, daß er schon viele Aerzte zu Rat gezogen, aber noch keinen gefunden hätte, der ihm helfen könnte, sondern daß sie ihn alle noch schlimmer gemacht hätten, so daß er aus Verdruß keinen Arzt mehr gebrauchen wollte. Diese Nachricht war ihr sehr willkommen, denn sie glaubte nunmehr nicht nur einen schicklichen Vorwand zu haben, um nach Paris zu kommen, sondern sie hoffte auch, wenn sie sich in der Natur der Krankheit des Königs nicht irrte, sich derselben zum Mittel zu bedienen, um ihren Bertrand zum Gemahl zu erhalten. Da sie nun von ihrem Vater mancherlei Heilmittel gelernt hatte, so bereitete sie aus gewissen heilsamen Kräutern ein Pulver, welches sie für zweckmäßig hielt, setzte sich zu Pferde und eilte nach Paris, wo ihre erste Sorge war, ihren Bertrand zu sehen und hiernächst sich dem Könige vorstellen zu lassen, den sie um die Gnade bat, ihr zu zeigen, was ihm fehlte Der König wollte einem schönen Mädchen ihre Bitte nicht abschlagen und zeigte ihr sein Übel. Wie sie es gesehen hatte, zweifelte sie nicht, es heilen zu können und sagte: »Gnädiger Herr, wenn Ihr wollt, so hoffe ich mit Gottes Hülfe, Euch innerhalb acht Tagen ohne Schmerz und Beschwerde völlig herzustellen.«

Der König lachte innerlich über die Worte des Mädchens und dachte: »Was wird ein junges Frauenzimmer von einer Sache verstehen, gegen welche die berühmtesten Aerzte von der Welt nichts vermochten!« Er dankte ihr demnach für ihren guten Willen und sagte, er habe sich vorgenommen, keinen Aerzten mehr zu folgen.

Gillette versetzte: »Gnädiger Herr, Ihr verschmäht vielleicht meine Kunst, weil ich so jung und ein Frauenzimmer bin, allein, ich muß Euch bitten, zu bemerken, daß ich nicht durch meine eigene Kunst arze, sondern unter Gottes Beistand durch die Kunst meines Vaters, Gerard von Narbonne, der zu seiner Zeit ein trefflicher Arzt war.«

Der König dachte: »Vielleicht hat mir Gott dies Mädchen gesandt; warum sollt' ich nicht versuchen, was sie leisten kann, da sie verspricht, mich ohne Schmerz in kurzer Zeit zu heilen?« Er entschloß sich demnach, den Versuch zu machen, uns sagte: »Jungfrau, wenn Ihr mich nun nicht heilet, was wollt Ihr dann dafür gewärtigen, daß Ihr mich beredet, meinen Vorsatz zu brechen?«

»Gnädiger Herr (sprach sie), laßt mich bewachen, und wenn ich Euch nicht in acht Tagen gesund mache, so laßt mich verbrennen. Wenn ich Euch aber helfe, was habe ich dann zu erwarten?«

Der König antwortete: »Ihr scheint noch unverheiratet zu sein und wenn Ihr erfüllt, was Ihr versprecht, so wollen wir Euch einen guten und vornehmen Gemahl geben.«

»Es ist sehr wohl, gnädiger Herr (sprach sie), daß Ihr mich vermählen wollt; allein, Ihr müßt mir auch den Gemahl geben, den ich selbst von Euch verlange; Eure Prinzen und Euer königliches Haus ausgenommen.«

Der König versprach, ihre Bitte zu gewähren, die Jungfrau fing an, ihn zu behandeln und half ihm in kürzerer Zeit als sie versprochen hatte, wieder zu seiner Gesundheit; worüber sich der König hoch erfreute und gestand, daß sie ihren Gemahl verdient habe.

»Gnädiger Herr (versetzte sie), dann ist es Bertrand von Roussillon, den ich verdient habe. Ihn habe ich von meiner zarten Jugend an geliebt und liebe ihn noch jetzt über alles.«

Dem Könige schien ihre Forderung keine Kleinigkeit; weil er ihr aber sein Wort gegeben hatte, hielt er es nicht für anständig, es zu brechen. Er ließ deswegen den Grafen rufen und sagte zu ihm: »Bertrand, Ihr habt Euer mündiges Alter erreicht; wir wollen Euch jetzt Euer väterliches Erbe selbst regieren lassen und Euch eine Jungfrau zur Gemahlin mitgeben, die wir selbst Euch zur Gattin ausersehen haben.«

»Welche ist denn diese Jungfrau?« fragte der Graf.

»Dieselbe (sprach der König), die uns durch ihre Arzenei zur Gesundheit verholfen hat.«

Bertrand, welcher Gillette kannte und sie gesehen hatte, fand sie zwar sehr schön; weil sie aber nicht von einem Geschlechte abstammte, welches seinem Adel angemessen war, so gab er sehr verdrießlich zur Antwort: »Ihr wollt mir doch wohl keine Quacksalberin zur Gemahlin geben, gnädiger Herr? Das verhüte der Himmel, daß ich jemals ein solches Weib nehmen sollte!«

»Aber wollt Ihr denn (sprach der König), daß wir unser Wort brechen sollen, welches wir diesem Mädchen, um zu genesen, gegeben haben, das zur Vergeltung Euch zum Gemahl begehrt hat?«

»Gnädiger Herr! (sprach Bertrand) Ihr könnt mir nehmen alles, was ich habe, und könnt mich selbst, als Euren Knecht, verschenken an wen Ihr wollt; aber das kann ich Euch versichern, daß mir diese Heirat nimmermehr behagen wird.«

»Das wird sie dennoch (sprach der König); denn das Mädchen ist hübsch und verständig, und liebt Euch herzlich, und deswegen hoffen wir, daß Ihr glücklicher mit ihr leben werdet, als mit mancher Dame von viel höherem Stande.«

Bertrand schwieg. Der König ließ große Anstalten zur Vermählung machen, und wie der bestimmte Tag kam, gab Bertrand in Gegenwart des Königs, nicht ohne großen Widerwillen, seine Hand dem Mädchen, das ihn über alles liebte. Sobald die Feierlichkeit vorbei war, bat Bertrand, der schon heimlich seine Maßregeln genommen hatte, den König um Erlaubnis, das Beilager in seinem Lande zu vollziehen; er beurlaubte sich demnach, bestieg sein Pferd und ging nicht nach Roussillon, sondern nach Toskana. Weil er wußte, daß die Florentiner mit denen von Siena in einer Fehde begriffen waren, bot er ihnen seine Dienste an, ward auch mit Freuden aufgenommen, und zum Anführer eines Geschwaders erwählt, und da man ihn gut besoldete, blieb er eine geraume Zeit in diesem Dienste.

Die neuvermählte Gräfin war nicht froh, daß die Sache einen solchen Ausgang nahm; doch schmeichelte sie sich, durch ihr gutes Benehmen den Grafen zu bewegen, in sein Land zurückzukehren. Sie begab sich deswegen nach Roussillon, wo sie von jedermann als die Gebieterin des Landes empfangen ward. Wegen der langen Abwesenheit des Landesherrn fand sie alles in der größten Unordnung; doch wußte sie als ein kluges Weib die gute Ordnung durch Fleiß und Beharrlichkeit bald wieder herzustellen, welches ihre Unterthanen sehr erfreute und sie ihnen außerordentlich wert machte, so daß sie es dem Grafen sehr verdachten, daß er sie seiner Achtung nicht würdig hielt. Sobald sie nun alles im Lande in Ordnung gebracht hatte, sandte sie zwei Edelleute an den Grafen ab, um ihm zu sagen, wenn er um ihretwillen sein Lande vermiede, so möchte er sie es nur wissen lassen, indem sie bereit wäre, ihm zu Liebe sich selbst zu verbannen.

Der Graf erwiderte mit harten Worten: »Sie mag thun, was sie für gut findet. Ich für meinen Teil werde nicht eher zu ihr kommen, bis sie mit diesem Ringe am Finger und mit einem Sohne von mir im Arme mir entgegen kömmt.« Auf diesen Ring setzte der Graf einen besonderen Wert und nahm ihn nie vom Finger, weil er gewisse besondere Eigenschaften haben sollte.

Wie die Kavaliere diese beiden harten Bedingungen vernahmen, welche die Sache fast unmöglich zu machen schienen, und wie sie fanden, daß sie den Grafen auf keine Weise überreden konnten, seinen Vorsatz fahren zu lassen, kehrten sie zu der Gräfin zurück und meldeten ihr die Antwort ihres Gemahls. Sie ward darüber außerordentlich betrübt; doch ließ sie nach langem Nachsinnen die Hoffnung nicht gänzlich fahren, beide Dinge möglich zu machen und dadurch ihren Gemahl wieder zu gewinnen, und sie beschloß, es wenigstens zu versuchen. Sobald sie sich demnach einen Plan gemacht hatte, berief sie die besten und vornehmsten Männer des Landes zusammen, stellte ihnen mit eben so vieler Ausführlichkeit als mit rührenden Worten vor, was sie aus Liebe zu dem Grafen gethan und wie wenig sie damit ausgerichtet hätte. Sie schloß damit, daß sie nicht Willens wäre, durch ihren längeren Aufenthalt den Grafen aus seinem Lande zu verbannen, sondern daß sie lieber selbst ihre übrigen Tage in der Pilgerschaft und mit andächtigen Werken zum Heil ihrer Seele zubringen wollte; und sie bat sie deswegen, sich der Regierung und der Sorge für das allgemeine Beste anzunehmen, und den Grafen wissen zu lassen, daß sie sein Land geräumt und sich mit dem Vorsatze entfernt habe, Roussillon nie wieder zu betreten.

Indem sie redete, ward sie oft von den Thränen mancher würdigen Männer unterbrochen und inständigst gebeten, ihren Vorsatz fahren zu lassen und bei ihnen zu bleiben; allein, es war alles umsonst. Sie empfahl sie Gott und ging in Pilgerkleidern mit einem ihrer Vettern und mit einem Kammermädchen davon, und nahm etwas Geld und einige Kostbarkeiten mit sich. Ohne jemand wissen zu lassen, wohin sie ginge, begab sie sich auf den Weg und ruhte nicht, bis sie nach Florenz kam, wo sie bei einer ehrbaren Witwe einkehrte, und in ihrer Pilgertracht sich in der Stille Mühe gab, Nachrichten von ihrem Gemahle einzuziehen.

Gleich am folgenden Tage ritt Bertrand mit seinem Geschwader vorbei, und obwohl sie ihn recht gut erkannte, so fragte sie doch ihre Wirtin, wer er wäre.

Die Wirtin gab ihr zur Antwort: »Es ist ein fremder Edelmann, der sich Graf Bertrand nennt, ein sehr leutseliger, artiger Herr, der hier sehr beliebt ist, und hat sich sterblich verliebt in eine meiner Nachbarinnen, die zwar von sehr guten Eltern, aber auch sehr arm ist. Ich muß sagen, sie ist ein äußerst ehrbares Mädchen, und hat zwar ihrer Armut wegen noch keinen Mann gefunden; allein, sie hat eine vernünftige und würdige Mutter, bei welcher sie wohnt. Freilich, wenn diese nicht wäre, so hätte sie sich vielleicht schon bereden lassen, dem Grafen Gehör zu geben.«

Die Gräfin merkte sich diese Worte, erkundigte sich aufs genaueste nach allen Umständen und baute darauf ihren Anschlag. Wie sie also den Namen und die Wohnung der Dame und ihrer Tochter erfahren hatte, verfügte sie sich einst in aller Stille in ihrer Pilgerkleidung zu ihnen, fand sowohl die Mutter als die Tochter in ziemlich dürftigen Umständen und begrüßte die Mutter, indem sie ihr zugleich sagte, sie wünschte sie allein zu sprechen.

Die Dame stand auf und zeigte sich willig, ihr Anliegen zu vernehmen; sie ging mit ihr in eine Kammer, und nachdem sie sich gesetzt hatten, sprach die Gräfin: »Madonna, das Glück scheint Euch so wenig günstig zu sein, als mir; wenn Ihr aber wollt, so könnt Ihr vielleicht zu gleicher Zeit Euch selbst und mir einen wesentlichen Dienst leisten.«

Die Dame antwortete: sie wünschte nichts mehr, als sich auf eine anständige Weise in der Welt fortzuhelfen.

»Ich bin geneigt (sprach die Gräfin), mich Euch anzuvertrauen; solltet Ihr mich aber verraten, so würdet Ihr meine und Eure eigenen Erwartungen zu Grunde richten.«

»Gewiß (erwiderte die Dame), ihr könnt mir anvertrauen, was ihr wollt, und versichert sein, daß ich Euch nicht verraten werde.«

Darauf erzählte ihr die Gräfin, wer sie wäre; die erste Entstehung ihrer Liebe und alles, was ihr bis auf diesen Tag widerfahren war, so umständlich, daß die Dame, die schon von anderen etwas von ihren Schicksalen vernommen hatte, sie sehr bedauerte. Wie sie alles erzählt hatte, setzte sie hinzu: »Ihr habt aus der Erzählung meiner Trübsale vernommen, daß ich zweierlei nötig habe, wenn ich meinen Gemahl wieder gewinnen will, und ich kenne keine Person, die mir dazu so sehr behülflich sein könnte, als Ihr, wenn es wahr ist, daß mein Gemahl Eure Tochter so sehr liebt.«

»Madonna (versetzte die Dame), ich kann nicht sagen, daß der Graf meine Tochter liebt, oder nicht; allein, er giebt es wenigstens sehr deutlich zu verstehen. Was kann ich deswegen zur Erreichung Eurer Absicht beitragen?«

»Das will ich Euch sagen (sprach die Gräfin), und Ihr sollt auch wissen, was Ihr von mir erwarten könnt, wenn Ihr mir dienet. Ich sehe, Eure Tochter ist schön und von mannbarem Alter, und wie ich gehört habe, und auch selbst zu bemerken glaube, so wäre sie schon vermählt, wenn es ihr nicht an Vermögen fehlte. Zum Lohn für den Dienst, den ich von Euch verlange, bin ich erbötig, Ihr von dem meinigen eine solche Aussteuer zu geben, die Ihr selbst Eurem Stande angemessen haltet.«

Der guten Frau, welche es nötig hatte, gefiel zwar der Vorschlag; doch war sie rechtschaffen genug, um erstlich zu fragen: »Was ist es denn, gnädige Frau, das ich für Euch thun soll? Wenn es sich für mich schickt, so bin ich bereit, es zu thun und das Übrige stelle ich Eurem eigenen Belieben anheim.«

Die Gräfin antwortete: »Ihr müßt mir zu Gefallen eine vertraute Person zu meinem Gemahl senden, und ihm sagen lassen, Eure Tochter habe sich entschlossen, sich ihm zu ergeben, wofern sie gewiß versichert sein könne, daß er sie so zärtlich liebe, wie er vorgebe; davon könne sie sich aber nicht eher überzeugen, bis er ihr den Ring schicke, den er beständig am Finger trage, weil sie gehört habe, daß er einen besonderen Wert auf denselben setze. Diesen Ring gebt Ihr mir, wenn er ihn Euch schickt, und laßt ihm darauf sagen, Eure Tochter sei bereit, seine Wünsche zu erfüllen, und wenn er zu Euch kömmt, so laßt Ihr mich insgeheim die Stelle Eurer Tochter vertreten. Vielleicht erzeigt mir der Himmel die Gnade, daß ich schwanger werde, und daß ich mit dem Ringe am Finger und mit einem Söhnchen von ihm auf dem Arme, meinen Gemahl bewege, mich so aufzunehmen, wie ein Mann sein Weib aufnehmen soll; und das habe ich dann Euch gewissermaßen zu danken.«

Die gute Frau fand die Sache nicht ohne ihre Schwierigkeiten, denn sie mußte fürchten, daß ihre Tochter dadurch in bösen Ruf kommen möchte; doch wie sie bedachte, daß es ein verdienstliches Werk wäre, der guten Dame ihren Gemahl wieder zu verschaffen, und daß sie aus der reinsten Absicht die Hand dazu böte, so gab sie nicht nur der Gräfin ihr Wort, sondern sie wußte es auch in einigen Tagen so gut nach der Vorschrift der Gräfin einzurichten, daß sie den Ring bekam, so ungern der Graf ihn auch hergab, und es gelang ihr auch vollkommen, dem Grafen seine Gemahlin statt ihrer Tochter unterzuschieben, und der Gräfin auf diese Weise mehr als eine Zusammenkunft mit ihrem Gemahl zu verschaffen, welcher sie, wenn er des Morgens Abschied nahm, mit manchem kostbaren Kleinod beschenkte, welche die Gräfin alle sorgfältig aufhob. Der Himmel segnete auch ihre erste keusche Umarmung mit Zwillingsknaben, wie sich in der Folge zeigte. Sobald sie ihre Schwangerschaft merkte, wollte sie der guten Frau keine Mühe mehr verursachen, sondern sagte zu ihr: »Madonna, ich habe, Dank sei Gott und Euch, meine Absicht erreicht; und nun ist es auch Zeit, daß ich mich Euch erkenntlich beweise und Abschied von Euch nehme.«

Die gute Dame antwortete: »Gnädige Frau, wenn Ihr erlangt habt, was Euch lieb ist, so macht es mir Freude. Habe ich etwas dazu beitragen können so ist es nicht aus Hoffnung auf Lohn geschehen, sondern weil ich es für meine Pflicht hielt, der guten Sache zu dienen.«

»Ich danke Euch herzlich (sprach die Gräfin), und ich bin auch nicht der Meinung, Euch dasjenige, was Ihr von mir begehren werdet, als einen Lohn zu geben, sondern um ein gutes Werk zu thun, wie es die Pflicht eines jeden Menschen ist.«

Die gute Frau machte aus der Not eine Tugend, und sagte mit verschämter Miene, hundert Pfund wären genug, um ihre Tochter standesgemäß auszustattten. Die Gräfin nahm Rücksicht auf ihre demütigen Blicke und auf ihre bescheidenen Erwartungen, und gab ihr fünfhundert Pfund, nebst so hübschen und kostbaren Kleinoden, daß sie leicht noch einmal so viel betragen mochten, so daß die gute Dame mehr als überflüssig zufrieden war und ihr aufs verbindlichste dankte; worauf die Gräfin Abschied nahm, und nach ihrer Herberge zurückkehrte. Die Edelfrau, um den Grafen keinen ferneren Anlaß zu geben, in ihr Haus zu kommen, ging mit ihrer Tochter zu ihren Freunden aufs Land, und Graf Bertrand, welcher bald darauf von seinen Unterthanen eingeladen ward, nach Hause zu kommen, machte sich auf den Weg, wie er vernahm, daß die Gräfin sich freiwillig entfernt hätte.

Wie die Gräfin hörte, daß er Florenz verlassen hatte und nach seiner Grafschaft abgegangen war, erwartete sie zu Florenz ihre Niederkunft, ward von zweien Knäblein entbunden, die ihrem Vater vollkommen ähnlich waren, und die sie sehr sorgfältig aufsäugen ließ, und wie sie glaubte, daß es Zeit wäre, machte sie sich auf und ging, ohne sich irgendwo zu erkennen zu geben, bis nach Montpellier, wo sie einige Tage ausruhte, und sich erkundigte, wo sich der Graf aufhielte. Wie sie vernahm, daß er am Tage aller Heiligen in Roussillon ein großes Gastmahl geben würde, ging sie in denselben Pilgerkleidern, in welchen sie ausgewandert war, dahin. Wie sie nun hörte, daß alle Herren und Damen im Palaste des Grafen versammelt und im Begriffe waren, zur Tafel zu gehen, trat sie in ihrer Pilgerkleidung mit ihren beiden Knäbchen auf den Armen in den Saal, und ging durch die ganze Versammlung gerade auf den Grafen zu, warf sich ihm zu Füßen und sagte mit Thränen: »Gnädiger Herr, ich bin Eure unglückliche Gemahlin, die sich seit langer Zeit in Elend aufgehalten hat, um Euch Euer Haus frei und ledig zu lassen. Jetzt aber beschwöre ich Euch bei Gott, daß Ihr mir die Zusage haltet, welche Ihr mir zuletzt durch die beiden Edelleute, die ich an Euch absandte, habt geben lassen. Ich habe Eure Bedingungen erfüllt; denn seht, hier ist nicht nur einer, sondern hier sind zwei Söhne von Euch, und hier ist Euer Ring. Es ist demnach jetzt Eure Pflicht, daß Ihr mir Euer Versprechen haltet, und mich als Eure Gemahlin anerkennt.«

Der Graf war außer sich, wie er diese Worte hörte; er sah seinen Ring vor sich, und auch seine beiden Kinder, deren Aehnlichkeit mit ihm nicht zu verkennen war. »Wie ist das aber möglich?« fragte er ganz erstaunt.

Die Gräfin erzählte ihm umständlich, wie alles zugegangen war, zur großen Verwunderung aller Anwesenden. Der Graf aber, welcher die Wahrheit ihrer Erzählung erkannte, ihren herrlichen Verstand und ihre Beharrlichkeit bewundern mußte, seine liebenswürdigen Knäbchen betrachtete, sein Versprechen in Erwägung zog und überdies von allen Seiten von den Herren und Damen mit Bitten bestürmt ward, Gillette als seine rechtmäßige Gemahlin anzuerkennen, entsagte seinem eigensinnigen Ahnenstolze, erhob die Gräfin, schloß sie in seine Arme, küßte sie und erkannte sie öffentlich für seine Gemahlin und ihre Kinder für die seinigen. Er ließ sie hierauf ihrem Stande gemäß kleiden und schmücken, und machte zum Vergnügen aller Anwesenden und aller seiner Unterthanen, welche davon hörten, nicht nur diesen Tag, sondern auch noch manchen folgenden zu einem fortdauernden Freudenfeste. Und von der Zeit an lebte er mit ihr glücklich und liebte und ehrte sie zärtlich als seine Gemahlin.

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