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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
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Erste Erzählung.

Man erzählt von einem gewissen Musciatto Francesie, der in Frankreich aus einem reichen und angesehenen Kaufmann ein Edelmann geworden war, und mit Charles Sansterre, dem Bruder des Königs von Frankreich (den der Papst Bonifacius zu sich berufen hatte, und der sich auch willig finden ließ) nach Toscana ziehen sollte, daß er (wie es den Kaufleuten oft zu gehen pflegte) sein Vermögen hie und da versteckt hatte, und weil es sich nicht in der Geschwindigkeit losmachen ließ, den Entschluß faßte, verschiedenen Personen den Auftrag zu geben, mit seinen Schuldnern Abrechnung zu halten! Er fand auch zu allem Rat; nur blieb er in Verlegenheit, wem er es auftragen sollte, mit gewissen Burgundern, die ihm schuldig waren, Richtigkeit zu treffen. Diese Verlegenheit entstand daher, daß er seine Burgunder als hartnäckige, übelgesinnte und betrügerische Leute kannte, und er wußte sich auf keinen Menschen zu besinnen, den er für verschlagen und listig genug gehalten hätte, um sich auf ihn genugsam verlassen und ihn seinen Schuldnern entgegensetzen zu können. Wie er lange genug darüber nachgedacht hatte, erinnerte er sich endlich eines gewissen Ser Ciapperello da Prato, der oft in sein Haus in Paris zu kommen pflegte, und den die Franzosen Ciappelletto zu nennen gewohnt waren; denn weil er klein von Person und sehr zierlich und geschniegelt war, und weil die Franzosen nicht wußten, was Ciapperello bedeuten sollte, sondern glaubten, er hieße vielleicht Cappello (Kranz), welches in ihrer Sprache Chapelet heißt, so nannten sie ihn, weil er so klein war, nicht Capello, sondern Ciappelletto, und unter diesem Namen war er allgemein bekannt, da hingegen wenige seinen rechten Namen Ciapperello wußten. Mit der Lebensart dieses Ser Ciappelletto hatte es folgende Bewandtnis: er war ein Notarius, würde sich aber gewaltig geschämt haben, wenn unter den wenigen Instrumenten, die er ausfertigte, sich ein einziges richtige befunden hätte; aber falsche zu schmieden, war er jeden Augenblick bei der Hand, und machte dergleichen lieber umsonst, als ein echtes für die beste Bezahlung. Falsches Zeugnis legte er ab mit dem größten Vergnügen, gebeten oder ungebeten; und da man zu der Zeit in Frankreich einem Eidschwur großen Glauben beimaß, so wurden alle Prozesse gewonnen, in welchen er zum Zeugen auf seinen Eid gerufen ward, weil es ihm keine Ueberwindung kostete, einen Meineid zu schwören. Er gab sich auch viele Mühe, und fand ein großes Vergnügen daran, Feindschaft und Verdruß in Familien und zwischen Freunden und andern Personen anzustiften, und je größer das Unglück war, das daraus entstand, desto größer war seine Freude. Ward er eingeladen an einem Morde, oder an einem andern Verbrechen Teil zu nehmen, so gab er nie eine abschlägige Antwort, sondern war gerne mit dabei, und hatte mit eigenen Händen manchen Menschen verwundet und erschlagen. Er war der größte Lästerer Gottes und seiner Heiligen, und fluchte und lästerte bei jedem kleinsten Anlaß, weil er mehr als gewöhnlich jähzornig war. In die Kirche ging er nie, und ihre Sakramente verlästerte er als verächtliche Dinge mit den abscheulichsten Ausdrücken. Dagegen war er nirgends lieber als in den Kneipschenken und an andern liederlichen Oertern. Die Weiber liebte er wie der Hund den Knüttel, dem entgegengesetzten Laster aber war er mehr als irgend ein anderer Schandbube ergeben. Raub und Diebstahl beging er mit eben dem Gewissen, womit ein heiliger Mann seine Gabe auf dem Altar darbringen würde. Er war ein Fresser und Säufer bis zum ekelhaftesten Uebermaße, und als falscher Spieler mit Karten und Würfeln war er berüchtigt. Mit einem Worte, er war vielleicht der größte Bösewicht, der jemals geboren ward. Die Macht und der Reichtum des Musciatto dienten ihm lange Zeit zur Stütze, und um seinetwillen fürchteten ihn oft diejenigen Privatpersonen, die er bisweilen beleidigte, und der Hof, der seinen Frevel stets empfand. Wie sich demnach Musciatto dieses Ser Ciapperello erinnerte, dessen Lebenswandel ihm durch und durch bekannt war, so hielt er ihn eben für den rechten Mann, welchen er der Arglist seiner Burgunder entgegensetzen müßte. Er ließ ihn also rufen, und sagte: »Ciappelletto, ich bin, wie Du weißt, im Begriff, mich gänzlich von hier zu entfernen, und da ich unter Andern mit einigen Burgundern in Geschäften stehe, die ausgefeimte Betrüger sind, so weiß ich nicht, wen ich besser schicken kann als Dich, um meine Forderungen von ihnen einzutreiben. Weil Du nun eben jetzt nichts Anderes zu thun hast, so will ich Dir Geleitsbriefe vom Hofe verschaffen, wenn Du Dich dieser Sachen annehmen willst, und will Dir von allem, was Du mir einbringst, einen solchen Teil geben, daß Du mit mir zufrieden sein kannst.«

Ser Ciappelletto, der keine Geschäfte hatte, dessen Umstände schlecht bestellt waren, und der eben denjenigen abreisen sah, welcher lange Zeit sein einziger Stecken und Stab gewesen war, entschloß sich, von der Not gedrungen, kurz und gut, und gab seine Einwilligung. Wie sie beiderseits einig waren, gab ihm Messer Musciatta seine Vollmacht und den Geleitsbrief des Königs, und Ser Ciappelletto ging nach Burgund, wo ihn fast niemand kannte, und fing an, wider seine Gewohnheit, mit Sanftmut und Gelindigkeit die Schulden einzufordern, und die Geschäfte zu verrichten, um derentwillen er gekommen war; gleichsam als wollte er das Gezänk und Streiten bis zuletzt verspüren. Wie er sich zu diesem Endzweck bei zweien Brüdern aus Florenz, die auf Wucher liehen, und die ihn aus Achtung für Musciatto sehr gut aufnahmen, eingemietet hatte, traf es sich, daß er krank ward, weswegen die beiden Brüder sogleich Aerzte und Aufwärter anschafften, die ihn bedienen mußten; allein es half nichts, sondern der Ehrenmann, der nicht mehr jung war, und ausschweifend gelebt hatte, ward nach dem Urteil der Aerzte täglich schwächer, und eilte dem Tode entgegen, welches den beiden Brüdern sehr ungelegen war. Eines Tages unterredeten sie sich miteinander nahe der Kammer, wo Ciappelletto krank lag. »Was machen wir mit dem Menschen?« fragte einer den andern. »Wir sind mit ihm sehr schlimm daran; denn es wäre Sünde und Schande, ihn so krank aus dem Hause zu schaffen, nachdem die Leute gesehen haben, daß wir ihn bei gesunden Tagen gut aufgenommen, und ihn hernach mit aller Sorgfalt haben pflegen lassen; und nun, da er uns keine Ursache zum Mißvergnügen kann gegeben haben, sollten wir ihn plötzlich, und noch dazu todkrank, fortschicken? An der andern Seite aber ist er ein so gottloser Mensch gewesen, daß er jetzt nicht wird beichten oder irgend ein Sakrament gebrauchen wollen, und wenn er ohne Beichte stirbt, so wird man seinen Leichnam in keiner Kirche aufnehmen, sondern ihn wie einen Hund in eine Grube werfen. Ja, wenn er auch beichtete, so sind seine Sünden so groß und abscheulich, daß es ihm nicht besser gehen wird; denn weder Mönch noch Weltpriester werden ihn lossprechen wollen, oder können, um zu verhüten, daß er nicht eben so auf den Anger geworfen werde. Wenn aber dieses geschähe, so würden die Leute in dieser Stadt (die uns nicht nur wegen unseres Gewerbes, das ihnen verhaßt ist, Böses Nachreden, sondern auch die größte Lust haben, uns das Unsrige zu rauben) einen Auflauf erregen, würden über die lombardischen Hunde schreien, welche die Kirche abgewiesen haben, und würden uns nicht länger das Brot gönnen, sondern uns das Haus stürmen und vielleicht nicht nur unsere Güter rauben, sondern auch unsere Personen antasten, so daß es auf alle Weise mißlich mit uns steht, wenn er sterben sollte.«

Ciappelletto, der wie gesagt nicht weit davon lag, wo jene mit einander sprachen, hatte ein feines Gehör, wie es die Kranken oft haben, und verstand alles, was sie von ihm sprachen. Er ließ sie zu sich rufen und sagte zu ihnen: »Ich wünschte nicht, Euch auf irgend eine Weise um meinetwillen in Verlegenheit zu wissen, oder Euch die Besorgnis zu verursachen, daß Ihr meinetwegen in Schanden und Unglück geraten solltet. Ich habe alles gehört, was Ihr von mir gesprochen habt, und Ihr habt freilich Recht, daß es so kommen würde, wie Ihr fürchtet, wenn dasjenige geschähe, was Ihr voraussetzt; allein es soll schon anders gehen. Ich habe in meinem Leben an unserm Herrn Gott so vieles gesündigt, daß eine Sünde mehr oder weniger am Rande des Grabes nichts verschlimmern oder verbessern wird. Laßt mir demnach nur den frömmsten und besten Pater herkommen, den Ihr finden könnt (wenn ein solcher zu haben ist), und laßt mich nur machen, so sollt Ihr sehen, daß ich Eure und meine Angelegenheit in Ordnung bringen will, wie sichs gebührt, und daß Ihr sollt mit mir zufrieden sein.«

Die beiden Brüder bauten zwar nicht viel auf diese Versicherung; nichts desto weniger gingen sie nach einem Kloster und begehrten einen klugen und frommen Mann, um die Beichte eines Lombarden zu hören, der in ihrem Hause krank läge. Man gab ihnen auch einen alten Klosterbruder von sehr erbaulichem frommen Wandel mit, einem in der Schrift wohlgelehrten und sehr ehrwürdigen Mann, der bei allen Bürgern in der Stadt in besonderem Ansehen und Hochachtung stand, und sie führten ihn nach ihrem Hause. Wie er in die Kammer des Ciappelletto kam und sich neben sein Bett gesetzt hatte, fing er zuerst an, ihn mit Sanftmut zu trösten, und fragte ihn dann, wie lange es wäre, seitdem er zum letzten Mal gebeichtet hätte.

Ciappelletto, der nie zur Beichte gegangen war, gab ihm zur Antwort: »Mein Vater, es ist immer meine Gewohnheit gewesen, wöchentlich wenigstens einmal zu beichten, wiewohl ich es auch oft mehrmals gethan habe; aber die Wahrheit zu sagen, seit meiner Krankheit, die nun schon über acht Tage dauert, habe ich noch gar nicht gebeichtet; so sehr hat mir meine Krankheit zugesetzt.«

»Wohl gethan, mein Sohn«, sprach der Pater, »und nur immer so fortgefahren! Ich merke wohl, da Du so oft beichtest, so werde ich wenig Mühe haben, Dich zu vernehmen und zu befragen.«

»Sagt das nicht, lieber Vater«, sprach Ciappelletto. »Ich habe nie so oft und so viel gebeichtet, daß ich nicht jedes Mal wünschen sollte, eine allgemeine Beichte meiner Sünden abzulegen, so weit ich mich ihrer von dem Tage meiner Geburt an bis an den Tag meiner Beichte erinnern kann. Darum bitte ich Euch, bester Pater, mich über alle Dinge so strenge zu befragen, als ob ich noch nie gebeichtet hätte. Und kehrt Euch nur nicht daran, daß ich so krank bin; denn ich will weit lieber mein Fleisch und Blut kreuzigen, als ihnen zu Gefallen etwas thun, das meiner Seele zum Verderben gereichen könnte, die mein Heiland mit seinem teuren Blute erkauft hat.«

Diese Worte gefielen dem frommen Geistlichen sehr wohl, und schienen ihm ein Beweis eines christlich gesammelten Gemüts zu sein; daher er denn, nachdem er ihm darüber sein Wohlgefallen bezeugt hatte, den Anfang damit machte, daß er ihn fragte, ob er sich jemals der Wollust mit dem weiblichen Geschlecht schuldig gemacht hätte?

Ciappelletto antwortete ihm mit einem Seufzer: »Lieber Pater, ich schäme mich, euch über diesen Punkt die Wahrheit zu sagen, weil ich fürchte, in die Sünde der Ruhmredigkeit zu verfallen.«

»Redet frei heraus«, sprach der Pater; »denn wenn man die Wahrheit sagt, so sündigt man nicht, weder in der Beichte noch anderswo.«

»Nun, weil Ihr mich denn darüber beruhigt,« sprach Ciappelletto, »so will ichs Euch sagen: ich bin noch so rein, wie ich von Mutterleibe gekommen bin.«

»Gott segne Dich!« sprach der Pater. »Ach wie wohl hast Du gethan, und wie viel größer war dabei Dein Verdienst als das unsrige, da es in Deiner Willkür stand, anders zu handeln; da es hingegen mir und meinen andern Ordensbrüdern durch unsere Regeln verboten ist!«

Hierauf fragte der Pater, ob er auch wohl durch die Sünde der Schwelgerei dem Himmel mißfällig geworden wäre. »Ach leider, mehr als zu oft!« versetzte Ciappelletto und seufzte abermals sehr stark dabei. »Denn obgleich ich außer den großen Fasten, welche die gottseligen Leute jährlich beobachten, noch wöchentlich wenigstens drei Tage bei Brot und Wasser zu fasten gewohnt bin, so habe ich doch, besonders nach irgend einer mühsamen Arbeit, oder während derselben, oder auf einer Wallfahrt, das Wasser oft mit eben der Wollust getrunken, womit die Trinker den Wein genießen, und nicht selten war ich nach einem leckeren Krautsalat eben so lüstern, wie die Weiber, wenn sie zu Dorfe gehen; auch hat mir bisweilen das Essen nachher weit besser geschmeckt, als es, wie ich glaube, demjenigen schmecken sollte, der aus Bußfertigkeit fastete.«

»Lieber Sohn!« sprach der Pater, »dergleichen Schwachheiten sind so natürlich, und sind so unbedeutend, daß Dich Dein Gewissen deswegen nicht mehr martern muß, als nötig ist. Es begegnet wohl einem jeden Menschen, sei er so heilig wie er wolle, daß ihm nach langem Fasten das Essen, und ein Trank nach schwerer Arbeit herzlich wohlschmecken.«

»Ach mein bester Pater!« antwortete Ciappelletto, »sprecht doch nicht so, um mich zu trösten; bedenkt nur, daß ich wohl wissen muß, eine jede Sache, die man thut, um Gott wohlgefällig zu sein, müsse aus reinem Herzen und ohne Widerwillen geschehen, und daß ein jeder, welcher anders handelt, sündigt.«

Mit Herzlichkeit gab ihm der Pater zur Antwort: »Es freut mich, mein Sohn, daß Du es so betrachtest, und ich bemerke mit großem Wohlgefallen an diesem Stücke die Zartheit und das feine Gefühl Deines Gewissens. Sage mir denn auch, hast Du Dich wohl des Geizes schuldig gemacht und gewünscht, mehr zu besitzen, als Dir beschieden war, oder Dir etwas zugeeignet, das Dir nicht gebührte?«

Ciappelletto versetzte: »Guter Pater! es wäre mir leid, wenn Ihr übel von mir dächtet, weil ich hier bei diesen Wucherern im Hause wohne. Ich habe aber nichts mit ihnen zu schaffen, sondern ich halte mich vielmehr bloß deswegen zu ihnen, damit ich sie warne und ermahne, und sie von dieser abscheulichen Gewinnsucht abwende. Ich glaube auch wirklich, daß es mir würde gelungen sein, wenn mich Gott nicht auf diese Weise heimgesucht hätte. Allein ich muß Euch sagen, daß mein Vater mir einst ansehnliche Reichtümer hinterließ, wovon ich nach seinem Tode den größten Teil den Armen gab, und hernach, um mein eignes Leben zu fristen, und um den Armen meines Heilandes beizustehen, eine kleine Handlung trieb, bei welcher ich freilich nach Gewinnst trachtete, aber immer mit der lieben Armut teilte, so daß ich die eine Hälfte zu meinen Bedürfnissen verwandte, und die andere Hälfte den Armen gab; und dabei hat mich der Beistand meines Schöpfers dergestalt gesegnet, daß meine Umstände sich von Tag zu Tag verbessert haben.«

»Du hast wohl gethan,« sprach der Pater. »Aber hast Du Dich auch wohl oft ereifert?«

»Ach ja,« sprach Ciappelletto; »ich kann Euch versichern, daß mir dies oft genug begegnet ist. Aber wer könnte sich dessen auch enthalten, wenn man sieht, wie die Leute täglich Werke der Finsternis ausüben, die Gebote Gottes nicht halten, und seine Gerichte nicht fürchten? Wie manchen lieben Tag hätte ich mir nicht lieber den Tod gewünscht, als das Leben, wenn ich sehen mußte, wie die Jünglinge dem eitlen Wesen nachlaufen, wie sie fluchen und schwören, wie sie in den Weinhäusern umherschwärmen, und die Kirchen nicht besuchen, und vielmehr den Wegen der Welt, als den Wegen des Herrn folgen!«

»Das ist ein frommer Eifer, mein Sohn,« sprach der Pater, »und ich kann Dir deswegen, meiner Meinung nach, keine Buße auflegen. Aber hat Dich nicht etwa Dein Eifer verführt, irgend einen Totschlag zu begehen, oder jemand durch Scheltworte oder sonst auf irgend eine Weise zu beleidigen?«

»Ach mein Herr, oder Mann Gottes, wofür ich Euch halte!« sprach Ciappelletto, »wie könnt Ihr so reden? Glaubt ihr denn, wenn mir irgend ein Gedanke an dergleichen Handlungen in's Herz gekommen wär, daß ich mir einbilden könnte, Gott würde mich so lange haben leben lassen? Das sind Dinge, deren nur sittenlose und lasterhafte Menschen fähig sind, und wenn mir dergleichen Leute in den Weg kamen, pflegt' ich immer zu sagen: Geh hin, Gott bessere Dich!«

»Daß Dich Gott segne, mein Sohn!« sprach der Pater. »Aber sage mir nun auch, hast Du jemals falsches Zeugnis wider jemand abgelegt, oder Böses von jemand gesprochen, oder Dir fremdes Eigentum angemaßt, wider den Willen dessen, dem es gehörte?«

»Ach freilich, mein Herr,« sagte Ciappelletto, »habe ich Böses von jemand gesprochen; denn ich hatte einmal einen Nachbar, der wider alles Recht und Billigkeit in der Welt nie aufhörte, sein Weib zu prügeln; daher ich einst mit Unglimpf gegen die Verwandten seiner Frau von ihm sprach, weil mir das arme Weib so nahe ging, da er sie, so oft er betrunken war, dermaßen zusammenprügelte, daß es Gott erbarmte.«

»So sage mir denn,« sprach der Geistliche, »da Du ein Kaufmann bist, hast Du nie jemand übervorteilt, wie die Kaufleute wohl zu thun pflegen?«

»Ach freilich ja, lieber Herr,« sprach Ciapelletto; »allein ich erinnere mich nicht mehr, wer es war, der mir einmal Geld brachte, das er mir für verkauftes Tuch schuldig war, und ich legte es ungezählt in meinen Geldkasten, und wie etwa ein Monat vergangen war, fand ich darin vier Groschen zuviel, die ich wohl ein Jahr lang aufhob, um sie ihm wieder zu geben; weil ich ihn aber nicht wieder zu sehen bekam, hab' ich sie zu Almosen verwandt.«

»Das war eine Kleinigkeit«, sprach der Pater, »und Du hast sie gut angelegt.«

Darauf fragte ihn der fromme Pater noch Mancherlei, worauf er ihm auf eben dieselbe Weise antwortete. Wie nun der Pater schon zur Absolution schreiten wollte, sprach Ciappelletto: »Lieber Herr, ich habe noch eine Sünde begangen, die ich Euch nicht gebeichtet habe.«

»Und was für eine?« frug der Pater.

»Ich erinnere mich«, gab Ciappelletto zur Antwort, »daß ich einst meinen Dienern am Sonnabend Abends das Haus fegen ließ, und also den Vorsabbat nicht so heilig hielt, wie ich sollte.«

»Ach mein Sohn, das hat wenig zu bedeuten«, sprach der Pater.

»Oh, sagt das nicht, daß es wenig bedeutet«, sprach Ciappelletto, »der Sonntag ist zu heilig, weil an diesem Tage unser Erlöser vom Tode zum Leben erstand.«

»Hast Du sonst nichts mehr auf dem Herzen?« fragte der Mönch.

»Ja Herr«, sprach Ciappelletto, »einmal habe ich, ohne daran zu denken, in der Kirche ausgespieen.«

Der Pater lächelte und sagte: »Lieber Sohn, daraus mußt Du Dir nichts machen. Wir Geistlichen selbst thun dies alle Tage.«

»Daran thut Ihr sehr übel«, sprach Ciappelletto; »denn nichts sollte sauberer gehalten werden, als die heilige Stätte, wo man Gott sein Opfer bringt.«

Kurz, Ciappelletto brachte noch eine Menge solcher Sachen vor, und am Ende fing er an zu seufzen und bitterlich zu weinen, welches er meisterhaft konnte, so oft er wollte.

»Was hast Du denn noch?« fragte ihn der ehrliche Mönch.

»O weh, mein Herr!« sprach Ciappelletto, »es ist mir noch eine Sünde übrig geblieben, die ich noch nie gebeichtet habe, weil ich mich so sehr schämen muß, sie zu gestehen. So oft ich mich daran erinnere, muß ich bitterlich weinen, wie Ihr jetzt seht, und ich fürchte wahrlich, daß Gott wegen dieser Sünde nimmermehr Erbarmen mit mir haben werde.«

»Behüte, was sagst Du, mein Sohn!« sprach der fromme Mann. »Wenn alle Sünden, die jemals in der Welt begangen wurden, oder noch künftig mögen begangen werden, auf dem Haupte eines einzigen Menschen lägen, und dieser wäre so reuig und bußfertig, wie ich Dich finde, so ist die Gnade und Barmherzigkeit Gottes so groß, daß er sie ihm auf sein Bekenntnis willig vergeben würde. Du kannst also nur freimütig sagen, was es ist.«

Ciappelletto antwortete unter beständigen Thränen: »Ach Vater! meine Sünde ist zu groß, und ich kann kaum glauben, daß mir sie Gott jemals vergeben wird, wenn Ihr mir nicht mit Eurem Gebete beisteht.«

»Sage an, ohne Scheu,« sprach der Pater, »ich verspreche Dir, Gott für Dich zu bitten.«

Ciappelletto fuhr immer fort zu weinen, und wollte nicht mit der Sprache heraus. Der Pater sprach ihm indessen beständig Trost zu, und wie nun Ciappelletto mi seinen Thränen den Geistlichen lange Zeit hingehalten hatte, stieß er endlich einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Mein Vater, weil Ihr mir versprecht, Gott für mich zu bitten, so will ich's Euch bekennen. Wisset, daß ich einst, wie ich noch ein kleines Kind war, meine Mutter gescholten habe.« Wie er dies gesagt hatte, hub er an von neuem zu weinen.

»Und scheint Dir denn das eine so schreckliche Sünde zu sein, mein Sohn?« sagte der Geistliche. »Ach die Menschen lästern ja Gott selbst jeden Tag, und doch verzeiht er es gern denen, die es herzlich bereuen, und Du wolltest nicht glauben, daß er Dir dieses verziehe? Weine nicht, sei getrost, denn wahrlich, wenn Du auch einer von denen gewesen wärst, die ihn an's Kreuz schlugen, und Du bewiesest Dich so zerknirscht, wie ich Dich sehe, so würde er's Dir verzeihen.«

Ciappelletto versetzte: »O weh, mein Vater, was sagt Ihr! Meine liebe Mutter, die mich neun Monate Tag und Nacht unter ihrem Herzen getragen und mich tausendmal an ihren Busen gedrückt, wie übel that ich, sie zu schelten! Die Sünde ist gar zu groß, und wenn Ihr nicht Gott für mich bittet, so wird sie nimmer vergeben.«

Wie der Geistliche fand, daß Ciappelletto nichts weiter zu sagen hatte, erteilte er ihm die Absolution und gab ihm seinen Segen, indem er ihn für den heiligsten Menschen hielt, weil er zuversichtlich glaubte, alles wäre wahr, was ihm Ciappelletto gesagt hätte. Und wer würde das nicht auch geglaubt haben, wenn er einen Menschen auf dem Sterbebette so reden hörte? Zuletzt sprach er zu ihm: »Ser Ciappelletto. Ihr werdet mit Gottes Hülfe bald wieder gesund werden. Sollte es aber dennoch geschehen, daß Gott Eure gnadenerfüllte Seele zu sich riefe, so habt Ihr doch hoffentlich nichts dawider, daß man Euren Leichnam in unserer Kirche zur Erde bestatte.«

»Ach nein«, antwortete Ciappelletto! »vielmehr möchte ich nirgends lieber ruhen, da Ihr mir versprochen habt, Gott für mich zu bitten, zumal, da ich überdies immer eine besondere Hochachtung für Euren Orden gehabt habe. Ich bitte Euch deswegen, wenn Ihr wieder in Euer Kloster kommt, daß Ihr alsobald Anstalt machet, daß der wahre Leib Christi zu mir komme, den Ihr des Morgens auf dem Altar eingesegnet habt, weil ich ihn, wiewohl unwürdig, zu genießen, und alsdann die heilige letzte Oelung zu empfangen wünsche, damit ich, wenn ich gleich als ein Sünder gelebt habe, zum wenigsten wie ein Christ sterbe.«

Der gute Geistliche sagte: er sei es sehr zufrieden, und es sei wohl gesprochen, er wollte gleich gehen und Anstalt machen, daß ihm Alles gebracht werde, welches auch geschah.

Die beiden Brüder, denen immer bange gewesen war, Ciappelletto möchte ihnen nicht Wort halten, hatten an einer Bretterwand gehorcht, welche die Kammer des Ciappelletto von einer andern trennte, wo sie in der Stille zuhörten, und alles sehr gut vernahmen, was Ciappelletto mit dem Pater sprach; und erst hatten sie große Mühe gehabt, sich des Lachens zu enthalten über die Dinge, die er beichtete, daß sie fast bersten wollten, und bisweilen dachten: welch ein Mensch ist das, den weder sein Alter, noch die Furcht vor dem nahen Tode und vor Gott selbst, vor dessen Richterstuhle er in wenigen Stunden zu erscheinen gewärtigen muß, von seiner Bosheit abwendig machen und ihn abhalten können, ebenso dahin zu sterben, wie er gelebt hat! Doch wie sie fanden, daß er ihnen Wort gehalten hatte, und daß er in der Kirche sollte begraben werden, bekümmerten sie sich nicht um das Uebrige. Ciappelletto empfing gleich darauf das Abendmahl, und wie es sich immer mehr mit ihm verschlimmerte, auch die letzte Oelung und starb kurz nach der Vesperzeit an demselben Tage, an welchem er seine treffliche Beichte abgelegt hatte. Zufolge seiner eigenen Anordnung, wie er wollte auf eine ehrbare Weise begraben sein, sandten die beiden Wirte Nachricht zu den Mönchen in's Kloster, damit sie noch des Abends kämen, um die gewöhnlichen Vigilien bei der Leiche zu halten, und sie des andern Morgens abzuholen, wozu sie selbst auch die nötigen Anstalten machten. Wie der fromme Pater, der die Beichte des Ciappelletto gehört hatte, vernahm, daß er gestorben wäre, begab er sich zum Prior, ließ die Kapitelglocke läuten und alle Mönche im Kloster versammeln und zeigte ihnen an, daß Ciappelletto ein heiliger Mann gewesen sei, wie er aus seiner Beichte schließen müsse. Da er nun hoffte, daß unser Herr Gott durch ihn viele Wunder thun würde, so ermahnte er sie, seinen Leichnam mit vieler Ehrfurcht und Andacht aufzunehmen. Der Prior und die übrigen Mönche glaubten alles, und stimmten ihm bei, und begaben sich sämtlich des Abends nach dem Hause, wo die Leiche des Ciappelletto lag, bei welcher sie eine große und feierliche Vigilie hielten; und des Morgens kamen sie alle, in ihren Westerhemden und Meßgewändern feierlich gekleidet, mit ihren Büchern in der Hand und mit vorgetragenen Kreuzen, um den Leichnam abzuholen, und brachten ihn mit vielem Gepränge und Feierlichkeit nach ihrem Kloster, wobei fast alle Leute in der Stadt, Männer und Weiber, nachfolgten. Wie man die Leiche im Kloster niedersetzte, bestieg der Pater, dem Ciappelletto gebeichtet hatte, die Kanzel und hielt eine lange Rede, in welcher er von seinem Lebenswandel, von seinem Fasten, von seiner Keuschheit, von seiner Unschuld und Einfalt Wunder erzählte. Wie er unter andern dasjenige anführte, was ihm Ciappelletto als seine größte Sünde gebeichtet hätte, und er ihm kaum habe begreiflich machen können, daß Gott ihm dieses vergeben würde, sagte er mit strafender Miene und Rede zu seinen Zuhörern: »Und Ihr, von Gott verworfenen, lästert Gott und seine Mutter und alle Heiligen im Paradiese um eines jeden Strohhalms willen, der Euch unter die Füße gerät!« So sprach er noch vieles von seiner Aufrichtigkeit und von der Reinigkeit seiner Sitten; kurz, seine Worte, welchen alle Menschen in der Gegend völligen Glauben beimaßen, erfüllten die Köpfe der ganzen Gemeine mit so vieler Ehrfurcht für den Verstorbenen, daß nach dem Gottesdienst alles haufenweise hinzulief, um ihm Hände und Füße zu küssen; alles Gewand ward ihm vom Leibe gerissen und ein jeder schätzte sich glücklich, der einen Fetzen davon erhalten konnte. Man mußte den Sarg den ganzen Tag offen lassen, damit ein jeder ihn besuchen und sehen konnte, und wie der Abend kam, ward er in einer marmornen Lade sehr ehrenvoll in einer Kapelle beigesetzt. Am andern Tage kamen schon Leute, um zu ihm zu wallfahrten und ihn anzubeten, und folglich auch, um Gelübde an ihn zu thun, und wächserne Bilder nach Maßgabe ihrer Gelübde zu opfern. Ja so sehr verbreitete sich der Geruch seiner Heiligkeit und die Andacht seiner Verehrer, daß fast niemand, der sich in irgend einer Widerwärtigkeit befand, sich einem andern Heiligen empfahl, als ihm, und man nannte ihn (und nennt ihn noch diese Stunde) Sankt Ciappelletto, und versichert, daß Gott durch ihn manches Wunderwerk verrichtet habe, und noch jeden Tag an denen wirke, die sich ihm mit Andacht empfehlen!

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