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Dekamerone oder die 100 Erzählungen

Giovanni Boccaccio: Dekamerone oder die 100 Erzählungen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorGiovanni Boccaccio
titleDekamerone oder die 100 Erzählungen
publisherA. Schumann's Verlag
yearo.J.
translatorD. W. Soltau
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150204
modified20180502
projectidfae3312b
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Elfte Erzählung.

Es war einmal vor nicht gar langer Zeit in Trivigi ein Deutscher, namens Erich, ein armer Mann, der sein Brot als Lastträger verdienen mußte, aber dabei einen sehr frommen Wandel führte, und bei Jedermann beliebt war, daher denn, wie die Trivigianer versichern (es mag nun wahr sein, oder nicht!) in der Stunde seines Todes die Glocken der Hauptkirche zu Trivigi, ohne angezogen zu werden, von selbst anfingen zu läuten. Das ward von Jedermann für ein Wunder und Erich deswegen für einen Heiligen gehalten; alles Volk in der Stadt lief zusammen nach dem Hause, wo sein Leichnam lag, den sie wie eine Reliquie nach der Hauptkirche trugen, und Lahme, Gichtbrüchige, Blinde und Kranke jeder Art, oder Leute, die sonst Mängel hatten, zu ihm brachten, als ob die Berührung seines Leibes sie alle gesund machen könnte. Während dieses allgemeinen Zulaufes begab es sich, daß in Trivigi drei Männer aus Florenz ankamen, wovon der eine Stecchi hieß, der andere Martellino und der dritte Marchese, welche ihr Brot damit verdienten, daß sie an den Höfen umherzogen, und die Leute damit belustigten, daß sie die Gebärden eines jeden Menschen nachmachten. Da sie hier noch nie gewesen waren, so wunderten sie sich, einen so großen Auflauf von Menschen zu finden, und wie sie die Ursache davon erfuhren, wurden sie neugierig, dieselbe auch zu sehen; sie ließen demnach ihr Gepäck in einer Herberge, und Marchese sagte: »Wir wollen zwar hingehen, den Heiligen zu sehen, allein ich weiß wahrlich nicht, wie wir zu ihm kommen wollen, weil ich höre, daß der Platz voll von Deutschen und andern Landsknechten ist, die der Herr auf den Beinen hält, um Meuterei zu verhüten; überdies ist die Kirche (sagt man) so voll von Menschen, daß man fast nicht hineinkommen kann.«

Martellino, der sehr neugierig war zuzusehen, sagte: »Das soll uns nicht hindern; ich will wohl Mittel finden, bis zu dem Leichnam zu kommen.«

»Und wie denn?« fragte Marchese.

»Das will ich Dir sagen«, entgegnete Martellino. »Ich will mich wie ein Gichtbrüchiger anstellen, und Du sollst mich an einer Seite, und Stecchi an der anderen führen, als wenn ich allein nicht gehen könnte, und Ihr wolltet mich zu dem Heiligen bringen, daß er mich gesund machte. Da wird Euch kein Mensch sein, der uns sieht, und uns nicht aus dem Wege ginge, um uns Platz zu machen.«

Dieses gefiel dem Marchese und Stecchi, und sie beeilten sich, ihre Herberge zu verlassen, und gingen an einen einsamen Ort, wo sich Martellino die Hände, Finger, Arme und Beine, die Augen und das ganze Gesicht dermaßen verdrehte, daß es fürchterlich anzusehen war; und wer ihn sah, konnte nicht umhin, zu glauben, daß er am ganzen Leibe verzerrt und gelähmt wäre. So faßten ihn Marchese und Stecchi unter die Arme, und gingen mit ihm nach der Kirche mit ganz andächtiger Miene und baten demütig und um Gottes Willen einen Jeden, der ihnen im Wege war, Platz zu machen, welches sie auch leicht erhielten. Kurz, ein Jeder erwies ihnen Aufmerksamkeit, überall ward »Platz, Platz« gerufen, und sie gelangten bis zur Leiche des heiligen Erich, die von einigen angesehenen Männern umgeben war, welche den Martellino auf den Leichnam hoben, damit er die Gabe der Gesundheit von ihm empfinge. Martellino, auf welchen aller Augen gerichtet waren, lag ein wenig still und wußte dann meisterlich erst den einen, dann den anderen Finger zu regen, dann die Hand, dann einen Arm, bis er sich endlich völlig aufrichtete. Wie das die Leute sahen, brach ein Jeder so laut in Lobsprüche auf den heiligen Erich aus, daß man kein Wort vor dem andern verstehen konnte.

Zum Unglück stand nicht weit davon einer von seinen florentinischen Mitbürgern, der den Martellino sehr gut kannte, und wie er ihn, nachdem er sich ganz aufgerichtet hatte, gewahr ward, überlaut zu lachen anfing und sagte: »Daß doch der Henker den Kerl! wer sollte nicht gedacht haben, wie er herkam, daß er wirklich gichtbrüchig wäre?«

Dieses hörten einige Trivigianer und fragten, ob der Mensch denn wirklich nicht gichtbrüchig wäre?

»Gott bewahre!« sprach jener, »er war immer so gerade wie der Beste von uns; aber er versteht besser, als irgend ein anderer Gaukler, die Kunst, sich eine jede Gestalt zu geben, wie Ihr wohl gesehen habt.«

Wie dieses laut ward, brauchte es nichts weiter, um den Pöbel aufzubringen, welcher hinzustürmte, und schrie: »Greift den Schelm, den Spötter Gottes und seiner Heiligen, der so gesund ist wie wir; und kommt her, den Gichtbrüchigen hier zu spielen, um uns und unsern Heiligen zu verspotten.«

Mit diesen Worten ergriffen sie ihn, zogen ihn von dem Gerüst herunter, zerrten ihn bei den Haaren, rissen ihm die Kleider vom Leibe, und bearbeiteten ihn mit Faustschlägen und Rippenstößen; kurz, man schien zu glauben, wer ihm nicht eins versetzte, der könnte kein braver Kerl sein. Martellino bat zwar um Gottes Willen um Barmherzigkeit und wehrte sich dabei seiner Haut, so gut er konnte; allein es half Alles nichts, und die Faustschläge und Fußtritte fielen immer dichter. Wie Stecchi und Marchese dies gewahr wurden, fürchteten sie, das Ding möchte schlimm werden und da sie für sich selbst besorgt waren, so durften sie es allein nicht wagen, ihrem Kameraden zu Hilfe zu kommen; sondern sie schrieen so laut wie die Übrigen: »Bringt ihn um«. Doch sannen sie auf Mittel, ihn den Händen des Pöbels zu entziehen, der ihn gewiß würde getötet haben, wenn nicht Marchese bei Zeiten auf einen glücklichen Einfall geraten wäre. Dieser, welcher bemerkt hatte, daß die ganze löbliche Polizei zugegen war, ging, so eilig er konnte, zu demjenigen, welcher die Stelle des Kommandanten vertrat, und rief: »Helft um Gottes Willen! Hier ist ein Spitzbube, der mir meinen Beutel mit mehr als hundert Goldgülden gestohlen hat; ich bitte Euch, laßt ihn festnehmen, damit ich das Meinige wieder bekomme.«

Den Augenblick liefen ein Dutzend Häscher dahin, wo man dem armen Martellino den Pelz wusch. Mit genauer Not gelang es ihnen, den zusammengerotteten Pöbel zu zerstreuen, und ihm den Martellino, übel gemißhandelt und zerzaust, aus den Händen zu reißen. Sie brachten ihn darauf nach dem Rathause, wohin ihm viele von denen nachfolgten, die sich für beleidigt hielten, und wie sie hörten, daß man ihn als einen Beutelschneider eingezogen hatte, glaubten sie, sie könnten ihm nicht besser vom Brot helfen, als durch ähnliche Beschuldigungen und ein Jeder fing an zu schreien, er sei auch von ihm bestohlen worden. Wie dies der Richter hörte, der ein sehr strenger Mann war, ließ er ihn gleich in's heimliche Verhör bringen, und fing an, ihn zu befragen. Martellino antwortete ihm mit lauter Scherzreden und schien sich aus seiner Verhaftung nichts zu machen, worüber der Richter aufgebracht ward, ihn auf die Folter spannen und ihm einige tüchtige Hiebe geben ließ, um ihn zum Bekenntnis zu bringen und ihn hängen zu lassen. Wie man ihn wieder aufstehen ließ, und der Richter ihn fragte, ob es wahr sei, was die Verkläger ihm Schuld geben, und Martellino wohl merkte, daß das bloße Leugnen ihn nicht retten würde, sprach er: »Mein Herr, ich bin bereit, Euch die Wahrheit zu bekennen; fragt aber vorher einen jeden Eurer Ankläger, wann und wo ich ihm seine Börse gestohlen habe, so will ich Euch hernach sagen, was ich gethan habe und was nicht.«

Der Richter war es zufrieden und ließ einige von den Klägern rufen. Der eine sagte, er hätte ihm vor acht Tagen, der andere vor vier und wieder ein anderer, er hätte ihm heute seinen Beutel genommen. Wie dieses Martellino hörte, sprach er: »Mein Herr, alle diese Menschen lügen in ihren Hals und das kann ich Euch leicht beweisen; denn wollte Gott, ich wäre so gewiß nie in Eure Stadt gekommen, als ich bis vor wenigen Stunden meinen Fuß nicht hierher gesetzt habe und zu meinem Unglück gleich bei meiner Ankunft hingegangen bin, den heiligen Leichnam zu sehen, wobei man mich so abgedroschen hat, wie Ihr mich seht. Daß dieses wahr sei, kann Euch der Thorschreiber mit seiner Rolle beweisen, und auch mein Hauswirt, wenn's nötig ist. Wenn Ihr demnach findet, daß ich Euch die Wahrheit sage, so bitte ich Euch, mich nicht diesen gottlosen Leuten zu Gefallen martern und töten zu lassen.«

Indem die Sache so stand, und Marchese und Stecchi hörten, daß der Richter dem Martellino so hart zusetzte und ihn schon gefoltert hatte, ward ihnen bange und sie dachten: »Wir haben einen dummen Streich gemacht und bringen unseren Kameraden aus der Pfanne auf die Kohlen.« Sie eilten demnach geschwind zurück zu ihrem Wirt und erzählten diesem den ganzen Verlauf der Sache. Er lachte über die Geschichte und brachte sie zu einem gewissen Sandro Agolante, der in Trivigi wohnte und viel bei dem Landesherrn galt, welchem er Alles in gehöriger Ordnung erzählte und nebst den Andern ihn bat, mit der Lage des Martellino Mitleiden zu haben. Sandro mußte herzlich lachen, ging zu dem Herrn und erhielt von ihm, daß nach Martellino gesandt würde, welches auch geschah.

Die Boten, die nach ihm geschickt wurden, fanden ihn noch im Hemde, ganz angst und verzagt in den Händen des Richters, welcher nichts von seiner Rechtfertigung hören wollte, sondern (weil er die Florentiner vielleicht heimlich haßte) große Lust hatte, ihn hängen zu lassen; daher er ihn auch durchaus nicht eher herausgeben wollte, bis er gezwungen ward, es zu thun.

Wie Martellino vor den Herrn kam und ihm alles aufrichtig gestanden hatte, bat er um nichts so angelegentlich, als um die Gnade, ihn nur gleich gehen zu lassen, weil er noch immer so lange glauben würde, den Strick um die Gurgel zu haben, bis er wieder nach Florenz käme. Der Herr konnte sich des Lachens nicht mehr enthalten und ließ einem jeden von den Dreien ein Kleid geben.

So entgingen sie über alles Verhoffen dieser großen Gefahr und zogen mit heiler Haut wieder heim.

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