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Stanislaw Przybyszewski: De profundis - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDe profundis und andere Erzhlungen
authorStanislaw Przybyszewski
year1990
publisherIgel Verlag
addressPaderborn
isbn3-927104-04-3
titleDe profundis
pages149-199
created20040218
sendergerd.bouillon
firstpub1895
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Stanislaw Przybyszewski

De profundis

Pro domo mea

In ein paar Wochen gedenk' ich ein Buch herauszugeben: »De profundis«, dem ich jetzt schon einige Begleitworte an Stelle der Vorrede vorausschicke.

Ich möchte das Buch nur in wenigen Händen wissen – es ist kein Buch für das Volk – und diesen Zweck glaub' ich dadurch zu erreichen, daß ich es nur in einer sehr beschränkten Anzahl von Exemplaren drucken lasse.

Ich habe in diesem Buche das Gebiet des sogenannten »normalen Denkens«, also das Gebiet des »logischen Gehirnlebens«, des Lebens in der »Realität« (!) gänzlich verlassen. Alle, die sich auch nur ein wenig mit dem Seelenleben beschäftigt haben, wissen, was das »freisinnige Bürgertum« unter dem normalen Denken versteht: Alles, was über die Begriffssphäre des ehrbaren Müller und Schulze hinausgeht, ist natürlich verrückt. Selbstverständlich ist für diese Menschen Goethe der Maßstab des »normalen« Empfindens, wobei natürlich übersehen wird, daß er in seinen Epigrammen Proben von einer schon ganz schön vorgerückten sexuellen Perversität abgegeben hat.

Nun ja: dies ehrbare Gehirnleben, dies uniforme Gehirnleben, dessen Denkgesetze sowohl für den niedrigsten Bildungsplebejer von der Sorte Max Nordau wie für den entwickeltsten und scharfsinnigsten Gehirnaristokraten von der Art Nietzsche im gleichen Maße gelten, fängt an, furchtbar langweilig zu werden. Das hat auch Nietzsche eingesehen, und so schrieb er sein »verrücktes« Buch, d. h. sein seelischestes Buch: »Also sprach Zarathustra« ...

In »De profundis« handelt es sich um die Manifestation des reinen Seelenlebens, der nackten Individualität, des Zustandes der somnambulen Ekstase, oder wie die zahllosen Worte auch heißen mögen, die eine und dieselbe Tatsache ausdrücken, die Tatsache nämlich, daß es noch etwas Anderes gebe außer dem dummen Gehirn, ein au delà vom Gehirn, eine unbekannte Macht mit seltsamen Fähigkeiten begabt, nämlich: die Seele – die Seele, die Ekel empfand, in der fortwährenden Berührung mit der lächerlichen Banalität des Lebens zu stehen und sich das Gehirn geschaffen hatte, um sich nicht jeden Tag prostituieren zu müssen ...

Das Surrogat dieses unsichtbaren Seelenlebens: das logische Gehirnleben, kennen wir nun zur Genüge. Das ganze Fazit aller seiner wissenschaftlichen und philosophischen Spekulationen ist ein Ignoramus und Ignorabimus, also eine gänzliche Bankerotterklärung all' seiner verzweifelten Bestrebungen. Das künstlerische Fazit – risum teneatis amici – ist der Naturalismus, die seelenlose, brutale Kunst für das Volk, die Bürgerkunst par excellence, die biblia pauperum für das schwache »normale« Gehirn, das denkfaule, feige, plebejische Gehirn, das Alles erklärt, Alles zurechtgelegt haben will, das jede Tiefe, jedes Geheimnis verhöhnt und verspottet und für Verrücktheit erklärt, weil es die Seele haßt, nur weil es sie nicht begreifen kann. Ja! das rohe, stupide Bürgergehirn – die famose vox populi – haßt Alles, was es nicht verstehen kann, vielleicht auch, weil es die bekannte Plebejerangst hat, düpiert zu werden.

Nun ja: man überlasse dem Plebejer, was des Plebejers ist, mit Vergnügen sogar einige Herren, die durchaus »Großgehirnaristokraten« genannt werden wollen.

Ich meine hier also eine andere Kunst. Die Kunst, die sich in der Malerei nicht mit der banalen Außenwelt, ein paar alten, stupiden Invaliden in Amsterdam zum Beispiel, beschäftigt, sondern der Welt, wie sie sich in der Seele in seltenen Stunden, den Stunden der Halluzination und der Ekstase widerspiegelt. Ich denke auch nicht an die famosen Leoncavallos und die zahllosen Mascagnis, sondern etwa an die Fis-moll-Polonaise von Chopin, diesen gräßlichen, nackten Seelenschrei. Ich meine hier auch nicht den feudalen Reinhold Begas, sondern Vigeland. Ja, ich denke jetzt an eine andere Kunst, die Kunst, die das Tageblatt-Bürgertum für verrückt, blödsinnig, impotent u. s. w., u. s. w. erklärt hatte.

In der Literatur hat diese Kunstgattung im orientalischen Altertum und namentlich im Mittelalter ungemein reiche Blüten getrieben. Ja, namentlich im germanischen Mittelalter. Keine Rasse hat so viele Mystiker, also Menschen, die des reinen visionären Seelenlebens teilhaftig wurden, hervorgebracht, wie gerade die germanische.

Für die moderne deutsche Künstlergeneration dieser Art, also Künstler, die sich mit den Phänomenen des Seelenlebens beschäftigen, scheint mir Amadeus Hoffmann der Urahn zu sein. Freilich hat Hoffmann an die seelischen Phänomene als solche kaum geglaubt. Er suchte sie rationalistisch zu analysieren, etwa wie ein anderer Herr den Übergang der Juden über das rote Meer durch eine kolossale Ebbe erklären wollte; vielleicht suchte Hoffmann das Rätselhafte der Seele dem fetten Bürgergehirn, auf das er nun einmal aus buchhändlerischen Rücksichten angewiesen war, gegen bessere Überzeugung verständlich zu machen.

Der nun so gefeierte Edgar Poe hat sich des seelischen Problems als eines wissenschaftlichen Kuriosums bemächtigt, allerdings mit einer künstlerischen Macht, die mit kalten Schauern den Rücken überläuft.

Es folgen die Revolutionen von 48, die Revolutionen der Bildungssüchtigen und der Aufklärungsbedürftigen, die Revolutionen mit ihren prachtvollen Errungenschaften: dem überflüssigen Parlamentwesen und dem wohlfeilen Presspiratentum. Pressfreiheit! Wundervoll! Das liberale Bürgertum fing an vermöge der Pressfreiheit den Gott abzuschaffen – nein! das wagte es nicht von wegen der Monarchie, die von Gottes Gnaden bestand, aber es hat sein Dasein – auf »wissenschaftliche Gründe« gestützt – angezweifelt. Das liberale Bürgertum durfte aber wenigstens die Seele abschaffen und ihre unleugbaren Offenbarungen als Blödsinn und Humbug erklären. Gott, wie es sich gefreut haben mag, als der Spuk von Resau endlich entdeckt und gerichtlich abgeurteilt wurde!

Mittelmäßige, beschränkte Geister kommen zur Herrschaft: die Büchners, die Vogts, die Strauß, die Spencers und die Psychophysiologen und wie sie alle heißen mögen, die Braven.

Das goldne Zeitalter des Materialismus und des Berliner Tageblattes, des naturalistischen Dramas und der freisinnigen Politik!

Erst in der jüngsten Zeit hier und da Einer, der verwundert vor irgend einer seelischen Offenbarung stehen bleibt, vor einem langen Blick, der in später StundeWie ich dem wohlfeilen Gehirn der Witzbolde das Witzemachen erleicht're! gewechselt wird und den ganzen Menschen aufwühlt. Hier und da Einer, der Angst bekommt vor einem momentanen Blitz der Seele, der durch das Gehirn fährt und das Unterste zu oberst kehrt. Hier und da Einer, dem etwas zu Bewußtsein kommt, etwas Fremdes, Furchtbares, etwas, wovon er sich keine Rechenschaft geben kann: eine Idee, die – mag sie noch so schön physiologisch erklärt werden – nicht in den Ideengehalt seines Gehirnes hineinpaßt, eine Tat, die unabhängig von dem Gehirnwillen, ja trotz des Gehirnwillens geschah. Das liberale Bürgertum hat dies Alles für Verrücktheit erklärt, die famosen bürgerlichen Psychiater haben dafür den schönen Ausdruck »Psychopathie« gefunden, und der senile Schwachkopf Max Nordau hat sogar darüber zwei Bände geschrieben, lehrreich für eine Alterserkrankung dieses Herrn, an der bekanntlich schon Cicero litt.

Eine neue, unbekannte Künstlergeneration tritt also auf. In Belgien – (ich sehe hier von den sonderbarerweise anerkannten und Gottseidank nicht verstandenen Künstlern wie Huysmans und Maeterlinck ab) Verhaeren, Krains, Eckhoud, – in Skandinavien Ola Hansson – in Polen Przesmycki, – in Deutschland Dehmel und Schlaf. Freilich scheint Dehmel den Weg, den er mit solcher Macht und solcher Sprachgewalt in »Aber die Liebe« betreten hat, jetzt in seinen »Lebensblättern« verlassen zu wollen. Unter den Ländern aber, in denen diese literarische Revolution mit besonderer Kraft und Begeisterung geführt wird, scheint mir Böhmen obenan zu stehen. In der Reihe äußerst begabter und intelligenter Künstler nenne ich hier nur S. Machar und Jirí Karásek.

So weit mußte ich ausholen, um den Zweck meiner jüngsten Publikation zu rechtfertigen.

Was ich also mit meinem »De profundis« bezwecke, ist einzig und allein, ein seelisches Phänomen darzustellen – ich denke die Seele immer im schroffsten Gegensatz zum Gehirne. Das ist Alles. Aber ja: die Handlung! Hm, die Handlung, vielleicht auch Situation, Verwicklung, Intrige u. s. w. Ich pflege keine Handlung zu haben, weil ich das Leben der Seele schild're und die Handlung ist nur eine Kulisse der Seele, eine schlecht bemalte Kulisse, wie sie auf einer Liebhaberbühne einer Kleinstadt zu sehen ist. Das Leben bedarf keiner Handlung, um Konflikte zu erzeugen. Dazu genügt ein harmloser Gedanke, der nach und nach vom ganzen Menschen Besitz nimmt und ihn zu Grunde richtet.

Man sollte mir ja nur nicht wieder mit dem dummen Vorwurf kommen, ich sähe die Menschen nur auf das Geschlecht hin. Nun: ich sehe die Menschen weder »darauf hin«, ob sie geniale Geschäftsleute sind oder nicht, noch »darauf hin«, ob sie in einer scheußlichen finanziellen Misere leben oder sich Pferde und Maitressen halten können, noch »daraufhin«, ob Hans die Grethe kriegt oder nicht, ich sehe sie ebensowenig »darauf hin«, was sie sonst als »logische Gehirnmenschen« sind, oder was sie als solche leisten können, eventuell leisten könnten, ebensowenig, wie ich jemals ein Möbelstück oder ein Zimmerarrangement beschrieben habe: ich sehe die Menschen lediglich »darauf hin«, ob es in ihnen jemals zur Offenbarung der Seele kommt oder nicht. Und weil es seltene Fälle sind, in denen sich die Seele offenbart, einmal vielleicht, wie nur einmal der heilige Geist über die Apostel kam, so sind die Fälle, die ich analysiere, eben sehr seltene Fälle.

Das Einzige, was mich interessiert, ist also nur die rätselhafte, geheimnisvolle Manifestation der Seele mit all' ihren Begleiterscheinungen, dem Fieber, der Vision, den sogenannten psychotischen Zuständen – doch ich will meine literarischen Freunde mit der bürgerlichen Psychiaternomenklatur nicht erheitern.

Ich schreibe: man sollte mich mit dem Vorwurf verschonen, ich wage es allerdings nicht zu hoffen. Aber ebensowenig wie ich etwas dagegen vermag, daß im ganzen Mittelalter die seelischen Offenbarungen durchweg nur auf dem Gebiete des religiösen Lebens zu finden sind, ebensowenig kann ich etwas an der Tatsache ändern, daß in unserer Zeit die Seele sich nur in dem Verhältnis der Geschlechter zu einander offenbart. Mag man dafür der Seele die Vorwürfe machen, nicht mir. Denn alle sonstigen seelischen Phänomene der sogenannten »weißen Magie« entfallen ebenso wie früher auf das Gebiet des religiösen Lebens.

Wenn ich von der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben spreche, so meine ich natürlich nicht die fade, brave, komisch-pikante Erotik eines Guy de Maupassant, noch die süßlich-widerliche Unterrockspoesie für Konfektionösen eines Peter Nansen, noch die gesättigte Gleichgültigkeit des Ehebettes. Was ich meine, das ist das schmerzhafte, angsterfüllte Bewußtsein einer unnennbaren, grausamen Macht, die zwei Seelen aufeinander wirft und sie in Schmerz und Qual zusammenzukoppeln sucht, ich meine die intensive Liebesqual, in der die Seele bricht, weil sie sich mit der anderen nicht zu verschmelzen vermag, ich meine das enorme Vertiefungsgefühl in der Liebe, wo man in der Seele tausend Generationen tätig fühlt, tausend Jahrhunderte von Qual und abermals Qual dieser Generationen, die an Zeugungswut und Zukunftsbrunst zu Grunde gingen, ich denke nur an die seelische Seite in dem Liebesleben: das Unbekannte, Rätselhafte, das große Problem, das Schopenhauer zuerst ernsthaft in seiner »Metaphysik der Liebe« aufgeworfen hatte, freilich mit wenig Erfolg, weil die logischen Mittel für das Unlogische der Seele nicht ausreichen. Unsere Zeit, die überhaupt keine Probleme hat, die nicht schon durch die »tiefsten Geister« gelöst wären, kennt die Liebe nur als eine ökonomische und sanitäre Frage, und es ist ganz natürlich, daß für die bürgerliche Kunst die Liebe nur als der mehr oder weniger selige Weg in das finanziell und gesundheitlich geregelte Ehebett besteht. So kam es, daß dies tiefste Seelen- und Lebensproblem nur äußerst wenige Denker gefunden hat. Und sonderbar genug, daß gerade in einer solchen Zeit ein Künstler – allerdings auf dem Gebiet der »bildenden« Kunst – erstehen sollte, der in die schauerlichen Geheimnisse und Abgründe des Geschlechtslebens weit tiefer eingedrungen ist, als irgend ein Philosoph vor ihm: Félicien Rops.

Man sehe sich seine Werke an, und man wird verstehen, was ich unter der Offenbarung der Seele im Geschlechtsleben meine. Hier nur ein paar Worte, wie Félicien Rops den ewigen Erreger der Liebesgärung, das Weib, auffaßt, um gleichzeitig auf die enorme Distanz zwischen dieser und der bürgerlichen Kunst hinzuweisen.

Für die bürgerlichen Künstler ist das Weib ein Spielzeug oder ein unglaublich edles Wesen, eine Kokotte, oder eine steif verschnürte, unnahbare Größe, sie ist ein Miezchen oder eine präraffaelitische Kunigunde ... he, he, wie singen doch unsere braven Lyriker von den verschiedenen Fräuleins?

Für Rops ist das Weib eine furchtbare, kosmische Macht. Sein Weib ist das Weib, das in dem Manne das Geschlecht wachgerufen hat, ihn an sich mit tausend wohlfeilen Listen kettete, ihn zur Monogamie erzog, die Männerinstinkte durcheinanderwarf, sie schwächte, verschob und verfeinerte, die Elemente seiner Begierden in neue Formen ordnete und ihm das Gift seiner teuflischen Lüste in das Blut impfte.

Und in der schmerzhaften Ekstase des Schaffens hat er die längstverlorenen Verbindungen wiedergewonnen, die uns an unsere mittelalterlichen Vorfahren knüpfen. Er ist nicht mehr der Mann, der sein Leben einsetzt für den lächerlichen Preis des Fünfsekundengenusses, er leidet nicht mehr unter dem Weibe, er bäumt sich auf in dem wilden Haß gegen die furchtbare, zerstörende Kraft und wird zu einem fanatischen Ankläger, der in der Raserei gegen seine eigene Natur das Weib unter Umständen dem Feuertode preisgeben würde, um die Welt von dem »größten aller Übel«, dem Weibe, zu befreien.

Und hier steht er vollkommen im Einklänge mit den mittelalterlichen Diabologen. Man lese nur die Doktoren: Bodinus, Sinistrari, Del Rio, Sprenger ... Zwei Welten schmelzen ineinander und begegnen sich in einer und derselben visionären Erkenntnis der Wurzel alles Daseins, der Wurzel jeglichen Schmerzes und aller Qual.

Soll ich nun jetzt vielleicht motivieren, warum ich in »De profundis« ein »succubat« – der Deutsche scheint keinen passenden Ausdruck dafür zu haben – geschildert habe, dies gräßliche succubat, das der ganzen großen Kultur des Mittelalters in der grandiosen Schöpfung des Teufels und der Hexe den Stempel aufgedrückt hatte?

Ich hoffe: nein!

Ja, noch etwas: Die bürgerliche Kritik schreit so entsetzlich nach Kraft und Gesundheit. Sonderbar! Es gab wohl keine Zeit, die mehr stupid, mehr protestantisch und mehr borniert wäre, als die unsrige. Ist das nicht Gesundheit genug? Ist das nicht Gesundheit genug, daß unsere Zeit so krankhaft seelenlos ist? Und würden die Kraftmeier, die famosen Abse der Literatur nicht einmal zur Abwechslung ein solches Werk mit Interesse lesen können, ohne es gleich in den Schmutz zu ziehen und den Verfasser einen dekadenten Wüstling zu nennen?

Stanislaw Przybyszewski


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