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Davoser Stundenbuch

Hugo Marti: Davoser Stundenbuch - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDavoser Stundenbuch
authorHugo Marti
year1935
firstpub1935
publisherVerlag von A. Francke
addressBerlin
titleDavoser Stundenbuch
pages126
created20080808
sendergerd.bouillon@t-online.de
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3 2–4 Liegen

Jane, ach Jane, erinnern Sie sich noch?

Woran? würde Ihre vorsichtige Zunge fragen, die ganz leicht und fast anmutig an die breiten Zähne stößt. Woran soll ich mich erinnern?

Ja, woran? Ich weiß es selber so genau nicht mehr. Aber wenn ich die grauen Felswände sehe, von denen die Sonne über Mittag die letzte Feuchtigkeit abgetrocknet hat, wenn ich lange auf die silberglänzende Mauer mitten im mattgrünen Grashang starre, dann ist plötzlich Ihr Bild da, oh nicht Großformat und mit Filmblick, sondern bescheiden eingeordnet in den Rahmen einer Landschaft: grünschaumiger See zwischen grauen Felsbergen, ein Uferwinkel 6 grasig eingekeilt zwischen die ragenden Steinwände, am weißen Bach eine breite Blockhütte. Der helle Abend sickert aus einem wolkenlosen Himmel, der hoch über den gewölbten Gräten der Berge steht. Es wird nicht Nacht, es wird nur stiller, die Bäche rauschen nicht mehr so stark wie am Tage, ihr Spiel ist müde geworden. Die kleine Wiese zwischen Blockhütte und Strand ist auch noch so hell, als wäre es möglich, daß sie den fernen Glanz des Himmels widerspiegelte.

Und hier, in diesem Zwielicht ohne Strahl und Schatten, steht fahl dein Gesicht, Jane, ach Jane – Jahre sind vergangen, aber sie haben das fahle Gesicht nicht ausgelöscht. Ich sage: Gesicht, und wenn ich sagen will, wie es aussieht, so sehe ich braune Hände vor knochigen Gelenken, mit langen Mädchenfingern, an denen die Haut ein wenig rissig über die Knöchel gespannt ist, kühle Hände, die sich beim Gruß mit zutraulicher Heftigkeit um meine Finger pressen, und ich sehe lange Beine mit einem derben Wollstoff um die Knie und über den schmalen Hüften, und einen schlanken Hals. Das Gesicht: es ist nicht, sondern 7 es tut etwas – singt mit unbekümmerter Frische ein schwedisches Studentenlied, lacht mit halboffenen Lippen, während wir später auf der hellen Wiese Hambo tanzen. Die Augen sind grün. Sie waren grün in der fahlen Sommernacht. Aber da war so vieles anders als am Tage. Ich weiß nicht, wie Ihre Augen sind, Frau Jane.

Nun, erinnern Sie sich jetzt an die Nacht am Gjendesee in den norwegischen Bergen? Sie waren mit Ihren Freunden herüber gekommen über die waldigen Berge aus Ihrer Heimat, ich war heraufgekommen aus der fremden Stadt am Fjord, wir hatten uns getroffen, wie man sich auf einer Sommerwanderung trifft. Als Sie nach dem Abendbrot in der Blockhütte, wo man sich mit steifer Höflichkeit, leisem Nicken und gemurmeltem Dank den blanken Milchkrug und den braunen Ziegenkäse gereicht hatte, mit Ihren Kameraden in die helle Nacht hinausgingen und in ernsthafter Selbstverständlichkeit Ihren schlanken Körper turnerisch zu winden und zu drehen begannen, den Kopf im Schwung zwischen die Knie gebeugt und dann zurückgeworfen, so daß Ihre Fingerspitzen den 8 Boden berührten und Ihr Leib hoch sich wölbte wie ein Bogen, den man mutwillig überspannt – da wurde ich verlegen und wußte nicht recht, ob man Sie für solche Leistung loben durfte oder ob es richtiger sei, daran vorbeizusehen wie an einer Zahnputzerei, die durch den Zufall einer augenblicklichen Intimität öffentlich geworden ist. Und Sie taten nichts, um mich aus meiner Verlegenheit zu erlösen. Sie traten nach der letzten gewaltigen Rumpfbeuge auf mich zu, unbefangen, als ob nichts geschehen wäre, und fragten mich mit Ihrer bedächtigen Stimme: Gehen Sie morgen weiter über die Berge?

In dieser Sekunde hörte ich, daß Ihre Zunge leicht, ganz leicht von hinten an die breiten Zähne stieß. Es machte mir eine unbändige Freude, diesen unschuldigen Fehler an Ihnen zu entdecken. Ihr Leib, eben noch jeder irdischen Neugier entrückt wie das Gerät einer wahrhaft göttlichen Präzision, war mit einem Schlag menschlich geworden, fehlerhaft und liebenswert.

Ich antwortete auf Ihre Frage, wies mit dem Arm nach einem der dunkeln Berge hin, die wie schwarze 9 Tiere groß und bucklig in der hellen Nacht um den See herumlagen, und sprach vom morgigen Ziel meiner Wanderung. Sie hörten mir zu, ohne mich zu unterbrechen, aber Ihr Blick ging nicht mehr aus der Bahn meiner Augen, bis ich wieder verwirrt innehielt und verstummte. Da sagten Sie, unvermittelt und ernsthaft, ohne jede Spur von Lockung oder Spielerei: Kommen Sie tanzen! Und wir traten in den Kreis der andern und tanzten mit.

Erinnern Sie sich noch daran? Aber wie sollten Sie es auch. Was mir von Ihnen im Gedächtnis haften blieb, war Ihr Wesen und Ihre Art, ganz einfach Ihr Sein in dieser hellen Sommernacht. Beides seltsam genug für mich, und für Sie zum mindesten ebenso selbstverständlich. Und so mag auch unsre Begegnung gewesen sein. Heute wohnen Sie in irgendeinem modernen Miethaus am Mälar oder gar in einer luftigen Gartenwohnung auf den Schären, zwischen hochgestengelten Blumen blau und gelb und mit drei braunhäutigen Kindern, und wenn Sie diesen von Ihrer Sommerwanderung durch die norwegischen Berge erzählen, so tun Sie es unbefangen, 10 wie dies Ihre Art ist, und die helle Nacht am Gjendesee brauchen Sie ihnen keineswegs zu unterschlagen, weil Sie sich gar nicht mehr daran erinnern. Sie haben andere Sorgen – und andere Freuden.

Ich aber liege auf dem Balkon hier oben an der Sonne und schaue hinüber zu der grauen Felswand im mattgrünen Weidhang, und wenn ein Nebelfetzen langsam über die silbrige Fläche streicht, so ist das wie ein flockiger Schwamm, der ein Zeichen auf der Schiefertafel wegwischen, auslöschen will. Was ist auf der Tafel geschrieben? Gott mag es wissen, ich ahne es nicht. Von Liebe steht jedenfalls nichts darauf. Darum denke ich immer wieder und ohne Erschütterung an die helle Sommernacht zurück. Jane, ach Jane – dein Name flimmert auf der silbergrauen Steinwand in schmalen Lettern, und keine Nebelwolke löscht ihn aus und keine Sonne trocknet ihn weg. Denn die Erinnerung ist stark in dieser trocken reinen Luft, stärker als alle Natur, stärker sogar als unsre Krankheit, der wir doch alle pflichtschuldigst gehorchen müssen.

11 Wer sich in seinem Pelzsack ausstreckt oder mit hundertmal geübtem Handgriff die Decke um seinen Leib wirft und sich für ein paar Stunden der Sonnenwärme oder dem Eishauch eines horizontalen Eremitendaseins überläßt, der hat seine Unterhaltungswerkzeuge in Reichweite beim Liegestuhl: den Kopfhörer, ein Buch, Schreibpapier und Füllfeder, die letzten unbeantworteten Briefe, Nagelfeile und Handspiegel, irgendeine Schleckerei und die Schutzbrille. Was sich ohne unser Dazutun einstellt, das sind die Erinnerungen. Es ist, als wären sie am Liegestuhlbein angebunden wie ein Rudel Hunde, die zu kläffen und zu winseln beginnen, sobald sich der Herr zur Ruhe gelegt hat. Sie gehören zum Inventar des Balkons wie der Rohrstuhl und die harte Matratze, nur bezahlt man für sie keine Leihgebühr. Weil sie gratis sind, kann man sie nicht vom Hausknecht wegtragen und bis auf weiteres anderswo verstauen lassen. Sie sind ein Teil der Krankheit und sie sind ein Teil der Kur. Nur ahnungslose Tiefländer können die Bedeutung der Erinnerungen im Heilverfahren der Liegekur unterschätzen. Gewitzte Aerzte kennen sie, 12 maßen sich aber bis heute noch nicht an, ihren Einfluß zu reglieren. Sie stellen sie stillschweigend in Rechnung, als den unbekannten Faktor, von dem allerhand abhängt. Alles übrige vielleicht, die glückliche Heilung inbegriffen.

Nein, die schnuddlige Frau Tomaschek hat natürlich Unrecht, wenn sie sich auf ihre Langeweile versteift und behaupten will, der Tag zähle hier oben doppelt so viele Stunden als drunten in der Stadt. Es war eines der üblichen Nachtischgespräche gewesen, im Korridor den kalten Heizkörpern entlang und unter dem von ungeduldigen Fingerknöcheln andauernd angerempelten Barometer. Die drei jungen Burschen vom Ecktisch hatten Frau Tomaschek geneckt; richtig verulkt hatten sie die Schwerhörige und ihr die Langeweile gründlich versalzt; es war am Ende eine Streiterei wie immer. In den Augen der Frau lag die Hilflosigkeit derer, die sich sträuben, ihre Schuld und das Urteil anzuerkennen, das über sie gesprochen ist. Sie will nicht hier sein, sie wehrt sich dagegen, sie läßt die große, schmerzlich süße Ruhe noch nicht über sich hinfluten. Sie hat 13 sich noch nicht ergeben. Darum findet sie es hier langweilig.

Schwerer als das Hiersein ist das Ankommen. Wenn sich der geräuschvolle Eisenbahnzug in die Schlucht unten im Tal bohrt, durch das enge Felsentor, nackter Stein in ewigem Schatten mit struppigen Tannenkrüppeln, alles Licht plötzlich fort, die Welt bleibt zurück, die einem vertraut war; als ob eine Tür hinter einem zugeschlagen würde, so fühlt es das ängstliche Herz – das ist schwer. Und oben der Empfang durch fremde Menschen, gleichmütig, sachlich, selbstverständlich; während einem empörten Gefühl kein wildester Ausbruch allgemeiner Verzweiflung an diesem Ort gemeinsamer Leiden überraschend käme, tappt es widerstandslos in eine beruhigte Luft konventioneller Gleichgültigkeit; Gepäckträger wie daheim, Kutscher, Autobus, Bank, Blumengeschäft, Zeitungskiosk. Man möchte schreien: Lebt man denn hier? Ich dachte, man stirbt! Und nur zögernd schreitet man in das neue Leben, das man als eine äffische Nachahmung des andern, des echten Lebens schamvoll empfindet. Man ist ungerecht. Man ist 14 unerfahren. Verlassenes Kind in einer fremden Stadt. Darum ist die Ankunft schwer.

Es brauchen nicht einmal so fatale Stichworte zu fallen, wie sie der blonde Stuttgarter bei seinem Auftritt erlebte. Auf der langen Fahrt herauf: Zwei Frauen im Abteil, bald seufzt die eine, bald die andre. Wie sie zufällig einmal gemeinsam seufzen, ist die Bekanntschaft gemacht. Zwei Augenpaare starren sich neugierig an. »Schon drei Jahre ist jetzt meine Tochter oben«, sagt die eine und nickt trübselig. »Ach nein, so lange, nicht möglich«, bedauert die andre und schüttelt den Kopf »mein Sohn ist bereits nach sechs Monaten gestorben«. Und beide seufzen wieder. Der wackere Schwabe kam ganz verstört bei uns an. Als er in unserm Kreis etwas warm geworden war, erzählte er die Geschichte. Man lachte ihn aus wegen seiner blonden Sensibilität.

Die zarte Gussy Klinker hat einen andern Empfang gehabt. Ihre Mutter schrieb vorher einen Brief, so und so, und die Kleine graule sich mächtig und man möchte lieb zu ihr sein, besonders am Anfang. Der Brief kam aus, Geschwatz des Assistenten. Was 15 tut die Bande, um Gussy Klinker schonungsvoll in die neuen Lebensverhältnisse einzuführen? Mietet die Blasmusik aus der »Alpenruh«, ziehen sich ihrer vier weiße Kittel an, fahren in drei Kutschen am Bahnhof vor und holen die ängstliche Gussy Klinker ab. Ein zartes Kind mit großen Augen, die bange blinzeln, wie die vier Medizinmänner auf sie zutreten, sie mit kräftigem Handdruck begrüßen und ihr das Gepäck entreißen. Kleiner Festzug über den Perron, schmetternder Tusch vom Blasmusikwagen herab, Gussy Klinker wird verpackt zwischen zwei Weißkittel und hinauf über die Promenade geht' s im Trab. Eine Opferprozession. Gussy möchte weinen, aber die beiden Medizinmänner greifen ihr ernsthaft den Puls an beiden Handgelenken, unter dem Wildlederhandschuh. Hundert Meter vor der Heilstätte steigen sie aus, einer sagt: »Wollen wir gute Freunde sein?« und der andre zahlt die Musik aus. Gussy Klinker muß nun doch ein bißchen lachen; gut, daß sie's konnte. Sie fand sich rasch zurecht bei uns.

Ach nein, nicht das Hiersein ist schwer, bloß das Ankommen. Man müßte der schwerhörigen Frau 16 Tomaschek in die Ohren brüllen: So kommen Sie doch endlich einmal an! Sie sind ja noch gar nicht hier . . . Aber auch dies würde sie kaum verstehen. Und noch viel weniger, wenn man ihr beichten würde, daß man sich vor dem Weggehen fürchtet. Aber darüber spricht keiner . . .

Und doch gibt es hier wenige Dinge, über die man nicht miteinander spricht. Als ich die ersten drei Monate in der gemeinsamen Liegehalle mich akklimatisierte (wie sie es nennen) – ich wußte ja gar nicht, daß Männer so schamlos schwatzhaft sind. Ueber alles reden sie, über sich, über die andern, über den Arzt, die Schwestern, über ihre Familie im Unterland, über alles, aber am meisten über sich. Sie liegen da und reden und sind wie Flaschen, die jemand achtlos umgeschmissen hat, jetzt sabbert ihnen der Inhalt zum Hals heraus. Ob man ihnen zuhört, kümmert sie nicht einmal so heftig; bloß wenn man sie unterbricht, werden sie eklig und blicken den Störefried vorwurfsvoll an.

Wer es nicht aushält, sich von den andern die Ohren mit Familienskandalen oder mit der Fieberkurve 17 vollschwatzen zu lassen, stülpt den Bügel über den Kopf und flüchtet sich in die Ungarische Rhapsodie oder in den Börsenbericht oder in einen keuchend abgelesenen freien Vortrag über spätgotischen Kirchenstil. Einmal hörten wir einen Ordinarius für Philosophie kunstvoll plaudern über die Kunst des Plauderns. Er hat gut plaudern, der Ahnungslose ; ihm fällt keiner ins Wort, der auch plaudern möchte, weil er reden muß . . . Hätte er uns die schwerere Kunst des Zuhörens gelehrt, in der wir uns langsam und mühselig ausbilden! Aber er denkt ja nicht an uns, wenn er in die Welt hinaus spricht. Gehören wir noch zur Welt, noch zu dieser Welt? Manchmal glaube ich: nein. Es ist hier alles anders, und wir selber sind anders geworden.

Vorsicht, mein Lieber, Vorsicht mit den großen Worten! Was hat sich gewandelt? Wer hat sich gewandelt? Was bedeutet Wandlung?

Die horizontale Weltbetrachtung, die wir hier oben zu pflegen angehalten sind, führt ganz naturgemäß zu andern Perspektiven. Das stellen wir jeden Tag fest, wenn wir mit dem Zeiß die grasigen Hänge 18 absuchen bis zu den Schroffen hinauf, über die ein Rudel gesund schnaufender und schwitzender Naturfreunde emporklettert, oder die Fahrstraße ausspionieren, wo die Halbmaroden ihre dringlichen Einkäufe vom Bleistift bis zur Pravazspritze tätigen, oder das Laboratorium im Hinterhaus schräg unten durchspähen, wo sich zwei Aerztinnen mit ihrem strammen männlichen Kollegen prustend über ein Röntgennegativ streiten, das im Rahmen hinter dem breiten Schiebefenster steht. Die Perspektiven verschieben sich, wenn wir vom Liegestuhl aus menschlichen Tragödien, die uns fremd sind, bis in die verborgensten Winkel und Windungen zu folgen eingeladen – nein, gezwungen werden: lautlose Ankünfte und kreischende Abfahrten, der tägliche Gang von jungen Männern, die langsam dicker und brauner werden, vom Speisesaal zur Gewichtswage, vom Wohnhaus zur Liegehalle, vom Garten zum Waldweg und zurück in den Speisesaal, die wochenlange Betthaft der schwereren Fälle zweiter Klasse in den Nordzimmern mit geduldig vorwärts und zurück geblätterten Magazinen, in denen Strandbadeszenen 19 und Schönheitskonkurrenzen das Auge des abgesonderten Fieberhäftlings mit dem Widerschein der bunten freien Welt entzünden – damit er sie nicht vergesse, schrieb seine Braut, die ihm den abgelegten Jahrgang mit den nervös zerknitterten Blättern schickte, verräterischen Zeichen des heimlichen Einverständnisses zwischen dumpfen Träumen hier wie dort.

Welcher Lokalgeist, der sich selber manifestieren wollte, gab der Bande den Witz ein, mit dem sie in der Neujahrsnacht dem stillen Fjodor Federspil die Lehre von den verschobenen Perspektiven beibringen sollte? Er war Schach spielen gegangen wie jeden andern Abend auch. Neujahrsnacht hin oder her; er hatte schon so manche hier oben verlebt, seit er aus dem Saratowschen über einige westeuropäische Hochschulsemester endgültig auf seinem Liegestuhl gelandet war. Schachspielen war seine Leidenschaft; sie fraß die Zeit und schonte den Geldbeutel. Eine gefühlsweiche Neujahrsnacht mit Bleigießen und Glühwein – brr! nichts für Fjodor Federspil. Im Saratowschen feierten sie seinerzeit das neue Jahr 20 dreizehn Tage später; er hielt sich an den alten Kalender, ihm konnten die Bolschewiken den Buckel herunterrutschen, der durch eine siebenrippige Plastik etwas schief geraten war, was ging ihn der neue Kalender an, war er nicht im alten krank geworden, na also. Die Bande, vom Glühwein froh beherzt, bricht in seine Bude ein, räumt Bett, Schrank, Tisch und Stuhl auf den Balkon hinaus, die Wolldecken und Leintücher hängt sie übers Geländer in die Eisluft und an den Schein der funkelnden Sterne, dann stellt sie die weißgestrichenen Puppenmöbelchen, die sie sich ungefragt bei der kleinen Verwalters-Lola ausgeborgt hat, pedantisch genau an die Stellen, wo das rechte Bett, der rechte Schrank und der rechte Tisch gestanden haben, dreht das Licht aus und verzieht sich wieder zum Bleigießen und Mitternachtsgeläute.

Fjodor Federspil ist so nüchtern wie die Oberschwester bei der Kaustik, da er vom Schachspiel heimkehrt, und gewonnen hat er auch und also weder Kummer noch Verdruß. Aber den Arm hebt er doch wie geblendet vor die Augen, da er das 21 Miniaturmobiliar im grellen Licht der Zimmerlampe sieht, winzig klein, unendlich fern, aber hygienisch hell und am rechten Platz. Ein Schwindel erfaßt ihn, ihm flimmert vor den Augen, schaut er in einen Abgrund, in die Steppe hinaus, in die Wüste? Ach! Die Zeit ist endlos wie die Wüste, er ist seiner eigenen Gegenwart entrückt, vielleicht ist er tot?

Nach einer Weile – oh, es dauerte gar nicht lange – kommt Fjodor Federspil wieder zur Besinnung. Er schleppt seine rechten Möbel vom Balkon herein, das Bett und die Matratzen, den Schrank, Tisch und Stuhl, und in die eiskalten Leintücher legt er sich, etwas erschöpft, schwitzend und zähneklappernd. Am nächsten Morgen erscheint er nicht zum Frühstück. Der Arzt droht ihm mit dem Finger: »Glühwein, was? Katzenjammer!« Die Schwester bittet er, der Verwalters-Lola mit Dank die Möbelchen wiederzubringen. Sonst spricht er wenig, von der nächtlichen Vision erzählt er keinem Menschen, bei sich selber wird er wohl darüber nachgesonnen haben, und am dreizehnten Tage stirbt er, gerade wie sie im 22 Saratowschen Neujahr gefeiert hätten, nach dem alten Kalender.

Ein makabrer Scherz. Der Lokalgeist hätte ihn sich sparen können. Wir sind auch ohne solche brutalen Winke im Bild. Es ist die Luft um unsre Liegestühle, die alle Maßstäbe knickt, streckt und verschiebt.

Großes wird klein und Kleines groß. Ein gehender Wolkenschatten über herbstlich gebräunten Weiden läßt uns halbe Tage lang nicht mehr aus seinem Bann, aber wenn uns einer drahtlos die Weltenwende für die nächste Viertelstunde in Aussicht stellt, kommt uns das ungefähr so lustig und so wichtig vor wie die Ankündigung der Hauptnummer im Zirkusprogramm durch den Herrn Direktor höchstpersönlich. Als vor knapp zwei Jahren – oder sind es drei?– der Papst zum erstenmal durch das Mikrophon zur Welt sprach, hörte man in das feierliche Amen hinein nach dem Uebersetzer rufen, der sich zuerst umständlich die Nase schneuzte, bevor er der englischen Christenheit die lateinische Meinung des Papstes mitteilte; das fachmännische Schneuzen 23 klingt uns heute noch im Ohr, für solche Musik hat man hier ein scharfes Gehör, wir würden den Mann an seinem Nasenton aus Tausenden heraus erkennen und die Worte des heiligen Vaters wären in dem Naturgeräusch fast untergegangen.

Was heißt das: ein Mensch wandelt sich? Worin und wodurch? Laß mal sehen, oh wir das rausbringen. Ist noch Zeit zu dieser Extragedankenschleife? Ach, hier ist ja immer noch Zeit. Knapp drei Uhr vorbei, ich seh's, ohne daß ich den Kopf zu wenden brauche, auf dem Zifferblatt am Kirchturm. Komisch gedrechselt ragt dieser Turm in die Luft, mit leiser Drehung der Dachrippen nach links, ein wenig spielerisch, ein wenig unseriös, als wäre es dem Finger mit dem Hinweis zum Himmel nicht so ganz ernst. Da hab' ich also seinen Glockenschlag überhört und er klingt doch so eindringlich zwiefach, zuerst hell, dann dunkler, und beim ersten Schlag freuen wir uns, daß wir die Stunde überhaupt erlebt haben, keine selbstverständliche Sache, beim zweiten bedauern wir, daß sie schon vorüber ist. Sinnige Einrichtung, nicht wahr, wie die steigungslose 24 Höhenpromenade, der flache Taschenspucknapf und der Waldfriedhof, der von ferne wie ein Spaziergehölz für Flirt und Kurkonzerte aussieht.

Ach Gott, diese ewige Gedankenflucht, der reinste Querfeldeinlauf einer Stafette von Associationen. Wahrscheinlich Ersatz für Leichtathletik. Kann der Leib nicht mehr, so muß der Geist an den Start. Sollte dies schon eine Wandlung bedeuten? Keine Hexerei, aus der Not eine Tugend zu machen; moralisches Taschenspielerkunststück. Andere Beweise, bitte!

Schön. Sollst du haben. Kennen wir nicht ganz gut einen gewissen Schriftsteller, den die Zeitungen während zehn Jahren eine Hoffnung des Schrifttums genannt haben und der sich auch redlich Mühe gab, diese Hoffnung nicht allzu heftig zu enttäuschen. Sind von ihm nicht zwei Gedichtbände erschienen, der eine massiv und tiefgründig, der andre locker und leicht, und beide haben ihre spärlichen Leser gefunden und ihr reichliches Lob. Und der uns wohlbekannte Schriftsteller klagte während zehn Jahren geheim und öffentlich über den Mangel an Zeit, der 25 ihm nicht erlaube, das zu vollbringen, was seine eingeborene Lebensaufgabe sei. Jetzt hat er Zeit, genug Zeit, einen Ueberfluß an Zeit, und was vollbringt nun unser Schriftsteller von der ihm eingeborenen Lebensaufgabe? Er schreibt, nach wochenlangen Vorbereitungen, eine Seite Prosa nieder, mit pedantisch gespitzten Bleistiften auf ein Blatt Papier, das Agathe zerknüllt am nächsten Tag aus dem Papierkorb fischt und ihm wieder auf den Tisch legt, glattgestrichen und mit zwei Granitsteinen beschwert. Und er liest es in Gottes Namen noch einmal durch, verbessert da und dort etwas und am Ende schreibt er's wahrhaftig gewissenhaft ab und zerreißt das erste Blatt in hundert Fetzen, damit er vor Agathe Ruhe hat. Ein paar Seiten Prosa, allerdings dicht gewachsen wie kurzes Weidgras, das ist der spielerische Ehrgeiz seiner beschäftigungslosen Wochen, und von der Lebensaufgabe spricht man nicht mehr. Lassen wir den Sonderling, wir kennen ihn zu gut und wollen ihn nicht bloßstellen, aber als ernsthaftes Beispiel einer Wandlung kommt er wohl kaum in Frage.

26 Aber auch das beliebte Unterhaltungsspiel, vom Liegestuhl die Welt wie auf eine Projektionsleinwand vor sich hin zu zaubern, in die leere Luft hinaus, ist ein verdächtiger Zeitvertreib. Ich liege hier und sehe die staubigen Karrenwege durch die Felder Bessarabiens, zwischen hohen Maisstauden und hellgekalkten Dorfhütten, und den Schöpfbrunnen einsam wie ein Galgen in der braunharten Grassteppe. Ich sehe den sommernachthellen Fjordwinkel hinter Florö, wo wir eben einen Postsack vom Schiffsdeck hinab auf eine einsame Klippe geworfen haben, unten im Schatten des Bugs steht ein Mann, rührt sich nicht, spricht nicht, schaut uns reglos nach, wie wir langsam und dann immer rascher durch das grünliche Wasser in die helle Nacht ziehen. Ich sehe über die schuppigen Rundziegel auf den Dächern von Arles in die klare Weite der Provence, graue Mauern, mattsilbern aufrauschendes Olivengezweig, blitzende Wasserläufe. Ich sehe die spitzen Giebel in der Danziger Langen Gasse, die Hafenspeicher von Königsberg, die weißen Sandhügel auf der Nehrung mit den roten Dächern der Fischerhütten, die durch 27 dunkelgrüne Kiefern glühn. Ich sehe den bläulichen Nebel tief über der gefrorenen Newa liegen und blaßrosa die Mauern des Winterpalastes durchschimmern, unwirklich, vom Strahl einer Sonne entzündet, die man auch in der kurzen Mittagsstunde nicht klar erblicken wird. Ich sehe – ach, zum Teufel, was ist dieses Sehen denn anderes als das geizige Zusammenraffen des kärglichen Schmuckes, den man aus besseren Zeiten in das Exil gerettet hat?

Wie Verstoßene hocken wir hier beisammen, verlustig der Heimat, verlustig der Freizügigkeit, und kramen mit zitternden Fingern in unsern Habseligkeiten und tauschen sie gelegentlich aus gegen anderen Tand aus andern Händen, die ebenso zittern wie die unsern. Früher gab man den Aussätzigen lärmende Klappern in die Hand, damit man ihnen aus dem Weg gehen konnte und sie einen nicht wie die Plage Gottes unvermerkt überfallen konnten. Gestern sah ich einen cremehellen Mercedes, der beim Einfahren auf die glatte Promenade hastig die Wagenfenster hochschraubte, dahinter glotzten neugierig verängstigte Gesichter auf uns Spaziergänger. Und 28 wenn wir auf unsern Pritschen liegen, sehen wir in seligen Verzückungen die Welt – und glauben sie zu besitzen, tiefer und reiner noch zu besitzen als damals, da wir sie durchzogen, durchjagten, durchrasten.

Aber es ist Blendwerk. Zwischen uns und der Welt steht eine gläserne Wand. Zwischen uns und dem Leben steht die Krankheit. Die Absonderung. Die Einsamkeit. Der Tod.

Der Tod – das ist die Wandlung. Und er hat uns alle angerührt. Und so sind wir alle verwandelt. So wahr wir noch leben, leben wir nicht mehr wie einst.

Die Gegenwart des Todes, die uns zu jeder Stunde umfängt, wird wie das Walten einer finsteren Gottheit geehrt. Man bringt ihr geheim die Opfer, die sie fordert, und öffentlich das Zeremoniell, dessen sie nicht bedarf. Hat man je ein Begräbnis nach Tieflandsitte gesehen, wenn einer aus der Schar der Gezeichneten weggegangen ist? Sie, deren Ende vom ersten Tag an unsichtbar auf der Fiebertabelle irgendwo zwischen zwei Abendstunden eingetragen ist, 29 sie sterben wie aus Versehen und ganz ohne Umstände. Sie gehen aus der Stille des weißen Bettes in die Stille des schwarzen Sarges über, und aus der Einsamkeit zwischen Lebenden in die Gemeinsamkeit der Toten. Man darf vielleicht sagen, daß sich an ihrem Zustand wenig ändert . . . Und deshalb macht man nicht viel Aufhebens von ihrem gänzlichen Auslöschen. Hier flackern so viele Lichtlein schwach durch die Nacht, nur die stillen Schwestern mit dem raschen Schritt und den flatternden Röcken wissen um die ganze Beleuchtungsanlage Bescheid, und wenn sie irgendwo hapert, drücken sie sanft ein Auge zu. Zwei Augen. Und wenn wir andern am Morgen auf der Liegehalle davon erfahren, ist der Schaden schon repariert, die Lücke ausgefüllt, ein neues Lichtlein flackert, wo das alte erloschen ist, es sind ihrer genug da. Kein Leichenzug, kein Grabgeläute, nichts von diesen Wichtigtuereien, sie ziemen sich nicht für Alltäglichkeiten. Ja, wenn ein Hiesiger, unbescholten und grundlos, vom Tod angerempelt wird, mit neunzig Jahren oder sonstwie aus unerklärlichem Zufall, dann schallen die Glocken zum 30 Protest und ein Demonstrationszug bewegt sich durch die Straßen, feierlich und würdevoll. Es ist nun einmal nicht das gleiche, wenn zwei das gleiche tun. Man stirbt so und anders: dem Tode hörig oder dem Leben.

Diese jungen Männer, die ein wenig fahrig und mit verlorenen Blicken daherkommen, immer klafft ihnen das Hemd beim zweitobersten Knopf, weil sie vergessen haben, es nach dem Fiebermessen zu schließen, sie bevorzugen Achselhöhle und schlagen ehrlich drei Striche dazu – diese jungen Männer wissen genau, wer ihnen in trüben Nächten unter dem bunten Kitschlicht der Bar die Cocktails mixt, wer ihnen die Englischlektion in plaudernder Konversation erteilt, wer mit ihnen Briefmarken tauscht und über Kant, Bergson und Heidegger diskutiert. Der kleine Wolf, den wir alle lieben – eben hat er Abitur gemacht und er weiß genau, wer an seinem Bettrand saß und ihm die Prüfungsfragen in Weltgeschichte, Latein und Arithmetik stellte, damit auch er in seinen heißen Kissen zur höheren Bildung staatlich zugelassen sei. Alter Herr mit Bart und Brille, 31 rundlich quicke Dame mit Fahrrad und Tauchnitzedition, glatte Kellnervisage mit flacher Stirn und gewelltem Hinterkopf: Masken, alles Masken aus einem poveren Leihgeschäft, keine ist ihm zu schlecht, keine zu gut, um uns durch die hohlen Augenlöcher frech anzublinzeln, vertraulich und gemein, er, dem wir hörig sind – der Tod.

Er in seinen Masken schreckt die gutmeinenden Besucher, die in Extrazügen aus dem Unterland heraufkommen, Mitleid im Herzen und Skier auf den Schultern. Er hockt dick vermummt auf dem Kutschbock, wenn sie in den frostklirrenden Nächten im Schlitten über die Promenade jagen, und er steht plötzlich unter ihnen im Tanzsaal, in Frack und weißer Binde, braunledernes Gesicht mit stahlkalten Augen. Wir andern sind gewohnt, ihm zu begegnen; wir weichen ihm unauffällig aus und vermeiden seinen Blick. Aber unsre Gäste lassen sich von ihm eine Nacht lang den Hof machen und reisen am folgenden Morgen überstürzt wieder ab, mit benommenem Kopf und einem leisen Druck in der Magengrube, lieber ihre Skispuren an den flimmernden 32 Hängen, die unsern Schritten unerreichbar sind, streut der spielende Wind stäubenden Schnee und man weiß bald nichts mehr von ihnen. Wir aber bleiben in unsrer Welt, in unserm Leben und in unserm Tod – allein.

Wer zu uns gehört, kennt das ungesprochene Losungswort. Und auch wer für kurz oder lang von uns wegzieht, behält es in seinem Sinn. Ob er wiederkehrt oder nicht, das Losungswort bindet ihn. Es hat ihn verwandelt.

Anna Segher – mehr als ein Jahr war sie nicht mehr hier gewesen, aber die Aelteren kannten sie gut und sprachen von ihr, als wäre sie gestern erst verreist. Man sprach von ihr wochenlang, bevor man sie erwarten durfte, und man sprach von ihr wie von einem Fall; hier, wo keiner im andern medizinisch eine besondere Nummer sieht, ist das außergewöhnlich. Mir ging das Gerede um Anna Segher auf die Nerven. Ich stellte sie mir blaß, kümmerlich, windschief vor. Sie hatte den ganzen Zauber in effektvoller Steigerung hinter sich, Pneu, Phrenicus, Plombe, Plastik (viermal P stickte ihr die 33 Bande auf einen knallroten Pullover, nach dem Muster der frischfrommfröhlichfreien Turnerdevise) und die Aerzte waren über die weitere Gestaltung des Programms ein bißchen in Verlegenheit. Darum hatten sie Anna Segher in den Süden geschickt, zur Konkurrenz, wo sie Disziplin lernen sollte. Denn sie beherrschte spielend die ganze Klaviatur des Patientendaseins, vom Bettarrest bis zum Vormittagssuff, nur für Disziplin hatte sie keine Begabung. Fühlte sie sich königlich wohl, so genoß sie die Bettruhe wie eine Scheuerfrau in den Ferien, war sie violett vor Atemnot, so lud sie ihre Freunde in die Bar ein. Vor drei Jahren hatte der Professor aus Bremen, der uns jeden Frühling mal besucht, sie einer wiehernden Cook-Party amerikanischer Spezialisten als einen Fall vorgestellt, der für die Wissenschaft gar nicht mehr existiere, und sie entlassen mit den Worten: »Auf Wiedersehn im nächsten Winter, wenn ich noch lebe!« Anna Segher hatte das einzige getan, was ihr in ihr er Lage zu tun übrig blieb: sie nahm ihn beim Wort. Sie sahen sich wieder. Und er konstatierte mürrisch: »Na also, 34 da sind Sie ja noch immer«, und verordnete ihr die Disziplinkur im Süden.

An jenem Morgen, da man Anna Segher zurückerwartete, war es auf den Liegebalkonen unruhiger als sonst. Drei Grammophone, zwei Lautsprecher und Ercole Biffis Natursoli überschrien einander in der feuchten Morgenfrische, die reglos zwischen den taukühlen Grashängen und den hellen Felswänden hing. Die Häuser lagen wie nackt in der Sonne da; ihre ganze Häßlichkeit gab sich unverstellt preis, und dies wirkte so rührend, daß man in jäher Sentimentalität alles lieb bekam, das ganze Tal mit seinen Hütten und Palästen, die Mietkavernen voll Elend, Hoffnung und Schicksal.

Da rollt auch schon der Wagen munter vom Bahnhof die Wegschleife heran. Die Balkongitter sind im Nu besetzt, einige Taschentücher flattern, Ercole Biffi zieht hörbar die Luft in seinen lädierten Windbeutel von Lunge ein – aber der Kutscher winkt höhnisch mit dem Peitschenstiel ab und wie der Wagen ganz um den Wegrank herumgebogen ist, entdeckt man wohl die gelben Handkoffer, das karierte 35 Reiseplaid und einen unausgepackten Blumenstrauß auf der Sitzbank, aber nicht die disziplinierte Anna Segher.

Sie erscheint erst, als wir alle schon beim Mittagessen sitzen. Die Suppe ist vorbei, man hat bereits ein halbes Kapitel weitergelesen im Roman, der ewig zwischen der bekleckerten Kalziumflasche und dem verblühten Primelstock liegt – da scheppert die Glastür unter dem hastigen Griff einer Hand und herein kommt Anna Segher. Es ist ganz still im Saal, alle Köpfe wenden sich ihr zu, die Serviertöchter bleiben stehn und drehn sich um nach ihr. Dann geht der Jubel los, das Hallo und Willkommen in fünf Sprachen, und Anna Segher schreitet wie eine junge Göttin, die von der Jagd zurückkehrt, durch den Saal, zwischen den Tischen hindurch zu ihrem Platz an der Wand und winkt nach rechts und links. Groß ist sie, schlank, aber gar nicht zu mager, den Kopf trägt sie hoch und den Nacken steil wie die Frauen in der Toscana, wenn sie mit den randvollen Kupferkesseln vom Brunnen kommen, und ihre langen Beine schreiten bedächtig und 36 sicher aus. Ich frage betroffen den Nebentisch: »Ist das die Anna Segher?« Und man jubelt zurück: »Wie sie leibt und lebt!«

Nach dem Essen, wie man um sie versammelt ist, gibt sie mir ihre feuchte kalte Hand und sagt mit ihrer dunkeln Stimme: »Sie sind also der Neue! Gefällt es Ihnen hier, ja? Oh, es wird Ihnen immer besser gefallen.«

Wenn sie lacht, flackern ihre grauen Augen in dem schmalen Gesicht. Es ist, als ob ein Fremder durch sie auf mich blickte – wie durch eine lächelnde Maske . . .

Ein Gong heult auf, seine Schläge stoßen stumpf in die träge Stille, es ist vier Uhr. Von den Liegestühlen erheben sich vermummte Gestalten, recken die Arme, entschlüpfen den Hüllen; man sieht sie schemenhaft durch die Milchglasfenster. So und nicht anders muß es einmal bei der Auferstehung am jüngsten Tage zugehen. Der Gong bellt und brüllt, damit keiner ihn überhöre, wie die Trompeten des letzten Gerichts.

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