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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Achtundzwanzigste Erzählung.

Es war einmal im Toskanischen ein Kloster, welches in einer sehr einsamen Gegend lag. In diesem Kloster ward ein Geistlicher zum Abte erwählt, der in allen Stücken einen unsträflichen Wandel führte, die Weiber ausgenommen. Mit diesen wußte er sich aber so klug zu benehmen, daß niemand etwas davon gewahr ward, oder ihn wegen des großen Geruches seiner Frömmigkeit auch nur in Verdacht hatte. Es fügte sich einst, daß dieser Abt mit einem reichen Landmann, namens Ferondo, bekannt ward, welcher ein plumper, einfältiger Mensch war und an dessen Umgang er weiter keinen Gefallen fand, als daß er sich bisweilen mit seiner Einfalt einen Spaß machte; er ward aber bei dieser Gelegenheit gewahr, daß Ferondo ein allerliebstes Weibchen zur Frau hatte, welche dem Abte so sehr gefiel, daß er Tag und Nacht an nichts anderes denken konnte. Weil er aber merkte, daß Ferondo bei all' seiner Einfalt und Dummheit doch klug genug war, sein hübsches Weib mit aller Sorgfalt zu bewachen, so verging ihm fast alle Hoffnung; doch gelang es ihm, den Ferondo dahin zu bringen, daß er nebst seiner Frau bisweilen im Klostergarten mit ihm spazieren ging, und dann pflegte er ihnen mit so vieler Salbung von der Seligkeit des ewigen Lebens zu erzählen und von den heiligen Werken der frommen Männer und Weiber der Vorzeit, daß endlich das Weibchen Lust bekam, bei ihm zu beichten und auch Erlaubnis dazu von ihrem Manne erhielt.

Wie sie nun zum Beichtstuhle kam und vor dem Abte niederkniete, fing sie an, ehe sie von anderen Dingen redete: »Hochwürdiger Herr, wenn mir unser Herr Gott einen rechten Mann gegeben hätte, oder auch gar keinen, so könnte ich vielleicht unter Eurer Leitung ohne Mühe auf den Weg gelangen, von welchem Ihr uns gesagt habt, daß er zum ewigen Leben führe; aber wenn ich meinen Ferondo und seine Thorheiten betrachte, so muß ich mich wie eine Witwe ansehen, und bin doch keine, indem ich bei seiner Lebenszeit keinen anderen Mann nehmen kann, und er ist so toll und thöricht, daß er mich über alle Maßen mit seiner Eifersucht quält, so daß ich mit ihm in beständiger Not und Verdruß lebe. Darum bitte ich, ehe ich beichte, Euch demütigst um Euren guten Rat; denn wenn ich nicht durch Abhilfe dieses Übels in den Stand gesetzt werde, mein Heil zu befördern, so kann mir das Beichten und jede andere gute Handlung nicht frommen.«

Diese Erklärung war dem Abte Wasser auf seine Mühle, und er freute sich, daß das Glück ihm die Bahn brach, um seine angelegensten Wünsche zu befriedigen. »Liebste Tochter! (sprach er) ich kann wohl denken, daß es einem so hübschen und liebenswürdigen Weibe, wie Ihr seid, schwer ankommen muß, einen Narren, und noch viel schwerer, einen Eifersüchtigen zum Manne zu haben; und da beides Euer Los ist, so glaube ich gerne, was Ihr mir von Eurem Leiden und Verdruß erzählt. Da ist Euch aber, kurz und gut gesagt, nicht anders zu raten und zu helfen, als daß man Euren Mann von seiner Eifersucht heilen muß; und dazu weiß ich ein recht gutes Mittel, wenn Ihr Euch nur entschließen könnt, alles geheim zu halten, was ich Euch sagen werde.«

»Daran dürft Ihr nicht zweifeln, mein Vater (sprach die Frau). Ich wollte lieber in den Tod gehen, als etwas offenbaren, was Ihr mir befehlt, geheim zu halten. Wie ist aber die Sache anzufangen?«

»Wenn wir ihn heilen wollen (sprach der Abt), so muß er in's Fegefeuer.«

»Kann man denn bei lebendigem Leibe in's Fegefeuer kommen?«

»Das nicht (sprach der Abt). Euer Mann muß sterben, und wenn er so lange gebüßt hat, daß ihm seine Eifersucht vergangen ist, so wollen wir ihn durch unser Gebet wieder in's Leben zurück bringen, und er wird wieder auferstehen.«

»Muß ich denn so lange Witwe bleiben?« fragte das Weibchen.

»Ja wohl (sprach der Abt); Ihr müßt Euch unterdessen bei Leibe nicht wieder verheiraten; denn das würde dem Himmel nicht gefallen, und wenn Ferondo zurück käme und Euch wieder forderte, so würde er noch eifersüchtiger werden als vorher.«

»Wenn er nun von diesem bösen Laster geheilt wird (sprach die Frau), daß ich nicht immer wie im Kerker bei ihm sitzen muß, so bin ich's zufrieden; macht's, wie es Euch gefällt.«

»Das will ich thun (sprach der Abt); aber welchen Lohn gebt Ihr mir für den wichtigen Dienst, den ich Euch leiste?«

»Lieber Vater (sprach das gute Weibchen), Alles, was Ihr wollt, wenn es nur in meinem Vermögen steht; aber was vermag ein armes Weib, wie ich, zu thun für einen solchen Mann, wie Ihr seid?«

»Madonna (versetzte der Abt)! Ihr könnt eben so viel für mich thun, als ich für Euch; denn so wie ich dasjenige zu Stande bringen will, was Euch nützlich und angenehm ist, so könnt Ihr dasjenige thun, was mir Glück und Leben giebt.«

»Wenn ich das kann (sprach das hübsche Weibchen), so bin ich willig und bereit.«

»Wohlan (sprach der Abt), so schenkt mir Eure Liebe und Eure Person, für welche ich von der feurigsten Leidenschaft entbrannt bin.«

Die gute Frau ward voll Erstaunen über diesen Antrag.

»Hilf Himmel, Vater! (rief sie) was fordert Ihr von mir! Ich hielt Euch für einen so heiligen Mann; ziemt es sich denn für fromme Leute, dergleichen Dinge von Weibern zu begehren, die sich bei ihnen Rats erholen?«

»Mein liebster Engel (erwiderte der Abt), Ihr müßt Euch darüber nicht wundern; denn die Frömmigkeit ist Tugend der Seele, und wird durch dasjenige nicht verletzt, was ich von Euch begehre, und was nur eine Schwachheit des Fleisches ist. Doch dem sei, wie ihm wolle, genug, Eure Schönheit hat mich dergestalt eingenommen, daß die Liebe mich zwingt, so zu handeln; und ich versichere Euch, Ihr könnt Euch auf Eure Reize weit mehr einbilden, als jede andere Frau, wenn Ihr bedenkt, daß sie den Frommen gefällt, welche gewohnt sind die Schönheiten des Himmels von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Ueberdies bin ich zwar ein Abt, aber doch auch ein Mann, und wie Ihr seht kein alter Mann. Laßt Euch also dasjenige nicht schwer ankommen, was Euch vielmehr lieb sein sollte; denn so lange Ferondo im Fegfeuer bleibt, will ich Euch Gesellschaft leisten und seine Stelle vertreten, ohne daß jemand etwas davon gewahr werden soll, weil jedermann von mir dieselbe und noch eine höhere Meinung hat, die Ihr noch vor wenigen Minuten hattet. Verschmähet nicht die Gabe, die Euch der Himmel darbietet, die so manche sich wünschen und die Ihr erlangen könnt und erlangen werdet, wenn Ihr meinem Rate folgt. Ueberdies habe ich eine Menge schöne und köstliche Kleinode, die ich niemand anders, als Euch zugedacht habe. Beweiset Euch demnach eben so gefällig gegen mich, meine Teuerste, wie ich willig bin, Euch zu dienen.«

Das Weibchen schlug die Augen nieder; sie konnte sich nicht entschließen, Nein zu sagen, und sie glaubte doch auch nicht Recht zu thun, wenn sie ihre Einwilligung gäbe. Wie nun der Abt sah, daß sie seinen Antrag bei sich erwog und unschlüssig war, was sie ihm darauf antworten sollte, merkte er, daß er halb gewonnen hatte und fuhr fort, mit so verführerischen Worten in sie zu dringen, daß er sie endlich glauben machte, es wäre alles gut und wohlgethan. Sie sagte demnach mit verschämtem Blicke, sie wäre zu allen seinen Befehlen bereit, doch könnte sie sich eher zu nichts verstehen, bis Ferondo sich im Fegefeuer befände.

»Dahin wollen wir ihn bald schicken (sprach der Abt). Macht nur, daß er morgen oder übermorgen zu mir kommt.«

Mit diesen Worten steckte er ihr einen kostbaren Ring an den Finger und entließ sie. Vergnügt über das schöne Geschenk, und begierig nach weiteren, rühmte das Weibchen ihren Begleiterinnen die Frömmigkeit des Abts und ging mit ihnen nach Hause.

Ein Paar Tage nachher kam Ferondo aus eigenem Antrieb zu dem Abte, der sich vornahm, wie er ihn kommen sah, ihn sogleich in's Fegefeuer zu schicken. Er besaß ein Pülverchen, das ihm einst ein Fürst im Morgenlande geschenkt, und ihm versichert hatte, daß der Alte vom Berge sich desselben zu bedienen pflegte, wenn er jemand im Schlafe auf eine Zeit lang in sein Paradies schicken, oder ihn aus demselben wieder holen wollte, und daß es ohne zu schaden denjenigen, dem man es eingäbe, auf eine kürzere oder längere Zeit (nachdem es in größerer oder kleinerer Gabe genommen würde) so fest einschläferte, daß er einem Toten völlig ähnlich wäre, so lange die Wirkung dauerte. Von diesem Pulver gab er ihm so viel in einem Glase Wein zu trinken, als er für nötig hielt, ihn auf drei Tage einzuschläfern. Darauf ging er mit ihnen zu den anderen Mönchen im Kloster und belustigte sich mit ihm an seinem einfältigen Geschwätze. Es dauerte nicht lange, so wirkte das Pulver so kräftig, daß Ferondo stehend einschlief und zur Erde niedersank. Der Abt stellte sich, als ob er über diesen Zufall äußerst bestürzt würde; er ließ den Ferondo auskleiden, mit Wasser bespritzen und allerhand solche Dinge mit ihm vornehmen, als wenn er glaubte, daß Blähungen, oder andere dergleichen Ursachen ihm diesen Zufall zugezogen hätten, und er ihn wieder zur Besinnung bringen wollte. Wie er sich aber bei dem allen nicht wieder erholte, und weder Pulsschlag, noch irgend ein anderes Zeichen des Lebens an ihm zu spüren war, hielten sie ihn insgesamt für tot. Es ward also nach seiner Frau und nach seinen Verwandten geschickt, welche sich eiligst einstellten, und wie sie ihn eine Zeit lang beweint und beklagt hatten, ließ ihn der Abt in seiner völligen Kleidung in einen Sarg legen. Die Frau ging nach Hause und that ein Gelübde, nicht von ihrem Kinde zu weichen, welches sie von Ferondo hatte, und nicht aus dem Hause zu gehen. Sie blieb demnach bei ihrem Kinde und verwaltete den Nachlaß ihres Mannes.

Wie es Nacht ward, stand der Abt auf, und mit Hilfe eines Bologneser Mönchs, auf den er sich verlassen konnte, nahm er den Ferondo aus dem Sarge und brachte ihn in ein finsteres Gewölbe, welches den Mönchen, welche etwas verbrochen hatten, zum Kerker diente. Hier zogen sie ihm seine Kleider aus, thaten ihm eine Mönchskutte an und legten ihn auf ein Bund Stroh, wo sie ihn liegen ließen, bis er wieder zu sich kam. Dem Bologneser Mönch trug der Abt alles auf, was er mit ihm vornehmen sollte, sobald er wieder aufwachte, und außer diesem wußte kein Mensch im Kloster um die Sache. Am folgenden Tage ging der Abt mit einigen seiner Mönche, unter dem Vorwande eines Trauerbesuchs, nach dem Hause der Frau. Er fand sie in tiefer Trauer und mit betrübter Miene, worauf er ihr einige Trostworte zusprach und sie zugleich heimlich an ihr Versprechen erinnerte. Die Frau, welche jetzt weder Ferondo, noch jemand anders zu scheuen hatte und einen zweiten schönen Ring am Finger des Abtes blitzen sah, gab ihm zu verstehen, daß sie bereit wäre und nahm Abrede mit ihm, daß er sie noch denselben Abend besuchen sollte. Der Abt zog also die Kleider des Ferondo an und ging zu seiner Geliebten, bei welcher er die Nacht zubrachte und des Morgens wieder nach seinem Kloster zurückkehrte. Wer ihm bisweilen von ungefähr unterwegs begegnete, der hielt ihn für das Gespenst des Ferondo, welcher seiner Sünden wegen umginge; und bald erzählte man sich von ihm manches Geschichtchen, das denn auch oft seiner Frau wieder erzählt ward, welche am besten wußte, wie es damit zuging.

Wie der Bologneser merkte, daß Ferondo erwachte und nicht wußte, wo er war, ging er mit einem Bündel Ruten in der Hand zu ihm hinein, redete ihn an mit einer donnernden Baßstimme und gab ihm eine derbe Züchtigung. Ferondo schrie und heulte und fragte beständig, wo er wäre.

»Du bist im Fegefeuer«, sprach der Mönch.

»Was, bin ich denn tot?« fragte Ferondo.

»Allerdings«, versetzte der Mönch.

Nun fing Ferondo an, sich selbst, seine Frau und sein Kind zu bejammern und das sonderbarste Zeug von der Welt zu schwatzen. Der Mönch brachte ihm darauf etwas Speise und Trank.

»Essen denn auch die Toten?« fragte Ferondo.

»Ja wohl«, sprach der Mönch, »und was ich Dir bringe hat Deine ehemalige Frau diesen Morgen dem Kloster geopfert, um für Deine Seele Messen zu lesen und unser Herr Gott hat befohlen, es Dir zu reichen.«

»Nun, Gott geb' ihr gute Zeit!« sprach Ferondo. »Ich bin ihr in meinem Leben recht gut gewesen, so gut, daß ich sie die ganze Nacht im Arm hielt und sie küßte und sie auch sonst liebkoste, wenn mir's in den Sinn kam.«

Da er sehr hungrig und durstig geworden war, so fiel er begierig über das Essen und Trinken her, weil aber der Wein eben nicht vom Besten sein mochte, rief er auf einmal: »Daß sie der Henker, warum hat sie mir nicht aus dem Fasse geschickt, das an der Kellerwand liegt?«

Wie er gegessen hatte, nahm der Mönch die Ruten wieder zur Hand uns gab ihm eine zweite Geißelung. Ferondo schrie mörderlich und rief: »Warum thust Du mir das?«

»Weil unser Herr Gott befohlen hat, daß es zweimal des Tages geschehen soll«, sprach der Mönch.

»Und warum denn?« fragte Ferondo.

»Weil Du eifersüchtig gewesen bist, da Du doch das beste Weib in der ganzen Gegend zur Frau hattest.«

»O weh! Du sprichst wohl wahr«, sagte Ferondo »und das sanftmütigste dazu. Sie war süßer als Honig; aber ich wußte es nicht, daß unser Herr Gott es übel nehme, wenn man eifersüchtig ist, sonst wäre es nicht geschehen.«

»Daran hättest Du denken und Dich bessern sollen, wie Du noch in der Welt warst«, sprach der Mönch, »und wenn du jemals wieder dahin kommst, so schreibe Dir fein in's Gedächtnis, was ich Dir jetzt thue, damit Du nie wieder eifersüchtig werdest.«

»Kommen denn die Toten wieder zurück?« fragte Ferondo.

»O ja, bisweilen wohl«, versetzte der Mönch.

»Wenn ich jemals wiederkehre«, sprach Ferondo, »so will ich gewiß der beste Ehemann von der Welt werden, will meine Frau nie wieder schlagen und ihr nie ein Wort im Bösen sagen, außer wegen des Weins, den sie mir heute geschenkt hat und daß sie mir auch nicht einmal ein Endchen Licht schickt und läßt mich so im Finstern essen.«

»Sie hat Lichter geschickt«, sprach der Mönch, »allein sie sind heute früh bei der Messe verbrannt.«

»Ei ja, es wird wohl wahr sein«, antwortete Ferondo. »Wenn ich also wieder zu ihr komme, will ich sie auch thun lassen, was sie will. Aber sage mir, wer bist denn Du, der Du mit mir so übel umgehst?«

»Ich bin auch tot«, sprach der Mönch. »Ich bin aus Sardinien, und bin zu der Buße verurteilt, daß ich Dich füttern und Dich geißeln muß, bis über uns beide anders verhängt wird.«

»Sind wir Beide denn ganz allein hier?« fragte Ferondo.

»Nein«, sprach der Mönch, »hier giebt's viele Tausende, aber Du kannst sie so wenig sehen und hören als sie Dich.«

»So sage mir doch«, sprach Ferondo, »wie weit sind wir denn hier von meinem Dorfe?«

»Noch viele Meilen weiter als Kackinbettanien«, sprach der Mönch.

»Das mag wohl wahrhaftig weit genug sein«, sprach Ferondo, »und ich glaube gar, wenn's soweit ist, so sind wir schon aus der Welt heraus.«

Mit solchen und anderen dergleichen Reden, mit Essen und Trinken und mit Geißelhieben ward Ferondo fast zehn Monate hingehalten, indes der Abt sich die Zeit desto angenehmer mit seiner Frau vertrieb. Wie denn aber der Krug so lange zu Wasser geht, bis er – voll wird, so befand sich endlich das Weibchen in solchen Umständen, daß sie und der Abt meinten, es wäre nun hohe Zeit, den Ferondo aus seinem Fegefeuer auferstehen zu lassen, damit er zu seiner Frau käme, und sie ihm begreiflich machte, daß er es wäre, der sie in diese Umstände versetzt hätte. Der Abt ließ ihm demnach in der folgenden Nacht in seinem Gefängnisse durch eine verstellte Stimme zurufen: »Ferondo. sei getrost, es ist des Himmels Wille, daß Du in die Welt zurückkehrst, wo Dir Deine Frau nach Deiner Ankunft ein Kind gebären wird, dem Du den Namen Benedikt geben sollst, weil Dir diese Gnade durch das Gebot des heiligen Benedikts und seines frommen Abtes und Deiner Frau widerfährt.«

»Das freut mich von Herzen«, sprach Ferondo. »Gott gebe dem Herrn Himmel einen guten Tag dafür, und auch dem Abte und dem heiligen Benedikt, und meinem guten, lieben, süßen Honigweibchen.«

Hierauf ließ ihm der Abt wieder so viel von dem Pulver in seinen Wein mischen, daß es ihm ungefähr vier Stunden Schlaf verursachte. Unterdessen ließ er ihm seine eigenen Kleider wieder anziehen und ihn in den Sarg legen, worin man ihn beigesetzt hatte. Gegen Tages Anbruch kam Ferondo zu sich selbst und ward durch ein Loch in dem Deckel ein wenig Licht gewahr, welches er in zehn Monaten nicht gesehen hatte. Weil er daraus schloß, daß er wieder lebendig geworden wäre, so fing er an aus vollem Halse zu schreien: »Macht auf, macht mir auf!« Zugleich arbeitete er mit dem Kopfe gegen den Deckel, den er auch, weil er nicht schwer war, bald aushob und anfing, wegzuschieben. Die Mönche, die eben Frühmetten gesungen hatten, liefen hinzu und erkannten den Ferondo, der schon aus seinem Sarge hervorkroch, an der Stimme. Erschrocken über den unerhörten Vorfall, liefen sie davon und sagten es ihrem Abte. Dieser stellte sich, als ob er eben von seinem Gebete aufstünde und sprach: »Fürchtet Euch nicht, meine Söhne, nehmt das heilige Kreuz und den Weihbrunnen und folget mir nach; wir wollen sehen, was Gottes Allmacht uns zeigen will.«

Ferondo, der in so langer Zeit das Tageslicht nicht gesehen hatte, kam ganz blaß und bleich aus seinem Sarge, warf sich dem Abte, sobald er ihn gewahr ward, zu Füßen und sagte: »Mein Vater, Euer Gebet (wie mir ist offenbart worden) und die Fürbitte des heiligen Benedikts und meiner Frau haben mich aus der Qual des Fegefeuers erlöst und mich wieder lebendig gemacht; darum wünsche ich, daß der liebe Gott Euch allewege ein gutes Jahr und guten Tag geben wolle.«

»Gelobt sei die Allmacht des Herrn!« sprach der Abt. »So gehe denn hin mein Sohn, da Dich der Himmel wieder hergesandt hat und erfreue Deine Frau, die sich seit Deinem Hinscheiden beständig in Thränen gebadet hat und betrage Dich künftig immer wie ein Freund und Knecht Gottes.«

»Das hat man mir auch gesagt, hochwürdiger Herr«, sprach Ferondo. »Laß mich nur machen, ich will sie schon herzen, wenn ich sie wiedersehe, denn ich habe sie lieb.«

Der Abt stellte sich gegen seine Mönche höchst verwundert über diese Begebenheit und ließ deswegen ein andächtiges Miserere singen. Ferondo wanderte nach seinem Dorfe, wo ein Jeder, der ihn sah, ihm aus dem Wege ging, wie einem Wesen, vor welchem man sich fürchtet. Er gab sich aber Mühe, die Leute zurückzurufen und ihnen zu sagen, daß er wieder auferstanden wäre. Selbst seine Frau war ein wenig bange vor ihm. Wie aber die Leute sich nach und nach seinetwegen beruhigten und sahen, daß er wirklich lebte, und anfingen, ihn allerlei zu fragen, gab er ihnen solche Antworten, als wenn er klüger wiedergekommen wäre; er erzählte ihnen viel Neues von den Seelen ihrer Verwandten und schwatzte ihnen von sich und von dem Zustande im Fegefeuer die schönsten Fabeln von der Welt vor; auch erzählte er ihnen in voller Versammlung die Offenbarung, die ihm durch den Mund des Ragniolo Braghiello war gegeben worden. Wie er nun wieder von seinem Weibchen und von seinem Hause Besitz nahm, beschenkte ihn bald darauf seine Frau mit einem Sohne, welchen er (seiner zehnmonatlichen Abwesenheit ungeachtet) für den seinigen erkannte und ihm den Namen Benedetto Ferondi gab. Seine Reden, welche Jedermann überzeugten, daß er vom Tode auferstanden wäre, vermehrten ungemein den Ruf der Frömmigkeit des Abtes. Da er für seine Eifersucht tüchtige Geißelhiebe bekommen hatte, so nahm er sich sehr vor einem Rückfall in Acht, und ward von seinem Fehler geheilt, wie der Abt seiner Frau versprochen hatte. Deswegen lebte sein Weibchen auch nachher mit ihm so züchtig und ehrbar, wie zuvor; doch vergönnte sie, wenn es mit Schicklichkeit geschehen konnte, dem Abte, welchem sie so Vieles zu danken hatte, bisweilen eine angenehme Unterhaltung.

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