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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehnte Erzählung.

Es ist nun schon eine lange Zeit her, wie einmal in Babylon ein Sultan herrschte, namens Beminadas, welchem zu seiner Zeit manches Ding nach Wunsch gelang. Dieser hatte eine Menge Söhne und Töchter, und unter andern auch eine Tochter namens Alathiel, die nach dem Zeugnis aller, die sie gesehen hatten, in ihren Tagen das schönste Frauenzimmer in der Welt war; und weil in einer großen Schlacht, die er einst an einem großen Heer Araber gethan hatte, welches ihm über den Hals gekommen war, der König von Al-Garve ihm sehr beistand, so hatte er sie diesem auf seine besondere Bitte zur Gemahlin versprochen, und er ließ sie demnach mit einem stattlichen Gefolge von Weibern und Männern, und mit vielen reichen und köstlichen Geräte versehen, ein wohlausgerüstetes und wohlbewaffnetes Schiff besteigen, und empfahl sie Gott, indem er sie zu ihrem Gemahl hinsandte. Mit dem ersten günstigen Winde zogen die Schiffsleute die Segel auf, und gingen aus dem Hafen von Alessandria in See, fuhren auch einige Tage mit gutem Wetter, und waren schon an Sardinien vorbeigesegelt, so daß sie glaubten, dem Ziele ihrer Reise bald sehr nahe zu kommen, als plötzlich an einem Tage verschiedene Windsbräute aufsprangen, welche mit solchem unglaublichen Ungestüm das Schiff hin und her warfen, daß die Dame, und selbst die Seeleute, mehr als einmal fürchteten, zu Grunde zu gehen. Sie arbeiteten jedoch, als gute Seefahrer, mit Kunst und Kraft zwei Tage lang den wütenden Wogen entgegen, und wie seit dem Anfange des Sturmes schon die dritte Nacht anbrach, und das Ungewitter noch nicht nachließ, sondern vielmehr immer heftiger ward, und sie weder wußten, noch durch Beobachtungen oder Rechnung ausfindig machen konnten, wo sie waren, weil die Wolken und die Nacht den Himmel in die tiefe Finsternis begruben, stieß plötzlich ihr Schiff auf den Grund, indem sie kaum Mallorca konnten erreicht haben. Da sie nun kein Mittel sahen, das Schiff zu retten, und ein Jeder nur suchte, sein eigenes Leben davon zu bringen, setzten sie das Boot aus; die Schiffer, welche sich diesem lieber als dem lecken Schiffe anvertrauen wollten, sprangen zuerst hinein, und ihnen folgten in der größten Eile die übrigen Schiffsleute einer nach dem andern, bis auf den letzten Mann, obwohl die ersten, die sich eingeschifft hatten, sie mit den Säbeln und Messern abzuhalten suchten, und eilten solchergestalt dem Tode in den Rachen, indem sie ihm zu entgehen suchten; denn weil das Boot bei so schwerem Wetter nicht so viele Menschen tragen konnte, so schlug es um, und alle ertranken. Das Schiff, welches sehr leck, und fast schon halb voll Wasser war, und auf welchem sich keine Seele mehr befand, außer der Prinzessin und ihren Weibern, die von dem Ungestüm des Meeres und von der Furcht betäubt, wie leblos umher lagen, ward von den Wellen empor gehoben, und lief an einem Ufer der Insel Mallorca mit solcher Gewalt auf den Strand, daß es einen Steinwurf vom Lande ganz fest im Sande stecken blieb, und so blieb es auch, von Wind und Wellen bekämpft, die ganze Nacht hindurch unbeweglich stehen. Wie der Tag anbrach und der Sturm sich ein wenig legte, richtete die Dame, die fast halb tot war, ihr Haupt auf, und fing an, mit schwacher Stimme bald diesen, bald jenen von ihren Leuten zu rufen; allein sie rief umsonst, denn die Gerufenen waren leider zu weit entfernt. Wie ihr nun niemand antwortete, und niemand kam, richtete sie sich auf, so gut sie konnte, und sah ihre eigenen und die übrigen Frauenzimmer, die mit ihr gekommen waren, auf dem Verdeck liegen; und wie sich nach langen Rufen erst diese, dann eine andere bewegte, fand sie nur wenige, in denen noch einiges Leben war, denn die meisten waren vor Seekrankheit und vor Angst gestorben, worüber sich die Prinzessin noch mehr entsetzte. Weil sie sich aber von den übrigen verlassen befand, und nicht wußte, wo sie war, so zwang sie die Not, diejenigen, in welchen noch einiges Leben zu sein schien, so lange zu rütteln, bis sie sie auf die Beine brachte. Da ihr nun diese auch nicht zu sagen wußten, wohin die Mannschaft gekommen war, und da sie fand, daß das Schiff ganz voll Wasser auf dem Strande saß, so fing sie an, mit ihren Weibern bitterlich zu weinen. Schon kam die neunte Stunde heran, und noch hatte sich weder nahe am Ufer, noch in der Ferne ein Mensch sehen lassen, von welchem sie sich Mitleid oder Hülfe versprechen konnten. Endlich kam um die neunte Stunde ein Edelmann, namens Pericon da Visalgo, mit verschiedenen seiner Diener zu Pferde, auf seinem Wege nach Hause, vorbei, welcher das Schiff gewahr ward, und gleich erriet, wie es um dasselbe stände; daher er unverzüglich einem seiner Diener befahl, wo möglich an Bord zu gehen und ihm Nachricht zu bringen, wer sich auf dem Schiffe befände. Dem Diener gelang es mit Mühe, hinauf zu kommen, und er fand die Schöne mit ihren wenigen Gefährtinnen, die sich unter dem Verdeck verborgen hatten. Wie sie ihn sahen, fingen sie an zu weinen, und ihn um Barmherzigkeit zu bitten, und wie sie fanden, daß er ihre Worte nicht verstand, versuchten sie durch Gebärden, ihm ihre Not zu klagen. Der Diener bestrebte sich, nachdem er alles in Augenschein genommen, seinem Herrn genaue Nachricht zu geben, wie er alles auf dem Schiffe vorgefunden hatte; und wie dieser die Frauenzimmer und die besten Sachen, zu welchen man gelangen konnte, vom Bord hatte holen lassen, begab er sich mit ihnen nach einem seiner Schlösser, wo er ihnen Speisen und Erquickung reichen ließ, und an dem köstlichen Geräte, so wie an der Ehrerbietung, welche die übrigen Frauenzimmer der Alathiel bewiesen, bald bemerkte, daß sie eine vornehme Person sein mußte. So blaß und abgemattet sie auch damals war, von dem Ungemach, das sie auf der See ausgestanden hatte, so fand Pericone dennoch ihre Gestalt außerordentlich schön, und ward in seinen Gedanken schon mit sich einig, sie zur Gemahlin zu nehmen, wenn sie noch unverheiratet wäre, oder, wenn das nicht anginge, sie zu seiner Geliebten zu machen. Dieser Pericone war ein Mann von wildem Aussehen und starkem Gliederbau; wie er nun die Dame eine Zeit lang auf's beste hatte bedienen lassen, und sie, nachdem ihre Kräfte völlig wieder hergestellt waren, über alle Begriffe schön fand, war es ihm sehr empfindlich, daß er sie weder verstehen, noch sich ihr verständlich machen, und folglich nicht erfahren konnte, wer sie war. Weil er sich aber nichtsdestoweniger ganz von ihrer Schönheit hingerissen fühlte, so gab er sich alle Mühe, sie durch ein gefälliges und liebkosendes Betragen zu bewegen, sich ihm ohne Widerstand zu ergeben; allein es war alles umsonst, und sie versagte ihm durchaus jede Vertraulichkeit, wodurch indessen seine Begierden nur noch mehr erregt wurden. Wie sie dieses bemerkte, und nach einem Aufenthalt von mehreren Tagen aus manchen Gebräuchen, die sie beobachtet hatte, schloß, daß sie sich unter Christen befände, in einem Lande, wo es ihr nichts helfen würde, wenn sie auch Mittel fände, sich jemand zu entdecken, und wie sie glaubte, daß sie am Ende, es sei aus Zwang oder aus Liebe, dahin würde gebracht werden, den Wünschen des Pericone nachzugeben, so faßte sie den heldenmütigen Entschluß, ihrem harten Schicksal mutig die Stirne zu bieten. Sie empfahl demnach ihren Weibern, deren ihr nur noch drei übrig geblieben waren, keinem Menschen zu offenbaren, wer sie wären, wenn sie nicht etwa an einen Ort kommen sollten, wo sie sich ganz gewiß Hülfe versprechen könnten, um ihre Befreiung zu bewirken. Zugleich empfahl sie ihnen auf's angelegentlichste ihre Keuschheit zu bewahren, und versicherte, daß sie selbst sich gewiß keinem Menschen, außer ihrem rechtmäßigen Gemahl, überlassen würde. Die guten Weiber lobten ihren Entschluß und versprachen, ihren Befehlen zu folgen, so gut sie könnten.

Pericone, dessen Leidenschaft immer stärker ward, und zwar um so mehr, da er den Gegenstand derselben täglich vor Augen hatte und ihn immer widerspenstiger fand, entschloß sich, weil er sah, daß er durch Bitten nichts ausrichten konnte, List und Kunst zu versuchen, und wenn auch diese nicht helfen wollten, am Ende Gewalt zu gebrauchen. Wie er nun einst die Bemerkung machte, daß die Dame den Wein liebte, dessen sie nicht gewohnt war, weil ihre Religion den Gebrauch desselben untersagte, so nahm er sich vor, sie durch diesen Diener der Venus zu fangen. Er stellte sich demnach, als ob er nicht mehr nach demjenigen trachtete, was sie ihm so hartnäckig verweigerte, und veranstaltete an einem Abend ein herrliches Gastmahl, bei welchem auch die Dame erschien, und wie es dabei auf mancherlei Art sehr fröhlich herging, befahl er dem Schenken, welcher sie bediente, ihr verschiedene Weine durch einander zu trinken zu geben, welches dieser auch sehr geschickt ausrichtete, und weil sie nichts davon argwöhnte, so nahm sie, durch den Wohlgeschmack angelockt, mehr davon zu ich, als ihrer Sittsamkeit zuträglich war. Sie vergaß darüber alle ihre Trübsale, und wie sie einige Weiber nach mallorcanischer Weise tanzen sah, fing sie auch an, auf alexandrinisch zu tanzen. Wie Pericone dies sah, glaubte er dem Ziele seiner Wünsche näher zu sein; daher er die Abendmahlzeit bis tief in die Nacht verlängerte. Nach aufgehobener Tafel führte er sie in seine Kammer. In dem Rausche ihrer Sinne mochte sie ihn für ihr Kammermädchen halten, so daß sie sich ohne Widerstreben von ihm zu Bette begleiten ließ. Wie sie bald darauf ihren Irrtum erkannte, war es zu spät; ja, einige lose Spötter haben sogar behaupten wollen, sie habe es heimlich bereut, daß sie sich ihm so lange widersetzt hatte; wenigstens ließ sie sich in der Folge von ihm nicht mehr unerbittlich finden.

Allein das Schicksal war noch nicht damit zufrieden, daß es sie aus einer königlichen Braut zum Kebsweibe eines Landjunkers gemacht hatte; sondern indem sie und Pericone sich ihrem Vergnügen überließen, bereitete es ihr auf eine grausame Weise ein anderes Liebesabenteuer. Pericone hatte nämlich einen Bruder von fünfundzwanzig Jahren, schön und blühend wie eine Rose, namens Marato, welcher, wie er sie sah, sich nicht nur sterblich in sie verliebte, sondern auch aus ihrem Betragen schloß, daß er ihr nicht gleichgültig wäre, und daß seinen Wünschen nichts im Wege stände, als die Eifersucht, womit Pericone sie bewachte. Er faßte daher einen grausamen Entschluß, der auch augenblicklich zur That reifte. Es befand sich eben zufälliger Weise ein Schiff im Hafen, welches mit Waren nach Chiarenza in Romanien befrachtet war, und zwei jungen Genuesern gehörte, und schon hatten sie die Segel gespannt, um sich des ersten guten Windes zur Abfahrt zu bedienen. Mit diesen Genuesern nahm Marato Abrede, daß sie in der folgenden Nacht ihn und die Dame an Bord nehmen sollten, und wie es Abend ward, ging er mit einigen seiner vertrautesten Kameraden, die er zu seinem Vorhaben angeworben hatte, nach der Wohnung seines Bruders, wo er sich allein in das Haus schlich und sich daselbst versteckte. Wie es schon tief in der Nacht war, ließ er seine Gefährten in das Haus, überfiel seinen Bruder in der Kammer, wo er sich mit Alathiel befand, und erschlug ihn im Schlafe. Alathiel erwachte und rang die Hände; allein man drohte ihr den Tod, wenn sie das geringste Geräusch machte; man bemächtigte sich ihrer und der besten Sachen, die Pericone besessen hatte, und eilte unbemerkt nach dem Ufer, wo Marato sich mit der Dame einschiffte und seine Kameraden entließ. Alathiel bejammerte jetzt bitterlich sowohl ihr erstes Unglück, als dieses zweite; doch Marato fand solche Mittel, sie zu trösten, daß sie sich bald bei ihm zufrieden gab, und den Pericone vergaß. Aber kaum fing sie an, sich wieder behaglich zu fühlen, wie das Schicksal ihr auch schon wieder neuen Kummer bereitete, als wäre es an dem vergangenen nicht schon genug gewesen. Sie war, wie wir schon oft gesagt haben, außerordentlich schön von Gestalt, und eben so einnehmend in ihren Betragen; daher die beiden jungen Schiffsherren sich dergestalt in sie verliebten, daß sie auf nichts anderes dachten, als wie sie ihr aufwarten und sich ihr gefällig machen wollten; wobei sie sich jedoch sehr in Acht nahmen, daß Marato ihre Absicht nicht merkte. Wie der eine Bruder die Leidenschaft des andern entdeckte, beratschlagten sie sich beide darüber heimlich, und nahmen Abrede, daß sie den Gegenstand ihrer Liebe gemeinschaftlich besitzen wollten; als wenn die Liebe ein Gut wäre, das wie Kaufmannsware oder gewonnenes Geld sich teilen ließe. Da sie fanden, daß Marato die Dame sorgfältig bewachte, und dadurch ihre Anschläge vereitelte, und es sich fügte, indem sie einst mit einem frischen Winde sehr schnell segelten, daß Marato hinten über dem Spiegel des Schiffes stand, und in die Wellen hinabschaute, nahmen sie die Gelegenheit wahr, ergriffen ihn beide von hinten, und stürzten ihn in's Meer; und sie waren schon über eine Meile fortgesegelt, ehe jemand gewahr ward, daß er ertrunken war. Wie dieses Alathiel hörte, und fand, daß keine Hoffnung war, ihn zu retten, fing sie von neuem an, sich zu bejammern. Die beiden Brüder eilten sogleich herbei, und gaben sich alle Mühe, sie, die nicht so sehr den Verlust des Marato als ihr eigenes Unglück beweinte, mit süßen Worten und mit großen Verheißungen (wovon sie jedoch wenig verstand) zu trösten. Nach vielen wiederholten Zureden glaubten sie auch, daß es ihnen einigermaßen gelungen wäre, sie zu beruhigen, und fingen an, unter einander auszumachen, wer die geliebte Beute zuerst besitzen sollte. Sie konnten darüber nicht einig werden, sondern gerieten zuerst mit ernsthaften, dann mit harten Worten an einander, bis endlich der Zank sie dermaßen aufbrachte, daß sie beide zu den Messern griffen, und einander wütend zu Leibe gingen. niemand im ganzen Schiffe war imstande, sie zu besänftigen, sondern sie zerfetzten einander mit Schnitten und Stichen, bis der eine tot niedersank, und der andere mit gefährlichen Wunden bedeckt war. Alathiel nahm sich dieses sehr zu Herzen, zumal da sie sich nun ganz allein, ohne Rat und Beistand befand, und sie war sehr in Aengsten, daß die Eltern und Verwandten der beiden Brüder ihren Zorn an ihr auslassen würden. Weil sie jedoch bald in Chiarenza ankamen, und der Verwundete sich ihrer annahm, so entging sie dieser Todesgefahr. Sie ging mit diesem an's Land, und wohnte mit ihm in einer Herberge, und bald verbreitete sich der Ruf ihrer Schönheit in der ganzen Stadt, und gelangte zu den Ohren des Fürsten von Morea, welcher damals in Chiarenza war. Er ward neugierig, sie zu sehen, und weil sie ihm noch reizender schien, als das Gerücht sie geschildert hatte, ward er so sehr in sie verliebt, daß er an nichts anderes denken konnte. Da er nun vernommen hatte, auf welche Art sie dahin gekommen war, so zweifelte er nicht, daß er sie leicht in seine Hände bekommen würde; auch säumten die Verwandten des Verwundeten nicht, sie ihm zu überliefern, sobald sie merkten, daß er mit dieser Absicht umginge; welches dem Fürsten sehr lieb war, und der Dame nicht weniger, indem sie glaubte, dadurch einer großen Gefahr entgangen zu sein. Wie der Fürst bemerkte, daß ihre Schönheit noch durch einen königlichen Anstand erhöht ward, hielt er sie (da er keine Nachricht wegen ihrer Abkunft erhalten konnte) wenigstens für eine sehr adelige Dame, daher er sie um desto höher schätzte, und sie nicht wie eine Beischläferin, sondern wie seine leibliche Gemahlin in Ehren hielt. Weil demnach Alathiel, indem sie sich ihres vorigen Ungemachs erinnerte, und dagegen ihren jetzigen behaglichen Zustand erwog, sehr froh und zufrieden lebte, so ward auch ihre Schönheit so blühend, daß man in ganz Romanien nicht aufhörte, davon zu reden.

Dadurch ward der Herzog von Athen, ein junger, schöner, rüstiger Herr, und ein Freund und Verwandter des Fürsten, so neugierig gemacht, daß er unter dem Vorwande eines Besuches, den er bisweilen bei ihm abzustatten pflegte, mit einem auserlesenen und ansehnlichen Hofstaat nach Chiarenza kam, wo er mit Freuden und vielen Ehrenbezeigungen aufgenommen ward. Wie nach einiger Zeit einmal von der Schönheit der Alathiel die Rede war, fragte der Herzog den Fürsten, ob sie denn wirklich so wunderschön wäre, wie man behauptet?

»Noch weit schöner (sprach der Fürst); allein Du sollst mir das nicht auf mein Wort glauben, sondern es mit Deinen Augen sehen.«

Der Herzog ließ demnach dem Fürsten keine Ruhe, bis er ihn zu der Schönen führte, welche von ihrem Besuche vorher war benachrichtigt worden, und sie mit ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit empfing. Sie mußte sich zwischen die beiden Fürsten setzen, welche sich aber mit ihr nicht viel unterreden konnten, weil Alathiel wenig von ihrer Sprache verstand; vielmehr betrachteten die Beiden sie bloß wie ein bewundernswürdiges Wesen; besonders der Herzog, welcher sie kaum für ein sterbliches Geschöpf halten konnte. Indem er sie betrachtete, ward er des lieblichen Giftes nicht gewahr, das er durch seine Augen einsog, und indem er glaubte, sie bloß mit Wohlgefallen anzuschauen, verwickelte er sich in den Schlingen der inbrünstigsten Liebe.

Wie er mit dem Fürsten sich von ihr entfernte und völlige Muße hatte, seinen Gedanken nachzuhängen, hielt er den Fürsten für den glücklichsten Mann in der Welt, daß ihm ein so wunderschönes Geschöpf zu Gebote stände, und wie nach einem langen Kampfe seine Liebe den Sieg über seine Rechtschaffenheit behielt, so beschloß er, es möchte kosten, was es wollte, dem Fürsten dieses Kleinods zu berauben, und es zu seinem eigenen Genusse zu verwenden. Und weil ihm sein Trieb zu eilen gebot, so setzte er alle Vernunft und Rechtlichkeit beiseite, und dachte nur auf lauter Verrat und Bosheit. Nach dem verruchten Plan, den er mit einem vertrauten Kammerdiener des Fürsten verabredet hatte, der sich Ciuriaci nannte, ließ er an einem Tage heimlich alle seine Pferde und sein Gepäck in Bereitschaft zur Abreise halten, und in der folgenden Nacht ward er, nebst einem seiner Leute, bewaffnet von dem besagten Ciuriaci, durch einen geheimen Gang in das Gemach des Fürsten eingelassen. Alathiel schlief, und der Fürst stand im bloßen Hemde an einem Fenster, um sich von der großen Hitze durch den sanften Seewind abkühlen zu lassen. Der Herzog schlich also nebst seinem Mithelfer, dem er seinen ganzen Plan mitgeteilt hatte, leise bis an das Fenster, gab dem Fürsten einen Stich in die Seite, der ihm das Herz durchbohrte, und stürzte ihn den Augenblick aus dem Fenster. Der Palast lag am Meer und war sehr hoch, und unter dem Fenster, an welchem der Fürst stand, waren einige verfallene Hütten, welche das Meer zerstört hatte, und wohin selten oder niemals Menschen kamen; daher auch (wie der Herzog vorhergesehen hatte) niemand es gewahr ward, wie man den Fürsten hinabstürzte. Wie dies geschehen war, zog der Begleiter des Herzogs plötzlich eine Schnur aus der Tasche, die er dem treulosen Ciuriaci um den Hals warf, und ihn mit Hilfe des Herzogs so geschickt erdrosselte, daß er keinen Laut von sich geben konnte, worauf sie ihn aus demselben Fenster hinauswarfen.

Wie dies geschehen war, und sie ganz gewiß waren, daß weder die schlafende Dame, noch sonst jemand sie bemerkt hatte, trat der Herzog an das Bett, und weidete seine Blicke an der schlafenden Schönen, die, wenn sie ihm bekleidet gefallen hatte, jetzt unbekleidet seine Sinne noch unendlich mehr bezauberte. Er scheute sich nicht, mit Händen, die noch von dem Blute des Fürsten rauchten, sich ihr zu nähern, und seinen Platz neben derjenigen einzunehmen, die halb schlafend, in der Meinung, daß er der Fürst sei, ihm ihre Umarmung nicht versagte. Doch verweilte er nicht lange, sondern stand auf, und etliche der Seinigen mußten sich ihrer auf solche Art bemächtigen, daß sie kein Geräusch machen konnte, worauf er sie durch eben den geheimen Gang, auf welchem er hereingekommen war, entführen und auf ein Pferd setzen ließ, und sich mit allen Seinigen in möglichster Stille auf den Weg nach Athen begab. Weil er aber eine Gemahlin hatte, so getraute er sich nicht, sie in die Stadt zu bringen, sondern führte die bekümmerte Schöne nach einem Lustschlosse, am Ufer des Meeres, wo er sie heimlich unterhielt, und mit allem Nötigen standesgemäß bedienen ließ.

Am folgenden Tage warteten die Hofleute des Fürsten bis Mittag, daß er aufstehen sollte. Wie er aber gar nichts von sich hören ließ, öffneten sie die Thüre seines Gemachs, die nur angelehnt war, und wie sie auch hier niemand fanden, glaubten sie, er wäre vielleicht auf einige Tage nach einem andern Orte gegangen, um sich daselbst mit seiner Dame zu belustigen, und machten sich seinetwegen weiter keine Sorgen. Unterdessen begab es sich am folgenden Tage, daß ein Wahnsinniger zwischen den Trümmern herumirrte, wo die Leichen des Fürsten und des Ciuriaci lagen, und daß er den Leichnam des Letzteren bei der Halfter herausschleppte, und damit herumlief. Dieses ward von vielen mit Erstaunen gesehen, und sie bewegten den Verrückten durch gute Worte, sie dahin zu führen, wo er den Leichnam gefunden hatte. Hier fanden sie zu ihrem Schmerz und Entsetzen, auch die Leiche des Fürsten, und bestatteten sie mit traurigem Gepränge zur Erde. Wie man nun nach den Thätern forschte, welche diesen grausamen Mord begangen hatten, und wie der Herzog von Athen nirgends zu finden war, sondern sich verstohlener Weise davon gemacht hatte, so zweifelten sie nicht (wie es sich auch wirklich verhielt), daß er den Mord verübt und die Dame entführt hätte. Sie erwählten demnach den Bruder des Fürsten zu seinem Nachfolger, und trieben ihn an, den Tod seines Bruders zu rächen. Wie dieser sich nun aus manchen anderen Umständen überzeugte, daß die Sache sich wirklich so verhielt, wie man glaubte, berief er alle seine Freunde, Verwandten und Vasallen zusammen, brachte in Kurzem ein ansehnliches Heer auf die Beine und rüstete sich zum Kriege gegen den Herzog. Sobald dieser Nachricht davon bekam, bot er gleichfalls alle seine Kräfte auf, um Anstalt zur Gegenwehr zu machen; auch kamen ihm viele Herren zu Hülfe, und unter andern sandte ihm der griechische Kaiser seinen Sohn Constantius und seinen Neffen Emanuel, mit einem schönen und zahlreichen Heere, und der Herzog empfing sie mit großen Ehrenbezeigungen, und die Herzogin noch mehr, weil sie ihre Schwester und Nichte war. Wie die Sachen von Tage zu Tage ein kriegerisches Ansehen gewannen, nahm die Herzogin einst eine Gelegenheit war, ihren Bruder und Vetter zu sich in ihr Zimmer zu berufen, und erzählte ihnen mit vielen Thränen umständlich die ganze Geschichte, wodurch dieser Krieg veranlaßt würde; beklagte sich über den Verdruß, den ihr der Herzog angethan hätte, daß er heimlich ein Frauenzimmer unterhielte; und indem sie sich darüber auf's Höchste beschwerte, bat sie die beiden Prinzen, die Ehre des Herzogs und ihre Ruhe durch solche Mittel wieder herzustellen, welche sie für die wirksamsten hielten. Die jungen Herren wußten selbst, wie die Sache sich verhielt; ohne demnach die Herzogin mit vielen Fragen zu behelligen, trösteten sie sie, so gut sie konnten, machten ihr die beste Hoffnung, und entfernten sich, nachdem sie von ihr erfahren hatten, wo sich die Dame aufhielte. Da sie nun schon oft von der Schönheit derselben gehört hatten, so waren sie neugierig sie zu sehen, und baten den Herzog, sie ihnen zu zeigen. Dieser schien zu vergessen, wie es dem Fürsten gegangen war, der sie ihn hatte sehen lassen, und versprach ihnen ihr Begehren zu erfüllen. Er ließ deswegen in einem herrlichen Landhause, welches die Dame bewohnte, eine köstliche Mahlzeit anrichten, und führte die beiden Prinzen nebst einigen wenigen anderen Herren am folgenden Tage dahin zum Essen. Wie Constantius neben Alathiel saß, fing er an, sie voll Verwunderung zu betrachten, und gestand sich, daß er nie etwas so Schönes in seinem Leben gesehen hätte, und daß man den Herzog, oder irgend einen andern, entschuldigen müßte, wenn er, um ein so schönes Geschöpf zu besitzen, sich des Verrats, oder einer andern unziemlichen That schuldig gemacht hätte; und wie er fortfuhr, sie einmal über das andere zu betrachten, um jedesmal neue Reize an ihr zu entdecken, so ging es ihm am Ende nicht besser, als es dem Herzoge gegangen war.

Wie er sie demnach mit verliebten Herzen verließ, verschwanden bei ihm von Stund' an alle Gedanken an den Krieg, und er dachte an nichts, als wie er sie dem Herzog rauben könnte; doch wußte er seine Liebe vor Jedermann meisterhaft zu verhehlen. Indem er in diesem Feuer glühte, kam die Zeit daß man dem Fürsten entgegenrücken mußte, welcher sich schon den Grenzen des Herzogs nahte. Der Herzog und Constantius und alle Übrigen brachen demnach von Athen auf, um diejenige Stellung an der Grenze zu nehmen, wodurch man dem Fürsten das Eindringen verwehren konnte; da sie nun in dieser Stellung einige Zeit blieben, und die Sinne des Constantius beständig auf die Dame gerichtet waren; und da dieser glaubte, jetzt, während der Abwesenheit des Herzogs, am leichtesten zu seinem Zwecke gelangen zu können, so stellte er sich, um eine Gelegenheit zu haben, nach Athen zu kommen, sehr krank, und nachdem ihm der Herzog Urlaub gegeben hatte, übergab er den Befehl über seine Leute dem Prinzen Emanuel, und ging nach Athen zu seiner Schwester. Nach einiger Zeit lenkte er das Gespräch auf den Verdruß, den sie über des Herzogs Vertraulichkeit mit dem fremden Frauenzimmer geäußert hätte, und sagte, wenn sie es zufrieden wäre, so wollte er dem Ding bald abhelfen, und das Frauenzimmer entführen lassen. Die Herzogin, welche sich einbildete, daß er dieses aus Liebe zu ihr und nicht zu der Dame thäte, bezeigte sich sehr zufrieden damit; doch empfahl sie ihm, sich so zu benehmen, daß der Herzog nie erführe, daß sie darin eingewilligt hätte. Dieses sagte ihr Constantius heilig zu, und die Herzogin erlaubte ihm demnach sein Vorhaben nach seinem Gutbefinden auszuführen. Constantius ließ also in der Stille ein kleines, bewaffnetes Fahrzeug zurüsten, und ließ es an einem Abend nahe bei dem Lustschlosse, welches Alathiel bewohnte, vor Anker legen. Nachdem er der Mannschaft auf dem Schiffe die nötigen Verhaltungsbefehle gegeben hatte, ging er mit einigen anderen nach dem Palaste der Dame und ward von ihren Dienern und der Dame selbst freundlich empfangen. Sie ging mit ihm auf seine Bitte in Begleitung ihrer und seiner Leute in den Garten, und unter dem Vorwande, daß er ihr etwas im Namen des Herzogs zu sagen hätte, ging er allein mit ihr durch ein Pförtchen hinaus an das Ufer der See, wo er den Seinigen auf dem Schiffe ein Zeichen gab, worauf sie sich plötzlich der Dame bemächtigten und sie an Bord brachten. Er selbst rief ihren Leuten im Garten zu: »Keiner rühre sich, oder mache Lärm, wenn er nicht sterben will; denn ich bin nicht Willens, dem Herzog ein Weib zu rauben, sondern nur den Schimpf abzuwenden, den er meiner Schwester anthut.«

Niemand wagte es, ihn anzutasten: Constantius schiffte sich also mit den Seinigen ruhig ein, setzte sich neben die weinende Schöne und befahl, die Ruder zu lösen und davon zu fahren. Sie schienen mehr durch die Wellen zu fliegen, als zu rudern, und kamen schon am folgenden Morgen, fast bei Tages Anbruch, nach Egina. Hier stiegen sie an's Land, und Constantius ruhte aus in den Armen der Dame, welcher nicht anderes übrig blieb, als ihre unglückselige Schönheit zu beseufzen, und sich in Geduld zu schicken. Darauf schifften sie sich wieder ein, und steuerten nach Chios, wo sie in wenigen Tagen ankamen, und wo Constantius als an einem sicheren Orte zu bleiben beschloß, teils um den Vorwürfen seines Vaters auszuweichen, teils um nicht Gefahr zu laufen, daß man ihm seine Geliebte rauben möchte, welche hier noch manchen Tag ihr Unglück beweinte, endlich aber sich von Constantius trösten und sich dasjenige gefallen ließ, was ihr das Schicksal beschieden hatte. Indem nun alles solchergestalt wieder in seinem Geleise ging, kam von ungefähr Usbek, der Sultan der Türken, welcher in beständiger Fehde mit dem griechischen Kaiser lebte, nach Smyrna, und hörte, daß Constantius ganz unbesorgt auf Chios lebte, und sich daselbst mit einem geraubten Mädchen gütlich thäte. Er rüstete demnach einige leichte Fahrzeuge aus, womit er in der Nacht nach Chios kam, wo er in der Stille mit seiner Mannschaft landete, manchen aus seinem Bette holte, ehe er gewahr ward, daß Feinde im Lande waren; und endlich einige, die zu den Waffen griffen, niedermachte; hernach überall raubte und plünderte, sengte und brannte, und mit der Beute und den Gefangenen wieder an Bord und nach Smyrna ging. Hier fand Usbek, der noch ein junger Mann war, unter den Gefangenen die schöne Alathiel, und wie er erfuhr, daß sie dieselbe wäre, welche Constantius bei sich gehabt, und welche man ihm im Schlafe von der Seite gerissen hätte, so säumte er nicht, sie zu seiner Gemahlin zu machen, und lebte einige Monate ruhig und vergnügt mit ihr in Smyrna.

Der griechische Kaiser hatte inzwischen, schon ehe dieses vorgefallen war, mit Bassano, dem Könige von Kappadozien, Unterhandlungen gepflogen, daß dieser dem Usbek von einer Seite mit seiner Macht in's Land fallen sollte, indes er selbst ihn von der andern Seite angriffe; sie waren aber nicht völlig darüber einig geworden, weil der Kaiser in einige Forderungen des Bassano, die ihm zu hart schienen, nicht hatte einwilligen wollen. Wie er aber hörte, was seinem Sohne geschehen war, und sich sehr darüber grämte, willigte er ohne weitere Umstände in die Forderungen des Kappadoziers, und trieb ihn an, so bald als möglich dem Usbek in sein Gebiet zu fallen, indem er sich von der andern Seite anschickte, dasselbe zu thun. Wie Usbek dieses hörte zog er geschwind sein Heer zusammen, und eilte, damit ihn seine beiden Nachbarn nicht zwischen zwei Feuer bringen möchten, dem Könige von Kappadozien entgegen; indes er seine schöne Geliebte in Smyrna unter der Aufsicht eines treuen Dieners zurück ließ. Wie die Heere bald darauf einander begegneten, kam es zu einem Treffen, in welchem Usbek erschlagen, und sein Heer gänzlich überwunden und zerstreut ward. Dem siegreichen Bassano stand demnach der Weg nach Smyrna offen, und Jedermann unterwarf sich ihm, wie er als Ueberwinder im Anzuge war. Usbeks Diener, der sich Antiochus nannte, welchem die schöne Alathiel anvertraut war, vergaß unterdessen über ihrer Schönheit, obwohl er schon betagt war, die Treue gegen seinen Herrn, und verliebte sich in sie; und da er ihrer Sprache kundig war, und sich ihr dadurch um so angenehmer machte, weil sie schon Jahre lang fast wie eine Taubstumme unter den Leuten gelebt hatte, indem sie keinen Menschen verstand und von keinem verstanden ward, so trieb ihn die Liebe in wenigen Tagen, sich nach und nach solche Freiheiten bei ihr zu nehmen, daß ihre Vertraulichkeit, ohne sich daran zu kehren, daß ihr Herr und Gebieter unter den Waffen und im Kriege begriffen war, zur größten Höhe stieg. Sobald sie aber vernahmen, daß Usbek überwunden und erschlagen war, und daß Bassano überall den Meister spielte, hielten sie Beide es für ratsam, seine Ankunft nicht abzuwarten, sondern sie packten den besten Teil von Usbeks Vermögen zusammen, und flüchteten damit heimlich nach Rhodos. Wie sie hier noch nicht lange gewesen waren, so verfiel Antiochus in eine tödliche Krankheit, und da zufälliger Weise ein gewisser Kaufmann aus Cypern bei ihm einkehrte, für welchen er außerordentliche Liebe und Freundschaft hatte, und er das Ende seines Lebens spürte, so entschloß er sich, seine Geliebte und seine Schätze seinem Freunde anzuvertrauen. Er rief demnach Beide kurz vor seinem Tode zu sich und sagte: »Ich sehe, daß ich unvermeidlich sterben muß. und es geht mir nahe, weil mir noch nie das Leben so lieb war, wie jetzt: Eins ist mir inzwischen ein Trost in meinem Tode, daß ich nämlich in den Armen der beiden Personen sterbe, die mir die liebsten sind; in den Deinigen, mein bester Freund, und in den Armen dieses teuren Geschöpfes, welches ich mehr als mich selbst geliebt habe, seitdem wir uns kennen. Es ist wahr, sie dauert mich, da sie hier eine Fremde ist, und nach meinem Tode ohne Rat und Hülfe bleibt: aber sie würde mich noch mehr dauern, wenn ich Dich nicht hier hätte, von dem ich überzeugt bin, Du werdest um meinetwillen Dich ihrer annehmen, als wenn ich es selbst wäre; und deswegen bitte ich Dich inständig, laß Dir, wenn ich sterbe, ihre Person und meine Angelegenheiten empfohlen sein, und schalte mit beiden so, wie Du glaubst, daß Du meine Seele dadurch erfreuen könntest. Und Dich, meine Geliebte, bitte ich, daß Du mich nach meinem Tode nie vergessest, damit ich mich dort noch rühmen könne, daß mich hier das schönste Weib liebt, welches die Natur hervorgebracht hat.«

Der kaufmännische Freund und die Geliebte zerflossen während dieser Rede in Thränen und trösteten ihn, wie er schwieg, mit der Versicherung, daß sie Alles treulich erfüllen wollten, was er ihnen im Fall seines Absterbens empfohlen hätte; und es dauerte nicht lange, so schied er aus diesem Leben, und sie ließen ihn anständig begraben. Einige Tage darnach, wie der cyprische Kaufmann seine Geschäfte in Rhodos abgethan hatte, und mit einer catalonischen Jacht wieder nach Cypern gehen wollte, fragte er die schöne Frau, ob sie lieber in Rhodos bleiben wollte, oder mit ihm nach Cypern hinüber schiffen, weil er dahin zurückkehren müsse. Sie gab ihm zur Antwort, sie wollte mit ihm reisen, weil sie versichert wäre, daß er aus Liebe zu seinem Freunde Antiochus sie wie seine Schwester ansehen und ihr wie ein solcher begegnen würde. Der Kaufmann versicherte ihr, daß er sich Alles was ihr beliebte, gern gefallen ließe, und damit er sie auf dem Wege nach Cypern vor allen unangenehmen Zumutungen desto gewisser schützen könnte, so würde sie wohl thun, wenn sie sich für seine Frau ausgäbe. Wie sie nun an Bord kamen, ward ihnen demzufolge eine kleine Kajüte eingeräumt, und damit ihre Handlungen nicht mit ihren Worten im Widerspruch ständen, so bequemten sie sich, das kleine Bettchen, das sich in derselben befand, mit einander zu teilen, und da begab sich etwas, wovon sie beiderseits bei ihrer Abreise aus Rhodus nicht geträumt hatten: die Dunkelheit, die behagliche Lage und die Wärme des Bettchens wirkten nämlich so mächtig, daß sie die Freundschaft für den verstorbenen Antiochus verdrängten, und daß die Beiden sich von allerlei Trieben gedrungen fühlten, noch vor ihrer Ankunft in Baffa, wo der Kaufmann zu Hause war, eine Verwandtschaft mit einander zu stiften, welche sie auch nachher daselbst fortsetzten.

Bald darauf traf es sich, daß ein angesehener Mann, namens Antigono, wegen einiger Geschäfte nach Baffa kam, welcher sehr bejahrt und zugleich mit vielem Verstande begabt, aber desto ärmer an Glücksgütern war; denn er war in verschiedenen Sachen, die er im Dienste des Königs von Cypern unternommen hatte, nicht glücklich gewesen. Dieser ging einst, während der cyprische Kaufmann mit Waren nach Armenien verreist war, vor dem Hause vorüber, wo die schöne Alathiel wohnte, und wie er sie zufällig am Fenster erblickte, und sie wegen ihrer Schönheit genau betrachtete, so glaubte er sich zu erinnern, daß er sie schon irgendwo gesehen hätte, wiewohl er sich dessen nicht mit Gewißheit bewußt war. Alathiel, welche lange Zeit ein Spiel des Glücks gewesen, und jetzt dem Ziele nahe war, welches ihren Unglücksfällen ein Ende machen sollte, erinnerte sich ebenfalls, sobald sie den Antigono gewahr ward, daß sie ihn einst in Alexandria gekannt hatte, wo er im Dienste ihres Vaters eine ansehnliche Stelle bekleidete; sie machte sich demnach den Augenblick Hoffnung, durch seinen Rat und Beistand wieder zu ihren königlichen Eltern zu gelangen, und da ihr Kaufmann nicht zu Hause war, so ließ sie den Antigono zu sich rufen. Wie er kam, fragte sie ihn mit verschämtem Blick, ob er nicht Antigono von Famagosta wäre. Antigono bejahte es und setzte hinzu: »Es kömmt mir vor, Madonna, daß ich Euch gleichfalls kennen soll, wiewohl ich mich nicht erinnern kann, woher. Ich bitte Euch demnach, wenn es Euch nicht mißfällig ist, meinem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen, und mir zu sagen, wer Ihr seid.«

Wie sie hörte, daß er es wirklich war, brach sie in Thränen aus, warf ihm zu seiner Verwunderung die Arme um den Hals, und fragte ihn nach einer kurzen Pause, ob er sie nie in Alexandria gesehen habe.

Diese Frage erinnerte ihn den Augenblick an Alathiel, die Tochter des Sultans und er wollte ihr schon seine schuldige Ehrerbietung bezeigen; sie ließ es aber nicht zu, sondern hieß ihm, sich neben ihr zu setzen. Er fragte sie darauf ehrerbietigst, wie und wann, und woher sie an diesen Ort gekommen wäre, weil man in ganz Aegypten für ganz gewiß behauptete, sie wäre vor einigen Jahren in den Wellen umgekommen.

»Ich möchte lieber wünschen (antwortete sie), daß dieses geschehen wäre, als daß ich das Leben habe führen müssen, welches mir beschieden war; und ich glaube, mein Vater würde eben dasselbe wünschen, wenn er es jemals erführe.« Mit diesen Worten vergoß sie abermals die bittersten Thränen: daher Antigono zu ihr sagte: »Madonna, verzweifelt nicht eher, als Ihr es nötig habt. Gefällt es Euch, so erzählt mir Eure Lebensart, die ihr geführt habt; vielleicht stehen die Sachen so, daß wir ihnen unter dem Beistande des Himmels noch eine gute Wendung geben können.«

»Antigono (versetzte sie), wie ich Dich erblickte, glaubte ich in Dir meinen Vater zu sehen, und die kindliche Liebe, die ich ihm schuldig bin, bewog mich, da ich mich vor Dir wohl verbergen konnte, mich Dir zu entdecken; denn es sind wenige Leute, deren Anblick mich so erfreuen könnte, wie ich mich freue, Dich vor allen anderen wieder gesehen und erkannt zu haben; und darum will ich auch Dir, wie meinem Vater alles erzählen, was ich sonst vor Jedermann verborgen gehalten habe. Wenn Du glaubst, nachdem Du alles vernommen hast, daß Du mir auf irgend eine Weise zu meinem vorigen Zustande wieder verhelfen könnest, so beschwöre ich Dich, es zu thun. Scheint es Dir aber unmöglich, so bitte ich Dich, laß Dir niemals gegen jemand merken, daß Du mich gesehen oder etwas von mir gehört habest.«

Hierauf fuhr sie fort, unter beständigen Thränen ihm alles zu erzählen, was ihr seit dem Tage ihres Schiffsbruchs auf Mallorca bis auf den Tag ihrer Zusammenkunft mit ihm begegnet war.

Antigono ward davon bis zu Thränen gerührt, und wie er ein wenig nachgedacht hatte, sprach er: »Prinzessin, da während aller Eurer Unglücksfälle niemand erfahren hat, wer ihr seid, so getraue ich mir unfehlbar, Euch zu versprechen, daß Euer Vater Euch noch lieber haben soll, als zuvor, wenn ich Euch ihm wieder bringe, und Euer Gemahl, der König von Al-Garve nicht minder.«

Wie sie ihn fragte, wie er das anfangen wollte, gab er ihr umständlich von allem Bescheid, was sie thun müßte, und damit keine Zeit versäumt würde, so machte er sich gleich auf den Weg nach Famagosta, und begab sich zum Könige. »Gnädiger Herr (sprach er zu ihm), wenn Ihr wollt, so könnt Ihr, ohne viele Unkosten, Euch selbst große Ehre machen, und mir, der ich in Eurem Dienste verarmt bin, zu meinem Glücke verhelfen.«

»Wie so?« fragte der König.

»Die schöne Tochter des Sultans (antwortete Antigono), von welcher man so lange Zeit gesagt hat; daß sie ertrunken wäre, ist in Baffa angekommen, und hat, um nun ihre Keuschheit zu bewahren, das größte Ungemach ausstehen müssen. Sie befindet sich jetzt in dürftigen Umständen und wünscht zu ihrem Vater zurück zu gelangen. Wenn Ihr sie ihm nun unter meiner Aufsicht zuschicken wolltet, so würde es Euch viele Ehre, und mir großen Vorteil bringen, und ich glaube, der Sultan würde Euch einen solchen Dienst nimmermehr vergessen.«

Der König, von einem edlen Eifer getrieben, gab ihm gleich zur Antwort, er sei bereit, und ließ demnach die Dame mit großen Ehrenbezeigungen nach Famagosta holen, wo sie von ihm und der Königin mit vieler Pracht und Feierlichkeit empfangen ward. Einige Tage darauf ward sie auf ihr Begehr, unter der Aufsicht des Antigono und in Begleitung eines ansehnlichen Hofstaates von Herren und Frauen, dem Sultan zugeschickt; und man kann sich vorstellen, daß er sie mit herzlicher Freude empfing, und daß Antigono und seine Begleiter ebenfalls freundlich aufgenommen wurden.

Die Dame, welche sich die Unterweisung des Antigono trefflich zu Nutz machte, stattete demnächst ihrem Vater folgenden Bericht ab:

»Lieber Vater, ungefähr am zwanzigsten Tage nach meiner Abreise von Euch, ward unser Schiff in der Nacht von einem fürchterlichen Sturm in einer Gegend im Westen, die man Aiguemorte nennt, zertrümmert. Was aus der Mannschaft des Schiffes geworden ist, das weiß ich nicht, und habe es nie erfahren; und ich erinnere mich nur, daß ich am folgenden Morgen, wie ich so zu sagen vom Tode zum Leben wieder erwachte, und wie die Leute des Landes unser Schiff bereits gewahr wurden, und von allen Orten und Enden zusammengekommen waren, um es zu plündern, mit zweien meiner Weiber an's Land gesetzt ward, wo den Augenblick die eine von einem, die andere von einem andern Jünglinge ergriffen ward, welche mit ihnen davon liefen, so daß ich nie erfahren habe, was weiter aus ihnen geworden ist. Ich selbst wehrte mich aus allen Kräften gegen zwei junge Leute, die mich bei den Haaren zogen, und weil ich überlaut weinte, so fügte es sich, indem sie im Begriffe waren, mich in einen großen Wald zu schleppen, daß zu derselben Stunde vier Männer zu Pferde vorbei kamen, welche diejenigen, die mich schleppten, kaum erblickten, wie sie mich den Augenblick losließen und die Flucht nahmen. Die vier Männer, die mir Leute von großem Ansehen zu sein schienen, eilten auf mich zu und fragten mich vieles und ich antwortete ihnen vieles; allein wir konnten uns von beiden Seiten nicht verstehen. Nachdem sie sich lange beratschlagt hatten, ließen sie mich auf eines von ihren Pferden setzen, und führten mich nach einem Kloster, welches nach ihrer Sitte von lauter Frauenzimmern bewohnt ward. Ich weiß nicht, was sie zu ihnen sagten; allein ich ward von ihnen allen sehr gütig aufgenommen, und immer mit vieler Achtung behandelt. Hernach habe ich nach ihrem Beispiel oft mit voller Andacht dem Sankt Crescens von Valcreuse gedient, welchem die Frauenzimmer in jener Gegend sehr ergeben sind. Nachdem ich nun einige Zeit unter ihnen gelebt hatte, und anfing, etwas von ihrer Sprache zu verstehen, fragten sie mich, wer ich wäre, und aus welchem Lande; weil ich aber merkte, wo ich mich befand, und mich fürchtete, daß sie mich als eine Feindin ihres Glaubens von sich stoßen würden, wenn ich die Wahrheit sagte, so gab ich zur Antwort: ich wäre die Tochter eines Edelmannes in Cypern, der mich nach Kreta hätte verheiraten wollen, allein das Unglück hätte gewollt, daß wir an ihre Küste verschlagen wären, und Schiffbruch gelitten hätten. Mehr als einmal und auf mancherlei Weise habe ich ihre Gebräuche mitgemacht, aus Furcht, ich möchte sonst das Übel ärger machen; und wie mich einmal die älteste dieser Frauen, die sie Äbtissin nennen, fragte, ob ich mich wieder nach Cypern zurückwünschte, so gab ich zur Antwort, daß ich mich nach nichts eifriger sehnte. Inzwischen wollten sie, aus großer Fürsorge für meine Keuschheit, mich niemand anvertrauen, der nach Cypern reiste, bis endlich vor ungefähr zwei Monaten einige gute Männer aus Frankreich mit ihren Weibern, unter welchen sich auch einige Verwandte der Äbtissin befanden, dahin reisen wollten. Wie nun die Äbtissin hörte, daß diese Willens wären, nach Jerusalem zu wallfahrten, um das Grab desjenigen zu besuchen, den sie für Gott halten, und der dort begraben liegt, weil ihn die Juden tot geschlagen haben, so empfahl ich mich ihnen, und bat sie, daß sie mich in Cypern meinem Vater wieder überliefern möchten. Wenn ich Euch sagen sollte, wie liebreich und gefällig mich diese guten Männer samt ihren Weibern aufnahmen, so hätte ich Euch noch lange zu erzählen. Wir gingen also zusammen an Bord eines Schiffes und kamen nach einiger Zeit glücklich nach Baffa. Wie ich mich diesem Ort näherte, wo mich kein Mensch kannte, und wie ich mich folglich in der größten Verlegenheit befand, was ich den guten Leuten sagen sollte, die mich meinem Vater überliefern wollten, wie es ihnen von der Äbtissin war aufgetragen worden, so schickte mir der Himmel, der sich vermutlich meiner erbarmte, den Antigono am Ufer entgegen, in diesem Augenblick, wie wir in Baffa an's Land stiegen. Ich rief ihn geschwind zu mir und bat ihn in unserer Sprache, welche jene guten Leute nicht verstanden, er möchte mich als seine Tochter empfangen. Er verstand meinen Wink auf der Stelle, empfing mich mit großer Freude, bewirtete die guten Männer und ihre Weiber nach seinem geringen Vermögen, und brachte mich zu dem Könige von Cypern, der mich so ehrenvoll hat empfangen und zu sich geleiten lassen, daß ich es Euch nicht genugsam beschreiben kann. Wenn sonst noch etwas zu sagen übrig bleibt, so mag es Antigono thun, dem ich mehr als einmal diese meine Begebenheiten erzählt habe.«

Antigono redete hierauf den Sultan an und sprach: »Sie hat Euch alles erzählt, großmächtiger Herr! was ich von ihr selbst und von den guten Männern und Weibern, die mit ihr kamen, gehört habe; nur einen Umstand hat sie nicht erwähnt (vermutlich weil sie glaubt, daß es ihr selbst nicht zusteht, davon zu reden), nämlich was die guten Herren und Frauen, mit denen sie kam, von dem keuschen Wandel erzählt haben, den sie bei den Nonnen führte, von ihren Tugenden und löblichen Sitten, und von den vielen Thränen, womit ihre männlichen und weiblichen Reisegefährten von ihr schieden, indem sie mir sie wieder überlieferten. Wenn ich Euch das alles erzählen sollte, so würde nicht nur dieser Tag, sondern auch die folgende Nacht nicht dazu hinreichen; genug, ich will Euch nur soviel sagen, daß nach dem Zeugnis dieser Leute, und nach Allem, was ich selbst gesehen habe, kein gekröntes Haupt sich heutigen Tages rühmen kann, eine schönere, sittsamere und tugendhaftere Tochter zu besitzen, als Ihr habt.«

Dies gefiel dem Sultan so wohl, daß er sich wunderbarlich darüber erfreute, und Gott bat, ihm die Gnade zu verleihen, daß er einem jeden die Ehre, die er seiner Tochter angethan hätte, nach Verdienst und Würden vergelten könne; besonders aber dem Könige von Cypern, der sie ihm mit solchen Ehren wieder gesandt hätte. Nach einigen Tagen entließ er den Antigono mit großen Geschenken wieder nach Cypern, und dankte dem Könige in Briefen und durch besondere Botschafter verbindlichst für alles, was er an seiner Tochter gethan hatte.

Hiernächst wünschte er auch das angefangene Werk zu vollenden, nämlich seine Tochter mit dem Könige von Al-Garve zu vermählen. Er ließ ihm demnach von Allem Nachricht geben und schrieb ihm dabei, wenn er noch wünschte seine Tochter zu haben, so möchte er sie nur abholen lassen. Darüber ward der König von Al-Garve sehr froh, schickte ihr ein standesmäßiges Geleite zu, um sie abzuholen, und empfing sie mit offenen Armen als Jungfrau, nachdem sie zehntausend mühselige Abenteuer überstanden hatte.

Darum sagt man wohl im Sprichwort: »Geküßter Mund wird nicht wund; vielmehr pflegt er sich, wie der Mond, immer wieder zu verjüngen.«

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