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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
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Neunzehnte Erzählung.

Es befanden sich einst in einem Gasthofe zu Paris verschiedene ansehnliche italienische Kaufleute, der eine um dieses, der andere um jenes Geschäftes willen, wie es bei ihnen zu gehen pflegt; und wie sie einmal recht vergnügt mit einander zu Nacht gegessen hatten, fingen sie an, von verschiedenen Dingen zu sprechen, und von einem Gegenstande zum andern kam auch die Rede auf ihre Frauen, die sie zu Hause gelassen hatten, und einer von ihnen sagte in seiner fröhlichen Laune: »Ich weiß nicht, was meine Frau macht: aber das weiß ich wohl, daß ich, wenn mir ein hübsches Ding in den Weg kommt, die Liebe zu meinem Weibe beiseite setze, und mich mit der Gegenwärtigen vergnüge, so gut ich kann.«

Ein Anderer antwortete: »Ich mache es ebenso, denn wenn ich glaube, daß meine Frau sich ihr Vermögen ebenfalls nicht abgehen läßt, so thut sie es vermutlich, und wenn ich es nicht glaube, so geschieht es darum nicht weniger; also denk' ich: Wurst wider Wurst, und wie der Esel in's Holz ruft, so schallt's wieder heraus.«

Ein Dritter sprach fast aus dem nämlichen Tone, und kurz, es schien, daß sie alle in diesem Stücke einerlei Meinung wären, daß ihre Weiber zu Hause ihre Zeit nicht müßig zubrächten. Nur ein einziger, namens Bernabo Leomellin aus Genua sagte das Gegenteil und behauptete, daß er durch Gottes Gnade eine Frau besäße, welche mit allen Tugenden geschmückt wäre, die man sonst nur einzeln bei Männern und Weibern anträfe, und daß sie vielleicht in ganz Italien nicht ihres Gleichen hätte. Denn sie wäre nicht nur schön von Gestalt und jung an Jahren, sondern es gäbe auch keine Kraft und Wissenschaft, die einem Frauenzimmer zustände, als Seidenarbeit und dergleichen, in welcher sie es nicht weiter gebracht hätte, als eine andere. Ueberdies könnte kein Knappe oder Kammerdiener gefunden werden, der eine Tafel besser und geschickter bedienen, einen Gaul zureiten, oder einen Falken abrichten könnte, als sie; indem sie in allen Dingen gewandt, klug und wohlerzogen wäre, und dabei lesen, schreiben und rechnen könnte, wie der beste Kaufmann. Nachdem er ihr über diese und andere Dinge manchen Lobspruch erteilt hatte, kam er auch auf den Gegenstand, von welchem die Rede war, und bekräftigte mit einem Eide, daß keine ehrbarere und keuschere Matrone auf der Welt, und daß er daher überzeugt wäre, wenn er auch zehn Jahre, oder auf immer, abwesend vom Hause bliebe, so würde sie sich nimmermehr von anderen Mannspersonen von gewissen Dingen etwas vorsagen lassen.

Unter den Männern, welche diese Gespräche mit einander führten, war auch ein junger Kaufmann namens Ambrogiuolo von Piacenza, der über dieses letzte Lob, welches Bernabo seiner Frau erteilte, ein lautes Gelächter erhob, und ihn spöttisch fragte, ob denn ihm der Kaiser dies Vorrecht vor allen anderen Ehemännern gegeben habe?

Bernabo antwortete ihm etwas unwillig: der Kaiser habe ihm kein Vorrecht verliehen; aber Gott, der doch wohl etwas mehr vermöge, als der Kaiser, habe ihm diese Gnade erzeigt.

Darauf erwiderte Ambrogiuolo: »Bernabo, ich zweifle keinen Augenblick, daß Du nicht glaubst, die Wahrheit zu sagen; allein wie mich deucht, so hast Du wenig auf die Natur der Dinge Achtung gegeben: denn hättest Du das gethan, so halte ich Dich nicht für so einfältig, daß Du Dir nicht Begriffe davon abgezogen hättest, welche Dich bewögen, über diesen Gegenstand mit mehr Einschränkung zu reden. Und damit Du nicht glaubst, daß wir anderen, die wir so viel über unsere Weiber gesprochen haben, uns einbilden, sie wären anderen Sinnes und anderer Beschaffenheit als Deine Frau, so will ich mich ein wenig ausführlicher über diesen Gegenstand erklären. Ich habe immer gehört, der Mann sei das edelste, lebendige Geschöpf unter allen, die sterblich sind, welches aus der Hand Gottes kam, und nächst ihm das Weib. Allein der Mann ist, wie man allgemein annimmt, und wie man auch in der That sieht, viel vollkommener, und da er mehr Vollkommenheit besitzt, so muß er auch unfehlbar mehr Kraft und Standhaftigkeit haben, und hat sie auch wirklich. Deswegen sind insgeheim die Weiber viel unbeständiger, und man könnte die Ursache davon mit mancherlei Gründen aus der Natur erklären, die ich aber jetzt übergehen will. Wenn also der Mann mehr Standhaftigkeit besitzt und sich dennoch nicht enthalten kann, ich will nicht bloß sagen, der willigen Schönen entgegen zu kommen, sondern diejenige zu begehren, die seinen Sinnen gefällt, und nicht nur sie zu begehren, sondern auch alles anzuwenden, um sie zu besitzen; und wenn ihm dieses nicht nur etwa einmal in einem Monat, sondern tausendmal an einem Tage widerfährt, wie erwartest Du denn, daß das von Natur leicht bewegliche Weib den Bitten, den Schmeicheleien, den Geschenken, und tausend anderen Künsten widerstehen soll, die ein schlauer Liebhaber bei ihr anwendet? Glaubst Du, sie könnte sich halten? Wahrlich, Du magst das behaupten, so lange Du willst, so kann ich mich nicht überreden, daß Du es glaubst; denn Du sagst ja selbst, daß deine Gattin ein Weib ist, und Fleisch und Bein hat wie andere Weiber. Wenn dieses ist, so muß sie auch mit ihnen einerlei Begierden gemein haben, und weder mehr noch weniger Kräfte als die anderen, um diesen natürlichen Trieben zu widerstehen. Deswegen bleibt es möglich, sie mag so keusch sein, wie sie wolle, daß sie eben dasselbe thun wird, was andere thun; und was möglich ist, das sollte man nicht so unbedingt leugnen, oder das Gegenteil desselben behaupten, wie Du thust.«

Bernabo gab ihm zur Antwort: »Ich bin ein Kaufmann und kein Philosoph, und will Dir als ein Kaufmann antworten: daß ich wohl weiß, daß den thörichten Weibern dergleichen, wovon Du sprichst, wohl begegnen könne; allein diejenigen, welche weise sind, halten so strenge auf ihre Zucht, daß sie stärker werden, als die Männer, welche sich nicht so genau daran binden; und von solcher Art ist die meinige.«

»Freilich (versetzte Ambrogiuolo), wenn ihnen jedesmal, da sie solchen Anträgen Gehör geben, ein Horn vor der Stirn wüchse, welches von ihren Handlungen zeugte, so würden, glaub' ich, wenige sein, die sich darauf einließen. Aber da wächst nicht allein kein Horn, sondern es bleibt auch weder Spur, noch Zeichen übrig, bei denen, die sich mit Klugheit benehmen; und die Schande und der Verlust der Ehre trifft nur solche Handlungen, welche bekannt werden; was aber heimlich geschehen kann, das thun sie alle oder wenn sie Närrinnen sind, so lassen sie es bleiben. Du kannst also versichert sein, daß nur diejenige keusch bleibt, die entweder niemals in Versuchung geführt, oder die wohl gar abgewiesen ward, indem sie selbst die Rolle der Versucherin übernahm. Und obwohl mir dieses alles aus natürlichen und unbezweifelten Gründen klar ist, so würde ich doch nicht bestimmt davon sprechen, wenn ich nicht oft und bei vielen die Erfahrung selbst gemacht hätte. Ja, ich sage Dir dabei, daß ich glaube, wenn ich bei Deiner eigenen Frau wäre, die eine solche heilige sein soll, so würde ich sie in kurzer Zeit so kirre machen, wie ich schon so viele andere gemacht habe.«

Bernabo gab ihm empfindlich zur Antwort: »Mit Worten könnten wir lange streiten; Du würdest dies behaupten und ich jenes, und am Ende wird doch nichts ausgemacht. Aber weil Du doch sagst, daß sie alle so geschmeidig sind, und daß Deine Kunst so weit geht, so bin ich bereit, um die Keuschheit meiner Frau zu behaupten, mir den Kopf abschneiden zu lassen, wenn Du sie jemals bewegen kannst, sich Dir auf eine ungeziemende Art gefällig zu erweisen; und wenn Du es nicht kannst, so soll es Dir nicht mehr als tausend Goldgulden kosten.«

Ambrogiuolo, der über dem Dinge schon in Wärme geriet, versetzte: »Bernabo, ich bin nicht so gesinnt, daß mir nach Deinem Blute gelüsten sollte, wenn ich gewinne. Hast Du aber Lust, es auf den Beweis dessen, was ich gesagt habe, ankommen zu lassen, so setze fünftausend Goldgulden, die Dir doch wohl nicht so teuer sein werden, wie Dein Leben, gegen meine tausend; und wiewohl Du mir keinen Zeitraum bestimmt hast, so will ich mich doch anheischig machen, nach Genua zu gehen, und innerhalb drei Monaten, von dem Tage meiner Abreise gerechnet, Deine Frau zu bewegen, mir zu Willen zu sein, und zum Beweise dessen Dir einige von ihren liebsten Sachen, und mit einem Worte solche Merkmale mitzubringen, daß Du selbst Dich für überzeugt erklären sollst; wofern Du mir nur auf Deine Ehre versprichst, daß Du Deiner Frau nichts von der Sache schreiben willst.«

Bernabo sagte, er sei es völlig zufrieden, und obwohl die übrigen Kaufleute, welche gegenwärtig waren, sich alle Mühe gaben, den Handel zu hintertreiben, weil sie sahen, daß großes Unheil daraus entstehen könnte, so waren doch die Beiden so erpicht darauf, daß sie ungeachtet aller Einreden der anderen ihre Wette einander schriftlich bekräftigten. Wie dieses geschehen war, blieb Bernabo in Paris und Ambrogiuolo ging nach Genua, wo er sich einige Tage aufhielt, und sich genau nach der Wohnung und nach dem Lebenswandel der Dame erkundigte; und wie er eben dasselbe von ihr hörte, was Bernabo von ihr behauptet hatte, und noch mehr dazu, so schien es ihm, daß er ein tolles Wagestück unternommen hätte; doch gelang es ihm, Bekanntschaft mit einer armen Frau zu machen, welche viel in dem Hause der Dame aus- und einging und welcher sie sehr gewogen war. Wie er diese Frau sonst zu nichts bewegen konnte, bestach er sie durch Geld, daß sie ihn in einem Kasten, den er sehr künstlich nach seiner eigenen Erfindung verfertigen ließ, nach dem Hause der Dame und in ihre eigene Kammer schaffte, indem sie die Dame bat (unter dem Vorwande, daß sie verreisen müßte), ihr die Kisten ein paar Tage zu bewahren.

Die Kiste blieb demnach in der Kammer stehen, und wie es Nacht ward, und die Stunde kam, da Ambrogiuolo vermutete, daß die Dame im ersten Schlafe läge, öffnete er den Deckel, und schlich ganz leise heraus. Bei dem Lichte einer Kerze, die in der Kammer brannte, betrachtete er die ganze Einrichtung derselben, die Gemälde und andere in die Augen fallenden Gegenstände, und prägte sich dieselben genau in's Gedächtnis. Hierauf nahte er sich dem Bette, und weil er fand, daß die Dame nebst einem kleinen Mädchen, das neben ihr lag, ganz fest eingeschlafen war, so hatte er volle Muße, sie zu betrachten, und sie unbekleidet noch schöner zu finden, als in ihrem Schmucke. Er suchte lange Zeit vergeblich nach irgend einem besonderen Zeichen an ihrem Leibe, auf welches er sich berufen könnte, bis er endlich ein kleines Muttermal unter ihrer linken Brust gewahr ward, welches mit fünf oder sechs goldenen Härchen umgeben war. Mehr als einmal geriet er in Versuchung, indem er die schlafende Schöne betrachtete, sein Leben daran zu wagen und sich ihr zur Seite zu legen; allein er hatte zuviel von der Strenge ihres Wandels gehört, um dieses Wagestück zu unternehmen. Nachdem er also Zeit genug gehabt hatte, um aus einer ihrer Kisten eine Börse, einen Unterrock, einen Ring und einen Gürtel zu entwenden, schlich er sich damit wieder in seinen Kasten, den er wieder verschloß und in der folgenden Nacht fortfuhr, alles auszukundschaften, ohne daß die Dame etwas davon merkte. Am dritten Tage kam die Frau, der Abrede gemäß, wieder, um ihren Kasten abzuholen, und ihn dahin zu bringen, wo sie ihn gefunden hatte; worauf Ambrogiuolo herausstieg, der Frau die versprochene Belohnung gab und sich mit den entwandten Sachen eiligst auf den Weg nach Paris machte, wo er vor Ablauf der verabredeten Frist ankam.

Hier berief er die Kaufleute zusammen, welche bei der Unterredung und bei der Wette gegenwärtig gewesen waren, und sagte in Bernabo's Gegenwart zu ihnen, er habe die Wette gewonnen, die zwischen ihnen beiden geschlossen worden, indem er dasjenige ausgeführt habe, wozu er sich anheischig gemacht. Zum Beweise dessen beschrieb er zuerst die Lage der Kammer und die darin befindlichen Gemälde und zeigte hernach die Sachen vor, die er mitgebracht hatte, und die er vorgab, von der Dame erhalten zu haben.

Bernabo gab zu, daß die Kammer so beschaffen wäre, wie er sagte, und daß die vorgezeigten Sachen wirklich seiner Frau gehört hätten; allein er sagte, jener könnte leicht durch jemand von der Dienerschaft des Hauses die Beschaffenheit des Zimmers erfahren und auf gleiche Weise die Sachen erhalten haben; wenn er demnach nichts weiter für sich zu sagen hätte, so schienen ihm diese Beweise noch nicht hinreichend, um die Wette zu seinem Vorteil zu entscheiden.

»In der That (sagte Ambrogiuolo), müßte dieses wohl hinreichend sein; weil Du aber verlangst, daß ich noch mehr sagen soll, so will ich es thun und will Dir sagen, daß Madonna Ginevra, Deine Frau, ein ziemlich großes Mal unter ihrer linken Brust hat, welches mit einem halben Dutzend goldgelber Härchen umwachsen ist.«

Diese Worte waren dem Bernabo ein Dolchstich durchs Herz, und der Schmerz darüber verwandelte sein Gesicht so sehr, daß man, wenn er auch kein Wort gesagt hätte, deutlich sehen konnte, was Ambrogiuolo gesprochen habe, müsse wahr sein. Nach einer kleinen Pause sagte er: »Meine Herren, was Ambrogiuolo erzählt ist wahr; und da er gewonnen hat, so mag er sein Geld empfangen, wenn es ihm gefällt.«

Am folgenden Tage ward dem Ambrogiuolo das Geld wirklich bezahlt, und Bernabo entfernte sich von Paris und machte sich auf den Weg nach Genua, mit einem Herzen voll Rachgier gegen seine Frau. Wie er nahe bei Genua kam, wollte er nicht hineingehen, sondern blieb in einer Entfernung von ungefähr zwanzig Meilen in einem seiner Landhäuser, und schickte einen vertrauten Diener mit zwei Pferden und mit einem Briefe in die Stadt, in welchem er seiner Frau seine Ankunft meldete und ihr befahl, mit dem Überbringer zu ihm zu kommen. Dem Diener aber gab er heimlich den Befehl, sobald er sich mit der Dame an einem entlegenen Ort befände, der ihm am bequemsten schiene, sie ohne Barmherzigkeit zu ermorden und zu ihm zurückzukehren.

Wie der Diener nach Genua kam und den Brief übergab, empfing ihn die Dame mit großen Freuden, stieg mit ihm am folgenden Morgen zu Pferde und nahm den Weg nach dem Landhause. Indem sie unterwegs von mancherlei Dingen sprachen, kamen sie an ein tiefes, einsames Thal, von hohen Felsen und Bäumen eingeschlossen, welches dem Diener der Ort zu sein schien, wo er den Befehl seines Herrn am sichersten ausführen könnte. Er zog demnach seinen Dolch, ergriff die Dame beim Arm und sagte: Madonna empfehlt Eure Seele Gott; Ihr müßt auf dieser Stelle sterben.«

Die Dame, die den gezückten Dolch sah und die schrecklichen Worte vernahm, rief voll Angst: »Um Gottes willen habe die Barmherzigkeit, ehe Du mich tötest, mir zu sagen, womit ich Dich beleidigt habe, daß Du mich morden willst.«

»Madonna (sprach der Diener), mich habt Ihr nicht beleidigt; was Ihr aber gegen Euren Gemahl müßt gesündigt haben, das weiß ich nicht; aber er ist's, der mir befohlen hat, Euch ohne Barmherzigkeit auf dieser Reise um's Leben zu bringen, und wenn ich es nicht thue, so hat er mir gedroht, mich aufhängen zu lassen. Ihr wißt, wie viel ich ihm zu danken habe und daß ich ihm nichts abschlagen kann, das er von mir verlangt. Gott weiß, Ihr dauert mich; allein ich kann's nicht ändern.«

»Um des Himmels willen (bat ihn die Dame mit Thränen), werde nicht zum Mörder an mir, einem Andern zu Gefallen, da ich Dich nie beleidigt habe! Gott, der alle Dinge sieht, weiß, daß ich nie etwas begangen habe, wofür ich von meinem Gemahl einen solchen Lohn verdiene. Aber dieses beiseite gesetzt, so kannst Du doch zu gleicher Zeit Gott und Deinem Herrn und mir gefällig sein, und zwar auf diese Weise: Du nimmst meine Kleider und giebst mir nur Deinen Wams und einen Überrock, und kehrst zurück zu Deinem und meinem Herrn, und sagst ihm, Du habest mich umgebracht. Ich schwöre Dir dagegen bei dem Leben, das Du mir schenkest, mich von hier zu entfernen und so weit zu gehen, daß weder er, noch Du, noch jemand in diesem Lande das Geringste von mir erfahren soll.«

Der Diener, der ungern an ihr zum Mörder ward, ließ sich leicht zum Mitleid bewegen; er nahm demnach ihre Kleider, gab ihr ein schlechtes Wams und einen Überrock und ließ ihr das wenige Geld, welches sie bei sich hatte, und indem er sie nochmals bat, sich aus der Gegend zu entfernen, ließ er sie in dem Thal zu Fuß zurück, und kam zu seinem Herrn, welchem er versicherte, er habe seinen Befehl nicht nur ausgerichtet, sondern auch gesehen, daß die Wölfe bereits über den Leichnam hergefallen wären. Bernabo kam kurz darauf nach Genua, und wie seine rasche That bekannt ward, verdammte sie ein Jeder.

Die verlassene und bekümmerte Frau verkleidete und verstellte sich so gut sie konnte, und ging bei anbrechender Nacht in ein nahe gelegenes Dorf, wo sie von einer guten Frau dasjenige erhielt, was sie brauchte, um das Wams nach ihrem Leibe zurecht zu machen, und den Überrock in ein Paar Pantalons umzuschaffen; worauf sie ihr Haar kurz abschnitt und sich ganz das Ansehen eines Matrosen gab, und sich alsdann aufmachte, und nach der Seeküste ging, wo sie von ungefähr einen Herrn aus Katalonien, namens Sennor Encarache antraf, der sein Schiff, welches nicht weit davon vor Anker lag, verlassen hatte, um sich bei einem Brunnen ein wenig abzukühlen. Sie ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein, und ward mit ihm einig, bei ihm in Dienste zu gehen, worauf sie unter dem Namen Sicurano da Finale mit ihm an Bord ging. Sicurano ward nunmehr von seinem Herrn besser gekleidet, und bediente ihn so geschickt und mit solchem Eifer, daß er sich sehr bei ihm in Gunst setzte.

Nicht lange darnach schiffte der Katalonier mit einer Ladung nach Alessandria, und nahm einige auserlesene Falken für den Sultan mit, die er ihm überreichte; worauf ihn dieser einige Mal zur Tafel zog, und wie er das Betragen des Sicurano (der ihn immer bediente) beobachtete und Gefallen an ihm fand, bat er den Katalonier, ihn ihm zu überlassen, welches dieser auch that, obwohl er selbst ihn ungern entbehrte. Sicurano erwarb sich in kurzer Zeit durch sein Wohlverhalten das Wohlwollen des Sultans in eben dem Maße, in welchem er sich bei dem Katalonier beliebt gemacht hatte; daher es sich denn nach einiger Zeit begab, wie in Acre zu einer gewissen Jahreszeit ein öffentlicher Markt gehalten ward, wo sich eine große Menge christlicher und sarazenischer Kaufleute versammelten, und wohin der Sultan, der Sicherheit der Kaufleute und ihrer Waren wegen, jederzeit außer anderen Offizieren auch einen von den Großen seines Hofes mit einem gehörigen Gefolge zu schicken pflegte, um auf alles ein Auge zu haben, daß der Sultan sich entschloß, den Sicurano in dieser Eigenschaft dahin zu schicken, welcher die Sprache des Landes bereits genugsam verstand.

Wie nun Sicurano als Befehlshaber und Hauptmann über die Bedeckung der Kaufleute und ihrer Güter nach Acre kam, und sich seines Dienstes mit allem Fleiß annahm, und folglich, indem er allenthalben umher ging, eine Menge Kaufleute Sizilianer, Pisaner, Genuesen, Venetianer und andere Italiener antraf, so pflegte er sich sehr gerne mit ihnen zu unterhalten, und sich seines Vaterlandes dabei zu erinnern. Wie er nun auch einmal in das Gewölbe eines Venetianers kam, ward er unter anderen hübschen Sachen auch eine Börse und einen Gürtel gewahr, die er sogleich für die seinigen erkannte, und sich darüber verwunderte; doch ließ er sich nichts merken, und fragte nur sehr höflich, wem die Sachen gehörten, und ob sie zu kaufen wären.

Ambrogiuolo von Piacenza, der auch mit vielen Waren auf einem venetianischen Schiffe dahin gekommen war, und hörte, daß der Befehlshaber der Wache nach diesen Sachen fragte, kam geschwind herzu und sagte mit Lachen: »Mein Herr, die Sachen gehören mir und sind mir nicht zu Kauf; wenn sie Euch aber gefallen, so stehen sie Euch zu Dienst.«

Sicurano schloß aus seinem Lachen, daß er an irgend einer seiner Handlungen vielleicht sein Geschlecht entdeckt hätte, er nahm inzwischen eine ernsthafte Miene an und sagte: »Du lachst vielleicht darüber, daß ein Mann, der Waffen trägt, wie ich, nach solchen Weibersächelchen fragt?«

»Mein Herr (sprach Ambrogiuolo), ich lachte nicht darüber; sondern über die Art und Weise, wie ich zu diesen Sachen gekommen bin.«

»Wenn Ihr nicht besondere Ursache habt, ein Geheimnis daraus zu machen (sprach Sicurano), so erzählt uns doch, ich bitte Euch, wie Ihr sie bekommen habt.«

»Mein Herr (sprach Ambrogiuolo), sie wurden mir einst nebst anderen Sachen von einer hübschen Genueserin geschenkt, namens Madonna Ginevra, der Frau eines gewissen Bernabo Leomellin, nachdem ich die Nacht mit ihr zugebracht hatte; und sie bat mich, sie ihr zum Andenken zu behalten. Ich mußte jetzt lachen, weil mir eben die Narrheit ihres Mannes einfiel, welche so weit ging, daß er fünftausend Goldgülden mit mir wettete, daß ich bei seiner Frau meinen Willen nicht erreichen würde; allein es geschah und ich gewann die Wette, und er, der sich lieber selbst für seine Dummheit hätte bestrafen sollen, als seine Frau, die nichts mehr that, als was alle anderen Weiber thun, ließ sein Weib umbringen (wie ich hernach gehört habe), sobald er von Paris nach Genua zurück kam.«

Sicurano merkte nun deutlich aus dieser Erzählung, was den Bernabo so sehr gegen seine Frau aufgebracht hatte, und daß Ambrogiuolo an all ihrem Unglück Schuld war; daher er sich auch fest vornahm, ihn nicht ungestraft entwischen zu lassen. Er stellte sich demnach gegen Ambrogiuolo, als ob er besonderes Wohlgefallen an dieser Geschichte hätte, und wußte sich so geschickt sein Zutrauen zu erwerben, daß er nach geendigtem Markte samt allen seinen Sachen mit ihm nach Alessandria zog, wo ihm Sicurano ein Gewölbe bauen ließ, und ihm eine gute Summe Geldes vorstreckte, so daß er gerne da blieb, weil er seinen Vorteil dabei fand.

Sicurano ließ es sich inzwischen sehr angelegen sein, dem Bernabo die Unschuld seiner Frau darzuthun, und er ruhte nicht eher, bis er mit Hülfe einiger angesehener, genuesischer Kaufleute ein Mittel fand, ihn nach Alessandria zu locken, wo er endlich in armseligen Umständen ankam, und wo ihn ein vertrauter Freund des Sicurano so lange heimlich beherbergen mußte, bis es diesem schien, Zeit zu sein, sein Vorhaben auszuführen. Er hatte bereits Gelegenheit genommen, den Ambrogiuolo sein Märchen in Gegenwart des Sultans erzählen zu lassen, und diesen damit zu ergötzen. Jetzt aber, da Bernabo angekommen war, säumte er nicht lange, sondern bat zu gelegener Zeit den Sultan, den Ambrogiuolo und Bernabo zugleich vor sich kommen zu lassen, und den ersteren, wenn er sich nicht in der Güte dazu bequemen wollte, mit Gewalt zu zwingen, in Gegenwart des Bernabo die reine Wahrheit zu erklären, wie es mit dem Abenteuer zusammenhinge, das er mit der Gattin des Bernabo gehabt zu haben sich rühmte. Wie demnach Ambrogiuolo und Bernabo vorgeführt wurden, so befahl der Sultan dem ersteren in Gegenwart vieler Personen mit gebieterischem Blicke, die reine Wahrheit zu erzählen, auf welche Art er dem Bernabo einst fünftausend Goldgülden abgewonnen habe. Auch Sicurano, welcher gegenwärtig war, und auf welchen Ambrogiuolo sein Vertrauen setzte, drohte ihm gleichfalls, mit Zorn im Blicke, die grausamsten Martern, wenn er nicht die Wahrheit bekenne, so daß Ambrogiuolo, welchem man von allen Seiten zusetzte, und ihn auch einige Zwangsmittel wirklich fühlen ließ, und welcher sich keine größere Strafe vermutete, als daß er die fünftausend Goldgülden dem Bernabo würde zurückgeben müssen, in Gegenwart desselben und vieler Anderen rein heraus bekannte, wie sich die ganze Sache verhielte.

Wie Ambrogiuolo alles gebeichtet hatte, wandte sich Sicurano, als des Sultans Stellvertreter, an Bernabo, und fragte ihn: »Was thatest denn Du, zufolge dieser Lüge, mit Deiner Frau?«

»Ich ließ mich (sprach Bernabo), von meinem Verdruß über den Verlust meines Geldes, und über die Schande, die mir, wie ich glaubte, mein Weib zugefügt hatte, verleiten, und befahl einem meiner Diener, sie umzubringen; welcher mir auch gesagt hat, sie sei sogleich von den Wölfen gefressen worden.«

Wie diese Geschichten in Gegenwart des Sultans waren erzählt und von jedermann vernommen worden, und der Sultan noch immer nicht wußte, was Sicurano, der dieses alles verlangt und angestellt hatte, damit haben wollte, sprach dieser zu ihm: »Gnädiger Herr, Ihr seht nun klar genug, wie sehr sich das gute Weib ihres Ehemannes und ihres Liebhabers zu rühmen hatte. Der Liebhaber raubt ihr in einer einzigen Stunde ihre Ehre, indem er ihren guten Ruf durch Lügen befleckt, und zugleich die Liebe ihres Mannes. Und der Mann, der den Lügen eines Fremden mehr Glauben giebt, als der Wahrheit, die ihm aus langer Erfahrung bekannt war, läßt sie totschlagen und von Wölfen fressen. Und überdies geht die Liebe und das Gefühl des Mannes und des Liebhabers für sie so weit, daß sie beide eine lange Zeit mit ihr an einem Orte wohnen, ohne daß einer von ihnen sie erkennt. Weil Ihr jedoch am besten wißt, was ein jeder von ihnen verdient hat, so will ich, wenn Ihr mir die besondere Gnade erweisen wollt, den Betrüger zu bestrafen, und dem Betrogenen zu verzeihen, Euch die Frau selbst hier stellen.«

Der Sultan, der sich willig bezeigte, dem Sicurano zu willfahren, sagte es ihm zu und befahl ihm, die Frau auftreten zu lassen. Bernabo, der sie ganz gewiß für tot hielt, erstaunte darüber gewaltig, und Ambrogiuolo, der sein Unglück kommen sah, fing schon an, zu besorgen, daß er mit Geld nicht abkommen würde, und wußte nicht, ob er die Ankunft der Dame mehr wünschen oder fürchten sollte; doch erwartete er mit ängstlichem Wunsche, sein Schicksal entschieden zu sehen, ihre Ankunft.

Wie nun der Sultan dem Sicurano seine Erlaubnis gegeben hatte, warf sich dieser weinend zu seinen Füßen, ließ auf einmal die männliche Stimme und alle Ansprüche auf männliches Wesen fahren und sagte: »Gnädiger Herr! ich selbst bin diese arme, unglückliche Ginevra, welche sechs Jahre lang in männlicher Kleidung in der Welt umher wanderte; von diesem Verräter Ambrogiuolo fälschlich und boshaft verleumdet, und von jenem hartherzigen und unbilligen Mann einem Knechte überantwortet, daß er mich töten, und mich den Wölfen vorwerfen sollte.« Sie überführte zu gleicher Zeit den Sultan und alle Anwesenden, indem sie ihr Wams aufriß und ihre Brust entblößte, daß sie ein Frauenzimmer war. Hierauf fragte sie mit ernstem, strafenden Blick den Ambrogiuolo, ob er jemals so wie er sich gerühmt, Gunstbezeigungen von ihr empfangen habe? Wie er sie jetzt erkannte, verschloß die Scham ihm den Mund, und er konnte ihr kein Wort antworten. Der Sultan, der sie beständig für eine Mannsperson gehalten hatte, ward so verwundert über alles, was er sah und hörte, daß er mehr als einmal seinen eigenen Augen und Ohren nicht traute, und alles vielmehr für einen Traum, als für Wahrheit hielt. Wie endlich seine Verwunderung sich legte und die Wahrheit ihm einleuchtete, konnte er nicht aufhören, die kluge Führung, die Standhaftigkeit, die Sitten und Tugenden der Ginevra zu loben; er ließ ihr schöne und anständige Weiberkleider geben, und Frauen zu ihrer Aufwartung bestellen und schenkte auf ihre Bitte dem Bernabo die verdiente Todesstrafe.

Dieser erkannte seine Schuld, warf sich ihr weinend zu Füßen und bat sie um Verzeihung, die sie ihm auch gern gewährte, so wenig er sie auch verdient hatte.

Darauf befahl der Sultan, den Ambrogiuolo unverzüglich an einen Pfahl zu binden, ihn mit Honig zu beschmieren und ihn nicht eher wieder abzunehmen, bis er tot hinfiele. Ferner befahl er, alles Eigentum des Ambrogiuolo der Ginevra zu geben, welches reichlich zehntausend Dublonen betragen mochte: Er ließ auch ein großes Fest anstellen, an welchem er den Bernabo als Ginevra's Gemahl, und sie selbst als ein Muster vortrefflicher Frauen bewirtete, und ihr an Kleinoden, an Gold- und Silbergerät, und barem Geld so viel schenkte, daß es zusammen mehr, als noch einmal zehntausend Dublonen betrug.

Nach geendigtem Feste ließ er ein Schiff ausrüsten, und erlaubte ihnen, nach ihrem Gefallen nach Genua zurückzukehren; woselbst sie auch glücklich und mit großen Reichtümern ankamen und mit vielen Ehrenbezeigungen aufgenommen wurden; besonders Madonna Ginevra, welche jedermann für tot gehalten hatte, und welche von nun an lebenslang als ein tugendhaftes und treffliches Weib beehrt ward.

Ambrogiuolo ward noch an demselben Tage, an welchem man ihn an den Pfahl band und mit Honig beschmierte, von den Fliegen, Wespen und Hornissen, die in jenen Gegenden sehr häufig sind, bis auf die Knochen verzehrt, und sein weißgebleichtes Gebein diente noch lange Zeit zu einem warnenden Denkmal seiner Bosheit, und zum Beweise, daß der Betrüger dem Betrogenen unterliegt.

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