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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebenundzwanzigste Erzählung.

In Florenz war ein adeliger Jüngling, namens Tedaldo Elisei, welcher in eine Donna Ermellina, die Frau eines gewissen Aldobrandino Palermini, sterblich verliebt und wegen seines löblichen Betragens ihrer Liebe würdig war. Das Schicksal mißgönnte ihm aber sein Glück, denn die Dame, welche seine Leidenschaft eine Zeit lang begünstigt hatte, ward (gleichviel aus welcher Ursache) plötzlich wider ihn eingenommen, sodaß sie weder irgend eine Botschaft von ihm annehmen, noch ihn vor ihre Augen kommen lassen wollte, worüber er äußerst traurig und betrübt ward; doch hatte er sein Liebesverständnis so geheim gehalten, daß niemand darin die Quelle seines Grams vermutete. Nachdem er sich alle mögliche Mühe gegeben, um die Gunst seiner Geliebten wieder zu gewinnen, die er ohne eine Schuld verloren hatte, und nichts damit ausrichtete, entschloß er sich, in die weite Welt zu gehen, um derjenigen, die sich unglücklich machte, nicht die Freude zu gönnen, daß sie sähe, wie er sich abhärmte.

Er nahm demnach so viel Geld mit, als er in der Stille zusammenbringen konnte, und ohne seinen Freunden und Verwandten ein Wort zu sagen (außer einem Einzigen, dem er Alles anvertraute), wanderte er nach Ancona, wo er sich Filippo Sanlodeccio nennen ließ und mit einem reichen Kaufmann daselbst bekannt ward, bei welchem er Dienste nahm und mit dem er nach Cypern ging. Seine Sitten und seine Ausführung gefielen dem Kaufmann so wohl, daß er ihn nicht allein gut bezahlte, sondern ihm auch einen Teil an seiner Handlung gab und ihm seine wichtigsten Geschäfte anvertraute, die er auch so gut und so fleißig betrieb, daß er in wenigen Jahren ein beliebter, reicher und angesehener Kaufmann ward. Während seiner Beschäftigung fiel ihm zwar noch oft seine grausame Geliebte ein, und der mächtige Sporn der Liebe reizte ihn vielfältig, sie wieder zu sehen; doch hielt er sich so standhaft, daß er sieben Jahre lang in dem Kampf mit seiner Leidenschaft den Sieg behielt.

Endlich aber hörte er einmal von ungefähr in Cypern ein Liedchen singen, welches er selbst gedichtet und worin er seine Liebe, die Zärtlichkeit seiner Geliebten und die Freuden, die er in ihrem Umgange genossen, besungen hatte. Auf einmal fiel es ihm ein, daß sie ihn doch wohl nicht gänzlich könnte vergessen haben; daher er so begierig ward, sie wieder zu sehen, daß er es nicht länger aushalten konnte, sondern sich entschloß, wieder nach Florenz zu gehen. Er brachte demnach alle seine Sachen in Ordnung und ging in Begleitung eines einzigen Bedienten nach Ancona; schickte sein Gepäck nach Florenz an einen Freund seines Handlungsgefährten, und machte sich in Pilgerkleidung insgeheim mit seinem Diener auf den Weg nach Florenz, wo er bei zweien Brüdern einkehrte, hie nicht weit von dem Hause seiner Geliebten eine Herberge hielten. Sein erster Weg ging nach ihrer Straße, damit er sie wenigstens wo möglich sehen möchte; allein, er fand alle Thüren und Fenster ihres Hauses verschlossen und geriet daher auf die Vermutung, daß sie entweder gestorben wäre oder ihre Wohnung verändert hätte. Er ging deswegen ganz tiefsinnig nach dem Hause seiner Brüder und fand, daß vier von ihnen in tiefer Trauer vor der Thüre standen, welches ihn sehr verwunderte. Da er nun versichert war, daß man ihn in seiner veränderten Gestalt und Kleidung nicht leicht für denjenigen erkennen würde, der er vor seiner Abreise war, so näherte er sich dreist einem Schuster in der Nachbarschaft und fragte ihn, warum diese Herren schwarz gekleidet gingen.

Der Schuster antwortete: »Sie gehen in Trauer, weil vor ungefähr vierzehn Tagen einer von ihren Brüdern, namens Tedaldo, der seit langer Zeit in der Fremde gewesen war, erschlagen wurde; und ich glaube gehört zu haben, ein gewisser Aldobrandino Palermini, den man auch deswegen eingezogen hat, habe ihn umgebracht, weil Tedaldo in seine Frau verliebt gewesen und heimlich zurückgekommen war, um sie besuchen zu können.«

Tedaldo erstaunte, daß jemand ihm so ähnlich sein sollte, um für ihn selbst gehalten zu werden, und er bedauerte die unglückliche Verlegenheit des Aldobrandino. Da er jedoch zugleich vernahm, daß seine Geliebte sich gesund und wohl befände, so ging er des Abends wieder nach seinem Quartier, und wie er mit seinem Diener zu Nacht gegessen hatte, legte er sich fast im obersten Stockwerk zu Bette. Die Gedanken, womit er sich plagte, das schlechte Bett und vielleicht auch das kärgliche Abendmahl, das er genossen hatte, ließen ihn nicht schlafen; wie er demnach um Mitternacht noch wach war, schien es ihm, als wenn er einige Personen aus dem Dachgeschosse herunterkommen hörte, und er ward durch eine Ritze in seiner Kammerthür ein Licht gewahr, daß ein ziemlich hübsches Frauenzimmer dieses Licht hielt, um dreien Männern zu leuchten, die von oben herunter kamenDer Leser, welcher nie in gebirgigen Gegenden gewesen ist, wird gebeten, sich das Haus an dem Abhange eines hohen Hügels zu denken; so daß man von der einen Straße gerade in das Erdgeschoß, und von einer anderen eben so geraden Fußes in das oberste Stockwerk eingeht., und nachdem sie sich einander freundschaftlich begrüßt hatten, sagte einer von den Männern zu dem Frauenzimmer: »Jetzt, Gott Lob! können wir uns beruhigen, weil wir gewiß wissen, daß die Brüder des Tedaldo Elisei den Aldobrandino Palermini des Mordes an ihrem Bruder überwiesen haben, daß er selbst die That gestanden hat und daß ihm auch sein Urtheil schon gesprochen ist. Wir müssen indes noch immer reinen Mund halten; denn wenn es herauskäme, daß wir die Thäter gewesen sind, so kämen wir noch ärger in die Klemme, als jetzt Aldobrandino.«

Wie sie dieses gesagt hatten, gingen sie mit dem Frauenzimmer, welches sich sehr vergnügt darüber bezeigte, hinunter und legten sich schlafen.

Tedaldo, der ihre Unterredung angehört hatte, fing an, bei sich zu überlegen, wie sehr und wie mannigfaltig die Menschen sich irren können; indem ihm zuerst seine Brüder einfielen, die einen Fremdling als ihren Bruder beweint und begraben hatten; hiernächst der Unschuldige, den man auf einen falschen Verdacht angeklagt und ihn durch falsches Zeugnis in Todesgefahr gebracht hatte; und endlich die blinde Strenge der Gesetze und ihrer Handhaber, welche sehr oft unter dem Vorwande, die Wahrheit an den Tag zu bringen, auf eine grausame Weise ein unwahres Geständnis erzwingen und sich Diener Gottes und der Gerechtigkeit nennen, da sie doch vielmehr Werkzeuge der Ungerechtigkeit und Helfershelfer des Teufels sind. Er sann demnach augenblicklich auf Mittel, den Aldobrandino zu retten, und auf Maßregeln, die er deswegen nehmen wollte.

Wie er des andern Morgens aufstand, ging er allein, ohne seinen Bedienten, so bald er glaubte, daß es Zeit wäre, nach dem Hause seiner Geliebten; er fand von ungefähr die Thüre offen und ging hinein. Die Dame saß in einem Zimmer im Erdgeschoß verweint und traurig auf dem Boden, so daß er selbst darüber bis zu Thränen gerührt ward, indem er sich ihr nahte und sie anredete: »Madonna, grämt Euch nicht so sehr, Euer Trost ist nahe.«

»Guter Mann,« sprach sie und erhob mit Thränen ihr Antlitz, »was weißt Du von Trost für mich, oder von meiner Betrübnis? Du scheinst mir ja ein fremder Pilger zu sein.«

»Madonna,« antwortete der Pilger, »ich komme von Konstantinopel, und Gott hat mich eben jetzt hergesandt, um Eure Thränen in Freude zu verwandeln, und Euren Gemahl vom Tode zu erretten.«

»Wie so?« sprach sie, »wenn Du von Konstantinopel kömmst und jetzt erst angekommen bist, woher kennst Du denn meinen Mann und mich?«

Der Pilger fing darauf an, ihr die ganze Geschichte von der Trübsal des Aldobrandino zu erzählen, und ihr zu sagen, wer sie wäre, wie lange sie verheiratet wäre, und hundert andere Dinge, die sie betrafen und die ihm sehr wohl bekannt waren. Sie wunderte sich darüber so sehr, daß sie ihn für einen heiligen Seher hielt, ihm zu Füßen fiel und ihn um Gottes Willen bat, keinen Augenblick zu säumen, wenn er ihren Mann retten wollte, weil es die höchste Zeit wäre.

Der Pilger antwortete ihr mit Worten voll Salbung: »Madonna steht auf und weinet nicht; merket wohl auf Alles, was ich Euch sagen will, und nehmet Euch in Acht, daß Ihr niemand etwas davon merken laßt. Gott hat mir offenbart, daß die Prüfung, welche Euch aufgelegt worden, die Folge einer Sünde ist, die Ihr einst begangen habt und daß Ihr sie zum Teil durch Euren jetzigen Kummer büßen mußtet, und es ist sein Wille, daß Ihr sie künftig völlig wieder gut machen sollt, wenn Ihr Euch nicht noch weit schwereren Heimsuchungen aussetzen wollt.«

»Ach lieber Herr,« versetzte die Dame, »ich habe manche Sünde begangen, und ich weiß nicht, von welcher unser Herr Gott will, daß ich sie mehr als eine andere abbüßen soll. Wißt Ihr es etwa, so bitte ich Euch, es mir zu sagen, und ich will gerne suchen, sie wieder gut zu machen.«

»Madonna,« erwiderte der Pilger, »ich weiß sehr wohl, welche es ist; und wenn ich Euch noch weiter darüber befrage, so geschieht es nicht, um noch etwas mehr davon zu erfahren, sondern bloß, um sie Euch selbst desto ernstlicher zu Gemüt zu führen. Sagt mir demnach, um zur Sache zu kommen: ob Ihr Euch erinnert, jemals einen Liebhaber gehabt zu haben.«

Die Dame seufzte hoch auf und war zugleich sehr verwundert, denn sie konnte nicht begreifen, wie jemals ein Mensch etwas davon erfahren hätte, außer daß Tedaldo's Vertrauter, welcher um Alles wußte, sich seit dem Tod desjenigen, welcher für Tedaldo war gehalten worden, ein unvorsichtiges Wort entfallen lassen und dadurch einiges Gemurmel veranlaßt hatte. Sie gab ihm zur Antwort: »Ich sehe wohl, daß Gott Euch alle Geheimnisse der Menschen offenbart, und ich will Euch deswegen die meinigen nicht verheimlichen. Es ist wahr, daß ich in meiner Jugend den jungen Mann außerordentlich liebte, dessen Tod man meinem Gemahl Schuld giebt, und den ich so herzlich beweint habe, wie er mich wirklich schmerzt; denn so streng und spröde ich ihm auch vor seiner Abreise begegnete, so hat ihn doch weder seine lange Abwesenheit, noch sein unzeitiges Ende mir aus dem Herzen reißen können.«

»Den unglücklichen Jüngling, welcher tot ist, habt Ihr nie geliebt,« sprach der Pilger, »aber wohl den Tedaldo Elisei. Sagt mir aber, was war die Ursache, daß Ihr Euch über ihn erzürnet? Hat er Euch jemals beleidigt?«

»Ach nein,« sprach die Dame, »beleidigt hat er mich in der That niemals; allein, das Mißverständnis kam von den Reden eines verwünschten Pfaffen, dem ich einst beichtete. Denn wie ich ihm gestand, wie sehr ich den Tedaldo liebte, und in welchem Grad der Vertraulichkeit ich mit ihm lebte, so machte er einen Lärm darüber, wovon mir noch jetzt die Ohren gellen, und drohte mir, wenn ich nicht davon abließe, so würde ich im Abgrund der Hölle dem Teufel in den Rachen laufen und im feurigen Schwefelpfuhl schwitzen müssen. Darüber ward mir so bange, daß ich mich kurz entschloß, mich nicht weiter mit ihm abzugeben, und um allen Anlaß zu vermeiden, von ihm weder Brief noch Botschaft mehr anzunehmen, wiewohl ich glaube, wenn er nur länger ausgeharrt hätte, (denn ich denke, er ist aus Verzweiflung davon gegangen) so hätte ich meinen strengen Vorsatz dennoch fahren lassen, weil ich ihn so dahin schwinden sah, wie den Schnee an der Sonne, denn mir ging gewiß nichts mehr zu Herzen.«

»Madonna«, sprach der Pilger, »das ist eben die Sünde, die Euch allein diesen Kummer zugezogen hat. Ich weiß gewiß, daß Tedaldo Euch nicht den geringsten Zwang that. Wie Ihr ihn lieb gewannt, geschah es aus Eurem eigenen, freien Willen, weil er Euch wohlgefiel; Ihr selbst habt ihm den Zutritt zu Euch erlaubt und Euch zur Vertraulichkeit mit ihm herabgelassen, und habt ihm dabei durch Worte und Handlungen Eure Zufriedenheit dermaßen bewiesen, daß, wenn er Euch vorher liebte, sich seine Liebe noch tausendfach verdoppeln mußte. Da sich nun dies alles so verhält, wie mir bekannt ist, welche Ursache konnte Euch denn bewegen, Euch ihm so grausam wieder zu entziehen? Dergleichen Dinge hättet Ihr ja vorher wohl überlegen sollen, und wenn Ihr glaubtet, sie wären übel gethan, und würden Euch gereuen, so hättet Ihr sie unterlassen müssen; denn sobald er der Eurige ward, wurdet Ihr auch die Seinige. Es stand gänzlich bei Euch, ihn nicht als den Eurigen anzunehmen, allein daß Ihr Euch ihm wieder entziehen wolltet, nachdem Ihr die Seinige geworden waret, das war, sobald es wider seinen Willen geschah, ein offenbarer Raub und eine unerlaubte Sache. Ich will Euch nur sagen, daß ich selbst ein Mönch bin, und folglich am besten weiß, wie es bei den Pfaffen zugeht; wenn ich also davon zu Eurem Frommen ein wenig umständlich rede, so steht mir das besser zu als einem Anderen; darum finde ich für gut, davon zu sprechen, damit Ihr sie künftig besser kennen lernet, als Ihr bisher gethan habt. Es war freilich einmal eine Zeit, da die Mönche fromm waren, aber diejenigen, die sich heutigen Tages Mönche nennen und wollen dafür gehalten sein, haben von dem Mönch nichts weiter an sich als die Kappe, und auch diese nicht einmal, denn die Stifter der Mönchsorden befahlen, sie eng und knapp und von grobem Zeuge zu machen, zum Sinnbilde eines Gemüts, welches die zeitlichen Dinge gering schätze, indem sie den Leib in ein so schlechter Gewand hüllten; aber heutigen Tages tragen sie weite, bequeme Kutten von dem feinsten gepreßten Tuche und geben ihnen einen so stattlichen und hohenpriesterlichen Schnitt, daß sie sich nicht schämen, in den Kirchen und auf den Märkten damit zu prangen, wie die Weltleute mit ihren Feierkleidern; und so wie die Fischer mit ihrem Netze eine Menge Fische in den Flüssen fangen, so schweifen sie herum in ihren weiten Kappen, um die Menge der Betschwestern, Witwen und anderen thörichten Weiber und Männer einzufangen, und um dieses bekümmern sie sich mehr, als um ihre anderen Übungen. Damit ich also mich richtiger ausdrücke, so haben sie eigentlich auch von der Kutte nichts als die Farbe. Und anstatt, daß die Mönche vor Zeiten die Wohlfahrt der Menschen zu befördern suchten, so suchen sie heutigen Tages nur nach Weibern und nach Reichtümern und denken nur darauf, wie sie mit Gepolter und mit Schreckbildern die Gemüter der Einfältigen beunruhigen und ihnen weis machen, daß Almosen und Messen die Sünden tilgen, damit ihnen ohne ihre eigene Anstrengung (weil sie nicht aus Andacht, sondern aus Faulheit Mönche geworden sind), der eine Brot, der andere Wein zutrage, und der dritte fleißig Seelenmessen für seine Vorfahren bezahle. Mag es doch wahr sein, daß Almosen und Fürbitten die Sünden abthun, aber wenn diejenigen, welche dafür bezahlen, nur wüßten, oder zusähen, wem sie das Ihrige geben, so würden sie es lieber bleiben lassen, oder es eben so gut den Säuen hinwerfen. Weil sie auch wohl zu berechnen wissen, daß, je weniger Personen sich in einen großen Schatz teilen, desto mehr ein Jeder bekömmt, so suchen sie jeden Anderen mit Lärm und Gepolter von demjenigen wegzuscheuchen, was sie gern für sich allein behalten wollen. Sie verdammen den Wucher und den ungerechten Mammon, damit sie aus dem Wiedererstatteten sich desto bequemere Kutten anschaffen und sich Bistümer und andere Pfründen mit demjenigen erkaufen können, dessen Besitz, wie sie sagen, zur Verdammnis führen soll. Sie eifern gegen die Männer und verschreien die Wollust, damit dem Schleier die Weiblein zufallen. Und wenn man ihnen diese und andere sträfliche Handlungen vorwirft, so meinen sie die ganze Last des schweren Tadels mit der abgedroschenen Antwort von sich zu wälzen: »Thut nach unseren Worten und nicht nach unseren Werken;« als wenn die Schafe stärker und standhafter sein könnten, als ihre Hirten. Mancher von ihnen weiß auch am besten, wie viele sind, denen sie diese Antwort geben, die sie nicht so verstehen, wie sie gemeint ist. Die heutigen Mönche wollen nur, daß Ihr thut, was sie sagen, das ist: Ihr sollt ihnen den Beutel füllen, ihnen Eure Geheimnisse anvertrauen, keusch leben, geduldig sein, das Unrecht verzeihen, Euch vor Verleumdung hüten; lauter gute, löbliche Dinge; aber warum das? damit sie dasjenige thun können, wozu ihnen die Gelegenheit fehlen würde, wenn es Andere nicht unterließen. Wer weiß es nicht, daß man ohne Geld nicht faulenzen kann? Wenn Du Dein Geld zu Deinem Vergnügen anwendest, so kann der Klosterbruder nicht auf der Bärenhaut liegen. Wenn Du den Weibern nachlaufen willst, so findet das Mönchlein keinen Platz. Wenn Du nicht geduldig bist und die Beleidigungen verzeihst, so darf Dir ja der Mönch nicht in's Haus kommen, und Dir Weib und Kinder verführen. Doch warum will ich Alles aufzählen! Genug, sie klagen sich selbst an, so oft sie diese Ausrede gegen verständige Leute gebrauchen. Warum bleiben sie nicht in ihren Klöstern, wenn sie sich nicht stark genug fühlen, um außer denselben fromm und enthaltsam zu leben? Oder wenn sie außerhalb ihrer Klostermauern wirken wollen, warum richten sie sich denn nicht nach jenem andern Worte des Evangelii: Christus ging aus, Gutes zu thun und zu lehren? Laßt sie erst selbst recht handeln, und dann andere Leute meistern. Ich habe ihrer in meinem Leben wohl Tausende gesehen, die der Wollust und der Liebe pflegten, und nicht nur den weltlichen Weibern nachliefen, sondern auch den Nonnen in den Klöstern; und diese machten eben den meisten Lärm auf der Kanzel. Diese sollen wir also hören und ihnen folgen? Wer es thun will, der thue es, aber Gott weiß, ob er klug handelt.

Gesetzt aber, wir geben dasjenige zu, was Euch der Pater, der Euch gescholten, gesagt hat, daß es nämlich eine schwere Sünde sei, die eheliche Treue zu verletzen. Ist es denn nicht eine größere Sünde einen Menschen zu berauben? Ist es nicht noch ungleich größere Sünde, ihn umzubringen, oder ihn zu zwingen, im Elend herumzuwandern? Das wird wohl niemand leugnen. Wenn eine Frau einer Mannsperson Vertraulichkeiten erlaubt, so ist das ein Vergehen, welches wenigstens nichts Widernatürliches enthält; aber jemand zu berauben, ihn umzubringen, oder in's Elend zu verbannen, das zeugt von einem bösen Herzen. Daß Ihr den Tedaldo beraubt habt, das habe ich Euch schon damit bewiesen, daß Ihr Euch ihm entzoget, nachdem Ihr aus freiem Willen die Seinige geworden waret. Hiernächst behaupte ich, daß Ihr Euch alle Mühe gegeben habt, ihn zu töten, denn da Ihr ihm von Tag zu Tag immer hartherziger begegnetet, so lag es nicht an Euch, daß er nicht selbst Hand an sich legte; und das Gesetz sagt, wer schuld ist an einer bösen That, der verdient eben so viel Strafe, als der Thäter; und könnt Ihr es endlich leugnen, daß Ihr selbst ihn dahin gebracht habt, in's Elend zu wandern, und sieben Jahre lang verlassen in der Welt herumzuirren? Ihr habt demnach in jedem dieser drei Fälle Euch schwerer versündigt, als durch die Gunstbezeigungen, die Ihr ihm gewährt habt.

Laß uns jedoch sehen, ob nicht Tedaldo diese Begegnung vielleicht verdient hat. Nein, gewiß nicht, denn das habt Ihr selbst schon eingeräumt, wenn ich auch nicht so gewiß wüßte, daß er Euch mehr als sich selbst liebt. Nie ward wohl jemand höher gepriesen, gelobt und über Alles in der Welt erhoben, als er Euch über jedes andere Weib zu erheben pflegte, so oft er auf eine geziemende Weise und ohne Verletzung Eures guten Leumunds Gelegenheit fand, von Euch zu reden. Er hatte sein ganzes Glück, seine Ehre und seine Freiheit in Eure Hand gestellt. Und war er nicht ein Jüngling von edler Abkunft? War er nicht der Schönste unter allen seinen Mitbürgern? War er nicht geschickt in Allem, was einem jungen Mann wohlanständig ist? Ward er nicht von Jedermann geliebt, geehrt und gerne gesehen? Ihr werdet auch dieses nicht leugnen können. Wie konntet Ihr denn auf Anstiftung eines dummen, stinkenden, neidischen Mönchleins einen so grausamen Entschluß gegen ihn fassen? Ich weiß nicht, welch' ein Anfall von Thorheit die Spröden antreibt, die Männer geringe zu schätzen, da sie doch bedenken sollten, was sie selbst sind, und wie weit der Mann alle anderen Geschöpfe an Vorzügen und Adel übertrifft, und sollten sich glücklich schätzen, wenn sie von einem Manne geliebt werden, und sich alle mögliche Mühe geben, ihm zu gefallen, damit er sie nimmer wieder verließe. Warum Ihr Euch also von einem Pfaffen, der gewiß ein Schmarotzer und Tellerlecker war, habt beschwatzen lassen, das mögt Ihr selbst wissen, vielleicht hatte er Lust, sich selbst an die Stelle zu setzen, von welcher er einen Andern vertrieb.

Das ist also die Sünde, welche die Gerechtigkeit des Himmels, die mit richtiger Wage alle Handlungen abwiegt, nicht hat wollen ungestraft lassen; und so wie Ihr ohne Ursache Euch Eurem Tedaldo entzogen habt, so ist Euer Gemahl um Tedaldo's Willen in Gefahr geraten, worin er sich noch befindet, und Ihr selbst müßt um seinetwillen leiden. Wollt Ihr nun von dieser Trübsal befreit sein, so müßt Ihr Folgendes nicht nur versprechen, sondern es auch vor allen Dingen in Erfüllung bringen; nämlich: wenn jemals Tedaldo aus seiner Verbannung zurückkehren sollte, so müßt Ihr ihm Euer Wohlwollen, Eure Liebe und Eure Gunstbezeigungen wieder angedeihen lassen, und ihn wieder in den vorigen Zustand versetzen, in welchem er sich befand, ehe Ihr dem thörichten Mönch Gehör gabt.«

Hier schwieg der Pilger, und die Dame, die ihm aufmerksam zugehört hatte, seine Gründe einleuchtend fand und sich folglich von ihm überzeugen ließ, daß sie ihr Leiden an Tedaldo verschuldet hätte, gab ihm zur Antwort: »Heiliger Mann, ich sehe ein, daß Alles wahr ist, was Ihr mir sagt; ich merke wohl aus Eurer Schilderung, wes Geistes Kinder diese Mönche sind, die ich bisher für lauter gottselige Leute gehalten habe; und wenn es in meiner Macht stände, so wollte ich gerne Alles auf die Weise wieder gut machen, wie Ihr sagt, allein, wie ist das anzufangen? Tedaldo kann nicht wiederkehren, denn er ist tot, und folglich weiß ich nicht, was es nützen kann, daß ich Euch dasjenige verspreche, was sich nicht erfüllen läßt.«

»Madonna (versetzte der Pilger), Tedaldo ist nicht tot, sondern der Himmel hat mir offenbart, daß er noch lebt und frisch und gesund ist, und daß es ihn glücklich machen würde, wenn er sich Eurer Gunst erfreuen könnte.«

»Bedenkt wohl, was Ihr sagt (erwiderte die Dame), ich selbst habe ihn, von Dolchstichen durchbohrt, tot vor meiner Thüre liegen sehen; diese Arme haben ihn umschlossen und meine Thränen haben sein erblaßtes Antlitz gebadet, und haben vielleicht diejenigen Reden veranlaßt, welche zu meinem Nachteil sind geführt worden.«

»Madonna (wiederholte der Pilger), sagt, was Ihr wollt, ich versichere Euch, daß Tedaldo lebt, und wenn Ihr versprechen und halten wollt, was ich gesagt habe, so hoffe ich, daß Ihr ihn bald selbst sehen werdet.«

»Das will ich von ganzem Herzen, (sprach darauf die Dame) denn eine größere Freude könnte mir nicht widerfahren, als meinen Mann in Freiheit und außer Gefahr, und den Tedaldo lebendig zu sehen.«

Jetzt glaubte Tedaldo, daß es Zeit wäre, sich zu erkennen zu geben, und die Dame mit einer gewisseren Hoffnung wegen ihres Mannes zu erfreuen. »Madonna (sprach er), damit ich Euch wegen Eures Gemahls einige Beruhigung verschaffe, so muß ich Euch ein wichtiges Geheimnis entdecken; Ihr müßt es aber bei Leibe Niemandem anvertrauen.«

Sie waren Beide allein und in einem abgelegenen Zimmer des Hauses, denn die Dame setzte ein unbegrenztes Vertrauen in die Frömmigkeit, die sie in dem Pilger zu erblicken glaubte. Tedaldo zog demnach einen Ring hervor, welchen ihm Donna Ermellina bei ihrer letzten Zusammenkunft gegeben, und welchen er auf's Sorgfältigste bewahrt hatte. »Kennt Ihr diesen Ring?« fragte er, indem er ihn ihr zeigte.

Sie erkannte ihn augenblicklich und sagte: »Ja, mein Herr, ich habe ihn einst dem Tedaldo gegeben.«

»Kennt Ihr denn auch mich?« sprach Tedaldo jetzt in reiner florentinischer Sprache, indem er sein Pilgerkleid und seine Kappe von sich warf.

Die Dame erschrak, wie sie ihn sah und die Züge des Tedaldo erkannte, und sie fürchtete sich, wie man vor der luftigen Gestalt eines abgeschiedenen Toten sich zu fürchten pflegt; und statt in seine Arme zu eilen, und ihn als den Tedaldo zu empfangen, der um ihretwillen von Cypern gekommen war, wollte sie vor ihm fliehen, wie vor seinem aus dem Grabe wiedergekehrten Gespenste.

»Madonna (sprach Tedaldo), fürchtet Euch nicht; ich bin Tedaldo selbst, lebendig und gesund, und bin nie tot gewesen, wie Ihr mit meinen Brüdern geglaubt habt.«

Ermellina ward ein wenig beherzter, und wie sie seine Stimme erkannte, ihn genauer betrachtete und sich überzeugte, daß er es selbst war, fiel sie ihm mit Thränen um den Hals, und hieß ihn tausendmal willkommen.

Tedaldo erwiderte mit Zärtlichkeit ihre Umarmung, sagte aber zugleich: »Wir haben jetzt nicht Zeit, meine Liebe, uns unseren Empfindungen zu überlassen; ich muß eilen und Anstalt machen, daß Aldobrandino Dir gesund und lebendig wiedergegeben werde; und ich hoffe, Du sollst, ehe der morgende Abend herankömmt, Nachrichten hören, die Dir gefallen werden; und wenn ich Dir (wie ich hoffe) noch diesen Abend gute Botschaften von Deinem Gemahl bringen kann, so komme ich zu Dir, um sie Dir mit mehr Muße zu erzählen.«

Er legte hierauf sein Pilgerkleid wieder an, nahm seinen Hut und Stab, umarmte noch einmal seine Dame, bat sie, das Beste zu hoffen und machte sich auf den Weg, um zu Aldobrandino in's Gefängnis zu gehen, welcher sich jetzt viel mehr der Furcht vor seinem nahen Tode, als der Hoffnung auf seine Errettung überließ. Unter dem Vorwande, daß er käme, um dem Gefangenen Worte des Trostes zu sagen, erlaubte ihm der Gefangenwärter, zu ihm hinein zu gehen. Er sprach, indem er sich neben ihn setzte: Aldobrandino, ich komme als ein Freund, den Gott zu Deiner Errettung sendet, welcher sich Deiner Unschuld erbarmt; und wenn Du mir aus Dankbarkeit gegen ihn eine kleine Gunst gewährst, um die ich Dich bitten will, so verspreche ich Dir, Du sollst unfehlbar noch vor morgen Abend an dem Orte, wo Du Dein Urteil zu hören erwartest, Deine Lossprechung vernehmen.«

»Frommer Mann (antwortete Aldobrandino), da Du Dir meine Befreiung angelegen sein lässest, so kann ich nicht anders, als Deinen Worten glauben, und Dich für meinen Freund halten; wiewohl ich Dich nicht kenne und mich nicht erinnere, Dich jemals gesehen zu haben. Ich habe wahrlich das Verbrechen nicht begangen, dessen man mich beschuldigt; obgleich ich mich mancher anderen Sünde schuldig bekennen muß, die mir vielleicht meinen jetzigen Zustand zugezogen hat. Doch das verspreche ich Dir, wenn Gott mich diesmal mit Barmherzigkeit ansieht, so will ich um seinetwillen Dir nicht nur eine Kleinigkeit, sondern die wichtigste Sache von der Welt gerne versprechen und halten. Fordere demnach von mir, was Du willst, und sei versichert, daß ich es gewiß erfüllen will, sobald ich los komme.«

Der Pilger antwortete: »Ich verlange von Dir nichts mehr, als daß Du den vier Brüdern des Tedaldo verzeihest, die Dich an diesen Ort gebracht haben, weil sie Dich für den Mörder ihres Bruders hielten, und daß Du ihnen wie Freunden und Brüdern begegnest, wenn sie Dich um Verzeihung bitten werden.«

Aldobrandino versetzte: »Nur derjenige, welchem die Beleidigung widerfahren ist, weiß, wie süß die Rache ist und wie eifrig man wünscht, sie auszuüben. Doch damit Gott sich auch meiner erbarme, so will ich ihnen gerne verzeihen und verzeihe ihnen von dieser Stunde an; und wenn ich aus diesem Gefängnis lebendig und frei ausgehe, so will ich in diesem Stücke mich ganz nach Deinem Willen fügen.«

Der Pilger war damit zufrieden und ohne ihm etwas weiter zu sagen, ermahnte er ihn, guten Mutes zu sein, weil er gewiß, noch ehe der folgende Abend käme, die zuverlässige Nachricht erhalten würde, daß er nichts zu befürchten hätte.

Er nahm hierauf Abschied von ihm und ging geraden Weges nach dem peinlichen Gerichtshofe, verlangte den Vorsitzenden insgeheim zu sprechen und sagte zu ihm: »Mein Herr, es ist die Pflicht eines jeden Menschen, daß er suche, die Wahrheit an's Tageslicht zu bringen; vorzüglich aber liegt es denjenigen ob, welche eine Stelle, wie die Eurige, bekleiden, damit nicht der Unschuldige für ein Verbrechen leide, welches er nicht begangen hat, und damit der Schuldige nicht ungestraft entwische. Um Eure Ehre zu retten, und die Schuldigen zur Strafe zu bringen, bin ich zu Euch gekommen. Ihr seid, wie Ihr wisset, gegen den Aldobrandino Palermini mit Strenge verfahren und glaubet, daß er den Tedaldo Elisei umgebracht habe, so daß Ihr im Begriffe seid, ihn zum Tode zu verurteilen. Ich bin aber gewiß überzeugt, daß Ihr Unrecht thut; denn ich hoffe, Euch vor Mitternacht die wirklichen Mörder des jungen Mannes in die Hände zu liefern.«

Der gute Richter, welchem es um Aldobrandino leid war, gab den Vorstellungen des Pilgers willig Gehör, und nachdem er sich umständlich mit ihm über Alles besprochen hatte, wurden unter des Pilgers Anführung die beiden Brüder Gastwirte nebst ihrem Knechte im ersten Schlafe ohne Mühe aufgehoben, und wie man ihnen mit der Folter nur drohte, ließen sie es nicht dazu kommen, sondern bekannten einzeln und insgesamt, daß sie diejenigen wären, welche den Tedaldo Elisei unbekannter Weise umgebracht hätten. Wie man sie um die Ursache befragte, antworteten sie, er habe während ihrer Abwesenheit der Frau des Einen vielen Verdruß gemacht und ihr Gewalt thun wollen.

Sobald der Pilger dies Alles an's Licht gebracht hatte, beurlaubte er sich bei dem Richter und begab sich in der Stille zu Madonna Ermellina, welche alle ihre Leute bereits zu Bette geschickt hatte, und ihn unter vier Augen erwartete, weil sie nicht weniger begierig war, Nachricht wegen ihres Gemahls zu erhalten, als sich mit ihrem Tedaldo völlig auszusöhnen.

Mit fröhlicher Miene kam Tedaldo zu ihr und sagte: »Freue Dich, meine Geliebteste, Du wirst gewiß morgen Deinen Aldobrandino frisch und gesund wieder sehen.« Und um sie davon um desto gewisser zu überzeugen, erzählte er ihr Alles, was er gethan hatte.

Ermellina freute sich außerordentlich über alle diese glücklichen Begebenheiten, die so schnell auf einander folgten; indem sie ihren Tedaldo wieder fand, den sie für tot gehalten hatte, und ihren Gemahl außer Gefahr wußte, dessen Tod sie in wenigen Tagen zu betrauern fürchtete; sodaß sie den Tedaldo auf's Zärtlichste umarmte, und ihre Versöhnung mit ihm durch die süßesten und innigsten Gunstbezeigungen besiegelte. Am folgenden Morgen stand Tedaldo auf, und nachdem er mit seiner Geliebten Alles, was er vorhatte, verabredet und ihr noch ferner die strengste Verschwiegenheit empfohlen hatte, ging er in seiner Pilgerkleidung wieder davon, um sich der Sache des Aldobrandino zu rechter Zeit anzunehmen.

Wie die Richter genaue Erkundigung von Allem eingezogen hatten, säumten sie nicht, den Aldobrandino auf freien Fuß zu stellen, und einige Tage nachher wurden die Mörder an der Stelle, wo sie ihr Verbrechen begangen hatten, mit dem Schwerte gerichtet. Wie nun Aldobrandino zu seiner großen Freude und zur Freude seiner Frau und aller seiner Freunde und Verwandten sich wieder auf freiem Fuß befand, und wußte wie viel er deswegen dem Pilger zu verdanken hatte, so bat er diesen, sein Haus zu seinem eigenen zu machen, solange er in Florenz bliebe, und beide, Mann und Frau, konnten nicht aufhören, ihm Liebe und Ehre zu erweisen, besonders die Frau, welche wohl wußte, wem es geschah.

Nach einigen Tagen glaubte Tedaldo, daß es Zeit wäre, zwischen seinen Brüdern und Aldobrandino das gute Vernehmen wieder herzustellen, indem er hörte, daß jene über seine Loslassung nicht nur aufgebracht, sondern auch jetzt aus Furcht vor ihm beständig unter Waffen wären; daher er den Aldobrandino an sein Versprechen erinnerte. Aldobrandino versicherte ihm, daß er willig und bereit wäre, es zu erfüllen. Der Pilger bat ihn deswegen, auf den folgenden Tag ein Gastmahl anzustellen, und nebst seinen eigenen Freunden und Freundinnen auch die vier Brüder des Tedaldo mit ihren Frauen dabei aufzunehmen, welche letztere er sich erbot, zur Aussöhnung und zur Mahlzeit bei ihm einzuladen. Aldobrandino ließ sich alle Anstalten des Pilgers gefallen: dieser ging also unverzüglich zu den vier Brüdern, und nachdem er mit ihnen Alles, was nötig war, über die vorgegangenen Sachen gesprochen, und sie durch triftige Gründe sehr bald beredet hatte, zu thun, was ihre Pflicht war und den Aldobrandino um Verzeihung und um seine Freundschaft zu bitten, lud er sie nebst ihren Frauen auf den folgenden Mittag bei Aldobrandino zum Essen ein, und sie nahmen auf seine Treue und Glauben die Einladung an. Am Mittage des folgenden Tages gingen zuerst die vier Brüder in ihren Trauerkleidern mit einigen von ihren Freunden nach dem Hause des Aldobrandino und baten ihn um Verzeihung wegen dessen, was sie gegen ihn vorgenommen hatten. Aldobrandino empfing sie mit Freundschaft und Rührung, umarmte sie einen nach dem andern und machte mit wenigen Worten den Mißhelligkeiten ein Ende. Hernach folgten ihnen auch ihre Schwestern und Frauen, sämtlich in schwarzen Kleidern und wurden von Madonna Ermellina und von den anderen Damen liebreich bewillkommt. Die Herren und Damen wurden hierauf bestens bewirtet und Alles ging dabei sehr gut und freundschaftlich zu; weil jedoch bei den Verwandten des Tedaldo die frische Wunde noch nicht ganz vernarbt war, so herrschte deswegen und wegen der traurigen schwarzen Kleidung eine gewisse Stille und Einsilbigkeit in der Unterredung, welche einigen auffiel und sie bewog, das von dem Pilger veranstaltete Fest nicht angenehm zu finden. Er merkte es wohl und hatte auch deswegen schon seine Maßregeln genommen. Wie demnach die Gesellschaft noch beim Nachtisch saß, stand er auf und sagte: »Es hat an Nichts gefehlt, um die heutige Mahlzeit vergnügt zu machen, als an der Gegenwart des Tedaldo. Da er diese ganze Zeit bei Euch gewesen ist, ohne von Euch erkannt zu werden, so will ich ihn Euch zeigen.« Mit diesen Worten warf er seinen Mantel und Alles, was zu seiner Pilgerkleidung gehörte, von sich und stand da in einem schönen, grünen, seidenen Wams, worin ihn sogleich ein jeder erkannte; wiewohl nicht ohne Erstaunen und sie starrten ihn noch lange an, ehe sie sich recht entschließen konnten, zu glauben, daß er es wirklich wäre. Wie dies Tedaldo bemerkte, sagte er ihnen so viele Umstände von ihrer Verwandtschaft und von anderen Dingen, die zwischen ihnen und ihm vorgefallen waren, daß endlich seine Brüder und auch die übrigen Herren ihn mit vielen Freudenthränen umarmten. Auch die Damen, sowohl die von seiner Verwandtschaft, als die übrigen, bewillkommten ihn mit einer Umarmung, nur Donna Ermellina nicht.

Wie Aldobrandino dies gewahr ward, sprach er: »Was ist das, Ermellina? Warum bezeigst Du dem Tedaldo nicht ebenso Deine Freude, wie die anderen?«

Sie antwortete in Gegenwart aller: »Niemand würde ihm lieber ihre Freude bewiesen haben als ich, da ich ihm mehr, als irgend eine andere verbunden bin, indem er Dich mir wieder gegeben hat; allein die anzüglichen Reden, die man damals über mich führte, wie wir den Tod desjenigen, den wir für Tedaldo hielten, betrauerten, bewegen mich, es zu unterlassen.«

»Geh doch! (sprach Aldobrandino.) Glaubst Du denn, daß ich mich an Ohrenbläser kehre? Die Mühe, die er sich gegeben hat, mir das Leben zu retten, ist mir Beweis genug, daß alles Geschwätz war, und ich habe auch nie etwas davon geglaubt. Geschwind steh' auf und gieb ihm eine Umarmung.«

Ermellina, die nur diese Aufforderung erwartete, ließ sich nicht zweimal bitten, zu thun, was ihr Gemahl begehrte, sondern sie stand auf und umarmte den Tedaldo mit Freuden, wie alle Anderen es gethan hatten.

Diese Gutmütigkeit des Aldobrandino machte den Brüdern des Tedaldo, sowie allen übrigen Damen und Herren, die mit ihnen zu Tische waren, viele Freude und vertrieb jede kleinste Spur von Unwillen und Argwohn, der durch einige Reden vielleicht war veranlaßt worden.

Nachdem ein Jeder dem Tedaldo seine Freude bezeigt hatte, bestand er darauf, daß seine Brüder, Schwestern und Schwägerinnen auf der Stelle die Trauer ablegen und nach anderen Kleidern schicken mußten. Darauf ward getanzt und gesungen und das Gastmahl, welches in trauriger Stille angefangen hatte, nahm ein lautes und fröhliches Ende. In der Fülle des Vergnügens begaben sie sich hernach alle nach dem Hause des Tedaldo, wo sie den Abend zubrachten und ihre Freudenfeste noch viele Tage nacheinander fortsetzten.

Die Florentiner betrachteten den Tedaldo noch manchen Tag wie einen Menschen, der aus dem Grabe wiedergekommen wäre und wie ein Wundertier; und manchen (selbst seine eigenen Brüder nicht ausgenommen) wandelte noch bisweilen ein Zweifel an, ob er es auch wirklich selbst wäre. Sie konnten sich nie völlig davon überzeugen und hätten vielleicht noch lange gezweifelt, wenn nicht ein Umstand vorgefallen wäre, der ihnen entdeckte, wer der Erschlagene eigentlich gewesen war. Es kamen nämlich einmal einige Soldaten aus Lunigiana vor ihrem Hause vorbei und wie sie den Tedaldo gewahr wurden, gingen sie gleich auf ihn zu und riefen: »Oho! willkommen Faziuolo.«

Tedaldo antwortete: »Ihr nehmt mich für einen andern.« Wie sie seine Stimme hörten, schämten sie sich und baten ihn um Verzeihung, sagten aber: »Ihr seid wahrlich einem unserer Kameraden bis zum höchsten Grad der Täuschung ähnlich, welcher Faziuolo Pontriemoli hieß und vor ungefähr vierzehn Tagen hierher kam, von dem wir aber seitdem nie erfahren haben, was aus ihm geworden ist. Wir wunderten uns jedoch freilich über Eure Kleidung, denn er war ein Soldat, wie wir alle sind.«

Der älteste Bruder des Tedaldo kam dazu und fragte, wie Faziuolo wäre gekleidet gewesen. Wie man ihm seine Kleidung beschrieb, fand er aus dieser Beschreibung und aus manchen anderen Kennzeichen, daß Faziuolo derjenige gewesen war, den man erschlagen hatte und nicht Tedaldo; so daß nunmehr seinem Bruder und Jedermann alle Zweifel benommen wurden.

Tedaldo, welcher sich ansehnliche Reichtümer erworben hatte, blieb seiner Liebe getreu; die Dame benahm sich mit Klugheit und beide erfreuten sich lange ihrer Zärtlichkeit.

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