Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Giovanni Boccaccio >

Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
Schließen

Navigation:

Sechzehnte Erzählung.

Nach dem Tode des Kaisers Friedrichs II. wurde Manfredi zum Könige von Sizilien gekrönt, unter dessen Regierung ein gewisser neapolitanischer Edelmann namens Arrighetto Capace, eine große Rolle spielte, der ein schönes, edles, ebenfalls aus Neapel gebürtiges Weib zur Gemahlin hatte, namens Madonna Beritola Caracciola. Wie dieser Arrighetto, dem die Zügel der Regierung anvertraut waren, vernahm, daß König Karl I. bei Benevento den Manfredi überwunden und erschlagen hatte, und daß das ganze Reich sich ihm unterwarf, und wie er selbst glaubte, sich auf die Treue der Sizilianer wenig verlassen zu können, und dennoch dem Feinde seines Herrn nicht wollte unterthan werden, machte er Anstalt, zu entfliehen. Wie aber dies die Sizilianer erfuhren, überlieferten sie plötzlich ihn und viele andere Diener des Königs Manfredi dem König Karl und räumten diesem darauf die ganze Insel ein.

Madonna Beritola, die in dieser gewaltigen Zerrüttung der Dinge nicht wußte, was aus ihrem Gemahl geworden wäre, und immer dasjenige befürchtete, was sich wirklich zugetragen hatte, ließ aus Furcht vor Gewalt und Verletzungen ihrer Ehre alle ihre Habseligkeiten im Stiche, begab sich, arm und schwanger, mit einem Söhnchen von acht Jahren, namens Giuffredi, an Bord eines Schiffchens, und entfloh nach Lipari, woselbst sie noch einen Sohn gebar, den sie Scacciato (den Verjagten) nannte; worauf sie eine Amme nahm, und mit ihnen allen wieder ein kleines Fahrzeug bestieg, in der Absicht sich zu ihren Verwandten nach Neapel zu begeben. Allein es fiel anders aus als sie dachte, denn das Schiffchen, das nach Neapel gehen sollte, ward durch widrige Winde an das Ufer der Insel Ponzo getrieben, wo sie in eine kleine Bucht einliefen und einen günstigen Wind abwarteten, um ihre Reise fortzusetzen. Madonna Beritola, die nebst den Uebrigen an's Land ging, fand daselbst einen entlegenen und einsamen Ort, wohin sie sich oft ganz allein begab, um ihren Arrighetto zu beweinen. Indem sie diese Gewohnheit jeden Tag beobachtete, traf es sich einst, daß während ihrer traurigen Wanderungen eine Raubgaleere sich so schnell näherte, daß sie fast ohne von den Seeleuten der Madonna bemerkt zu werden, dieselben überfiel, und sich ihrer ohne Schwertschlag bemächtigte und davon fuhr. Wie Madonna Beritola ihre tägliche Klage verrichtet hatte, und nach dem Ufer zurückkehrte, um ihre Kinder wieder zu umarmen, fand sie daselbst keinen einzigen Menschen mehr. Zuerst verwunderte sie sich darüber, bald aber fing sie an zu ahnen, was vorgefallen war, schaute hinaus in die See und sah die Galeere, die noch nicht weit entfernt war, und das kleine Fahrzeug im Schlepptau hatte. Sie sah sich nunmehr ohne Gemahl und ohne Kinder einsam, verlassen und elend, und ohne einen Schein von Hoffnung, sie jemals wieder zu finden, und nun sank sie, indem sie vergeblich ihren Namen ausrief, ohnmächtig am Gestade nieder. Da war niemand, der mit erquickendem Wasser, oder mit tröstenden Reden ihre abgespannten Kräfte wieder gestärkt hätte, sondern ihre Lebensgeister hatten Zeit, abwesend zu bleiben, so lange sie wollten. Wie jedoch endlich in ihrem erschöpften Körper die entflohenen Kräfte sich wieder einstellten, und mit ihnen die Thränen und Klagen, da begann sie wieder, ihre Kinder ohne Aufhören zu rufen, und jede Höhle zu durchwandern, um sie aufzusuchen; doch wie sie fand, daß alle ihre Mühe vergeblich war, und daß die Nacht anbrach, indem sie noch immer Hoffnungen nährte, und selbst nicht wußte warum, so fing sie endlich an auf ihre Selbsterhaltung bedacht zu sein. Sie entfernte sich demnach vom Ufer, und nahm ihre Zuflucht zu der Höhle, wo sie sonst gewohnt war, zu klagen und zu weinen. Nachdem sie die Nacht voll unbeschreiblicher Schmerzen und nicht ohne Furcht zugebracht hatte, nachdem der neue Tag angebrochen, und schon die dritte mühselige Stunde überstanden war, fühlte sie, die am vorigen Tage kein Abendmahl erquickt hatte, sich vom Hunger gezwungen, das Kraut der Erde zu essen, und wie sie sich kümmerlich gesättigt hatte, überließ sie sich thränenvoll dem Nachdenken über ihre künftige Lebensweise. Indem sie so in Gedanken vertieft saß, ward sie ein Reh gewahr, welches vorüber in eine benachbarte Höhle lief, und bald wieder herauskam, um seinen Weg in das Gebüsch zu nehmen. Sie stand auf und ging in die Höhle, aus welcher das Reh geschlüpft war, und fand daselbst zwei junge Rehzwillinge, die vielleicht erst an demselben Tage geworfen waren, und die ihr die lieblichsten und niedlichsten Geschöpfchen zu sein schienen. In ihrer eigenen Brust war die Milch noch nicht versiegt, sie nahm demnach diese Thierchen und legte sie zärtlich an ihren Busen; auch ließen diese sich die Pflege willig gefallen, und sogen an ihr wie an ihrer Mutter, machten auch in der Folge zwischen den beiden gar keinen Unterschied. Da sie nun an diesem wüsten Orte gewissermaßen eine Gesellschaft gefunden zu haben glaubte (denn auch die Rehmutter ward bald eben so vertraut mit ihr, wie ihre Jungen), so gewöhnte sie sich an den Gedanken, dort zu leben und zu sterben; indem sie sich von Kräutern nährte und Wasser dazu trank, und Thränen vergoß, so oft sie sich an ihren Gemahl und ihre Kinder, und an ihr voriges Leben erinnerte.

Indem nun die edle Dame sich hier allmählich in eine Wilde verwandelte, trug es sich nach einigen Monaten zu, daß ein Boot von Pisani eben so zufälliger Weise an derselben Stelle landete, wo sie zuerst das Ufer betreten, und sich eine geraume Zeit aufgehalten hatte. An Bord desselben befand sich ein Edelmann, namens Currado Malespina, mit seiner Gemahlin, einer tugendhaften und christlichen Frau. Sie hatten eben beide eine Wallfahrt nach allen heiligen Örtern der Provinz Puglia zurückgelegt, und waren jetzt auf der Heimreise begriffen. Dieser Edelmann hatte eines Tages, um sich die Langeweile zu vertreiben, mit seiner Gemahlin und einigen seiner Leute mit Jagdhunden auf der Insel umhergestreift, und nicht weit von dem Aufenthalt der Madonna Beritola waren die Hunde den beiden Rehzwillingen auf die Spur gekommen, die nun schon etwas herangewachsen waren, und sich im Revier ästen, und wie sie von den Hunden aufgejagt wurden, sich schleunigst nach der Höhle zu Madonna Beritola retteten. Wie diese sie gewahr ward, sprang sie alsobald auf, ergriff einen Stecken, womit sie die Hunde abhielt, und wie Currado mit seiner Frau, welche den Hunden folgten, dazu kamen, und ihre magere, von der Sonne verbrannte Figur mit verwirrtem Haar erblickten, erstaunten sie nicht wenig darüber, und Madonna Beritola verwunderte sich nicht minder über die Fremden. Wie nun Currado auf ihre Bitte seine Hunde abgerufen hatte, brachte er es nach vielem Zureden zuwege, daß sie ihm sagte, wer sie wäre, und wie es zuginge, daß sie sich dort befände. Sie gab ihm also Nachricht von allen ihren Umständen, von dem Unglück, welches sie dort betroffen, und von dem raschen Vorsatz, den sie gefaßt hätte. Wie dieses Currado hörte, welcher den Arrighetto Capace sehr genau gekannt hatte, vergoß er Thränen des Mitleids, und bot alle seine Beredsamkeit auf, sie von ihrem verzweifelten Entschlusse abzubringen, indem er sich erbot, sie zurück zu ihren Verwandten zu führen, oder sie bei sich, wie eine leibliche Schwester in Ehren zu halten, bis ihr Gott einst glücklichere Tage schenkte. Da seine eigenen Bitten nicht vermögend waren, die Dame zu bewegen, so ließ Currado seine Gemahlin bei ihr, und trug ihr auf, etwas Speise bringen zu lassen, und sie einigermaßen mit Kleidern zu versehen (denn die ihrigen waren ganz zerrissen), und alles Mögliche anzuwenden, um sie zu bewegen, mit ihr zu gehen. Die Dame, so bald sie mit Madonna Beritola allein war, fing zuerst an, ihr Unglück herzlich zu beklagen; zunächst bewog sie sie, nicht ohne viele Mühe, die Kleider, welche sie ihr bringen ließ, anzulegen, und etwas weniges zu genießen; doch endlich gelang es ihr nach vielen Bitten, sie zu bewegen, mit ihr nach Lunigiana zu gehen (denn sie erklärte, daß sie durchaus nirgends hingehen wolle, wo man sie kenne) und die Rehziege mit ihren beiden Jungen mitzunehmen; denn auch diese war in der Zwischenzeit zurückgekommen, und hatte der Donna Beritola, zur nicht geringen Verwunderung der edlen Neapolitanerin, die größten Liebkosungen bewiesen.

Wie nun der Wind günstig ward, bestiegen Donna Beritola samt Currado und seiner Gemahlin das Schiff, und nahmen die Rehziege und ihre Jungen mit, nach welchen Donna Beritola, um ihren wahren Namen geheim zu halten, sich Madonna Cavriuola nennen ließ. Ein günstiges Lüftchen brachte sie bald nach der Mündung der Magra, wo sie an's Land stiegen, und sich nach dem Schlosse des Currado begaben. Hier lebte Madonna Beritola in Witwenkleidern, als eine Gesellschaftsdame der Gemahlin des Currado, in einem ehrbaren, demütigen und unterwürfigen Zustande, und sorgte immer liebreich für ihre Rehzwillinge.

Die Räuber, welche zu Ponzo das Schiff weggenommen hatten, auf welchem Madonna Beritola gekommen war, ließen sie zurück, weil sie sie nicht gesehen hatten und gingen mit den übrigen Gefangenen nach Genua, wo die Eigentümer der Galeere die Beute teilten, und durch das Los ward die Amme der Beritola nebst den beiden Knaben einem Messer Gasparin d'Oria zu teil. Dieser nahm sie und die Kinder in sein Haus, um sie als Leibeigene zu allerlei Diensten zu gebrauchen. Die Amme war untröstlich über die Trennung von ihrer Frau, und vergoß zugleich bittere Thränen über die unglückselige Lage, in welcher sie und die Kinder sich befanden. Wie sie aber gedachte, daß sie mit Thränen nichts ausrichtete, und daß sie mit ihnen in allerlei Dienstbarkeit lebte, so faßte sie als ein zwar armes, aber kluges und vorsichtiges Weib für's Erste den Entschluß, sich zu trösten, so gut sie konnte, und zweitens überlegte sie, nachdem sie sich erkundigt hatte, was aus den Kindern geworden wäre, daß es gefährlich und schädlich für sie werden könnte, wenn man erführe, wer sie wären. Und da sie überdies hoffte, daß sie vielleicht irgend einmal das Glück wenden, und die Kinder, wenn sie so lange lebten, wieder in ihren vorigen Zustand erheben könnte, so war sie Willens, niemand eher ihren Stand zu entdecken, bis sie eine solche günstige Gelegenheit fände. Sie gab sie demnach bei Jedermann für ihre eigenen Kinder aus, und nannte den ältesten Knaben nicht Giuffredi, sondern Giannotto di Procida. Den Namen des Kleinsten zu ändern hielt sie nicht für notwendig, hingegen sparte sie keine Mühe, dem Giuffredi begreiflich zu machen, warum sie ihm einen andern Namen gegeben habe, und wie gefährlich es für ihn werden könne, wenn er erkannt würde; sie erinnerte ihn auch daran nicht einmal, sondern oftmals. Der Knabe, dem es nicht an Witz fehlte, richtete sich auch fleißig nach der Vorschrift seiner Amme. Beide Brüder lebten demnach nebst ihrer Amme manches Jahr geduldig in dem Hause des Messer' Gasparin, schlecht bekleidet und noch schlechter beschuht, und mußten sich zu allerlei niedrigsten Diensten gebrauchen lassen. Wie aber Giannotto das sechzehnte Jahr erreicht hatte und mehr Stolz besaß, als mit seinem dienstbaren Zustande bestehen konnte, verschmähte er die niedrige Knechtschaft, entsprang aus dem Dienste des Messer' Gasparin, ging auf eine Galeere, die nach Alexandria segelte, und durchreiste viele Länder, ohne jedoch irgendwo sein Fortkommen zu finden. Endlich, ungefähr vier Jahre, nachdem er von Messer' Gasparino entflohen und nunmehr ein feiner, großer Jüngling geworden war, hörte er, daß sein Vater, den er immer für tot gehalten hatte, noch lebte, daß ihn aber der König Karl gefangen hielte. Da er nun lange fast verzweifelnd wie ein Ball des Glücks herumgeirrt hatte, kam er nach Lunigiana, und der Zufall wollte, daß er bei Currado Malespina in Dienste trat, welchem er sehr treulich diente, und dessen Wohlwollen er dadurch erwarb. Obwohl er nun nicht selten seine Mutter, die bei der Gemahlin des Currado war, zu sehen bekam, so kannte er sie doch nicht, und sie ihn auch nicht, weil die Jahre sie beide, seitdem sie sich zuletzt gesehen, außerordentlich verändert hatten.

Während der Zeit, daß Giannotto bei Messer' Currado in Diensten war, traf es sich, daß eine Tochter desselben, namens Spina, die Witwe eines Niccolo da Grignano wieder nach ihres Vaters Hause kam, und als ein schönes, junges und munteres Weibchen von sechzehn Jahren, ihre Augen auf Giannotto warf, und er wiederum auf sie, so daß sie Beide sich inbrünstigst in einander verliebten. Diese Liebe blieb nicht lange unbefriedigt und währte verschiedene Monate, ohne daß sie von fremden Augen bemerkt ward. Dadurch aber wurden die Liebenden zu sicher und fingen an, ihre Maßregeln weniger vorsichtig zu nehmen, als bei solchen Gelegenheiten nötig war. Wie sie demnach eines Tages zusammen in einem schattigen Gebüsche lustwandelten, trennten sie sich von der übrigen Gesellschaft, und eilten in die dichtesten Schatten, und wie sie glaubten, die Andern weit genug hinter sich zurückgelassen zu haben, ließen sie sich auf einen anmutigen, mit Blumen bedeckten und von dichten Zweigen überschatteten Rasen nieder, und überließen sich den sanften Entzückungen der Liebe. Da sie sich aber eine lange Zeit (die ihnen für ihr Vergnügen nur gar zu kurz schien) zusammen aufhielten, so wurden sie zuerst von der Mutter und gleich darauf von Currado selbst überrascht. Äußerst aufgebracht über den unvermuteten Anblick, ließ dieser sie Beide (ohne sich merken zu lassen, in welcher Absicht) durch drei seiner Bedienten binden und nach einem seiner Schlösser bringen; denn knirschend vor Zorn und Wut war er willens, sie Beide eines schmählichen Todes sterben zu lassen. Die Mutter der jungen Dame, die zwar ebenfalls über ihre Tochter sehr entrüstet war, und glaubte, daß ihr Vergehen eine schwere Züchtigung verdiente, hatte inzwischen aus einigen Worten, die ihrem Gemahl entfallen waren, seine blutdürstigen Absichten mit den beiden Schuldigen geahnt, daher sie ihm nacheilte, und ihn flehentlich bat, ihr zu Liebe nicht so rasch den Vorsatz zu fassen, in seinem Alter der Mörder seiner Tochter zu werden und seine Hände mit dem Blute seines Knechtes zu besudeln; indem er ja andere Mittel finden könnte, seine Rache auszuüben, wenn er sie in ein Gefängnis setzen, und sie daselbst dulden und ihr Verbrechen abbüßen ließe. Mit dergleichen und anderen Reden brachte ihn die fromme Frau dahin, daß er seinen Entschluß änderte, und anstatt sie umbringen zu lassen, Befehl gab, sie beide an verschiedenen Orten einzukerkern, sie unter strenger Aufsicht zu halten, ihnen sparsame Nahrung zu geben und schwere Buße aufzulegen, bis er anders über sie verhängen würde. Dieses geschah und man kann sich vorstellen, wie ihnen im Gefängnis zu Mute ward, wo beständige Thränen ihr Los waren, und wo sie mehr fasten mußten, als ihnen lieb war.

Indes nun Giannotto und die Spina unter diesen Drangsalen seufzten, und schon ein Jahr so zugebracht hatten, ohne daß Currado sich ihrer erinnerte, begab es sich, daß der König Don Pedro von Aragonien, durch die Mitwirkung des Herrn Gian di Procida die Sizilianer zum Aufstand bewegte und die Insel dem Könige Karl wegnahm, welches dem Currado, als einem echten Ghibelliner große Freude verursachte. Wie dieses dem Giannotto durch einen seiner Aufseher hinterbracht ward, rief er mit einem Seufzer: »Weh mir! nun sind es schon vierzehn Jahre, daß ich mich in der Welt im Elende herumgeschleppt, und nur auf einen solchen Umstand gewartet habe; und jetzt, da er wirklich eingetreten ist, muß ich, damit mir ja keine hoffnungsvolle Aussicht übrig bleibe, hier im Gefängnis

»Wie so? (fragte der Kerkermeister) was geht es Dich an, was zwischen großen Königen vorgeht und was hattest Du den in Sizilien zu thun?«

Giannotto antwortete: Es zerreißt mir das Herz, wenn ich bedenke, was einst mein Vater daselbst zu thun hatte, von welchem ich mich noch wohl erinnere, daß er zu den Zeiten des Königs Manfredi ein angesehener Mann war, obwohl ich nur noch ein kleiner Knabe war, wie ich entfliehen mußte.«

»Wer war denn Dein Vater?« fragte der Kerkermeister.

»Ich darf jetzt getrost seinen Namen nennen (antwortete Giannotto), da die Gefahr nunmehr vorüber ist, die ich sonst befürchten mußte, wenn ich ihn entdeckt hätte. Er nannte sich (und nennt sich noch, wofern er noch lebt) Arrighetto Capace, und ich heiße nicht Giannotto, sondern Giuffredi ist mein Name und ich bin versichert, wenn ich aus diesem Orte entkommen und mich in Sizilien zeigen könnte, daß ich dort zu großem Ansehen gelangen würde.«

Der gute Mann fragte nicht weiter, sondern begab sich, so schnell er konnte, zu Currado, dem er alles erzählte. Wie Currado es vernahm, ließ er sich zwar gegen den Kerkermeister nicht merken, daß er sich darum bekümmerte; ging aber den Augenblick zu Madonna Beritola, und fragte sie im Vertrauen, ob sie von Arrighetto einen Sohn gehabt hätte, welcher Giuffredi hieße. Weinend gab sie ihm zur Antwort: wenn der älteste von ihren beiden Söhnen noch am Leben sei, so müsse er so heißen und zwei und zwanzig Jahre alt sein.

Wie dies Currado hörte, zweifelte er nicht, daß Giannotto dieser Giuffredi sein müßte, und es fiel ihm gleich ein, daß er in diesem Falle ihm eine große Wohlthat erzeigen, und zu gleicher Zeit seine eigene und seiner Tochter Schande auslöschen könnte, wenn er sie ihm zur Gemahlin gebe. Er ließ deswegen den Giannotto insgeheim zu sich kommen, fragte ihn nach allen Umständen seines bisherigen Lebens, und wie er in demselben die untrüglichsten Beweise fand, daß er wirklich Giuffredi, der Sohn des Arrighetto Capace war, sprach er zu ihm: »Giannotto, Du weißt, wie groß die Beleidigung ist, welche Du mir in der Person meiner leiblichen Tochter zugefügt hast; da ich Dir doch so gut und so freundlich begegnete, weswegen Du, wie es einem treuen Diener ziemt, meine Ehre stets hättest beschützen und fördern sollen. Mancher andere an meiner Stelle, an welchem Du so gehandelt hättest, wie an mir, hätte Dich vielleicht eines schmählichen Todes sterben lassen, welches mir meine Langmut nicht erlaubte. Jetzt aber, da die Sachen so stehen, wie Du mir sagst, daß Du der Sohn eines Edelmanns und einer adeligen Mutter bist, will ich Deinem Kummer ein Ende machen, wofern es Dein eigener Wunsch ist; ich will Dich aus dem Elend und der Gefangenschaft befreien, und zu gleicher Zeit Deine und meine Ehre auf eine geziemende Weise wieder herstellen. Du weißt, die Spina, welche Du (wiewohl auf eine für Dich und sie ungeziemende Art) zur Liebe bewogen hat, ist Witwe; ihre Aussteuer ist ansehnlich; wer ihre Eltern sind, und wie sie erzogen ist, das weißt Du; von Deiner jetzigen Lage will ich nicht reden. Wenn Du es nun zufrieden bist, so bin ich entschlossen, sie, die Du auf eine unerlaubte Art geliebt hast, Dir auf eine gesetzmäßige Weise zum Weibe zu geben, und Du kannst mit ihr wie mein Sohn künftig bei mir wohnen, wenn es Dir gefällt.«

Die lange Gefangenschaft hatte zwar die Leibeskräfte des Giannotto geschwächt; allein der edelmütige Geist, den er von seinen Eltern geerbt hatte, war dadurch nicht im geringsten niedergebeugt worden, so wenig als seine aufrichtige Liebe zu seiner Gebieterin; und so sehnlich er sich auch dasjenige wünschte, was Currado ihm antrug, so unterdrückte er dennoch nicht ein Wort von demjenigen, was sein gerechter Stolz ihm in den Mund legte, und gab ihm zur Antwort: »Currado! weder Ehrgeiz, noch Gierigkeit, oder irgend eine andere Rücksicht, konnte mich je bewegen, gegen Dein Leben, oder gegen irgend etwas, das Dein ist, einen unredlichen Anschlag zu machen. Ich habe Deine Tochter geliebt, ich liebe sie noch, und werde sie ewig lieben; weil ich sie meiner Liebe würdig halte, und wenn ich an ihr, nach den Begriffen gewöhnlicher Menschen, weniger als ehrenvoll gehandelt habe, so beging ich einen Fehler, welcher der Jugend anklebt, und welcher sich nicht ausrotten läßt, so lange man nicht die Jugend selbst mit ausrotten kann; und der auch so schwer nicht scheinen würde, wie Du und Andere ihn ansehen, wenn ihr Alten Euch erinnern wolltet, daß Ihr auch einst jung gewesen seid, und wolltet Eure Fehler gegen die unsrigen, und diese wieder gegen jene, mit Billigkeit abwägen; auch habe ich aus Liebe gefehlt, und nicht aus feindseliger Absicht. Was Du mir jetzt anbietest das war immer das Ziel meiner Wünsche, und hätte ich mir einbilden können, daß es mir würde gewährt werden, so hätte ich es längst gesucht; je geringer demnach jetzt meine Hoffnung ist, um desto werter wird mir jetzt die Erreichung meiner Wünsche sein. Ist es Dir aber nicht völliger Ernst mit Deiner Anerbietung, so halte mich nicht hin mit eitlen Hoffnungen; sende mich zurück ins Gefängnis, wenn es Dir gefällt, und überlaß mich meiner Qual; ich werde dennoch, so lange ich die Spina liebe, auch Dich als ihren Vater lieben und ehren. Du magst gegen mich handeln, wie Du willst.«

Wie Currado ihn so reden hörte, verwunderte er sich, und hielt ihn für einen Mann von eben so hohem Sinn, als feurigen Leidenschaften, und schätzte ihn deswegen um desto höher. Er stand auf, umarmte und küßte ihn, und um die Sache nicht länger zu verzögern, ließ er in der Stille die Spina gleichfalls zu sich kommen. Sie war in der Gefangenschaft bleich, mager, und fast ganz ein andres Frauenzimmer geworden, so wie auch Giannotto sich in einen anderen Mann schien verwandelt zu haben; und in diesem Zustande hielten sie beiderseits in Gegenwart des Currado mit dem besten Willen ihr Verlöbnis nach herkömmlicher Sitte.

Nachdem Currado einige Tage lang, ohne daß jemand wußte, was vorgegangen war, ihnen Beides alles verschafft hatte, was ihnen nötig und angenehm war, schien es ihm Zeit zu sein, auch ihre Mütter zu erfreuen; daher er seine Gemahlin und die Donna Cavriuola rufen ließ, und zu der Letzteren sprach: »Was würdet Ihr wohl sagen, Madonna, wenn ich Euch Euren ältesten Sohn wiederschaffte, und ihn Euch als den Gemahl einer meiner Töchter vorstellte?«

»Ich würde, (sprach die Cavriuola) Euch gestehen müssen, daß, wenn ich Euch noch mehr verbunden werden könnte, als ich schon bin, meine Verbindlichkeit gegen Euch um desto größer sein würde, wenn Ihr mir Dasjenige wiedergäbet, was mir viel teurer ist, wie mein eigenes Selbst, und wenn Ihr es mir noch dazu auf eine solche Weise wiedergäbet, wie Ihr sagt, so würdet Ihr alle meine verlorenen Hoffnungen wieder lebendig machen.«

Hier unterbrachen die Thränen ihre Rede, und Currado sagte nun zu seiner Gemahlin: »Was meinst denn Du, Frau, von einem solchen Schwiegersohn?«

»Nicht nur ein Edelmann (antwortete sie,) sondern selbst ein Bettler würde mir willkommen sein, sobald er Dir gefiele.«

»Wohlan (sprach Currado), ich hoffe Euch bald beide zu glücklichen Müttern zu machen.«

Er begab sich darauf zu dem jungen Paar, welches bereits seine vorige Gestalt wieder erlangt hatte und standesmäßig gekleidet war: »Würde es (fragte er den Giuffredi) die Freude, welche Dir geworden ist, nicht noch erhöhen, wenn Du Deine Mutter hier fändest?«

»Ich darf nicht hoffen (antwortete Giuffredi) daß sie den Schmerz über ihre vielen schweren Leiden so lange hat ertragen können, sonst würde es mir allerdings große Freude verursachen, zumal, da ich durch ihren guten Rat vielleicht einen Teil meiner Güter in Sizilien wieder erlangen würde.«

Darauf ließ Currado die beiden Damen hereinkommen, sie überhäuften beide die junge Braut mit ihren Liebkosungen, und konnten nicht begreifen, durch welche Eingebung Currado bewogen worden, sie mit dem Giannotto zu verbinden. Allein Madonna Beritola, die sich an die Worte des Currado erinnerte, fing an, ihn zu betrachten, und ein geheimer Trieb half ihr bald in seinem Gesicht die Jugendzüge ihres Sohnes aufzufinden, worauf sie, ohne nach andern Beweisen zu fragen, ihn mit offenen Armen umfing. Das Uebermaß mütterlicher Zärtlichkeit und Freude erlaubte ihr nicht ein Wort vorzubringen, sondern jedes Empfindungsvermögen verließ sie, und sie sank wie leblos in die Arme ihres Sohnes. Dieser wunderte sich zwar sehr, indem er sich erinnerte, sie oft vorher in diesem Schlosse gesehen zu haben, daß er sie nie erkannt hatte; doch überzeugte ihn bald der verwandte Duft des mütterlichen Busens, und indes er sich innerlich Vorwürfe wegen seiner vergangenen Unachtsamkeit machte, schloß er sie mit Thränen und zärtlichen Küssen in seine Arme.

Wie Madonna Beritola durch den freundschaftlichen Beistand der Gemahlin des Currado und ihrer neuen Schwiegertochter wieder zur Besinnung kam, umarmte sie von neuem ihren Sohn, mit Vergießung vieler Thränen, und küßte ihn tausendmal unter den zärtlichsten Ergießungen ihrer mütterlichen Liebe. Wie nun diese frommen und fröhlichen Umarmungen, nicht ohne viel Freude und Teilnehmung der Umstehenden, drei bis viermal waren erneuert worden, und ein jeder dem andern seine Begebenheiten erzählt hatte, sagte Giuffredi zum Currado, welcher die neue Verbindung bereits allen seinen Freunden verkündigt, und ihre Glückwünsche empfangen hatte, und Anstalten zu einem frohen und herrlichen Feste machte: »Currado, Ihr habt mir nun auf mancherlei Weise Freude gemacht, und habt auch meiner Mutter lange Zeit viel Liebe und Ehre erwiesen; damit nun nichts fehlen möge, das Ihr noch uns zu Gefallen thun könnt, so bitte ich Euch, meine Mutter und mich an meinem Hochzeitsfeste mit der Gegenwart meines Bruders zu erfreuen, der als Diener in dem Hause des Herrn Gasparin d'Oria lebt, welcher ihn und mich (wie ich Euch schon erzählt habe) auf der See wegnahm. Auch bitte ich Euch, jemand nach Sizilien zu schicken, um genaue Nachricht einzuziehen, wie es dort im Lande steht und nachzuforschen, was aus meinem Vater geworden, ob er lebendig oder tot ist, und wenn er noch lebt, in welchem Zustande er sich befindet; und uns von allem umständliche Nachricht zu bringen.«

Currado billigte Giuffredi's Begehren, und schickte unverzüglich verständige Boten nach Genua und Sizilien. Derjenige, welcher nach Genua ging, bat den Herrn Gasparino in Currado's Namen inständig, den Scacciato und seine Amme zu ihm zu schicken, und erzählte ihm alles, was Currado an Giuffredi und an dessen Mutter gethan hätte. Gasparino verwunderte sich sehr darüber, und sagte: »Ich würde gewiß Currado zu Gefallen alles thun, was ich könnte, und ich habe wirklich schon seit vierzehn Jahren den jungen Menschen, den Du nennst, samt seiner Mutter im Hause, und will sie ihm gerne hinschicken, allein sagt ihm von mir, er solle den Fabeln des Giannotto, der sich jetzt Giuffredi nennen läßt, nur nicht zu viel Glauben beimessen, denn der Bursch ist schlimmer, als er sich vorstellt.«

Hierauf ließ er den Boten bewirten, und ließ in der Stille die Amme zu sich fordern, und befragte sie mit vieler Genauigkeit über alle diese Dinge. Da sie schon von dem Aufstande in Sizilien gehört hatte, und daß Arrighetto noch lebte, so entschlug sie sich aller ihrer bisherigen Besorgnisse, erzählte ihm alles, und zeigte ihm die Ursachen an, warum sie solche Maßregeln beobachtet hätte.

Wie Gasparino fand, daß die Erzählung der Amme in jedem Umstande mit den Worten des Boten übereinstimmte, fing er an, ihnen Glauben beizumessen, und wie er, als ein schlauer Mann, noch überdies auf diese und jene Art sich des Dinges erkundigt hatte, und immer neue überzeugende Beweise fand, so schämte er sich der niedrigen Begegnung, die er dem Jünglinge hatte widerfahren lassen, und da er eine liebenswürdige Tochter von elf Jahren hatte, und wohl wußte, wer Arrighetto gewesen war, so gab er diese mit einer reichen Aussteuer dem jungen Manne zur Gemahlin, und nachdem er ihnen eine große Hochzeit gemacht hatte, ging er selbst mit dem Brautpaar, samt der Amme und dem Boten des Currado am Bord einer wohlbewaffneten Halbgaleere nach Lerici, wo er von Currado empfangen ward, und sich mit seiner Gesellschaft nach einem Schlosse desselben begab, woselbst das Hochzeitsmahl bereitet war.

Wie sehr die Mutter sich freute, ihren zweiten Sohn wieder zu sehen, wie groß die Freude der Brüder war, sich wieder zu umarmen, wie sie alle drei die getreue Amme liebkosten, mit welcher Liebe Gasparino und seine Tochter empfangen wurden, wie endlich ein Jeder sich mit Currado und seiner Frau, mit ihren Kindern, und mit allen Freunden erfreute, das läßt sich mit Worten nicht ausdrücken, und ich muß es Euch überlassen, es ihnen nachzuempfinden.

Damit die Freude vollständig würde, so gefiel es unserm Herrn Gott, welcher der reichste Geber ist, wenn er einmal anfängt zu schenken, daß auch von dem Leben und Wohlbefinden des Arrighetto Capace fröhliche Nachricht gebracht ward. Denn indem sich die zahlreiche Gesellschaft der Herren und Damen zur festlichen Tafel niedergelassen hatte und noch bei dem ersten Gerichte war, kam der Bote zurück, welcher nach Sizilien war gesandt worden, und erzählte unter andern Dingen von Arrighetto; weil dieser im Gefängnis gewesen sei, wie der Aufstand gegen den König Karl ausgebrochen, so habe das Volk das Gefängnis gestürmt, die Wachen niedergemacht, den Arrighetto herausgeführt, und ihn als einen geschworenen Feind des Königs Karl zum Oberhaupte gewählt, unter dessen Anführung sie alle Franzosen erschlagen oder davon gejagt hätten; wodurch er sich bei dem Könige Dom Pedro dergestalt in Gunst gesetzt, daß ihm dieser alle seine Güter und Ehrenstellen wiedergegeben habe, so daß er sich jetzt in hohen Ehren und großem Wohlstande befinde. Er setzte hinzu, Arrighetto habe ihn sehr ehrenvoll aufgenommen, und sich über die Nachrichten von seiner Gemahlin und seinem Sohne unbeschreiblich gefreut, von welchen er seit seiner Gefangenschaft nie das geringste gehört habe. Ueberdies habe er auch eine Jacht mit einigen Edelleuten nach ihnen geschickt, welche ihm auf dem Fuße nachfolgten.

Der Bote ward mit vielen Freuden empfangen und angehört, und Currado eilte mit einigen seiner Freunde den Kavalieren entgegen, welche nach Madonna Beritola und Giuffredi gesandt waren; er empfing sie freundlich und führte sie herein zur Tafel, die noch nicht halb vorüber war. Hier wurden sie von der Dame und ihrem Sohne und von allen Uebrigen mit einer Freude begrüßt, die nie ihres Gleichen hatte, und ehe sie sich zu Tische setzten, überbrachten sie von seiten des Arrighetto dem Currado und seiner Gemahlin Grüße und Danksagungen in den verbindlichsten Ausdrücken für die Ehre, welche sie seiner Gemahlin, seinem Sohne und ihm selbst erwiesen, und erboten ihnen seine besten und willigsten Dienste. Darauf wandten sie sich auch an Herrn Gasparino und versicherten ihm, sobald Arrighetto die unvermutete Güte erführe, die er seinem Sohne Scacciato erzeigt hätte, würde er ihm gleichfalls ähnliche und noch größere Danksagungen abstatten.

Hierauf setzten sie sich fröhlich mit den jungen Brautleuten zum hochzeitlichen Mahle nieder, und nicht nur dieser Tag, sondern noch folgende wurden mit Festen zugebracht, welche Currado seinem Schwiegersohn und seinen Freunden gab.

Nach Endigung der Feierlichkeiten schickten sich Madonna Beritola und Giuffredi mit ihrem Gefolge zur Abreise an; sie trennten sich mit Thränen von Currado und seiner Gemahlin, und von Gasparino, und bestiegen nebst der Spina und dem anderen jungen Paar ihre Jacht, und da sie mit gutem Winde absegelten, so kamen sie bald nach Sizilien, wo sie insgesamt von Arrighetto mit unbeschreiblicher Freude in Palermo empfangen wurden, und dort sollen sie lange und glücklich, und wegen ihrer Dankbarkeit für die empfangenen Wohlthaten als Freunde des lieben Herrn Gottes gelebt haben.

*

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.