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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Dreiundzwanzigste Erzählung.

In Florenz, wo die Schalkheit sich thätiger zeigt, als die christliche Liebe und Aufrichtigkeit, war einmal vor einiger Zeit eine artige und schöne Frau, welche die Natur mit allem begabt hatte, was man artig, witzig und klug nennen kann. Diese Frau, die von einem edlen Geschlechts abstammte, und an einen Wollenweber verheiratet war, konnte ihren Ahnenstolz nicht ablegen und hielt einen jeden Bürgerlichen, so reich er auch sein mochte, für unwürdig, ein adeliges Weib zu besitzen; und da ihr Eheherr bei all' seinem Reichtum sich auf nichts weiter verstand, als Garn zu mischen und anzuzetteln, oder mit den Spinnerinnen zu zanken, so entzog sie sich seinen Umarmungen, so oft sie es mit einem Schein von Ursache thun konnte, und hatte Lust, sich nach ihrem eigenen Geschmack einen Liebhaber zu wählen, den sie für würdiger hielt, als ihren Wollenweber. Sie verliebte sich auch dergestalt in einen Edelmann von mittlerem Alter, daß sie die Nacht nicht schlafen konnte, wenn sie ihn am Tage nicht gesehen hatte. Da aber der Edelmann von ihrer Leidenschaft nichts ahnte, so merkte er nicht darauf, und sie war viel zu klug und behutsam, ihn durch Unterhändlerinnen oder durch Briefe davon zu benachrichtigen weil sie sich keinen Unannehmlichkeiten aussetzen wollte. Inzwischen ward sie gewahr, daß er eifrigen Umgang mit einem Klosterbruder hatte, welcher trotz seinem runden Gesichte und ansehnlichen Bauche einen unsträflichen Wandel führte, und von Jedermann für einen trefflichen geistlichen Herrn gehalten ward; und dieser schien ihr der rechte Mann zu sein, den sie zum Unterhändler bei ihrem Geliebten gebrauchen könnte.

Wie sie ihren Anschlag darnach gemacht hatte, ging sie einst zu gelegener Stunde in seine Kirche, ließ ihn rufen und verlangte, ihm zu beichten. Der Mönch, der sie auf den ersten Blick für eine sehr ehrbare Dame erkannte, hörte recht gern ihre Beichte, und wie diese geendigt war, sprach sie zu ihm: »Ich muß Euch, ehrwürdiger Herr, auch noch eine Sache vortragen, und mir wegen derselben bei Euch Rats erholen. Da ich Euch gesagt habe, wer ich bin, so werdet Ihr auch wohl meine Eltern kennen, und meinen Mann, der mich mehr als sein Leben liebt, und von dem ich auf den ersten Wink Alles erhalten kann, was ich will, weil er reich ist und bezahlen kann. Ich habe ihn auch deswegen so lieb, wie mich selbst, und wenn ich jemals mit Werken, oder auch nur in Gedanken etwas begehen könnte, das seiner Ehre, oder seinen Wünschen zuwider wäre, so verdiente ich den Scheiterhaufen mehr als das verworfenste Weib in der Welt. Da ist aber ein Mann, dessen Namen ich wahrlich nicht einmal weiß, der mir aber sonst ein rechtlicher Mann zu sein scheint, und der (wenn ich nicht irre) viel mit Euch umgeht, ein schöner, ansehnlicher Mensch, in einem feinen schwarzen Kleide, welcher sich vielleicht einbildet, ich sei ganz anders gesinnt, als ich wirklich bin, und mich deswegen ordentlich zu belagern scheint; denn ich kann mich an keiner Thüre oder Fenster zeigen, oder nur aus dem Hause gehen, daß er nicht gleich um mich her wäre; ja, ich wundere mich, daß ich ihn nicht schon wieder hier sehe. Das ist mir natürlicher Weise sehr unangenehm; denn solche Dinge können nur zu leicht das unschuldigste Weib in's Gerede bringen. Mehr als einmal habe ich schon meine Brüder bitten wollen, ihn darüber zur Rede zu stellen; doch dachte ich wieder, die Männer benehmen sich bei solchen Sachen manchmal so, daß eine harte Antwort erfolgt, und dann kommt es zum Wortwechsel, und von Worten zu Tätlichkeiten; und damit nun kein Aergernis entstünde, so schwieg ich still und entschloß mich, lieber mit Euch davon zu sprechen, als mit einem Anderen; eines Teils, weil ich glaube, daß Ihr sein Freund seid, und zweitens, weil es Euch bester ziemt, wegen solcher Sachen nicht nur Euren Freunden, sondern auch jedem Anderen Vorstellungen zu machen. Ich bitte Euch demnach um des Himmels Willen, ihn abzumahnen, und ihn zu bitten, so etwas nicht mehr zu thun. Es giebt ja noch andere Frauenzimmer genug, die vielleicht zu solchen Dingen geneigt sind und denen es lieb sein wird, sich von ihm nachgehen und aufwarten zu lassen; dagegen er mir nur lästig wird, indem ich gar keinen Hang dazu habe.«

Indem sie dieses sagte, senkte sie ihr Haupt nieder und stellte sich, als ob sie sich bis zu Thränen gerührt fühlte. Der ehrliche Mönch erriet richtig den Mann, von welchem sie sprach; er lobte sie wegen ihrer frommen Gesinnungen, und weil er an der Wahrheit ihrer Worte nicht zweifelte, so versprach er ihr, es dahin zu bringen, daß sein Freund sie nicht weiter belästigen sollte. Da er wußte, daß sie reich war, so vergaß er nicht, ihr die Tugend der Menschenliebe und der Mildthätigkeit anzupreisen und ihr zugleich die Notdurft seines Klosters vorzutragen.

»Ich bitte Euch (fiel ihm die Dame in die Rede), wenn Euer Freund ja leugnen sollte, ihm zu sagen, daß ich selbst Euch Alles offenbart und mich über ihn beklagt habe.« Nach geendigter Beichte und Bußübung erinnerte sie sich an des Paters Ermahnung zur Wohlthätigkeit und drückte ihm ein Sümmchen in die Hand, für welches sie ihn bat, Seelenmessen für ihre verstorbenen Verwandten zu lesen, worauf sie sich von den Knieen erhob und nach Hause ging.

Der Kavalier kam kurz nachher, seiner Gewohnheit gemäß, zu dem ehrlichen Pater, und nachdem sie eines und das andere zusammen gesprochen hatten, zog ihn dieser auf die Seite, und warnte ihn, nicht so fleißig nach der Dame zu schielen, und ihr nachzugehen, wie sie ihm geklagt hätte. Der Edelmann machte große Augen, weil er nie sonderlich Achtung auf sie gegeben hatte und selten vor ihrem Hause vorbei gegangen war. Er fing daher an, sich zu rechtfertigen; allein der Pater ließ ihn nicht zu Worten kommen, sondern sagte: »Stelle Dich nur nicht, als wenn Du Dich verwunderst, und verliere keine Worte mit Leugnen, denn es ist alles umsonst. Was ich Dir sage, das haben mir keine Nachbarn erzählt, sondern die Dame selbst hat es mir entdeckt und sich sehr über Dich beschwert; und so wenig sich solche Dinge für Dich selbst schicken, so sehr kann ich Dir versichern, daß ich nie ein Weib gesehen habe, welchem sie mehr mißfällig wären, als ihr. Darum bitte ich Dich, um ihrer Ruhe und um Deiner Ehre willen, unterlasse die Possen, und laß sie in Frieden.«

Der Kavalier, der ein wenig weiter ohne Brille sehen konnte, als der Mönch, erriet ohne Mühe den schlauen Einfall des Weibchens; er stellte sich demnach ein wenig beschämt und versprach, sich nicht wieder zu vergehen. Sobald er aber die Zelle des Paters verließ, war seine erste Sorge, nach dem Hause der Dame zu gehen, welche an einem Fenster fleißig aufmerkte, ob er nicht vorbei gehen würde. Wie sie ihn kommen sah, bezeigte sie sich so freundlich gegen ihn, daß ihm kein Zweifel übrig blieb, den Sinn des Paters richtig verstanden zu haben; daher er denn von demselben Tage an nie unterließ, mit gehöriger Vorsicht, zu seinem eigenen Vergnügen und zur besonderen Freude der Dame, unter dem Schein anderer Geschäfte sich fleißig in ihrer Gegend sehen zu lassen. Wie sich nun die Dame nach einiger Zeit überzeugte, daß sie ihm ebensosehr als er ihr gefiele, so nahm sie, um ihn noch mehr aufzumuntern, und ihm ihre Liebe zu erkennen zu geben, die erste Gelegenheit wahr, sich dem guten Pater in seiner Kirche mit einem bitteren Thränenstrom wieder zu Füßen zu werfen.

»Was ist denn nun wieder Neues geschehen?« fragte sie der Pater ebenso bestürzt, als teilnehmend.

»Lieber Vater (sprach sie), das Neue betrifft weder mehr noch weniger, als den unseligen Menschen, Euren Freund, über den ich mich neulich bei Euch beschwerte, und der mir vermutlich zum Pfahl im Fleische bestimmt ist, um mich zu Sachen zu reizen, die mir auf immer meine Ruhe rauben und mich verhindern würden, mich Euch jemals wieder zu Füßen zu werfen.«

»Was, meine Tochter (sprach der Pater), hat er noch nicht nachgelassen, Dir Aergernis zu geben?«

»Nein, gewiß nicht (sprach die Dame). Vielmehr scheint es, seitdem ich mich über ihn bei Euch beklagt habe, als wenn er's mir zum Trotz thäte (weil er mir das vielleicht übel genommen hat), daß er jetzt zehnmal für einmal vor meinem Hause vorrübergeht. Und wollte Gott, es bliebe nur bei dem Vorbeigehen und Angaffen! Allein er ist so dreist und unverschämt geworden, daß er mir nur gestern noch ein Weib in's Haus geschickt hat, um mich mit seinem thörichten Geschwätz zu behelligen, und mir einen Gürtel und eine Börse zu schicken, als wenn ich selbst keine Börsen und Gürtel hätte! Das hat mich so geärgert und ärgert mich noch dermaßen, daß ich des Teufels Aufheben hätte machen mögen, hätt' ich es nicht für sündlich gehalten, und es zugleich um Euretwillen unterlassen. So aber ließ ich meinen Zorn fahren und wollte nichts eher thun oder sagen, bis ich Euch erst gesprochen hätte. Ja, ich hatte dem Weibe schon Gürtel und Beutel zurückgegeben, daß sie ihm Beides wieder zustellen sollte; weil mir aber bange ward, sie möchte sie selbst behalten und ihm weis machen, daß ich sie angenommen hätte, wie solche Weiber wohl zu thun pflegen, so riß ich sie ihr voll Verdruß wieder aus der Hand, und habe sie Euch hier mitgebracht, daß Ihr sie ihm wiedergebt und ihm sagt, daß ich seine Geschenke nicht brauche; denn Dank sei Gott und meinem Manne, ich habe selbst so viele Beutel und Gürtel, daß ich ihn darunter ersticken könnte. Und kurz, ich bitte Euch, lieber Pater, mir's nicht übel zu nehmen: wenn er diese Dinge nicht nachläßt, so sage ich's meinem Mann und meinen Brüdern, und dann mag es gehen, wie es will. Lieber mag er Verdruß davon haben, wenn eins von beiden sein muß, als daß ich um seinetwillen in Schande gerate. Lebt wohl, Pater.«

Darauf zog sie mit Weinen und Schluchzen eine prächtige Börse und einen reichen Gürtel hervor, und warf sie dem Pater in den Schoß. Dieser glaubte ihren Worten, ereiferte sich sehr, nahm die Sachen zu sich und gab ihr zur Antwort: »Meine Tochter, Du hast Recht, wenn Dich solche Dinge verdrießen, und ich darf mich weder darüber wundern, noch Dich deswegen tadeln; vielmehr ist es löblich, daß Du Dir bei mir Rats erholst. Ich habe ihn erst neulich ermahnt; er hat mir aber sein Versprechen schlecht gehalten, wie ich höre. Ich will ihm schon für das Alte und Neue den Kopf dermaßen waschen, daß er Dir keinen Verdruß mehr machen soll. Laß Dich aber um Gottes willen Deinen Zorn nicht so weit treiben, daß Du es zu jemand von den Deinigen sagest; denn es möchte zu viel Unheil daraus entstehen. Mache Dir übrigens keine Sorge, daß Du in böse Nachrede geraten möchtest, denn ich will immer vor Gott und Menschen ein eifriger Zeuge Deiner Unschuld sein.«

Die Dame stellte sich, als wenn diese Worte sie einigermaßen beruhigten. Sie brach das Gespräch ab, und weil sie wußte, wie sehr der Pater und alle seine Brüder das Geld liebten, so sagte sie: »Ehrwürdiger Herr, seit einigen Nächten sind mir verschiedene meiner Verwandten im Traum erschienen, die sich wohl in großer Pein befinden müssen, und haben nichts so sehnlich gebeten, als um ein Almosen; besonders meine Mutter, die mir so traurig und elend schien, daß es ein Jammer war. Ich glaube, es geht ihr außerordentlich nahe, daß dieser Feind Gottes mich so in Versuchung führt. Darum wünsche ich, daß Ihr für sie die vierzig Messen des heiligen Gregorius lesen und mir mit Eurem Gebet beistehen wolltet, damit unser Herr Gott sie aus dem qualvollen Feuer erlöse.«

Sie steckte ihm zugleich einen Gulden in die Hand, den der Pater begierig annahm und mit vielen glatten Worten und empfehlenden Beispielen ihren frommen Eifer stärkte; worauf er ihr seinen Segen gab und sie entließ. Wie die Dame weggegangen war, und der Pater gar nicht argwöhnte, daß man ihm Nasen drehte, schickte er gleich nach seinem Freunde, der an seiner verdrießlichen Miene schon wahrnahm, daß er neue Zeitung von seiner Dame zu erwarten hätte, und neugierig war, zu hören, was ihm der Pater sagen würde. Dieser wiederholte seine vorigen Strafreden, und setzte voll Zorn noch viele neue Verweise hinzu, wegen desjenigen, was ihm (wie er sagte) die Dame aufs Neue geklagt hätte. Der Kavalier, welcher erst genauer zu wissen wünschte, wo der Pater hinaus wollte, leugnete nur sehr laulich, daß er die Börse und den Gürtel geschickt hätte, damit er dem Pater nicht ganz den Glauben benähme, im Fall die Dame ihm diese Sachen vielleicht zugestellt hätte. Allein der äußerst aufgebrachte Pater fuhr ihn an und sagte: »Wie? Du willst noch leugnen, böser Mensch? Sieh hier, diese Sachen hat sie mir selbst mit Thränen überreicht. Willst Du nun noch sagen, daß Du sie nicht kennst?«

Der Kavalier stellte sich, als ob er dadurch beschämt würde. »Ach ja (sprach er), ich kenne sie in der That und ich bekenne, daß ich nicht recht gehandelt habe; allein, da ich nun sehe, wie die Dame gesinnt ist, so schwöre ich Euch, daß Ihr nimmermehr dergleichen wieder von mir hören sollt.«

Es wurden von beiden Seiten noch viel Worte gemacht, und endlich gab der Bruder Schafskopf seinem Freunde den Beutel und Gürtel; und nachdem er ihn weidlich gescholten und ihn ermahnt hatte; und es sich auch von ihm versprechen ließ, daß er nie wieder an dergleichen Dinge denken wollte, ließ er ihn gehen. Der Kavalier war außerordentlich froh über die Gewißheit, die er nunmehr von der Liebe der Dame zu haben glaubte, und über ihr schönes Geschenk; und sobald er von dem Pater kam, eilte er gerade an den Ort, wo er Gelegenheit hatte, seiner Dame sehen zu lassen, daß er ihr Geschenk richtig erhalten hätte, welches ihr um desto lieber war, da sie sah, daß ihr Anschlag ihr so ganz nach ihrem Wunsche gelang.

Sie wartete nun auf nichts mehr, um dem Werke die Krone aufzusetzen, als daß ihr Mann einmal verreisen möchte, und es traf sich auch, daß er bald nachher wegen seiner Geschäfte nach Genua reisen mußte. Kaum war er des Morgens zu Pferde gestiegen und davon geritten, so ging die Dame auch schon zu dem ehrlichen Pater und sagte mit Heulen und Weinen: »Lieber Pater, ich muß Euch sagen, daß ich es endlich nicht länger aushalten kann. Weil ich Euch jedoch neulich versprach, nichts ohne Euer Vorwissen zu unternehmen, so bin ich jetzt gekommen, um mich bei Euch zu rechtfertigen; und damit ihr Euch überzeuget, daß ich nicht ohne Ursache klage und weine, so hört nur an, was Euer Freund (oder vielmehr Euer Satan aus der Hölle) mir diesen Morgen vor Tagesanbruch für einen Streich gespielt hat. Ich weiß nicht, durch welchen unglücklichen Zufall er mag erfahren haben, daß mein Mann gestern nach Genua geritten ist; und da kommt er Euch gleich diesen Morgen, um die Zeit, die ich Euch gesagt habe; springt mir über die Gartenmauer und klettert auf einen Baum, der gerade unter meinem Kammerfenster steht; und schon hatte er das Fenster offen gemacht und war im Begriffe, in meine Kammer zu steigen, wie ich zu meinem Glück erwachte, aufstand und Miene machte zu schreien. Ich würde auch wirklich geschrieen haben, wenn er mich nicht draußen um Gottes- und um Euretwillen um Verzeihung gebeten und zu mir gesagt hätte, wer er wäre. Um Euretwillen schwieg ich also still, sprang aber splitternackend aus dem Bett und schlug ihm das Fenster vor der Nase zu. Ich glaube, daß ihn der Henker wieder davon führte; denn ich hörte hernach nichts mehr von ihm. Sagt mir nun, ob das solche Dinge sind, die sich schicken, und die man dulden kann; ich für meinen Teil bin nicht Willens, es länger auszuhalten, nachdem ich um Euretwillen nur gar zu lange Geduld mit ihm gehabt habe.«

Wie der Pater dieses hörte, erzürnte er sich gewaltig und wußte kaum, was er dazu sagen sollte, sondern fragte die Dame mehr als einmal, ob sie auch recht gesehen und gehört hätte, und ob es nicht ein anderer gewesen wäre.

»Nein, wahrhaftig nicht (sprach sie); ich bin noch wohl im Stande, ihn von einem Anderen zu unterscheiden. Ich sage Euch, er war es selbst, und wenn er es leugnen sollte, glaubt ihm nur nicht.«

»Meine Tochter (sprach der Pater), ich muß gestehen, das ist zwar zu frech und gottlos gehandelt, und Du hast recht gethan, ihn so fortzuschicken, wie Du mir sagst. Da Dich aber Gott vor Beschimpfung gewahrt hat, so laß Dich erbitten; und nachdem Du zweimal meinen Rat befolgt hast, so folge ihm noch einmal; beklage Dich also gegen niemand von den Deinigen, sondern laß mich machen; ich will sehen, ob ich diesen eingefleischten Teufel nicht bändigen kann, den ich immer für einen Heiligen gehalten habe. Kann ich es dahin bringen, daß ich ihn von diesem schändlichen Unfug bekehre, so ist es gut, wo nicht, so gebe ich Dir hiermit meinen Segen und mein Wort, daß ich Dich will mit ihm machen lassen, was Dir beliebt.«

»Wohlan,« versetzte die Dame, »für diesmal will ich Euch weder erzürnen, noch Euch ungehorsam sein; aber seht zu, daß er sich in Acht nimmt und mir nicht mehr Verdruß macht; denn ich gebe Euch mein Wort, daß ich um dieses Handels willen nie wieder zu Euch kommen werde.«

Hierauf ging sie mit verstelltem Zorn von ihm, und sie war kaum aus der Klosterthür gegangen, wie der Kavalier dahin kam. Der Pater rief ihn zu sich, nahm ihn auf die Seite und stieß die heftigsten Reden gegen ihn aus, ihn einen treulosen, meineidigen, und wortbrüchigen Menschen nennend. Der Kavalier, welcher nun schon zweimal die Erfahrung gemacht hatte, was die Scheltworte des Paters ihm eigentlich andeuteten, suchte nur durch allerhand unbestimmte Reden den Pater zur Sprache zu bringen. »Wie nun, was zürnt Ihr so gewaltig?« fragte er. »Habe ich denn Christum gekreuzigt?«

»Seht doch den Unverschämten!« sprach der Pater. »Schwatzt er nicht so, als wenn schon ein Jahr oder zwei vergangen wären, daß er Zeit gehabt hätte, seine Schelmenstücke zu vergessen? Ist es Dir seit der Frühstunde schon wieder aus dem Gedächtnisse gekommen, wie Du Deinen Nächsten beleidigt hast? Wo warst Du heute früh vor Tagesanbruch?«

»Was weiß ich's, wo ich gewesen bin?« sprach der Kavalier. »Euer Bote muß Euch wohl früh davon Nachricht gebracht haben.«

»Ja wohl hat er mir Nachricht gebracht,« sprach der Pater. »Ich denke, Du hast wohl geglaubt, weil der Mann nicht zu Hause wäre, so sollte das hübsche Weibchen Dich nur gleich einlassen, und Dir um den Hals fallen? Hör' einmal, mein schöner Herr, der bei Nacht umherschleicht, und steigt den Leuten in die Gärten und auf die Bäume, meinst Du die Keuschheit dieser Dame zu überrumpeln, indem Du auf die Bäume kletterst und ihr in's Kammerfenster steigst? Kein Mensch in der Welt ist ihr verhaßter als Du, und Du holst Dir nichts als Schande. Ich will Dich nicht einmal daran erinnern, daß sie Dir davon mehr als einen Beweis gegeben hat, sondern nur, wie vortrefflich Du Dir meine Warnungen zu Nutze gemacht hast. Ich kann Dir aber sagen, daß sie bisher nicht aus Schonung gegen Dich, sondern auf meine Bitten und Zureden, Alles was Du bisher gethan hast, verschwiegen hat. Sie wird es aber künftig nicht mehr thun; denn ich habe ihr von nun an freie Hand gegeben, nach ihrem Belieben zu verfahren, wenn Du wieder etwas unternimmst, das ihr mißfällt. Wie wird Dir's gehen, wenn sie es ihren Brüdern klagt?«

Der Kavalier hatte nunmehr genug verstanden, was ihm zu wissen nötig war; er beschäftigte den Pater, so gut er konnte, mit den feierlichsten Verheißungen, und am andern Morgen früh stieg er über die Gartenmauer und auf den Baum, fand das Fenster offen und ward von der Dame mit offenen Armen empfangen, die ihn schon mit Verlangen erwartete und dem Pater im Herzen dankte, daß er ihm den Weg so gut gezeigt hatte. Sie lachten und scherzten noch viel über den Bruder Pinsel und wußten in der Folge ihre Maßregeln so zu nehmen, daß sie seiner Unterhandlungen nicht wieder bedurften, um sich mehr dergleichen glückliche Stunden zu verschaffen, welche der Himmel nach seiner heiligen Barmherzigkeit auch mir bescheren wolle und einer jeden Christenseele, die sich darnach sehnt.

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