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David Copperfield - Zweiter Teil

Charles Dickens: David Copperfield - Zweiter Teil - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleDavid Copperfield - Zweiter Teil
publisherMax Hesses Verlag
volume2
editorRichard Zoozmann
translatorRichard Zoozmann
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

Ein wenig kalt Wasser.

Mein neues Leben hatte schon länger als eine Woche gedauert, und ich war entschiedener als je in den gewaltsamen, praktischen Entschlüssen, wie sie die Krisis nötig machte. Ich fuhr fort, noch immer im Sturmschritt zu gehen und von einer allgemeinen Idee beherrscht zu sein, daß ich Fortschritte im Leben machte. Auch nahm ich den Grundsatz an, in allem, was ich tat, so viel zu arbeiten, als meine Kräfte nur erlaubten. Ich kam sogar auf den Gedanken, mich ganz auf Pflanzenkost herabzusetzen, und hatte dabei die dunkle Ahnung, daß ich Dora ein Opfer brächte, indem ich ein grasfressendes Tier würde.

Vorderhand ahnte meine kleine Dora von meiner verzweifelten Entschlossenheit noch nichts, außer dem wenigen, was meine Briefe dunkel andeuteten. Aber es kam wieder ein Sonnabend, und an diesem Sonnabend abend sollte sie bei Miß Mills sein, und sobald Mr. Mills in seinen Whistklub gegangen war, was mir durch einen Käfig im Mittelfenster des Besuchszimmers telegraphiert wurde, sollte ich zum Tee hinaufkommen.

Um diese Zeit hatten wir uns in Buckinghamstreet ganz eingewohnt, und Mr. Dick fuhr fort, in einem Zustande unbedingter Glückseligkeit abzuschreiben. Meine Tante hatte einen entschiedenen Sieg über Mrs. Crupp erfochten, indem sie sie gehörig abkanzelte, den ersten Wassereimer, den diese auf die Treppe setzte, zum Fenster hinauswarf und in eigener Person eine Aufwärterin, die sie angenommen hatte, die Treppe auf und ab geleitete. Diese energischen Maßregeln setzten Mrs. Crupp so in Schrecken, daß sie sich in ihre Küche zurückzog, in der Meinung, meine Tante sei verrückt. Da meiner Tante Mrs. Crupps Meinung so gut wie die anderer Leute vollkommen gleichgültig war und sie die Täuschung unserer Wirtin eher begünstigte, so wurde die früher so kühne Mrs. Crupp in wenigen Tagen so schüchtern, daß sie es vorzog, ihre stattliche Gestalt hinter Türen zu verstecken – wobei jedoch immer ein breiter Rand des flanellenen Unterrocks vorguckte – oder sich in dunkle Ecken zu drücken, wenn meine Tante in der Nähe erschien. Dies machte meiner Tante so unaussprechlichen Spaß, daß ich glaube, sie fand ein rechtes Vergnügen darin, zuzeiten, wo sie hoffte Mrs. Crupp zu Gesicht zu bekommen, ihren Hut möglichst verrückt auf den Kopf zu stülpen und so herumzuschlendern.

Meine Tante, die außerordentlich praktisch und erfinderisch war, nahm in meiner Haushaltung so viele kleine Verbesserungen vor, daß ich mir eher reicher als ärmer vorkam. Unter anderm verwandelte sie die Speisekammer in ein Ankleidezimmer für mich, und kaufte mir eine Bettstelle, die zur Tageszeit einem Bücherschranke so ähnlich sah, wie es einer Bettstelle nur möglich war. Ich war der Gegenstand ihrer beständigen Fürsorge, und meine arme Mutter selbst hätte mich nicht zärtlicher lieben oder eifriger darauf sinnen können, mich glücklich zu machen.

Peggotty fühlte sich sehr geehrt, daß sie an diesen Arbeiten teilnehmen durfte, und obgleich ihr immer noch etwas von der alten, scheuen Furcht vor meiner Tante zurückgeblieben war, so hatte ihr diese doch so viele ermutigende Beweise von Vertrauen gegeben, daß sie ganz gute Freunde geworden waren. Aber die Zeit war jetzt gekommen – ich spreche von dem Sonnabend, wo ich zum Tee bei Miß Mills eingeladen war – wo sie nach Hause zurückkehren mußte, um dort die Pflichten der Hausfrau hinsichtlich Hams zu übernehmen.

»So leben Sie denn wohl, Barkis,« sagte meine Tante, »und sorgen Sie nun auch für sich! – Ich hätte wahrhaftig nie gedacht, daß es mir so leid tun würde, Sie gehen zu sehen.«

Ich begleitete Peggotty nach dem Landkutschenbureau und sah sie fortfahren. Sie weinte beim Abschiede und empfahl meiner Freundschaft ihren Bruder, wie es Ham getan hatte. Wir hatten von ihm nichts wieder gehört, seitdem er an jenem sonnigen Nachmittag fortgegangen war.

»Und jetzt will ich dir noch etwas sagen, mein Herzensdavy,« sagte Peggotty – »wenn du Geld brauchst, während du in der Lehre bist, oder wenn du nicht genug Zeit hast, liebes Kind, und dir jemand halten möchtest – und du mußt entweder das eine oder das andere tun, mein Engel – so hat gewiß niemand ein so gutes Recht, es dir leihen zu dürfen, als meiner lieben guten Tochter altes dummes Mädchen.«

Ich konnte nicht umhin, zu antworten, daß ich mich an sie wenden würde, wenn ich jemals Geld borgte. Und mit nichts anderm hätte ich meiner Peggotty eine größere Freude machen können, außer wenn ich auf der Stelle eine große Summe Geldes angenommen hätte.

»Und noch eins, liebes Kind,« flüsterte mir Peggotty zu, »sage dem hübschen kleinen Engel, daß ich sie gar zu gern gesehen hätte, wenn auch nur für einen einzigen Augenblick! Und sage ihr, daß ich, bevor sie mein Liebling heiratet, dein Haus so schön einrichten will, wenn ihr mir's erlaubt!«

Ich erklärte, daß niemand anders Hand daran legen sollte als sie allein, und darüber freute sich Peggotty so sehr, daß sie in der besten Laune von dannen fuhr.

Ich mühte mich den ganzen Tag über in den Commons durch Ersinnen der verschiedensten Pläne so viel wie möglich ab und begab mich zu der bestimmten Zeit abends nach der Straße, wo Mr. Mills wohnte. Mr. Mills, der nach Tische lange zu schlafen pflegte, war noch nicht fort, denn im Mittelfenster hing noch kein Vogelbauer.

Er ließ mich so lange warten, daß ich heiße Gebete zum Himmel schickte, der Klub möchte ihn wegen Zuspätkommens in die denkbar härteste Strafe nehmen. Endlich trat er aus der Tür, und dann sah ich, wie Dora selbst das Vogelbauer aufhing und einen Blick von dem Balkon warf, um nach mir zu sehen, und wieder hineinlief, als sie mich erblickte, während Jip draußen blieb und höchst beleidigend einen riesenhaften Fleischerhund auf der Straße anbellte, der ihn wie eine Pille hätte verschlucken können.

Dora kam mir an der Zimmertür entgegen; Jip kam herausgesprungen und überkugelte sich in seines Eifers Hitze, in der Meinung, ich sei ein Bandit, und wir alle drei gingen in Glück und Liebe in die Stube. Aber ich zerstörte bald den schönen Garten unserer Freuden – nicht absichtlich, aber ich war so voll von dem Gegenstande – indem ich Dora ohne die mindeste Vorbereitung fragte, ob sie einen Bettler lieben könnte.

Die hübsche, kleine, erschrockene Dora! Ihr einziger Gedanke bei dem Worte war ein verhungertes Gesicht und eine Zipfelmütze, oder ein Paar Krücken, oder ein hölzernes Bein, oder ein Hund mit einer blechernen Schale im Maule, um Almosen zu sammeln, oder etwas derartiges, und sie starrte mich mit einem ganz allerliebsten verwunderten Gesicht an.

»Wie kannst du nur so närrisch fragen?« schmollte Dora. »Ich sollte einen Bettler lieben!«

»Aber meine teuerste Dora!« sagte ich. »Ich bin ein Bettler!«

»Aber wie kannst du so albern sein,« erwiderte Dora und schlug mich auf die Hand, »und hier sitzen und mir solche Geschichten erzählen! Warte, Jip soll dich beißen!«

Ihr kindisches Wesen war mir das köstlichste Ding in der Welt, aber ich mußte mich ihr deutlicher machen und wiederholte feierlich: »Dora, mein Leben, ich bin dein zugrundegerichteter David!«

»Warte nur, Jip soll dich beißen,« sagte Dora und schüttelte ihre Locken, »wenn du so alberne Geschichten erzählst.«

Aber ich machte ein so ernstes Gesicht, daß Dora aufhörte, ihre Locken zu schütteln, ihre zitternde kleine Hand auf meine Schulter legte und zuerst erschrocken und besorgt aussah und dann anfing zu weinen. Das war mir schrecklich. Ich fiel vor dem Sofa auf die Knie nieder, liebkoste sie und bat sie, mir nicht das Herz zu zerreißen. Aber für eine Zeit lang konnte die arme kleine Dora nur ausrufen: »O Gott! o Gott!« und: »Ach, wie erschrocken bin ich!« und: »Wo ist Julia Mills?« und: »Ach, führe mich zu Julien!« und: »Geh, ich bitte dich!« bis ich fast von Sinnen war.

Endlich nach qualvollem Bemühen gelang es mir, Dora zu bewegen, mich mit ganz entsetztem Gesicht anzusehen. Aber der Ausdruck des Entsetzens milderte sich allmählich, bis sie mich nur noch liebend ansah und ihre weiche Wange an meiner ruhte. Dann sagte ich ihr, während ich sie mit meinen Armen umschlungen hielt, wie sehr und innig ich sie liebte; wie ich es für meine Schuldigkeit hielt, sie von ihrem Versprechen zu entbinden, weil ich jetzt arm sei; wie ich es kaum ertragen würde, wenn ich sie verlöre; wie ich mich nicht vor der Armut fürchtete, wenn sie es nicht täte, denn mein Arm und mein Herz würden durch den Gedanken an sie gestählt; wie ich schon jetzt mit einem Mut arbeitete, den nur Liebende kennen; wie ich praktisch geworden sei und für die Zukunft sorge; wie ein wohlverdienter Bissen Brot süßer sei als ein geerbtes Festgelag, und noch vieles Ähnliche, was ich mit einer leidenschaftlichen Beredsamkeit von mir gab, die mich ganz überraschte, obgleich ich Tag und Nacht, seitdem mich meine Tante in Erstaunen gesetzt, weiter nichts gedacht hatte.

»Ist dein Herz immer noch mein, geliebte Dora?« fragte ich begeistert, denn ihr zärtliches Anschmiegen verriet es mir.

»O ja!« rief Dora. »O ja, es ist ganz dein. Aber sei nur nicht so schrecklich!«

»Ich schrecklich? Meiner Dora schrecklich?!«

»Sprich nur nicht von Armsein und anstrengenden Arbeiten«, sagte Dora und schmiegte sich noch dichter an mich. »O, ich bitte dich! Nein, nein!«

»Teuerstes Herz,« sagte ich, »der wohlverdiente Bissen Brot –«

»O ja, aber ich mag nichts mehr vom Bissen Brot hören,« sagte Dora, »und Jip muß jeden Mittag um zwölf Uhr ein Hammelkotelett haben, oder er stirbt.«

Mich entzückte ihre kindische, tändelnde Art. Ich setzte Dora liebkosend auseinander, daß Jip sein Hammelkotelett mit der gehörigen Regelmäßigkeit bekommen sollte. Ich entwarf ein Gemälde unserer bescheidenen Häuslichkeit, ich unabhängig durch meine Arbeit – ich benutzte zu dieser Schilderung das kleine Haus, das ich in Highgate gesehen – und meine Tante in ihrem Zimmer oben.

»Jetzt bin ich nicht mehr schrecklich, nicht wahr, Dora?« fragte ich zärtlich.

»O nein, nein!« weinte Dora. »Aber ich hoffe, deine Tante wird immer hübsch oben in ihrem Zimmer bleiben! Und ich hoffe nur, sie ist keine keifende alte Jungfer?«

Wenn es mir möglich gewesen wäre, Dora mehr als je zu lieben, so wäre es jetzt der Fall gewesen. Aber ich fühlte doch, daß sie etwas zuwenig praktisch und schwer zu überzeugen war. Es kühlte meine kaum geborene Begeisterung etwas ab, daß ich Dora selbst nicht ebenso leicht begeistern konnte. Ich versuchte es noch einmal. Als sie wieder ganz zur Fassung gekommen war und die Ohren des auf ihrem Schoße liegenden Jip um ihre Finger drehte, wurde ich ernst und sagte:

»Liebe Dora! darf ich noch etwas sagen?«

»O ja, aber bitte nichts praktisches!« sagte Dora liebkosend, »denn es jagt mir solche Furcht ein!«

»Liebes Herz!« erwiderte ich, »du brauchst über nichts zu erschrecken. Ich wünschte, du dächtest ganz anders darüber. Es soll dich ermutigen und begeistern, Dora!«

»Aber es ist so schrecklich!« rief Dora.

»Mitnichten, liebe Dora. Ausdauer und Charakterstärke befähigen uns, noch viel Schlimmeres zu tragen.«

»Aber ich habe gar keine Stärke«, sagte Dora und schüttelte ihre Locken. »Nicht wahr, Jip? O bitte, gib Jip einen Kuß und sei ein guter Mensch.«

Ich konnte mich nicht enthalten, Jip zu küssen, als sie ihn mir entgegenhielt und dabei ihren eigenen hübschen rosigen Mund spitzte, als sie die Zeremonie leitete, und ich küßte ihn, wie sie es wünschte, auf die Mitte der Nase.

Später holte ich mir den Lohn für meinen Gehorsam, und ihre tändelnden Liebkosungen ließen mich meinen Ernst für lange Zeit vergessen.

»Aber, geliebte Dora!« sagte ich endlich wieder, ernsthafter werdend, »ich wollte dir ja etwas sagen.«

Selbst der Richter des Prärogativgerichts hätte sich in sie verlieben müssen, wie sie ihre Händchen faltete und sie emporhielt und mich bat, ja nicht wieder schrecklich zu sein.

»Ich werde es gewiß nicht sein, mein Liebling!« beruhigte ich sie. »Aber, liebe Dora, wenn du manchmal bedenken wolltest – nicht mit Widerwillen, durchaus nicht – aber wenn du manchmal bedenken wolltest – nur um dir Mut einzuflößen – daß du mit einem armen Menschen verlobt bist –«

»O, nicht doch, nicht doch, ich bitte dich!« sagte Dora, »es ist ja so schrecklich!«

»Durchaus nicht, liebes Herz«, sagte ich ermunternd. »Wenn du das manchmal bedenken und dich zuweilen in deines Vaters Haushaltung umsehen wolltest und dich ein wenig gewöhntest – vielleicht Rechnung zu führen –«

Das liebe Mädchen nahm diesen Ratschlag mit einem Laut auf, der halb ein Seufzer, halb ein Schrei war.

»– so würde das später sehr nützlich sein«, fuhr ich fort. »Und wenn du mir versprechen wolltest, manchmal ein kleines Kochbuch zu lesen, das ich dir schicken will, so wäre es recht gut; denn unser Lebenspfad, Dora,« sagte ich und wurde wärmer, »ist rauh und steinig, und wir selbst müssen ihn ebnen. Wir müssen uns durchkämpfen. Wir müssen standhaft sein. Es sind Hindernisse zu überwinden, aber wir müssen ihnen entgegentreten und sie besiegen!«

Ich sprach in größter Begeisterung, mit geballter Faust und höchst enthusiastischem Gesicht; aber es war ganz unnütz fortzufahren. Ich hatte genug gesagt. Ich hatte es wieder verdorben!

O, sie war so außer sich! O, wo war Julia Mills! »O, bringe mich zu Julia Mills und geh fort, ich bitte!« Kurz, ich kam ganz von Sinnen und raste im Salon wild umher.

Ich glaubte damals wirklich, ich hätte sie getötet. Ich spritzte ihr Wasser ins Gesicht. Ich fiel vor ihr auf die Knie nieder. Ich zerraufte mein Haar. Ich nannte mich einen hartherzigen Barbaren und ein wildes Tier. Ich bat sie um Verzeihung. Ich bat sie, mich nur anzusehen. Ich wühlte in Miß Mills Arbeitskästchen nach einem Riechfläschchen herum und nahm in meiner Verzweiflung anstatt dessen eine elfenbeinerne Nadelbüchse, hielt sie ihr an das Näschen und schüttete alle Nadeln über Dora aus. Ich drohte Jip, der ebenso tobte wie ich, mit der Faust. Ich ließ nichts Tolles ungetan und war ganz und gar von Sinnen, als Miß Mills hereintrat.

»Wer hat das getan!« rief Miß Mills aus, ihrer Freundin zu Hilfe eilend.

Ich erwiderte: »Ich, Miß Mills! Ich habe es getan! Sehen Sie den Barbaren!« – oder etwas Ähnliches – und verbarg mein Gesicht in dem Sofakissen vor dem Lichte.

Anfangs glaubte Miß Mills, wir hätten uns gezankt und näherten uns wieder der Wüste Sahara; aber sie erfuhr bald die Wahrheit, denn meine liebe kleine Dora fiel ihr um den Hals und rief weinend aus, ich sei ein armer Arbeiter; und rief dann mich herbei und fiel mir um den Hals und fragte mich, ob sie mir all ihr Geld zum Aufheben geben sollte, und dann sank sie wieder an Miß Mills Brust und schluchzte, als ob ihr liebendes Herz gebrochen wäre.

Miß Mills war ein wahrhafter Segen für uns. Mit wenigen Worten erfuhr sie von mir, um was es sich handle, dann tröstete sie Dora und brachte sie allmählich zu der Überzeugung, daß ich kein Arbeiter sei – aus meiner Erzählung schien Dora geschlossen zu haben, daß ich eine Art Schiffsarbeiter sei und den ganzen Tag über auf einer Planke mit einem Schubkarren auf und ab fahre, um Kähne zu entladen oder dergleichen – und so stiftete sie zwischen uns Frieden.

Als wir wieder ganz ruhig waren und Dora gegangen war, um ihre Augen mit Rosenwasser zu kühlen, klingelte Miß Mills nach dem Tee. In der Zwischenzeit sagte ich Miß Mills, daß sie ewig meine Freundin sein würde und daß mein Herz aufhören müßte zu schlagen, bevor ich ihre Teilnahme vergessen könnte.

Dann setzte ich Miß Mills auseinander, was ich mich mit so schlechtem Erfolge bemüht hatte, Dora auseinanderzusetzen. Miß Mills erwiderte, daß die Zufriedenheit in der Hütte besser sei, als die kalte Pracht des Palastes, und daß, wo Liebe sei, nichts andres vermißt werde.

Ich gab Miß Mills vollkommen recht und sagte ihr, daß das niemand besser wissen könnte als ich, der Dora liebte, wie noch kein Sterblicher geliebt hätte. Aber da Miß Mills darauf melancholisch erwiderte, es würde gut um manche Herzen stehen, wenn dem so wäre, erlaubte ich mir diese Bemerkung auf die Sterblichen männlichen Geschlechts zu beschränken.

Ich fragte dann Miß Mills, ob meine Vorschläge wegen des Rechnens, der Wirtschaft und des Kochbuchs praktisch seien oder nicht.

Nach einiger Überlegung gab Miß Mills folgende Antwort:

»Mr. Copperfield, ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein. Seelenleiden und Prüfungen ersetzen bei manchen Charakteren die Zahl der Jahre, und ich will so aufrichtig gegen Sie sein, als wäre ich eine Äbtissin. Nein. Der Rat paßt nicht für Dora. Unsere liebe Dora ist ein Schoßkind der Verhältnisse. Sie ist ein Wesen des Lichts, des Äthers, der Freude. Ich gestehe recht gern, daß es recht gut wäre, wenn es geschehen könnte, aber –« und Miß Mills schüttelte den Kopf. –

Durch dies letzte Zugeständnis Miß Mills wurde ich ermutigt zu fragen, ob sie, um Doras willen, bei Gelegenheit ihre Aufmerksamkeit für solche Vorbereitungen auf ein ernstes Leben zu gewinnen versuchen wolle. Miß Mills bejahte so bereitwillig, daß ich sie weiter fragte, ob sie das Kochbuch in ihre Obhut nehmen wolle, und daß, wenn sie es fertig brächte, Dora zu dessen Annahme zu überreden, ohne sie zu erschrecken, sie damit die mir erwiesenen Dienste krönen würde. Miß Mills übernahm auch diesen Auftrag, aber nicht mit allzu großer Hoffnung auf Erfolg.

Und Dora kam zurück, ein so liebliches kleines Geschöpf, daß ich wirklich zweifelte, ob man eine solche Elfe mit so gewöhnlichen Dingen behelligen dürfe. Und sie liebte mich so sehr und war so bezaubernd – besonders wenn sie Jip auf den Hinterbeinen stehen und um Toast bitten ließ und sie sich den Anschein gab, als ob sie zur Strafe seine Nase an die heiße Teekanne hielte, weil er nicht wollte – daß ich mir selbst wie eine Art Ungeheuer vorkam, das in einen Feenpalast geraten war, wenn ich daran dachte, daß ich sie erschreckt und zu Tränen gebracht hatte.

Nach dem Tee kam die Gitarre an die Reihe, und Dora sang jene lieben, alten, französischen Lieder von der Unmöglichkeit, jemals unter irgendwelcher Bedingung das Tanzen zu lassen, »Larala, Larala«, bis ich mir als ein noch größeres Ungeheuer vorkam als vorher.

Nur ein Schatten fiel auf unser Glück, und zwar kurz vor meinem Fortgehen, als ich unvorsichtigerweise zufällig erwähnte, daß ich wegen meiner Arbeiten jetzt um fünf Uhr aufstünde. Ob Dora vielleicht glaubte, ich sei ein Privatnachtwächter oder dergl., weiß ich nicht; aber es machte großen Eindruck auf sie, und sie spielte und sang von da an nicht mehr.

Der Gedanke daran beschäftigte sie immer noch, als ich Abschied von ihr nahm; sie sagte zu mir in ihrer allerliebsten tändelnden Weise – als ob ich eine Puppe wäre, dachte ich damals immer:

»Also steh nicht um fünf Uhr auf, du böser Mensch. Das ist ja Unsinn!«

»Meine Liebe,« sagte ich, »ich muß ja arbeiten.«

»Nun, so arbeite nicht!« entgegnete Dora. »Warum auch?«

Dem hübschen verwunderten Gesichtchen konnte man nur scherzend sagen, daß wir arbeiten müßten, um zu leben.

»O wie lächerlich!« rief Dora.

»Wie aber sollen wir leben ohne Arbeit, Dora!« sagte ich.

»Wie? Irgendwie!« sagte Dora.

Sie schien zu glauben, daß sie damit die Sache ganz abgetan hätte, und gab mir einen so allerliebsten und herzlichen siegesgewissen Kuß, daß ich es um eine Million nicht fertig bekommen hätte, ihr die Freude über diese Antwort zu trüben.

Ja! ich liebte sie, liebte sie unentwegt, ausschließlich, ganz in ihr aufgehend. Zugleich aber fuhr ich fort angestrengt zu arbeiten und alle Eisen, die ich im Feuer hatte, glühend zu erhalten; und so saß ich manchmal abends meiner Tante gegenüber und dachte daran, wie ich Dora damals erschreckt hatte und wie ich mir wohl meinen Weg durch den Wald der Schwierigkeiten mit einem Gitarrenkasten bahnen könnte – und so sann ich und sann, bis ich mein Haar ganz grau werden zu sehen glaubte vor lauter Grübeln.

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