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De Reis' nah Bellingen

Fritz Reuter: De Reis' nah Bellingen - Kapitel 1
Quellenangabe
authorFritz Reuter
titleDe Reis' nah Bellingen
typenarrative
sendertorsten_schertel@talknet.de
created19990827
firstpub1858
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Fritz Reuter

De Reis' nah Bellingen

poetische Erzählung in niederdeutscher Mundart.


Seinem verehrten Freunde, dem Herrn Dr. Grischow widmet die nachfolgenden Blätter als ein Zeichen aufrichtiger Verehrung
der Verfasser


Vorrede.

(Am besten als Nachtisch zu serviren.)

Nach Ivenack – kennt Einer meiner Leser Ivenack, diese liebliche, der Ruhe geweihte Oase in dem rings von Mühe und Arbeit durchfurchten Lande, die, einer schlummernden Najade gleich, sich auf grünender Au und blumiger Wiese gelagert hat, und ihr vom Laube tausendjähriger Eichen umkränztes Haupt in dem flüssigen Silber des Sees spiegelt? – Nun, Ihr mögt es kennen und mögt es auch lieben; mir aber ist es mehr, als es dem fremden Besucher sein kann. Für mich ist der Glanz des Sommermorgens, der sich darüber breitet, mit tausend goldenen Fäden der Erinnerung aus der Kindheit und Jugend durchwoben, Festtagserinnerungen, Ferienerinnerungen, die wie leuchtende Blumen aus dem Dunkel des Waldes mir entgegennicken und mit süßem Waldgesang in mein Herz ziehen: – Dahin – nach Ivenack – wollte ich meinen Freund K. führen; dort wollte, ich ein paar glückliche Stunden mit ihm verleben. Ach, wäre ich doch in bescheidener Genügsamkeit mit den wohlthuenden Eindrücken zufrieden gewesen, die eine idyllische Natur aus uns macht, hätten sich doch nicht noch andere Wünsche in mir geregt! – Der Mensch häuft Wunsch auf Wunsch, und wenn der erste wie ein bescheidener Halm in hoffnungsreichem Leben der Erfüllung entgegenwächst; so legt er neue darüber, die den zarten Keim erdrücken, und immer schwerer und lastender werden, bis ihn zuletzt ein öder Steinhaufen entgegenstarrt, dem keine Hoffnung mehr entsprießt. Ich hatte das Manuscript der nachfolgenden Blätter in der Tasche; das Vorlesen derselben sollte, so hoffte ich, den Genuß des Tages erhöhen. Ein schattiger Lagerplatz war bald gefunden; ich las und las; mein Freund ist ein guter Mensch, er hörte bis an’s Ende ruhig zu. – "Nun?" fragte ich, "Dein Urtheil, lieber K." – "Lieber Bruder," war die Antwort, "ich meine, wir wollen uns hier divertiren und nicht recensiren." – Dies war ein Urtheil. Ich wurde verstimmt. Wir gingen nun durch den Park und die Gärten; aus Morgenfrische war Mittagsgluth geworden; wir durchkrochen die dunstige Schwüle der Gewächshäuser und kehrten endlich müde und matt im Wirthshaus ein. Unser Mittagsmahl wurde schweigsam verzehrt, die Freude wollte nicht unter uns aufkommen, und endlich setzte ich mich mißmuthig in die Ecke eines Sophas. – "Du willst wohl schlafen?" fragte K. "Nun gut! Ich habe hier noch einen Bekannten aufzusuchen; also auf Wiedersehn!" – "Schön! Ich glaube zwar nicht; daß ich schlafen werde, sollte dies indessen der Fall sein, so wecke mich zur rechten Zeit." – "Das wird so leicht nicht sein," lachte K.; "in diesem Punkte kenne ich Dich." – "Nun, dann kennst Du von der Schule her ja auch das alte Mittel gegen Verschlafenheit," sagte ich, und Freund K. ging.

Ich nahm ein Zeitungsblatt und beschäftigte mich im Anfange lebhaft mit der orientalischen Frage; darauf versenkte ich mich in die Lage Oesterreichs, namentlich, in seine Finanzen, und kam zu dem Schluß, daß selbige eine große Aehnlichkeit mit meinen eigenen Geldverhältnissen darboten, die darauf hinausliefen, daß die unklugen Menschen unsere beiderseitigen Werthpapiere nicht recht annehmen wollten. Ich versenkte mich immer tiefer in die öde Leere der österreichischen Haupt-Staats-Kasse und in die hungrig maulaufsperrenden Falten meines Portemonnaies, als ich im Nebenzimmer Stimmen hörte, die immer lauter wurden, bis endlich der Inhaber einer dieser Stimmen in das Zimmer trat, wo ich meinen tiefen Berechnungen und Plänen nachhing. Es war ein magerer, lang aufgeschossener Bursche mit langem Halse und langem Haar, bedeckt mit einer schwarzrothgold verbrämten Mütze; in der Hand trug er einen Ziegenhainer und hatte in seinem Wesen etwas Antediluvianisches, jetzt Untergegangenes, welches mich gerade zu interessiren anfing, als ein Zweiter eintrat, ein erbarmungswürdiges Subject, von einem zerrissenen Schlafrock umhüllt und von zerrissenen Pantoffeln getragen. Ein königlich preußischer Unteroffizier ging ihm zur Seite und stellte sich, als er sich setzte, hinter seinen Stuhl. Diesem Jammermanne folgte ein Dritter. Ein schlecht gezeichnetes Portrait, welches er unter dem Arme trug und mit welchem er zuweilen liebäugelte, bald das Bild, bald den Kopf wendend und drehend, ließ ihn als einen jener Unglücklichen erkennen, die sich schon an den untersten Stufen des Kunsttempels die Schienbeine wundgestoßen und Ursache haben, Gott zu danken, wenn sie noch Kraft genug besitzen, den einen vorwitzig gemachten Schritt zurückzuthun. Der Vierte war eine ganz andere bei Weitem wohlthuendere Erscheinung. Ein weißer Strohhut, ein Leinwandkittel, ein Paar wohlconditionirte Stulpenstiefel deckten seine Glieder, die in erquicklicher Fülle durch die Näthe zu platzen drohten und ‘Strom’ stand auf seinem rothen Gesichte geschrieben; ‘Strom’ las man quer über seine breiten Schultern! ‘Strom’ war die Etikette seiner breitwadigen Stulpen. Der folgende Fünfte zeigte schon nicht mehr die glückliche, zufriedene, in sich. selbst abgeschlossene Fülle des Vorhergehenden. In der Zunahme seiner körperlichen Ausdehnung war ein bedauerlicher Stillstand eingetreten. Der sorgenvolle Blick, den er bisweilen auf ein abgegriffenes Exemplar von Zumpt’s lateinischer Grammatik warf, der fadenscheinige; braune Oberrock, die in die Höhe gezogenen Mundwinkel deuteten auf den Schulmeister. Aus der sechsten und letzten Erscheinung war schlechterdings gar nichts zu machen; auf und hinter dieser Stirne schienen Räthsel zu lauern, deren Lösung mir zu schwer war. Als der Träger dieser Räthsel hereintrat, legte er die Cigarre weg und setzte sich schweigend an den Tisch, ernst, feierlich, als säße er in einem Collegium. Er war jedenfalls das bedeutendste Mitglied der Gesellschaft.

Alle Eingetretenen kamen mir wie alte Bekannte vor, ich wußte, wie man zu sagen pflegt, sie nur nicht recht hinzubringen. Mich kannten Alle, wie aus der Anrede und aus der Art mich zu begrüßen deutlich herivorging: "Guten Morgen; alter Junge!" sagte der Student. – "Morgen, Morgen" rief der Maler. – "Gu’n Dag ok, Fritz Reuter," sagte der Oekonom. – "Wie befinden Sie sich?" setzte der Schulmeister hinzu. Selbst das bedauernswürdige Subject nickte mir mit matter Freundlichkeit einen Erkennungsgruß zu, und nur jenes räthselhafte, jedenfalls bedeutendste Mitglied der Gesellschaft machte mir eine jener indifferenten Verbeugungen, die man Fremden oder solchen Leuten zu widmen pflegt, mit denen man nicht gerne zu thun hat. – "Verehrtester, was haben Sie da?" fragte der Schulmeister, indem er auf den blauen Pappdeckel meines Manuscripts wies. – "Oh, nichts," war meine Antwort, die jedoch in solchem Tone gesprochen wurde, daß man sehr deutlich: ‘Oh, sehr viel!’ heraushören konnte "Gewiß wedder Läuschen un Rimels," sagte Strom. "Dei sall hei uns vörlesen," setzte er hinzu; und ohne mich weiter zu fragen, reihete sich die Gesellschaft als Auditorium um den Tisch; selbst jenes räthselhafte, jedenfalls bedeutendste Mitglied setzte sich und nahm die Miene eines aufmerksamen Zuhörers an, wenigstens in so weit es die eigenen, tiefen Gedanken zu gestatten schienen.

Ich begann: "De Klock, de geiht: tick tack, tick tack..." – "Halt!" rief der vorlaute Bursche von Student, "das ist Nachahmung von Naturlauten und ich erinnere mich noch von der Schule. her, daß der Conrector sagte, das dürfe man nicht. Der Rector sagte einmal, das ‘Hurre, hurre, hopp, hopp, hopp!’ in Bürgers Leonore sei durchaus zu tadeln, und der Subrector sagte:..." – "Ih, wat," sagte Strom, "dorvon will’n wi nicks weiten? Les wider, Fritz Reuter!" – Ich las. – Nachdem ich einige Seiten vorgelesen hatte, rief Strom: "Holt mal ‘n beten still! De Sak ward lang. Will’n wie uns nich dortau ‘ne Buddel Rodwin köpen? Jeder schütt acht Gröschen tau, denn krig’n wi twei un dat gauden." Der Student griff in die Tasche und suchte und suchte; das bedauernswürdige Subject langte aus den Falten seines zerrissenen Schlafrocks eine getrocknete Commisbrodrinde hervor; der Maler erklärte, augenblicklich nicht bei Kasse zu sein; der Schulmeister holte statt eines Achtgroschenstücks eine unbezahlte Schneiderrechnung aus der Westentasche und das räthselhafte, jedenfalls bedeutendste Mitglied machte einen Diener, wie man ihn dem Klingbeutel zu machen pflegt und murmelte etwas von ‘Abschätzungscommission’ – ‘Erhöhung der Klassensteuer um ein Viertel usw. – "Na," sagte Strom, "Ji hewwt also All kein Geld, denn möt ick woll – pumpen –, denn ick heww ok nicks." Nachdem dies glücklich und mit vielem Geschick besorgt war, las ich weiter und las bis an’s Ende, klappte mein opus zu und sah umher, um meinen Triumph aus den Gesichtern zu lesen. – "Das ist lauter Unsinn!" rief der vorlaute Bengel von Student. "Der Conrector sagte ganz richtig, daß die plattdeutsche Sprache keines erhabenen Ausdrucks fähig sei. Dem Ganzen fehlt es an Schwung, an dichterischer Begeisterung. Da ist nichts Erhabenes! Nichts..." – "Ja," unterbrach ihn das bedauernswürdige Subject, "nichts von Frei..." – Schwapp! schlug ihn der Unteroffizier auf’s Maul: "Herr, Sie sind Königlich preußischer Staats- und Stubengefangener; ‘raus mit Ihnen aus die Gesellschaft!" Er fuhr mit ihm ab, der Student folgte. – "Abgesehen von dieser kleinen Störung," sagte der Maler, "so sehe ich in dem Ganzen keine Gruppirung, kein Colorit. Figuren und Handlungen stehen zu unmotivirt und grell nebeneinander, und jede der handelnden Personen ist verzeichnet und verzerrt." – "Ih, dat Anner," sagte Strom, "dat geiht woll; aewer mit de Köster-Dürt, dat hürt dor nich hen. Mit so ‘ne Köster-Dirn so vel Umstänn’ tau maken, dat lohnt sick ok noch!" – "Meine Herrn," sagte der Schulmeister, "Ihr gediegenes und eng umschriebenes Urtheil in allen Ehren, aber wenn hier Einer im Stande ist, eine Recension über dies Machwerk abzugeben, so bin ich es. Sehen Sie mich an! So wie ich hier sitze, habe ich die Töchter der gebildetsten Familien unserer sehr gebildeten Stadt in die deutsche Literatur und in die Poetik eingeführt, die Schönen gleichsam in den Tempel des Schönen geleitend: ich habe Verse machen lassen und habe deren selbst gemacht, und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß jedes wirkliche Kuntwerk a priori aus seiner Entstehungsart zu beurtheilen ist. Will ich etwas wirklich Schönes schaffen, dann nehme ich drei Bogen weißes Papier; auf den ersten notire ich mir Materialien, nichts als Materialien Alles bunt durcheinander, je krauser, je besser; auf dem zweiten mache ich Disposition, registrire, classificire unb subsummire Alles gehörig, und auf dem dritten arbeite ich es aus. Haben Sie Ihr Machwerk auf solche organische Weise entstehen lassen?" – "Nein, das nicht! Ich..." – "Nun mein Herr, dann ist’s auch kein Kunstwerk. Ich empfehle mich Ihnen." Damit ging er aus der Thür und folgte dem Maler und Oekonomen, die schon das Zimmer verlassen hatten – "Und Sie?" fragte ich das räthselhafte, jedenfalls bedeutendste Mitglied "Was sagen Sie zu meinen Gedichten?" – "Ich genehmige es," war die einfache Antwort. – "Sie billigen es in der Anlage des Ganzen und in der Ausführung der einzelnen Theile?" fragte ich weiter. – "Ich genehmige Alles." – "Sie schüttelten doch zuweilen, wie ich wohl bemerkt habe, mit dem Kopfe, als ich vorlas." – "Pure Angewohnheit! Und sollten auch wirklich einige Bedenken in mir aufgestiegen sein, so genehmige ich nachträglich." – "Das freuet mich außerordentlich. Noch erfreulicher ist es mir aber, die Bekanntschaft eines so geistreichen Mannes zu machen. Mit wem habe ich die Ehre...?" – "Sie kennen mich nicht?" – "Nein!" – "Auch die Andern nicht, die uns eben verlassen haben?" – "Auch die nicht; obgleich sie mir sehr bekannt vorkamen." – "Wir sind die Incarnationen Ihrer bedeutendsten Lebensphasen," war die ruhige Antwort. Ich stand wie vom Donner gerührt. So wenig kannte ich mich selbst, daß sogar die ausgeprägtesten, äußern Erscheinungen meines Lebens mir nur eine unbestimmte Ahnung erwecken konnten. Endlich zog Erscheinung nach Erscheinung noch einmal an meinem geistigen Auge vorüber. "Ja," rief ich, "ich sehe nun, mit den Andern hat es seine Richtigkeit; aber Sie, Sie?" und faßte den räthselhaften Fremden beim Kragen – "Ich," sagte er, indem er sich mit ruhiger Würde von meinem Griffe losmachte und einen Schritt zurücktrat, "ich bin die Verkörperung Ihrer jetzigen Bedeutung im Leben." Und dabei leuchtete ein tiefsinniger Ernst, ein Bewußtsein eigener Wichtigkeit von seinem Antlitze, daß es mich wie mit electrischen Schlägen durchzuckte, mir wie blendende Blitze vor den Augen niederfuhr und eine Ahnung in mir aufstieg, überwaltigend, riesengroß. "Dann sind Sie!..." rief ich von Entzücken erfaßt – "Was?" fragte er ruhig – "Dann sind Sie meine Incarnation..." rief ich in Begeisterung. – "Als was?" fragte er kühl. – "Als deutscher Dichter!", schrie ich, in’s Unendliche hinausgerissen. – "Oh, ne! Dieses weniger!" war die phlegmatische Antwort. "Verzeihen Sie. Nur als Treptower Philister und Stadtverordneter." – "Und darum," fragte ich tonlos, "darum haben Sie genehmigt?" – "Darum." – "Darum haben Sie nachträglich genehmigt?" – "Darum habe ich nachträglich genehmigt." – "Und der tiefsinnige Ernst auf Ihrem werthen Angesichte?" – "Ist nichts als der Ausdruck der schrecklichsten Langenweile." – Diese Enttäuschung war zu groß, so vom Stuhl auf bie Bank, so vom Pferd, und noch dazu vom Pegasus; auf den...! Mir war zu Muthe, als würde mir ein Glas Wasser über den Kopf gegossen. – Und richtig! So war’s auch! Ich war aus der Ecke des Sopha aufgesprungen und stand nun da im Wirthshauszimmer, wie der wolkensammelnde Zeus, wenn aus seinen ambrosischen Locken der triefende Segen auf die dürstende Erde rieselt.

Mein Freund K. hatte die Art der Erweckung aus dem Schlafe von der Schule her buchstäblich genommen und stand jetzt lachend vor mir, der ich noch immer von Dichtern und Stadtverordneten faselte und mich nicht aus den erregenden Phantasien des Traums in die calmirenden Wirkungen einer kühlen Realität hinein finden konnte Endlich war die fieberhafte Gluth des Gehirns durch das Glas Wasser so weit gelöscht, daß ich vernünftig über der Königin Mab neckisches Spiel berichten konnte. Die Erzählung meiner Traum-Erlebnisse rief wieder das heitere Gelächter meines Freundes hervor, als er aber sah, daß die Ausbrüche seiner Heiterkeit mir anfingen, empfindlich zu werden, klopfte er mich auf die Schulter und sagte: "Mein Junge, ich hätte Dich für klüger gehalten; ich hätte geglaubt, daß Du in keiner Weise Dichter-Ideen nachhingest, selbst nicht einmal im Traume. Du hast da vor einiger Zeit ein Buch voll kleiner Geschichten herausgegeben, ‘Läuschen un Rimels’, – weißt Du, Du hast damit Manchem eine frohe Stunde gemacht, und ich selbst habe über einige der Schnurren recht herzlich gelacht. Die Recensenten waren freundlich genug, Dich nicht arg mitzunehmen und das Publikum gütig genug; Deine – nun, wie sage ich nur gleich? – gereimten Läppereien zu kaufen; was hat dies aber Alles mit der Poesie zu thun? Sei ja zufrieden; wenn man den Inhalt Deines Manuscriptes, das Du so breitspurig mit Dir herumträgst, mit derselben Nachsicht aufnimmt; und wenn Du kein Dichter sein kannst, so sorge wenigstens dafür, daß man Dich ferner für einen passabel vernünftigen Menschen halten kann." Das war sehr offenherzig; aber wie es mir vorkam, sehr wenig liebreich geredet. – Wir machten uns auf den Heimweg und, gestehe ich es nur, ich war sehr mißmuthig. Als wir an die Stelle kamen, wo der Weg nach M. von meinem Wege abzweigt, nahmen wir etwas kühl Abschied von einander. Allein mit meinem Verdrusse, war ich schon eine Strecke fortgewandert, als ein lautes Rufen mich umkehren machte; ich ging zurück. K. kam mir entgegen und als er nahe genug war, um sich mir verständlich zu machen, rief er mir zu: "Fritz Reuter, häud’ Di vör de Inbillung! De Inbillung is düller as de Pestilenz." – "Nun," rief ich zurück, "wenn in dem ganzen Dinge nichts von Poesie zu finden sein sollte, so soll doch wenigstens auf dem Titelblatte etwas davon zu lesen sein; ich werde es ‘poetische Erzählung’ nennen."

Treptow, 1855.

Fritz Reuter.


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