Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giovanni Boccaccio >

Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
Schließen

Navigation:

Zweite Erzählung.

Wie man erzählt, wohnte einst in Paris ein reicher Kaufmann, namens Jeannot de Sévigny, ein braver, rechtschaffener Mann, der einen großen Tuchhandel führte und in sehr vertrauter Freundschaft mit einem sehr reichen Juden lebte, welcher Abraham hieß, und auch ein rechtlicher und ehrlicher Kaufmann war. Wenn Jeannot bisweilen die Rechtschaffenheit und Redlichkeit dieses Juden betrachtete, so schmerzte es ihn sehr, daß die Seele eines so guten und weisen Mannes wegen Mangel des Glaubens verloren gehen sollte. Deswegen fing er an, freundschaftlichst in ihn zu dringen, daß er doch die Irrtümer der jüdischen Lehre verlassen und sich zur christlichen Wahrheit bekehren möchte, die, wie er ja selbst sehen könnte, wegen ihrer Heiligkeit und Vortrefflichkeit immer wüchse und zunehme, da hingegen die seinige sichtlich abnähme und sich ihrer Vernichtung näherte. Der Jude gab ihm aber zur Antwort: er hielte keine Lehre außer der jüdischen weder für heilig, noch für gut; in dieser wollte er leben und sterben, und nichts wäre vermögend, ihn jemals davon abwendig zu machen. Jeannot ließ indessen nicht nach, sondern brachte nach einigen Tagen dieselbe Unterredung wieder auf's Tapet und bewies ihm mit solchen einfachen Gründen, dergleichen ein Kaufmann gemeinlich nur fähig ist vorzubringen, aus welchen Ursachen die christliche Religion besser wäre als die jüdische. Und obwohl der Jude in dem mosaischen Gesetze ein großer Meister war, so geschah es doch, entweder weil ihn seine große Freundschaft für Jeannot bewegte, oder weil ihn vielleicht die Worte überredeten, die der heilige Geiste dem ungelehrten Manne in den Mund legte, daß die Beweise des Jeannot anfingen, dem Juden sehr einzuleuchten, wiewohl er noch immer hartnäckig dabei blieb, sich von seinem Glauben nicht abwenden zu lassen. So eigensinnig dieser nur immer blieb, so beharrlich fuhr Jeannot fort, ihm zuzureden, bis endlich der Jude, von dieser Beharrlichkeit überwunden, zu ihm sagte: »Höre Jeannot, Du willst durchaus haben, daß ich ein Christ werden soll, und ich bin nicht abgeneigt, Dir zu willfahren, doch ich will erst nach Rom reisen und will denjenigen sehen, von dem Du sagst, er sei der Statthalter Gottes auf Erden, ich will seinen Wandel und seine Führung kennen lernen, und auch den Lebenswandel seiner Brüder, der Kardinäle; und wenn diese mir so gefallen, daß ich an ihren Werken sowohl, wie aus Deinen Worten merke, daß Eure Religion besser, als die meinige, wie Du Dich bemühest mir zu beweisen, so will ich thun, was Du verlangst; wenn ich es aber anders finde, so bleibe ich ein Jude, wie ich bin.«

Wie Jeannot dies hörte, ward er in seiner Seele betrübt und dachte bei sich selbst: alle meine Mühe ist verloren, die ich glaubte so gut angewandt zu haben, weil ich dachte, ich hätte diesen Mann schon bekehrt. Wenn er aber nach Rom kommt und sieht das Lasterleben der Klerisei, so wird er nicht nur aus einem Juden kein Christ werden, sondern wenn er schon ein Christ wäre, so würd' er unfehlbar wieder zum Juden. Darum sprach er zu Abraham: »Lieber Freund, warum willst Du Dir die viele Mühe und Unkosten machen, die mit einer Reise nach Rom verknüpft sind; zumal da einen reichen Mann wie Dich tausenderlei Gefahren zu Wasser und zu Land bedrohen? Meinst Du denn, Du findest niemand hier, der Dich taufen kann? Und wenn Dir ja gegen den Glauben, den ich Dir erkläre, noch einige Zweifel aufstoßen, wo giebt es denn größere Meister in demselben und weisere Leute als hier, bei denen Du Dich über alles befragen kannst? Darum bin ich der Meinung, daß Deine Reise ganz überflüssig ist. Denke Dir die Prälaten in Rom als eben solche Männer, wie Du sie hier gesehen hast und noch um so viel frömmer, als sie dem obersten Hirten näher wohnen und erspare Dir die Mühe einer Reise auf mein Wort, bis Du dereinst Anlaß findest, nach Ablaß zu wallfahrten, so leiste ich Dir alsdann Gesellschaft.«

Der Jude antwortete: »Ich will zugeben, Jeannot, daß es so sei, wie Du sagst; allein mit einem Worte statt vieler: ich bin fest entschlossen, zu reisen, wofern ich dasjenige thun soll, warum Du mir so sehr angelegen hast, sonst kann nichts daraus werden.«

Da Jeannot ihn so entschlossen fand, blieb ihm nichts Anderes übrig zu sagen, als: »So reise denn glücklich!« Allein er dachte bei sich selbst, er würde nimmermehr ein Christ werden, sobald er den römischen Hof gesehen hätte; doch da er selbst nichts dabei verlor, so gab er sich zufrieden. Der Jude stieg zu Pferde, und zog nach Rom so eilig er konnte, wo ihn seine Glaubensgenossen bei seiner Ankunft mit vielen Ehrenbezeigungen aufnahmen. Während seines Aufenthaltes daselbst beobachtete er, ohne seine Absicht zu verraten, sehr aufmerksam den Lebenswandel des Papstes und seiner Kardinäle, so wie der übrigen Prälaten und aller Herren am Hofe; und nach allem, was er als ein scharfsichtiger Mann selbst bemerkte, und was ihm Andere berichteten, fand er bald, daß sie vom Größten bis zum Kleinsten durchgängig auf die schändlichste Weise der Wollust stöhnten, und sich nicht nur den natürlichen, sondern auch den widernatürlichsten Lüsten ohne Scham und Scheu überließen, so daß man durch den Einfluß der Buhlerinnen und unzüchtigen Knaben bei ihnen die wichtigsten Dinge erlangen und durchsetzen konnte. Ueberdies fand er sie alle dem Fressen und Saufen und der Unmäßigkeit ergeben, und überzeugte sich, daß sie in ihren Begierden, wie unvernünftige Tiere, nur dem Bauche dienten; und wie er noch weiter nachforschte, so fand er, daß die Menschenseelen und christliche oder geistliche Dinge, sie mochten Namen haben, wie sie wollten, und mochten zu Kirchen oder zu Pfründen gehören, für Geld kauften und verkauften, und einen größeren Handel damit trieben, und mehr Mäkler dazu gebrauchten, als in Paris zum Tuchhandel und zu anderen Geschäften angestellt sind; und daß sie die offenbarste Simonie mit dem Namen Bestallungspflege und ihre Gierigkeit mit dem Namen Unterhaltungsgebühren bedeckten, als wenn Gott sich um solche Wortklaubereien bekümmerte, die bösen Absichten verkehrter Gemüter nicht kennte, und sich nach Menschenweise durch Benennung der Dinge hintergehen ließe.

Wie nun dieses Alles und manches Andere, was wir lieber verschweigen, dem Juden als einem ehrbaren und bescheidenen Manne höchst mißfällig war, und wie er glaubte, genug gesehen zu haben, entschloß er sich zur Rückreise und kam wieder nach Paris. Jeannot hatte kaum seine Ankunft erfahren, als er auch schon zu ihm ging und sich mit ihm des Wiedersehens höchlich erfreute; doch fiel es ihm im geringsten nicht ein, daß sein Freund ein Christ werden würde. Wie dieser nun einige Tage ausgeruht hatte, fragte ihn Jeannot, wie er den Papst und die anderen Herren am Hofe gefunden hätte.

Böse habe ich sie gefunden (gab ihm der Jude hastig zur Antwort) und Böses vergelte ihnen Gott! Das ist alles, was ich Dir sagen kann; denn wo ich recht gesehen habe, so giebt es dort weder Frömmigkeit noch Andacht, noch irgend ein gutes Werk oder Beispiel, oder sonst etwas Löbliches, bei irgend einem, der zum geistlichen Stande gehört, sondern eitel Wollust, Geiz, Schwelgerei, Betrug, Neid, Hochmut und mehr dergleichen und noch schlimmere Dinge, wenn man sie noch schlimmer denken kann. Dies alles glaube ich in solchem Maße bei ihnen gefunden zu haben, daß ich Rom eher für eine Werkstatt teuflischer als göttlicher Dinge halte. Und wie es mir scheint, so arbeitet Euer Oberhirte, und folglich auch alle übrigen, mit Gewalt daran, die christliche Religion zu Schanden zu machen, und sie von der Welt zu vertilgen, da sie doch billig der Grundstein und die Stütze derselben sein sollten. Da ihnen nun dieses nicht gelingt, wonach sie streben, sondern da Eure Religion sich täglich mehr und mehr ausbreitet, und immer heller und reiner glänzt, so glaube ich mit Recht zu schließen, daß der heilige Geist selbst der Grund und Pfeiler dieser Religion sein muß, und daß sie alle andern an Wahrheit und Heiligkeit übertrifft. Deswegen, so steif und fest ich mich auch bisher Deinen Ermahnungen widersetzt habe, und kein Christ werden wollte, so will ich Dir frei gestehen, daß mich nunmehr nichts in der Welt länger abhalten kann, die christliche Religion anzunehmen. Komm mit mir in die Kirche, und laß mich daselbst nach der Vorschrift Eurer heiligen Religion taufen.«

Jeannot, der sich eines ganz entgegengesetzten Entschlusses von ihm versehen hatte, war der vergnügteste Mensch von der Welt, wie er ihn so reden hörte. Er eilte mit ihm in die Kirche unserer Frauen in Paris, und bat die Geistlichen, seinen Freund Abraham zu taufen, was sie auch unverzüglich thaten, wie sie hörten, daß er selbst es begehrte. Jeannot ward sein Pate und gab ihm den Namen Jean. Er ließ ihn hernach durch große Schriftgelehrten vollkommen in seiner Religion unterrichten, mit welcher er sich auch in kurzer Zeit bekannt machte, und hernach als ein trefflicher Mann ein erbauliches Leben führte.

*

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.