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Hugo von Hofmannsthal: Defoe - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzhlungen
authorHugo von Hofmannsthal
year1988
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-331503-1
titleDefoe
pages490-497
created20001116
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hugo von Hofmannsthal

Defoe

Entwurf zu einem Film

Der Kleinkrämer Defoe lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, Tochter und Sohn, in London. Schlimme Zeiten für das Geschäft. Aber Defoe ist fleißig hinterher, seine Kunden zu bedienen: Wenn ein Stutzer Spitzenmanschetten brauchte oder ein Geistlicher oder ein Richter einen gefalteten Kragen oder eine hübsche Person Halbhandschuhe oder Strumpfbänder, so fanden sie, was sie suchten, in dem Laden. Und Daniel und seine Frau waren beide geschickt, für ein hübsches Bein einen hübschen Strumpf herauszufinden oder ein älteres Gesicht durch eine Haube mit Bändern jünger zu machen. Es kamen allerlei Leute in den Laden, auch Matrosen, auch steife Aldermen und wieder solche zweifelhafte und leichtfertige Personen, wie die hübsche Moll Flanders, deren Begleitung einmal eine alte Hexe war, einmal ein glatzköpfiger Edelmann und ein andermal ein junges Mannsbild, der leicht ein Taschendieb oder was ähnliches sein mochte. Aber alle bediente Daniel Defoe gut und mit allen redete er ein schnelles Wort, und sein mannhaftes Gesicht war immer munter, nur abends, da wurde sein Gesicht ernst und hart, wenn die Familie zu Bette gegangen und er über das Hauptbuch gebeugt saß und rechnete.

 

Spät in der Nacht kamen verschiedene Gestalten, kleine Bürger der Umgebung, und besprachen sich mit Daniel im Laden. Ernste Männer, Männer, die aussahen wie Soldaten, oder solche, die aussahen wie verkleidete Prediger von verschiedenen Sekten. Daniel führte die Protokolle und es galt die Parole: Hinweg mit König Jakob und seinen Ministern, für Wilhelm von Oranien. Es kamen Leute, die das Manuskript abholten und in eine heimliche Druckerei brachten: Das Pamphlet ging von Hand zu Hand, und Defoe beobachtete seine Wirkung. Er ging durch die Straßen zum Hafen, wo die Matrosen die ersten waren, die sich der Verschwörung anschlossen. Er sah auch eine furchtbare Szene am Hafenplatz, wo die königliche Flotte lag. Ein königlicher Offizier ließ einen Neger, von dem er annahm, daß er stehlen wolle, knebeln und peitschen. Sofort war Defoe zugegen, er ermahnte Mitverschworene und man befreite den Wilden, der dankbar wie ein Hund war. Auf die Anzeige des Offiziers kam man auf Defoes Spur, man umstellte das Haus, aber die Freunde Defoes warnten ihn: Männer mit schwarzen Larven vor dem Gesicht, mit Musketen und Degen unter dem Mantel kamen, und man bedenke: Jetzt gilt es für Wilhelm den Befreier! Daniel ging mit leisen Tritten die Treppe hinauf, warf einen Blick auf Susanna und seine Kinder, und dann nahm er seinen Mantel aus dem Schrank und verließ mit verlarvten Bewaffneten das stille Haus von Cripplegate. Vor ihnen her ging der Schatten des befreiten Negers.

 

Den verlassenen Laden muß für den Vater die Tochter bedienen. Es ist nicht viel zu tun und sie kann Strümpfe stricken. Aber ein junger Kavalier, Stephan Dyer, kommt öfters und wird in seinen Anträgen immer stürmischer. Das Mädchen widersetzt sich, die Mutter sieht den Kummer der Tochter, der Kavalier stellt diese vor die Wahl, daß er das Haus anzünden läßt, weil ihr Vater abtrünnig, oder daß sie seine Geliebte werde. Die Tochter besucht den Kavalier in seiner Wohnung. Daniels Sohn hat sich mit ihm auch angefreundet, die beiden pokulieren und würfeln zusammen und treiben viel Unfug. Die Mutter wird immer stiller, sitzt hinter dem Ladentisch und nickt dabei oft ein: sie sieht Daniel mitten in der Soldateska, brennende Dörfer hinterher, fliehende Menschen und verwundete Soldaten, die zwischen Dorfhecken und Feldrainen einsam daliegen und sterben. Es kommen Menschen, die Papiere vorweisen, fällige Wechsel und unbezahlte Rechnungen für Ware, die unverkauft daliegt. Und dann bringt die kleine Moll Flanders strahlend die Nachricht, daß der Prinz-Befreier der Stadt nahe. Unruhe in London, Flucht des ungeliebten Königs und Zurüstungen zum Empfang des neuen Königs. Die kleine Garde von Cripplegate, wo Daniels Laden steht, bleibt nicht zurück. Geschäftsleute und Dienstleute, Greise und Kinder und Krüppel, alles strömt nach einer der Hauptstraßen. Zwischen den Köpfen und Schultern der hurra schreienden Londoner sieht Susanna den Einzug: die Dudelsack spielenden Schotten, die Hellebardiere und Arkebusiere, die schwedischen Reiter in schwarzen Panzern, mit Bärenfellen umhangen, manche Verwundete darunter und mancher, der einen Truthahn oder einen Schinken auf die Hellebarde gepickt hat. Dann der eine oder andre von den edlen Lords, Baronen, Grafen, Bannerherrn: die Herzöge, vor denen die Wappenherolde reiten mit dem Schilde des Hauses Beaufort oder Crafton oder Richmond, Devonshire, Leeds. Dann in Karossen der Lord-Kanzler und Lord-Schatzmeister, dann gepuderte Diener, Herolde, Wappenträger; der Großfalkner mit dem Falken des Königs, dann die Meute des Königs, dann seine Reitpferde geführt; dann in Tragstühlen, die Mitra auf den Köpfen, die Erzbischöfe von York und Canterbury, und endlich König Wilhelm und Königin Anna zu Pferde, und an ihrer Seite reiten die Herzöge von Norfolk und Clarence. Und dann in unabsehbarem Zug, mit Blumen beworfen, die englischen Milizen und unter ihnen – jetzt sieht Susanna sein Gesicht und muß sich halbohnmächtig auf ihren Nachbarn lehnen – Daniel Defoe. Inzwischen ist die Tochter zu Hause und rafft die ganze Putzwäsche und ihre Kleider zusammen, die sie von einem Jungen hertragen läßt: sie folgt ihrem Geliebten, der mit ihrem Bruder auf sie in einer Hintergasse wartet. – Abends ist das große Bankett in Guildhall und Daniels Platz ist an einer der unabsehbaren Festtafeln und Susannas Platz auf einer Galerie, von wo sie ihn sieht, und er mit dem Becher ihr zuwinkt. Und dann sind sie allein in dem kleinen Haus in Cripplegate, und die Eltern entdecken, daß die Kinder entflohen sind.

 

Und nun hängt die Muskete und der lange Stoßdegen wieder an der Wand, und Daniel Defoe ist wieder ein kleiner Krämer in Cripplegate. Er steht allein, denn Susanna ist krank, die Aufregungen haben sie niedergeworfen. Das Warenlager sieht dürftig aus, und als Daniel Inventur macht, erkennt er: er wird bestohlen. So legt er sich die nächste Nacht in den Hinterhalt und da erkennt er die kleine Moll Flanders, die rasch die Sachen zusammenpackt und sie einem Mann mit geschwärztem Gesicht zuschiebt. Es ist Bob Singleton, ihr jetziger Zuhälter. Schon sind die auf der Straße, aber Daniel geht der Diebin nach und merkt sich die Gasse und das Haus des Hehlers. Am nächsten Tag zeigt er die Sache bei der Polizei an, und man geht mit ihm ins Haus der Diebin: Moll Flanders liegt noch im Bett, vor sich einen Papagei, die ganzen Spitzen und Stoffe vom Diebstahl der Nacht sind noch ausgebreitet. Sie muß den Beamten folgen. Er aber geht den Waren nach, die weiterverkauft wurden, und kommt in viele Häuser und lernt viele Dinge kennen.

Er sieht, wie Moll Flanders vom Gefängnis in den Schuldturm gebracht wird, sieht, wie seine Frau verlassen auf dem Krankenlager liegt und nach den Kindern verlangt. Und er schreibt im Namen der Armen ein Pamphlet, unterschrieben »Legion«, das er dem Haus der Gemeinen vorlegt. Und Daniel Defoe wird ein gefeierter Mann.

 

Da stirbt eines Tages Wilhelm III. und Königin Anna besteigt den Thron. Die Gegner kehren zurück, darunter auch der Kavalier Stephan Dyer mit seiner Geliebten. Defoe trifft beide auf der Straße und verlangt, daß seine Tochter nach Hause komme, aber der Kavalier verhöhnt ihn und schlägt ihm den Säbel aus der Hand. In einer Schenke trifft er den Sohn mit den zurückgekehrten Söldnern zechend. Er erkennt seinen Vater und macht sich über ihn lustig. Am nächsten Tag erhält Defoe vom Lord-Oberrichter eine Vorladung. Er muß seine Schrift verteidigen und wird verurteilt: drei Tage auf dem Pranger stehen, eine Geldstrafe zahlen, die den Wert seiner ganzen Habe übersteigt, und endlich zu Haft im Schuldturm. Da mußte Daniel sehen, wie ihn seine Füße nach Hause brachten, und wie er Susanna, der immer Kranken, selber das beibrachte, was ihm bevorstünde; aber er hatte eine gute Haltung dabei und er wußte gute, mannhafte Worte zu finden, und dann setzte er sich noch einmal allein in den kleinen Laden an das Schreibpult und dachte daran, was morgen und übermorgen und den dritten Tag sein würde, und sah den Pranger ganz scharf vor sich und sah auch, wie viele gerechte und tapfere Männer da hinaufgestiegen waren und ihren Leib und ihre Seele den Wutgrimassen des Pöbels entgegengehalten hatten. Da tauchte er die Feder ein und schrieb in schönen munteren gereimten Strophen eine »Hymne auf den Pranger«, ein mutiges und stolzes Gedicht. Er schrieb daran bis zum Morgen, dann weckte er seinen Knaben, schickte ihn mit den halbtrockenen Blättern in die Druckerei, und dann kamen die Konstabler, ihn abzuholen.

Den ersten Tag, die schwarze spitze Mütze auf dem Kopf, die Hände durch ein Brett gesteckt, unter ihm ein Zettel mit seinem Namen und »infamer Pamphletist«, wurde er ausgesetzt in einem vornehmen Stadtteil. Da waren seine vornehmen Feinde in der Überzahl, sie kamen zu Pferd und zu Fuß, und ihre Lakaien bewarfen ihn mit faulen Äpfeln und anderem Unrat, und vornehme Damen und geschminkte Schauspielerinnen unterhielten sich. Wenn aber Andersgesinnte vorbeikamen, wie Robert Harley und andere Whigs, so warfen sie einen ernsten Blick auf ihn und gingen wieder vorbei.

Den zweiten Tag war der Pranger an der Kreuzung zweier Geschäftsstraßen errichtet; da war ein großes Gewimmel von Neugierigen, Feinden, Freunden und Gleichgültigen, und wenn Zuträger und Aufhetzer, wie Stephan Dyer, die Menge heranwinkten, Steine und Scherben nach dem Ausgestellten zu werfen, so waren auch Andersgesinnte da, und es kam zu Streit und Prügeleien.

Den dritten Tag stand der Pranger in einem Viertel armer Leute, und wenn auch da vornehme Müßiggänger heranritten und ihre Lakaien und Mitläufer ihr Spiel versuchten, so waren doch die anderen in der Mehrheit. Es strömten ihrer immer mehr herbei, aus engen Gassen und von den Flußufern, und endlich war sie da, die »Legion«, mit deren Namen er seine Petition unterschrieben hatte, und sie stürmten den Pranger und trugen Daniel auf den Schultern und setzten ihn auf einen Karren und führten ihn im Triumph, die »Hymne auf den Pranger« singend, bis ans Tor von Newgate, und als sie an dem Palais des Bischofs von Ely vorbeikamen, drangen sie in den Garten ein und rissen alle Rosen ab, die da blühten, und bedeckten den Armensünderkarren mit Rosen, und so brachten sie ihn an die Gefängnistür.

In der Haft erkennt er Moll Flanders wieder und viele Gestalten, die er früher in ihrem Kreise gesehen. Man schmäht ihn und lacht über ihn. Und zwei Jahre bleibt er hier, bis die Königin Anna stirbt und die Whigpartei wieder Oberwasser erhält.

 

Kaum aus dem Gefängnis entlassen, muß er fliehen: Seine Freunde raten ihm dazu, denn er habe einen Feind, der bei allen Parteien gegen ihn arbeite. Defoe weiß, wer er ist. Er erfährt, daß seine Tochter im Siechenhaus untergebracht ist. Er geht nach Schottland und bleibt dann in Bristol. Hier im Hafen der Westindienfahrer erkennt er beim Scheine einer Schiffslaterne einen Mann in langes Ziegenfell gewickelt, mit einem spitzen Hut, einen Schirm von Fellen, einen Papagei auf der Schulter; er erkennt in dem Fremdling sein eigenes Gesicht wieder, sieht ihn später in einer Kneipe im Tabakrauch, und dieser erzählt ihm dann die Geschichte von Robinson Crusoe, die Defoe selbst zu erleben glaubt.

Darauf hat er keine Rast mehr; er reist heim, fortwährend schreibend, trifft seine Frau im Sterben, irrt fort von Haus, verkauft sein Manuskript und bleibt in einem kleinen Wirtshaus außerhalb des Ortes, wo er noch die Vision der Millionen Leser des Robinson erlebt und dann selbst stirbt.